Artagnan.de - Fanfiction zu Dumas' drei Musketieren

Was im Winter geschah


10. Die Witwe

von Armand-Jean-du-Plessis


Die Witwe ging langsamen Schritts durch die engen Gassen der Madrider Altstadt. Es war ein eisiger Morgen und sie zog den dicken Wollmantel enger an ihren Körper. Sie war ganz traditionell in Schwarz gekleidet, nicht ein buntes Kleidungsstück war zu sehen, sogar den schwarzen, fast blickdichten Trauerschleier trug sie. Dieser hatte allerdings auch den Vorteil, dass er sie ein wenig gegen den kalten Wind abschirmte. Trotz der Kälte und der frühen Morgenstunde waren recht viele Menschen auf den Straßen. Dies hatte an diesem 21. Dezember 1631 einen besonderen Grund. Sie alle strebten dem Plaza Mayor zu. Der Plaza Mayor war schon immer der traditionell größte Marktplatz von Madrid gewesen, doch heute würde dort kein Markt abgehalten werden.

 

Wer hinter den Schleier der Witwe hätte sehen können, der hätte vielleicht ihren grimmigen Gesichtsausdruck bemerkt, als sie auf den Platz einbog. Sie nahm einen der schmalen der insgesamt neun Eingänge zum Plaza Mayor. An zwei Seiten des rechteckigen Platzes waren hohe Holztribünen errichtet worden. Zwölf Reihen in stufenaufsteigender Terrassenform boten wohl Platz für weit über tausend Menschen und davor waren noch einmal sechs Reihen mit Sitzplätzen für die wohlhabenden Bürger der spanischen Hauptstadt reserviert. Der Adel hatte noch bessere Plätze, denn an der Nordseite des Platzes war ein vierstöckiges Gebäude, das Casa de la Panadería, das mit seinen durchgängigen Balkonen in den drei oberen Stockwerken ein idealer Ort war, um das kommende Schauspiel zu sehen. Von den Arkaden des Erdgeschosses war heute nicht viel zu sehen und die großen Bäckereien, die dem Gebäude den Namen gegeben hatten blieben geschlossen. Vor den Arkaden war eine hohe Tribüne errichtet worden, die nur nach vorne offen war und auch überdacht worden war. Die Witwe gesellte sich auf die gegenüberliegende Südseite der Plaza Mayor, wo das einfache Volk in der Kälte ausharrte und wartete. Hier war es bei weitem nicht so prächtig. Die hohen Holzgebäude, die einst die drei anderen Seiten des Platzes umgeben hatten, waren beim großen Brand im Juli dieses Jahres fast völlig zerstört worden. Der König selbst hatte seinen berühmten Architekten Juan Gómez de Mora beauftragt, den Platz wieder neu aufzubauen, diesmal mit Steingebäuden wie an der Nordseite, aber die Bauarbeiten gingen nur schleppend voran und es würde noch Jahre dauern, bis der Platz in neuem Glanz erstrahlen würde. Die Witwe aber interessierte die Architektur des Plaza Mayor wenig, trotz der schwarzen Handschuhe, die sie trug, ließ sie geschickt die Perlen des Rosenkranzes durch ihre Finger gleiten. Sie schien tief in ihre Gebete versunken und ihr leises Murmeln ging in der immer größer werdenden Menschenmenge unter.

 

Wer hinter den Schleier der Witwe hätte sehen können, der hätte vielleicht bemerkt, dass sie doch aufmerksam den Platz beobachtete. Sie musterte genau die vielen Bewaffneten, die rings um den Platz postiert waren. Hier waren sowohl einfache Stadtgardisten, als auch königliche Soldaten zu sehen. Auch die Garde von Fernando de Austria, Kardinal-Erzbischof von Toledo war anwesend und das war doch ungewöhnlich, denn der dritte Sohn des Königs Philipp III. von Spanien sollte nicht hier sein. Dass auch noch die bewaffneten Büttel der Inquisition überall zu sehen waren, wunderte die Witwe hingegen nicht. Schließlich war dies der letzte Akt eines Autodafé. Das Glaubensgericht des Tribunal del Santo Oficio de la Inquisición hatte über Professor Juan Odon y Luengo de Martines wegen wiederholter Häresie die Todesstrafe verfügen lassen. Auf einem erhöhten Podest in der Mitte des Plaza Mayor war ein riesiger Scheiterhaufen errichtet worden und die Menge wartete begierig auf das Schauspiel. Obwohl, nicht alle in der Menge waren begierig, den angesehenen Professor der Universität brennen zu sehen. Er hatte ein, zwei Generationen von jungen Adeligen in Mathematik und Astronomie unterrichtet und war auch im Bürgertum sehr geachtet. So konnte man sich die vielen steinern Mienen auf den Balkonen und Tribünen nicht nur durch die eisige Kälte dieses Dezembermorgen erklären. Viele hatten gehofft, er würde seine Theorien von einem heliozentrischen Weltbild nach dem Vorbild von Nikolaus Kopernikus widerrufen, aber der Professor war stur und stolz wie ein Spanier geblieben. Wenn er heute nicht einmal im Angesicht des Scheiterhaufens widerrufen würde, dann würde er nicht einmal die Gnade der Erdrosselung durch den Henker erhalten, sondern bei lebendigem Leib den Flammen übergeben werden.

Die Ehrentribüne war inzwischen voll besetzt. Neben den vier Granden von Madrid und deren Familien war auch wirklich der Kardinal-Erzbischof Fernando de Austria erschienen. Neben ihm saß ein auf den ersten Blick unscheinbarer Dominikanerpater in der traditionellen schlichten schwarz-weißen Kutte. Und doch war bei seinem Erscheinen ein kurzes Raunen durch die Menge gegangen, gefolgt von einer unnatürlichen Stille. Emilio Bocanegra, Presidente del Tribunal del Santo Oficio de la Inquisición, war der vielleicht am meisten gefürchtete Mann Spaniens.

 

Wer hinter den Schleier der Witwe hätte sehen können, hätte wahrscheinlich eine gewisse Anspannung in ihrem Gesicht bemerkt, gefolgt von einer leichten Verwunderung. Der Verurteilte wurde nun auf den Platz gebracht. Ihm voraus schritt ein Inquisitor in prächtiger Kleidung, ganz als wolle er von Emilio Bocanegra ablenken, der still auf der Tribüne blieb. Auf der Brust der prachtvollen Robe prangte das Wappen der Spanischen Inquisition, neben dem Kreuz als Symbol für den geistlichen Charakter der Inquisition, hielten Olivenzweig und Schwert die Waage, wodurch das Gleichgewicht zwischen Gnade und Strafe angedeutet werden sollte. Dass sich diese Waage aber selten im Gleichgewicht befand, war aber allen Anwesenden nur allzu klar. Professor Juan Odon y Luengo de Martines musste barfuß, nur mit Sanbenito und Caroche bekleidet, erscheinen. Das Armesünderhemd war vorne und hinten mit dem Andreaskreuz und Flammen versehen und auf der hohen, zylinderförmigen Ketzer-Mütze waren Teufelsgestalten gestickt. Der alte Professor ging hocherhobenen Hauptes, aber mit einem seltsamen, leicht verklärten Blick. Als er auf das Podest zum Scheiterhaufen stieg, wich ihm der hünenhafte Henker fast ängstlich aus. Es entstand eine leichte Unruhe unter den Zuschauern, die das gesehen hatten. Auch der prunkvolle Inquisitor verhielt sich ungewöhnlich und erwies dem Gefangen so etwas wie Respekt und half ihm die letzten Stufen zu erklimmen. Auch der zuständige weltliche Richter war auf das Podest gestiegen. Alles wartete gespannt auf die Rede des Inquisitors, in der noch einmal alle Sünden und Häresien aufgelistet würden und das Todesurteil am Scheiterhaufen verkündet würde. Doch der Inquisitor zögerte merklich und blickte zur Ehrentribüne. Kardinal-Erzbischof Fernando de Austria erhob sich, ging gemessenen Schritts auf das Podest zu und erstieg es. Die Menge hielt den Atem an. Irgendetwas Seltsames ging hier vor. Dies war ganz und gar nicht das übliche Protokoll einer Hinrichtung durch die Inquisition.

Mit erhobenen Armen trat der Inquisitor nun an den Rand des Podestes, um sich der Aufmerksamkeit der Menge zu versichern. „Brüder und Schwestern in Christi, ich habe von einem Wunder zu berichten“, sprach er mit salbungsvoller Stimme. „Gestern um die zehnte Stunde des Abends gingen Seine Eminenz Kardinal-Erzbischof Fernando de Austria, der Hohe Richter Emanuel y Gomez de Tirado und der Henker von Madrid in die Zelle des hier vorgeführten Juan Odon y Luengo de Martines um ihm eine letzte Gelegenheit zur Beichte, Widerrufung seiner Häresien und Gewährung eines letzten Wunsches zu ermöglichen. Da geschah es, dass inmitten der Zelle der Heilige Jakobus erschien. Mit seinem Schwert, mit dem er den christlichen Königen in der Schlacht gegen die Ketzer und Mauren beigestanden hatte, deutete er auf den Verurteilten: ‚Sünder, du wirst an mein Grab pilgern und Buße tun!‘ – Das waren die Worte des Heiligen und diese Muschel als Zeichen der Pilgerreise übergab er dem reuigen Sünder.” Der Inquisitor hielt eine große Jakobsmuschel hoch.

 

Wer hinter den Schleier der Witwe hätte sehen können, hätte bemerkt, dass sich ein Lächeln auf ihren Lippen breitmachte. Inzwischen waren der Kardinalerzbischof, der Richter und der Henker an die Seite des Inquisitors getreten und verkündeten laut: „Testaro. – Ich bezeuge!“. Die Menschenmenge war zum großen Teil auf die Knie gesunken und hatte zu beten begonnen. Dann brach ein unglaublicher Jubel aus. All die Menschen, die gekommen waren um einen Häretiker brennen zu sehen, feierten ihn jetzt wie einen Volkshelden. Ein Wunder – eine Heiligenerscheinung knapp vor Weihnachten, hier in Madrid, und noch dazu ein Akt der Gnade für einen angesehen Professor, den die Inquisition zum Tode verurteilt hatte – die Menge tobte. Freude und Frömmigkeit spiegelte sich auf allen Gesichtern der Anwesenden. Nur die Miene von Großinquisitor Emilio Bocanegra blieb steinern, ja fast säuerlich, als die Freudenrufe von der göttlichen Gnade über den Platz schallten. Zwei Diener hatten ein einfaches Pilgergewand und ein Paar Sandalen gebracht und Sanbenito und Caroche konnte der Professor nun ablegen. Auch die Jakobsmuschel wurde ihm an einem Band um den Hals gelegt.

Auf einen kaum wahrnehmbaren Wink von Bocanegra wurden jetzt die Bücher und Schriften von Professor Martines herbeigeschafft und auf den Scheiterhaufen gelegt. Der Henker entzündete diesen. Das Autodafé musste schließlich vollzogen werden und wenn man schon den Häretiker nicht verbrennen konnte, so doch zumindest seine häretischen Schriften. Aber sie wollten nicht so recht brennen. Mehrmals versuchte der Henker ein ordentliches Feuer zu entzünden, aber immer wieder erloschen die Flammen. Erst als man Öl ins Feuer goss, begannen sie zu glosen, aber ein richtiges Scheiterhaufenfeuer wollte sich nicht entfachen lassen. Die jubelnde Menge bekam von diesen Umständen nicht allzu viel mit, denn inzwischen war ein spontanes Volksfest entstanden, sogar Musiker begann aufzuspielen. Als Professor Martines vom Podest stieg um seine Pilgerreise zu beginnen, teilten sich die Menschenmassen wie vor einem gekrönten Haupt und der Jubel war wohl in ganz Madrid zu hören und es war auch nicht notwendig, dass man ihm den Weg bahnte. Der Großinquisitor aber verließ stumm und in Bedeckung durch ein Dutzend Bewaffneter über ein Seitentor die Plaza Mayor. Auch der Witwe schien der Trubel zu viel zu werden und sie begann sich einen Weg durch die Menge zu suchen, die Finger bewegten immer noch die Perlen des Rosenkranzes.

 

Wer hinter den Schleier der Witwe hätte sehen können und wer ein scharfer Beobachter wäre und sich auch ein wenig in der Politik Europas ausgekannt hätte, der wäre erstaunt gewesen, denn die Witwe war keine, sie war nicht einmal eine Frau. Es war der Comte de Rochefort, Kardinal Richelieus Mann für besondere Aufgaben.

Aber warum er in Madrid war und warum er diesem bemerkenswerten Autodafé beiwohnte, ist eine andere Geschichte.


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