Artagnan.de - Fanfiction zu Dumas' drei Musketieren

Wem die Stunde schlägt


28. Das Wort der Seherin


Kapitel 28

 

Das Wort der Seherin

 

„Wenn Jacques wirklich ein englischer Spion ist…dann ist Francis ihm vielleicht auf die Schliche gekommen. Und musste deshalb sterben.“ D’Artagnan schwankte zwischen Begeisterung, endlich eine Spur gefunden zu haben, die nicht mit irgendwelchen Weibergeschichten zusammenhing und zwischen Entsetzen, das sich hier, im Herzen von Frankreich tatsächlich Spione eingenistet hatten. Wer konnte schon wissen, was diese schon alles an Informationen zusammengetragen und weitergeleitet hatten?

Athos hatte das Kinn nachdenklich in die Hand gestützt. „Möglich…und Francis hat es vielleicht Robert erzählt, weshalb Jacques auch diesen auslöschen musste.“

Da hatte d’Artagnan einen jähen Geistesblitz. „Vielleicht war es das, was Francis Aramis erzählen wollte! Aus irgendeinem Grund wollte Francis doch mit Aramis und zwar alleine. Deshalb sind sie aus der Gaststube verschwunden und sind in den Hinterhof gegangen, weil Francis ihm unter vier Augen mitteilen wollte, dass er Spione entlarvt hat! Jacques muss begriffen haben, dass Francis ihm auf der Spur war, ist ihm gefolgt, hat ihn erstochen und den Mord Aramis in die Schuhe geschoben. So hatte er auch gleich noch einen Sündenbock.“

Sein Freund machte eher einen skeptischen Eindruck. „Meinst du nicht, Aramis hätte uns von diesen Spionen erzählt?“

„Aramis hat sich doch an nichts mehr erinnert. Erst wegen dem Schlag auf dem Kopf und dann wegen seinem hohen Fieber. Aber dass er ihm etwas Wichtiges sagen wollte, daran erinnert er sich noch. Spione sind ja wohl etwas ziemlich Wichtiges!“

„Da hast du zweifellos Recht.“ Dennoch schien Athos noch immer nicht recht von der Theorie überzeugt zu sein. Er tippte sich nachdenklich mit dem Finger gegen das Kinn. „Aber wie hat Francis es herausgefunden? Wo ist die Verbindung zwischen ihm und Jacques?“

„Vielleicht hat Francis bei Jacques gebeichtet?“, schlug d’Artagnan vor.

„d’Artagnan, ich weiss ja nicht, wie du beichtest, aber im Normalfall ist es so, dass der Sünder dem Priester von seinen Missetaten berichtet und nicht umgekehrt“, entgegnete Athos schnippisch.

So schnell liess d’Artagnan sich nicht von seiner Fährte abbringen. Er grübelte weiter. Gut, Francis und Jacques hatten vielleicht keine sichtbare Verbindung zueinander. Aber wer konnte schon wissen, was der feine Priester so trieb? Vielleicht war er ebenso Stammgast in der Fröhlichen Gans wie Francis und Robert. Vielleicht waren sie miteinander ins Gespräch gekommen, hatten sich angefreundet und irgendwie war Francis dann misstrauisch geworden und hatte nachgeforscht. Er war ein Musketier gewesen und ein guter noch dazu, seine Instinkte könnten ausgeschlagen haben, er könnte angefangen haben, nachzuforschen…

Er machte den Mund auf um Athos erneut begeistert von seiner Theorie zu erzählen, liess es dann aber sein. Selbst nach seinen eigenen Massstäben waren das zu viele „vielleicht“ und „wenn“. Dann kam ihm ein anderer Gedanke. „Wir denken vollkommen falsch. Er ist nicht Jacques auf die Schliche gekommen, sondern Fleur!“

„Wie, du denkst…Fleur ist auch eine Spionin?“

„Natürlich!“ d’Artagnan war zu aufgeregt um länger still sitzen zu können, er sprang auf und begann hektisch auf und ab zu gehen. „Es sind mehrere Spione oder? Das geht aus den Briefen hervor. Der Kuckuck ist ins Nest geflogen… damit muss Fleur gemeint sein! Als Zofe getarnt konnte sie sich in aller Seelenruhe Informationen aus dem Palast beschaffen und hat diese in verschlüsselten Briefen an Jacques weitergegeben. Dann hat sie eine Affäre mit Francis begonnen, er ist ihr auf die Schliche gekommen und sie mussten ihn deswegen beseitigen.“ 

„Das wäre möglich“, räumte Athos ein, „nur, wie kommt eine englische Spionin als Zofe in den Palast? Sie muss irgendwelche Empfehlungen gehabt haben.“

„Vielleicht hatte sie die. Es muss ja nicht sein, dass sie Engländerin ist. Es kann doch sein, dass sie Französin ist und umgedreht wurde.“

Jetzt schien Athos angebissen zu haben. Er wirkte mit einem Schlag viel munterer. „Wenn man diese Theorie weiterstrickt, können wir davon ausgehen, dass Jacques als Mittelsmann zu England fungiert. Möglicherweise ist  er auch die Person, die Fleur dazu gebracht hat, ihr Land zu verraten.“

D’Artagnan nickte. Das konnte er sich gut vorstellen. Jacques wirkte wirklich wie eine Spinne, die im Hintergrund ihre Fäden zog und er erinnerte sich noch gut daran, wie aufgelöst Fleur bei Isaacs Beerdigung gewesen war. „Frauen“, bemerkte d’Artagnan weise, „sind ja bekanntlich leicht manipulierbar.“

Athos zog eine Augenbraue hoch, auf jene spöttische und herablassende Weise, die er so gekonnt beherrschte. D’Artagnan hätte schwören können, dass Athos heimlich vor dem Spiegel übte um diesen Blick so gut hinzukriegen. „So so, Frauen sind leicht manipulierbar. Und was ist dann mit dir?“

D’Artagnan plusterte sich empört auf. „Also bitte! Ich würde niemals für England spionieren, nur weil mir eine Frau schöne Augen macht!“

„Und wie war das noch einmal mit Milady? Du bist ihr nachgehechelt wie ein Hündchen!“

Das tat weh. Die Tatsache, dass er Athos‘ schöner Frau um ein Haar verfallen wäre, nagte tatsächlich noch immer an seinem Selbstbewusstsein. Auf der anderen Seite war es ein gutes Zeichen, dass Athos jetzt schon Witze über dieses Thema reissen konnte. Noch vor ein paar Monaten hätte Athos bei der blossen Erwähnung Miladys erst einen Tobsuchtanfall gekriegt, hätte ein paar Stühle zerhauen, sich dann volllaufen gelassen und hätte sich dann schmollend mit einem Krug Bier in die Ecke verzogen. „Das war einmal, Athos! Inzwischen bin ich viel misstrauischer geworden!“

Athos seufzte schwer. „Ach, Junge, Misstrauen ist nicht unbedingt eine Charaktereigenschaft, die du dir aneignen solltest. Es macht auch viel kaputt.“

Auch wenn d’Artagnan es auf den Tod nicht leiden konnten, wenn ihn seine Freunde als „Junge“ betitelten, als sei er gerade einmal drei Jahre alt, verzichtete er auf eine scharfe Antwort, weil ihm die offensichtliche Sorge in Athos‘ Stimme rührte. Er fand aber, dass in die scharfen blauen Augen wieder ein gefährlich nostalgischer Ausdruck getreten war und wollte das Gespräch wieder in ungefährlichere Gewässer steuern. „Wir gehen also davon aus, dass Pater Jacques und Fleur Spione sind“, fasste er zusammen.

„Und dass sie verantwortlich sind für Francis‘ und Roberts Tod. Wenn wir es ihnen nachweisen können, können wir Aramis von jeglicher Schuld reinwaschen.“

„Also zumindest von der Schuld an Francis‘ Tod“, ergänzte d’Artagnan mit schiefem Lächeln. Sosehr er Aramis mochte, er bezweifelte ernsthaft, dass dieser jemals in seinem Leben unschuldig gewesen war. Höchstens als frisch geborener Säugling.

„Um Fleur kümmert sich Tréville. Bleibt nur noch Jacques für uns.“

„Du klingst wie ein Jäger, der auf seine Beute anlegt.“

Das Grinsen, das sich über Athos‘ Züge legte war mehr als nur ein wenig böse, es war das Lächeln des Teufels. „Richtig, d’Artagnan. Und glaub mir, ich bin ein sehr guter Jäger!“

 

—-

 

„Ich finde wirklich, dass das eine blödsinnige Idee ist!“

Mathias beobachtete kopfschüttelnd wie sich sein Patient mühsam zur Bettkante kämpfte. Aramis hatte nichts mehr an sich von der leichten Eleganz, die Musketieren anhaftete, er wirkte wie ein altersschwacher Käfer der über das Bett krabbelte. Dennoch reichte es für einen zornigen Blick.

„Ich möchte aufstehen, nicht die Seine durchschwimmen“, knurrte Aramis verstimmt, während er sich mit der einen Hand auf dem Bettpfosten abstützte. Seine Brust hob und senkte sich schwer, ein deutliches Zeichen für Mathias, dass alleine das Aufsetzen ihn bereits angestrengt hatte.

„Jetzt seid doch vernünftig. Was spricht dagegen, wenn Ihr Porthos im Bett verabschiedet? Ich bin sicher, Euer Freund hätte Verständnis dafür. Zumal er Euch mit so viel Hingabe gepflegt hat.“ Von mir ganz zu schweigen, fügte er in Gedanken hinzu. Er sah Aramis schon mit zerbrochenen Gliedern am Fuss der Treppe liegen.

Aramis schien seine Bedenken jedoch nicht zu teilen. „Es ist wichtig, weil mir der Idiot sonst nicht glaubt, dass ich wieder gesund werde.“ Mit verbissener Miene zog Aramis sich am Bettpfosten hoch und schaffte es tatsächlich zu stehen, wenn auch auf wackligen Beinen.

„Ich weiss nicht ob der Idiot sich leichter überzeugen lässt, wenn Ihr ihn im Nachthemd und von oben bis unten zitternd gegenübersteht“, wandte Mathias ein. Tatsächlich sah Aramis eher aus wie ein Gespenst als wie ein langsam genesender Mensch.

Doch so langsam seine Kräfte auch zurückkamen, seine Sturheit schien Aramis schon vollumfänglich zurückgewonnen zu haben. So duldsam er vor ein paar Tagen noch alles über sich ergehen liess, so widerspenstig gebärdete er sich nun, was laut Constance zwar ein gutes Zeichen war, Mathias‘ aber ohnehin schon angegriffene Nerven den Rest gab.

„Ich möchte mir auch einfach mal ein bisschen die Beine vertreten. Ich liege schon viel zu lange in diesem Bett.“ Er warf einen zornigen Blick auf die zerwühlten Kissen, als hätten diese ihm ein persönliches Unrecht getan. Dann holte er tief Luft, bevor er den ersten Schritt tat, der allerdings auch sein letzter war. Wie Mathias vorausgesehen hatte, war Aramis noch nicht stark genug für solche Expeditionen und brach zusammen.

Mit einem beherzten Sprung gelang es Mathias gerade noch Aramis aufzufangen. Allerdings kippte Aramis um wie ein nasser Sack und war deshalb trotz des erlittenen Gewichtsverlusts zu schwer für Mathias. In einem Knäuel aus Armen und Beinen landeten die beiden ungraziös am Boden.

„Was treibt ihr beiden da eigentlich?“

Constance stand mit verschränkten Armen und einer steilen Zornesfalte auf der Stirn im Türrahmen. Ihr missbilligender Blick glitt über die beiden und blieb schliesslich an Aramis‘ leichenblassem Gesicht hängen.  „Monsieur Aramis ist der Ansicht, dass er schon gesund genug ist, dass Bett zu verlassen“, klärte Mathias sie so sogleich auf und deutete mit dem Zeigefinger auf den Angeklagten, der zumindest den Anstand hatte, schulbewusst zu erröten.

„Und wieso genau willst du das Bett genau jetzt verlassen?“

Da Aramis nicht antwortete, erklärte Mathias ihr es. „Er will Monsieur Porthos verabschieden.“

„Und das kannst du nicht vom Bett aus weil…“

„Ich mich nicht länger fühlen möchte wie ein bettlägeriger Grossvater!“, fauchte Aramis.

Mathias erwartete eigentlich, dass Constance Aramis ordentlich die Meinung geigen und ihn dann ohne Umschweife ins Bett zurückbefördern würde. Er kannte sie inzwischen gut genug um zu wissen, dass Madame Bonacieux nicht viel Federlesen machte und sich trotz ihrer geringen Körpergrösse auch nicht scheute Gewalt anzuwenden, wenn es darum ging, ihrem störrischen Sorgenkind den Kopf zurechtzurücken. Doch zu Mathias Überraschung seufzte Constance nur, hielt Aramis dann die Hand hin und zog ihn hoch. „Na, dann komm. Porthos packt schon seine Sachen zusammen.“

Mathias sprang auf die Füsse. Empörung hämmerte in seinen Schläfen. „Madame Bonacieux! Ihr unterstützt dieses wahnwitzige Vorhaben auch noch? Der Mann gehört ins Bett“, polterte er und deutete vielsagend auf Aramis‘ schon wieder zitternde Beine.

Constance verdrehte die Augen. „Ganz meine Meinung. Aber wenn wir ihn jetzt nicht die Stufen runterhelfen, wird er die Treppen selbst hinuntergehen, stürzen, sich dabei das Genick brechen und unsere ganze harte Arbeit war umsonst. Also erfüllen wir ihm seinen Wunsch, dann gibt er Ruhe und ich muss d’Artagnan nicht erklären, dass sein Freund leider bei einem Treppensturz ums Leben gekommen ist.“

„Nun gut, das mag stimmen“, räumte Mathias ein, „aber ich übernehme keine Verantwortung für diese lebensgefährliche Aktion!“

„Den Weg nach unten wird er schon noch schaffen. Ausser ein verrückter Aktmörder lauert hinter der Türe.“

„Er ist immer noch wacklig auf den Beinen…“

Er ist übrigens auch noch anwesend“, beschwerte sich Aramis.

„Ihr habt Fieber, Ihr seid nicht zurechnungsfähig“, entgegnete Mathias scharf.

„Ich bin völlig zurechnungsfähig und ich werde jetzt da runtergehen!“, verkündete Aramis und an der Art wie er das Kinn vorschob war zu erkennen, dass jedes weitere Wort verschwendeter Atem wäre. Irgendwie war er bedeutend pflegeleichter gewesen, als er noch stöhnend im Bett gelegen hatte.

„Zieh dir aber erst etwas über“, riet Constance ihm mit süffisantem Grinsen, „weisst du, das Nachthemd enthüllt Stellen, die Porthos vielleicht lieber nicht sehen möchte.“

Besagter Porthos sah sehr verdutzt aus der Wäsche, als sich Aramis, gestützt von Constance und Mathias  die Treppe hinunterquälte. Mal abgesehen davon, dass sie sich bewegten wie eine äusserst schwerfällige Schildkröte trug Aramis auch noch einen geschmacklosen lila Morgenmantel von Monsieur Bonacieux, der mit Bienen und Schmetterlingen bestickt war.

„Aramis? Was soll das? Du gehörst ins Bett!“, schimpfte Porthos, als sie endlich die letzte Stufe heruntergeklettert waren, erstaunlicherweise ohne, dass sich jemand von ihnen das Genick gebrochen hatte.

Aramis lächelte nur und schlang dann die Arme um seinen Freund. „Pass auf dich auf, Porthos. Du weisst, Paris ist gefährliches Pflaster und ich bin nicht da, um deinen Rücken zu decken.“ Er sprach es leichthin, aber Mathias kannte Aramis inzwischen gut genug, um die ehrliche Sorge zu sehen, die in den dunklen Augen aufflackerte.

„Ja, was mache ich nur ohne meinen bunten Flattervogel, der mich beschützt. Wo doch die Gauner vermutlich schon beim Anblick dieses auffallend geschmacklosen Federkleids die Flucht ergreifen würden“, spöttelte Porthos mit einem vielsagenden Blick auf Aramis‘ bunter Aufmachung. Dann wurde er jedoch schlagartig ernst und presste kurz seine Stirn an die seines Freundes. „Ich werde den Mörder von Francis finden und deinen guten Namen wiederherstellen. Das schwör ich dir!“

„Ich weiss nicht, ob ich überhaupt je einen guten Namen hatte, den man wiederherstellen kann“, meinte Aramis mit leisem Lachen, als er sich von Porthos löste.

„Na ja, bei den Ladys dürfte er etwas angeknackst sein, aber es wird schon noch den einen oder anderen guten Mann geben, der etwas von dir hält.“ Porthos drückte Aramis ein letztes Mal die Schulter, dann wandte er sich an Constance und Mathias. „Constance, Bruder Mathias, es gibt keine Worte, mit denen ich euch beiden dafür danken kann, dass ihr Aramis wieder auf die Beine gebracht hat. Naja zumindest wieder einigermassen auf die Beine.“ Sein Blick ruhte auf Aramis, der sich inzwischen schweratmend am Treppengeländer abstützte.

Constance winkte verlegen ab. „Du brauchst uns nicht zu danken. Aramis ist auch mein Freund.“

„Ich habe gerne geholfen“, fügte Mathias hinzu und das stimmte. Im Kloster machten sich immer alle über seine übertriebene Vorsicht lustig, aber bei Aramis war seine beherzte Pflege auf fruchtbaren Boden gefallen. Und auch wenn er wusste, dass es Sünde war, er war stolz darauf, nicht aufgegeben zu haben. Auch wenn es ohne Monsieur Porthos‘ grossen Einfluss auf Aramis‘ seelischen Zustand, wahrscheinlich nicht gereicht hätte.

„Ich bin auf jeden Fall froh, kann ich ihn in so heilkundigen Händen wie den euren zurücklassen. Und wenn er sich bockig anstellt, scheut euch nicht ihn zur Not ans Bett zu fesseln.“

Aramis schnitt ihm eine Grimasse. „Du brauchst ihnen nicht noch deine Foltermethoden weiterzugeben, Porthos. Auf die Ideen kommen sie schon von ganz alleine.“

„Ich hab viel Erfahrung mit widerspenstigen Kranken“, versicherte Mathias Porthos. Der liess daraufhin ein amüsiertes Glucksen hören und  klopfte Mathias zum Abschied auf die Schulter, was sich ungefähr so anfühlte, als wäre ihm ein Baumstamm auf das Rückgrat gekracht. Constance kam noch in den Genuss eines Handkusses, dann setzte sich Porthos seinen Hut auf und verwand endgültig aus der Tür. Kurz darauf hörte man die donnernden Hufe eines Pferdes. Er war fort.

Kaum war Porthos ausser Sichtweite, hörte Aramis auf den Starken zu spielen. Mit einem leisen Stöhnend liess er sich auf die Stufen sinken. Ein heftiger Hustenanfall schüttelte seine abgemagerte Gestalt durch; ein harsches, grauenhaftes Husten, das glücklicherweise schneller abebbte, als es bisher der Fall gewesen war. Dennoch schnalzte Constance tadelnd mit der Zunge. „Du hättest eben doch im Bett bleiben sollen!“

Aramis schüttelte den Kopf. Noch immer keuchte er, aber seine Stimme klang überraschend fest, als er sagte: „Ich kenne Porthos. Er wäre nicht gegangen, wenn er geglaubt hätte, dass es mir nicht wieder gut gehen würde. Aber er musste gehen. D’Artagnan und Athos brauchen ihn dringender als ich.“

Mathias verkniff sich einen Kommentar. Unter „gut“ verstand er es nicht, wenn einem schon Treppensteigen so sehr anstrengte, dass man hinterher schwitzend und schweratmend zusammenbrach.

„Was ich nicht verstehe: Wieso wolltest du Porthos denn so dringend an deiner Seite, wenn du ihn dann gleich wieder fortschickst?“, erkundigte sich Constance.

Aramis runzelte die Stirn. „Ich wollte ihn an meiner Seite?“, fragte er und sah reichlich verdutzt aus der Wäsche.

„Ihr habt im Fieber immer wieder nach ihm gerufen“, bestätigte Mathias.

Verwirrt schüttelte Aramis den Kopf. „Seltsam“, murmelte er, „aber ja, ich kann mich erinnern. In meinen Fieberträumen ist mir dauernd Porthos erschienen. Nur, dass es sich nicht wie ein Traum angefühlt hat, sondern eher wie…wie eine Erinnerung.“

„Wir dachten, du möchtest einfach deine Freunde bei dir haben, weil es dir so schlecht ging.“ Constance sah Aramis besorgt an, was Mathias ihr nicht verübeln konnte. Aramis war totenbleich, seine Stirn glänzte vor Schweiss und sein Atem wurde immer hektischer. Offenbar regte er sich fürchterlich auf.

Stockend kamen die nächsten Worte über Aramis‘ Lippen, so als bereitete es ihm grosse Mühe, sie zu formen. „Ich…damals als ich mit Francis geredet habe…er hat mir irgendetwas Wichtiges gesagt. Und…ich sollte es Porthos sagen, nein, ich sollte ihn warnen vor….“

„Aramis, du solltest dich nicht so aufregen“, schalt Constance, „du hast jede Menge Unsinn geträumt als du im Fieber lagst! Ich würde mir da keine Gedanken mehr darüber machen.“

Aramis achtete nicht auf sie. Stöhnend vergrub er das Gesicht in den Händen. „Ich sollte ihn warnen vor etwas. Oder jemanden. Aber ich habe vergessen um was es ging!“ Alarmiert beobachtete Mathias wie sich die langen Finger des Musketiers in das dunkle Haar krallten, als wolle er sich in seiner Verzweiflung jede Strähne einzeln ausreissen.

Um Aramis vor dem Verlust seiner Haarpracht zu retten, beschloss Mathias zu härteren Mitteln zu greifen. Er griff nach Aramis Ellbogen und zog ihn hoch, wobei es ihm wahrscheinlich nur deshalb gelang, weil der junge Mann nicht nur geschwächt war, sondern auch nicht damit gerechnet hatte, so rüde auf die Beine gehievt zu werden.

„Schluss damit! Ich bringe euch jetzt wieder zu Bett und dann werdet Ihr Euch ausruhen. Ihr denkt zu viel und zu viel denken hat noch jedem geschadet! Dass weiss die Kirche schon seit langem!“

„Nun, das erklärt zumindest den desolaten Zustand der guten Mutter Kirche“, murmelte Aramis, liess sich dann aber widerstandslos von seinen resoluten Pflegern die Treppe hinaufführen.

 

—-

 

Es war geradezu prophetisch, dass Porthos beinahe eine schwarze Katze über den Haufen ritt. Erschrocken riss er am Zügel, um sein Pferd zum Stehen zu bringen. Sein Hengst schnaubte unwillig und tänzelte nervös zur Seite, stieg allerdings nicht und liess sich von Porthos beruhigen.

Die Katze jedoch störte sich nicht daran, dass sie beinahe zertrampelt worden wäre, im Gegenteil. Sie liess sich auf die Erde plumpsen, wo sie sich auf den Rücken drehte. Ihre goldenen Augen richteten sich keck und herausfordernd auf Porthos, als wolle das freche Biest damit sagen: Komm und hol mich.

„Geh schon aus dem Weg!“, schimpfte Porthos. Er war ein zu grosser Tierfreund, als dass er die Katze einfach hätte niederreiten wollen. Die schien jedoch genau von seinen Skrupeln zu wissen, denn sie gähne nur demonstrativ und blinzelte ihn  träge an. Entnervt stieg Porthos also vom Pferde um das flauschige Hindernis selbst aus dem Weg zu räumen.

„Schwarze Katzen bringen Unglück“, sagte in dem Moment eine vertraute rauchige Stimme. Aus einer der Seitengasse erschien Madame Lilith, die sich um den Kopf einen blauen Schal gewickelt hatte und am Arm einen Korb gefüllt mit Kräutern trug.

„Das scheint Euch nicht allzu gross zu kümmern“, bemerkte Porthos als er beobachtete, wie Madame Lilith in die Knie ging und die Katze mit leisen, zärtlichen Rufen zu sich lockte.

„Nun, die Menschen halten mich ohnehin schon für eine Hexe. Da kommt es auf eine schwarze Katze mehr oder weniger auch nicht mehr an“, sagte Madame Lilith mit einem gackernden Kichern. Die Katze hatte auf jeden Fall schon Vertrauen zu ihr gefasst und stiess mit einem kecken Schnurren den Kopf gegen die Hand.

Porthos wurde mit einem Mal mulmig zumute. Diese Frau war ihm unheimlich. Als Kind der Strasse hatte er einen Hang zum Aberglauben und an Madame Lilith war etwas Seltsames. Sie hatte vorausgesehen, dass es schlecht um Aramis stand, noch bevor jemand von ihnen überhaupt wusste, dass ihr Freund erkrankt war. War sie wirklich nur eine Verrückte? Wenn sie wirklich eine Seherin war, war sie wohlmöglich auch eine Hexe und mit Hexen wollte er lieber nichts zu tun haben. „Seid ihr es denn?“, fragte er und obwohl er versuchte seiner Stimme einen beiläufigen Klang zu geben, hörte er sich in seinen eigenen Ohren schrill und panisch an.

Sie sah ihn an und ein belustigtes Funkeln trat in ihre Augen. „Keine Angst, ich kann keine Männer in Kröten verwandeln. Wobei Ihr wahrscheinlich ein prachtvolles Exemplar abgeben würdet.“ Ihr verschmitztes Grinsen verschwand und wich einem melancholischen Stirnrunzeln. „Wie schade, dass die Menschen das Böse immer am falschen Ort vermutet.“

„Und wo ist denn das Böse?“

Madame Lilith antwortete nicht. Ihr Blick ging ins Leere, während ihre Hand abwesend über das Fell der Katze strich. „Im Körper des Priesters haust das Böse und derjenige, den er erschlagen hat, ruht zu den Füssen des Engels“, deklamierte sie schliesslich in einem rauchigen Singsang, der Porthos erneut eine Gänsehaut über den Rücken trieb.

Dann stand sie abrupt auf. „Ich wünsche Euch einen guten Tag Monsieur Porthos.“ Jetzt klang sie wieder klar, beinahe geschäftsmässig.

„Auf Wiedersehen Madame Lilith!“, verabschiedete er sich. Auch wenn er nicht so sicher war, ob er sich dieses Wiedersehen wirklich wünschte.

Sie ging allerdings nur ein paar wenige Schritte, bevor sie sich noch mal umdrehte. „Und ich bin froh, dass es Eurem Freund wieder gut geht. Nicht jeder überlebt einen Tanz mit dem Tod.“ Und mit diesen Worten verschwand sie endgültig, die schwarze Katze dicht auf den Fersen.

 

 

 

 


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