Artagnan.de - Fanfiction zu Dumas' drei Musketieren

And if I were to meet....


5. Zwei Triumvirate

von Gast


Zwei Triumvirate

Es war kalt. Lausig kalt und ich fragte mich, ob ich schon wieder in der Badewanne eingeschlafen war. Als Kind wird einem immer eingetrichtert, bloß nicht auch nur für ein paar Minuten die Augen zu schließen, wenn man im angenehm temperierten Wasser liegt. Aber mittlerweile bin ich wohl alt und vor allem groß genug, so dass Ertrinken eher ausgeschlossen sein sollte. Eher müssten sich meine Beine dreimal zusammenfalten, bevor mein Kopf auch nur halb unter Wasser rutschen könnte. Was Erfrieren angeht, bin ich mir allerdings nicht so ganz sicher.

Besonders in diesem Augenblick, als ich, noch schlaftrunken und eher unwillig halb ein Auge öffnete, war ich beinahe davon überzeugt, dass meine Badewanne einem Eismeer gleichkam. Wie viel Zeit musste vergehen, bis einige Liter Wasser dermaßen abkühlen konnten? Vor allem, so plötzlich abkühlten, dass ich in einem Augenblick noch die wohlig warme Nässe auf der Haut spürte und im nächsten Moment das Gefühl hatte, man hätte mich geradewegs ins Gefrierfach gesetzt?

Als mein rechtes Augenlid endlich den Kampf gegen die Schwerkraft gewonnen hatte, war es für das linke keine Schwierigkeit mehr, ebenfalls aufgerissen zu werden. Denn was sich meinem erst müden, dann ungläubigen und schließlich ganz und gar fassungslosem Blick bot, das war eine plötzliche Kraftanstrengung schon wert. Mein kleines, gemütliches Badezimmer, mein Handtuch, mein Micky Maus-Heft, mein Badeschaum, mein Wasser - das alles war weg! Statt in der Wanne, saß ich auf einer dunklen Straße, mitten im Dreck, lehnte gegen eine kalte Hauswand und starrte mit offenem Mund auf das gegenüberliegende Haus, ein architektonisch eigentlich unmögliches Machwerk, das wahrscheinlich nur von den Nachbargebäude in seiner aufrechten Position gehalten wurde.

Weiß der Teufel, warum mir solch eine bauingeneurliche Kleinigkeit in diesem Moment besonders auffiel, zumal ich mit Architektur ansonsten herzlich wenig zu schaffen habe. Wahrscheinlich verarbeitete mein Gehirn erst einmal das, was noch einigermaßen real wirkte, während der Rest meines Körpers noch überlegte, ob er sich überhaupt hier befand oder nicht doch noch daheim in der Badewanne.

Mechanisch hob ich eine Hand und kniff mir in den anderen Arm. Mein ohnehin schon völlig überlastetes Denkorgan brachte irgendwie das Kunststück fertig, zwischen der Erkenntnis, dass ich mich hier in einer dunklen, kalten Straße mit Häusern aus einem längst vergangenen Jahrhundert befand, auch noch festzustellen, dass meine Finger nicht in nackte Haut, sondern zusätzlich noch in Stoff kniffen. Ich riß mich nur mühsam vom Anblick der Häuserfront los und blickte an mir selbst herunter. Mit lang ausgestreckten Beinen saß ich da und dass ich nicht tatsächlich schon längst erfroren war, sondern jetzt nur jämmerlich anfing zu zittern - ob vor Kälte oder des Schocks wegen wusste ich nicht zu sagen - dafür hatte einiger Stoff gesorgt, den ich in Ermangelung eines besseren Wortes als Kleid bezeichnen wollte. Es war geblümt.

Zunächst einmal: Ich trage eigentlich keine Kleider. Zweitens: Blumenmuster sind mir ein Gräuel! Drittens: Wer hatte mir das angezogen, mich aus meiner Badewanne entführt und hierher verfrachtet, in eine Gasse, die mir verflucht bekannt vorkam, auch wenn ich sie bis jetzt nur in meiner Phantasie gesehen hatte?!

Etwas umständlich rappelte ich mich hoch, woran nicht zuletzt dieses Kleid Schuld trug, denn es war ziemlich schwierig, mit viel zuviel überflüssigem Stoff an einem dran das Gleichgewicht zu halten. Immerhin hielt es die gröbste Kälte ab, aber gegen einen Mantel oder ein Cape - aber bitte passend zum Blumenmuster! (Es ist schon faszinierend, was man in einer eigentlich absolut unmöglichen Situation denken kann) - hätte ich auch nichts einzuwenden gehabt. Meine Füße steckten in irgendwelchen unbequemen Schuhen und da ich noch nie der Pomps- und Pfennigabsätze-Fraktion angehörte, war mir nach dem ersten unsicheren Schritt fort von meiner stützenden Hauswand schon bald klar, dass ich nicht nur eine Blase zu behandeln hatte, sobald ich wieder daheim war.

Daheim… Himmel, die Rue des Fossoyeurs sah tatsächlich so aus, wie ich sie mir immer vorgestellt hatte! Alles war da! Sogar der eine Straßenstein, den man mit viel Phantasie und im schlechten Licht für ein kauerndes Tier halten mochte. Allmählich schien sich mein Verstand an die neue Umgebung gewöhnt zu haben, denn zähflüssig setzte mein Denken wieder ein. Und natürlich fiel mir nichts besseres ein, als zunächst einmal festzustellen, dass das alles gar nicht wahr sein konnte.

Ein neuerlicher Kniff in den Arm machte mir aber bald klar, dass es sehr wohl wahr war und einen winzigen Moment lang war ich froh, dass ich mir diese Gasse nie bedrohlich, sondern einladend und offen, vielleicht etwas zu eng für einen Karren oder ein Fuhrwerk, aber sehr gemütlich zum Spazieren vorgestellt hatte. Denn auch wenn es wahr sein mochte, ein Traum blieb es trotzdem. Etwas anderes konnte ja schlecht möglich sein. Also, eigentlich war ich gar nicht hier, aber irgendwie war ich es doch. Dabei nehme ich gar keine Drogen. Und halluziniert habe ich auch nie. Höchstens vor dem Computer, aber das war produktives Halluzinieren zwecks Geschichten erfinden…

Langsam kroch die Kälte immer tiefer in mein Kleid, dass ich mittlerweile aufgegeben hatte, zu verfluchen. Das war komisch. In Träumen war mir selten so real kalt. Aber ich wusste, wenn ich nicht gleich irgendwo einen warmen Offen finden würde, dann wären Blasen an den Füßen noch meine geringste Sorge. Gott sei Dank war das hier ja _meine_ Rue. Und Gott sei dank wusste ich von daher genau, wo ein gewisser Leutnant der Musketiere wohnte, an dessen Haustür ich klopfen konnte. Und das war im Grunde genommen auch _meine_ Haustür, denn das alles hier gehörte mir.

Erste Zweifel an dieser, zugegeben etwas stark übertrieben, Theorie kamen mir, als ich die Straße hinunterging, das gesuchte Haus fand und dort gar nicht anklopfen konnte, denn gerade, als ich die Hand hob, wurde die Tür von sich aus geöffnet. Und wem stand ich gegenüber? Einer anderen jungen Frau! So etwa in meinem Alter, aber sie trug Jeans! Warum musste ich in geblümtem Stoff herumrennen?! war das erste, was mir dazu einfiel, bevor ich Stella erkannte. Ich erkannte sie, obwohl ich sie noch nie gesehen hatte. Aber das war ja _mein_ Traum, also musste das da wohl Stella sein und das hinter hier…

Ich hätte mir schon einen etwas erfreuteren Gesichtsausdruck gewünscht, wenn ich in meiner, heute Abend anscheinend besonders lebhaften, Phantasie dem Held meiner Träume gegenüberstand, aber stattdessen bedachte mich d’Artagnan mit einer reichlich überraschten Miene und sah über die Schulter zurück nach hinten in seine Wohnung, wo im Hintergrund Planchet stand und nicht minder verwirrt die Schultern hob. Ich hatte das Gefühl, irgendetwas verpasst zu haben, aber ich war mir ziemlich sicher, dass Stella mir darauf eine Antwort geben konnte.

“Ok, was hast Du angestellt?” war meine erste Frage an die Freundin. Wann immer ich d’Artagnan in solch einer Verfassung fand, dann hatte garantiert Stella etwas damit zu tun. Nicht, dass ich in dieser Hinsicht nicht auch schon einiges angestellt hätte - aber wenn in meinem Traum schon eine andere Autorin auftauchte, dann konnte es ja nicht an mir liegen, oder?

*~*~*~*

“Ich weiß nicht, was sie gegen Blümchenmuster hat”, kicherte Aeris leise und zupfte an einem Veilchen in ihrem Korb.

“Das Blumenmädchen aus dem Slums…” schüttelte Sam Mumm schmunzelnd den Kopf. “Ich hätte nicht erwartet, dass du dich einmischst. Normalerweise hältst du dich aus allem heraus.”

“Ich arbeite eben gerne im Hintergrund. Weißt du, es ist nicht einfach, nur noch geistige Energie zu sein. Um diesen Körper zu erhalten musste ich schon sehr weit in die Vergangenheit zurückgehen. Und siehst du? Ich bin noch immer sehr blaß...”

“Ich bin froh, dass du hier bist”, bedachte Cloud das Blumenmädchen mit einem liebevollem Blick und schulterte sein riesiges Schwert etwas bequemer. Tatsächlich konnte man durch Aeris Kopf hindurch leicht vernebelt die Verbindungsgasse zwischen der Rue Ferou und der Rue des Fossoyeurs erkennen. Cloud selbst wirkte nicht gar so körperlos und dennoch schien auch er nicht völlig an Konturen gewonnen zu haben. Vielleicht lag es daran, dass der Weg von einem Computerspiel, über Comics, Fanarts und Kurzgeschichten etwas holprig gewesen war. “Trotzdem frage ich mich, ob das nötig war. In letzter Zeit scheint sie wieder viel öfter an uns zu denken…”

“Das ist nur eine Phase”, mischte sich Mumm mit einem unwilligen Kopfschütteln ein. “Gute Spiele holt man immer wieder mal hervor, aber wann hat sie euch das letzte Mal etwas geschrieben?”

“Aber sie hat es Motti versprochen…” erwiderte Cloud mit seinem typischen Stirnrunzeln. Mochten die Details seiner Hände, seines Gesichtes und seiner Kleidung auch nicht sehr genau, eher grob gezeichnet sein: Seine blonde Stachelfrisur saß perfekt und nicht eine Locke fiel auf die falsche Weise über seine Augen, wodurch er tatsächlich sehr finster dreinblicken konnte.

“Papperlapapp! Sie hat auch schon anderes versprochen und nie geschrieben! Oder nur angefangen und liegengelassen!” fasste Mumm knapp zusammen.

“Spricht da ein wenig die Eifersucht und Enttäuschung, Mumm?”

“Für dich Sir Samuel Mumm, Herzog von Ankh-Morpok, Kommandeur der Nachtwache, Pixelhintern.”

“Bitte, Sir Samuel”, mischte sich Aeris mit sanfter Stimme ein, bevor Cloud Gebrauch von seinem Schwert machen konnte. Anscheinend hatte Mumm in seiner Schreibtischschublade noch eine letzte Flasche Bärendrücker gefunden und der Alkohol war ihm nach langer Zeit der Abstinenz nicht mehr so ganz bekommen. “Lasst uns nicht streiten. Wir sind doch wegen etwas ganz anderem hier. Und es lief gerade so gut… Wenn zwei sich Streiten…”

“...freut sich der Dritte”, nickte Mumm. “Und vielleicht überlässt sie diesen Leutnant ja doch Stella - Einen Leutnant, könnt ihr euch das vorstellen?! Ich habe meine Bekanntschaft mit ihr schon als Hauptmann begonnen, bin Herzog und Kommandeur geworden, während dieser Kerl noch mindestens zwanzig Jahre den untersten Offiziersrang bekleiden wird! Ich habe schon Verbrechern in den Hintern getreten, als dieses Bübchen da noch versucht hat, das Krabbeln zu lernen!”

“Bitte, beruhige dich, Sir Samuel!” beschwichtige Aeris erneut den Nachtwächter und wandte sich dann Cloud zu, der gedankenversunken wie immer in der Gegend stand und zu versuchen schien, seine Erinnerungen zu sortieren. Aeris seufzte leise. Mit einem übellaunigen Polizisten und einem komplexbeladenem Ex-Soldier sollte sie dieses Mission erfüllen… das konnte noch heiter werden. “Zurück zu Tenaka”, meinte sie bestimmt. “Wir müssen ihm erzählen, dass auch hier alles geklappt hat.”

“Ich werde hier bleiben, und die Drei dort im Auge behalten”, deutete Cloud um die Ecke und erntete einen misstrauischen Blick Mumms. “Wenn der Knabe bleib, bleibe ich auch. Trau dir nich, Stachelkopf.”

Kalte Mako-Augen bohrten sich in den abgehärteten Blick des Kommandeurs. Aeris beendete das stumme Duell indem sie ungeduldig rief: “Schön, schön! Bleibt hier und arrangiert das ein oder andere! Ich werde gehen!”

Schwungvoll drehte sich die letzte der Cetra um und lief die Gasse hinunter. Vielleicht war Tenaka noch bei Peter und den anderen. “Was findet sie eigentlich an den beiden…” hörten Cloud und Mumm sie noch murmeln, bevor sie von der Dunkelheit verschluckt wurde.

Fortsetzung folgt…


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