Artagnan.de - Fanfiction zu Dumas' drei Musketieren

Was im Winter geschah


16. Familienangelegenheiten - Mylady

von AlienorDartagnan


 

La Fére, 24. Dezember 1620

Seitdem ich Olivier geheiratet habe und auf La Fére lebe, nehme ich jeden Tag ein Bad mit Lavendelöl. Seine Familie gehört zu den reichsten in der gesamten Grafschaft Berry, während ich aus verarmtem Landadel stamme.
Auf dem Gut meiner Eltern in der Nähe von Armentiéres lebten wir eher wie eine Bauernfamilie und ein Bad war dort ein seltener Luxus, den es nur an hohen Feiertagen wie Weihnachten und Ostern gab. Zudem musste ich immer die Kleider meiner älteren Schwester auftragen. Zu essen gab es meistens nur Haferbrei und Gemüse, das mein Vater hinter dem heruntergekommenen Gutshaus selbst anbaute. Umso mehr genieße ich den Luxus der mich jetzt umgibt, ein Leben wie ich es mir niemals zu erträumen gewagt hätte.
Wie herrlich das doch ist, das angenehm warme Wasser und der cremig duftende Schaum. Hier im Badezuber kann ich mich ganz und gar fallen lassen und mich meinen Träumen hingeben. In meinem Tagtraum nimmt Olivier mich mit nach Paris und bei Hofe verliebt sich der König in mich und macht mich zu seiner ersten Mätresse. Ich liebe den Vicomte nicht, in meinen Augen ist er ein sentimentaler Langweiler.
Ihm wäre es am liebsten immer mit mir hier auf dem Land zu leben und eine ganze Horde Kinder großzuziehen. Mir graust es bei diesem Gedanken, ein solches Leben, das wäre für mich als ob man mich lebendig begraben würde. Und es muss ja nicht der König sein, ich wäre auch mit einem steinreichen Herzog, der das ganze Jahr in Paris lebt zufrieden. Dort gibt es fast jeden Abend einen Ball, hier dagegen hat man kaum Abwechslung und sieht tagaus tagein nur dieselben Gesichter.

Ich bade ohne die Hilfe einer Magd und schließe immer die Tür ab, wofür ich gute Gründe habe. Diese verdammte Lilie auf meiner Schulter, dieses verfluchte Schandmal, mit dem mich Georgés Bruder, der Henker von Lillé gebrandmarkt hat. Wenn jemand es irgendwann entdecken sollte bin ich verloren, denn ich bin sicher, dass Olivier, der sehr viel auf Ehre und Gewissen gibt, mir das niemals verzeihen würde. Er würde mich sofort davonjagen und ich stünde wieder völlig mittellos da.
Durch die Salben die ich angewendet habe ist das Mal zwar etwas verblasst, aber leider immer noch gut zu erkennen. Als das Wasser allmählich kalt zu werden beginnt, klettere ich aus dem Zuber, trockne mich ab und ziehe mein dünnes Unterkleid an. Dann rufe ich meine Zofe und begebe mich mit ihr in mein Ankleidezimmer. Ich wähle ein blaues Seidenkleid, auf dem mit feinen Silberfäden Schneekristalle eingestickt sind. Die Zofe hilft mir beim Überziehen des Fischbeinkorsetts und des Kleides. Anschließend steckt sie einen Teil meines Haares hinten zu einem Knoten zusammen und dreht den Rest mit einem Brenneisen zu Korkenzieherlocken.

Nachdem Rouge und Schminke aufgetragen sind, gehe ich nach unten in den Salon, wo Olivier mit seinem Vater und seinem Bruder den Baum schmückt. Schon auf der Treppe höre ich das böse Gekeife von Comte Enguerrand und Raoul de Bragelonne. Die beiden bezeichnen mich als hinterhältiges Miststück und Biest und äußern den Verdacht, dass Georges gar nicht mein Bruder sondern mein Liebhaber sei.
Erschrocken frage ich mich, wieso in ihnen wohl dieser Verdacht aufgekeimt ist. Habe ich den Abbé nach der Hochzeit vielleicht doch zu oft besucht?
Ach, wie froh ich doch darüber bin, dass Oliviers Bruder nicht auf La Fére lebt und uns nach Neujahr wieder verlassen wird.
Was den alten Comte betrifft…darüber werde ich mir Gedanken machen müssen. Vielleicht eine Kastanie unter dem Sattel seines Araberhengstes, wie ich es bei meiner Schwester Charlotte gemacht habe, oder doch lieber Schierling wie bei dieser unverschämten Nonne im Kloster von Templemar?
Der Gedanke an sein baldiges Ableben bringt meine Augen zum Leuchten und zaubert ein seliges Lächeln auf meine Lippen.

Unten angekommen küsste ich Olivier zärtlich auf die Wange, weil ich genau weiss, dass der Comte und Raoul sich darüber ärgern.
“Ich bin doch früher mit meinem Bad und meiner Toilette fertig geworden als ich dachte. Ich habe das immer gerne gemacht, es ist so eine schöne Tradition, es erinnert mich an meine Kindheit”, sage ich zu meinem Mann, blicke ihm dabei tief in die Augen und küsse ihn noch einmal, “und ich freue mich schon darauf, wenn wir das in ein paar Jahren auch mit unseren Kindern machen können.”
In Wirklichkeit verabscheue ich diese kleinen Quälgeister und kann gar nicht verstehen, warum er sich so sehnlich welche wünscht. Deswegen nehme ich regelmäßig Kräuter ein, die eine Empfängnis verhindern sollen. Ich weiss jedoch, wie gerne er so bald wie möglich ein Kind von mir hätte, und so sage ich genau das was er hören will, weil ich weiss, dass er mich dann noch mehr vergöttert und noch großzügiger sein wird.
Mittlerweile habe ich ihn schon soweit gebracht, dass er mir jeden Wunsch erfüllt, ganz gleich ob es sich um Stoff für ein neues Kleid, Parfüm, Badeöle, Schmuck oder Schuhe handelt.
Weil ich eine Meisterin der Verstellung bin, merkt dieser naive, liebeskranke Narr gar nicht, dass er mir überhaupt nichts bedeutet. Er ist eine Augenweide und ein guter Liebhaber, aber wenn er morgen tot umfallen würde, würde ich ihm keine Träne nachweinen.
Der Comte und Raoul ziehen sich demonstrativ in die Sessel vor dem Kamin zurück, und so schmücken Olivier und ich den Baum alleine. Ich bin ganz froh, dass ich von den beiden eine Weile nichts hören und sehen muss.
Das Baumschmücken langweilt mich, genauso wie dieses alberne, kitschige Weihnachtsfest, für das ich noch nie etwas übrig hatte. Um meinen Mann zu täuschen tue ich so, als ob es mir Freude machen würde.
Als es Zeit ist zur Messe zu fahren, redet Oliviers Vater sich mit seiner wegen einer erst kürzlich überstandenen Erklältung noch etwas angeschlagenen Gesundheit heraus, während sein Bruder ganz offen zugibt, dass er nicht mitkommt, weil er den Abbé für einen gottlosen Sünder und Betrüger hält.
Mir ist es gleich. Je weniger Zeit ich mit den beiden verbringen muss, desto besser fühle ich mich.

Wenig später sitzen wir beide in der offenen Kutsche, die von Oliviers Diener Grimaud gefahren wird. Während wir, in dicke Pelzmäntel gehüllt durch die verschneite Landschaft fahren und im Dorf die Glocken zu läuten beginnen, kommt mir der Gedanke, dass dies genau der richtige Zeitpunkt ist, um meine entwaffnende Weiblichkeit gezielt einzusetzen. Ich schmiege mich ganz eng an ihn und lehne meinen Kopf an seine Schulter.

Wieso kann er nicht etwas ehrgeiziger sein, und sich mehr vom Leben erhoffen als den eintönigen Alltag eines Landadeligen? Er sieht gut aus und verfügt über ein beachtliches Vermögen…warum hat er kein Interesse daran, an den Pariser Hof zu gehen? Wenn es ihm gelänge die Gunst des Königs zu erlangen, könnte er irgendwann sogar einen Herzogstitel verliehen bekommen.
Statt ihm das jedoch zu sagen, flüstere ich ihm leise ins Ohr, dass ich mir wünschte, er hätte kein Vermögen und keinen Titel, da seine Familie dann endlich merken würde, dass ich ihn wirklich liebe. Ja, ich weiss, das dies genau die Worte sind, mit denen ich sein Herz berühren kann. Der Comte und Raoul sollen keine Gelegenheit bekommen ihn gegen mich aufzuhetzen.
Und meine Worte zeigen Wirkung, er schmiegt sich noch enger an mich und küsst mich zärtlich.
“Seid nicht traurig, Liebste, ich bin sicher, dass mein Vater und Raoul irgendwann erkennen werden, was für ein wundervoller, herzensguter Mensch Ihr seid.”

Als wir durch das Kirchenschiff nach vorne zum Ehrenplatz der Comtes von La Fére schreiten, genieße ich die Bewunderung, mit der diese Bauerntrampel aus dem Dorf mich betrachten. Eine so schöne Frau wie mich bekommen sie nur selten zu sehen, und ich liebe es im Mittelpunkt zu stehen, selbst wenn es nur tumbe Bauern sind, die mich bewundern.
Als wir dann in unserer Bank, die wir an diesem Abend für uns alleine haben, sitzen und Georges die Messe hält, fühle ich mich mit einem Mal nicht mehr so wohl. Dieser Narr, wie kann er mich nur so schmachtend anblicken? Was, wenn das dem Vicomte auffällt? Olivier mag ja blind vor Liebe sein, aber gewiss nicht so blind, dass er das nicht bemerkt. Ich habe das Gefühl, dass die Predigt gar kein Ende nehmen will. Mir ist längst klar geworden, dass der Abbe ein Problem ist, dass er meinen Status als Comtesse gefährdet.
Letzten Monat hat er mir damit gedroht, dem Vicomte zu verraten dass ich nicht seine Schwester bin, wenn ich nicht jeden MIttag zu ihm ins Pfarrhaus komme. Dieser Dummkopf, warum musste er sich auch in mich verlieben? Ich habe mich noch nie in jemanden verliebt und werde es auch niemals tun, denn ich bin der Meinung, dass die Liebe uns zu Sklaven unserer eigenen Gefühle macht und unser Urteilsvermögen trübt. Liebe ist nur dann gut, wenn man seinen Nutzen aus der Verliebtheit der anderen ziehen kann.

Nach der Messe verschwendet Olivier auf dem Kirchplatz seine Zeit damit, diesen Bauern die Hände zu schütteln und mit ihnen zu plaudern. Ich zwinge mich zu einem freundlichen Lächeln und schüttele ebenfalls Hände, tätschele kleinen Kindern die rosigen Wangen, obwohl ich innerlich vor Wut koche, als die Bauern sich bei Olivier bedanken. Ich frage mich, wie er und sein Vater nur so töricht sein können, diesem Bauernpack einen Teil der Abgaben zu erlassen und ihnen auch noch zu erlauben, sich in unseren Wäldern Feuerholz zu holen.
Diese Abgaben stehen uns als Adelige doch zu, und wenn ein paar Bauern den Winter nicht überleben ist das doch nicht so tragisch, denn meistens sterben ja die Alten und Kinder, die sowieso nicht zur Feldarbeit taugen. Wenn man dieses Pack zu gut behandelt, dann werden sie übermütig und erkennen uns irgendwann nicht mehr als ihre rechtmäßigen Herren an. Außerdem stört es mich, dass Olivier ihnen ab und zu Wildbret und Medikamente bringt und mit ihnen in ihren ärmlichen Hütten sitzt und warme Kuhmilch trinkt. Ein Vicomte von La Fére sollte sich nicht mit diesem Gesindel gleichmachen, sich nicht so erniedrigen. Wenn ich irgendwann einmal auf La Fére das alleinige Sagen haben werde, wird jeder, der seine Abgaben nicht zahlen kann, oder beim Holzholen im Wald erwischt wird, ausgepeitscht.

Georges steht vor dem Kirchenportal und winkt mich zu sich herüber.
“Ihr wart heute Nachmittag gar nicht bei mir!”, sagt er und blickt mich vorwurfsvoll an.
“Ich kann nicht jeden Tag zu Euch kommen. Der Comte und der Vicomte de Bragelonne ahnen bereits dass wir keine Geschwister sind. Vielleicht wäre es besser, wenn wir uns eine Weile nicht mehr sehen.”
“Das kann nicht Euer Ernst sein, Anne, Liebste! Mein Herz verzehrt sich nach Euch, ich hätte diese Heirat niemals zulassen dürfen. Ihr gehört zu mir!”
Der irre Glanz in seinen Augen bereitet mir Sorge. Wie lange kann ich ihn noch hinhalten, mir sein Schweigen erkaufen?
“Wir sollten zusammen von hier fortgehen und irgendwo ganz neu anfangen”, fleht er mich an, “und diesmal nicht als Bruder und Schwester.”
“Nein, Georges, ich werde hierbleiben. Ich bin jetzt die Comtesse von La Fére, und das gebe ich nicht einfach so auf. Endlich bin ich jemand!”
“Liebt Ihr ihn?”, fragt er mich, während er mich wie ein geprügelter Hund anschaut.
“Nein, natürlich nicht, ich liebe nur sein Vermögen und seinen Titel. Mein Herz wird immer Euch gehören.”
“Wenn Ihr mich wirklich liebt, wie könnt Ihr dann erwarten, dass ich mich einfach so damit abfinde, dass Ihr jede Nacht bei ihm liegt und nicht bei mir? Dass ich, wenn Ihr eines Tages ein Kind zur Welt bringt, niemals wissen werde, ob es meines oder seines ist? Das ist wirklich grausam von Euch! Ich möchte Euch nicht ein Leben lang mit dem Vicomte de La Fére teilen müssen!”
“Das verlange ich doch gar nicht von Euch. Glaubt mir, ich werde dafür sorgen, dass ich bald Witwe bin und dann habt Ihr mich ganz für Euch alleine. Und im Moment nehme ich noch Kräuter, die eine Schwangerschaft verhindern.”
Ich hoffe, dass ich ihn damit noch eine Weile hinhalten kann.

“Kommt Ihr denn heute Nacht, wenn der Vicomte eingeschlafen ist, zu mir ins Gästezimmer?”
Ich bin entsetzt. Glaubt er etwa ernsthaft, ich wäre so dumm, meinen Status als Comtesse dermaßen leichtfertig aufs Spiel zu setzen?
“Ihr könnt uns heute nicht zur Feier begleiten, Georges. Der Comte und Raoul ahnen längst dass wir keine Geschwister sind, und wenn Ihr heute bei uns auf dem Gut erscheint, wird ihr Verdacht nur noch weiter genährt. Es ist wirklich besser, wenn sie Euch heute Abend nicht zu Gesicht bekommen.”
Er blickt mich traurig an und seufzt leise.
“Ach, was würde ich nicht alles dafür geben, jede Nacht eng an Euch geschmiegt einschlafen zu können. Ich liebe Euch so sehr dass es wehtut..Ihr könnt mich doch am Heiligen Abend nicht alleine lassen.”
Der Abbé wird immer mehr zu einem Problem für mich, für das ich so bald wie möglich eine Lösung finden sollte. Es muss etwas sein das wie ein Unfall aussieht.
“Das nächste Weihnachten werden wir gemeinsam feiern, das verspreche ich Euch”, vertröste ich ihn, “denn dann werde ich längst Witwe sein und kann tun und lassen was ich will. Bitte habt noch etwas Geduld. Ich muss alles sorgfältig planen, jeder noch so kleine Fehler könnte mich den Kopf kosten.”
Olivier schüttelt gerade den letzten Bauern die Hände und ich muss mich beeilen.
Doch Georges ist noch nicht zufriedengestellt.
“Wenn ich heute schon so einen einsamen Heiligen Abend habe, kommt Ihr dann wenigstens morgen Mittag zu mir?”
“Ich weiß nicht ob das geht. Ich sagte Euch doch, dass der Comte und Raoul äußerst misstrauisch sind. Nach Neujahr könnte ich wieder zu Euch kommen, dann fährt der Vicomte zurück nach Bragelonne.”

“Also gut, aber sobald dieser Bragelonne abgereist ist, werdet Ihr mich jeden Tag besuchen. Ich kann nicht mehr länger ohne Euch sein, und wenn Ihr nicht zu mir kommt, kann ich auch nicht länger schweigen. Mir wäre es lieber Euch an meiner Seite zu sehen, ganz gleich ob Ihr Comtesse seid oder nicht.”
“Ich verspreche Euch, dass ich Euch ab Neujahr jeden Tag besuchen werde. Nur, ich bitte Euch, habt bis dahin Geduld. Ihr müsst bedenken, dass das Vermögen der de La Féres uns ein sorgloses Leben ermöglichen wird.”
“Gut, dann verbringe ich die Feiertage eben alleine”, lenkt er schließlich mit finsterer Miene ein, “aber Gnade Euch Gott, wenn Ihr Euer Wort nicht haltet.”
Ich atme erleichtert auf, als er mir den Rücken zuwendet und zum Pfarrhaus geht. Ich gehe zu Olivier zurück, der gerade den letzten Bauern ein gesegnetes Fest gewünscht hat, und erkläre ihm, dass mein Bruder sich nicht wohlfühlt und uns deswegen heute nicht begleiten wird. Er fragt nicht weiter nach, und ich bin mir sicher, dass er erleichtert ist, weil es so nicht zu einem heftigen Streit zwischen dem Abbé und seiner Familie kommen kann.
Wir fahren zurück zum Gutshaus, das man wegen seiner Größe und der imposanten Türme eher als Schloß bezeichnen könnte. Ich habe keine Lust auf das Fest, so etwas Kitschiges und Albernes wie Weihnachten kann wirklich nur ein naiver Romantiker wie Olivier lieben. Ach, wie schön es doch wäre, wenn Titel, Vermögen und Ländereien mir ganz alleine gehören würden. Bei der Vorstellung, in einem Jahr alle drei de La Féres in der Gruft der Familienkapelle liegen zu sehen, wird mir ganz warm ums Herz. Wer würde schon mich, die trauernde Hinterbliebene mit dem sanften Madonnengesicht verdächtigen?

Als wir auf dem Gut eintreffen, ist die Tafel festlich gedeckt und es duftet so verführerisch nach Gänsebraten, dass mir das Wasser im Mund zusammenläuft.
Nun sitzen wir zu viert am Tisch, während die Diener unsere Teller füllen und uns Wein einschenken.
“Wo ist denn Euer Liebhaber, Madame?”, fragt Raoul, während seine Augen mich regelrecht zu durchbohren scheinen. Wenn Blicke töten könnten, würde ich jetzt gewiss entseelt vom Stuhl kippen.
Lustlos stochert er auf seinem Teller herum, die mit Maronen und Pflaumen gefüllte Gänsebrust verwandelt sich in eine breiartige Masse. Ich weiss genau, dass Olivier mich verteidigen wird, und widme mich schweigend meinem gut gefüllten Teller.
“Ich dulde es nicht, dass Ihr so über meine Frau redet, Bruder! Ihr seid doch nur neidisch auf mich, weil Ihr immer noch alleine seid!”, brüllt mein Mann Raoul an, und schlägt so fest mit der Faust auf den Tisch, dass die Weingläser beinahe umkippen.
“Neidisch? Nein..Ihr tut mir einfach nur leid, weil Ihr in den Fängen dieser Teufelin feststeckt! Irgendwann werdet Ihr es gewiss bedauern, dass Ihr nicht auf Vater und mich gehört habt!”
Comte Engurrand leert bereits sein zweites Glas Wein. Wenn er so weitermacht wird er in einer Stunde völlig betrunken sein. Kaum hat er das Glas bis zur Neige geleert, maßt auch er sich an, seinen Sohn Vorwürfe zu machen.
“Euer Bruder hat Recht, Olivier. Ihr rennt in Euer Unglück,und es bricht mir das Herz, dabei hilflos zusehen zu müssen, ohne etwas dagegen tun zu können.”

Schadenfroh verfolge ich den Streit, denn mir ist klar, dass Olivier zu mir halten und den Alten und Raoul in ihre Schranken weisen wird. Während ich zufrieden lausche, lasse ich mir eine knusprige, gut gewürzte Gänsekeule schmecken, und mir anschließend den Teller von Grimaud noch einmal füllen. So gutes Essen gab es für mich bis zu meiner Hochzeit nie, und ich finde es steht mir zu, das jetzt umso intensiver zu genießen.
Olivier versucht den Comte umzustimmen, indem er ihn daran erinnert, dass er früher selbst Probleme mit seinem Vater hatte, weil dieser seine Frau, die aus verarmtem Landadel stammte, nicht akzeptieren wollte.
“Das ist doch etwas ganz anderes gewesen!”; hält Enguerrand energisch dagegen, “Eure Mutter war ein wundervoller Mensch, Anne ist jedoch eine Teufelin in Menschengestalt.”
“Ihr beide solltet euch wirklich schämen! Anne ist meine große Liebe und ich werde immer zu ihr stehen, ganz gleich wie schlecht ihr über sie redet. Und wenn Ihr sie nicht um Euch haben wollt, Vater, könntet Ihr ja zu Raoul nach Bragelonne ziehen!”
Ach, wenn der Alte das doch nur täte, nichts könnte mir lieber sein als ihn nicht mehr jeden Tag ertragen zu müssen.
“Soweit ist es also schon gekommen”, klagt er, “sie ist schon dabei unsere Familie zu zerstören.”
“Sie zerstört gar nichts. Ihr seid es doch, der unsere Liebe nicht akzeptieren kann”; verteidigt Olivier mich.

“Sie liebt Euch nicht, sie spielt Euch doch nur etwas vor, und wenn Ihr nicht blind vor Liebe wärt, würdet Ihr da auch merken”, antwortet der Alte und steht auf, “ich bin sehr erschöpft, ich gehe schlafen.”
“Aber Vater, Ihr habt doch fast gar nichts gegessen”, wendet Olivier ein.
“Mir ist der Appetit vergangen, und die Lust auf das Fest ebenfalls.”
Mit diesen Worten zieht er sich zurück, und ich bin sehr froh, ihn nun nicht den ganzen Abend ertragen zu müssen.
“Soweit ist es also schon gekommen”; schimpft Raoul, “Eure Frau hat uns das ganze Fest verdorben. Ich wünschte, Ihr hättet dieses verschlagene Biest niemals kennengelernt!”
Ich bemühe mich meinem Gesicht einen traurigen Ausdruck zu geben, weil ich genau weiß, dass Olivier dann mit seinem Bruder einen Streit anfängt. Ich möchte, dass er Raoul so richtig die Meinung sagt, damit dieser unverschämte Bursche endlich einsieht, dass ich jetzt hier das Sagen habe.
“Halt den Mund, Raoul, es reicht!”, fährt Olivier ihn wütend an, “noch ein Wort und mir rutscht die Hand aus!”
Schweigend beenden wir unser Mahl und ich genieße jeden Bissen, freue mich darüber, wie bedrückt Bragelonne jetzt aussieht.

Nun ist es Zeit zur Bescherung und wie ich meinen Mann kenne, wird er mich großzügig beschenken. Olivier hat für seinen Bruder ein Jagdgewehr und bekommt von ihm braune Lederstiefel. Mir schenkt Raoul nichts, aber das freut mich eher, weil ich weiss, dass es zu weiterem Streit zwischen den Brüdern führen könnte. Als ich Raoul ein burgunderrotes Wams aus bestem Samt schenke, demonstriert er mir seine Ablehnung, indem er sich betont kühl bedankt. Olivier freut sich sehr über mein Geschenk, sechs Flaschen Burgunder und ein Hemd aus feiner weißer Seide.
Er hat für mich einen mit Saphiren besetzten Ring, der bestimmt ein kleines Vermögen gekostet hat.
“Ich habe diesen Ring von meiner Mutter bekommen, Königin Maria hat ihn ihr einst geschenkt, als sie ihr als Hofdame diente. Sie sagte mir, dass ich diesen Ring irgendwann der Frau schenken soll, mit der ich den Rest meines Lebens verbringen will.”
Als er mir den Ring an den Finger steckt, lächle ich, denn ich bin sehr zufrieden. Falls irgendwann einmal jemand die Lilie entdeckt und ich schnell fliehen muss, wird mir der Verkauf dieses Ringes genug Geld einbringen, um eine Weile meinem Stand angemessen leben zu können.
“Ich danke Euch, Olivier, ich werde diesen Ring immer in Ehren halten und ihn, wenn irgendwann meine Stunde gekommen ist, an eines unserer Kinder weitergeben.”
Ich ziehe ihn näher zu mir heran und küsste ihn leidenschaftlich.
“Olivier! Wie könnt Ihr es wagen, Mutters Ring dieser Hure zu geben? Sie würde sich im Grab umdrehen, wenn sie Euch jetzt sehen könnte!”
Gut, macht nur weiter so, Raoul, denke ich mir, dann seid Ihr bei Eurem Bruder bald unten durch.
Nur mit Mühe kann ich mir ein schadenfrohes Grinsen verkneifen, als Raoul von Olivier eine Ohrfeige verpasst bekommt.
“Ich dulde es nicht, dass Ihr so über meine Frau redet, Bruder! Wenn ihr so weitermacht, werden wir irgendwann zu Feinden!”
Die beiden Brüder als Todfeinde, ach wie wundervoll mir dieser Gedanke erscheint.
Raoul wird kreidebleich und wendet sich zum Gehen.
“Was hat sie nur aus Euch gemacht? Einen liebeskranken Narren!”

Kaum hat er den Salon verlassen, da fängt mein Mann zu weinen an. Ich nehme ihn in den Arm und tröste ihn, während ich innerlich jubiliere.
“Es tut mir so leid, Liebling, das ist doch alles nur wegen mir!”; breche ich schließlich das Schweigen, “ich frage mich warum sie mich so verabscheuen. Was mache ich denn falsch?”
“Ihr macht gar nichts falsch, Anne, sie sind es, die sich Euch gegenüber falsch verhalten. Ich hoffe wirklich, dass sie irgendwann erkennen, wie Ihr wirklich seid. Ach mich macht es traurig wie sie Euch behandeln.”
Ich bin an diesem Abend sehr zufrieden. Olivier ist mir völlig hörig und wenn ich so weitermache, wird er seinen Vater und Raoul wirklich bald als seine Feinde betrachten.
Wenig später sitzen wir am Kamin, trinken Wein und füttern uns gegenseitig mit Käse und kandierten Früchten. Während ich Olivier küsse und mich an ihn schmiege, denke ich an Georges. Er ist ein guter Liebhaber, etwas feuriger als mein Mann, aber nicht so schön wie er.

Ein Mann mit Georges Feurigkeit, Oliviers gutem Aussehen und einem Herzogstitel..ja, ich glaube das wäre die ideale Partie für mich. Ich bin sicher, dass ich in Paris einen Mann finden werde, der alle diese Anforderungen erfüllt.
Als es draußen wieder zu schneien beginnt, ziehen wir unsere Mäntel an und liefern uns draußen eine wilde Schneeballschlacht. Danach setzen wir uns wieder vor den Kamin und lassen uns von Grimaud heißen Würzwein bringen.
Später liegen wir, nachdem wir miteinander geschlafen haben, eng aneinandergeschmiegt im Bett und ich male mir aus, wie mein Leben als reiche Witwe aussehen wird. Mein ganzes Leben liegt noch vor mir, und ich weiß, dass mich etwas Bedeutenderes als das langweilige Leben einer Landadeligen erwartet.
Nach Oliviers Tod wird mir die ganze Welt offenstehen. Mit einem seligen Lächeln auf den Lippen schlafe ich schließlich ein.


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