Artagnan.de - Fanfiction zu Dumas' drei Musketieren

Was im Winter geschah


34. Broceliande Teil I

von AlienorDartagnan


OT: für diese Fanfic habe ich Athos Herkunft etwas verändert, er kommt hier aus der Bretagne. Hoffe, ihr seht mir das nach, es ist für den weiteren Verlauf der Geschichte notwendig, da auch noch Athos Verwandtschaft eine Rolle spielen wird.

 

“Wie sollen wir Athos hier jemals finden?”, murrte Porthos, “dieser Wald ist sehr groß und wir werden Tage brauchen um alles zu durchkämmen. Außerdem wissen wir überhaupt nicht, ob er noch hier ist oder überhaupt hier war. Er könnte schon längst wieder auf dem Weg nach Paris sein.”
“Er wollte doch schon vor zwei Wochen zurücksein. Ich bin sicher, dass ihm etwas zugestoßen ist, denn er würde nicht einfach länger wegbleiben, ohne uns eine Nachricht zu schicken. Womöglich liegt er schwerverletzt hier im Wald und braucht unsere Hilfe”
Den schrecklichen Gedanken, dass sie womöglich Athos Leiche im Wald finden würden wollte der Gascogner gar nicht erst zulassen.
Vor vier Wochen, Ende November, hatte Athos Paris verlassen, um, wie er seinen Freunden sagte, in der Einsamkeit der Wälder Broceliandes zur Ruhe zu kommen.
Als Kind hatte er eine schöne Zeit in diesem sagenumwobenen Forst verbracht, war oft mit seiner Mutter und seinem Bruder zum Picknick, oder mit seinem Vater zur  Jagd dort gewesen. Die Freunde hatten ihm angeboten, ihn zu begleiten, doch er hatte ihnen gesagt, dass er für Weile alleine sein wollte, um mit sich selbst wieder ins Reine zu kommen und seinen Frieden zu machen.
“Hoffentlich hat er sich nichts angetan”; machte Aramis sich Sorgen, “Seit Myladys Hinrichtung ist er noch stiller und verschlossener als früher. Hoffentlich kommen wir noch rechtzeitig zu ihm.”
“Er würde sich niemals selbst entleiben, da bin ich mir sicher” wandte der Gascogner ein, “schon damals, als er nach dem vermeintlichen Tod Myladys La Fére verließ, zog er es nicht in Erwägung, sich selbst zu töten.”

Als Athos drei Wochen nach seinem Aufbruch immer noch nicht zurückgekehrt war, brachen die drei Musketiere in Richtung Bretagne auf, und nun, am 23. Dezember 1628 ritten sie, in dicke Mäntel und Umhänge gehüllt, in den düsteren Forst von Broceliande hinein, um den viele schaurige Legenden kursierten. Durch die dicht an dicht wachsenden schneebedeckten Tannen drang kein Lichtstrahl, irgendwo im Gehölz raschelte es leise. Der in den Wald hineinführende Pfad war so schmal, dass die Reiter sich häufig ducken mussten, damit die Tannenzweige ihnen nicht andauernd ins Gesicht peitschten.
Nach einer Weile wurde der Pfad zwar breiter, doch der Wald wirkte weiterhin düster, ja, beinahe ein wenig schaurig.
Dann, als sie etwa eine halbe Stunde geritten waren, sah der Gascogner etwas im Schnee aufblitzen. Als er vom Pferd gestiegen war, um es sich näher anzuschauen, erkannte er zu seinem Entsetzen, dass es Athos  goldener Wappenring war, den er zwar niemals am Finger, aber immer in einem Beutelchen am Gürtel mit sich herumtrug.
“Athos Ring, den hat sein Vater ihm einst vermacht, den würde er niemals einfach so wegwerfen. Ihm muss etwas Schlimmes passiert sein.”
Hatte Myladys Tod unter dem Beil des Henkers Athos Schuldgefühle womöglich so sehr verstärkt, dass er keinen Ausweg mehr für sich gesehen hatte?
Die drei Musketiere machten sich große Sorgen um ihren Freund.

Nur ein paar Meter weiter wartete die nächste besorgniserregende Entdeckung. Neben einer Tanne lag ein totes Pferd, das am Baum angebunden worden war, und, wie die vielen Hufspuren im Schnee zeigten, verzweifelt versucht hatte, sich zu befreien. Wie lange das Tier schon dort lag, konnten sie nicht sagen, da es bei dieser Eiseskälte nicht zu einer Verwesung kommen konnte. Der schwarze Hengst hatte einen herzförmigen weißen Fleck an der Flanke, es war Athos Hengst Blanche. Jenen namen hatte der adelige Musketier dem Hengst wegen des weißen Flecks gegeben, obwohl es eigentlich ein weiblicher Name war.
“Athos hätte niemals Blanche hier angebunden, und sie dann qualvoll verenden lassen. Ihm muss etwas Schlimmes zugestoßen sein”; meinte der Gascogner verzweifelt, das Ganze ist wirklich sehr mysteriös. Wäre Athos im Wald überfallen worden, hättn der odr di Räuber dann nicht seinen Hengst und den kostbaren Ring mitgenommen?”
Genau dort, wo das tote Pferd lag, begann ein sehr schmaler Pfad, der tiefer in den Wald zu führen schien, seinen Anfang. Die Musketiere entschlosen sich, diesem zu folgen, in der Hoffnung, auf weitere Spuren von Athos zu stoßen.
Sie mussten hintereinander reiten, so schmal war der Pfad. Nach wenigen Metern fanden sie einen mit Schnee bedeckten Federhut und erkannten ihn sofort als den von Athos. Ein paar Meter weiter lagen seine schwarzen Lederhandschuhe und noch weiter vorne steckte sein Degen im Boden, dann fanden sie auch noch seinen Umhang, der an einem schneebedeckten Ast hing.
“Merkwürdig, das ist ja fast schon so, als hätte jemand absichtlich diese Spuren gelegt, um uns hierher zu locken. Hätten wir Blanche nicht dort liegen sehen, hätten wir diesen schmalen Pfad einfach im Vorbeireiten übersehen”, gab Aramis zu bedenken.
“Ja, das wirkt fast so, als wollte jemand uns irgendwohin locken”, stimmte d´Artagnan nachdenklich zu, “ich hoffe wirklich, dass Athos nichts Schlimmes zugestoßen ist.”
Kurz darauf endete der Pfad auf einer kleinen, von schneebedeckten Tannen umgebenen LIchtung, auf der sie eine mit steinen umrundete Feuerstelle, von der noch verkohlte Holzreste zeugten, entdeckten. Wie alt dieses Lagerfeuer war, vermochten sie nicht zu sagen, da es in den letzten Tagen nicht geschneit hatte. Daneben lag ein mit Blutflecken beschmiertes, schmales, in Leder gebundenes kleines Buch.
Als Aramis es aufschlug und die erste Seite neugierig betrachtete, hielt er erschrocken inne.
“Das ist eindeutig Athos Handschrift, sieht aus wie eine Art Tagebuch:”
“Aramis und Tagebuch führen? Das wäre allerdings sehr seltsam”, meinte Porthos stirnrunzelnd, “Athos hat nie Tagebuch geführt. Aber es ist seine Schrift, ganz eindeutig.”
Normalerweise schloss Athos seine Gedanken tief in seinem Innersten ein, so ein TAgebuch sah ihm gar nicht ähnlich.
Die Freunde hofften, aus Athos Aufzeichnungen Hinweise über seinen Verbleib zu finden, und so las Aramis den anderen die Eintragungen vor.

 

13. Dezember 1628

Die Ruhe hier im Wald tut mir gut. Außer dem Rauschen des Windes und dem Rascheln der Tannenzweige ist nichts zu hören. Und dennoch, so beruhigend dieser Wald auf mich auch wirkt, so kann ich auch hier nicht das was geschah hinter mir lassen, es verfolgt mich beinahe in jedem Moment und ich frage mich immer wieder, wie groß meine Schuld an ihrem Tod ist. Hatten wir überhaupt das Recht, sie wegen ihrer grausamen Taten dem Henker zu überantworten? Hätte sie nicht eigentlich vor ein Gericht gehört? Warum haben wir nur das Gesetz in die eigenen Händ genommen? Mein Gewissen quält mich, wo ich auch bin, nagt es ständig an mir, der Wald schenkt mir nich die Ruhe, nach der ich gesucht habe. Hier in der Nähe ist eine Höhle, ich werde ein warmes Feuer machen und dort übernachten, in ein Gasthaus möchte ich nicht, da ich keine Lust habe, Menschen zu begegnen, ich suche bewusst die Einsamkeit um zu versuchen, mit mir ins Reine zu kommen. Ob es mir wohl gelingen wird?

 

14.  bis 15. Dezember 1628

Ich habe in der Höhle übernachtet und bin den ganzen Tag dort geblieben, habe mir einen Hasen erlegt, aber kaum etwas gegegessen, weil mir so elend zumute ist, mein Gewissen mir einfach keine Ruhe ließ.
Gestern Nacht ist dann etwas sehr Merkwürdiges geschehen, das mir keine Ruhe mehr lässt. Nach Einbruch der Dunkelheitl hörte ich draußen ein Geräusch, ein Ast knackte irgendwo, und dann stand auf einmal ein grüngekleideter, bleichgesichtiger Mann vor mir, der Kleidung nach zu urteilen eindeutig ein Jäger. Seine Kleidung war für dieses kalte Wetter viel zu dünn, und so bot ich ihm einen Platz am wärmenden Feuer an, obwohl er mir ein wenig unheimlich war. Ein Jäger in sommerlicher Kleidung? Mitten im Wald nach Einbruch der Dunkelheit? Er trug einen erlegten Hasen über der Schulter und blickte mich neugierig an:
“Monsieur, was tut Ihr mitten im Winter hier im tiefen Wald? Habt Ihr Euch verirrt?”
“Das Gleiche könnte ich Euch fragen”; entgegnete ich mit fester Stimme, “Ich bin ein Einsiedler, der im Moment die Einsamkeit sucht, mehr müsst ihr nicht wissen.”.
“Schon gut, ich wollte Euch nicht ausfragen. Ich gehe häufiger hier im Wald auf die Jagd und wurde vom Einbruch der Dunkelheit überrascht. Leider war meine Ausbeute heute recht mager, ich habe nur einen Hasen erlegt. Bei dieser Kälte suchen die Tiere sich vermutlich einen warmen Unterschlupf. Sagt, kann ich hier übernachten? Heute schaffe ich es nicht mehr bis nach Hause.”
“Wo wohnt ihr denn?”, wollte ich von ihm wissen.
“In einer Hütte am Waldrand, ungefähr eine Stunde Fußweg von hier.”
“Natürlich steht es Euch frei zu bleiben.”
“Gut, ich danke Euch, und zum Dank überlasse ich Euch den Hasen, Ihr könnt Ihn ja jetzt braten. Ich bin nicht hungrig, ich habe erst vor einer Stunde meine Wegzehrung gegesssen, die ich immer zur Jagd mitnehme.”
“Ich bin nicht besonders hungrig”; meinte ich”, bedeckt den Hasen einfach mit Schnee, dann könnt IHr ihn morgen noch essen.”
Dem Fremden gefiel mein Nein gar nicht.
“Ach kommt, ich muss Euch doch für den Platz in Eurer Höhle danken. Ich würde mich sehr freuen, wenn Ihr den Hasen essen würdet. Sozusagen als Buße.”
Ich glaubte mich verhört zu haben und blickte ihn irritiert an.
“Buße? Wie meint Ihr das?”
Der totenblasse Grüngekleidete lächelte milde.
“Ihr müsst Euch verhört haben, ich sagte nicht Buße, sondern Genusse.”
“Nein, ich habe keinen Hunger”; entgegnete ich misstrauisch und beschloss, in dieser Nacht kein Auge zuzutun, da ich das GEfühl nicht loswurde, das mit diesem geheimnisvollen Fremden etwas ganz und gar nicht stimmte. Warum wollte er unbedingt, dass ich von dem Hasen aß? War dieser vergiftet? Und ich war mir sicher, das Wort Buße deutlich gehört zu haben.
Ich lag fast die ganze Nacht wach, weil ich dem Mann nich traute, doch gegen MOrgen schlief ich ein, und als ich aufwachte, war er fort. In der Nähe des Lagerfeuers entdeckte ich einen verwesten, mit Maden durchsetzten Hasenkadaver, der eindeutig mindestens  vor einer Woche oder eher länger erlegt worden sein musste. Wäre der Hase erst in dieser Winternacht, oder überhaupt während der Eiseskälte der letzten Tage erlegt worden, wäre er nicth so verwest gewesen.
Ich war sehr erleichtert, dass der unheimliche Grüngekleidete fort war.
Ich warf den Kadaver aus der Höhle und ging gegen Mittag auf die Jagd, erlegte ein Eichhörnchen, das ich mir nach Einbruch der Dunkelheit briet. Ich wollte noch ein paar Tage in der Höhle bleiben, obwohl die letzte Nacht doch sehr unheimlich gewesen war.
Dann stand er plötzlich wieder vor mir, der immer noch totenblasse Grüngekleidete, und blickte mich an, seine Augen wirkten dermaßen kalt, dass mir eisige Schauder über den Rücken liefen.
“Ich dachte mir, wir verbringen erneut die Nacht zusammen, da draußen ist es doch recht einsam”; meinte der FRemde.
Mein Herz überschlug sich fast vor Schreck, und ich musste an die schaurigen Legenden denken, die besagten, dass es in diesem Wald viele Geister, Dämonen und andere schaurige Wesen der Dunkelheit gab. Wieso wurde ich das Gefühl nicht los, es hier nicht mit einem Mensch zu tun zu haben?
“Wie ist eigentlich Euer Name?”, wollte ich von ihm wissen und bemühte mich darum, mir meine Angst nicht anmerken zu lassen. Wie konnte ich ihn nur loswerden?
“Ich bin Gaston Esprit” erwiderte er mit ruhiger Stimme, “aber Ihr könnt mich Gaston nennen.”
Esprit dachte ich mir, das Wort für Geist…..war er womöglich tatsächlich ein Geist? Er trug noch immer das grüne Wams mit grüner Jacke und Jägerhut, das eindeutig für den Sommer und nicht für den Winter gemacht worden war. Und wie bleich er war…..wurden Menschen, wenn sie froren nicht eher rot im Gesicht?
“Was wollt Ihr von mir?”, fragte ich und bemühte mich, meine Stimme ruhig und gelassen klingen zu lassen.
“Sie wird Euch niemals verzeihen was Ihr ihr angetan habt”, erwiderte er und blickte mich hasserfüllt an, “Ihr habt sie ermordet, und das sogar zweimal, damals in La Fére, und dann später noch einmal, mit Euren Freunden und dem Henker!”
Mir wurde plötzlich eiskalt, und das nicht von der Kälte. Das konnte nur ein Geist sein, denn ein normaler Mensch, dem er irgendwo in der Einsamkeit Broceliandes begegnete, konnte das gar nicht wissen.
Die Legenden stimmten also, hier im Wald spukten böse Geister herum.
“Wer, oder besser gesagt was seid Ihr?”
“Ich war dort, auf der anderen Seite, wo wir Toten sind”; erwiderte der Grüngekleidete, “und da traf ich sie, Mylady de La Fére, und sie sagte mir, ich soll zu Euch kommen, und Euch so lange quälen, bis Ihr Euer armseliges Leben beendet habt. Ihr sollt leiden für das, was Ihr dieser armen, unschuldigen Dame angetan habt.”
Ich war so entsetzt und verstört, dass ich kein Wort herausbekam. War er wirklich ein Geist? War so etwas möglich?
“Ihr seid ab jetzt in diesem Wald gefangen, dafür habe ich gesorgt. So sehr Ihr auch versucht, aus Broceliande herauszufinden, es wird keinen Weg geben, und wenn Ihr tagelang herumirrt. So lange, bis Ihr euch selbst entleibt oder verhungert seid. Und glaubt mir, da wo Ihr dann hinkommt, ist es sehr dunkel und kalt, und sie wartet dort schon auf Euch.”
Ehe ich etwas erwidern konnte, löste er sich vor meinen Augen in einer Art dichtem Nebel auf, und fassungslos verharrte ich in der Höhle.
Nachdem ich eine Weile dort gehockt und in die Flammen gestarrt hatte, fragte ich mich, ob ich diese schaurige Gestalt wirklich gesehen hatte, oder ob ich mir das nur eingebildet hatte. Ich hatte seit zwei Tagen kaum etwas gegessen, und war es da nicht möglich, dass ich eine Halluszination hatte, weil ich so wenig gegessen hatte?
Nun, echt oder unecht….ich beschloss daraufhin den Wald schleunigst zu verlassen, wollte gar nicht herausfinden, ob Gaston Esprit, und die gemeinen Dinge, die er zu mir sagte, echt gewesen waren.
Doch als ich aus der Höhle kam, stellte ich erschrocken fest, dass mein Hengst Blanche fort war, für den ich neben der Höhle einen Unterstand aus Zweigen gebaut hatte. Was ging hier nur vor? Ich wollte nur noch raus aus diesem schaurigen Wald.
Dann fiel mir eine der Legenden über Broceliande ein, die meine Amme Hodina mir früher immer erzählt hatte: Die Legende von dem grüngekleideten Jäger, der im 12. Jahrhundert in dem Wald auf der Jagd von einem Eber getötet worden war, und seitdem irrte sein Geist ruhelos durch den Wald und suchte alle Menschen, die durch den Wald kamen, und jemals Böses getan hatten, heim, hatte laut Legende schon viele Menschen in den Tod getrieben, keiner, der ihm begegnete kam jemals wieder aus dem Wald hinaus.
Verdammt, wieso war mir diese Legende nicht schon am Abend vorher eingefallen, dann hätte ich bestimmt gleich am Morgen Broceliande verlassen. Konnte ich jetzt überhaupt noch aus dem Wald hinaus, oder war diese schaurige Legende meiner Amme Wirklichkeit?
Ich würde es wohl herausfinden, wenn ich jetzt den Wald zu verlassen versuchte.

 

Fortsetzung folgt.


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