Artagnan.de - Fanfiction zu Dumas' drei Musketieren

Was im Winter geschah


15. Familienangelegenheiten - Athos

von AlienorDartagnan


Mir kam kürzlich, beim Lesen von “Die Jugend der Musketiere” die Idee zu dieser Geschichte, in der ich Myladys und Athos erstes und einziges gemeinsames Weihnachtsfest jeweils aus der Sicht der beiden beschreibe.
Athos zu schreiben fiel mir leicht, aber Mylady war eine Herauforderung, da ich mich mit bösen Charakteren immer etwas schwer tue, ich hoffe es ist mir dennoch gelungen, ihren Charakter entsprechend skrupellos darzustellen.
Im VAA steht, dass Athos Bragelonne von einem sehr nahen Verwandten geerbt hat, und ich habe mir dann gedacht, dass er ja einen Bruder namens Raoul gehabt haben könnte. Dass Athos Familie mit der Heirat nicht einverstanden war, hat Dumas ja erwähnt, und so kam mir die Idee zu dieser Geschichte. Ich dachte mir, dass ein Weihnachtsfest, das kurz nach der Hochzeit stattfindet, sicherlich zu familiären Konflikten führen würde.

 Weihnachten 1620, La Fére

“Olivier, mein Sohn, ich befürchte, dass dieses Weib Euch eines Tages ins Unglück stürzen und unsere Familie zerstören wird. Ich bin davon überzeugt, dass sie Euch nur wegen Eures Vermögens und Eures Titels geheiratet hat. Ach, warum habt Ihr nicht auf mich gehört und Alais de Lussaie geheiratet? Mit ihr wärt Ihr gewiss sehr glücklich geworden!”; wirft mein Vater mir vor, während er eine silberne Kugel an den Christbaum hängt.
“Vater hat Recht. Anne ist nicht die Richtige für Euch, diese Heirat war ein Fehler, den Ihr noch sehr bereuen werdet”; fügt mein Bruder Raoul hinzu, “irgendetwas stimmt nicht mit dieser Frau, und ihr Bruder, das ist auch so ein merkwürdiger Kauz. Wie lüstern der sie immer betrachtet, sehr geschwisterlich wirkt das auf mich nicht gerade.”
So sehr ich Vater und Raoul auch liebe…im Moment bin ich wütend auf sie und enttäuscht. Es ist mein erstes Weihnachten mit Anne, und ich möchte, dass es für sie beonders schön wird. Immer diese Sticheleien, nicht einmal am Heiligen Abend können sie damit aufhören. Warum tun sie das? Anne hat ihnen nie einen Anlass dazu gegeben. Zum Glück ist sie gerade oben und nimmt ein Bad. Ich weiß dass sie unter der Ablehnung der beiden leidet, neulich hat sie deswegen sogar geweint.
Eigentlich wollten wir alle zusammen den Baum schmücken, so wie wir das immer gemacht haben, doch nun ist mir die Lust vergangen.
“Ihr solltet euch wirklich schämen! Ständig zieht ihr über sie her, dabei hat sie euch gar nichts getan! Ihr beide seid doch nur grantig, weil ich Alais keinen Antrag gemacht habe, und lasst Eure Enttäuschung darüber an der armen Anne aus. Wenn Euch Alais so gut gefällt, dann heiratet Ihr sie doch, und nehmt sie mit nach Bragelonne, Raoul!”

Mein Bruder blickt mich kopfschüttelnd an, seine Miene drückt eine tiefe Besorgnis aus.
“Glaubt mir, Olivier, ich will nur Euer Bestes, und das ist Anne ganz gewiss nicht. Sie ist ein hinterhältiges Biest, dem Ihr nicht vertrauen dürft. Erst gestern war sie wieder den ganzen Nachmittag im Pfarrhaus bei Abbé Georges.”
“Der Abbé ist ihr Bruder, das ist doch normal, dass Geschwister einander besuchen.”
“Wenn sie überhaupt Geschwister sind. Ich bezweifle das mittlerweile..sie sehen sich ja nicht einmal ähnlich, und wie er sie immer anschaut….”
“Jetzt reicht es aber endgültig, Raoul! Wir beide sehen uns auch nicht ähnlich, Ihr kommt nach Mutter, ich nach Vater…und doch sind wir Brüder. Ihr wollt ihr keine Chance geben und sucht deshalb immer wieder nach fadenscheinigen Vorwänden um mir meine Liebe madig zu machen. Aber das wird Euch nicht gelingen, mein Herz wird auf ewig ihr gehören!”
“Was fällt Euch ein, Euren Bruder so anzuschreien? Raoul hat doch Recht, irgendetwas ist da faul. Ich glaube auch nicht, dass der Abbé ihr Bruder ist. Dieses Biest macht Euch zum Hahnrei, und Ihr merkt es noch nicht einmal! Stattdessen ladet Ihr Ihren Liebhaber auch noch zum Weihnachtsfest zu uns ein. Bruder…pah..dass ich nicht lache!”

Warum tun sie mir das an? Warum können wir denn nicht endlich alle eine Familie sein, Vater, Raoul, Anne und ich?
“Ist euch beiden eigentlich klar, was ihr meiner Frau damit antut? Wisst ihr eigentlich, wie sehr sie unter eurem abweisenden Verhalten leidet?
Sie ist jetzt eine La Fére, ein Teil unserer Familie, und das müsst ihr akzeptieren.”
“Sie hat das schon genau richtig erkannt…sie ist hier in der Tat nicht willkommen”, erwiderte Raoul und blickt mich trotzig an, “denn ich ahne bereits, dass sie Euch ins Unglück stürzen und unsere Familie zerstören wird. Ihr seid blind vor Liebe, Bruder, so blind, dass Euch ihr wahrer Charakter leider verborgen bleibt.”

In diesem Moment kommt Anne die Treppe herunter in den Salon. Sie trägt ein Kleid aus changierender blauer Seide, auf dem mit Silberfäden Schneekristalle eingestickt sind. An ihrem Hals funkelt der Rubinanhänger, den ich ihr zu unserer Hochzeit geschenkt habe. Ihr hellblondes Haar schimmert im Schein des Kaminfeuers golden, ihre sanften blauen Augen leuchten. Wie ein Engel sieht sie aus. Bei ihrem Anblick geht in meinem Herzen die Sonne auf, und der Familienstreit ist erst einmal vergessen. Sie macht mich glücklich, sie ist die Frau, mit der zusammen ich alt werden möchte. Hoffentlich werden die beiden das irgendwann akzeptieren können und aufhören uns mit ihren gehässigen Bemerkungen das Leben schwer zu machen.
Als Anne sich zu uns gesellt, verdüstern sich ihre Mienen und sie verfallen in ein eisiges Schweigen.
Ich bin mir sicher, dass ihr das nicht entgangen ist, doch sie tut so, als ob es ihr nichts ausmachen würde. Sie schenkt mir ihr strahlendstes Lächeln und küsst mich zärtlich auf die Wange. Sie duftet nach dem Lavendelöl in dem sie immer badet. In diesem Augenblick verspüre ich ein unbändiges Verlangen, und ich kann es kaum erwarten, mich nach dem Fest mit ihr in unsere Gemächer zurückzuziehen.
“Ich bin früher als ich dachte mit meinem Bad und meiner Toilette fertig geworden, und da dachte ich, ich könnte euch doch beim Schmücken helfen. Es ist eine so schöne Tradition, die mich an meine Kindheit erinnert”; meint sie und küsst mich erneut, während sie mir tief in die Augen blickt, “und ich freue mich schon darauf, wenn wir das in ein paar Jahren mit unseren Kindern machen können. Ach, ich hoffe so sehr, dass ich bald in guter Hoffnung sein werde.”
Ich liebe Kinder, und genau wie Anne freue ich mich schon sehr darauf, mit ihr welche zu bekommen. Wer weiß, vielleicht werden wir im nächsten Jahr Weihnachten schon mit unserem Sohn oder unserer Tochter feiern. Und ich bin sicher, dass Vater Anne in ganz anderem Licht betrachten wird, wenn er erst einmal sein erstes Enkelkind in den Armen hält.
Anne ist genau wie ich, sie liebt das Leben auf dem Land und La Fére ist für sie längst zur Heimat geworden. Alais war da ganz anders, sie sprach immer davon, dass sie das Landleben langweilig fände, und lieber in Paris bei Hofe leben würde.

Seitdem ich klein war, haben wir den Baum immer alle zusammen geschmückt, doch in diesem Jahr ist alles anders. Kaum ist Anne da, ziehen Vater und Raoul sich in die nahe beim Kamin stehenden Sessel zurück und überlassen uns den Christbaum. Anne tut so, als ob ihr das nichts ausmachen würde, aber mir wird ganz weh ums Herz, als ich die Traurigkeit in ihren Augen sehe. Während wir also den Baum schmücken, versuche ich sie aufzuheitern, indem ich ein wenig herumalbere, und es gelingt mir tatsächlich, sie damit zum Lachen zu bringen.
Danach wird es Zeit zur Christmette ins Dorf zu fahren, doch auch das müssen wir alleine tun. Vater war kürzlich schwer erkältet, und will sich, nachdem er gerade erst wieder genesen ist, nicht der kalten Winterluft aussetzen. Früher versäumte er jedoch nie die Mette, einmal hat er sogar gefiebert und bestand trotzdem energisch darauf mitzukommen. Raoul weigert sich uns zu begleiten, weil er die Meinung vertritt, dass Abbé Georges ein gottloser Lügner und Betrüger ist. Ich koche innerlich vor Wut weil mir die eigene Familie so in den Rücken fällt, doch ich zügele mein Temperament und unterdrücke die Emotionen die gerade in mir hochkommen. Anne soll schließlich ein schönes Fest haben, ohne einen lautstarken Familienstreit.

Und so sitzen wir beide kurz darauf alleine in der offenen Kutsche, die von meinem Diener Grimaud gefahren wird. Während wir durch die verschneite Landschaft fahren und im Dorf die Glocken zu läuten beginnen, rückt sie näher heran und schmiegt ihren Kopf an meine Schulter.
“Ich liebe Euch, Olivier, mehr als alles andere auf der Welt”, flüstert sie mir leise ins Ohr, “Ihr seid so ein wunderbarer Mensch. Ach manchmal wünschte ich, Ihr hättet kein Vermögen und keinen Titel, dann würde Eure Familie endlich merken, dass ich Euch nur um Euretwillen liebe.”
In diesem Moment weiss ich, dass ich das Richtige getan habe, als ich auf mein Herz gehört und sie geheiratet habe. Während ich sie zärtlich küsse, denke ich mir, dass dieser Augenblick einer der schönsten meines Lebens ist.
“Seid nicht traurig, Liebste, ich bin mir sicher, dass Vater und Raoul bald Euren wahren Charakter erkennen und Euch dann endlich akzeptieren werden.”
In der Kirche sitzen wir in der ersten Bankreihe vor dem Altar, ein Ehrenplatz, den die Comtes von La Fére seit den Zeiten von Philippe Auguste innehaben. Trotz der vielen brennenden Kerzen ist es eiskalt, und so bin ich froh, als Abbé Georges endlich mit der Predigt fertig ist.
Wieder draußen auf dem Dorfplatz, schütteln Anne und ich den Dorfbewohnern die Hände und wünschten ihnen ein gesegnetes Fest. Viele bedanken sich bei mir, weil Vater und ich ihnen in diesem Jahr, weil es ein besonders harter Winter war, die Hälfte aller Abgaben erlassen, und ihnen außerdem erlaubt hatten, sich soviel Holz aus unseren Wäldern zu nehmen wie sie benötigten.
Während ich noch mit den Leuten plaudere, geht Anne zu ihrem Bruder herüber, die beiden reden eine Weile, dann geht der Abbé ins Pfarrhaus zurück.
“Mein Bruder fühlt sich nicht wohl”, erklärt sie mir schließlich, “er wird heute Abend bei unserem Festmahl leider nicht dabeisein können.”
Seltsam..eben in der Kirche sah er gar nicht kränklich aus, doch ich hake nicht weiter nach, weil ich im Grunde froh bin, dass er uns nicht begleitet, denn ich weiss genau, dass er dann in einen Streit mit Vater und Raoul geraten würde.
Grimaud fährt uns zurück und ich freue mich auf den Abend, das erste Weihnachtsfest mit meiner Frau.

Schon damals, als ich noch klein war, habe ich diesen Moment geliebt, wenn wir alle aus der Mette nach Hause kamen und uns um die festlich gedeckte Tafel versammelten. Danach haben wir Weihnachtslieder gesungen und anschließend beschert. Selbst nach Mutters Tod behielten wir diese Tradition bei, doch als wir auf La Fére ankommen, muss ich schmerzlich erkennen, dass Vater und Raoul alles daran setzen, Anne und mir das Fest zu verderben. Zwar ist die Tafel, genau wie jedes Jahr, festlich geschmückt und das übliche üppige Festmahl aufgetischt, doch in diesem Jahr wird nicht geplaudert, gescherzt und gelacht, stattdessen liegt eine unangenehme Spannung in der Luft.
“Wo ist denn Euer Liebhaber, Madame?”; fragt Raoul in gehässigem Tonfall, während er lustlos auf seinem Teller herumstochert, auf dem sich die mit einer Farce aus Maronen und Pflaumen gefüllte Gänsebrust allmählich in eine breiartige Masse verwandelt, “der Abbé ist wohl so eifersüchtig auf Oliviér, dass er es nicht ertragen kann, an unserer Feier teilzunehmen.”
“Ich dulde nicht, dass Ihr meine Frau so respektlos behandelt, Bruder! Ihr seid doch nur neidisch, weil ich so eine wundervolle Frau gefunden habe, Ihr jedoch immer noch alleine seid!”, fahre ich ihn an, während ich mit der Faust so fest auf den Tisch schlage, dass in den halbvollen Weingläsern die leuchtend rote Flüssigkeit beinahe überschwappt.
“Neidisch? Nein..Ihr tut mir einfach nur leid, weil Ihr in den Fängen dieser Teufelin feststeckt! Irgendwann wird es Euch gewiss leidtun, dass Ihr nicht auf mich und Vater gehört habt”, erwidert Raoul und blickt mich traurig an.
Obwohl das Festessen gerade erst beginnt, hat Vater bereits sein zweites Glas Bordeaux hinuntergekippt.
“Euer Bruder hat Recht, Oliviér, Ihr rennt in Euer Unglück und es bricht mir das Herz, dabei hilflos zusehen zu müssen ohne etwas dagegen tun zu können.”
Anne lässt die gehässigen Bemerkungen einfach an sich abprallen, sie widmet sich dem Essen und kaut genüßlich auf einer knusprigen Gänsekeule herum, danach lässt sie sich von Grimaud Gänsebrust mit Farce und Serviettenknödeln auf den Teller geben und Wein nachschenken. Aber ich bin mir sicher, dass sie unter den bösen, gehässigen Worten leidet und es nur nach außen hin nicht zeigen möchte.

“Vater..wisst Ihr denn nicht mehr…Ihr hattet mir doch davon erzählt, wie Ihr meine Mutter am Pariser Hof zum ersten Mal getroffen habt und gleich wusstet, dass sie die Frau ist mit der Ihr den Rest Eures Lebens verbringen wollt. Großvater war gegen diese Beziehung, weil Mutter aus zwar altem, aber verarmtem Adel stammte, aber Ihr habt gegen alle Widerstände für Eure Liebe gekämpft. Und nun werft Ihr mir vor, dass ich das Gleiche für Anne tue? Verdammt, warum gebt Ihr ihr keine Chance? Was hat sie Euch denn getan?”
“Das ist doch damals etwas ganz anderes gewesen”, hält Vater verärgert dagegen, “wie könnt Ihr es wagen, dieses Miststück mit Eurer Mutter zu vergleichen? Sie war ein wundervoller Mensch, Anne dagegen ist eine Teufelin in Menschengestalt.”
“Ihr solltet euch wirklich schämen! Sie ist meine große Liebe, sie ist ein Engel auf Erden, und ich werde immer zu ihr stehen, ganz gleich wie schlecht Ihr beide auch über sie redet. Und wenn Ihr Anne nicht um Euch haben wollt, Vater, warum zieht Ihr dann nicht erst einmal zu Raoul nach Bragelonne?”
“Soweit ist es also schon gekommen”; seufzt Vater und blickt mich vorwurfsvoll an, “sie ist schon längst dabei, unsere Familie zu zerstören.”
“Sie zerstört gar nichts, Ihr seid es doch, der unsere Liebe nicht akzeptieren kann!”; halte ich empört dagegen.
“Sie liebt Euch überhaupt nicht, mein Sohn, sie spielt Euch nur etwas vor, und wenn Ihr nicht blind vor Liebe wärt, würdet Ihr das auch merken”, antwortet er und steht auf, “ich fühle mich sehr erschöpft, ich gehe schlafen.”
“Aber Vater, Ihr habt doch noch gar nichts gegessen!”
Es erschreckt mich, zu sehen wie bleich sein Gesicht ist, und die dunklen Ringe unter seinen Augen zeigen mir, dass er in letzter Zeit einige schlaflose Nächte gehabt hat.
“Mir ist der Appetit vergangen und die Lust auf das Fest ebenfalls.”
Mit diesen Worten zieht er sich zurück, und da wird mir klar, dass dieser Heilige Abend ruiniert ist, bevor er richtig begonnen hat.

“Soweit ist es also schon gekommen”; schimpft Raoul, “Eure Frau hat uns das ganze Fest verdorben. Ich wünschte, Ihr hättet dieses verschlagene Biest niemals kennengelernt! Der Tag, an dem sie in Euer Leben trat, war der Beginn Eures Untergangs!”
“Haltet den Mund, Raoul, es reicht!”, brülle ich ihn an, “noch ein Wort und mir rutscht die Hand aus!”
Der Rest der Mahlzeit verläuft in bedrückendem Schweigen, ein trauriger Gegensatz zu den Weihnachtsfesten die wir sonst gefeiert haben. Obwohl das Essen ausgezeichnet schmeckt, bekomme ich keinen Bissen hinunter und auch Raoul rührt kaum etwas an und stochert immer noch auf seinem Teller herum. Die einzige die ordentlich zulangt ist Anne. Was für ein wundervoller Mensch sie doch ist..selbst wenn Raoul und Vater wieder einmal schlecht über sie reden, verliert sie nie ein böses Wort über die beiden.

Danach ist es Zeit zur Bescherung und es macht mich traurig, dass Vater nicht dabei ist. Seit meiner heimlichen Hochzeit ist unser früher so inniges Verhältnis getrübt. Dabei wünsche ich mir nichts sehnlicher, als eine normale Familie in der alle zusammenhalten, so wie früher.
Hoffentlich reißt Raoul sich für den Rest des Abends zusammen, sonst raste ich wirklich noch aus.
Ich mache also gute Miene zum bösen Spiel und gebe ihm sein Geschenk, ein Jagdgewehr mit einem mit Schnitzereien verzierten Griff, ich bekomme von ihm braune Lederstiefel. Für Anne hat er kein Geschenk. Das ärgert mich zwar, doch ich beherrsche mich und sage nichts dazu. Vaters Geschenke liegen unter dem Baum für den nächsten Morgen.
Anne schenkt meinem Bruder ein schönes, burgunderrotes, samtenes Wams. Er bedankt sich in kühlem Ton und legt es dann achtlos beiseite, sein flammender Blick zeigt deutlich, dass er von ihr kein Geschenk möchte.
Mir schenkt sie mehrere Flaschen Portwein und ein weißes Seidenhemd.
Dann gebe ich ihr mein Geschenk, einen wunderschönen mit Saphiren besetzten Ring, den mir einst meine Mutter auf dem Sterbebett gab.
“Ich habe diesen Ring von meiner Mutter bekommen. Königin Maria hat ihn ihr geschenkt als sie bei ihr als Hofdame diente. Mutter hat mir gesagt, dass ich diesen Ring eines Tages der Frau schenken soll, mit der zusammen ich alt werden möchte.”
“Ich danke Euch, Olivier, ich werde ihn immer in Ehren halten und ihn, wenn irgendwann meine Stunde gekommen ist, an eines unserer Kinder weitergeben.”
Sie zieht mich näher zu sich heran und küsst mich leidenschaftlich. Ich versinke in ihrem Kuss, spüre ihre weichen, zarten Lippen auf den meinen, vergesse alles um mich herum.

“Olivier! Wie könnt Ihr es wagen, Mutters Ring dieser Hure zu geben! Sie würde sich im Grab umdrehen, wenn sie Euch jetzt sehen könnte!”
Raouls böse Worte holen mich unsanft in die Realität zurück.
In mir kommt die Wut auf ihn hoch, die ich eben noch so mühsam unterdrückt habe, und ich versetze ihm eine schallende Ohrfeige, die einen roten Abdruck auf seiner Wange hinterlässt.
“Ich dulde es nicht, dass Ihr so über meine Frau redet, Bruder! Wenn Ihr so weitermacht, werden wir noch irgendwann zu Feinden!”
Mich macht das sehr traurig, denn Raoul und ich sind seit unserer Kindheit ein Herz und eine Seele. Er ist nur ein Jahr jünger als ich und wir haben damals immer alles zusammen gemacht.
Nun blickt er mich dermaßen traurig an, dass mir ganz weh ums Herz wird, dann wendet er sich zum Gehen.
“Was hat sie nur aus Euch gemacht? Einen liebeskranken Narren wie es scheint!”
Als er den Salon verlassen hat, kann ich meine Tränen nicht länger zurückhalten und Anne nimmt mich tröstend in den Arm. Eine ganze Weile verharren wir so.
“Es tut mir so leid, Liebling, das ist doch alles nur wegen mir”, bricht sie schließlich das Schweigen, “ich frage mich, warum sie mich so verabscheuen. Was mache ich denn falsch?”
“Ihr macht gar nichts falsch, Anne, sie sind es, die sich Euch gegenüber falsch verhalten. Ich hoffe wirklich dass sie irgendwann erkennen, wie Ihr wirklich seid. Auch mich macht es traurig wie schlecht sie Euch behandeln.”
Auch wenn ich von meiner Familie enttäuscht und deswegen traurig bin, will ich ihr den Rest des Abends so schön wie möglich machen. Wir setzen uns an den Kamin, trinken Bordeaux und füttern uns gegenseitig mit Käse und kandierten Früchten. Ihre leidenschaftlichen Küsse und zärtlichen Berührungen lassen mich den leidigen Familienstreit rasch vergessen.
Draußen hat es wieder zu schneien begonnen und es ist längst dunkel. Wir ziehen unsere Mäntel an, laufen hinaus und liefern uns übermütig lachend eine wilde Schneeballschlacht.
Anschließend wärmen wir uns vor dem Kamin auf und lassen uns von Grimaud heißen Würzwein bringen.
Später liegen wir, nachdem wir uns stürmisch geliebt haben, eng aneinandergeschmiegt in unserem Gemach im Bett und ich habe das Gefühl, der glücklichste Mann auf Erden zu sein.
Trotz des Streites mit Vater und Raoul erscheint mir dieses Weihnachtsfest nun als das Schönste, das ich jemals erlebt habe. Mein ganzes Leben mit Anne liegt noch vor mir, und ich weiß es wird wundervoll sein. Mit einem seligen Lächeln auf den Lippen schlafe ich schließlich ein.


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