Artagnan.de - Fanfiction zu Dumas' drei Musketieren

Wem die Stunde schlägt


31. Die Spionin, die ich liebte


Kapitel  31

 

Die Spionin, die ich liebte

 

Tréville war eigentlich ein umsichtiger Reiter, doch jetzt kannte er keine Gnade mit seinem Pferd und trieb es unbarmherzig durch die Strassen von Paris, wobei er nicht einmal auf die Menschen achtete, die durch die Stadt flanierten. Mehrere mussten zur Seite springen als er herangeprescht kam und einige riefen ihm unflätige Schimpfwörter her. Er selbst predigte seinen Männern zwar immer wieder, dass sie sich nicht benehmen sollten wie die Wilden, aber jetzt gerade hatte Tréville weitaus drängendere Probleme als den Ruf der Musketiere.

Sein König und sein Land waren in Gefahr. Und dass nur, weil er zu dumm gewesen war, das Naheliegende zu erkennen.

Noch immer dröhnten Fleurs Worte in seinen Ohren. Lady Adelina. Buckinghams Abgesandte, die er als Hofdame an den französischen Hof geschickt hatte, damit sie der Königin mit ihrer munteren, fröhlichen Art Gesellschaft leistete. Lady Adelina, die mit ihrem sprühenden Wesen und ihrem Charme alle bezaubert hatte. Lady Adelina, die immer so freundlich, so verständnisvoll, so lustig gewesen war, die ihn mit ihrer unkonventionellen Art so sehr beeindruckt hatte, dass er selbst dann nicht den Hauch eines Verdachtes gegen sie gehegt hatte, als sich herauskristallisiert hatte, dass englische Spione ihre Finger bei diesen mysteriösen Mordfällen im Spiel hatten.

 

Dabei passte alles zusammen. Fleur hatte ihm erzählt, dass es Adelina gewesen war, die ihr geraten hatte zu fliehen, weil ihr Geheimnis aufgeflogen wäre. Und als Porthos ihr dann das Schmuckstück präsentiert hatte, hatte die raffinierte Adelina einfach behauptet, es gehöre Fleur. So hatte sie ihnen  eine neue Hauptverdächtige präsentiert und ihre Spuren erneut verwischen können. Sie musste es auch gewesen sein, die den Kardinal in der Bibliothek überfallen hatte. Wahrscheinlich hatte Jacques, der das Gespräch zwischen Fleur und Marie auf dem Friedhof belauscht hatte, sie rechtzeitig gewarnt. Vermutlich hatte die gewiefte Adelina jeden Geheimgang im Louvre ausgekundschaftet und konnte sich mühelos unerkannt bewegen.

Er musste sofort den König in Kenntnis setzen. Adelina war eine enge Vertraute von Anna und wer wusste was die Königin ihr schon anvertraut hatte? Und dann das Kind…wer wusste schon welchen Auftrag Buckingham seiner Spionin eingeflüstert hatte! Was wenn er gar die Hand nach dem Leben des langersehnten Erben Frankreichs ausstreckte?

Diese Angst war es, die Tréville antrieb und als er endlich beim  Louvre angekommen war, warf er die Zügel achtlos einem Stallburschen zu und stürmte ohne sich lange mit irgendwelchen höfischen Geplänkel aufzuhalten durch die Palasttüren. „Wo ist der König?“, blaffte er den ersten Höfling an, der ihn über den Weg lief.

Dieser war jedoch vom herrischen Ton des Hauptmannes keineswegs eingeschüchtert. Tatsächlich schien er den verdienten Captain der Musketiere in seiner schmutzigen Reitkleidung schlichtweg nicht zu erkennen. Tréville, der schliesslich direkt aus dem Wald kam, sah nämlich eher wie eine Vogelscheuche als wie ein Musketier. Sein Hut wurde nicht nur von der üblichen Feder, sondern auch von einem grossen Vogeldreck verziert, in seinen zerzausten Haaren hatten sich zahlreiche Blätter verfangen und seine Stiefel waren so schlammüberzogen, dass man ihre Form nur noch erahnen konnte. Und genau diese Stiefel waren es jetzt, die der Höfling mit hochgezogenen Brauen einer kritischen Musterung unterzog. „Monsieur, was soll das? Ihr ruiniert mit Euren dreckigen Stiefel den kostbaren Teppich!“

Solche Töne war sich Tréville von Richelieu mehr als gewöhnt, dass jetzt aber ein blasierter Höfling derart hochnäsig mit ihm sprach, schlug dem Fass den Boden aus. „Die Teppiche sind mir egal. Ich muss den König sprechen.“

„Nun dem König sind seine Teppiche jedoch nicht egal“, erklärte der Höfling mit herablassenden Lächeln, „und ohnehin solltet Ihr Euch ein anderes Benehmen angewöhnen, wenn Ihr beim Hof etwas erreichen wollt, Monsieur!“

Unter anderen Umständen hätte Tréville gelacht, denn er war nicht eitel und die Gesellschaft seiner Soldaten war ihm ohnehin lieber als die der Reichen und Mächtigen. Jetzt aber war er in Eile und er konnte nicht fassen, dass er in seiner dringenden Mission von einem Emporkömmling aufgehalten wurde, der ihm Vorträge über das richtige Verhalten am Hofe hielt! „Ich muss mit dem König sprechen, also sagt mir Ihr jetzt wo er ist!“

Der Höfling schüttelte missbilligend den Kopf. Er war ein hübscher junger Mann mit blonden Locken und himmelblauen Augen. Nur die zu spitz geratene Nase passte nicht ganz in sein ebenmässiges Antlitz. Gekleidet war er allerdings eher schlicht und da Tréville ihn bis jetzt noch nie bei Hofe gesehen hatte, vermutete er, dass der Jüngling zum Landadel gehörte und zum ersten Mal den Weg in den Palast gefunden hatte. Das hinderte ihn aber offensichtlich nicht daran, sich aufzuspielen. „Ihr könnt doch nicht einfach daherkommen wie ein Bettler und dann danach verlangen, den König zu sehen. Wenn das jeder machen würde!“

„Ich bin aber nicht jeder!“, brülle Tréville, der nun endgültig die Fassung verlor. Der Gedanke, dass Adelina gerade jetzt fröhlich durch die Gemächer der Königin spazierte und wer weiss was für Untaten ausbrütete, liess ihn die Fassung verlieren und für einen Moment war er tatsächlich versucht, die spitze Nase seines Gegenübers zu brechen. Aber Louis  wäre wahrscheinlich nicht erfreut, wenn der Hauptmann seiner Musketiere einen Adeligen verprügelte.

Schon gar nicht, wenn er dabei den teuren Teppich endgültig mit Blut ruinierte.

„Wenn Ihr mit dem König sprechen wollt, müsst Ihr erst um eine Audienz bitten und wenn Euch diese Audienz dann gewährt wird…“

Jetzt verlor Tréville endgültig die Beherrschung „Ich weiss das! Aber es geht hier nicht um irgendwelchen Hofklatsch, sondern um Leben oder Tod! Und wenn Ihr mir jetzt nicht sofort sagt, wo der König ist, dann…“ Doch Tréville kam nicht mehr dazu seine Drohung auszusprechen, denn in diesem Moment schnitt ihm eine schneidende, ölige Stimme das Wort ab. „Hauptmann Tréville! Könnt Ihr mir sagen, wieso Ihr hier so rumbrüllt? Wir sind hier im Palast und nicht in der Garnison der Musketiere, wenn Ihr das vergessen haben solltet!“

Der Kardinal, gewandet in eine seiner kostbaren Roben, kam mit gerunzelter Stirn die Treppe hinunter. Tréville war noch nie so froh gewesen seinen Erzfeind zu sehen. Der Höfling dagegen war blass geworden. „Der berühmte Hauptmann der Musketiere! Monsieur Tréville, bitte verzeiht mir. Ich konnte ja nicht ahnen, dass ein Vertrauter des Königs rumläuft wie Landstreicher.“

Tréville seufzte schwer. Wenn der junge Mann nicht bald lernte, seine Zunge zu hüten, würde er ein kurzes Leben bei Hofe führen. „Vielleicht ist Euch das eine Lehre, Menschen nicht nur nach Ihrem äusseren Schein zu beurteilen“, knurrte er unwillig.

In Richelieus Augen trat ein spöttisches Funkeln. „Aber keine Angst, mein lieber Junge. Tréville ist der Einzige im engsten Kreis des Königs, der sich seine Kleidung jeweils von einer Vogelscheuche leiht.“ Und mit einer lässig eleganten Handbewegung scheuchte er den jungen Adeligen fort, der sich unter gemurmelten Entschuldigung zurückzog. Tréville starrte ihm böse hinterher. So ein Flegel! Allerdings hatte er jetzt weder die Zeit sich mit diesem Milchgesicht zu beschäftigen, noch den Kardinal für seine Vogelscheuchen – Bemerkung in die Schranken zu weisen. „Ich habe herausgefunden, wer hinter den Mordfällen steckt“, begann er ohne Umschweife, „und ich muss umgehend den König darüber informieren.“

Richelieu hob die Augenbrauen. „Da werdet Ihr kein Glück haben, Tréville. Der König ist ausgeritten. Mal ganz abgesehen davon, wieso sollte sich der König für die Mordfälle interessieren? Das war ja bis jetzt eher eine Sache zwischen mir und Euch“, meinte er und sein salbungsvoller Tonfall zerrte an Trévilles inzwischen arg lädierten Nerven.

„Nun, ich denke schon, dass der König sich dafür interessiert, wenn er an seinem Hof englische Spione beherbergt.“

Das hatte gesessenen. Richelieu entgleisten kurz die Gesichtszüge, dann hatte er sich wieder in Griff. „Spione? Ich verstehe nicht. Vor nicht allzu langer Zeit ging es doch noch um ein Eifersuchtsdrama und jetzt plötzlich tauchen englische Spione auf? Eure Theorien, um Euren Musketier zu entlasten werden immer abenteuerlicher, Tréville. Wobei, wenn ich es mir recht überlege, geht es Euch inzwischen vielleicht gar nicht mehr um den bedauernswerten Monsieur Aramis, sondern um unseren lieben Gastwirten Pierre Lefèvre, an dem Ihr scheinbar so einen Narren gefressen habt?“

Tréville ging auf Richelieus süffisanten Tonfall nicht ein. „Ich würde den König nie mit irgendwelchen Theorien belästigen. Ich weiss, dass sich bei uns Spione eingeschlichen haben. Besser gesagt eine Spionin. Nämlich Lady Adelina.“

Es könnte gefährlich sein, dass hier auf den Gängen einfach auszuposaunen, aber da er momentan nicht mit dem König sprechen konnte und er die schwangere Königin nicht mit der Nachricht überfallen wollte, dass eine ihrer liebsten Hofdamen eine Mörderin war, blieb ihm nichts anderes übrig als es dem Kardinal zu berichten. Seine Offenheit verschaffe ihn jetzt immerhin die Genugtuung, Richelieu völlig verdutzt zu sehen. „Lady Adelina? Seid Ihr Euch da sicher?“

Tréville sah ihm fest in die Augen. „Ja.“ Und er berichtete Richelieu alles, was er und seine Musketiere herausgefunden hatten. Richelieu hörte zu, stumm und reglos, nur hin und wieder entschlüpfte ihm ein Laut des Erstaunens. Am Ende von Trévilles Erzählung waren Richelieus Lippen nur noch ein schmaler Strich und er schüttelte fassungslos den Kopf. „Lady Adelina! Wie unverfroren von den Engländern uns eine so auffallend schöne Spionin zu schicken und sie uns so offensichtlich zu präsentieren.“ In Richelieus Stimme schwang neben Ärger auch ein Hauch von Bewunderung mit. Unverfrorenheit und Raffiniertheit hatte er schon immer bewundert, sogar bei seinen Feinden.

Allerdings fand Tréville, dass es jetzt gerade Wichtigeres gab, als den Engländern für ihre Spionagestrategie Respekt zu zollen. „Wir müssen Adelina sofort festnehmen. Bevor sie noch mehr Unheil anrichten kann!“

Das schien Richelieu aufzurütteln. „Ihr habt natürlich Recht, Tréville. Besonders da die Königin ja einen Narren an unserer Lady gefressen hat. Wir müssen sie sofort davon in Kenntnis setzen.“ Ein boshaftes Lächeln zuckte um seine Mundwinkel. Wahrscheinlich konnte er es kaum erwarten der einsamen Anna unter die Nase zu reiben, dass eine ihrer wenigen Vertrauten, in Wirklichkeit eine Spionin war.

Tréville freute das weniger, er bedauerte es, Anna Kummer zu bereiten. Und es zog ihm das Herz zusammen, wenn er daran dachte, dass er Porthos noch eine viel tiefere Wunde würde zufügen müssen. Wie würde sein braver treuer Musketier reagieren, wenn er erfuhr, dass seine Geliebte in Wirklichkeit jene war, die seinen Kameraden ermordet und seinen besten Freund ins Gefängnis gebracht hatte? Er konnte Porthos dieses Leid nicht ersparen. Das Einzige was er tun konnte, war ihm die Nachricht so schonend wie möglich zu überbringen. Für Anna dagegen lag auch das nicht im Bereich des Möglichen. Der Kardinal würde sich diese Chance sie zu demütigen nicht entgehen lassen. „Kümmert Ihr Euch um Adelina. Ich werde dafür sorgen, dass Ihr Komplize, Pater Jacques verhaftet wird.“

Richelieu nickte. „Sobald der König zurückkehrt, werde ich ihn von diesen Ungeheuerlichkeiten berichten. Geht mit Gott, Tréville.“

Das war eine deutliche Entlassung. Tréville neigte kurz den Kopf und machte dann auf dem Absatz kehrt. Er würde zuerst einmal in die Garnison zurückkehren um seine Musketiere zu informieren und sie dann sofort zum Pfarrhaus zu schicken. Der falsche Priester und die verräterische Lady hatten genug Unheil gestiftet. Jetzt würden sie ihnen das Handwerk legen.

Es wäre bedeutend einfacher gewesen, wenn nicht auch Porthos‘ Herz in diesem tödlichen Spiel verwickelt gewesen wäre.

 

—-

 

John wartete unter jenem Baum auf sie, der ihnen schon öfters als Treffpunkt gedient hatte. Schon von weitem sah sie ihn, wie er nervös auf und ab tigerte, wobei sich sein schwarzes Priestergewand im Wind blähte. Es war immer noch seltsam, ihn in dieser schlichten Robe zu sehen, er, der doch ebenso wie sie eine Schwäche für aufwendige Kleidung hatte. Es hatte ihm auch nicht sonderlich gefallen, die Rolle eines Priesters übernehmen zu müssen, aber die Tarnung war perfekt gewesen. Zumindest bis alles schiefgelaufen war.

„Du bist zu spät“, begrüsste er Adelina missmutig, als sie vom Pferderücken glitt.

„Ich habe auch einen guten Grund dafür“, erwiderte sie, nachdem sie ihn auf die Wange geküsst hatte. Sie fühlte sich noch immer euphorisch nach ihrem Gespräch mit Porthos. Dieser Dummkopf hatte ihr endlich gesagt was sie wissen musste, um die letzte verräterische Spur zu löschen. „Ich habe herausgefunden, wo die Musketiere Aramis versteckt haben. Jetzt können wir endlich deinen Fehler korrigieren.“

Sie könnte nicht verhindern, dass sich leichter Tadel in ihre Stimme schlich. John ging sofort in Verteidigungsstellung. „Du trägst mindestens ebenso Schuld daran, dass wir so viele Scherereien hatten, Adelina! Immerhin war Francis deine Quelle und dein Liebhaber! Und obwohl du dachtest, dass dein Netz aus Liebreiz genügt um ihn zu zähmen ist er dir auf die Schliche gekommen“

Das entsprach der Wahrheit und das ärgerte sie noch immer. Francis hatte ihr aus der Hand gefressen. Wenn sie sich den Mond gewünscht hätte, hätte er nicht nur versucht ihr diesen vom Himmel zu holen, er hätte ihr auch noch die Sterne zu Füssen gelegt. Aber dann war dieser verfluchte französische Spion gestorben und er war plötzlich geradezu besessen gewesen, herauszufinden, wie die Tarnung seines Freundes so plötzlich hatte auffliegen können. Adelina musste sich eingestehen, dass sie Francis unterschätzt hatte. Sie hätte nie gedacht, dass er tatsächlich hinter ihre Machenschaften kommen würde.

Adelina warf in einer herablassenden Geste den Kopf in den Nacken. „Das mit Francis war tatsächlich mein Fehler. Aber wenn er nicht so verliebt in mich gewesen wäre, hätte er mich gleich verraten und hätte mir nicht ein Ultimatum gestellt. Zu dumm nur, dass du ihn erst erwischt hast, nachdem er Aramis von mir erzählt hat. Aber das wäre ein Problem gewesen, dass du gleich hättest lösen können – wenn du ihm die Kehle aufgeschlitzt hättest.“

John verdrehte die Augen. „Das hatten wir doch schon einmal, Adelina. Ich dachte, wenn ich es so aussehen lasse, als hätte Aramis Francis getötet, würde er ohnehin vom Kardinal zum Tode verurteilt werden. Und dann hätte sich der Zorn der Musketiere ganz auf Richelieu gerichtet und niemand hätte mehr nachgeforscht, wer Francis ermordet hat.“

„Ich habe dir gleich gesagt, dass das ein blöder Plan ist“, zischte Adelina, „wenn Aramis nicht glücklicherweise durch den Schlag auf den Kopf seine Erinnerung an jenen Abend verloren hätte, hätte er mich auffliegen lassen. Schon um Porthos vor mir zu schützen. Und dann hast du uns mit dieser Handlung die Musketiere erst recht auf den Hals gehetzt. Wenn sie nicht unbedingt die Unschuld ihres Freundes hätten beweisen wollen, wären sie dir jetzt nicht so dicht auf den Fersen!“

„Ach, und wenn ich Aramis getötet hätte? Meinst du sie hätten dann nicht Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt um den Mörder zu finden?“

Ein berechtigter Einwand. Dennoch machte Adelina eine wegwerfende Handbewegung. „Tot ist tot. Aramis wäre dadurch ja doch nicht wieder lebendig geworden. Hoffnung ist bei Musketieren der grössere Antrieb als Rache.“

„Oh, ich weiss, du kennst das Seelenleben der Musketiere in – und auswendig. Immerhin lagst du ja auch mit der Hälfte von ihnen im Bett!“, stichelte John.

„Es waren zwei, mein lieber Bruder, nur zwei. Wenn ich das nicht getan hätte, dann wäre unsere Spionagetätigkeit hier nie so erfolgreich gewesen. Und auch jetzt, profitieren wir von meiner Verführungskunst. Sonst hätte mir Porthos doch nie erzählt, wo ich Aramis finden kann. Und jetzt können wir zu Ende führen, was wir begonnen haben.“

„Wieso eigentlich die ganze Mühe? Du hast mir doch erzählt, Aramis sei schwer krank und liege im Sterben?“, wunderte sich John.

Auch so eine unglückliche Wendung. Als Tréville ihr damals berichtet hatte, dass Aramis erkrankt war, war es ihr schwergefallen nicht zu jubeln. Die Gefahr, dass Aramis sich doch noch erinnern könnte, schien sich von selbst zu lösen. Aber dann war Porthos wieder in Paris aufgetaucht und hatte so gar nicht den Anschein eines Trauernden gemacht. Da war ihr klar geworden, dass sie kein Risiko mehr eingehen konnte. „Offenbar können wir nicht mehr davon ausgehen, dass Aramis auf natürliche Weise von uns geht. Ich glaube, da müssen wir ein bisschen nachhelfen.“ Sie zog den Dolch hervor, den sie stets in ihrem Mieder verbarg. Normalerweise überliess sie John die blutigen Seite ihre Aufträge, aber das hiess nicht, dass sie nicht in der Lage war ihr tödliches Handwerk zu vollbringen, wenn es sein musste.

Sie schenkte ihren Bruder ein strahlendes Lächeln. „Für England, Bruder.“

„Für England, Schwester.“

—-

D’Artagnan hielt sich eigentlich nicht für hellseherisch begabt. Schliesslich war er keine Madame Lilith. Aber manchmal warnten ihn seine Instinkte lange bevor etwas Schlimmes geschehen war. Sein Vater hatte immer darüber gelacht und gemeint, d’Artagnan sei offenbar ein halbes Pferd, nicht nur wegen seines feinen Gehörs, sondern auch, weil er vor Gefahr scheute, noch bevor diese überhaupt eingetreten war. So war es auch heute. Seit Porthos ungewohnt schweigsam von seinem Stelldichein mit Adelina zurückgekehrt war, konnte er seine Beine einfach nicht mehr stillhalten. Während also Athos sich von Porthos im Kartenspiel über den Tisch ziehen liess – um Porthos‘ Laune nicht weiter zu verschlechtern, schien Athos sich dafür entschieden zu haben, seine gar grosszügige Auslegung der Regeln zu ignorieren – führte d’Artagnan seine Stute, die treue Iphigenie am Zügel über den Hof. Das arme Tier stand schon viel zu lange unbewegt im Stall, weil ihr Herr die ganze Zeit zu Fuss in Paris rumrannte. Und so konnte er seine Unruhe zumindest ein wenig bezähmen.

Gerade überlegte er, ob er vielleicht sogar einen Ausritt wagen könnte, als Iphigenies freudiges Wiehern, Trévilles Ankunft verkündete. D’Artagnan hatte schon immer die Vermutung gehabt, dass seine Stute ein Auge auf Trévilles feurigen Hengst geworfen hatte und die Art wie sie jetzt den schönen Kopf in den Nacken warf, bestätigte ihm das. Seine Freunde lachten immer darüber, dass er dem Gefühlsleben der Pferde zu viel Aufmerksamkeit schenkte, aber schliesslich war sein Vater berühmt gewesen für seine Pferdezucht und hatte ihn gelernt, diese Tier und ihre Sensibilität ernst zu nehmen.

Wenn er jetzt das Gefühlsleben seines Hauptmannes einschätzte, kam d’Artagnan zum Schluss, dass Tréville düsteren Sinnes war. Er schwang sich ohne ein Wort des Grusses vom Pferd und warf die Zügel dann d’Artagnan zu. „Bring die Pferde in den Stall und komm dann zu mir ins Arbeitszimmer. Und ihr auch!“, rief er Porthos und Athos zu, die sich bereits erhoben hatte. Als d’Artagnan die beiden Pferde in den Stall führte, sah er, wie Tréville Porthos einen kummervollen Blick zuwarf und das ungute Gefühl in d’Artagnans Magengegend verstärkte sich.

Entgegen seiner Gewohnheit sich selbst um Iphigenie zu kümmern, überliess er die Aufgaben dieses Mal dem Stallburschen. Zu gross war seine Neugier auf Trévilles Nachrichten. Nur wenige Augenblicke später stürzte er atemlos und noch mit Strohhalmen an den Stiefeln in das Arbeitszimmer, wo Porthos und Athos auf Stühlen sassen, während Tréville ihnen den Rücken kehrte und aus dem Fenster starrte. Die drei Freunde warfen sich beunruhigte Blicke zu. Wenn Tréville so melancholischer Stimmung war, bedeutete dies nichts Gutes. Nur weniges vermochte den zähen Hauptmann zu erschüttern, doch nun war es offensichtlich geschehen.

Als die Tür hinter d’Artagnan geräuschvoll ins Schloss fiel, schreckte er zusammen. Er wandte sich seinen Männern zu, die Stirn von Sorgen umwölkt. „Ich war bei Fleur Delacroix“, begann er ohne Umschweife, „und sie ist keine Spionin. Zwar hatte sie ein Geheimnis, doch keines, dass uns etwas anginge. Tatsächlich wurde sie in diese Intrige verwickelt und uns bewusst als Verdächtige präsentiert. Von der wahren Schuldigen, die uns alle an der Nase herumgeführt hat.“

Bei den letzten Worten sah er Porthos voller Mitgefühl an. D’Artagnan ahnte mit jäher Klarheit worauf Tréville hinauswollte. Fleur war nur deshalb in den Mittelpunkt der Ermittlungen gerückt, weil jemand behauptet hatte, die Kette, die Francis bei sich getragen hatte, gehöre ihr. Und dieser jemand war niemand anderes gewesen als jene Frau, die Porthos‘ liebte. An der Art wie Athos scharf die Luft einsog, bemerkte d’Artagnan, dass dieser zum selben Schluss gekommen war. Porthos jedoch schien nicht zu verstehen. Vielleicht wollte er es einfach auch nicht verstehen. Er stand nur da und erwiderte Trévilles Blick, stumm und verwirrt.

„Die Spionin nach der wir suchten ist Lady Adelina.“ Tréville sagte es kurz und knapp, seine Augen jedoch verrieten, wie schwer es ihm gefallen war, diese Worte, die für Porthos wie Messerstiche ins Herz sein mussten, auszusprechen. Er streckte die Hand nach Porthos aus, um sie ihm tröstend auf die Schulter zu legen, doch dieser wich vor ihm zurück.

„Adelina? Nein, das kann nicht sein…sie würde nicht…niemals…“, stammelte er fassungslos und er sah hilfesuchend zu seinen Freunden, als hoffe er, sie würden Tréville heftig widersprechen.

Und ach, wie gerne hätte d’Artagnan das getan um Porthos‘ Schmerz zu lindern, wie gern hätte er selbst statt der fröhlichen und herzlichen Adelina einen dunklen Schergen, am besten noch in Diensten des Kardinals, als Täter identifiziert. Doch das Leben war nun einmal kein Roman, den man selbst nach Belieben ausschmücken konnte und wie von selbst begann d’Artagnans Verstand die verstreuten Scherben der mysteriösen Geschehnisse der letzten Tage zusammenzusetzen. Alles machte auf entsetzliche Art und Weise Sinn: Adelina, die Engländerin war und mit ihrem Komplizen auf diese Weise kommunizierte, die rote Locke, die dieser aufbewahrt hatte, die geheimnisvolle Kette, die Francis bei sich getragen hatte und die sie so geschickt als Beweis gegen Fleur verwendet hatte, Adelina, die als Hofdame gewiss auch über die Geheimgänge im Palast Bescheid wusste, weshalb es ihr ein Leichtes gewesen war, den Kardinal und Tréville in der Bibliothek zu überfallen. Nein, er konnte Porthos keine falschen Hoffnungen wecken, denn sie wären vergebens gewesen. Alles was er tun konnte, war seinen zitternden Freund in den Arm zu nehmen um ihm diese schwere Stunde zumindest etwas leichter zu machen.

Athos war aschgrau im Gesicht geworden. „Adelina war also Francis‘ Geliebte. Und im Glauben, dass er ihr vertrauen könnte und in seiner Verliebtheit, hat er ihr die Geheimnisse der Musketiere erzählt.“

Tréville nickte grimmig. „Er muss ihr auch von Isaac erzählt haben. Ihr wisst schon; der Musketier, dessen Tarnung am englischen Hof plötzlich aufgeflogen ist. Jetzt wissen wir endlich auch wieso. Weil Adelina ihrem Herrn Bericht erstattet hat. Dummer Francis“, fügte er bitter hinzu. Eine durchaus berechtigte Äusserung, wie d’Artagnan fand. Auch wenn er nicht hatte wissen können, dass er in den Armen einer Spionin lag, war es äusserst fahrlässig gewesen einer Engländerin von einer so heiklen Mission zu berichten. Andererseits: Wie oft hatte sein eigenes Herz ihn schon zu Dummheiten verführt?

Und plötzlich kam ihm die Grabplatte in den Sinn, die ihm damals bei der Beerdigung von Francis aufgefallen war. „Nur der Tod kann nicht verraten“, zitierte er und alle Köpfe drehten sich zu ihm um. „Das stand auf Isaacs Grab. Ich konnte den Namen damals nicht richtig einordnen, aber jetzt macht der Satz Sinn. Wahrscheinlich hat Francis den Spruch ausgesucht. Vielleicht als Mahnung an sich selbst oder als Hinweis für uns. Weil er herausgefunden hatte, wer der Verräter war.“

Tréville nickte. „Und deshalb hat er auch den Brief geschrieben und versteckt. Er wusste, dass sein Leben in Gefahr war und hat deshalb diese Vorkehrungen getroffen. Nur, wieso er nicht gleich zu mir gekommen? Uns wäre viel erspart worden. Und er würde wohl noch leben!“

„Weil er sie liebte. Vielleicht wollte er ihr die Möglichkeit geben zu fliehen“, wandte Athos ein. Er klang ungewohnt sanft und seine Hand berührte flüchtig die von Porthos, als wolle er, der kein Freund grosser Zärtlichkeiten war, ihn zumindest so seiner Unterstützung versichern. Natürlich, Athos hatte dieselbe Geschichte erlebt und wusste wie es war, wenn man zerrissen wurde, zwischen Liebe und Hass. D’Artagnan war diese Erfahrung bisher erspart geblieben, aber der Teufel sollte ihn holen, wenn er zuliess, dass Porthos nun in denselben tödlichen Strudel aus Selbsthass gezogen wurde, den auch Athos so lange hatte bekämpfen müssen.

„Das macht Sinn. Und weil er ihr diese Möglichkeit gab, wusste sie, dass ihre Tarnung gefährdet war und so hat sie sich dafür entschieden, ihn zu töten.“

Trévilles Nüchternheit schien Porthos den Rest zu geben. Er schlug die Hände vors Gesicht, nur um sie gleich wieder sinken zu lassen. Ein trotziger Ausdruck war in seine dunklen Augen getreten. „Sie kann es nicht gewesen sein! An jenen Abend waren wir zusammen. Sie hat ihn gar nicht töten können!“ Die verzweifelte Hoffnung liess seine Stimme schrill werden.

Athos schüttelte den Kopf. „Sie nicht. Aber Jacques, der ihr Verbindungsmann und ihr Komplize war. Und er war es auch, der Robert Dupont erpresst hat, so dass dieser vor dem Gericht Aramis belastete. Robert hat ihm wohl im Beichtstuhl von seiner verhängnisvollen Liebe zu Männern berichtet und das hat er als Druckmittel benutzt bevor er auch diesen gefährlichen Zeugen umgebracht hat.“

Das sonst so fröhliche, lebhafte Gesicht Porthos‘ hatte sich in eine Maske aus Schmerz verwandelt und er schüttelte immer wieder den Kopf, als versuche er aus einen bösen Traum zu erwachen. Das kurze Aufbäumen der Hoffnung war vorbei, jetzt blieb nur noch die verzweifelte Akzeptanz der schmerzhaften Tatsachen. „Adelina…ich habe ihr blind vertraut und sie…und sie…“ Mit einem Aufschluchzen verbarg er das Gesicht in den Händen.

„Aber wie passt Aramis in diese Geschichte?“, fragte d’Artagnan, während er gleichzeitig über Porthos‘ Rücken strich. Es war schwer mitanzusehen wie der unerschütterliche Hüne, der gerade in den letzten Tagen ihr Rückhalt und ihre Stärke gewesen war, nun so in sich zusammensank, als wären mit den Enthüllungen alles Leben aus ihm gewichen.

„Zufällig, wahrscheinlich. Er war an Francis‘ Todestag mit ihm zusammen. Und er war der passende Sündenbock. Zur falschen Zeit am falschen Ort.“ Athos hob die Schultern.

„Oder aber“, wandte d’Artagnan ein, „sie fürchteten, dass Francis Aramis von Adelinas wahren Absichten erzählt hat.“

Bei diesen Worten hob Porthos den Kopf. Er war so bleich wie frisch gefallener Schnee und seine Augen waren wie dunkle tiefe Brunnen. „Francis hat es Aramis erzählt. An diesem Abend. Aramis konnte sich nach dem Schlag auf den Kopf nur nicht daran erinnern. Aber in seinem hohen Fieber hat er immer wieder nach mir gerufen. Nicht, weil er mich an seiner Seite wollte, wie wir dachten. Sondern weil er mich warnen wollte.“

 

Bedrückte Stille. Wenn das stimmte, dann war Aramis nicht zufällig in diese dunklen Geschehnisse geschlittert, sondern war bewusst aus dem Weg geräumt worden. Und auch das machte auf eine schreckliche Art und Weise Sinn. Denn warum sonst hätten sie Dupont erpressen sollen, so dass er seine Aussage so korrigierte, dass Aramis als der Schuldige dastand? So hätten sie sich elegant auch dieses Zeugen entledigen können. „Gut, haben wir Aramis in Sicherheit gebracht“, meinte d’Artagnan erleichtert. Sie hatten damals geglaubt, ihn vor den Klauen des Kardinals beschützen zu müssen…und in Wirklichkeit hatten sie ihn vor den Mördern Francis‘ beschützt.

„Und gut wissen sie nicht, wo Aramis sich aufhält“, ergänzte Athos.

Bei diesen Worten entschlüpfte Porthos ein entsetztes Keuchen. Er wand sich aus d’Artagnans Armen und sprang auf. Auf einmal wirkte er nicht mehr niedergeschmettert, sondern eher wild wie eine Furie. „O mein Gott! Als Adelina heute zu mir kam, wollte sie wissen wo Aramis  ist. Angeblich weil die Königin sie damit beauftragt hat, es in Erfahrung zu bringen. Und ich…und ich…“ Er brach ab.

Athos war nun ebenfalls aufgesprungen. „Du hast es ihr nicht gesagt? Oder? Porthos, sag mir, dass du ihr nicht erzählt hast, wo Aramis zu finden ist?“

Wie in Trance nickte Porthos. „Doch. Sie weiss es. Sie wird ihn aufsuchen um ihn zu töten. Und alle, die sich ihr in den Weg stellen!“

D’Artagnans Herz blieb stehen.

 

Constance!

 

——

 

Anmerkung: Wir nähern uns dem Finale, meine Lieben….Ich hoffe, ihr verzeiht mir den klitzekleinen Cliffhanger und seid nicht enttäuscht über die Auflösung des Falls. Jetzt können die Jungs endlich aufhören Detektiv spielen und das machen, was ihnen liegt. Reiten, fechten und schöne Frauen retten. Und natürlich Aramis. Wobei, wer weiss ob ihnen das gelingt?


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