Artagnan.de - Fanfiction zu Dumas' drei Musketieren

Was im Winter geschah


11. Das Christkind

von AlienorDartagnan


Paris, 24. Dezember 1621

Weihnachten…in diesem Jahr war es für Athos ein Tag wie jeder andere, und er hoffte, dass die Feiertage möglichst schnell vergehen würden. Nein, er wollte jetzt nicht an das letzte Weihnachtsfest, das einzige, das er mit Anne gefeiert hatte, denken, denn das tat viel zu weh. Ja, er hatte sie wirklich geliebt, bevor er ihr wahres Gesicht erkannt und die Beherrschung verloren hatte. Er bereute sehr was er getan hatte, und ihm war klar, dass er sie niemals hätte erhängen dürfen, dass sie ihn so schändlich hintergangen hatte, rechtfertigte das, was er ihr angetan hatte, nicht. Dieser Mord lastete schwer auf seiner Seele, und er wusste genau, dass er niemals in seinem Leben wieder Freude empfinden würde. Seit jenem schlimmen Tag für sieben Monaten führte er ein Schattendasein, ertränkte seinen Schmerz und seine Schuldgefühle mit Unmengen von Wein. Obwohl er sich häufig betrank, tat er bei den königlichen Musketieren gewissenhaft und zuverlässig seinen Dienst und hatte mittlerweile zwei gute Freunde gefunden, den eitlen, lebenslustigen Porthos und den feingeistigen Aramis, einen ehemaligen Priesteranwärter, der erst seit zwei Monaten bei den Musketieren war. Aramis war in das Regiment der Musketiere aufgenommen worden, nachdem er das Priesterseminar wegen einem für seinen Gegner tödlich verlaufenden Duell verlassen musste.
An diesem 24. Dezember hatten die drei Freunde bis um sechs Uhr abends Dienst im Louvre, und danach wollten Porthos und Aramis die Christmette in der Kathedrale von Notre Dame besuchen, und anschließend ins Gasthaus zum Tannenzapfen, dem Stammlokal der königlichen Musketiere den Weihnachtsabend bei einem Tropfen guten Weines und einem köstlichen Essen ausklingen lassen.

“Begleitet uns doch, Athos”, bot Porthos ihm an, “Ihr wollt doch gewiss nicht am Heiligen Abend alleine in Eurer Wohnung in der Rue Ferrou herumsitzen und Trübsal blasen.”
Athos schüttelte gleichmütig den Kopf.
“Also wisst Ihr, für mich ist Weihnachten ein Tag wie jeder andere auch, es bedeutet mir rein gar nichts. Mir ist nicht nach Feiern und nach der Christmette zumute, denn es gibt rein gar nichts, wofür ich Gott in diesem Jahr danken könnte. Allmählich beginne ich sogar daran zu zweifeln, dass es wirklich einen Gott gibt.”
Ihm war so elend zumute, und das einzige, was er jetzt noch tun wollte, war nach Hause zu gehen, und Wein zu trinken, bis er halb besinnungslos ins Bett fiel.
Aber Porthos ließ so schnell nicht locker.
Athos, mein Freund..es tut Euch gewiss nicht gut, Euch immer zu Hause zu vergraben, da ist es ja nicht verwunderlich, wenn Ihr schwermütig werdet. Ihr müsst häufiger unter Menschen um auf andere Gedanken zu kommen und ich gehe auch nicht in die Kirche um zu beten und Gott zu danken, sondern weil in den Messen in Notre Dame immer viele gut betuchte Witwen sind, die durchaus etwas für schmucke Musketiere übrig haben. Und was Euch betrifft, Ihr könntet gewiss mit Leichtigkeit das Herz einer Frau erobern. Es würde Euch bestimmt guttun, Euch der Damenwelt von Paris endlich ein wenig zu öffnen.”
“Glaubt mir, Porthos, Frauen bringen nur Unglück und Verderben, man darf ihnen nicht vertrauen, denn letztendlich spielen sie nur mit unseren Gefühlen und gaukeln uns Liebe vor, weil sie einen Titel und Ländereien wollen”, antwortete er und blickte seine Freunde mit düsterer Miene an, “ich will jetzt einfach nur noch nach Hause und meine Ruhe haben.”
“Ach Athos, kommt doch mit uns, niemand sollte Weihnachten alleine verbringen müssen”; mischte sich nun auch Aramis in das Gespräch ein, “niemand verlangt von Euch, dass Ihr den Frauen in der Kathedrale schöne Augen macht. Und im Tannenzapfen sind sowieso keine Frauen, es ist eine reine Soldatenschenke, in der dem Glücksspiel gefrönt wird, das wisst Ihr doch. Wir werden gut essen, Wein trinken, ein wenig würfeln..wie wir es auch an einem ganz normalen Abend machen würden.”
“Nein danke, ich verzichte!”, meinte Athos und schüttelte energisch den Kopf, “wir sehen uns dann morgen früh beim Wachdienst wieder, Aramis.”

In diesem Moment kam Athos Diener Grimaud, den er aus La Fére mitgebracht hatte, als er nach Paris gekommen war, durch den Schnee zum Tor des Louvre, wo gerade eben erst der Wachwechsel der Musketiere stattgefunden hatte, gestapft und begann wild mit den Händen zu gestikulieren, als er schließlich vor seinem Herrn stand.
Porthos und Aramis wussten mittlerweile, dass ihr schweigsamer Freund sich mit Grimaud meist nur durch Handzeichen verständigte, und ihm nur ganz selten zu sprechen erlaubte. Doch diesmal verstand Athos nicht, was sein Diener ihm mit den verschiedenen Handzeichen, er ahmte unter anderem Kochbewegungen nach, sagen wollte.
“Also gut, Grimaud, dieses eine Mal erlaube ich dir zu sprechen”; meinte er schließlich und nickte seinem Diener kurz zu, “sag mir was los ist. Was machst du überhaupt hier? Ich hatte dir doch aufgetragen, neuen Wein zu kaufen und danach heimzugehen und ein Feuer im Kamin zu entzünden. Also, warum bist du nicht zu Hause?”
“Monsieur…Eure Wirtin, Mademoiselle Claire Bosredon, sie kam hoch in Eure Wohnung”; antwortete Grimaud und blickte seinen Herrn nervös an, “und als ich ihr sagte, dass Ihr nicht da seid, begann sie gleich damit, Euer Herdfeuer zu schüren und eine Gans zu braten. Ich habe ihr gesagt, dass sie nicht bleiben kann, aber sie meinte, dass sie auf Euch warten, und mit euch den Heiligen Abend feiern möchte. Nun sitzt sie mit einer Flasche Champagner vor dem Kamin und wartet auf Euch. Und weil ich mir schon gedacht habe, dass das gewiss keine Überraschung nach Eurem Geschmack ist, bin ich hergekommen um Euch vorzuwarnen.”
“Das habt Ihr gut gemacht, Grimaud”, meinte Athos schließlich leise aufseufzend, “und nun geht zurück und sagt Mademoiselle Bosredon, dass ich heute gewiss nicht vor Mitternacht nach Hause kommen werde, weil ich noch mit meinen Freunden feiere. Dann wird sie bestimmt sofort gehen.”
Dann wandte er sich an seine Freunde.
“Nun, es sieht ganz so aus, als ob ich euch heute Abend doch begleiten müsste…diese Mademoiselle Bosredon ist lästig wie eine Klette, und wenn ich jetzt nach Hause ginge, würde ich sie den ganzen Abend nicht mehr loswerden.”
Mademoiselle Bosredon war die Besitzerin jenes Hauses in der Rue Ferrou, in dem Athos zwei kleine, sehr ordentlich möbilierte Zimmer bewohnte. Schon seit seiner Ankunft in Paris machte die junge, wirklich hübsche Wirtin ihm vergebens schöne Augen.
“Also wenn das meine Wohnung wäre, dann würde ich gerne den Abend mit der schönen Wirtin verbringen”, meinte Porthos, “denn was gibt es besseres als gutes Essen und schöne Frauen. Ach Athos, Ihr versteht es einfach nicht, Euer Leben so richtig zu genießen.”
“Irgendwann werdet auch Ihr die Frauen wieder zu schätzen lernen, Athos, denn auf Dauer kommt niemand ohne sie aus”, fügte Aramis noch hinzu, “ich wüsste ja zu gerne, was Euch Schlimmes zugestoßen ist, dass Ihr das schöne Geschlecht so ablehnt. Ich bitte Euch, verratet uns doch endlich, was mit Euch los ist, mein Freund.”
Porthos und Aramis wussten nicht viel über ihren schweigsamen Freund, doch sie kannten jenes Gerücht, das besagte, dass eine enttäuchte Liebe das Leben jenes jungen Edelmannes für immer vergiftet hatte.

Und so machte die drei Freunde sich durch die verschneiten Straßen von Paris auf den Weg zur Kathedrale, während Aramis und Porthos munter drauflosplapperten, ging Athos schweigend und mit gesenktem Kopf hinter ihnen her. Der weihnachtliche Trubel in den Straßen, die an diesem Tag scheinbar überall vorherrschende Fröhlichkeit  machte ihm das Herz schwer, weil es ihn an das Weihnachtsfest des letzten Jahres, das er mit Anne gefeiert hatte, erinnerte. An jenem Abend vor einem Jahr hatte er sich für den glücklichsten Menschen der Welt gehalten, und nicht geahnt, dass dieses Glück nur eine auf einer perfiden Lüge basierende Illusion war.
Er wandte rasch den Blick ab, als ein junges, sich an den Händen haltendes Paar, das einander verliebt in die Augen schaute, an den drei Musketieren vorbeiging. Und als wenig später ein Kinderchor unter der Leitung eines Kastraten Weihnachtslieder anstimmte, hätte er sich am liebsten die Ohren zugehalten. Weihnachten, dieses Fest, das er früher so sehr geliebt hatte, war ihm nun ein Gräuel, und er konnte das Ende der Feiertage kaum erwarten.
Es hatte wieder zu schneien angefangen, und die Glocken von Notre Dame begannen zu läuten. Immer mehr Menschen strömten auf die Kathedrale zu, fröhliche, lachende Menschen, unter denen Athos sich völlig fehl am Platz fühlte. Auf dem Marktplatz vor der Kathedrale wurde heißer Würzwein verkauft, und bevor die Musketiere in die Kathedrale gingen, wollten sie sich noch mit einem Becher davon aufwärmen. Als Porthos und Aramis dann in die Kathedrale gehen wollten, meinte Athos kopfschüttelnd:
“Mir steht nicht der Sinn nach der Weihnachtspredigt, ich werde hier draußen auf euch warten, und noch einen Becher Würzwein trinken.”
Aramis und Porthos tauschten besorgte Blicke, denn ihnen war klar, dass es bestimmt nicht nur bei einem weiteren Würzwein bleiben würde.
“Ach kommt doch mit hinein, Athos”, meinte Aramis, “hier draußen ist es doch viel zu kalt, Ihr holt Euch noch den Tod.”
“Ach was”; erwiderte Athos mit gleichmütiger Miene, “der Wein wird mich schon aufwärmen.”
Porthos und Aramis versuchten noch ein paarmal ihn zum Hineingehen zu überreden, doch als sie merkten dass es zwecklos war, gingen sie schließlich alleine in die Kathedrale.

Nun waren fast alle Menschen, abgesehen von den Verkäufern der wenigen, noch auf dem Marktplatz stehenden Holzbuden, in der Kathedrale und Athos empfand die plötzlich eingetretene Stille als Wohltat. Nur gedämpft drangen die feierlichen Gesänge aus Notre Dame nach draußen. Schon bald waren die vielen Fußspuren vor der Kathedrale mit frisch gefallenem Schnee bedeckt. Es war wirklich schneidend kalt, ein eisiger Wind wehte ihm ins Gesicht. Sowohl um sich aufzuwärmen, als auch um seine Traurigkeit zu betäuben, trank er zwei heiße Würzweine, und wollte gerade einen dritten ordern, als er das laute Stöhnen einer Frau hörte. Es klang beinahe wie…ja, wie Annes Stimme, und sie kam aus der mit lebensgroßen Figuren bestückten Außenweihnachtskrippe, die jedes Jahr auf dem Vorplatz der Kathedrale aufgebaut wurde.
“Habt Ihr das auch gehört?”, fragte er den Würzweinverkäufer, “es klang fast wie das Stöhnen einer Frau.”
“Da vergnügt sich bestimmt wieder mal ein paar auf der Krippenbühne..eine Schande ist das..jedes Jahr gibt es wieder welche, die das machen. Bestrafen müsste man die für ihre Gottlosigkeit.”
Erneut ertönte dieses Stöhnen, diesmal war es lauter und klang äußerst gequält, als ob jemand große Schmerzen litte. Wieso klang diese Frauenstimme nur wie die von Anne? War daran etwa der Wein schuld?
Aber nein, der Würzweinverkäufer hatte das Stöhnen ja auch gehört, es konnte also nicht nur Einbildung sein. Der Kathedralenvorplatz war nun wie leergefegt, weil die meisten Menschen in die Kathedrale und andere zurück in ihre Häuser gegangen waren, und nun herrschte eine geradezu gespenstisch anmutende Stille.
Ein eisiger Wind fegte über den Platz, als der Musketier sich der Holztribüne, auf der die Krippenszenerie angeordnet worden war, näherte. Dort befand sich alles, was zu einer richtigen Krippenszene gehörte: lebensgroße, liebevoll geschnitzte und bemalte Holzfiguren von den heiligen drei Königen Kaspar Melchior und Balthasar sowie dem heiligen Josef, Maria und Ochs und Esel und dem in einer kleinen Krippe auf einem Bett aus Heu liegenden Jesuskind. Doch etwas war an diesem Bild nicht stimmig. Die Marienfigur lag auf dem Boden der Holztribüne mit der Krippenszene, und nicht wie jedes Jahr auf dem großen Strohsack neben dem die kleine Krippe mit dem Jesuskind stand.

Aber irgendetwas lag auf dem Strohsack, und es bewegte sich, allerdings konnte der Musketier auf die Entfernung nicht erkennen, was es war, weil ihm die lebensgroßen Holzfiguren der heiligen drei Könige und des Josef den Blick versperrten. Aber dieses so gequält klingende, langgezogene Stöhnen, es kam eindeutig von dem Strohsack her.
“Hallo? Ist da jemand? Braucht Ihr Hilfe?”, rief er und ging näher heran, denn er war davon überzeugt, dass ich hier kein Liebespaar vergnügte, es klang eher, als ob irgendjemand große Schmerzen litte.
Was er dann erblickte, als er näher heranging und die Figur des Josef beiseiteschob um bessere Sicht zu haben, erschütterte ihn zutiefst und ließ ihm regelrecht das Blut in den Adern gefrieren.
Auf dem Strohsack, dem eigentlichen Platz der liebevoll geschnitzten und bemalten lebensgroßen Marienfigur, lag eine blonde junge Frau mit schönem, madonnenhaft anmutenden Anlitz, die der verstorbenen Anne wie aus dem Gesicht geschnitten war. Sei war auch ungefähr in Annes Älter, höchstens siebzehn bis achtzehn Jahre. Ihr blasses Gesicht mit den ebenmäßigen schönen Zügen, den blassblauen Augen und den rosigen Lippen wurde von hellblondem Haar umrahmt, das ihr bis zu den Schultern herabfiel. Sie trug ein zerlumpes, braunes Kleid mit einer grauen Schürze, das so verdreckt war, dass nicht einmal eine Magd es noch angezogen hätte.
Nein, sie kann es nicht sein, dachte Athos sich, sie ist tot und ich habe sie auf dem Gewissen. Es ist gar nicht möglich dass sie hier ist, das bilde ich mir alles nur ein. Daran ist gewiss der Wein schuld.

Die junge Frau verzog ihr schönes Gesicht, das daraufhin zu einer schmerzverzerrten Grimasse wurde, sie stöhnte laut und ihre schneeweißen Hände ruhten auf ihrem gewölbten Bauch. Die Schöne in dem schmutzigen Kleid, das so gar nicht zu ihrer Schönheit passen wollte, war schwanger und mühte sich verzweifelt ab, ihr Kind zur Welt zu bringen. Und niemand war bei ihr, der ihr helfen konnte, man schien sie damit ganz alleine gelassen zu haben. War sie eine der unzähligen Bettlerinnen, die auf den Straßen von Paris Tag für Tag hart ums Überleben kämpfen mussten? Eine jener armen Frauen, die sich nachts in den Katakomben verkrochen, weil sie kein Dach über dem Kopf hatten und nicht erfrieren wollten?
Konnte es womöglich doch Anne sein? Aber wie konnte sie noch am Leben sein, nachdem er sie vor sieben Monaten aufgehangen hatte?
Zaghaft ging er näher heran und beugte sich über die Kreisende.
“Anne…seid Ihr das, Anne?”
Es war absurd..eigentlich konnte sie es nicht sein…und doch..diese Ähnlichkeit…diese Frau sah ihr wirklich zum Verwechseln ähnlich…
Als die junge Frau ihn sah, verzerrte ihr Gesicht sich zu einem Ausdruck jähen Entsetzens.
“Ihr…”, murmelte sie zutiefst erschrocken, und in ihren Augen stand die blanke Todesangst.
Vergeblich versuchte sie such aufzurichten um aufstehen und davonlaufen zu können, sie war dazu einfach viel zu schwach.
Nach dem was er ihr damals angetan hatte, fand Athos ihre Furcht nur zu verständlich. Er hatte damals versucht sie aufzuhängen, und deswegen befürchtete sie nun natürlich das denkbar Schlimmste für sich, glaubte, dass er gekommen war, um das zu Ende zu bringen, was ihm damals nicht gelungen war.
Er schämte sich sehr für seine Tat und schwor sich, alles dafür zu tun um es wieder gutzumachen.
Ganz langsam ging er neben der jungen Frau in die Knie und strich ihr behutsam über die bleichen, von den Strapazen der Wehen schweißnassen Wangen.
“Ach Anne, es tut mir ja so leid, was ich Euch damals angetan habe…obwohl Ihr mich so bitter enttäuscht und so schändlich belogen habt, hatte ich kein Recht, Euch so etwas anzutun. Ich bitte Euch, verzeiht mir das Unrecht, das ich Euch damals zufügte.”
Sie hielt schützend ihre Hände über den gewölbten Bauch, in ihren Augen stand noch immer die nackte Angst.
“Verschwindet, Olivier! Ich lasse nicht zu, dass Ihr mir dieses Kind wegnehmt und mich tötet! Ihr wollt doch nur warten bis es geboren ist und mich dann noch einmal aufhängen!”
Erst jetzt wurde Athos bewusst, dass es durchaus sein könnte, dass es sein Kind war, das hier gerade zur Welt kam. Zwar hatte sie ihn mit ihrem Liebhaber, dem Pfarrer, den sie ihm gegenüber als ihren Bruder ausgegeben hatte, betrogen, aber davon hatte er damals nichts geahnt, und jede Nacht bei ihr gelegen, auch vor neun Monaten. Und wenn es wirklich sein Kind war, dann befürchtete sie jetzt natürlich, dass er gekommen war um es ihr wegzunehmen und sie zu töten. Der Gedanke, dass dieses Kind seines sein könnte, erschütterte ihn zutiefst, und erneut schämte er sich dafür, dass er Anne damals beinahe getötet hätte.
“Ich bitte euch, Anne, habt keine Angst, ich will Euch Euer Kind doch nicht wegnehmen, ich möchte Euch helfen. Ihr braucht Euch vor mir nicht zu fürchten, glaubt mir, ich bereue das, was ich Euch damals antat zutiefst und bin seit jenem Tag meines Lebens nicht mehr froh geworden.”

Als er sich gerade fragte, wo er jetzt eine Hebamme herbekommen sollte, ging ein Beben durch ihren Körper, und sie stöhnte gequält, als sie von der nächsten Wehe erfasst wurde. Athos erschrak, als er sah, wie ihr Unterleib sich weitete, als sie so fest presste, dass ihr Kopf rot anlief, und in dieser Öffnung mit einem Mal der obere Teil des Köpfchens des Kindes zu sehen war.
Nun war es eindeutig zu spät, um sich noch auf die Suche nach einer Hebamme oder einem Arzt zu machen, der Musketier wusste, dass weder das Kind noch Anne eine Chance hatten, wenn er sie jetzt alleine ließ. Außer ihm war niemand hier, der dieses Kind auf die Welt holen konnte, und das machte ihm große Angst. Bei seinen Pferden und Jagdhunden hatte er schon häufiger Geburtshilfe leisten müssen, dies aber noch nie bei einer Frau getan. Er hoffte, dass es bei einer Frau ähnlich ablaufen würde, und er Anne wirklich helfen konnte.
Und so ging er neben ihr in die Knie, nahm ihre Hand und drückte sie sanft.
“Ihr müsst pressen, Anne, ganz fest pressen! Habt keine Angst, es ist bald geschafft, der Kopf ist schon fast draußen. Alles wird gut, Ihr werdet schon sehen! Pressen, feste pressen!”
Sie blickte ihn misstrauisch an, noch immer befürchtete sie, dass er etwas Böses im Schilde führen könnte. Aber sie war so von den Strapazen der Geburt erschöpft, und musste sich nun darauf konzentieren, dieses Kind zu gebären, dass ihr die Kraft, gegen seine Anwesenheit zu protestieren fehlte.
Die Wehen kamen nun in immer kürzeren Abständen, und sie presste erneut so fest, mit ihrer ganzen noch verbliebenen Kraft, dass ihr Gesicht flammendrot anlief, und von Schmerzen gepeinigt stieß sie einen lauten, schrillen Schrei aus.
“Habt keine Angst, Anne, Ihr habt es bald geschafft. Nur noch einmal fest pressen”; versuchte er ihr Mut zu machen, als er sah, dass das ganze Köpfchen nun draußen war.
Als sie dann noch einmal presste, kamen auch die Schultern des Kindes zum Vorschein, und Athos, sich an die Geburten seiner Hunde und Fohlen erinnernd, zog das kleine, blutverschmierte Wesen behutsam an den Schultern aus dem Muttermund heraus, hoffte inständig, dass alles gutgehen und er es nicht verletzen würde.
Kurz darauf hielt er den Säugling, dessen Haut noch krebsrot war, in den Händen und durchtrennte mit seinem Dolch vorsichtig die Nabelschnur, genauso wie er es bei seinen Hunden und Fohlen auch immer gemacht hatte. Er hoffte inständig, dass er alles richtig gemacht hatte, und empfand es als beruhigend, als das Kind mit einem kräftigen, lauten Schrei seine Ankunft in der Welt kundtat. Das war mit Sicherheit ein gutes Zeichen.
Es war ein kleines Mädchen, und Athos wischte ganz behutsam Blut und Käseschmiere von dem kleinen Körper, und wickelte ihn dann vorsichtig in seinen Mantel ein. Auf dem Köpfchen war bereits der erste zarte dunkle Haarflaum zu sehen und als die Kleine zu greinen aufhörte, und ihn aus großen, braunen Augen heraus unverwandt anblickte, war er so tief berührt, dass ihm Tränen der Freude über die Wangen liefen. Diese Augen..sie glichen seinen eigenen Augen so sehr, dass ihm klar wurde, dass es seine eigenen Tochter war, die er da in den Händen hielt. Außerdem hatte das Kind eine sichelförmige Narbe am Bauch, genau die gleiche Narbe, die er selbst auch hatte. Ganz zärtlich küsste er die Kleine auf die Stirn und konnte gar nicht aufhören, dieses kleine Wunder zu betrachten, weil er es noch immer nicht fassen konnte. Er hatte geglaubt, dass Anne tot war, und er hatte geglaubt, dass er niemals eigene Kinder haben würde.
Die Kleine räkelte sich in seinen Armen, und gab leíse, maunzende Laute von sich. Er wickelte den Mantel noch enger um sie, damit sie es auch warm genug hatte.

Als Anne das leise Glucksen des Säuglings hörte, versuchte sie mühsam, sich aufzurichten, was ihr jedoch nicht gelang, und verlangte mit schwacher, erschöpfter Stimme:
“Ich bitte Euch, nehmt mir mein Kind nicht weg…und tötet es nicht. Macht mit mir was Ihr wollt, aber lasst das Kleine am Leben…”
In ihrer Stimme schwang eine tiefe Verzweiflung mit, vermutlich befürchtete sie, der Säugling könnte dem Pfarrer gleichen, und er könnte ihn in seiner Wut darüber töten. Nach jenem Vorfall vor sieben Monaten schien sie ihm eine solche Tat durchaus zuzutrauen.
“Ihr…nein wir haben eine wunderschöne, gesunde Tochter” meinte er lächelnd, während ihm Tränen der Freude über die Wangen liefen, und legte ihr die Kleine in die Arme, “ich könnte ihr niemals etwas tun, und auch Euch nicht..es tut mir so leid, was damals geschehen ist.”
Eine ganze Weile beachtete Anne ihn gar nicht, und war ganz vertieft in die Betrachtung ihrer Tochter, von der sie gar nicht mehr den Blick wenden konnte.
Schließlich schaute sie zaghaft zu ihm auf und meinte dann:
“Sie ist Euch wie aus dem Gesicht geschnitten..auch wenn ich Euch damals betrogen habe..so ist es dennoch Eure Tochter. Ich bitte Euch, auch wenn es Euer Kind ist…nehmt sie mir nicht weg…ich könnte es nicht ertragen sie nicht aufwachsen zu sehen. Ein Kind gehört doch zu seiner Mutter…”
“Ich werde sie Euch nicht wegnehmen, das könnte ich niemals tun”; meinte er schließlich und betrachtete die Kleine, die nun leise zu greinen begann, “ich..ich war damals so wütend auf Euch, und so enttäuscht als ich die Lilie entdeckte, dass ich nicht mehr klar denken konnte. Was ich Euch angetan habe, das ist unverzeihlich..ich hoffe, dass Ihr mir irgendwann trotzdem vergeben könnt. Wisst Ihr, in den letzten Monaten ist mir klar geworden, dass ich Euch gegen über sehr ungerecht war und ich gäbe alles dafür, das wiedergutmachen zu können. Ich weiss, dass Ihr mich nie geliebt und mich schändlich belogen habt, aber meine Tat wiegt weitaus schwerer als Euer Betrug.”
“Wisst Ihr, es ist wirklich so, dass ich Euch nicht liebte als ich Euch geheiratet habe, und es nur tat, um an Euren Titel und Eure Ländereien zu gelangen. Aber dann…als ich mit Euch verheiratet war, da habe ich mich in Euch verliebt, und zu dem Zeitpunkt als Ihr die Lilie entdeckt habt, hatte ich schon drei Monate nicht mehr mit dem Pfarrer geschlafen, ihm gesagt, dass mein Herz jetzt nur noch Euch gehört. Eure Tat…das war ein Schock für mich….weil ich niemals gedacht hätte, dass Ihr zu so etwas fähig seid..ich wagte nicht, zurückzukehren und seitdem schlage ich mich auf den Straßen von Paris mehr schlecht als Recht durch. Und als ich Euch vorhin sah, da hatte ich große Angst, dass Ihr versuchen könntet mich zu töten. Ich weiss nicht, ob ich Euch jemals wieder vertrauen kann, aber ich will es versuchen. Und natürlich will ich Euch Eure Tochter nicht vorenthalten, sie braucht ihren Vater genauso wie ihre Mutter. Im Moment kann ich mir, nach allem was geschehen ist, nicht vorstellen, mit Euch zusammenzulebe..aber…ich bin sicher, uns fällt eine gute Lösung ein, wie wir unsere Tochter trotzdem zusammen großziehen können.”
“Ihr werdet ab heute wieder ein Zuhause haben, dafür werde ich sorgen”; meinte Athos, “wenn Ihr wollt, könnt Ihr doch mit der Kleinen im Stadthaus meiner Familie hier in Paris leben..ich werde in meiner Wohnung in der Rue Ferrou bleiben..aber so kann ich die Kleine regelmässig besuchen kommen.”
Nach allem was vorgefallen war, sie hatten beide schwerwiegende Fehler begangen, war ein gemeinsames Leben als Ehepaar nicht mehr möglich, zumindest im Moment nicht…Athos hielt seinen Vorschlag für eine gute Lösung.
Das Stadthaus der Familie de La Fére hatte er, als er nach Paris gekommen war, niemals aufgesucht, weil er seine wahre Identität unbedingt hatte geheimhalten wollen. Nun würde das nicht länger nötig sein, nun durften ruhig alle wissen, dass der Musketier Athos eigentlich der Comte de La Fére war.
“In Ordnung, ich bin damit einverstanden, Olivier”; erwiderte sie lächelnd, “es ist ja auch nicht so, dass ich Euch hasse, ich verzeihe Euch was Ihr damals getan habt…dennoch denke ich, dass es besser wäre, wenn wir getrennt leben..die Zeit wird dann zeigen, wie es mit uns beiden weitergeht.”
Als die Kleine leise zu greinen begann, gab Anne ihr die Brust.
“Sagt, habt Ihr Euch schon einen Namen überlegt?”, fragte er sie schließlich.
“Mein Leben war in den letzten Monaten nicht gerade leicht…und ich hatte keine Zeit, darüber nachzudenken. Meine Mutter hieß Charlotte..wenn es Euch auch Recht ist, würde ich sie gerne nach meiner Mutter benennen.”
“Ein schöner Name..ich bin damit einverstanden”; erwiderte er, während er tief berührt seine Tochter betrachtete.
Nachdem sie getrunken und ihr Bäuerchen gemacht hatte, schlief die kleine Charlotte in Annes Armen ein.

Mittlerweile war die Messe zu Ende, und immer mehr Menschen kamen aus der Kathedrale. Viele blieben stehen und betrachteten erstaunt die Szenerie, die sich ihnen an der Krippe darbot.
Ein Mann in Musketieruniform und eine zerlumpte junge Frau mit einem Säugling im Arm, auf dem Strohsack, auf dem sonst die Marienfigur gelegen hatte.
Auch Porthos und Aramis traten neugierig näher heran, als sie erkannten, dass es sich bei dem vor dem Strohlager knieenden Musketier um ihren Freund Athos handelte.
Als Athos unter den Schaulustigen Kirchgängern seine Freunde erkannte, lächelte er, und bat Anne, ihm kurz das Kind zu geben.
“Ihr nehmt sie mir aber nicht weg?”; fragte sie und blickte ihn misstrauisch an.
“Nein, Ihr bekommt sie gleich wieder, ich will sie nur meinen Freuden zeigen.”
Porthos und Aramis glaubten ihren Augen nicht zu trauen, als sie Athos mit dem Kind im Arm sahen…die Kleine war ihm wie aus dem Gesicht geschnitten.
“Habe ich es Euch nicht immer gesagt, Aramis? Stille Wasser sind tief….”
Athos wusste, dass an diesem Tag für ihn ein ganz neues Leben beginnen würde. Im Augenblick konnte er noch nicht sagen, ob er und Anne jemals wieder ein Paar werden würden, aber selbst wenn dies nicht geschehen sollten, so würde die kleine Charlotte doch immer ein Teil seines Lebens sein, und er und Anne konnten zumindest gute Freunde bleiben.
So glücklich hatten Aramis und Porthos den stets in sich gekehrten Athos noch nie gesehen und sie freuten sich mit ihm. Zum ersten Mal seit er nach Paris gekommen waren sahen sie ihn unbeschwert lachen, und so viel wie an diesem Tag hatte er noch nie mit ihnen gesprochen.
Und Athos war erleichtert dasss Anne sich nun etwas entspannte, als er ihr die Kleine zurück auf den Arm gab, allmählich begann sie ihm zu vertrauen. Ja, er empfand noch immer sehr viel für sie, das musste er sich nun eingestehen. Die Zeit würde zeigen, wie es mit ihnen weiterging.


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