Artagnan.de - Fanfiction zu Dumas' drei Musketieren

Reviews zu «Nocturne»

Rochefort schrieb am 05.12.2012 - 14:46 Uhr zu Kapitel «Nocturne»:

Lieber Aramis!

Eine sehr tiefgründige, psychologisch einfühlsame Schilderung von Aramis’ Gemütszustand und Seelenleben! Diese Geschichte bringt einen zum Nachdenken und Philosophieren. Aramis’ Verbissenheit - man könnte es fast schon Besessenheit nennen - mit der er damals seine Rache verfolgt hat, als der Garde-Offizier ihn beleidigt hatte und genauso auch seine Reaktion auf die kalte Abfuhr, die ihm seine Geliebte erteilt,  wird erst richtig verständlich, wenn man sich seine übergroße Sensibilität vor Augen führt. Ich denke, dass hochsensible Menschen, die dazu neigen, Kränkungen und Enttäuschungen zuerst einmal “in sich hinein zu fressen”, irgendwann zu einem Punkt kommen, wo sie regelrecht “explodieren”. Ihre Reaktionen rufen dann Unverständnis und Verblüffung hervor, weil den Menschen in deren Umfeld oft verborgen bleibt, dass sich hier - oft über Monate oder Jahre - Druck aufgebaut hat wie in einem Kessel, dem aber das Ventil fehlt, um Dampf abzulassen. Aramis ist dabei in der doppelt unglücklichen Lage, dass er in seinem Leben gelernt hat, dass das “Dampf ablassen” die Lage meist auch nicht verbessert, sondern in Gegenteil, sie noch mehr verschlimmert (siehe die Konsequenzen des bewussten Duells). So ringt er noch mehr darum, nichts von seinen überkochenden Emotionen nach außen dringen zu lassen, um sich vor seiner Umwelt keine Blöße zu geben, um nicht angreifbar zu sein.

Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass seine Glaubenszweifel nicht zuletzt daher rühren, dass ihm auch der Glaube keinen Ausweg aus diesem Teufelskreis aufzeigen kann, nichts, was ihm inneren Halt und Stütze gibt. (Vielleicht ist es Aramis ein kleiner Trost, dass sich, was Glaubensfragen angeht, übrigens auch Rocheforts Gedanken oft in ganz ähnlichen Bahnen bewegen. Eine philosophisches Kamingespräch zwischen Aramis und Rochefort - das könnte interessant werden… :-)) Vielleicht kommt das ja einmal zustande…)

Porthos war Aramis wohl gerade deshalb eine so wertvolle Stütze, weil er den kompletten Gegenpol darstellt. Aramis ist der höchst Empfindsame, dessen Geist ständig in höheren Sphären schwebt und dem, symbolisch gesprochen, irgendwie die feste Verwurzelung auf der Erde fehlt, während Porthos mit beiden Beinen mitten im Leben steht, umkompliziert, praktisch veranlagt und von heiterer Gemütsart. Aramis braucht einen Menschen wie ihn an seiner Seite…

Liebe Grüße

Rochefort


Antwort des Autors:

Lieber Rochefort,
vielen Dank für Deine scharfsinnige und tiefgreifende Analyse dieser Geschichte! Ich habe das Gefühl, Du triffst mit Deinen Ausführungen absolut den Kern der Sache, und Deine fundierten Aussagen bewirken auch bei mir eine noch klarere Sicht auf diese Dinge - ich wollte den psychologischen Mechanismus frühkindlicher Kränkung und ihrer späteren Auswirkung irgendwie verarbeiten, nachdem ich das Buch von Bärbel Wardetzki zu diesem Thema gelesen hatte, und Aramis musste wieder mal als willkommener Protagonist dafür herhalten. Ja, wie du sagst, auch religiöser Glaube (der das ja eigentlich theoretisch können sollte, seinem Erlösungsanspruch gemäß) bringt ihm keine Hilfe oder Erleichterung, in dieser furchtbaren seelischen Lage, und sogar die besten Freunde können sie ihm im Grunde nicht bieten. 
Ein philosophisches “Kamingespräch” zwischen Rochefort und Aramis würde ich echt gerne lesen, das wär für mich total interessant und faszinierend  -  könntest Du Dir vorstellen, so etwas mal zu schreiben?
Liebe Grüße
Aramis

duchesse schrieb am 04.12.2012 - 21:41 Uhr zu Kapitel «Nocturne»:

Hallo Aramis,

deine Geschichte gefällt mir einmal mehr sehr gut - ich habe mich bloß ein wenig gewundert, dass du sie als fertiggestellt gekennzeichnet hast. Das Ende scheint mir recht offen, was natürlich kein Makel ist, aber ich könnte mir eine Fortsetzung durchaus gut vorstellen - und würde sie selbstverständlich auch sehr gerne lesen ;-) *wink mit dem Zaunpfahl*

Ich finde, dass du Aramis’ Charakter und seine Stimmung in diesem Moment sehr gut getroffen hast. Vor allem hast du eine schlüssige Erklärung für sein Misstrauen gegenüber allem und jedem geliefert… dieses Misstrauen zeichnet ihn ja auch bei Dumas aus, und ich habe mich beim Lesen der Romane oft gefragt, woher es kommt.

Allerdings wundert mich ein wenig, dass Aramis am Ende das Kommen eines “Erlösers” herbeisehnt… dieses passive Abwarten sieht ihm gar nicht ähnlich. Ich schätze ihn eher so ein, dass er sich wie Münchhausen an seinem eigenen Schopf aus dem Sumpf zieht - oder aber sich in Arbeit, Abenteuer oder Amouren stürzt, um alles zu vergessen. In den Romanen hatte ich auch manchmal das Gefühl, dass er sich diese Dreifachbelastung als Musketier, Abbé und Liebhaber der Mme de Chevreuse selbst auferlegt, um sich von irgendetwas abzulenken. Doch vielleicht fehlt ihm in seiner momentanen Verzweiflung einfach die Kraft dazu?

Liebe Grüße,

duchesse


Antwort des Autors:

Liebe duchesse,
vielen Dank für Deine einfühlsame und scharfsinnige Review! Die Veranlassung zu dieser Kurzgeschichte bestand darin, dass  ich wieder mal etwas unlängst Gelesenes verdauen musste: Ein Buch der bekannten Psychotherapeutin Bärbel Wardetzki, die sich in ihren Arbeiten besonders mit narzisstischen Störungen und Kränkungsmechanismen auseinandersetzt.  Aramis schien mir der ideale Protagonist für ein entsprechendes Psychogramm zu sein -
Was den am Schluss zitierten “Philosophen aller Philosophen” betrifft, so wirft hier Spinoza seinen Schatten voraus - in seiner Philosophie, vor allem  in seiner berühmten “Ethik”, wird er sich besonders der menschlichen Unfreiheit, bedingt durch die Macht der Affekte, widmen und einen Weg aus der zerstörerischen Gewalt der Leidenschaften weisen - auch Goethe war von Spinozas Philosophie begeistert und sagte, sie hätte seine Leidenschaften besänftigt und ihn zu innerer Ruhe und Klarheit geführt. Leider ist Spinoza erst 1632 geboren, Aramis hat also keine Chance, dessen bahnbrechende philosophische Gedanken kennenzulernen - außer vielleicht als alter Mann im VdB. Es ist also nichts Religiöses mit dem “Erlöser” gemeint - aber manche Autoren des 19.Jh. gingen so weit, Spinoza mit Jesus zu vergleichen -
Danke und liebe Grüße
Aramis

AlienorDartagnan schrieb am 03.12.2012 - 14:20 Uhr zu Kapitel «Nocturne»:

Eine sehr schön geschriebene Geschichte, es gefällt mir wirklich gut, wie du Aramis Gefühle beschrieben hast, ich konnte mich beim Lesen richtig gut in ihn hineinversetzen. Der Verlust seiner Geliebten, die ins Exil flüchten musste, und seine Freunde, das muss für ihn wirklich sehr schlimm gewesen sein. Und dass Aramis sich wie nach einem Sturm auf einem nackten, öden Eiland ausgesetzt fühlt, das trifft seine Situation wirklich sehr gut, er hat ja doch sehr viele geliebte Menschen auf einmal verloren, und ist plötzlich ganz alleine. Und auch Aramis Rückblick auf das Verhältnis zu seinen Freunden hast du sehr gut beschrieben..Athos der Leidensgenosse, der ihm eher Trost als Hilfe war, Porthos der zuverlässige Fels in der Brandung. Ist das Zufall, dass Aramis gar nicht an d´Artagnan denkt, oder habe ich die Stelle vielleicht überlesen? Oder wolltest du damit deutlich machen, dass die Freundschaft zwischen Aramis und dem Gascogner nicht so tief war?
Auch Aramis Rückblick auf seine Familie erscheint mir sehr gut getroffen, ich dachte mir immer schon, dass er kein erstgeborener Sohn gewesen sein kann, sondern ein nachgeborener, den man ins Priesterseminar gab, weil man keinen weiteren Sohn mit Gütern und Vermögen versorgen konnte. Ich kann gut verstehen, dass es Aramis, als er in das Priesterseminar eintreten musste, mit Angst und Unsicherheit erfülte, immerhin war er damals noch ein Kind, und wurde gar nicht nach seinen wünschen gefragt. Aramis scheint schon als kind sehr perfektionistisch gewesen zu sein, wenn ihm Zurechtweisung und Tadel unerträglich waren, und er alles tat, um das zu vermeiden. Er war zwar ein Musterschüler, doch kein besonders gläubiger, und das ist ja auch nur zu verständlich, es ist auch schwierig, an einen Gott, der seinen eigenen Sohn ans Kreuz schlagen lässt, zu glauben. Immerhin dachte Aramis über all das nach und hinterfragte es auch, anstatt wie viele Priesterseminaristen in blinden Glauben zu verfallen und regelrecht fanatisch zu werden. Armer Aramis, er ist Spielball und Gefangener seiner Emotionen, und wahrscheinlich hilft ihm da nur die Dichtkunst, seine Gefühle richtig ausdrücken zu können.
Eine sehr schöne Geschichte, wirst du noch mehrere Kapitel schreiben? Ich konnte mich sehr gut in Aramis hineinversetzen, seine Gefühle gut nachempfinden.

Liebe Grüße

Alienor


Antwort des Autors:

Liebe Alienor,
Danke für Deine einfühlsame und umfangreiche Review! Der äußere Anlass für diese Kurzgeschichte war ein Buch der bekannten Psychotherapeutin Bärbel Wardetzki, das ich unlängst gelesen hab, und meine Intention beim Schreiben war, die heftigen, schmerzhaften Empfindungen nachzuvollziehen, die frühe seelische Verletzungen im Kindesalter auch in späteren Jahren, im Erwachsenenstadium, auslösen können, wenn ein neuerliches, verstörendes Erlebnis die alten Wunden wieder aufreißt. Besonders schlimm ist es für den Betroffenen, wenn er es nicht schafft, solche Gefühle des Schmerzes und der Angst  zuzulassen, sie auszusprechen und aktiv zu verarbeiten. Sensible Menschen sind in dieser Hinsicht besonders gefährdet, weil sie ihre Umgebung  sehr intensiv wahrnehmen und somit auch entsprechend verletzbar sind  - siehe Aramis. Dass ihm in seiner emotionalen Krise  D´Artagnan gar nicht in den Sinn kommt, liegt wohl daran, dass dieser für Aramis keine lebenswichtige Bezugsperson darstellt, deren Verlust tiefen Schmerz auslösen würde - 
Liebe Grüße und nochmals Danke fürs Lesen!
Aramis


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