Artagnan.de - Fanfiction zu Dumas' drei Musketieren

Wem die Stunde schlägt


29. Noch eine Leiche


Kapitel 29

 

Noch eine Leiche

 

D’Artagnan und Athos stiegen gerade die Treppe zu Trévilles Arbeitszimmer hoch, als die scharfen Ohren des jungen Gascogner das Donnern von Pferdehufen vernahmen. Das alleine war gewiss nicht ungewöhnlich, denn die Garnison war nun einmal ein Ort von grosser Geschäftigkeit und die Musketiere kamen und gingen hier ganz wie die Bienen in ihrem Stock. Doch d’Artagnan wusste, dass der nahende Reiter Porthos war, denn er kannte die Pferde und Reitstile seiner Freunde so gut, dass er immer sagen konnte, welcher von ihnen sich gerade nährte.

Athos ritt meistens zügig und gleichmässig. Er beschleunigte nur, wenn es unbedingt notwendig war und hatte für die spontanen Wettrennen seiner Freunde oft nur ein seufzendes Kopfschütteln übrig. Sein Hengst, war ein eigenwilliges Tier, das überstürzte Aktionen seines Meisters auch niemals geduldet hätte und das selbst im grössten Getümmel seine stoische Ruhe behielt. Aramis‘ Stute dagegen war zwar sanft wie ein Lamm, hatte aber nicht selten jähe Temperamentausbrüche. Auch sie schien sich ganz ihrem Herrn angepasst zu haben, denn Aramis liebte es, einen schnellen Galopp anzuschlagen, sobald die Garnison im Blick war oder sie zu einem neuen Abenteuer aufbrachen.  Porthos‘ Hengst hatte wahrscheinlich Stierblut in seinen Adern, denn er war ein so mächtiges Tier, dass die Erde unter seinen Hufen bebte. Und da  Porthos  stets so ritt, als sei ihm der Teufel auf den Fersen, hörte man ihn auch noch aus weiter Ferne.

D’Artagnans ausgezeichnetes Gehör hatte ihn auch dieses Mal nicht getäuscht. Es war tatsächlich Porthos, der wie ein Sturm durch das Tor brauste. Athos, der nun das Wiehern des Pferdes hörte, drehte sich nun ebenfalls um. Bei Porthos‘ Anblick wurde er kalkweiss. „Mein Gott“, brachte er hervor, „ist Aramis jetzt etwa…?“ Athos brauchte den Satz nicht zu vollenden, d’Artagnan wusste auch so, was er dachte, denn auch ihn hatte dieselbe Angst ergriffen. War Porthos vorzeitig zurückkehrt, um sie vom Tod ihres Freundes in Kenntnis zu setzen?

Als er Porthos jedoch genauer musterte, sah er zu seiner unendlichen Erleichterung keine Tränen auf dessen Gesicht. Er war zwar staubbedeckt und wirkte erschöpft, aber als er Athos und d’Artagnan erblickte, glitt ein fröhliches Lächeln über seine Züge und er winkte ihnen begeistert. Das hätte er wohl kaum getan, wenn Aramis verblichen wäre.

Ausser Porthos hätte plötzlich einen sehr kranken Sinn für Humor.

Neben d’Artagnan entspannte sich Athos merklich. Auch er hatte die Körpersprache seines Freundes gelesen und gedeutet. „Hattest du so grosse Sehnsucht nach uns oder ging unser Patient dir einfach so sehr auf die Nerven, dass wir das kleinere Übel für dich waren?“

Porthos verzog das Gesicht zu einer merkwürdigen Grimasse, ganz so, als könne er sich nicht entscheiden, ob er nun lachen oder fluchen soll. „Unser Kranker leidet wie immer an Selbstüberschätzung und ist der felsenfesten Überzeugung, dass er quasi schon wieder ganz genesen ist.“

„Klingt ganz nach dem Aramis, den wir kennen“, lächelte d’Artagnan. Dass Aramis zu seinem alten, sturen Stolz zurückgefunden hatte, war ein gutes Zeichen. Ironischerweise gab Aramis gerne die gezierte Prinzessin, wenn es um eine minimale Verletzung oder ein leichtes Unwohlsein wie einen Schnupfen ging, wenn ihm aber wirklich etwas fehlte, beharrte er darauf, völlig gesund zu sein, selbst wenn das Blut zu seinen Füssen schon eine Lache bildete. Einer der vielen Widersprüche, die Aramis in sich vereinte.

 

„Und weil du dir nicht ansehen wolltest, wie dein mit so viel Hingabe gepflegter Patient sich den Hals bricht, schliesst du dich wieder uns an?“, vermutete Athos.

Porthos‘ Miene wurde nun unverkennbar mürrisch. „Aramis hat mich weggeschickt. Er hat darauf bestanden, dass ich nach Paris zurückkehre. Um euch zu helfen, den Mörder zu finden.“

„Aramis traut es uns also nicht, den Mörder ohne dich zu entlarven? Das triff mich jetzt aber“, spöttelte Athos und fuhr sich mit der Hand an die Brust, als hätte ihn dort eine Musketenkugel getroffen.

„Nun, er ist eben der Meinung, dass ihr jemanden mit Verstand und List braucht um diesen verzwickten Fall zu lösen“, behauptete Porthos und warf sich übertrieben in Pose, wobei er d’Artagnan stark an Porträts von König Louis erinnerte, aber nicht weil Porthos‘ Haltung so stolz und königlich gewesen wäre, sondern eher weil er dasselbe dümmliche Lächeln auf den Lippen trug, dass auch Louis gerne aufsetze, wenn er sich malen liess.

Deswegen konnte d’Artagnan sich einen bösen Kommentar nicht  verkneifen. „Und dann schickt er dich? Ich weiss nicht, vielleicht hat das Fieber Aramis‘ Verstand mehr beeinträchtigt als wir ahnten.“

Für einen Moment dachte d’Artagnan, er wäre zu weit gegangen. Trotz seiner Gutmütigkeit hatte Porthos ein leicht entflammbares Temperament und eigentlich hatte d’Artagnan keine Lust im hohen Bogen über das Treppengeländer zu fliegen. „Du weisst schon, dass ich jedem anderen für diese Beleidigung ins Gesicht geschlagen hätte? Aber ich möchte dich nicht noch mehr entstellen, als du es ohnehin schon bist!“

D’Artagnan öffnete schon vergnügt den Mund für eine weitere scherzhafte Beleidigung, doch eine scharfe Stimme kam ihm zuvor. „Wenn die Herren dann fertig damit sind, sich gegenseitig Höflichkeiten an den Kopf zu werfen, wäre es nett, wenn sie es sich einrichten könnten, mich mit ihrer Anwesenheit zu beehren.“ Tréville lehnte mit entnervtem Gesichtsausdruck an  seinem Türrahmen und hatte den Schlagabtausch offenbar mitgehört. Unwillkürlich zog d’Artagnan den Kopf ein. Tréville vermochte es immer noch, ihm das Gefühl zu geben, ein ungezogener Junge zu sein.

Kurze Zeit später standen die drei Musketiere vor Trévilles ausladenden Schreibtisch und lauschten staunend seinem Bericht. Dass es dem Hauptmann tatsächlich gelungen war den sturen Bock Lefèvre zum Reden zu bringen, beeindruckte d’Artagnan und erfüllte ihn mit neuer Bewunderung für sein Idol. Man sah es dem rauen Soldaten nicht unbedingt an, aber wenn es nötig war, bewies er ein gutes Gespür für Politik und für Verhandlungen. Das war es, was ihn von vielen Musketieren unterschied: Sein scharfer Verstand, der stets über seine Kampflust siegte. Kein Wunder nahm Richelieu diesen Mann als Bedrohung wahr.

An Athos jedoch schien diese erneute Meisterleistung Trévilles abzuprallen, jedenfalls erstarrte er keineswegs in Bewunderung wie d’Artagnan. Stattdessen zog er ohne Umschweife einen Stuhl heran und liess sich rittlings darauf nieder, wobei er das Kinn auf der Lehne ruhen liess. Niemand vermochte es sich so elegant daneben zu benehmen wie Athos. Das lag wohl an seiner gräflichen Erziehung. Normalerweise rief Tréville ihn allerdings zur Ordnung, wenn Athos sich wieder so benahm, als gelten die Regeln der Musketiere für ihn nicht, heute liess er es sein, sondern bedeutete lediglich auch d’Artagnan und Porthos, dass sie Platz nehmen sollten.

„Fleur hütete also tatsächlich ein Geheimnis. Nur nicht das, was wir suchten.“ Athos fuhr sich mit entnervter Miene durch die Haare. „Gibt es eigentlich irgendein göttliches Gesetz, das besagt, dass alle Frauen auf der Welt Betrügerinnen sind?“

Die Schärfe in seiner Stimme veranlasste d’Artagnan zu einem tadelnden Kopfschütteln. „Sei nicht so streng mit Fleur. Sie ist in einen Stand geboren, in dem es nur wenig Freude und noch weniger Ehre gibt. Ist es da ein Wunder, dass sie sich dafür entschieden hat, die Chance zu ergreifen, als sie ihr zu Füssen gelegt wurde? Wenn du die Wahl gehabt hättest zwischen Zofe und Dirne, was hättest du getan?Athos sah mit einem Mal zerknirscht aus. Er war im Grunde ein verständnisvoller und einfühlsamer Mann, nur bei Frauen neigte er dazu, barsch und unwillig zu reagieren. Porthos jedoch liess ein amüsiertes Glucksen hören. „Stellt euch doch einmal Athos in Zofenkleidung vor“, kicherte er.

„Mein lieber Freund, ich möchte dich daran erinnern, dass nicht ich es war, der vor nicht allzu langer Zeit in Frauenkleidung durch die Garnison spaziert ist. Und ich wage zu behaupten, dass ich auch in weiblicher Gestalt bei weitem attraktiver bin als du!“, schoss Athos zurück.

„Also bitte. Mein Hintern konnte sich in dieser Robe durchaus sehen lassen!“

Tréville trommelte ungeduldig mit den Fingern auf den Tisch. „Porthos, deinen Hintern in Ehren, aber wir haben momentan Probleme in einer anderen Grössenordnung.“ Trotzdem hoben sich die strengen Lippen zu einem flüchtigen Grinsen.

„Es besteht immer noch die Möglichkeit, dass Pierre Lefèvre lügt um seine und Fleurs Haut zu retten“, kam d’Artagnan wieder zum Thema zurück.

„Das ist wahr“, räumte Tréville ein, „deshalb werde ich noch heute aufbrechen und der verschwundenen Dame auf den Zahn fühlen. Und auch wenn sie nicht die Täterin ist:  Sie kann uns immer noch entscheidende Hinweise geben und uns möglicherweise verraten, wer diese Spionin im Palast haben. Denn das sich eine eingenistet hat, scheint ja bewiesen zu sein.“

„Beweisen können wir ja eben nichts“, erinnerte ihn Athos, „das Einzige was wir haben sind Vermutungen, die auf konspirativen Briefen fussen, die d’Artagnan und ich verbotenerweise gelesen haben. Nicht gerade ein stichhaltiger Beweis, wenn ihr mich fragt.“

Porthos runzelte verwirrt die Stirn. „Welche Briefe? Und was für Spione?“

Erst da fiel d’Artagnan ein, dass Porthos die neuesten Verwicklungen rund um Pater Jacques gar nicht mitbekommen hatte und folglich auch noch nichts von ihrer Spionagetheorie wusste. Also berichtete er seinem Freund von dem seltsamen Priester, der Kaffeestunde bei Madame Lilith und dem nächtlichen Einbruch in Pfarrhaus, wobei Athos in seiner üblichen trockenen Weise passende Ergänzungen anbrachte, wo er es als notwendig empfand.

Nach der lebhaften Schilderung schüttelte Porthos fassungslos den Kopf. „Heilige Maria Mutter Gottes in was für ein Wespennest haben wir da gestossen! Ihr glaubt also Pater Jacques ist ein englischer Spion, der unseren Erzfeind mit Informationen füttert? Und nicht nur das, in der Nähe des Königspaars soll sich auch noch so ein Schuft rumtreiben?“

„Es scheint so. Ich denke, dass der echte Pater Jacques von den Spionen umgebracht worden ist. Dazu passt Madame Liliths Aussage, dass der Priester sein Äusseres geändert hatte“, spekulierte Athos.

„Und ihr meint, Francis ist ihm auf die Schliche gekommen und deshalb musste er sterben?“, fragte Porthos.

„Wahrscheinlich kam er gar nicht Pater Jacques auf die Spur. Es könnte gut sein, dass die ominöse Geliebte, in die er so vernarrt war, eben jene Spionin ist“, erläuterte d’Artagnan. 

Tréville blickte auf einmal versonnen. „Wisst ihr“, sagte er, so langsam, als müsse er seine sprudelnden Gedanken erst ganz langsam ordnen, „Francis hatte wohlmöglich auch einen sehr persönlichen Grund nach diesen Spionen zu suchen. Ihr erinnert euch vielleicht noch, dass ich vor zwei Jahren den Musketier Isaac nach England geschickt habe, damit er für uns Buckhinghams Pläne auskundschaftet. Das hat auch herrlich funktioniert. Nur, nach zwei Jahren ist er plötzlich aufgeflogen und wurde hingerichtet, leider bevor ich oder der König intervenieren konnten. Wir konnten uns damals nicht erklären, wie Isaacs Tarnung so plötzlich versagen konnte. Aber wenn wir natürlich Spione in unseren eigenen Reihen haben, ist auch dieses Rätsel gelöst.“

„Und als Francis es herausfand wollte er selbst denjenigen richten, der für den Tod seines Freundes verantwortlich ist“, sann Athos weiter.

„Was wiederum bedeutet, dass die verräterische Halskette gar nicht einer Geliebten von Francis gehört. Sondern der Spionin. Und Francis hat sie nicht aus Sentimentalität bei  sich getragen. Sondern als Beweisstück!“ d’Artagnan sah stolz in die Runde. Er war ziemlich zufrieden  mit seiner Kombinationsgabe.

Nur wurde die in der allgemeinen Aufregung nicht genügend gewürdigt. „Meine Herren, so hübsch sich diese Geschichte auch anhört, wir müssen sie beweisen, sonst eignet sie sich lediglich für einen schönen Damenroman. Porthos, gib mir diese Kette, ich werde sie Fleur Delacroix zeigen und ihre Reaktion wird zeigen, ob sie wirklich so unschuldig ist. Und ihr werdet diesen Priester so lange an den Fersen haften, bis er euch zum Beweis seiner Schuld führt!“

D’Artagnan konnte sich ein abfälliges Schnauben nicht ganz verkneifen. „Sehr schön. Dann brauchen wir also nur zu warten bis sich Pater Jacques eine schwarze Kutte umhängt, in einer finsteren Gasse verschwindet und sich dort mit einer ebenfalls schwarz gewandeten Gestalt lautstark über seine geheimen Pläne unterhält!“

„Ein guter Beweis wäre die Leiche des verschwundenen Priesters. Aber ob wir die je finden ohne jeglichen Anhaltspunkt…“ Athos hob mutlos die Schultern.

Eine kurze Weile war es still. Dann sagte Porthos plötzlich, mit leiser tragender Stimme: „Zu den Füssen des Engels ruht der zu Unrecht Erschlagene…“

„Wie bitte?“, fragte d’Artagnan, völlig verdutzt. Aramis neigte durchaus dazu irgendwelche Zitate aus Büchern oder Gedichten einzustreuen und auch Athos hatte durchaus mal literarische Anwandlungen. Porthos dagegen grölte höchstens irgendwelche schmutzigen Trinklieder oder riss anzügliche Witze.

„Das hat sie gesagt!“, flüsterte Porthos aufgeregt. Seine Augen glänzten, gerade so, als hätte er gerade den Standort eines grossen Schatzes herausgefunden.

„Wer hat das gesagt?“ Tréville wirkte ebenso verwirrt wie d’Artagnan sich fühlte.

„Die Seherin! Madame Lilith! Bei einem unserer ersten Treffen hat sie etwas gemurmelt von einem zu Unrecht erschlagenen, der zu Füssen des Engels ruht! Ich dachte natürlich, das sei nur wirres Gebrabbel.“

„Ehrlich gesagt, finde ich gerade auch, dass du wirres Zeug brabbelst“, bemerkte d’Artagnan spitz, „inwiefern soll uns dieser Engel weiter helfen?“

„Auf dem Friedhof, der hinter der Kirche ist, steht eine grosse Engelsfigur. Madame Lilith hat möglicherweise gesehen wie Pater Jacques die Leiche seines Vorgängers dort verscharrt hat?“ Er blickte aufgeregt in die Runde.

D’Artagnan musste zugeben, dass das ziemlich schlüssig klang und zumindest eine Spur darstellt, weshalb er sich bewogen fühlte, erwartungsvoll aufzuspringen. „Nun, meine Herren, ich denke, dann sollten wir uns mal ein paar Schaufeln besorgen. Ich schätze, wir haben da noch einen Friedhof umzugraben!“

 

—-

„Es geht abwärts mit uns. Erst bedrohen wir einen Priester, dann brechen wir in das Haus dieses Priesters ein und als Krönung von allem graben wir auch noch den Garten von genau denselben Priester um“, flüsterte d’Artagnan. Natürlich konnte der Gascogner nicht einmal dann still sein, dachte Athos seufzend.

Leider gehörte auch sein anderer Begleiter, namentlich Porthos, nicht gerade zu der stillen Sorte, denn dieser erwiderte, zwar halblaut aber dennoch gut verständlich: „Es ist nicht der Garten, sondern der Friedhof.“

„Und das ist ein Unterschied, weil…?“

„Jetzt seid doch mal still! Oder wollt ihr, dass der falsche Priester uns entdeckt?“, zischte Athos ärgerlich und warf einen unruhigen Blick zum Pfarrhaus. Zwar hatten sie am frühen Abend gesehen, wie Jacques mit Hut und Mantel ausgegangen war, doch irgendwie hatte Athos einfach ein schlechtes Gefühl. Vielleicht lag es aber auch nur daran, dass er mitten in der Nacht mit einer Schaufel auf einem Friedhof stand.

Die Engelsfigur schimmerte undeutlich in der Nacht und für einen Moment bildete Athos sich ein, dass das verwitterte Gesicht ihn vorwurfsvoll ansah. Ärgerlich schüttelte er den Kopf. Seit seinem kleinen Zusammenstoss mit der Fledermaus schien er d’Artagnans Neigung in allem etwas Übernatürliches oder Gruseliges zu sehen übernommen zu haben.

Nach Athos‘ Mahnung hatten sowohl Porthos als auch d’Artagnan etwas beschämt den Mund gehalten, ein Zustand, der nach seiner persönlichen Erfahrung jedoch nicht lange halten würde. Und tatsächlich, sie hatte erst eine Weile gegraben, als d‘Artagnan flüsterte: „Sollte nicht einer von uns Schmiere stehen? Nur falls unser Priester zurückkommt.“

„Du willst doch nur nicht weiter schaufeln“, murrte Porthos, der sich, wie um seiner eigenen Aussage mehr Gewicht zu verleihen schwer auf seine Schaufel stützte und sich den Schweiss von der Stirn wischte.

Sofort plusterte sich d‘Artagnan empört auf. „Im Gegensatz zu dir breche ich nicht gleich zusammen, nur weil ich mal ein bisschen körperliche Arbeit tun muss. Ich bin mir das nämlich im Gegensatz zu dir gewöhnt!“ Und um dies zu beweisen warf er schwungvoll eine Schaufel mit Erde hoch. Athos bemerkte erst, dass die Ladung Erde auf ihn zuflog, als sie ihm schon mitten ins Gesicht klatschte.

„Pass doch auf!“, fauchte Athos, nachdem er sich den Dreck aus den Augen gewischt hatte. So sehr er seine Freunde liebte, manchmal wünschte er sich sehnlichst, sie würden sich in manchen Situationen tatsächlich wie erwachsene Männer und nicht wie kleine Kinder aufführen. Zum Beispiel wenn sie gerade heimlich nach einer Leiche gruben.

„Entschuldigung. Eigentlich war die Ladung für Porthos bestimmt“, sagte d’Artagnan bissig.

„Dann zielst du wirklich ausserordentlich schlecht“, schoss Porthos süffisant zurück.

„Dich sieht man eben schlecht im Dunkeln!“

„Du machst dich lustig über meine Hautfarbe, Bauernjunge? Wie tief muss man eigentlich sinken?“

„Oh, du meinst so tief, um jemanden mit seiner Herkunft aufzuziehen?“

Athos‘ Geduldsfaden riss. „Jetzt seid doch mal still, alle beide! Das ist eine ernste Sache; immerhin stören wir hier gerade die Totenruhe! Und ich glaube kaum, dass die Toten eure kindische Streitereien hören wollen.“

„Naja, vielleicht freuen sie sich über ein bisschen Unterhaltung“, erwiderte d’Artagnan, klang aber einigermassen zerknirscht.

„Meine Frage ist allerdings immer noch nicht beantwortet: Was tun wir, wenn Jacques hier auftaucht?“, hakte Porthos erneut nach, während er seine Schaufel mit neuem Enthusiasmus in die Erde stiess.

„Wir springen ins Loch und schaufeln uns möglichst schnell wieder zu“, schlug d’Artagnan vor.

„Das wird nicht nötig sein, wenn wir weniger Zeit mit Schwatzen verbringen und dafür mehr schaufeln würden.“ Manchmal kam sich Athos vor wie eine Gouvernante für ungezogene Prinzessinnen. Nur würden Prinzessinnen besser aussehen und wären leichter zu zügeln als zwei Musketiere. Doch die Angst davor von Pater Jacques dabei erwischt zu werden, wie sie buchstäblich nach seinen Geheimnissen gruben, schien sie anzutreiben, so dass sie tatsächlich schneller arbeiteten.

So mühsam es erst war, die Schaufel in die steife kalte Erde zu bohren, so einfach wurde es, nachdem die Erde erst einmal gelockert war, fand Athos sogar Freude in dieser ungewohnten Arbeit. Es hatte etwas Befriedigendes direkt zu sehen, was die eigenen Hände schufen, selbst wenn es nur ein grosses Loch war. Die Szenerie war allerdings mehr als nur ein bisschen unheimlich. Ein alter, verwitterter Friedhof,  Nachtluft, die mit kalten Finger nach der eigenen warmen Haut griff und der Mond, der alles in unheimliches weisses Licht tauchte, so als würde er alles für einen Gespenstertanz vorbereiten.

Sei nicht so eine Memme, schalt Athos sich, wie oft hast du dem Tod schon ins Auge gesehen? Was können dir da schon ein paar Gespenster anhaben? 

Doch sämtliche Versuche sich selbst zu beruhigen zerschlugen sich jäh, als d’Artagnan einen spitzen Schrei ausstiess und die Schaufel fallen liess. Mit weit aufgerissenen Augen sah er in das Loch und Athos brauchte nicht lange um den Grund seines Schreckens herauszufinden: Noch halb verborgen unter feuchter Erde lag ein Skelettschädel, die leeren dunklen Augenhöhlen auf sie gerichtet, als wollte er sie dafür anklagen, dass sie seinen Totenschlaf nach so langer Zeit noch störten.

Eine Weile starrten sie alle fassungslos auf den Schädel. Dann räusperte sich Porthos. „Nun, ich denke, da hätten wir den wahren Pater Jacques. Auch wenn der andere zugegebenermassen besser aussieht.“

Athos wollte gerade sagen, dass er sich diese geschmacklosen Scherze sparen soll, da sagte eine sanfte lauernde Stimme hinter ihm: „Guten Abend meine Herren. Kann ich Euch irgendwie helfen?“

 

Hinter ihnen stand ein sehr lebendiger Pater Jacques.

 

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