Artagnan.de - Fanfiction zu Dumas' drei Musketieren

Was im Winter geschah


17. Neubeginn

von AlienorDartagnan


Diese Geschichte habe ich zusammen mit Kaloubet geschrieben, sie hat Athos geschrieben, und ich Raoul, Mary haben wir abwechselnd geschrieben.

Mary Grafftons Gut Blackmores Manor, 24. Dezember 1661

Während der gesamten Reise nach England hatte Raoul darüber nachgedacht, wieso Mary Graffton ihn und seinen Vater über die Feiertage auf ihr Landgut eingeladen hatte. Wäre es nicht doch besser gewesen, auf Bragelonne zu bleiben und ihren Brief einfach zu vergessen?
Während ihrer gemeinsamen Zeit in Hampton Court hatte sie ihm erzählt, dass sie Weihnachten, Ostern und andere Feiertage seit dem Tod ihres verwitweten Vaters vor zwei  Jahren immer mit der königlichen Familie und dem Hofstaat auf Windsor Castle verbrachte. Was hatte sie dazu bewogen, sich auf ihr Gut zurückzuziehen?
Eine Allee winterkahler Linden säumte zu beiden Seiten den Weg, der zu dem aus grauem Sandstein erbauten Gutshof führte.
Nun, da sie ihr Ziel fast erreicht hatten, wurde Raoul nervös. Gleich würde er Mary wiedersehen und er wusste noch nicht so recht, wie er sich ihr gegenüber verhalten sollte. Sein Herz gehörte, trotz allem was in den letzten Wochen geschehen war, noch immer Louise. Doch warum musste er dann so oft an Mary denken, seit ihr Brief auf Bragelonne eingetroffen war? Auf einer Anhöhe, von der aus man die Allee und Marys Gut sehen konnte, brachte der Vicomte sein Pferd zum Stehen und blickte zu seinem Vater hinüber, der neben ihm ritt.
“Wisst Ihr, Vater, ich frage mich gerade, warum Mary uns hierher eingeladen hat, ihr Brief gibt mir wirklich Rätsel auf. Sie hat geschrieben, dass sie mir zum Fest etwas ganz Besonderes schenken möchte, und ich frage mich was das sein könnte. Irgendwie bin ich mir nicht sicher, ob es richtig war, diese Einladung anzunehmen.”
Wollte sie ihm womöglich den königlichen Diamanten, den er ihr damals überlassen hatte, zurückgeben? Aber er hatte ihr doch gesagt, dass sie das Schmuckstück behalten könnte, falls er Louise nicht heiratete.
Irgendwie hatte er das Gefühl, dass in diesem Brief noch irgendetwas zwischen den Zeilen stand, etwas das er einfach nicht richtig deuten konnte.

Athos blickte gedankenverloren zu dem kleinen Gut, das vor ihnen lag. Es erinnerte ihn ein wenig an sein eigenes Anwesen, flankierten es doch auch zwei kleine Türme, außerdem war es von der Größe her recht ähnlich. Es lag in einer Senke, die im Sommer grün und grasbewachsen sein mochte, heute jedoch tief verschneit vor ihnen lag, auf beiden Seiten von Wald umrahmt. Die Einladung Marys war hatte die Monotonie ihres zurückgezogenen Lebens derart unerwartet unterbrochen, dass er immer noch Mühe hatte zu glauben, dass sie sich nun wirklich in England befanden, dass Raoul wirklich in diese Reise eingewilligt hatte, er, der sich in der letzten Zeit ganz seiner Trauer um Louise hingegeben hatte. Athos kam sich vor wie ein Blinder, den man auf einen unbekannten Weg geschickt hatte, tastend, wankend, unsicher. Vielleicht, vielleicht bestand ja ein ganz klein wenig Hoffnung. Doch er verbot seinem Herz auch den kleinsten Gedanken daran, er wusste, die Enttäuschung wäre zu groß - würde dieser Lichtblick sich auch zerschlagen, würde das Nichts, aus dem seine Zukunft bestand, ihn zerbrechen. Deswegen gab er sich scheinbar gleichgültig, als er nun seinem Sohn antwortete:

„ Wir werden sehen, Raoul. Es wird ganz bestimmt eine gewisse Wichtigkeit haben, sonst hätte sie uns nicht hierher gebeten. Die beste Möglichkeit, um das herauszufinden, wird sein, dort hinunter zu reiten.“

Raul seufzte leise und blickte auf die lange Lindenallee.
“Ihr habt wohl Recht, Vater, sie wird uns nicht ohne Grund einladen. Ich habe jedoch Angst, dass Mary enttäuscht sein wird, denn ich weiß, dass sie etwas für mich empfindet. Ich möchte nicht, dass sie wegen mir leiden muss ...”
Er erinnerte sich noch genau an diesen Blick, mit dem Mary ihn immer angeschaut hatte ... den Blick einer Verliebten. Auch er empfand etwas für sie, aber in seinem Herzen hatte noch immer Louise einen besonderen Platz, den seiner Meinung nach niemand anderes einnehmen durfte.
Er trieb sein Pferd wieder an, um mit seinem Vater zu dem Gut zu reiten. An einem großen Tor läuteten sie, woraufhin ein Diener erschien, der ihnen öffnete und sie zu Mary brachte, während ihre Pferde von zwei Stallburschen weggebracht wurden. Raoul atmete noch einmal tief durch und raunte seinem Vater leise zu:
“Wie seltsam ... ich freue mich wirklich darauf Mary zu sehen, es ist das erste Mal seit Wochen, dass ich wieder Freude empfinden kann.”

Der Diener führte sie in das Gutshaus hinein, durch eine große Halle in einen kleinen, elegant eingerichteten Salon, in dessen großen Kamin ein Feuer gemächlich vor sich hin flackerte.
Mary saß auf einem mit blauem Samt bezogenen Sessel am Kamin. Als sie ihre beiden Gäste sah, stand sie auf und kam ihnen lächelnd entgegen.
“Ich freue mich sehr, dass Ihr gekommen seid”, begrüßte sie die beiden mit leuchtenden Augen, “ich hoffe ihr hattet trotz der im Winter stürmischen See eine gute Reise.”
Zuerst gab sie Raouls Vater die Hand und meinte freundlich:
“Es freut mich, Euch kennenzulernen, Monsieur, Raoul hatte mir schon viel von Euch erzählt. Ihr könnt ruhig Euren Mantel schon einmal ablegen. Der Tisch ist schon gedeckt und vor dem Essen lasse ich noch Tee und Gebäck servieren.”
Dann schüttelte sie dem Vicomte die Hand und blickte ihm tief in die Augen, wobei sie verträumt lächelte.
“Wie schön, dass Ihr gekommen seid, Raoul. Ich hoffe, dass wir eine genauso schöne Zeit haben werden wie damals in Hampton Court.”
Dieses Leuchten in ihren Augen ... es war der Blick einer Verliebten, das erkannte Raoul sofort. Und er hatte große Angst davor, Mary womöglich enttäuschen zu müssen.
“Ich freue mich auch, Euch wiederzusehen, Mary. Und ich hoffe auch, dass es ein schönes Fest wird.”
Wenn er in ihre Augen blickte, spürte er ein unbeschreibliches Kribbeln in der Magengegend und sein Herz schlug schneller, genau so hatte er sich früher immer gefühlt wenn er Louise gesehen hatte.
Nein, ich liebe Mary nicht, ich habe mir geschworen, ein Leben lang nur Louise zu lieben, sagte er sich immer wieder. Und ein Edelmann musste seine Schwüre immer ernst nehmen, das hatte er von klein auf von seinem Vater gelernt. Und er war davon überzeugt, Louise noch immer zu lieben.

Athos sah von seinem Sohn zu dieser Frau, der er heute zum ersten Mal begegnete, und hatte das seltsame Gefühl, hier völlig überflüssig zu sein. Irgendetwas war zwischen den beiden vorgefallen, die Blicke, mit denen sie sich betrachteten, sprachen Bände, nur war er sich noch nicht sicher, ob Raoul Mary dasselbe Wohlwollen entgegenbrachte, wie sie ihm. Denn eines war sicher, Raoul war dazu erzogen worden, höflich und zuvorkommend zu sein, und seine Jahre am Königshof hatten seine Allüren derart verfeinert, dass selbst sein Vater nicht mehr als Freundlichkeit in seinen Zügen lesen konnte, wenn er seine wahren Gefühle verschleiern wollte.

Doch die Dame des Hauses forderte sie beide gerade auf, Platz zu nehmen, und Athos legte gehorsam seinen Mantel in die Hände des Dieners und kam der Aufforderung nach. Während Mary mit Raoul angeregt Erinnerungen an Hampton Court austauschte – der Brunnen mit den Bronzestatuen, die kleinen Separées im Garten, die Leichtigkeit der Gesellschaft dort – ließ er seinen Blick durch den Raum wandern.  Er war elegant und sehr weiblich eingerichtet, mit blütenbestickten Tischtüchern und feinen Vorhängen, mehrere Kerzen verbreiteten ein warmes Licht und Athos fühlte sich unwillkürlich an die Räume von Marie de Chevreuse erinnert, auch sie hatte gewusst, einem Zimmer diese leichte, feine Eleganz zu geben. Sein Blick kehrte diskret zu der Herrin dieser Räume zurück, sie war eine schöne Frau und hatte etwas an sich, das Athos berührte, ohne dass er hätte sagen können, was es war. Etwas Weiches, Warmes, Mütterliches, doch gepaart mit Eleganz und Selbstbewusstsein. Auch die Blicke, die sie seinem Sohn zuwarf, waren seltsam zweischneidig, es lag Liebe in ihnen, aber auch eine Art von Frage, als ob sie sich nicht sicher sei, ja als ob sie sich vergewissern müsse, dass Raoul ihren Ansprüchen genüge. Er ertappte sich bei dem Gedanken, dass ihm Mary gefiel, ja, dass die Vorstellung, sie als Schwiegertochter zu akzeptieren durchaus einen gewissen Reiz hatte, denn vor ihnen saß eine Frau, die nicht nur schön, klug und von hoher Geburt war,  sondern die auch wusste, was sie wollte, sonst hätte sie sie kaum derart dezidiert hierher eingeladen. Wenn jemand seinen Sohn von seinem selbstgewählten Weg in den Abgrund abbringen konnte, dann war es eine solche Frau. Er schüttelte leise über sich selbst den Kopf, in welch abwegige Betrachtungen verlor er sich denn da?

„Monsieur le comte“, sagte da eine Stimme und als er aufsah, blickte er in die braunen Augen von Miss Graffton, die ihn amüsiert musterten. Er errötete leicht und fühlte sich ein wenig durchschaut. „Madame?“, entgegnete er.

„Entschuldigt doch unsere Unverschämtheit“, fuhr sie fort, „wir schwelgen in Erinnerungen und Ihr langweilt Euch, verzeiht.“

„Nicht doch, ma chère. Es ist das Vorrecht der Jugend auf kurzweilige Ereignisse zurückzublicken und das Vorrecht des Alters, unangenehme Erlebnisse zu vergessen und einfach nur einen weichen Sessel und ein warmes Zimmer zu genießen.“

„Ihr macht Euch älter, als Ihr seid“, erwiderte sie lächelnd, „ich bin mir sicher, es mangelt Euch nicht an kurzweiligen Erinnerungen. Doch nun lasst Euch Eure Räume zeigen, Ihr werdet Euch ein wenig erfrischen wollen.“

Raoul fühlte sich noch immer hin und hergerissen. So sehr er die angeregte Unterhaltung mit Mary auch genoss, so war er nicht ganz sicher, was er denn nun eigentlich für sie empfand.

Bei Hofe hatte er gelernt, seine wahren Gefühle hinter einer freundlichen, neutralen Miene zu verschleiern, hinter die niemand blicken konnte. Genau das tat er im Moment auch, ohne dass es ihm bewusst war. Es war ihm in seinen Jahren in Paris in Fleisch und Blut übergegangen. Eine ganze Weile vergaß er alles um sich herum und schwelgte mit ihr in Erinnerungen an die Zeit in Hampton Court. Doch sein Gewissen quälte ihn, weil er damals bei ihr Trost gesucht, mit ihr mehrere Nächte verbracht hatte. Hatte er ihr damit nicht falsche Hoffnungen gemacht?

Einen Moment lang ertappte er sich tatsächlich dabei, wie er sich vorstellte, mit ihr gemeinsam sein Leben zu verbringen, doch dann sagte er sich, dass sein Herz trotz allem was geschehen war, noch immer Louise gehören musste, weil er es ihr doch einst geschworen hatte.

Er war innerlich so aufgewühlt, dass er keinen einzigen Bissen von den Keksen die ein Diener aufgetragen hatte, hinunterbekam und nur ein paar kleine Schlucke Tee trank. Marys Blick war nicht nur verliebt, sondern es schien auch eine Art Frage darin zu liegen…womöglich erwartete sie, noch heute Abend zu erfahren, wie er zu ihr stand.

 

Und ihm fiel auf, dass sie sich seit dem Frühling verändert hatte, sie wirkte jetzt nicht mehr so mädchenhaft verträumt wie früher, sondern wie eine selbstbewusste junge Frau, die genau wusste was sie wollte. Wie schön sie doch war…sie erschien ihm jetzt sogar noch schöner als damals. Wie hatte sie sich in dieser kurzen Zeit nur so verändern können?

“Werdet Ihr eigentlich nach den Feiertagen wieder an den Hof zurückkehren?”, fragte er sie schließlich.

“Nein, Raoul, ich werde nicht mehr dorthin zurückgehen”; erklärte sie ihm, während sie ihm tief in die Augen blickte, „das Leben bei Hofe hat mir nie wirklich zugesagt und ich habe mich entschlossen, in Zukunft hier auf Blackmores Manor zu bleiben. Meine Eltern haben mir dreihunderttausend Franken Rente hinterlassen, und vielleicht werde ich irgendwann auch nach Frankreich übersiedeln. Meine Mutter war Französin, und irgendwie habe ich mich in Frankreich immer heimischer gefühlt als in England.”

Raoul wusste, dass sie bis zum sechsten Lebensjahr auf einem Gut bei Avignon aufgewachsen, aber nach dem Tod der Mutter mit dem Vater zurück nach England gegangen war, sich jedoch nie als richtige Engländerin gefühlt hatte.

“Ich schätze das Leben bei Hofe auch nicht sonderlich”,  erwiderte er lächelnd, „ich ziehe auch ein ruhiges Leben auf Bragelonne dem höfischen Geplänkel vor. Wenn Ihr möchtet, und wenn mein Vater nichts dagegen hat, könnt Ihr uns im nächsten Jahr besuchen.”

“Ja, ich werde Euch gerne auf Bragelonne besuchen”, erwiderte sie und lächelte versonnen, „aber jetzt freue ich mich erst einmal darauf, die Feiertage mit Euch und Eurem Vater zu verbringen. Ich bin sicher, dass es ein ganz besonderes Fest werden wird.”

Dann wandte sie sich wieder seinem Vater zu, und er musste schmunzeln, als er sah wie der Comte leicht errötete. Die einzige Frau, bei der er seinen Vater jemals hatte rot werden sehen, war die Herzogin von Chevreuse gewesen. Er hatte den Eindruck, dass sein Vater Mary sympathisch fand, und wunderte sich, wieso er sich darüber so freute. Louise gegenüber war er stets ein wenig kühl gewesen, ja manchmal beinahe abweisend.

Nun führte Mary ihn und seinen Vater ins obere Stockwerk, um ihnen ihre Räume zu zeigen. Sie brachte sie zu einem Zimmer am Ende des langen Flurs und öffnete die Tür.

“Dieses Zimmer ist für Euch, Comte, hier habt Ihr einen schönen Blick auf die Lindenallee und die umliegenden Wiesen. Und ich habe einen meiner Diener angewiesen, Euch heute Abend den Kamin anzuzünden. Ich hoffe, das Zimmer trifft Euren Geschmack.”

Der Raum war geschmackvoll eingerichtet und neben einem großen Bett mit blauen Samtvorhängen gab es dort auch noch eine Sitzecke am Fenster und an den Wänden hingen Gemälde englischer Landschaften. Dann ging sie ein paar Türen weiter und zeigte Raoul sein Gemach. Es war ähnlich eingerichtet wie das seines Vaters und vom Fenster konnte man den weitläufigen Garten hinter dem Gutshaus sehen.

“Gefällt Euch das Zimmer, Raoul?”, fragte sie ihn lächelnd.

Dass es direkt neben ihrem eigenen lag, erwähnte sie erst einmal nicht, weil sie ihn zu nichts drängen wollte. “Es ist wirklich schön, Mary”, antwortete er und blickte ihr tief in die Augen, “ich glaube, dass ich mich hier sehr wohlfühlen werde.”

Der Blick aus dem Fenster war wirklich sehr schön, aber Athos widmete ihm nicht die Aufmerksamkeit, die er verdient hätte. Außerdem wurde es allmählich dunkel, hätte ein aufmerksamer Beobachter aus dem Fenster gesehen, hätte er die Lindenbäume bald nur noch als Silhouetten erkannt. Der Comte jedoch öffnete den Mantelsack, den ein umsichtiger Diener bereits auf das Zimmer gebracht hatte, und zog ein frisches weißes, Hemd hervor. Er wusste nicht, was sie heute Abend erwartete, aber er hatte ein seltsames Gefühl, ganz so, als ob mehr hinter dieser Einladung steckte als Mary zugeben wollte. Immerhin hatte er der Tatsache Beachtung geschenkt, dass es Heilig Abend war und Grimaud angewiesen, ihm angemessene Kleidung einzupacken – sollte der Anlass ein wichtiger sein, wäre er zumindest korrekt angezogen. Was mochte wohl zwischen Mary und seinem Sohn vorgefallen sein? Raoul war gelöst wie lange nicht mehr, er lächelte, ja zuweilen hatte Athos sogar den Eindruck gehabt, er mache der Hausherrin den Hof – war das möglich? Konnte er Louise tatsächlich vergessen, und wenn es nur für einen Abend war? Nichts hätte sich der Comte mehr gewünscht und er gab sich zu, dass er bereit war, dafür Eingeständnisse zu machen, die ihm früher nicht in den Sinn gekommen wären.

Er griff zu der Karaffe mit warmem Wasser und goss ein wenig in das danebenstehende Bassin. Die Seife roch gut, nach Lavendel, und er merkte, wie er sich an diesen kleinen Dingen freute, an diesen kleinen Nebensächlichkeiten, die ihm in der letzten Zeit so schrecklich gleichgültig gewesen waren, weil nichts zählte, außer Raouls Trauer. Er hatte das Gefühl, das Eis, in das er eingesponnen war, bekäme leichte Risse, doch noch war es zu früh, um zu hoffen. Dennoch, dieses Haus, die warme Atmosphäre, die hier herrschte, das Lächeln auf dem Gesicht seines Sohnes taten ihm unendlich gut. Doch was mochte Mary nur vorhaben? Zwischen den beiden musste etwas gewesen sein, sie schienen sich nahe gekommen zu sein, und Athos erlaubte seinen Gedanken einen Moment lang zu schweifen, sich Mary anstelle von Louise vorzustellen. Mein Gott, könnte es doch nur sein. Selbst ein Dienstmädchen wäre ihm inzwischen willkommen, wenn es nur Raoul von diesem selbstzerstörerischen Schmerz befreien könnte, der ihm das Leben in den letzten Monaten zur Hölle gemacht hatte. Über all die Grübeleien hatte er sich inzwischen angezogen und musterte sich in dem großen Spiegel, der neben der Tür angebracht war. Sein schwarzes Wams und die gleichfarbene Hose waren mit silbernen Broderien verziert, der Spitzenkragen seines Hemdes fiel elegant auf seine Schultern und wären da nicht die zwar vollen, aber fast weißen, nur noch wenig mit schwarzen Strähnen durchzogenen Haare gewesen, so hätte ihm niemand sein Alter angesehen. Er zuckte über sich selbst die Schultern, anscheinend heilte das Alter nicht die Eitelkeit, Porthos wäre stolz auf ihn gewesen. Dann öffnete er die Tür und ging nach unten, wo Raoul und Mary zu seinem Erstaunen schon wieder in regem Gespräch beisammen saßen. Sein Sohn hatte sich nicht lange mit seiner Toilette aufgehalten, doch er sah gut aus, er hatte genauso viel Wert auf seine Kleidung gelegt, wie sein Vater.

**

Raoul hatte große Sorgfalt auf sein Äußeres gelegt, sich aber beeilt, um schnell wieder bei Mary sein zu können. Bevor er hinunterging, betrachtete er sich ausgiebig im Spiegel und kämmte sorgfältig sein langes schwarzes Haar. Er hatte sein bestes bordeauxrotes Wams, sein schönstes weißes Seidenhemd und dazu eine schwarze Samthose angezogen. Während er sich für den Abend zurechtmachte, ging ihm so vieles durch den Kopf. Er war sich seiner Gefühle für Mary noch immer nicht sicher, aber allmählich musste er sich eingestehen, dass der Gedanke an Louise und der Kummer, den er wegen ihr empfunden hatte, ihm nur noch wie ein ferner Traum erschien. Wenn er jedoch an Mary dachte, begann sein Herz heftig zu pochen und er sehnte sich danach in ihrer Nähe zu sein. Er hatte dem Herzog von Beaufort angekündigt, mit ihm zu Beginn des neuen Jahres nach Algerien zu gehen, doch nun begann er an dieser Entscheidung zu zweifeln. Nein, er konnte sich nicht mehr vorstellen, wegen Louise sein Leben zu beenden. Zum ersten Mal seit Monaten konnte er wieder Freude empfinden und es fühlte sich wirklich gut an.

Nachdem er sich zurechtgemacht hatte, ging er zurück zu Mary. Als sie ihn sah, lächelte sie und blickte ihm tief in die Augen. “Wollt Ihr ein Glas Bordeaux, Raoul? Wir können uns ja an den Kamin setzen.” - “Gerne, Bordeaux ist einer meiner Lieblingsweine”; erwiderte er und schaute ihr tief in die Augen, wobei er wieder dieses unbeschreibliche Kribbeln in seiner Magengegend spürte. Schmetterlinge im Bauch ... ein Gefühl, das bis dahin nur Louise bei ihm ausgelöst hatte. Kurz darauf saßen sie in angeregter Unterhaltung beisammen und er dachte gar nicht mehr an Louise.

“Sagt, Raoul, was ist eigentlich aus dieser Louise geworden? Empfindet Ihr noch etwas für sie?”
Er war sehr überrascht, dass sie ihn so ohne Umschweife direkt darauf ansprach.
“Sie ist jetzt die erste Mätresse des Königs. Ich habe sie seitdem nicht mehr gesehen. Ich habe jetzt beschlossen, dieses Kapitel meines Lebens abzuschließen und habe endlich das Gefühl, wieder Freude am Leben zu haben.” Ja, er meinte seine Worte ernst ... konnte es sein, dass er schon länger nichts mehr für Louise empfand und es einfach nicht hatte wahrhaben wollen?
“Ich denke auch, dass es gut für Euch ist damit abzuschließen. Das Leben wird bald für Euch etwas völlig Neues bereithalten ... etwas Wunderbares”; erwiderte sie und lächelte vielsagend.
Er fragte sich, was sie damit meinen könnte, doch als er sie gerade darauf ansprechen wollte, kam sein Vater herunter.

An diesem Abend sah er trotz des fast ergrauten Haares jünger aus als zweiundsechzig, und zum ersten Mal seit Monaten war seine Miene nicht von Sorge und Kümmernis überschattet.

Ob er wohl bereits ahnt, was ich für Mary empfinde?, fragte sich der Vicomte. Erst jetzt wurde ihm klar, was er seinem Vater mit seinem Entschluss, nach Afrika zu gehen, angetan hatte. Indem er sich in seinen Schmerz, seine Liebe zu Louise hineingesteigert hatte, hatte er nicht nur sein eigenes, sondern auch das Leben des Comte überschattet.

Mary stand auf, als sie Raouls Vater bemerkte. „Ich hoffe, alles ist zu Eurer Convenance?“

„Es ist perfekt, wie Euer Empfang, wie Eure Gentillesse.“, entgegnete Athos.

Mary errötete ein wenig, doch das Kompliment erfreute sie. „Nun“, sagte sie dann, „bitte ich Euch zu Tisch, Ihr müsst hungrig sein.“ Sie stand mit einer eleganten Bewegung auf und ging ihren Gästen voran in Speisezimmer, das, festlich geschmückt, in nichts der Eleganz des Salons nachstand.

Athos blieb am Tisch stehen und betrachtete die vor ihnen ausgebreitete Opulenz. „Madame“, sagte er nachdenklich, „mir will scheinen, Ihr ludet uns zu mehr als einem einfachen Weihnachtsmahl und ich bin äußerst neugierig, den Grund für unsere Anwesenheit hier zu erfahren.“

Auch Raoul spürte eine seltsame Anspannung, wie sein Vater hatte auch er das Gefühl, dass ihn an diesem Abend etwas Besonderes erwartete. Mary wirkte nun doch etwas nervös, aber sie bemühte sich die Ruhe zu bewahren.

„Es gibt in der Tat einen triftigen Grund für meine Einladung, Comte. Ich habe ein besonderes Geschenk für Euren Sohn und auch für Euch, und ich werde es jetzt holen, damit Ihr wisst, warum ich Euch hierhergebeten habe.” Mit diesen Worten verließ sie den Raum und Raoul und Athos warteten gespannt.
“Ach Vater, ich frage mich wirklich, was für eine Überraschung sie wohl für mich und für Euch haben könnte. Es muss etwas sehr Wichtiges sein, etwas das ihr viel bedeutet. Und…wisst Ihr, ich glaube ich würde mich über jedes Geschenk von ihr freuen. Ich ...ich ...ach Vater, ich liebe sie…das ist mir jetzt klar geworden. Ich habe das nur nicht erkannt, weil ich wie besessen von Louise gewesen bin.”

Athos sah seinen Sohn überaus überrascht an, ein solches Geständnis hatte er nicht erwartet, doch noch bevor er antworten konnte, kam Mary zurück, einen großen Korb in den Händen haltend. Als sie hereinkam, konnten sie nicht sehen was in dem Korb war, sie hörten nur ein leises, maunzendes Geräusch. Wollte sie ihnen womöglich eine Katze schenken?

Dann, als sie näherkam, und den Korb vor ihm auf den Tisch stellte, erkannte Raoul, dass ein Säugling darin lag, höchstens zwei Wochen alt. Ein wunderschönes Kind mit dunklem Haarflaum. Es hatte die Augen geöffnet und Raul blickte in ein kleines, braunes Augenpaar, das seinen eigenen und denen seines Vaters auffallend glich. Der Säugling gab glucksende Laute von sich und streckte seine kleinen Händchen in die Luft.

Raul war so tief berührt, dass ihm Tränen über die Wangen liefen. Zunächst war er unfähig zu reagieren. Er konnte nicht fassen, dass er jetzt wirklich Vater war, dass Mary ihm dieses wundervolle kleine Wesen geschenkt hatte.

Mary blickte angespannt auf den Vicomte, sie befürchtete, dass er das Kind womöglich nicht wollte.
Doch dann streckte Raoul seine Hand aus, berührte ganz behutsam die Wange des Neugeborenen und lächelte. Eine ganze Weile sagte er nichts und betrachtete fasziniert und tief berührt sein Kind.
“Ich danke Euch Mary ... Ihr ... Ihr habt mir das schönste Geschenk gemacht, das eine Frau einem Mann machen kann”, stammelte er schließlich, noch immer völlig überwältigt. Mary war erleichtert, denn sie hatte befürchtet, dass Raul sein Kind ablehnen würde. Doch wie würde der Comte reagieren? Dieses kleine, zarte Gesichtchen, noch so unschuldig, so schön, so rein…der Vicomte konnte den Blick gar nicht mehr von dem Säugling wenden. Dann blickte er lächelnd zu seinem Vater hinüber.
“Jetzt bin ich Vater ... ist das nicht merkwürdig? Ich kann es gar nicht fassen, dass das mein Kind ist.
Vielleicht ist das ja nur ein schöner Traum und ich wache gleich auf.”
Liebevoll strich er dem kleinen Wesen über den dunklen Schopf. Der Kummer, der die letzten Monate überschattet hatte, erschien ihm nun seltsam unwirklich. Nun waren in seinem Herzen nicht mehr Schmerz und Trauer, sondern sein Kind…und, er war sich dessen mittlerweile sicher ...auch Mary.

Verblüfft, erschüttert, perplex starrte Athos von dieser Frau, die er heute zum ersten Mal sah und die ihm hier sein Enkelkind präsentierte, zu Raoul, der von seinen Gefühlen überwältigt schien. Dann blickte er auf dieses kleine, wunderbare Wesen, das ihn so sehr an Raoul erinnerte, nur dass sein Sohn damals schon etwas älter gewesen war. Doch die Ähnlichkeit war unverkennbar und Athos zweifelte keine Sekunde daran, dass das Kleine wirklich Raouls Sprössling war. Er hob den Blick und sah direkt in die Augen von Mary, sie schien den Atem anzuhalten, und ihm wurde bewusst, dass die Eltern des Kindes auf seine Reaktion warteten. „Mon Dieu!“, stammelte er und sein Mund war trocken. „Ich glaube, ich brauche einen Branntwein!“

Zwischen den Brauen seines Sohnes erschien eine kleine, steile Falte und er beeilte sich fortzufahren: „Nein! Keinen Branntwein, Champagner. Madame, habt Ihr so etwas im Haus?“ Sie nickte und machte einem Diener ein Zeichen, das Gewünschte zu  bringen. Athos war inzwischen an das Körbchen getreten und betrachtete  das Kind, fuhr ihm dann leicht über die samtige Wange. Mein Gott, wie klein es war. Er blickte zu Mary: „Verzeiht, aber habe ich nun einen Enkelsohn oder eine Enkeltochter?“

Ihr Gesicht erhellte sich in einem erleichterten Lächeln und sie trat neben ihn. „Einen Enkelsohn, monsieur le comte.“ Sie beugte sich vor, hob das Kind sachte hoch und streckte es Athos hin. „Oh“, entgegnete dieser, „das ist lange her.“ Er nahm den Kleinen vorsichtig, überrascht, wie schwer er war, während sich gleichzeitig die Erinnerung einstellte: Auch bei Raoul war er überrascht gewesen. Freude durchfloss ihn, wie ihn einst Freude durchflossen hatte, heute war ihm sein Leben und das seines Sohnes wiedergeschenkt worden. Er genoss einen Moment den Geruch des Kindes, diesen unbeschreiblichen, wunderbaren Duft, den nur kleine Kinder an sich haben, dann reichte er es seinem Sohn weiter und musste über dessen ängstliche Mine grinsen. „Nur keine Angst, Raoul, sie sind robuster, als sie aussehen.“ Dann hakte er sich bei Mary unter: „Was meint Ihr, meine liebe Schwiegertochter, wenn wir diesen neuen Erdenbürger, dieses ganz besondere Christkind nun gebührend mit einem Glas Champagner feiern würden?“

„Aber gern, monsieur le comte,“ erwiderte sie. „Wisst Ihr, ich war mir nicht sicher, wie Ihr diese Neuigkeit aufnehmen würdet, noch dazu, wenn ich sie Euch derart … unverblümt präsentierte. Ich haderte lange mit mir, entschied mich aber dann für diesen Weg.“

„Womit Ihr zumindest mich völlig überrumpeltet, ich gebe es zu“, erklärte Athos lächelnd. „Mein Sohn mag etwas geahnt haben, immerhin muss es zu diesem Kind ja auch eine Vorgeschichte gegeben haben, doch ich wusste von nichts.“ Er nahm eine Champagnerflasche, öffnete sie und schenkte den Schaumwein in drei Gläser: „Wisst Ihr“, erklärte er dann, „ich war gefasst darauf, Elend und Trauer zu erleben, doch Ihr führt uns ins Leben zurück, gebt uns Liebe und Hoffnung, das ist, bei Gott, das schönste Geschenk, das mir je an einem Weihnachtsabend gemacht wurde. Dafür, liebe Mary, habt Ihr meinen innigsten Dank.“ Sie tranken sich zu, dann fragte Athos: „Aber sagt, hat dieses Kind schon einen Namen?“

“Ich habe ihn Olivier Robert genannt, nach Euch und nach meinem verstorbenen Vater. Ich dachte mir, dass das auch in Raouls Sinn sein würde, denn er hat mir damals in Hampton Court erzählt, dass er, wenn er eines Tages einen Sohn haben sollte, ihn nach Euch nennen wird.”, entgegnete Mary.

Beide sahen nun Raoul an, der sich an das Gewicht in seinen Armen gewöhnt zu haben schien. Er lächelte sie an: „Vermutlich habt Ihr Recht, Vater, und sie sind robuster als man denkt. Aber es wird eine Weile dauern, bis ich mich daran gewöhnt habe, und ihn nicht mehr wie ein rohes Ei behandele…mit etwas Übung werde ich ihn bald genauso sicher halten wie Ihr.”
Der Säugling lag ganz still und zusammengekauert, er spürte die Körperwärme seines Vaters und ein friedlicher Ausdruck lag auf seinem kleinen Gesichtchen. Raoul wiegte sein kleines Christkind sanft in den Armen hin und her, betrachtete es mit einem Ausdruck inniger Liebe. Zum ersten Mal seit Monaten strahlte er wieder übers ganze Gesicht und seine Augen leuchteten.

“Es freut mich sehr, dass unser kleines Christkind hier Euch und Raoul neuen Lebensmut gegeben hat, Monsieur”; erwiderte Mary tief berührt, ” genauso war es bei mir auch, als ich ihn nach der Geburt zum ersten Mal in den Armen hielt, da waren Kummer und Sorgen, die ich während der Schwangerschaft durchlebte mit einem Mal vergessen. Dieses Weihnachten wird uns wohl allen immer als ein ganz besonderes Fest in Erinnerung bleiben.”
Auch sie hatte die letzten Monate von der Welt abgeschieden auf ihrem Gut gelebt. Als ihre Schwangerschaft sich nicht mehr verbergen ließ, hatte man sie bei Hofe nicht mehr geduldet, denn Hofdamen die guter Hoffnung, aber unverheiratet waren, galten dort als Persona non Grata. Und so hatte sie die letzten fünf Monate sehr einsam auf Blackmores Manor verbringen müssen, ohne zu wissen wie ihre Zukunft aussehen würde. Immer wieder hatte sie sich gefragt, was wohl aus ihrem Kind werden würde, wenn Vater und Großvater es nicht akzeptierten, denn uneheliche Kinder wurden in England gesellschaftlich geächtet. Dass alles so glücklich enden würde, damit hatte sie gar nicht gerechnet, es erschien ihr wie ein Wunder.
Der Comte schenkte ihnen Champagner in drei Gläser ein, und sie stieß gemeinsam mit ihm und Raoul auf den neuen Erdenbürger an.

Schließlich legte der Vicomte den Säugling zurück in den Korb und deckte ihn liebevoll zu.
Wieso hatte er nicht schon vor ein paar Monaten erkannt, was er für Mary empfand? Er hatte sich wohl so sehr in seine vermeintliche Liebe zu Louise verrannt, dass er seine wahren Gefühle nicht erkannte.
“Mary, ich wollte Euch etwas fragen”; meinte er schließlich, nahm ihre Hand und blickte ihr tief in die Augen, “wollt Ihr meine Frau werden?”
“Ja, ich will, Raoul”, erwiderte sie, zog ihn näher zu sich heran und küsste ihn leidenschaftlich.
Als Raoul ihre zarten, weichen Lippen auf den seinen spürte, hatte er das Gefühl auf Wolken zu schweben und sein Herz pochte heftig.
Mary griff in ihre Tasche und holte einen wunderschönen Diamanten heraus, der im Kerzenschein funkelte.
“Wisst Ihr noch, wie Ihr mir auf Hampton Court diesen Diamanten gegeben habt? Damals hätte ich nicht mehr zu hoffen gewagt, dass er eines Tages unser Hochzeitsgeschmeide zieren würde.”
“Ich glaube, ich war schon damals in Euch verliebt, Mary”, gestand er ihr, “aber leider war ich zu töricht um es zu erkennen. Ich bin ja so froh, dass Ihr uns eingeladen habt, sonst hätten wir beide womöglich nie zueinander gefunden, und ich hätte niemals von unserem wundervollen kleinen Christkind erfahren.”

 


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