Artagnan.de - Fanfiction zu Dumas' drei Musketieren

Wem die Stunde schlägt


30. Märchen und Wahrheiten


Anmerkung: Wie ihr vielleicht bemerkt habt, habe ich es tatsächlich geschafft die komplette Story zu löschen. Aus Versehen. Was mich besonders ärgert ist, dass ich jetzt all eure Reviews verloren habe…aber ich trage sie in meinem Herzen! Die gute Nachricht ist: Wir nähren uns mit grossen Schritten dem Showdown…

 

 

 

Kapitel 30

 

Märchen und Wahrheiten

 

 

D’Artagnan musste zugeben, dass sie ziemlich in der Klemme stecken. Dass sie sich nachts auf einem heruntergekommenen Friedhof rumtrieben, hätten sie vielleicht irgendwie mit „Patrouille“ oder „schnell mal hier pinkeln“ erklären können, die Schaufeln und das grosse Loch dagegen passten allerdings in keines der Szenarien. Aber eine gute Ausrede musste her. Er konnte sehen, wie Athos‘ Hand sich nachdrücklich um seinen Degen legte und seine Miene sich in jene steinerne Maske verwandelte, die er stets aufsetzte, bevor er sich in einen Kampf stürzte. D’Artagnan wollte Blutvergiessen allerdings vermeiden. Er fand ein toter Pater Jacques auf diesem Friedhof reichte vollkommen.

Also wählte er die Flucht nach vorne. „Oh, Pater Jacques! Mit Euch hatten wir ja gar nicht gerechnet“, flötete er. Aus dem Augenwinkel beobachtete er wie Porthos geistesgegenwärtig mit seinem Fuss den Totenschädel wieder mit Erde bedeckte, dabei jedoch weiter Pater Jacques anblickte.

Dieser legte den Kopf schräg. „Das kann ich mir denken“, erwiderte er und seine Stimme troff geradezu vor falscher Freundlichkeit, „ich hätte mir allerdings auch nicht vorstellen mögen, dass ich des Nachts Musketiere in meinem Garten antreffe.“

„Nun ja, es handelt sich hier nicht um Euren Garten, sondern um einen Friedhof. Wir wollen doch bei den Tatsachen bleiben.“ D’Artagnan ging auf den plaudernden Tonfall ein. Zeit schinden erschien ihm als gute Option, in Anbetracht der Tatsache, dass ihm noch immer keine plausible Ausrede eingefallen war.

„Oh ja, natürlich, bitte verzeiht meine unpräzise Aussage. In meinem Beruf verwechselt man diese beiden Dinge gerne.“

Irgendwas an der Art wie der Pater „Beruf“ betonte, gefiel d’Artagnan genauso wenig wie Athos‘ angespannte Schulterlinie. Athos wirkte inzwischen wie eine Raubkatze, die auf der Lauer lag und d’Artagnan wusste nicht, wie lange er diese tödliche Energie noch zurückhalten konnte. Wenigstens war es Porthos inzwischen gelungen, den Schädel wieder komplett zu verbergen, so dass dennoch die Chance bestand, dass sie Pater Jacques glaubhaft machen konnten, dass sie noch immer keine Ahnung von seinem schmutzigen kleinen Geheimnis hatten.

D’Artagnan räusperte sich energisch. „So gerne ich mich noch länger über Gärten und Friedhöfe unterhalten würde, ich denke, wir gehen dann besser mal. Noch einen angenehmen Abend wünsche ich!“

Er packte Athos am Arm, nickte Porthos auffordernd zu und wollte sich an Pater Jacques vorbeidrängen. Schon fast glaubte er daran, sich tatsächlich so einfach aus der Schlinge ziehen zu können, da schoss Jacques Hand vor wie eine Adlerkralle und erwischte ihn am Handgelenk.

„Da es sich aber um den Friedhof neben meiner Kirche handelt, glaube ich ein Recht darauf zu haben, zu wissen, wieso Ihr diesen mitten in der Nacht spontan umgrabt.“ Noch immer war seine Stimme ausnehmen höflich, doch nun flocht sich eine Schärfe dazwischen, die keinen Widerspruch duldete.

„Ähm“, war das Einzige das d’Artagnan herausbrachte, da kam gänzlich unerwartete Hilfe von Porthos. Wie aus dem Nichts heraus begann dieser aus voller Kehle zu lachen, als sei die ganze Situation irrsinnig komisch statt unheimlich und brenzlig. Aber Porthos hatte den Kopf in den Nacken geworfen und lachte unbekümmert, was sich anhörte, als würde Donner aus seinem Mund kommen. Athos sah Porthos so entsetzt an, dass d’Artagnan wusste, dass sein Mentor denselben Verdacht hegte wie er: Ihr Freund hatte wohl nach all den Aufregungen der letzten Tagen den Verstand verloren, wofür er sich kaum einen schlechteren Zeitpunkt hätte aussuchen können.

Pater Jaques wirkte jetzt leicht entnervt.  „Darf ich fragen, was so lustig ist?“, erkundigte er sich gereizt.

Porthos beruhigte sich so weit, dass er einen geraden Satz hervorbrachte. „Entschuldigt bitte mein ungehöriges Gelächter! Aber die ganze Geschichte ist wirklich zu komisch! Komisch und peinlich, wenn ich das so sagen darf!“ Er kicherte dümmlich.

„Nun, wenn die Geschichte so amüsant ist, bin ich natürlich erpicht darauf sie zu hören“, verlangte Jacques, klang dabei aber wieder so verbindlich und freundlich wie zuvor.

Ich auch, hätte d’Artagnan beinahe hinzugefügt. Im letzten Moment konnte er sich auf die Zunge beissen und so verhindern, dass Porthos‘ Lügenmärchen aufflog, bevor er überhaupt damit begonnen hatte. Denn er ahnte inzwischen, dass sein Kamerad keineswegs das jähe Opfer einer Geisteskrankheit geworden war, sondern er gerade ein kleines Theaterstück eingeleitet hatte, das offenbar zum Ziel hatte, Pater Jacques zu täuschen.

Porthos zuckte verlegen mit den Schultern. „Eigentlich ist es eine alberne Geschichte. Es geht um eine Wette, die wir abgeschlossen haben. Mit den roten Gardisten.“

Pater Jacques‘ Miene war eine Maske der Ungläubigkeit. „Interessant. Und die Wette drehte sich darum, wer es wagt mitten in der Nacht einen Friedhof umzugraben?“ Selbst in d’Artagnans Ohren klang das reichlich dünn und er betete innbrünstig, dass Porthos sich eine bessere Ausrede hatte einfallen nur lassen.

Erneut liess Porthos sein donnerndes Lachen hören. „Nein, nein. Das wäre allerdings auch keine schlechte Idee gewesen. Nein, diese roten Deppen haben doch tatsächlich behauptet auf diesem Friedhof wäre ein Schatz versteckt.“

Das war eine so fantasievolle und an den Haaren herbeigezogene Erklärung, dass alle erst einmal verblüfft schwiegen. D’Artagnan konnte gerade noch ein kleines Winseln unterdrücken. Das war so ziemlich das Gegenteil einer überzeugenden Ausrede. Allerdings konnte er Porthos auch keinen Vorwurf machen. Immerhin war ihm überhaupt etwas eingefallen, was man von ihm selbst kaum behaupten konnte.

„Ein Schatz…“ Pater Jacques dehnte jedes Wort auf geradezu schmerzhafte Weise aus.

„Genau“, plapperte Porthos unbeirrt weiter, „ein Schatz. Wir haben natürlich kein Wort geglaubt, aber die Gardisten haben so stur auf ihrer Meinung beharrt – und wir waren ehrlich gesagt auch nicht mehr so ganz nüchtern – dass wir sie zu einer Wette herausgefordert haben. Wenn hier tatsächlich ein Schatz zu finden ist, gehört dieser nicht nur ihnen, sondern wir werden auch zum Kardinal gehen, ihm die Füsse küssen und ihm versichern, dass die Rote Garde uns an Können bei weitem übertrifft. Wenn nicht, müssen sie dasselbe tun – nur eben bei Hauptmann Tréville.“

Alle starrten Porthos an. Athos fassungslos, Pater Jacques verdutzt und d’Artagnan selbst bewundernd. Auch wenn die Ausrede völlig abstrus klang - gegen Ende hatte Porthos seiner Geschichte noch einen einigermassen plausiblen Schluss verpasst. Es war zumindest besser als nichts.

Pater Jacques schien das allerdings nicht zu finden, denn jetzt war es an ihm, herzhaft zu lachen. Allerdings nicht auf diese herzliche, warme Art und Weise, wie es Porthos vorher getan hatte. Sein Lachen war kurz und scharf wie die Klinge eines Dolches, der gerade in das Herz eines Menschen fuhr. „Mit Verlaub: Das ist wirklich die lächerlichste Lüge, die ich je gehört habe. Und glaubt mir: Ich habe schon viele Lügen gehört.“

„Wir lügen nicht“, widersprach d’Artagnan und seine Stimme klang selbst in seinen eigenen  Ohren piepsig und schwach, als wäre er ein kleines Mädchen, das behauptet den Apfel nicht gestohlen zu haben, ihn aber dummerweise noch in der Hand hält.

„Ihr lügt schlecht. Das ist ein Unterschied“, verbesserte Pater Jacques sanft.

Athos stellte sich vor seine Freunde und seine stolze Entschlossenheit war wie ein Schild, der sich um ihn und seine Freunde legte. Der kerzengerade Rücken, das leicht erhobene Kinn, die Art wie er die Hand auf die Hüfte stemmte; das alles liess keinen Zweifel daran, dass hier ein Edelmann stand, der sich nicht so leicht einschüchtern liess. „Nun, dann beweist uns das Gegenteil. Und wenn ihr das nicht könnt, schlage ich vor, gehen wir entweder jetzt getrennte Wege oder lösen dieses Problem auf andere Weise.“ Erneut legte sich Athos‘ Hand wie zufällig um den Degen.

In Pater Jacques Augen blitzte eine Wildheit auf, die im groben Gegensatz zu seiner salbungsvollen Sprechweise stand und für einen Moment erinnerte der falsche Priester d’Artagnan an eine Wildkatze, die nur darauf wartete ihre Beute anzuspringen. Er seufzte schwer. Dabei hatten er und Porthos wirklich versucht, die ganze Sache friedlich beizulegen. 

 

Doch zu seiner grossen Überraschung verschwand jegliche Aggression aus Pater Jacques Zügen. Stattdessen breitete sich ein mildes Lächeln auf seinem Gesicht aus. „Nun, da habt Ihr zweifellos Recht, Monsieur Athos. Beweisen kann ich Euch nichts. Und eigentlich ist es auch ein zu schöner Abend um sich zu streiten, nicht wahr?“ Er trat einige Schritte zurück.

D’Artagnan nahm das als Aufforderung den Friedhof zu verlassen. Er nickte Pater Jacques auf eine wie er hoffte würdevolle Art und Weise zu und stolzierte an ihm vorbei. Athos machte allerdings keine Anstalten ihm zu folgen, sondern starrte weiterhin  Pater Jacques an, der seinen grimmigen Blick gelassen erwiderte. Als Porthos Athos am Arm wegziehen wollte, machte sich dieser mit einem Ruck frei. „Ist ganz schön frustrierend, wenn man weiss, dass man auf der richtigen Spur ist, aber es ist nicht beweisen kann oder?“, fragte Athos unverhohlen provozierend.

Pater Jacques‘ Lächeln tröpfelte langsam von seinem Gesicht. „Manche Spuren führen direkt zur Hölle, Monsieur Athos. Vergesst das nicht.“ Und nach dieser unverhohlenen Drohung drehte sich der Priester um und verschwand auf leisen Sohlen in der Nacht.

 

—-

 

Der Morgen war noch kalt und jung, als Tréville auf seinem mächtigen Hengst durch das Tor der Garnison braust. Der kühle Wind fühlte sich wohltuend frisch auf seinem müden Gesicht an.  Gestern hatte er  bis spät in die Nacht auf die drei Grabräuber gewartet. Ihr Bericht hatte Tréville sehr beunruhigt. Zwar hatten der Fund des Skeletts und auch das Verhalten von Pater Jacques, nachdem er sie in flagranti erwischt hatte, ihre Theorie bestätigt, aber laut Athos‘ Urteil, war der Priester ein gefährlicher Mann, der sich, je mehr er in die Enge getrieben werden würde, umso vehementer wehren würde oder aber Schritte gegen sie einleiten würde. Das war keine besonders erbauliche Aussicht, dennoch hatte Tréville seine Männer erst einmal ins Bett geschickt. Bevor sie Jacques endgültig enttarnten, wollte er mit Fleur reden. Er hatte das Gefühl, dass Fleur diejenige sein würde, die auch noch den letzten Vorhang, der über all diesen Geheimnissen lag, beiseiteschieben würde.

Pierre hatte ihm verraten, dass er Fleur bei seiner Schwester Sophie untergebracht hatte. Diese führte – im Gegensatz zu ihrem lebenslustigen Bruder – offenbar ein sehr zurückgezogenes und bescheidenes Leben in einer Hütte, die ironischerweise im selben Wald wie die geliebte Kapelle des Kardinals, lag. Innerlich wappnete sich Tréville gegen das Zusammentreffen mit einer weiteren skurrilen Person. Wer mit Pierre Lefèvre verwandt war und im Wald hauste, war wahrscheinlich auch nicht unbedingt eine ausgeglichene, vernünftige Persönlichkeit. Er stellte sich diese Sophie als eine Mischung aus Hexe und Waldschratt vor und ihm schwante Übles.

Zum Glück hatte Pierre ihm den Weg zu der Hütte sehr genau beschrieben und da Tréville zudem einen ausgezeichneten Orientierungssinn hatte, kam er zügig durch den Wald und es dauerte nicht lange bis er zwischen den Blättern Häuschen erspähte. Tréville stieg in gemessener Entfernung ab und nahm die Zügel in die Hand. Schrullige Dame hin oder her, er wollte sie nicht erschrecken, indem er in einem Karacho, hoch zu Ross und in Uniform ihre Einsamkeit zerstörte.

Das Haus sah allerdings keineswegs so aus wie das Haus einer Hexe, im Gegenteil. Mit den Efeu berankten Wänden und dem hübschen rötlich schimmernden Dach wirkte es sogar äusserst romantisch. Geradezu perfekt für ein heimliches Stelldichein mit einer schönen Dame, dachte Tréville und band sein Pferd an einem Baum fest. Nicht, dass das bei ihm in nächster Zeit der Fall sein würde. Sein ganzes Herz gehörte Regiment, eine Frau passte schlecht in sein Soldatenleben. Aber manchmal, in bitteren einsamen Stunden sehnte er sich danach die weichen behütenden Arme einer Frau um sich zu fühlen.

Seine süssen Gedanken wurden jäh durch das verräterisch laute Knacken von Zweigen unterbrochen. Eine Frau trat aus dem Unterholz, leise vor sich hin singend. Doch als sie Tréville erblickte, brach sie den Gesang abrupt ab und starrte ihn an.

Es war auf keinen Fall Fleur, das sah Tréville auf den ersten Blick. Diese Frau hatte ein wettergegerbtes, braun gebranntes Gesicht, das ebenso deutlich auf viel Arbeit im Freien hinwies wie die rauen Hände. Sommersprossen zogen sich über ihre Nase, was ihr einen kecken und frechen Charme verlieh. Um den Kopf hatte sie ein rotes Kopftuch gebunden unter dem braune Locken hervorquollen. Am Arm trug sie einen geflochtenen Korb. Die blauen Augen waren denen ihres Bruders so ähnlich, dass Tréville sofort wusste, dass ihm hier die geheimnisvolle Sophie gegenüberstand.

Er lüftete mit einer eleganten Bewegung den Hut. „Gott zum Grusse, Mademoiselle Lefèvre.“

Sie hob die Augenbrauen. „Sieh an, was für ein Wunder. Ein königlicher Musketier findet den Weg zu diesem abgeschiedenen Flecken Erde. Und nicht nur das, er weiss sogar meinen Namen! Wenn Ihr mir jetzt Euren Namen sagt, sind wir auf Augenhöhe.“ Ihre Stimme klang rau und war überraschend tief für eine Frau. Der spöttische Unterton erinnerte Tréville an Pierres Neckereien.

„Ich bin Hauptmann Tréville.“ Die Worte gingen ihm eigenartig schwer über die Lippen und verwundert stellte er fest, dass er es nicht mehr gewohnt war, sich vorzustellen. In Paris genoss er einen solchen Bekanntheitsgrad, dass die meisten beim Blick auf seine Uniform sofort wussten, wer vor ihnen stand.

Sophie stiess einen jungenhaften Pfiff aus. „Hoher Besuch sogar. Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich mir heute Morgen natürlich ein anderes Kleid angezogen.“ Sie deutete auf ihr einfaches Kleid, dessen Sam schön völlig zerfranst war.

„Ich komme aus Paris, Mademoiselle. Jede Frau, die überhaupt etwas trägt, ist für mich schon ein erhebender Anblick“, witzelte Tréville.

Er schien den richtigen Ton getroffen zu haben. Mit einem herzhaften unkomplizierten Lachen legte sie den Kopf in den Nacken. „Und die Männer von Paris scheinen einen besseren Sinn für Humor zu haben, als mein Bruder stets behauptet.“

„Vielleicht lernt Euer Bruder einfach nur die falschen Leute kennen.“

Sophie zuckte mit den Schultern. „Gut möglich. Deswegen seid Ihr doch hier oder? Weil mein Bruder die falschen Leute kennengelernt hat und wieder einmal bis zum Hals in Schwierigkeiten steckt.“

Die offene Art und Weise wie Sophie die Dinge ansprach, war Tréville sehr sympathisch. Es war zur Abwechslung mal ganz angenehm, mit jemanden zu sprechen, der noch unberührt war von den Ränkespielen des Hofs und nicht – oder nur am Rande – in einen komplizierten Mordfall verwickelt war. Er beschloss deshalb, schnell zur Sache zu kommen. „Ich will Eurem Bruder helfen. Er wird verdächtigt einen Mord begangen zu haben und…“

„Spart Euch das, Hauptmann“, unterbrach ihn Sophie, „ich weiss in welches Chaos Pierre sich mal wieder reinmanövriert hat. Und ich weiss auch, wieso Ihr hierhergekommen seid. Ihr wollt mit Fleur Delacroix reden.“

Nun fühlte Tréville sich allerdings überrumpelt. „Ihr seid wirklich erstaunlich gut informiert, Mademoiselle.“

Sie schien das leise Misstrauen, das in seiner Stimme mitgeschwungen war, gehört zu haben; denn sie stiess ein keckerndes, spöttisches Lachen aus. „Keine Sorge Hauptmann, ich habe keine kleinen Vögelchen im Palast, die mir spannende Geschichten zutragen. Fleur hat mir alles erzählt und ich habe geahnt, dass irgendeinmal jemand hier auftauchen und nach ihr suchen würde. Die Frage war nur: Gehört derjenige welcher zu den Guten oder den Bösen.

„Und? Wie lautet das Urteil bei mir?“

Sophie überlegte kurz. „Nun, anhand der Tatsache, dass Ihr es vorzieht mit mir zu reden, statt einfach in mein Haus einzubrechen und Fleur an den Haaren raus zu schleifen, würde ich Euch zu den Guten zählen. Andererseits“, sie legte den Kopf schräg, „erscheint es mir seltsam, dass der berühmte Hauptmann der Musketiere den Weg zu mir auf sich nimmt, nur weil eine Zofe nicht ganz ehrlich war, was ihre Vergangenheit betrifft.“

„Ich bewunderte Euren Scharfsinn. Aber das ist eine lange, verwickelte Geschichte, die ich gerne mit Fleur klären würde.“

Sie seufzte schwer. „Diese Soldaten. Einfach immer so verschwiegen. Sagt ihr mir aber wenigstens, wie es meinem Bruder geht? Muss ich mir Sorgen machen?“

„Das kommt darauf an. Wie schlimm klingt den Gefängnis für Euch?“

Sophie reagierte weniger heftig als erwartet. Kurz glitt ein Zucken über ihr sommersprossiges Gesicht und die Finger verkrampften sich um den Henkel ihres Korbs, ansonsten blieb sie äusserlich gelassen. Doch in ihrer Stimme schwang deutliche Sorge mit, als sie fragte: „Und Ihr glaubt, ein Gespräch mit Fleur könnte Euch dabei helfen, meinen Bruder aus dem Gefängnis zu helfen?“

Er erwiderte ihren herausfordernden Blick. „Ja“, entgegnete er schlicht.

„Dann, werde ich es Euch wohl erlauben.“ Und ohne grössere Umschweife hakte sie sich bei ihm unter und führte ihn in das Haus.

 

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Porthos befand sich noch im Halbschlaf, als er die Treppe hinunterstolperte und sich neben d’Artagnan auf die Bank sinken liess. Mit einem leisen Stöhnen vergrub er den Kopf in den Armen. Er fühlte sich, als hätte er einen grauenhaften Kater, dabei war er einfach nur völlig übermüdet. Es wäre leichter zu ertragen gewesen, wenn er wenigstens auf eine schöne feuchtfröhliche Nacht in einem Wirtshaus hätte zurückblicken können. Stattdessen hatte er die Nacht auf einem unheimlichen Friedhof verbracht, ein Skelett ausgebuddelt und hatte sich von einem als Priester getarnten Spion rechtfertigen müssen. Das war nicht unbedingt seine Vorstellung von einem amüsanten Abend.

„Guten Morgen, Porthos!“, zwitscherte d’Artagnan, griff nach der Karaffe mit dem Wasser und schenkte Porthos einen Becher ein. Der Jüngste in ihrem Bund war geradezu unverschämt fröhlich. Es war immer wieder erstaunlich, welche Vitalität d’Artagnan ausströmte. Egal ob er jetzt wenig geschlafen oder eine anstrengende Mission im Dienste des Königs hinter sich hatte, d’Artagnan sprühte immer vor Energie.

Athos dagegen wirkte noch müder als Porthos sich fühlte. Mit tief ins Gesicht gezogenem Hut sass er da, die Füsse auf dem Tisch gelegt, den Stuhl so weit nach hinten gekippt, dass er nur noch auf den hinteren zwei Stuhlbeinen balancierte. Unter der Krempe warf er d’Artagnan einen düsteren Blick zu. „Kannst du mir verraten, wieso du so wahnsinnig gute Laune hast?“

D’Artagnan zuckte mit den Schultern. „Weil ich mit den charmantesten Männern von ganz Paris frühstücken darf?“, schlug er mit einem breiten Grinsen vor.

„Ich würde eher sagen mit den schönsten und klügsten Männern von Paris“, korrigierte Athos.

D’Artagnan hob neckisch eine Augenbraue. „Bei aller Liebe, habt ihr beiden heute schon in den Spiegel gesehen? Ihr seht ähnlich aus wie der König, wenn er mal wieder den Herzog von Buckingham am Hof begrüssen muss.“

„Und wie sieht der König dann aus?“, fragte Porthos, gegen seinen Willen amüsiert. D’Artagnans schnelle Zunge und sein unverdrossener Witz war ebenso unerschütterlich wie seine Energie. Darin wurde er nur von Aramis übertroffen, der selbst dann noch geistreiche Scherze zu reissen pflegte, wenn ihm das Wasser bis zum Hals stand.

„Verknittert und miesepetrig!“, erklärte d’Artagnan und ahmte den Gesichtsausdruck des Königs, der seinen verhassten Gegenspieler willkommen heissen musste, so unglaublich komisch und zugleich treffend nach, dass Porthos in lautes Lachen ausbrach.

Athos jedoch blieb ungerührt. Sein Blick richtete sich auf das grosse Eingangstor, dann schien er zu stutzen. „Wir haben hohen Besuch!“, sagte er unvermittelt, nahm die Füsse vom Tisch und setzte sich ordentlich hin. Halb erwartete Porthos, dass der König jetzt in den Hof spaziert kam. Louis hatte das unglaubliche Talent immer dort aufzutauchen, wo gerade über ihn geredet wurde.

Aber es war keineswegs Louis, sondern ein weitaus angenehmerer Besucher. Adelina kam ihnen entgegengeschritten, die roten Locken zu einem geflochtenen Dutt gedreht, was ihr katzenhaft hübsches Gesicht in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rückte. Sie trug ein grünes Reitkleid und darüber einen grauen Mantel. Beide Kleidungsstücke betonten ihre schlanke Figur liessen sie aussehen wie eine Nymphe aus einem Märchenbuch. Porthos Herz vollführte einen gewagten Salto. Diese Frau. Sie raubte ihm einfach immer wieder den Atem.

Er war so überwältigt, dass er mit offenem Mund einfach sitzen blieb, während d’Artagnan und Athos beflissen auf die Füsse sprangen. „Die schönste Hofdame der Königin in unserer bescheidenen Garnison! Was für eine Ehre!“, flötete d’Artagnan und liess sich nach Porthos‘ Empfinden etwas zu viel Zeit mit dem Handkuss.

Adelinas Lächeln war strahlend wie das Sonnenlicht das durch dunkles Geäst brach. „Was kann es Schöneres für eine Frau geben, als sich in das Zuhause der glattzüngigsten Kavaliere von ganz Frankreich zu begeben?“, lachte sie, während sie ihre schmale Hand nun auch Athos entgegenhielt. Dann sah sie Porthos direkt an. „Auch wenn mein Kavalier es nicht für nötig zu halten scheint, mich zu begrüssen.“

Porthos kam umständlich auf die Füsse und wechselte einen erstaunten Blick mit seinen beiden Freunden. Es war ungewöhnlich für die sonst so diskrete Adelina, dass sie so offen auf ihre Liaison anspielte. Und wenn er es sich recht überlegte, war es auch sehr ungewöhnlich, dass sie am helllichten Tag   einfach in die Garnison spazierte. Ihre Beziehung war zwar nicht unbedingt ein Staatsgeheimnis, aber doch etwas, dass sie eigentlich unter Verschluss hielten. Immerhin war Adelina eine englische Adelige und er nur ein meist völlig abgebrannter Musketier. Nicht gerade das was man eine standesgemässe Verbindung betrachtete. Adelinas Ruf konnte dadurch ernsthaften Schaden nehmen.

Sie musste einen Grund dafür haben.

Und tatsächlich, als er ebenfalls seine Ehrerbietung bekundet hatte, schob sie ihren Arm unter den seinen. „Begleitet Ihr mich, Monsieur Porthos?“, fragte sie mit keckem Augenaufschlag.

„Natürlich…“ stotterte Porthos, noch immer irritiert von Adelinas Betragen.

Sie jedoch wirkte genauso selbstsicher wie immer. „Es tut mir Leid, dass ich Euren Freund kurz entführen muss, meine Herren“, sagte sie in Richtung Athos und d’Artagnan, „aber ich verspreche Euch, dass ich ihn in einem Stück zurückbringe.“ Und mit diesen Worten zog sie Porthos in die belebten Strassen von Paris.

„Äh, Adelina? Kannst du mir sagen, was das eigentlich soll?“, fragte Porthos schliesslich, als sie die Garnison ein Stück hinter sich gelassen hatten.

„Wieso? Was soll denn sein?“ Ihr Tonfall war eine Spur zu unschuldig um glaubwürdig zu sein. Sie schien ihm das Misstrauen vom Gesicht abzulesen, denn sie schmiegte sich in einer entschuldigenden Geste an ihn und drängte ihn so in eine abgelegene Gasse. Hier, fern von der Menge, fühlte sich Porthos auf einmal wie entwurzelt. Zugleich war er froh, dass Adelina offenbar beschlossen hatte, ihnen ein Stück mehr Privatsphäre zu gönnen. Doch das ungute Gefühl in seinem Magen verstärkte sich. Irgendwas stimmte hier doch nicht.

„Adelina, es gibt niemanden mit dem ich lieber Zeit in einer dunklen Gasse verbringen würde, aber ich wäre jetzt wirklich dankbar, wenn du mir endlich sagen könntest, warum du mich aufgesucht hast!“

Sie machte ein zerknirschtes Gesicht. „Verzeih mir Porthos. Ich habe einen…einen heiklen Auftrag bekommen und bin deshalb gezwungen unübliche Wege zu gehen.“

„Auftrag? Von wem hast du denn einen Auftrag bekommen?“ Eigentlich gab es nur jemanden, der eine Hofdame als Laufbursche brauchen konnte und das war…

„Von der Königin“, bestätigte Adelina seine Vermutung, „sie hat…eine heikle Bitte an mich gerichtet.“ Ihre Stimme klang so besorgt, wie Porthos sie noch nie gehört hatte. Adelina war eigentlich eine Frohnatur.

„Was für eine Bitte?“

Sie sah ihm fest in die Augen. „Porthos…was weisst du von der Beziehung der Königin zu Aramis?“

Mit dieser Frage hatte Porthos nun wirklich nicht gerechnet. „Sie ist die Königin und er ein loyaler Musketier, der sie mit seinen Leben beschützen würde“, entgegnete er vorsichtig.

Adelina schnaubte. „Oh, Porthos. Beantworte meine Frage bitte ehrlich und nicht mit einer solchen Floskel! Ich bin die Vertraute der Königin. Ihre Geheimnisse sind bei mir sicher.“

Porthos wusste, dass er sich auf dünnes Eis begab. Die Wahrheit war, dass er nicht wusste, wie weit Anna und Aramis in ihrer gegenseitigen Zuneigung gegangen war. Er hoffte für sie beide, dass sie die Grenzen, die das Leben ihnen gesteckt hatte, nicht überschritten hatten. Aber, dass zwischen den beiden eine fatale Anziehung bestand, die weit über das normale Verhältnis eines Musketiers zu seiner Königin ging, das wusste er genau. Aber konnte er Adelina das anvertrauen? Ein Geheimnis, das seinen besten Freund Schaden zufügen konnte?

Aber es war Adelina. Die Frau, die er liebte und die der Königin ergeben war. „Er mag sie und sie mag ihn“, gab er schliesslich zu, „er ist ihr Ritter, wenn du es so sehen willst. Aber wie kommst du darauf? Was hat Aramis mit deiner Aufgabe zu tun?“

„Nun, in gewisser Weise ist Aramis meine Aufgabe. Die Königin hat mich gebeten, ihn in ihrem Namen zu besuchen und ihre Genesungswünsche auszurichten.“

Porthos schnappte nach Luft. Hatte die Königin den Verstand verloren? Wie konnte sie, nun da ihre Stellung nach all den verzweifelten Jahren endlich durch ihre Schwangerschaft gesichert war,  ihren Kopf wegen einer Schwärmerei riskieren? Doch dann fiel ihm noch eine ganz andere Frage ein. „Aber woher weiss die Königin überhaupt, dass Aramis krank ist? Und woher, weisst du es überhaupt. Ich habe dir das gar nicht erzählt!“

Sie sah mit einem Schlag noch zerknirschter aus. „Tréville hat es mir gesagt.“

Toll. Ihr Hauptmann wurde auch noch zur Plaudertasche. „Und woher weiss die Königin, dass wir wissen wo Aramis ist? Hast du ihr das etwa auch erzählt?“

Adelinas Schultern sanken nach vorne und ihre Wimpern senkten sich, ganz das Bild der reuigen Sünderin. „Es tut mir so leid, Porthos. Aber die Königin war so um Sorge um ihn und hat sich so gequält…ich musste ihr einfach sagen, dass er in Sicherheit ist!“

Porthos fasste sich stöhnend an den Kopf. Frauen! Wieso mussten sie nur immer ihre Romanzen miteinander austauschen? „Und du musstest ihr dann auch gleich noch erzählen, dass er krank ist?“

„Das ist mir unglücklicherweise rausgerutscht“, gestand Adelina.

„Dir ist mal eben so rausgerutscht, dass wir einen aus dem Kerker entflohenen Häftling versteckt halten und dieser neben einer Amnesie auch noch an einer Lungenentzündung leidet? Adelina!“ Porthos fuhr sich entnervt durch die Haare.

„Ich weiss, ich weiss…aber du hast sie nicht gesehen, Porthos. Sie war ausser sich vor Kummer. Ich wollte nur helfen!“

Sie klang so flehentlich, dass Porthos‘ Zorn sich verflüchtigte. Eigentlich hatte er kein Recht, Adelina Vorwürfe zu machen. Er hatte ihr schliesslich alles erzählt und so zur Geheimnisträgerin gemacht. Und er wusste aus eigener Erfahrung, wie schwierig es sein konnte, dem Königspaar einen Wunsch abzuschlagen. Wobei Könige und Königinnen eigentlich keine Wünsche äusserten, sondern Anweisungen und Befehle. Anna versteckte das zwar hinter ihrem Liebreiz und ihrer Höflichkeit, aber auch sie war es gewohnt zu bekommen, was sie wollte.

„Und du konntest es ihr wirklich nicht ausreden?“

„Wir reden hier von Anna von Österreich! Dieser Frau redet man nichts aus. Nein, ich muss es tun. Schon allein um ihren Gemütszustand wieder herzustellen. Dem König ist auch schon aufgefallen, wie besorgt und traurig Anna in letzter Zeit ist. Noch kann er diese Gemütsveränderung auf die Schwangerschaft schieben, aber was wenn er misstrauisch wird?“

Das war alles andere als eine gute Nachricht. Langsam aber sicher wuchs ihnen die Geschichte über den Kopf. Er fand Annas Idee noch immer ziemlich dämlich und er war alles andere als glücklich, dass Adelina ihn jetzt in diesem riskanten Unterfangen auch noch zum Komplizen machte. Aber es schien, als hätte er gar keine andere Wahl. „Adelina, ich hoffe, du weisst wie gefährlich es sein kann, die Königin bei ihren persönlichen Liebeshändel zu unterstützen.“

Sie sah ihn ernst an und legte ihre Hand auf seine. „Ich weiss es, Porthos. Aber es ist besser, ich nehme das Risiko auf mich. Ich bin unabhängiger als die anderen Damen in ihrem Gefolge. Wenn es allzu brenzlig wird, kann ich immer noch nach England zurückgehen“, fügte sie mit einem halben Lächeln hinzu.

Auch wenn ein kleiner Teil von ihm noch immer zornig auf sie war, zog er sie näher an sich. „Das wäre aber sehr schade“, murmelte er und vergrub die Nase in ihrer duftenden Lockenflut. Diese Frau, dachte er träumerisch, sie könnte sogar einen Mord begehen und ich würde ihr verzeihen.

Sie spürte seinen Stimmungsumschwung, hob den Kopf und schenkte ihm einen ihrer flüchtigen Feenküsse. Hungrig verlangte er nach mehr, doch sie schob ihn ein Stück von sich und legte ihm die Hand auf die Lippen. „Nein. Ich darf jetzt keine Zeit mehr verlieren. Und du musst mir jetzt sagen, wo genau ich Aramis finden kann.“

Porthos knurrte unwillig, beschrieb Adelina dann aber bereitwillig, wo Aramis zu finden war. „Madame Bonacieux ist bei ihm. Ihr kannst du vertrauen, sie ist eine gute Freundin.“ Er nestelte kurz am Verschluss des Kreuzes, das er stets um den Hals trug, nahm es ab und drückte es Adelina in die Hand. „Hier. Gib ihr das, damit sie weiss, dass du eine von uns bist.“

„Ich werde nett zu deinem Freund sein. Im Namen der Königin und in deinem Namen“, versprach sie ihm, während sie das Kreuz einsteckte.

Er verzog das Gesicht. „Sei lieber nicht zu nett. Aramis ist ein ziemlicher Frauenheld.“

„Keine Angst. Ich habe bereits einen Musketier und bin mehr als zufrieden mit seinen Leistungen.“ Sie küsste ihn erneut, länger und leidenschaftlicher, bevor sie sich schliesslich mit einem letzten bedauernden Blick von ihm löste.

„Adelina! Pass auf dich auf!“, rief er ihr noch hinterher.

Sie hielt kurz inne und drehte sich noch einmal um. „Keine Angst, Porthos. Ich pflege meine Aufträge stets tadellos zu erledigen.“ Ihr Lächeln wirkte auf einmal ganz anders als sonst, nicht mehr spöttisch und lebensfreudig, sondern geradezu raubtierhaft…beinahe bösartig sogar. Doch dann zog sie sich die Kapuze über den Kopf, verschwand in der Menschenmenge und Porthos war sich sicher, dass er sich dieses gefährliche Lächeln nur eingebildet hatte.

 

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Alles in allem wirkte Fleur keineswegs wie eine mordlustige Spionin. Sie war sehr blass und um den schönen vollen Mund zeichneten sich deutliche Falten ab, so als hätte der Kummer seine Krallen in die weiche Haut geschlagen. Ihr blondes Haar war zu einem Zopf geflochten, der ihr über die Schulter hing und aus dem sich einzelne Strähne lösten. Ihre blauen Augen jedoch waren scharf und durchdringend und ihre Stimme, mit dem sie Tréville ihre Geschichte erzählte, war leise aber fest.

Ihre Schilderung deckte sich ganz mit der von Pierre. Ganz nüchtern, ohne es gross auszuschmücken, erzählte sie ihm von ihrer Kindheit in Armut und wie Pierre sie später unter seine Fittiche genommen hatte. Wie sie jahrelang ihren Körper und ihre Liebe zu Geld gemacht hatte. „Es war nicht so schlimm, wie bei anderen Bordellen. Pierre hat…gut zu uns geschaut. Er hat uns von der Strasse geholt, obwohl er selbst doch nichts hatte. Und als er endlich genügend Mittel hatte, mussten wir auch keine Freier mehr ins Bett nehmen. Wenn er nicht gewesen wäre, wäre ich auf der Strasse gestorben.“

Als wolle sie sich stellvertretend bei seiner Schwester bedanken, lächelte sie Sophie flüchtig zu. Diese sass neben Tréville und zupfte vorsichtig ihre frisch gesammelten Kräuter auseinander. Jetzt sah sie kurz von ihrer Arbeit auf. „Ehrlich gesagt fand ich schon immer, dass mein Bruder eine merkwürdige Auffassung von Moral hat. Aber er ist eben wie er ist.“ Sie hob kurz die Schultern und widmete sich wieder ihren Kräutern.

„Und dann hat er Euch die Stelle als Zofe besorgt“, nahm Tréville den Faden wieder auf.

„Ja. Keine Ahnung wie er es angestellt hat. Zuerst hatte ich überhaupt keine Freude. Ich habe mich sogar regelrecht gefürchtet. Der Hof des Königs ist eine Schlangengrube und auf seine Art genauso gefährlich wie die Strasse. Aber die Strasse kenne ich seit meiner Geburt und dort weiss ich wie man sich wehren kann. Aber dann ging ich doch und es dauerte nicht lange, bis ich Gefallen an meinem Leben fand.“ Tränen stiegen ihr in die Augen und sie legte in einer flehentlichen Geste die Hand auf seinen Arm. „Oh, Monsieur Tréville, ich versichere Euch: Ihre Majestäten könnten keine treuere Zofe finden als mich. Ich habe meine Pflicht stets mit der allergrössten Sorgfalt erledigt!“

„Fleur, ich bin nicht hier, weil Ihr geschwindelt habt, was Eure Herkunft angeht. Ich bin hier, weil Ihr unter dem Verdacht steht, den Musketier Francis ermordet zu haben.“ Er wählte bewusst einen scharfen und anklagenden Tonfall, um eine Reaktion zu erhalten.

Die kam dann auch so gleich. Fleur stiess einen spitzen Schrei aus und sprang auf. Die Empörung liess ihr Gesicht glühen. „Was? Wie kommt Ihr nur auf so einen schrecklichen Gedanken? Wieso sollte ich einen Musketiere töten?“, fragte sie und ihre Stimme überschlug sich vor Zorn. Sophie hob den Kopf und warf Tréville einen sowohl irritierten als auch warnenden Blick zu. Zweifellos war sie bereit ihren Schützling zu verteidigen und Tréville konnte sich gut vorstellen, dass sie eine erbitterte Gegnerin wäre.

Einschüchtern liess er sich davon aber nicht. „Nun, vielleicht, weil Francis um Euer kleines Geheimnis wusste?“

„Nein! Ich habe kaum je ein Wort mit Francis gewechselt. Ich weiss nur, dass er Maries Vetter ist, weil sie oft von ihm erzählt hat.“

„Ihr hattet also keine persönliche Beziehung zu Francis?“

„Was soll ich denn für eine Beziehung zu ihm gehabt haben?“, fragte Fleur händeringend.

Tréville verschränkte die Arme und fixierte das junge, aufgebrachte Mädchen. „Eine amouröse Beziehung.“

Fleur stiess ein humorloses Lachen aus. „Ich und Francis? Wir kannten uns kaum. Nur vom Sehen.“

Jetzt spiele Tréville seinen letzten Trumpf aus. „Und trotzdem habt Ihr ihm ein wertvolles Schmuckstück geschenkt!“

Die Wut verschwand aus Fleurs Zügen und machte Verwirrung Platz. „Ein Schmuckstück? Ich habe so gut wie gar keinen Schmuck! Und wenn ich welchen hätte, dann würde ich ihn nicht verschenken. Und schon gar nicht an Francis, den ich, wie gesagt so gut wie gar nicht kannte!“

Tréville griff in seine Tasche und zog die Kette hervor, jenes verräterische Medaillon, das Francis bei sich getragen hatte. Er hielt es Fleur direkt vors Gesicht. Deren blauen Augen wurden gross vor Überraschung und sie griff danach. Ihre Finger strichen über das fein gearbeitete Material. Tréville war verblüfft. Fleur schien das Schmuckstück zu kennen. War sie doch die gesuchte Spionin? War ihre rührselige Geschichte und ihre Empörung einfach nur eine schauspielerische Leistung.

Sie gab die Kette Tréville zurück. „Das gehört mir nicht. Aber…“ sie zögerte kurz, dann gab sie sich einen sichtlichen Ruck, „ich weiss, wem es gehört.“

Trévilles Herz schlug schneller. War er nun endlich der Lösung des Falls näher? Wurde nun endlich die Identität dieser geheimnisvollen Spionin enthüllt? „Wem Fleur? Wem gehört die Kette?“

Sie biss sich auf die Lippen. Dann erwiderte sie entschlossen seinen Blick.

„Lady Adelina.“


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