Artagnan.de - Fanfiction zu Dumas' drei Musketieren

Was im Winter geschah


18. Porthos und Athos

von AlienorDartagnan


Kürzlich, als ich wieder einmal in den Musketieren las, kam mir die Idee zu dieser Weihnachtsgeschichte. Im Roman stand ja, dass Porthos am Anfang immer neidisch auf Athos gewesen wäre, und deswegen am Anfang oft ungerecht gegen diesen gewesen war, und da kam mir der Einfall, darüber einmal eine Weihnachtsgeschichte zu schreiben.
Eine kleine Abweichung vom Roman habe ich mir allerdings erlaubt:
Im Roman ist Porthos noch nie bei der Coquenard zu Hause gewesen, ich habe das für meine Geschichte abgeändert, ich hoffe, dass niemand mir diese kleine Abweichung übel nimmt.

24. Dezember 1621

Heute ist Weihnachten und normalerweise sollte das ein Tag der Freude sein. Doch für mich ist heute alles ein einziger Verdruß. Treville hat mich über die Feiertage zum Wachdienst eingeteilt und das auch noch ausgerechnet zusammen mit diesem Athos. Seit fünf Monaten ist er jetzt in Paris und hat in dieser Zeit mit niemandem aus unserer Kompanie Freundschaft geschlossen. Es ist mir ein Rätsel wieso die anderen ihn alle mögen, obwohl er meistens kaum ein Wort spricht.
Seit zwei Stunden steht er mir gegenüber auf seinem Posten vor dem Haupttor des Louvre, ohne in dieser Zeit auch nur einmal mit mir geredet zu haben. Wenn ich mit einem der anderen Kameraden Dienst habe, unterhalten wir uns über alles Mögliche, und dabei vergeht die Zeit wie im Flug. Doch jetzt kriecht sie langsam wie eine Schnecke dahin. Wenn man Athos anspricht antwortet er zwar, verfällt aber hinterher sofort wieder in sein gewohntes Schweigen. Ich frage mich, warum er so wenig mit uns anderen Musketieren spricht. Ich glaube dass er arrogant ist, sich für etwas Besseres hält. Er erzählt nicht viel über sich, wir wissen nur dass er aus dem Berry stammt und vermuten dass er dem Hochadel angehört.

Während ich meinen Gedanken nachhänge, sehe ich zwei gutaussehende junge Hofdamen, die sich in Begleitung zweier Diener, die ihre Einkäufe tragen, dem Tor nähern. Ich zwirbele meinen Schnurrbart zurecht, nehme Haltung an und schenke den beiden Schönen mein einnehmendstes Lächeln. Sie lächeln nun ebenfalls, doch ihr Lächeln gilt nicht mir, ihre Blicke ruhen auf Athos, der mir gegenüber auf der anderen Seite des Tores steht.
Mich beachten sie gar nicht, obwohl ich über meiner Kasacke den prachtvollen neuen Samtmantel trage, den Madame Coquenard mir trotz ihres Geizes geschenkt hat. Dieser Mantel hat mich viele zärtliche Küsse und Liebesschwüre gekostet, ebenso wie der schwarze Hut, der mit einer vergoldeten Pfauenfeder verziert ist.
Athos trägt nur einen schlichten Mantel und einen ebenso schlichten Hut und wirkt dennoch vornehmer als ich. Einer meiner Kameraden hat ihn einmal als vollendeten Edelmann bezeichnet, dessen Adel man selbst dann noch erkennen könnte, wenn er in Lumpen daherkäme.
Ich fühle mich ihm unterlegen und es gefällt mir gar nicht, meinen Rang als vornehmster Musketier an ihn abtreten zu müssen. Bevor er kam blickten die anderen bewundernd zu mir auf, doch jetzt habe ich das Gefühl, dass ihre Bewunderung nur noch ihm gilt.

Ich fasse es nicht…er erwidert das Lächeln der Frauen nicht und blickt nur gleichgültig geradeaus. Wenn wir anderen mit unseren Frauengeschichten prahlen, sitzt er immer ruhig dabei und verzieht keine Miene.
Noch nie hat einer von uns ihn mit einer Frau gesehen. Ist er vielleicht ein Sodomit? Ich beneide ihn darum, dass die meisten Frauen sich von ihm geradezu magisch angezogen fühlen, ohne dass er viel dafür tun muss.
Ich bin froh, als die Glocken von Notre Dame vier Uhr schlagen und mein Dienst zu Ende ist. Nun übernehmen Louis de Bourdain und Philippe de Giouli die Wache und ich freue mich auf ein paar Becher heißen Würzwein und Gänsebraten im Tannenzapfen, wo sich am Heiligen Abend fast alle unverheirateten Soldaten treffen. Bevor ich mich auf den Weg zum Gasthaus mache, gehe ich noch zu Madame Coquenard, die mich zum Nachmittagstee eingeladen hat, weil Ihr Gatte heute den ganzen Mittag lang außer Haus ist.
Der geizige alte Anwalt Ebenezer Coquenard berät seine Klienten sogar an Weihnachten, solange er nur gut daran verdient.
Ich wünsche Athos einen schönen Abend, dann mache ich mich auf den Weg zu Madame. Sie bewirtet mich mit einem dünnen Tee, der mehr nach Wasser als nach Beerenfrüchten schmeckt, und ihrem selbstgebackenen, klebrigen Mandelkuchen. Ihre bewundernden Blicke sind Balsam für meine Seele, und ich denke kaum noch daran, dass die Frauen vor dem Louvre nur Athos Beachtung geschenkt haben. Der kurze Besuch hat sich gelohnt, sie schenkt mir prachtvolle schwarze Lederstiefel, die perfekt zu meinem Mantel und meinem Hut passen werden. Ich ziehe sie gleich an, und Madame schmeichelt mir, dass ich der schönste, eleganteste Edelmann sei, den sie jemals zu Gesicht bekommen hat. Aber würde sie dasselbe auch sagen, wenn Athos jetzt neben mir stünde?

Als ich mich schließlich auf den Weg zum Tannenzapfen mache, ist es längst dunkel geworden und die Straßen sind voller Menschen, die auf dem Weg in die Christmetten sind. Eine junge Frau, deren Wangen von der Kälte gerötet sind, lächelt mich im Vorbeigehen an, ich lächle zurück. Es hat wieder zu schneien begonnen, die Glocken der Kathedrale und mehrerer Kirchen läuten, und aus den Fenstern der Häuser dringt der Duft von Würzwein, Gänsebraten, Fleischpasteten und anderen Köstlichkeiten.
Ich freue mich schon auf den Abend im Gasthaus..ich werde Wein trinken, mir einen knusprigen Gänsebraten schmecken lassen und die anderen werden meine neuen Stiefel bewundern, da außer mir kaum ein Musketier so prachtvolle teure Stiefel besitzt.
Und Athos wird bestimmt nicht dort sein, denn er leistet uns nur selten Gesellschaft und verbringt den Abend wohl wie sonst auch alleine in seiner Wohnung in der Rue Ferrou. Ach, wenn er doch nur wieder dahin zurückgehen würde, wo er hergekommen ist. Er gehört nicht hierher, er ist keiner von uns und wird es auch nie sein.

Als ich das Gasthaus betrete, ist es schon bis fast auf den letzten Platz besetzt, und Stimmengewirr, Gelächter und zotige Gesänge erfüllen den großen Raum. Viele in unserer Kompanie sind ledig und wollen den Abend nicht alleine verbringen.
Ich steuere einen Tisch in einer dunklen Ecke in der Nähe des Kamins an, wo Jaques d´Aillant und Jeannot de Maillot sitzen, Freunde von mir. Fast jeden Abend sitzen wir drei an diesem Tisch bei einem guten Glas Wein zusammen und unterhalten uns oder widmen uns dem Karten-oder Würfelspiel.
Als ich dann sehe dass noch jemand bei ihnen sitzt, verziehe ich missmutig das Gesicht, denn es ist Athos.
Ich frage mich was er hier zu suchen hat, und wieso er ausgerechnet bei meinen Freunden am Tisch sitzt. Ich kann ihn einfach nicht leiden und ich möchte nicht dass er den Abend mit uns verbringt. Was, wenn er mit Jaques und Jeannot Freundschaft schließt? Dann müsste ich seine Anwesenheit ja noch häufiger ertragen, ein Gedanke der mir ganz und gar nicht gefällt.
Allerdings kann ich das nicht sagen, meine Freunde würden es nicht verstehen, sie finden ihn sympathisch, und, was mich besonders ärgert, sie bewundern ihn auch, betrachten ihn, warum auch immer, als eine Art Vorbild. Also reiße ich mich zusammen, grüße alle und setze mich dann dazu.
“Heute spendiere ich Gänsebraten und Würzwein für alle hier am Tisch. Meine Herzogin hat sich mir gegenüber heute nämlich besonders großzügig gezeigt”; verkünde ich und zwirbele wichtigtuerisch meinen Schnurrbart, “und sie hat mir außerdem gesagt, dass ich der eleganteste, schönste Edelmann bin, denn sie jemals kennenlernen durfte, und glaubt mir, sie hatte es schon mit vielen Männern aus dem Hochadel zu tun.”

Ja, dieser Athos soll ruhig sehen, dass er mir meinen Rang als vornehmster Musketier nicht einfach so streitig machen kann, dass es immer noch auch Frauen gibt, die mich bewundern.
“Ich danke Euch für Eure Einladung, Porthos und ich nehme sie gerne an”, meldet sich der sonst so schweigsame Athos zu Wort, “ich werde dann ein anderes Mal für Euch mitbezahlen.”
Ich nicke nur und ärgere mich, denn ich habe nicht vor, noch öfters mit ihm die Abende hier zu verbringen. Hoffentlich kommt er jetzt nicht häufiger hierher.
Wir unterhalten uns über unser Lieblingsthema, die Frauen. Jaques erzählt von der bildschönen Hofdame Juliette de La Bourge, in die er sich unsterblich verliebt hat, und die er gerne eines Tages heiraten würde, und Jeannot, der sich nie für eine Frau entscheiden kann, plaudert mit stolzgeschwellter Brust über seine zahlreichen Affären, bei denen von der Zofe bis zur Herzogin wirklich alles dabei ist. Ich trage meinen Teil dazu bei, indem ich wieder einmal von meiner Herzogin spreche. Dass es sich in Wahrheit um eine alternde Anwaltsgattin handelt, brauchen meine Freunde ja nicht zu wissen.

Athos sitzt die ganze Zeit schweigend dabei und trinkt schon seinen dritten Becher Wein. Frauengeschichten, das scheint also etwas zu sein bei dem er mit mir trotz seiner besonderen Ausstrahlung nicht mithalten kann, und das möchte ich ihm nun auch deutlich machen.
“Wie ist das eigentlich bei Euch, Athos?”; frage ich ihn betont freundlich, “Euch müssten die Comtessas und die Herzoginnen doch reihenweise zu Füßen liegen.”
Irgendwie bin ich mir sicher, dass er zu dem Thema Frauen nichts beitragen kann, und es freut mich ihn endlich einmal übertrumpfen zu können.
Athos sieht mich ganz ruhig an und trinkt gelassen einen Schluck Wein bevor er antwortet.
“Porthos, Euch wird das Leben gewiss eines Tages auch noch lehren, dass Frauen einem Mann nicht nur Freude, sondern auch großes Leid bringen können.”
Mit diesen Worten trinkt er seinen Becher leer und ordert bei der Schankmagd neuen Wein. Die Magd, eine schöne blonde Frau von etwa zwanzig Jahren, bringt den Wein und schenkt Athos ein verführerisches Lächeln. Seine Miene verdüstert sich und in seine Augen tritt ein tief melancholischer Ausdruck. Kaum ist die Magd fort, trinkt er einen Schluck Wein und meint dann leise seufzend:
“Ich kann Euch nur eines raten, Freunde, nehmt euch besonders vor den Blonden in Acht.”

Wenig später bringt dieselbe Magd den Gänsebraten und er blickt zur Seite um ihr nicht in die Augen schauen zu müssen. Ich frage mich, warum er den Frauen gegenüber so negativ eingestellt ist. Steckt dahinter vielleicht eine unglückliche Liebe?
Während Jaques, Jeannot und ich uns den knusprigen Gänsebraten, der mit Rotkohl und Serviettenknödeln serviert wird, schmecken lassen, stochert Athos nur lustlos in seinem Essen herum, leert seinen Becher und ordert sich schließlich weiteren Wein. Wieso ist mir vorher eigentlich noch nie aufgefallen wie melancholisch er wirkt, wie konnte mir diese tiefe Traurigkeit in seinen Augen entgehen? Was für ein Schicksal wohl dahinterstecken mag?
In den nächsten Stunden redet er kaum ein Wort und trinkt noch mehr Wein. Andere würden bei der Menge die er bereits getrunken hat, längst schnarchend unter dem Tisch liegen, doch ihm merkt man kaum etwas an.
Und er scheint noch immer nicht genug zu haben, denn als Jaques und Jeannot sich kurz nach Mitternacht verabschieden, bestellt er sich einen weiteren Becher Wein. Ich überlege ob ich auch gehen soll, entscheide mich aber dann dagegen. Ich kann Athos in diesem Zustand nicht alleine lassen. Noch ist er nicht betrunken, doch er tut alles, um sich genau dahin zu bringen. Und für einen Mann, der nicht mehr Herr seiner Sinne ist, ist es lebensgefährlich, alleine durch die nachts von Dieben und Mördern wimmelnden Gassen nach Hause zu gehen.

So wütend ich auch auf ihn bin, weil er mir bei den anderen Musketieren und den Frauen immer die Schau stiehlt, jetzt tut er mir einfach nur leid und ich möchte ihn nicht alleine lassen.
Ich habe ihn um seine Ausstrahlung beneidet, um den Eindruck, den er bei anderen hinterlässt ohne sich groß anstrengen zu müssen so wie ich. Niemals hätte ich es für möglich gehalten, dass ein Mensch, der eine solch nachhaltige Wirkung auf andere Menschen hat, so unglücklich sein könnte. Nun schäme ich mich für meinen Neid, für den Groll den ich gegen ihn gehegt habe, ohne mir auch nur einmal die Mühe gemacht zu haben, ihn besser kennenzulernen.
Er leert seinen Becher und ordert sofort einen weiteren. Allmählich wird sein Blick glasig und ich befürchte dass er umkippt, wenn er weitertrinkt.
“Meint Ihr nicht, dass es langsam genug ist, Athos? Ihr hattet gewiss schon mehr als drei Flaschen Wein heute Abend.”

“Nein, ich habe noch nicht genug”, erwidert er und blickt mich traurig an, “ich brauche noch viel mehr um den Schmerz zu betäuben. Letztes Jahr war sie noch bei mir und hat mir ewige Liebe geschworen und ich habe geglaubt, ein langes, glückliches Leben vor mir zu haben. Aber sie hat mich getäuscht, meine Liebe zu ihr war eine einzige Schimäre, weiter nichts. Nur der Wein vermag den Schmerz den ich empfinde zu betäuben.”
Er lallt ein wenig und an seinem Blick sehe ich, dass er langsam aber sicher den Zustand völliger Trunkenheit erreicht.
In diesem Moment betrachte ich ihn nicht als Konkurrenten, sondern als einen Menschen der jemanden braucht, der ihm ein wenig Mut zuspricht.
“Wisst Ihr, Athos, auch ich habe unglückliche Liebschaften hinter mir. Wenn man von einer Frau enttäuscht und betrogen wird, hat man das Gefühl, dass die ganze Welt über einem zusammenbricht, aber glaubt mir, das geht wieder vorbei. Irgendwann wird Euch eine andere begegnen, die Euch die Liebe geben kann, nach der Ihr Euch sehnt.”
Er tut mir leid, denn auch ich habe das schon durchmachen müssen, nachdem meine Jugendliebe mir das Herz gebrochen hat, das war auch der Grund, warum ich damals zu den Musketieren ging. Sie hat einen anderen geheiratet, und das nur deswegen, weil mein Vater einen großen Teil unseres Vermögens durch seine Spielsucht verloren hat. Solche Frauen wird es immer geben, und auch genügend Männer die auf sie hereinfallen. Aber die Zeit heilt alle Wunden, auch bei Athos wird das so sein.

“Nein, ich werde nie wieder einer Frau vertrauen können. Anne hat mein Herz auf ewig vergiftet, mir mein Zuhause, meine Zukunft genommen”, erwidert er und wischt sich verstohlen eine Träne von der Wange, “nichts in meinem Leben wird jemals wieder so sein wie es vorher war. Sie hat meinen Glauben an die wahre Liebe zerstört.”
“Irgendwann werdet Ihr wieder lieben können, nämlich dann, wenn Euch die Richtige begegnet, eine Frau, die nicht mit Euren Gefühlen spielen und Euch wahrhaftig lieben wird”, versuche ich ihn aufzumuntern, “Ihr dürft nur die Hoffnung nicht verlieren.”
Er winkt der Schankmagd, ihm einen weiteren Becher Wein zu bringen, dann wendet er sich wieder an mich.
“Hoffnung…das ist doch nur eine leere Phrase, mit der man jene zu trösten versucht, die längst keine Hoffnung mehr haben. Ich werde auf ewig mit dem leben müssen was ich getan habe.”
“Wie meint Ihr das…was habt Ihr getan?”, frage ich, denn ich kann mir nicht vorstellen was er damit meint.
Er geht gar nicht auf meine Frage ein, seufzt stattdessen nur leise und meint dann:
“Ach Porthos, wisst Ihr, ich beneide Euch.”
Verwundert blicke ich ihn an.
“Ihr beneidet mich, Athos? Aber warum denn das?”

“Ich beneide Euch darum, wie Ihr das Leben genießen könnt, ohne von Schuldgefühlen und Trauer gequält zu werden. Und darum, dass Ihr eines Tages gewiss das Glück erleben werdet, dass die Hebamme Euch Euer neugeborenes Kind in die Arme legt. Und dass Ihr als alter Mann, an der Seite Eurer Frau auf einer Bank sitzen und Euren Enkelkindern beim Spielen zusehen werdet. Ich dagegen, ich werde im Alter nur ein einsamer Trunkenbold sein.”
Seine Worte machen mich sehr betroffen, niemals hätte ich gedacht, dass ein Mann wie Athos mich beneiden könnte. Ich war von Anfang an neidisch auf ihn, seitdem er in unsere Garde kam, und dachte mir, dass ich alles dafür geben würde, so sein zu können wie er. Doch nun wird mir klar, dass mein Neid mein Urteilsvermögen so sehr getrübt hat, dass mir nicht einmal aufgefallen ist, dass Athos alles andere als glücklich und zufrieden ist.
“So etwas solltet Ihr nicht sagen. Wenn der Kummer noch so frisch ist wie bei Euch, dann glaubt man nie wieder lieben zu können. Aber eines Tages werdet Ihr es wieder können, da bin ich mir sicher. Und ganz bestimmt werdet Ihr auch irgendwann Kinder haben.”
“Es ist nett von Euch, dass Ihr mir Mut machen wollt, Porthos. Aber in meinem Fall wird es nicht sein wie bei anderen Männern die Liebeskummer hatten. Nie wieder werde ich eine Frau so lieben können wie meine Anne.”

Nein, ich kann ihn jetzt nicht mehr als Konkurrenten betrachten, denn nun würde ich für kein Geld der Welt mehr mit ihm tauschen wollen. Diese verfluchte Eitelkeit, die mich immer dazu treibt so eifersüchtig zu sein…nur weil ich gerne der vornehmste Musketier im ganzen Regiment sein möchte. Mir wird klar, dass ich Athos völlig falsch eingeschätzt habe, dass ich vor lauter Neid nicht gesehen habe, wie schlecht es ihm eigentlich ging. Nur wegen seines Kummers spricht er so wenig und nicht etwa weil er arrogant ist.
Athos könnte einen Freund, der ihm hilft neuen Lebensmut zu fassen und ihm zeigt, dass das Leben auch für ihn noch schöne Seiten haben kann, gut gebrauchen. Ja, wir könnten Freunde werden, ich brauche ihn gar nicht als Konkurrenten zu sehen, da es in ganz Paris mehr als genug Frauen für uns beide gibt.
Statt ihn zu beneiden, werde ich ihn in Zukunft ein wenig unter meine Fittiche nehmen und dafür sorgen, dass er etwas mehr unter die Leute geht und nicht immer nur wie ein Einsiedler in seiner Wohnung in der Rue Ferrou hockt. Vielleicht ergibt sich ja dann für ihn, wenn es ihm etwas besser geht, auch eine neue Damenbekanntschaft. Verehrerinnen werden sich jedenfalls genug finden.
“Kommt, Athos, ich bringe Euch nach Hause”; biete ich ihm an, als das Schankmädchen uns sagt, dass wir jetzt gehen müssen, weil sie schließen.
Er schwankt ein wenig und legt seinen Arm um meine Schultern um nicht hinzufallen. Wahrscheinlich wird er sich morgen gar nicht daran erinnern, mir von seiner unglücklichen Liebe erzählt zu haben. Viel war es ja nicht was er offenbart hat, jedoch genug um zu erahnen, was er gerade durchmacht. Diese Anne, wo auch immer sie jetzt sein mag, hat ihm das Herz gebrochen.
Dieser wortkarge Mann will bestimmt nicht, dass jemand seine Vergangenheit kennt, also ist es vielleicht besser, wenn er morgen nicht mehr weiss, dass er mir gegenüber diese Anne erwähnt hat.
Jetzt schäme ich mich für meinen Neid und den Groll den ich gegen ihn hegte, und ich bin sicher, dass wir Freunde werden und dass auch für ihn wieder bessere Tage kommen.
Und an diesem Heiligen Abend ist mir auch klar geworden, dass ich die Menschen nicht immer nach ihrem Äußeren beurteilen darf und mich bemühen muss, auch das zu sehen was dahinter steckt. Als ich noch auf unserem Gut in der Bretagne lebte, hat meine Mutter immer gesagt, dass meine größte Schwäche die Eitelkeit wäre, und ich glaube sie hatte damit Recht.
Jetzt weiss ich, dass auch Athos, den ich vorher für ach so perfekt hielt, ein Mensch wie jeder andere ist, der auch seine Schwächen und Fehler hat, und genau das ist es, was ihn mir jetzt so sympathisch erscheinen lässt. Ich bin sicher, an diesem Abend in ihm einen neuen Freund gewonnen zu haben.


3 Reviews | Review schreiben

Review schreiben

Persönliches
Review
Zur Vermeidung von Spam