Artagnan.de - Fanfiction zu Dumas' drei Musketieren

Was im Winter geschah


2. Miséricorde

von kaloubet


Es schneite. Seit Tagen schon. Der Schnee bedeckte das Lager, die Straßen aus Matsch und die Gräben vor der belagerten Stadt, schaffte es für einige Augenblicke selbst diese trostlose Kriegsszenerie mit einem reinen Mantel aus Weiß zu bedecken. Doch das hielt nur so lange vor, wie man den Schnee betrachten konnte. Sobald man gezwungen war durch ihn zu gehen, wurde er zu Matsch, vermengte sich mit dem Schlamm des Untergrundes und drang kalt und nass in Stiefel und durch Kleidung, nicht mehr länger schön, nur noch feindselig. Denn sie lagen schon mehrere Monate hier, fern der Heimat, und die Versorgung war nun, im Winter, wetterbedingt fast zum Stillstand gekommen, so dass die Belagerer begonnen hatten das Los der Belagerten zu teilen und solidarisch Hunger zu leiden. Und nicht nur unter dem Hunger, auch unter der Kälte litten sie, denn es gab rings um das Lager kaum noch einen  Baum, kaum noch einen Strauch, nichts, mit dem man hätte ein Feuer anzünden können. Nur heute, in dieser besonderen Nacht, hatte der Kardinal Kerzen und Feuerholz austeilen lassen, wo auch immer er es beschafft hatte, so dass aus den meisten Zelten ein flackernder Schein leuchtete, der das Lager in ein dämmrig-warmes Licht tauchte, das recht anheimelnd wirkte. Zumindest für die, die das Glück hatten nicht im Dienst zu sein. Nicht in den düsteren, kalten Gräben zu stehen, die auch heute, auch in dieser Nacht, besetzt sein mussten. Denn man traute dem Feind durchaus einen Ausfall zu gerade in dieser Nacht, in der die Wachsamkeit nachließ, in der die Gedanken nach Hause schweiften.

Deswegen hatte der Hauptmann Vorsorge getroffen und die Gräben mit den besten Männern besetzt. Einigen nur, weniger als sonst, aber dafür mit den altgedientesten, erfahrensten und abgebrühtesten seiner Kompanie. Sie standen in einer langen Reihe im vorderen Graben, weiter auseinander als sonst, allein in völliger Dunkelheit und Kälte, ihre Stiefel im Matsch, ihre Hüte und Mäntel schneebedeckt. Nur manchmal glomm ein Funken auf, wenn sich einer der Männer ein Pfeifchen ansteckte, worüber er leise den Kopf schüttelte. Auch wenn es meistens Glück war, wenn ein Scharfschütze den Funken sah und den arglosen Raucher tatsächlich erwischte, so musste man das Schicksal doch nicht herausfordern. Mehr als einmal hatte er gesehen, wie es Kameraden erwischte, die nur kurz auf die Lunte geblasen hatten um sie nicht ausgehen zu lassen. Er bückte sich nach seiner Lunte, sie glomm noch, er hatte sie sich um den Oberschenkel geschlungen um kein Ziel abzugeben. Wie schnell konnte man mit dem Arm über den Graben kommen, wie leicht gesehen werden. Und wenn es zwei oder mehr Schafschützen waren, die einen ins Visier nahmen, dann hatte man trotz der Ungenauigkeit der meisten Waffen kaum eine Chance. Auch wenn man heute Nacht kaum die Hand vor Augen sah, war er lieber vorsichtig.

Er ließ seine Finger über den Lauf seiner Muskete gleiten, prüfte das Schloss und den Mechanismus. Das Eisen war kalt unter seinen Fingern, selbst durch den Handschuh, aber der Hahn ließ sich leicht spannen. Er war bereit, auch wenn er, im Gegensatz zu seinem Hauptmann, nicht glaubte, dass der Gegner heute angreifen würde. Nicht in dieser Nacht. Es waren Christen, wie sie selbst, und einige Dinge waren doch immer noch heilig. Manchen jedenfalls. So wie seinen Freunden. Selbst d´Artagnan war heute Abend zur Messe gegangen, mit Porthos, der darauf gedrängt hatte. Beide schienen das Bedürfnis gehabt zu haben den Gottesdienst zu besuchen, und das nicht nur, weil Aramis die Predigt halten würde. Denn der Geistliche des Lagers war stark erkältet, er würde zwar die Messe leiten, aber Aramis die Predigt lesen lassen, was diesen in einen Zustand freudiger Erregung versetzt hatte und ihn wieder einmal in seinem Entschluss, die Kasacke an den Nagel zu hängen, bestärkte. Er hatte seine Freunde zur Messe eingeladen und schien ehrlich betroffen, als Athos ihm gesagt hatte, dass er sich freiwillig zum Dienst gemeldet habe. Sie hatten es nicht verstanden, seine Freunde, dass er es vorzog hier zu sein und nicht im Lager, nicht in der Wärme, nicht bei ihnen in dieser Nacht. Auch Tréville hatte ihn nur mit hochgezogenen Augenbrauen angesehen, war aber froh gewesen ihn nicht einteilen zu müssen, wie er es sowieso vorgehabt hatte. Athos konnte sie verstehen, denn wer wollte diese Nacht schon im Schützengraben verbringen, doch ihm war es so lieber. 

Er kniff die Augen zusammen, blickte in die Dunkelheit. Immer wieder verdichtete sich der Schnee, bildete Wirbel, dass man meinte, da stünde jemand. Dann löste sich alles wieder auf, grau und einsam lang das Niemandsland vor ihnen. Man sah nicht sehr weit in dergleichen Nächten, wenn die Feinde wirklich einen Ausfall wagten,  würden sie sie erst erkennen, wenn sie sich fast vor ihnen befänden. Es galt, wachsam zu sein. Vom Lager her hörte er ein leises Gemurmel, der Gottesdienst mochte gerade angefangen haben. Vor ihm war alles leise, von dieser besonderen Ruhe, wenn es schneite. Er merkte wie es in seinem Hals kratzte und unterdrückte mühsam einen Hustenreiz. Er fühlte sich nicht besonders wohl, schon seit Tagen nicht, er mochte wohl auch Fieber haben und manchmal überkam ihn ein Zittern, aber er hatte nicht darauf geachtet. Und wenn schon. Wer war in diesem Lager nicht erkältet? Er zog eine kleine Flasche aus seinem Wams, schraubte sie auf und trank ein, zwei Schlucke. Nicht zu viel, er hatte noch die ganze Nacht vor sich. Brennend lief der Schnaps durch seine Kehle, hätte ihn beinahe wieder zum Husten gebrachte, aber er wärmte. Hätte er nur mehr mitgenommen, doch sie hatten kaum noch Schnaps oder Wein. Das war am Schlimmsten zu ertragen in der letzten Zeit, dieser Mangel an Wein oder Schnaps. Es brachte ihn fast um den Verstand nüchtern zu sein. Auch deswegen hatte er sich gemeldet, denn er konnte sowieso nicht schlafen. Da konnte er genauso gut hier stehen und Wache halten. Porthos hatte ihn noch gefragt, ob er sicher sei, ob er nicht lieber mit zur Messe gehen wolle. Oh nein. Sicher nicht. Wie auch? Wie könnte er an einem Gottesdienst teilnehmen, er, der sich derart versündigt hatte, dass selbst Gott in seiner Güte ihm nicht vergeben könnte? Denn eines wusste er sicher: Gott mochte vieles vergeben, aber eines vergab er nicht. Einen kaltblütigen Mord vergab er nicht. Einen Mord ohne Reue vergab er nicht. Denn er war sich bis heute nicht sicher, ob er ihren Tod wirklich bereute. Ob er wirklich bereute, was er ihr damals so unüberlegt und verzweifelt angetan hatte. Allzu oft erschrak er über sich selbst, erschrak über diesen Hass, der auch heute noch anhielt, der ihn zerfraß und für den er sich paradoxerweise selbst hasste und verachtete, den er aber nicht bekämpfen konnte, der immer da war, genauso wie der Schmerz und die Verzweiflung. Manchmal, in manchen Nächten, wenn er wach lag und die Dämonen ihn nicht verließen, war seine Hand schon zum Dolch geglitten, ein Ende zu machen, endlich frei zu sein von Hass und Schmerz. Doch dann war sie wieder zurückgezuckt, diese Hand, denn das war der Weg der Feigen. Und sein Schicksal würde ihn ereilen, er musste nur abwarten.

Doch all das hatte er Porthos nicht sagen können und so hatte er nur den Kopf geschüttelt und auf Tréville verwiesen. „Sagt ihm, dass Ihr krank seid.“, hatte Porthos entgegnet. „Ihr seid es, ich weiß es, ich höre Euch doch nachts husten. Ihr werdet Euch da draußen nur den Tod holen.“ Athos verzog das Gesicht, als er daran dachte. Porthos, der Gute. Es wurde ihm warm ums Herz, wenn er an ihn dachte, aber auch er hatte nicht verstanden. Hatte nicht verstanden, dass es ihm egal war. Hatte nicht verstanden, dass er genau da war, wo er sein wollte, wo sein Platz war. Nämlich dort, wo der Tod war. Wo der Tod war, die Kälte und die Einsamkeit, dort war sein Platz und er hatte ihn sich bitter erkauft. Nie mehr würde er zu denen gehören können, die reinen Herzens eine Predigt hörten, zu denen, die Vergebung erhielten. Seine Sünde war zu groß, er hatte sich selbst ausgeschlossen und der einzige Weg zurück war der Weg ohne Wiederkehr.

Ja, eines Tages würde er ihn gehen diesen Weg, vielleicht schon bald, denn die Zustände hier in diesem Lager verschlechterten sich täglich, genauso wie seine Gesundheit,  und er war die nächsten vier Nächte zur Wache eingeteilt. Er dachte mit einer Art neugierigem Interesse daran, neugierig, wie viel sein Körper aushalten würde. Aber er bedauerte nichts und dachte auch nicht daran, sich krank zu melden. Nicht mehr als damals, als ihm die Gardisten des Kardinals den Degen durch die Schulter gestoßen hatten. Damals hatte der Arzt ihm gesagt, er müsse mindestens zwei Wochen das Bett hüten. Er hatte nicht länger als eine Nacht darin gelegen und sein Körper hatte es ausgehalten. Er schien zäh zu sein. Doch auch das war ihm gleichgültig. Er horchte in die Nacht, das Gemurmel hatte aufgehört, die Messe war wohl zu Ende. Es musste auf Mitternacht zugehen, bald würde der neue Tag anbrechen, dann wäre Weihnachten. Sollte es sein, auch das war ihm gleichgültig, es zählte nicht, ließ ihn kalt. Oder nein, das stimmte nicht ganz, denn an solchen Tagen, die früher auch für ihn frohe Festtage waren, an solchen Tagen war er am liebsten an Orten wie diesem. Orten, an denen er allein sein konnte, an denen er niemandem die Freude an dem Fest verdarb. Orten des Todes, die seiner Stimmung entsprachen. Die ihm enstprachen.


2 Reviews | Review schreiben

Review schreiben

Persönliches
Review
Zur Vermeidung von Spam