"Bacardi"

1. Bacardi

Anmerkung des Autors:

Diese Geschichte ist einem meiner Lieblingspferde aus meiner ehemaligen Reitschule gewidmet. Als der Schulbetrieb eingestellt wurde, ging der Braune in Privatbesitz über, wodurch ich in Folge auch die Möglichkeit verlor, ihn zu reiten. Danke, „Bacardi”, für die schöne Zeit und all die aufregenden gemeinsamen Ritte!

Calais, 1626

Rochefort lehnte an einem Stapel Weinfässer und blickte dem auslaufenden Schiff hinterher. Die neue Agentin Seiner Eminenz hatte die hohen Erwartungen, die der Graf in sie gesetzt hatte, nicht nur erfüllt, sondern noch übertroffen. Und manchmal hatte ihn ihre außerordentliche Kaltblütigkeit, ja Skrupellosigkeit sogar ein wenig erschreckt, auch wenn er sich natürlich der Tatsache bewusst war, dass solche Eigenschaften in einem Metier wie dem ihren nur nützlich sein konnten. Nachdem sich auch der Kardinal von ihren Talenten und ihrer Loyalität ihm gegenüber überzeugt hatte, war Lady de Winter nun erstmals mit einem Auftrag betraut worden, der sie ins Ausland, genauer gesagt nach Spanien, führen würde. Rochefort hatte Mylady persönlich mit der Kutsche von Paris nach Calais gebracht, sie unterwegs noch mit wichtigen Informationen versorgt und ihr die geheimen Depeschen übergeben, die sie an einen Kontaktmann in Spanien weitergeben sollte. Armand war überaus gespannt, wie sie sich dabei bewähren würde.

Das Schiff war inzwischen zu einem winzigen Punkt am Horizont zusammen geschmolzen. Eine steife Brise wehte vom Meer herüber und über seinem Kopf zogen Möwen ihre Kreise. Er fröstelte etwas. Zeit, sich auf den Rückweg zu machen… Plötzlich fühlte er, dass er beobachtet wurde. Wie immer in solchen Situationen ließ er sich vorerst nicht das Geringste anmerken, blickte weiter scheinbar traumverloren aufs Meer hinaus und suchte indessen aus den Augenwinkeln seine Umgebung ab. An den Anlegestellen herrschte reges Treiben, Schiffe wurden be- und entladen und zwischen den Seeleuten drängten sich Passagiere, Schaulustige aber auch Bettler, Beutelschneider und allerlei anderes Gelichter. Er veränderte ein wenig seine Position und wandte sich nach rechts, so, als hätte der lautstarke Streit zweier Matrosen seine Aufmerksamkeit erregt. Nun sah er, wer ihn belauerte. Etwa zwanzig Meter von ihm entfernt gewahrte er einen Reiter auf einem schlanken, kastanienbraunen Pferd. Er war gut wenn auch ziemlich geckenhaft gekleidet, mochte etwa dreißig Jahre alt sein, hatte hellbraunes Haar und einen modisch gestutzten Bart. Im Moment war er scheinbar ganz darin vertieft, mit seinem Handschuh den Staub eines längeren Ritts von Wams und Hose zu klopfen, doch Armand merkte dennoch, wie der Mann ihn unter gesenkten Lidern weiterhin im Auge behielt.

Er hatte nun zwei Möglichkeiten: abzuwarten, was weiter geschah oder zu versuchen, den Fremden aus der Reserve zu locken. Rochefort entschied sich für zweiteres, denn damit hatte er das Gesetz des Handelns in der Hand. Scheinbar sorglos schlenderte er zu seiner gemieteten Kutsche, die in der Nähe wartete, teilte dem Kutscher mit, dass er die Rückreise zu Pferde antreten würde und zahlte ihm seinen Lohn für die Fahrt. Dann löste er die Zügel seines Reitpferdes, das er auf dem Weg nach Calais mit der Kutsche hatte mitlaufen lassen, vom Wagen und schwang sich in den Sattel.

Der dunkelbraune Wallach mit dem Namen „Bacardi” – er stammte aus italienischer Zucht – stampfte ungeduldig mit dem Vorderhuf und schnaubte. Das tagelange Dahintrotten hinter der Kutsche hatte ihn gelangweilt. Er war Rocheforts Lieblingspferd, ohne dessen Fähigkeiten der beste Agent seiner Eminenz möglicherweise schon das eine oder andere Mal das Zeitliche gesegnet hätte. Armand ritt ihn nun schon seit fast vier Jahren, meist dann, wenn er besonders heikle Aufträge zu erledigen hatte. Manche behaupteten, das Pferd hätte den Teufel im Leib und einmal hatte es einen Stallburschen durch einen gezielten Huftritt getötet. Niemand wusste, warum, doch Rochefort war der Überzeugung, dass das Tier einen guten Grund für seine Tat gehabt hatte. Einer seiner nicht zu verleugnenden Vorteile war, dass Bacardi ein äußerst unauffälliges Pferd war – er sah aus wie tausend andere dunkelbraune Pferde auch. Dazu kamen seine Schnelligkeit, seine Ausdauer, seine ungeheure Willensstärke und sein feiner Instinkt für Gefahren. Anfangs hatte er seinen Herrn durch sein Temperament und seinen Eigensinn mehrmals in haarsträubende und halsbrecherische Situationen gebracht, doch Rochefort hatte trotzdem seinem Gespür vertraut, dass dieses Pferd etwas Besonderes war und so waren Ross und Reiter mit der Zeit zu einem gut eingespielten Team zusammen gewachsen.

Armand lenkte das Pferd durch das Menschgewühl am Hafen in Richtung Stadt, so, dass er dabei an dem Beobachter vorbei kommen musste. Als er sich auf gleicher Höhe mit ihm befand, kitzelte er Bacardi unauffällig mit den Sporen, sodass dieser einen Satz vorwärts machte und dabei mit dem Pferd des Fremden zusammenprallte. „Verdammt, so passt doch auf!” rief dieser ärgerlich um dann sarkastisch hinzuzufügen: „Wenn man sein Pferd nicht unter Kontrolle hat, sollte man aufs Reiten verzichten und mit Schusters Rappen vorlieb nehmen.” Der Mann sprach akzentfreies Französisch, trotzdem vermutete Rochefort, dass er ein englischer Spitzel war, vielleicht sogar vom Herzog von Buckingham persönlich, welcher ihre Konfronationen vor rund einem Jahr garantiert weder vergessen noch vergeben hatte, auf ihn angesetzt. Vermutlich war er ihm und Mylady schon den ganzen Weg nach Calais gefolgt…

Der Graf maß sein Gegenüber von oben bis unten, um dann gelassen und mit der arrogantesten Miene, deren er fähig war, zu entgegnen: „Theoretisch muss ich Euch vollkommen recht geben, mein Herr, und ich lasse mich auch gerne belehren – allerdings nur von jemandem, dessen Können mir als dem meinen überlegen erscheint. Doch das, fürchte ich, ist bei Euch nicht gegeben. Ihr sitzt auf Eurem Ross wie der Gockel auf dem Mist.” Jeder Edelmann – und zumindest seiner Kleidung nach war sein Gegenüber ein solcher – hätte auf eine derartige Unverschämtheit eigentlich mit einer sofortigen Duellforderung reagieren müssen. Dass er es nicht tat, bestärkte Armands Verdacht, dass er es mit einem feindlichen Agenten zu tun hatte. Zwar erbleichte der Mann merklich auf die Beleidigung hin, doch er blieb äußerlich ruhig und antwortete mit einem ironischen Lächeln: „Mir scheint, Ihr besitzt Sinn für Humor. Wisst Ihr was, ich schlage vor, wir erproben einfach, wessen Reitkünste die besseren sind. Einverstanden?”

Rochefort überlegte einen winzigen Augenblick. Mit seinem Vorschlag hatte sein Kontrahent die Initiative wieder an sich gezogen. Er musste dem Mann widerwillig Respekt zollen und war auf der Hut. Hier hatte er vermutlich einen ernst zu nehmenden Gegner vor sich und sein Gefühl sagte ihm, dass der Fremde auch ganz genau wusste, wer er war. Er musste den Ahnungslosen spielen und den Kerl glauben machen, dass er ihm auf den Leim ging. So verlieh er seiner Stimme einen leicht genervten Unterton, als er erwiderte: „Eigentlich fehlt mir die Zeit für derlei Kindereien, doch wenn Ihr darauf besteht…” „Ich bestehe darauf”, gab der Fremde zurück und fügte hinzu: „Keine Angst, Monsieur, ich werde Eure kostbare Zeit nicht zu lange beanspruchen. Wir können gleich hier beginnen – ein kleines Rennen durch die Stadt und über die Felder…” Er warf Rochefort noch einen herausfordernden Blick zu, dann rief er „Los!” und spornte sein Ross an.

Der Graf wollte dem anderen einen kleinen Vorsprung lassen und hielt sein Pferd zurück. Bacardi liebte Wettrennen und wollte sogleich losstürmen – dass sein Herr ihn daran hinderte, passte ihm gar nicht. Die Vorstellung, die der Braune nun lieferte, war dergestalt, dass die in der Nähe befindlichen Passanten erschrocken aufschreiend zur Seite sprangen. Er drehte sich wie ein Kreisel um die eigene Achse, dann stieg er mehrmals mit zornigem Schnauben. Der fremde Reiter verschwand unterdessen zwischen zwei Häuserzeilen. Nun endlich lockerte Armand die Zügel und nahm die Verfolgung auf. In halsbrecherischem Tempo fegten sie durch die schmalen Straßen von Calais, hinter ihnen her schallten die Flüche der Leute, die sich mit hastigen Sprüngen vor der wilden Jagd in Sicherheit bringen mussten. „Vorsichtig auf dem rutschigen Pflaster, brich Dir nicht die Beine”, raunte Rochefort Bacardi zu. Sie erreichten ein Stadttor und galoppierten auf die Felder hinaus.Bacardi wollte das Pferd vor ihm unbedingt so rasch als möglich einholen und es kostete seinen Reiter einiges an Anstrengung, ihn davon zu überzeugen, vorerst noch ein Stück weit hinten zu bleiben.

Armand fühlte, wie die Anspannung der wie immer arbeitsreichen letzten Wochen von ihm abzufallen begann. Es war beinah absurd: er wusste, dass ihm höchstwahrscheinlich eine Auseinandersetzung auf Leben und Tod bevorstand – oder eigentlich befand er sich schon mitten darin – und doch empfand er in diesem Moment eine unbändige Freude und Unbeschwertheit. Er genoss die vorbei fliegende Landschaft, die Sonne, den Wind in seinem Haar und die prickelnde Erregung der Jagd. Sein Widersacher vor ihm spähte ab und zu über die Schulter zurück und schien sehr zufrieden, dass Rochefort es bisher nicht geschafft hatte, zu ihm aufzuschließen. Armand beschloss, dies zu ändern. Er war sich noch nicht darüber im Klaren, was der Mann eigentlich vorhatte und wohin der Ritt führen sollte. Vor ihnen war ein kleines Waldstück aufgetaucht, allerdings noch ziemlich weit entfernt. Sein Gegner steuerte ungefähr in diese Richtung, aber es war nicht eindeutig, ob der Wald wirklich sein Ziel war. Rochefort richtete sich in den Steigbügeln auf, duckte sich tief über die Mähne seines Pferdes und schnalzte leicht mit der Zunge. Darauf hatte Bacardi nur gewartet. Er beschleunigte augenblicklich sein Tempo und holte auf bis er sich fast auf gleicher Höhe mit dem anderen Pferd befand. Armand nahm ihn nun wieder etwas zurück, überholen wollte er den Fremden keinesfalls. „Ich weiß ja nicht, wie ihr das seht!” rief er, „aber über ebene Felder galoppieren kann meiner Meinung nach jeder! So werden wir nie wissen, wer von uns der bessere Reiter ist, sondern höchstens, wer das schnellere Pferd hat!”

Der andere warf ihm einen abwägenden Blick zu. Offenbar fragte er sich, ob Rochefort mit seinen Worten eine bestimmte Absicht verfolgte beziehungsweise Verdacht geschöpft hatte oder ob er immer noch der Ansicht war, ein harmloses Wettreiten zu machen. „Das lässt sich ja leicht ändern”, gab er dann zurück und hielt nun eindeutig auf das Wäldchen zu. Es war noch immer ein ganz schönes Wegstück bis dorthin, sodass nicht nur die Schnelligkeit, sondern auch die Ausdauer der Pferde gefordert wurde. Bacardi war dem Kastanienbraunen eindeutig überlegen, doch Armand drosselte nun absichtlich wieder etwas das Tempo und ließ sich zurückfallen, um den anderen glauben zu machen, seinem Pferd ginge langsam die Kraft aus. Er meinte jetzt zu wissen, was der Fremde plante…

Schließlich erreichte sein Gegenspieler den Waldrand und preschte ohne zu zögern in das Gehölz. Durch einen Wald zu galoppieren stellte in der Tat andere Anforderungen an das reiterliche Können – doch darum ging es hier wohl gar nicht… Kurz bevor Rochefort den Wald erreichte, lockerte er die Zügel, um seinem Pferd zu signalisieren, dass er ihm nun die Entscheidung überließ. Bacardi reagierte wie er es erwartet hatte: Unmittelbar vor dem Waldrand bremste er abrupt ab und kam schnaubend und tänzelnd zum Stehen. Seine feinen Sinne witterten Gefahr. Der Graf lächelte grimmig, nahm die Zügel auf und ritt wieder an. Er fühlte, wie sehr es dem Tier widerstrebte, sich in den Wald zu begeben, doch es gehorchte und galoppierte zwischen den Bäumen hindurch. Von seinem Kontrahenten war nichts mehr zu sehen. Rochefort tat, als würde er hektisch nach ihm Ausschau halten und eben dabei einen tief hängenden Ast übersehen. Rücklings ließ er sich vom Pferd fallen und blieb reglos im Unterholz liegen, das Gesicht allerdings ein wenig zur Seite gewandt, sodass er etwas sehen konnte. Bacardi hatte ganz genau mitbekommen, dass sein Reiter absichtlich „abgestiegen” war, er kannte derlei Manöver. In einiger Entfernung blieb er stehen und blickte sich mit aufmerksam gespitzten Ohren um.

Genauso aufmerksam lauschte auch Rochefort und nach einer Weile vernahm er das Geräusch sich nähernder Schritte. Er hatte Glück, dass sein Gegner aus der Richtung kam, in die er den Kopf gewandt hatte, denn so konnte er erkennen, dass er eine geladene Pistole in der Hand hielt. Nun bestand kein Zweifel mehr an der Absicht des Mannes und ebenso daran, dass er nicht bereit war, auch nur das geringste Risiko einzugehen. Ohne zu Zögern hob er die Waffe und zielte… Rochefort folgte einzig seinem Instinkt, als er den Moment wählte, in dem er sich zur Seite warf. Im nächsten Moment schlug die Kugel dort in den Waldboden, wo er eben noch gelegen hatte. Er richtete sich auf – gerade noch rechtzeitig um zu sehen, dass der Fremde eine zweite schussbereite Pistole aus dem Gürtel zog. Diese hatte Armand vorhin nicht registriert, da Blattwerk und Unterholz sein Gesichtsfeld eingeschränkt hatten. Mit einem Fluch hechtete er Deckung suchend in Richtung eines Baumes, doch diesmal kam seine Reaktion beinahe zu spät. Der Schuss ging unter seiner rechten Achsel hindurch, streifte jedoch seinen Brustkorb und hinterließ eine heftig blutende Fleischwunde.

Er rollte sich ab, sprang auf die Füße und zog in der gleichen Bewegung sein Rapier. Der feindliche Agent hatte indessen die nutzlos gewordenen Pistolen zu Boden geworfen – ein Nachladen hätte viel zu lange gedauert – und griff ebenfalls zu seinem Degen. Sein stutzerhaftes Äußeres war in der Tat nur Tarnung gewesen. Der Mann bewegte sich mit der katzenhaften Geschmeidigkeit eines hervorragenden Kämpfers und in seinem Blick lag eine tödliche Entschlossenheit. Der Kampf begann mit einem vorsichtigen Abtasten. Jedem der beiden war klar, dass er sich nicht den geringsten Fehler erlauben durfte. Bald jedoch gewann das Gefecht an Heftigkeit und Tempo. Beide hatten nun auch ihre Linkshanddolche gezogen; Angriffe und Paraden folgten in so atemberaubender Geschwindigkeit aufeinander, dass das Auge den Bewegungen kaum zu folgen vermochte. Anfangs hatte Rochefort die Schusswunde kaum gespürt, doch je länger sich das Gefecht hinzog, desto heftiger begann sie zu schmerzen und schränkte langsam aber sicher auch seine Beweglichkeit ein. Wütend biss er die Zähne zusammen. Diese Sache hier begann wirklich gefährlich für ihn zu werden…

Endlich gelang es Armand mittels einer Finte, dem Gegner das Rapier aus der Hand zu schlagen. Trotzdem wehrte dieser seinen unmittelbar darauf folgenden Angriff mit einer Handparade ab, wich mit beinahe artistischer Gewandtheit seinem Dolchstoß aus und versetzte ihm einen Tritt, der ihn über eine Böschung in einen kleinen Graben hinunter schleuderte. Ein wütender Schmerz durchzuckte ihn, als er mit seiner verletzten Seite gegen einen am Boden liegenden Ast prallte, doch ihm blieb nicht einmal ein Augenblick um Atem zu schöpfen. Sein Widersacher sprang ihm mit einem Satz in den Graben hinterher und Rochefort konnte ihm gerade noch eine Handvoll Erde ins Gesicht schleudern, um so die Zeit zu gewinnen, sich hoch zu rappeln. Der andere hatte indessen sein verlorenes Rapier wieder an sich gerissen und griff mit unverminderter Heftigkeit an. Armand fühlte sich in dem Graben wie in einer Falle. Er musste hier raus! Mit einem jähen Ausfall zwang er seinen Gegner ein Stück zurück zu weichen, wirbelte dann herum und erklomm die Böschung. Er hatte gehofft, seinen Feind nun seinerseits am Verlassen des Grabens hindern zu können, doch der vereitelte das Vorhaben augenblicklich, indem er fast gleichzeitig mit ihm oben anlangte.

Keuchend und mit funkelnden Blicken fixierten sie einander. Der Fremde lächelte zynisch: „Jetzt habt Ihr die Hosen voll, verfluchter Bastard, nicht wahr? Aber keine Angst, es ist bald vorbei. Richelieu wird sich einen neuen Bluthund suchen müssen.”

„Wenn Du auch nur einen Augenblick daran denkst, dass Du den Kampf verlieren könntest, dann bist Du verloren.” Diesen Satz hatte sein alter Fechtmeister seinen Schülern immer dann gepredigt, wenn sie darüber sprachen, worauf es in einer Auseinandersetzung auf Leben und Tod ankommt. Da unten in dem Graben war Rochefort kurz der Gedanke gekommen, dass er es nicht schaffen würde…

Mit einem Mal erfasste ihn eine beinah unnatürliche Ruhe. Das Gefühl war ihm von früheren, ähnlich gefährlichen Situationen vertraut und nun war er es, der still und böse lächelte. Völlig mechanisch und präzise wehrte er die erneuten Angriffe seines Gegners ab, beschränkte sich vorerst nur noch auf die Defensive. Er brachte alle Konzentration auf, die ihm möglich war und dadurch trat selbst der Schmerz in seiner Seite in den Hintergrund. Einzig das Gefühl der Schwäche, das der Blutverlust verursachte, konnte er nicht ganz aus seinem Bewusstsein verdrängen. Ihm war klar, dass er eine Möglichkeit finden musste, den Kampf rasch zu beenden, denn sein Widersacher war ihm an Kondition überlegen. Als er aus dem Graben gesprungen war, hatte er ein Stück entfernt zwischen den Bäumen Bacardi registriert und nun kam ihm eine Idee…

Er wich zurück und bewegte sich dabei in Richtung des Tieres. Der andere vermeinte ihn zu durchschauen, glaubte, er wolle sich unauffällig dem Pferd nähern, um dann in den Sattel zu springen und sein Heil in der Flucht zu suchen. Blitzschnell schlug er einen Bogen, sodass er sich nun zwischen Armand und Bacardi befand. „Ihr enttäuscht mich, Rochefort”, spottete er. „Auf Eure Tricks fallen ja nicht einmal Kinder herein.” Der Graf tat indessen so, als gerate er darüber in Rage, dass seine Absicht durchschaut worden war. In einem scheinbar verzweifelten Vorstoß bedrängte er seinen Gegner und trieb ihn damit näher zu dem Pferd. Die Attacke brachte ihm zwar zwei leichte Wunden an Arm und Oberschenkel ein, da er sich in die Reichweite des anderen hatte wagen müssen, doch nun hatte er seinen Kontrahenten dort, wo er ihn haben wollte…

Bacardi hatte schon einige Male den Kopf gewandt und nach hinten geschielt. Kampfszenen wie diese waren ihm vertraut und brachten ihn nicht sonderlich aus der Ruhe, doch er fühlte ganz genau, dass der Mann, der sich ihm da immer mehr näherte, ein Feind seines Herrn war. Gereizt peitschte er mit dem Schweif. „Nun mach’ schon!!!” drängte Armand in stummer Zwiesprache und legte alle Intensität in diese gedankliche Botschaft. Bacardi blickte noch einmal kurz zurück – und schlug aus. Der Huftritt traf den Fremden von seitlich hinten und schleuderte ihn an Rochefort vorbei auf den Waldboden. Dort blieb er liegen, sich vor Schmerzen windend und verzweifelt nach Luft ringend, bis sein Gesicht blau anlief. Rapier und Dolch waren seinen Händen entglitten. Armand stieß die Waffen mit dem Fuß außer Reichweite, blickte auf seinen Widersacher herab und wartete. Er hoffte, dass die Verletzungen nicht tödlich waren, denn nach dem, was er gerade erlebt hatte, war dies vermutlich einer der besten Agenten des englischen Königs und konnte Richelieu wertvolle Informationen liefern.

Endlich gelang es dem Mann wieder etwas Luft zu schöpfen. Sein Gesicht war verzerrt von der Anstrengung sich zu beherrschen und nicht laut zu stöhnen. Abermals musste Rochefort anerkennen, dass er es hier mit einem wirklich würdigen Gegner zu tun hatte. Es hatte nicht viel gefehlt und dem Kerl wäre es gelungen ihn zu töten! Armand kniete neben ihm nieder und durchsuchte seine Kleidung nach weiteren Waffen. Er fand noch zwei kleine Dolche, die er einsteckte. Wie es aussah, hatte Bacardi dem Mann mehrere Rippen gebrochen, doch wenn die Lunge nicht verletzt war, würde er überleben. Der Graf fasste ihn vorne am Wams und zog ihn ganz nahe zu sich heran. „Es mag schon sein”, sagte er mit seinem liebenswürdigsten Lächeln, „dass Kinder auf meine Tricks nicht herein fallen. Englische Spione allerdings schon.” Dann schlug er ihn mit einem gezielten Hieb bewusstlos und schleifte ihn zu einem nahen Baum, an den er den Mann fesselte. Nachdem er ihm auch noch einen Knebel verpasst und die Stelle mit belaubten Ästen etwas getarnt hatte, ging er zu seinem Pferd.

„Danke, mein Junge. Gut gemacht! Heut’ Abend gibt es eine Extraportion Karotten!” lobte er den Braunen und tätschelte seinen Hals. Im nächsten Moment schlug die Schwäche wie eine Welle über ihm zusammen. Ihm wurde schwarz vor Augen und er musste sich an Bacardis Sattel festhalten. Er zwang sich ruhig und gleichmäßig zu atmen und wartete, bis sich sein rasender Pulsschlag wieder einigermaßen normalisiert hatte. Er musste sich dringend um die Schusswunde kümmern! Die ganze rechte Seite seines Wamses war inzwischen blutdurchtränkt. Er zog es aus, ebenso sein Hemd und riss letzteres in mehrere Streifen, aus denen er einen provisorischen Verband fertigte, der zumindest einmal die Blutung stillen sollte. Anschließend holte er seinen Wasserschlauch aus der Satteltasche, trank ihn bis zum letzten Tropfen aus und gönnte sich an einen Baumstamm gelehnt eine kurze Ruhepause, in der er sein weiteres Vorgehen plante.

Er brauchte in jedem Fall Hilfe. Seine Verletzungen mussten ordentlich versorgt werden, wenn er keinen Wundbrand riskieren wollte und auch die seines Gegners, schließlich wollte er den Mann lebend nach Paris bringen. Eine Kutsche musste organisiert werden, denn ein gefesselter Verwundeter auf einem Pferd würde zu viel Aufsehen erregen. Als Hafenstadt war Calais ein wichtiger Umschlagplatz für Informationen und Richelieu beschäftigte dort mehrere Agenten. Nachdem sich Rochefort entschieden hatte, wen davon er aufsuchen würde, bestieg er Bacardi und machte sich auf den Rückweg in die Stadt. Seinen Gefangenen musste er wohl oder übel vorerst im Wald zurücklassen, doch es war höchst unwahrscheinlich, dass sich jemand hierher verirrte. Sicherheitshalber hatte er noch dessen Pferd an einen Baum gebunden, damit es nicht weglief und Aufmerksamkeit erregte.

Als er am Abend mit dem Kontaktmann des Kardinals in dessen gemütlichem Stadthaus bei einem Becher Wein saß, fühlte er sich bereits bedeutend besser und seine gute Laune war zurückgekehrt. Sein Gastgeber hatte ihn überredet, die Nacht bei ihm in Calais zu verbringen und sich ein wenig zu erholen. Ein Arzt hatte sich fachmännisch der Wunden angenommen, den Gefangenen hatte sein Gastgeber unauffällig aus dem Wald hierher geschafft und sicher verwahrt. Eine Kutsche für die Reise nach Paris, die sie morgen gemeinsam antreten würden, stand bereit. Er konnte es kaum erwarten, dem Kardinal Bericht zu erstatten. Richelieu würde zufrieden sein. Und vor dem zu Bett Gehen ließ er es sich nicht nehmen, seinem treuen vierbeinigen Gefährten die versprochene Belohnung persönlich in den Stall zu bringen.