Artagnan.de - Fanfiction zu Dumas' drei Musketieren

And if I were to meet....


8. Kopfweh

von xalibur


Eine zerlumpte Gestalt sah den schwankenden Musketier und seine Begleitung aus dem Garten kommen und schaute ihnen nachdenklich nach. Dann verschwand sie selbst in der Richtung, aus der die beiden gekommen waren. Das Licht ließ immer noch nicht mehr als Schemen erkennen, aber der Mann fand den Mantel, einen guten, festen Mantel mit einer Schließe aus Silber. Das war ein Fang! Trotzdem suchte er weiter. Wenn die feinen Herrschaften so nachlässig gewesen waren, hatten sie vielleicht noch mehr verloren. Dann hörte er Schritte auf dem Pflaster der Rue Ferrou näherkommen. Kurz überlegte er, dann warf er den Mantel wieder dorthin, wo er vorher gelegen hatte und verbarg sich eilig im Gebüsch. Der Mantel war nicht schlecht, aber sollte sein Besitzer zurückkehren, mochte noch fettere Beute winken. Immerhin hatte der alles andere als fest auf seinen Beinen gestanden. Er sollte nicht schwer sein, mit ihm fertig zu werden, und wer weiß, was sich in seinen Taschen fand. Tatsächlich betrat einen Augenblick später eine Gestalt den Garten und ging arglos zu der Stelle, wo der Mantel im Gras lag. Der Dieb lächelte und packte sein Messer fester. Abschätzend betrachtete er die Sihoutte vor ihm, kein Degen an der Seite, dies war nicht der Soldat, sondern der andere. Nein, totmachen mußte er den nicht, er war schließlich ein guter Christenmensch und versündigte sich nicht, wenn es nicht nötig war. Hier würde ein fester Schlag allemal reichen. Als das Opfer sich bückte, um den Mantel aufzuheben, war er mit zwei, drei Schritten hinter ihm und ließ den Knauf des Dolches auf seinen Hinterkopf herabsausen. Mit einem Aufstöhnen brach die Gestalt zusammen und stürzte Gesicht voran ins Gras. Schnell bückte er sich, drehte sie auf den Rücken und wollte ihr das Wams ausziehen. Aber was war das? Keine Knöpfe oder Haken! Nur so etwas wie eine breite Naht aus Metall. Und bei den Stiefeln und der Hose war es dasselbe! Wie zum Teufel sollte man das ausziehen? Und irgendwie mußte man es ausziehen können, schließlich war es ja auch einmal angezogen worden. Das Problem fesselte seine Aufmerksamkeit so sehr, daß er nicht bemerkte, daß er nicht mehr allein im Garten war. Erst als ein Kiesel haarscharf an seinem Kopf vorbeipfiff, schreckte er auf. Sacrebleu! Eine Bande lumpiger, kleiner Bettlerkinder hatte ihn eingekreist, Gesocks, aber er wußte, daß die Schleudern in ihren Händen eine ernstzunehmende Bedrohung waren. Er knurrte wütend und verwünschte sie, aber es blieb ihm keine Wahl, als mit leeren Händen abzuziehen.

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“Wir haben sie gefunden, Villon!” Der magere 8jährige, der eben die bescheidene Stube betrat,  war noch ganz außer Atem. “Hat ein bischen Pech gehabt, die Gute, und eins über den Schädel bekommen.” Villon wurde blaß. Was hatte Tenaka da nur angerichtet? Hatte er bedacht, daß die Autoren hier zu Schaden kommen mochten? Schließlich war da niemand, der das Universum kontrollierte, während die Autoren selbst darin gefangen waren. Hart faßte er den Jungen am Arm “Aber sie ist nicht ernstlich verletzt?” Der Junge sah die Furcht in Villons Zügen und erwiderte verunsichert “Ich glaube nicht. Ich weiß nicht. Am Kopf hat sie geblutet.” “Hol den Karren von Lucia! Wir treffen uns dort.”

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Mir war kalt und elend und ich hatte rasende Kopfschmerzen. Ich mußte mir eine Grippe eingefangen haben, daher auch der lebhafte Traum, der noch schemenhaft in meiner Erinnung war. Mühsam öffnete ich die Augen - und sah Grashalme! Meine Hände griffen in feuchtes Laub. Ich lag nicht in meinem Bett, wo ich hingehörte, und als ich mich bewegte, kniete sich ein Junge in zerrissenen Lumpen zu mir und redete in Französisch auf mich ein!
Die Erinnerung kam zurück. Athos und der Mantel. Der Traum war doch keiner, oder ich träumte immer noch. Ich bekam langsam wirklich Angst. Es mußte ein Traum sein, es ging gar nicht anders, und er verwandelte sich Stück für Stück in einen Alptraum und es gelang mir nicht aufzuwachen! Ich versuchte, mich aufzurichten, aber der Junge rief mit bittender Miene “Non, non, Madame!” und bedachte mich mit einem weiteren Wortschwall, von dem ich nur “ausruhen” verstand und den Namen Francois Villon. Ich schüttelte benommen den Kopf und bereute es im selben Moment. Himmel, nie wieder würde ich leichtfertig in einer Geschichte jemanden niederschlagen lassen! Ich sank zurück und schloß die Augen. Hoffentlich hatte ich keine Gehirnerschütterung. Das nächste, an das ich mich erinnere, war ein wettergegerbtes Gesicht über mir und eine Stimme, die mir sagte: “Keine Angst, ma petite. Es wird alles gut!” Der Mann kam mir bekannt vor und auch wieder nicht. Er half mir auf die Beine, aber das gefiel meinem Magen gar nicht. Ungefähr so schwankend wie vorher Athos wankte ich die paar Schritte zu einem Karren und war froh, daß ich mich darauf ausstrecken durfte. Er deckte mich mit Athos Mantel zu. Dann rumpelten wir eine Weile durch die Straßen. Mein armer Kopf protestierte bei jedem Loch im Pflaster. Endlich hielten wir vor einem ärmlichen, kleinen Haus. Eine zierliche Frau öffnete die Tür und half ihm, mich ins Haus zu bringen und auf ein einfaches, aber leidlich sauberes Bett zu legen. “Hab keine Angst, mein Vögelchen. Das kommt schnell wieder in Ordnung.” sagte sie zu mir. Ich mußte grinsen. Vögelchen. Ich war bestimmt einen Kopf größer und einige Kilo schwerer als sie. “Was sie jetzt braucht, ist Schlaf, Francois. Reden könnt Ihr später.” Sie kam mit einem Becher zurück. “Trink das aus, das läßt Dich schlafen.” Ich hatte leichte Panik. Was im 17. Jahrhundert Hausmedizin war, fällt heute bestimmt unter das Betäubungsmittelgesetz. Aber die Kopfschmerzen waren wirklich schlimm und Aspirin würde erst in knapp 300 Jahren erfunden werden, also trank ich zögerlich und spürte bald danach den Schmerz genau wie die Furcht nachlassen, während meine Gedanken wie langsam ziehende Wolken in die Dunkelheit des Schlafes hinüberdrifteten.

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In der Rue Ferrou wurde ein gewisser Musketier erst gegen Mittag munter und hatte mit kaum weniger üblem Kopfweh zu kämpfen. Oh je, er hatte es wohl übertrieben gestern. Ja, gestern. Träge kam die Erinnerung zurück. Seit der Sache an der Lys war es schlimmer geworden mit der Trinkerei. Mühsam kam er aus dem Bett und wusch sich. Das Rasieren überließ er lieber Grimaud, weil seine Hände zu sehr zitterten. Eigentlich dürfte er gar nicht zum Dienst antreten. Wenn er heute seinen Degen gebrauchen mußte, würde es wohl das letzte Mal gewesen sein. Aber d’Artagnan hatte ihn bis jetzt stets gedeckt, und außer dem Regiment war ihm nichts geblieben. Dann war er fertig angekleidet und bedeutete Grimaud, seinen Mantel zu bringen, aber der sah nur fragend auf seinen Herrn, holte Luft, wie um etwas zu sagen, tat es aber nicht. Athos verzog das Gesicht. “Dann rede, in drei Teufels Namen! Ich erlaube es.” “Ihr hattet keinen Mantel, als die Frau Euch nach Hause brachte.” “Eine Frau?” Athos sah ihn ungläubig an. “Wovon zum Teufel sprichst Du?” “Eine Frau hat Euch gestern Nacht hergebracht, Herr.” Grimaud senkte den Blick, sprach aber trotzig weiter “Ihr hattet Mühe, alleine zu gehen.” “Raus!” Schnell verzog sich der Diener.

Athos suchte mit einer Hand Halt an der Tischkante. Da war keine Erinnerung! Was hatte er mit einer Frau zu schaffen? Wo hatte er den Mantel abgelegt und vor allem warum? War es möglich…? Nein, Unsinn, dazu war er viel zu betrunken gewesen! Oder doch nicht? Hatte sie ihm den Mantel gestohlen? Nein, das gab keinen Sinn. Dann hätte sie ihm gleich alles abnehmen können. Gestern hatte es Sold gegeben und ein tastender Griff verriet ihm, daß der größte Teil der Münzen in seinem Gürtel noch da war. Er rief Grimaud zurück. “Wie hat die Frau ausgesehen?” Grimaud schien zu grübeln. Es kam nicht oft vor, daß er Fragen beantworten mußte. “Seltsam.” “Herrgott nochmal, kannst Du sie nicht besser beschreiben?” schrie ihn sein Herr an. Grimaud duckte sich. Heute war kein guter Tag. Heute war ganz und gar kein guter Tag. “Sie war etwas größer als Ihr, vielleicht Anfang 30 und hatte schönes blondes Haar.” Athos schluckte. An Anne hatte ihn damals zuerst ihr schönes helles Haar angezogen. Er hatte d’Artagnan nicht umsonst vor blonden Frauen gewarnt. “Aber sie war ganz seltsam angezogen. Fast wie ein Mann und auch wieder nicht.” Grimauds Stimme riß ihn aus den Gedanken. “Ich verstehe nicht.” “Sie trug keinen Mantel, sondern so eine Art Wams oder Rock, aber ganz fremdartig geschnitten und darunter, glaube ich, eine Hose.” Athos sah seinen Diener mißtrauisch an. “Sag mal, hast Du etwa gesoffen, als ich nicht zuhause war? Ich werde Dich nicht bestrafen, aber wenn es so war, sag es jetzt!” Er hoffte es fast, dann würde er nicht länger grübeln müssen, aber Grimaud schüttelte nur äußerst energisch den Kopf.


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