Artagnan.de - Fanfiction zu Dumas' drei Musketieren

Was im Winter geschah


22. Nochebuena

von Aramis




Die Idee und die Initiative zu dieser gemeinsam verfassten Weihnachtsgeschichte stammen von meiner Co-Autorin Alienor - vielen Dank dafür! Sie hat beim Schreiben Charles`Rolle übernommen, und ich die des Duque d`Alameda.


***
 

Es war das erste Weihnachtsfest, das Charles bei Hofe feierte. In den Jahren zuvor war er immer zum Landgut seiner Eltern gereist. Doch in diesem Jahr hatte das Leben seiner Familie sich dramatisch verändert. Seit dem Frühling litt sein Bruder Jean-Louis unter einem immer weiter fortschreitenden geistigen Verfall, ein Wahnsinn, der in der Familie lag.
Charles wusste, dass der Großvater seines Vaters und einer seiner Onkeln ebenfalls darunter gelitten hatten und früh gestorben waren. Verwandte, die weggesperrt wurden und über die man in der Familie nicht sprechen durfte. Jean-Louis musste mittlerweile zu seiner eigenen Sicherheit eingesperrt werden, weil er unter Wutanfällen litt, während derer er wild um sich schlug und wirres Zeug vor sich hin brüllte, stets hatte er dabei Schaum vor dem Mund und wälzte sich am Boden wie ein wildes Tier.
Seitdem der Bruder, der immer der Liebling des Vaters gewesen war, unter dieser Krankheit litt, herrschte auf dem Familiengut eine bedrückende Atmosphäre. Mutter und Vater sprachen kaum noch und weinten andauernd. Irgendwann hatte Charles es einfach nicht mehr ausgehalten und sich nach Paris an den Hof begeben, denn entsprechend seines Ranges als Angehöriger des hohen Adels stand ihm ein Platz an der königlichen Tafel zu.

Früher als Kind hatte Charles Weihnachten geliebt, doch nun hatte das Fest für ihn einen bitteren Beigeschmack. Er vermisste seine Familie und trauerte um seinen Bruder, von dem nicht mehr geblieben war, als eine sabbernde, wimmernde, seelenlose Hülle. Seine Eltern hatten mehrere Ärzte auf ihr Gut kommen lassen, doch alle hatten ihnen bestätigen müssen, dass Jean-Louis` Wahnsinn nicht zu heilen sei.
 
Zusammen mit anderen Edelmännern und unzähligen Hofdamen saß Charles nun in einem großen, festlich geschmückten Saal an der Tafel des Königs.
Die Tische bogen sich nur so von den besten und edelsten Speisen die man sich denken konnte, das Silbergeschirr funkelte im Kerzenschein, und fast alle blickten wie gebannt zur Tür, in der Hoffnung, einen Blick auf den König zu erhaschen, wenn dieser die lange Tafel entlang zu seinem Platz schritt. Der junge de Longueville gehörte zu den wenigen Höflingen, die nicht hierher kamen, um dem König nahe sein zu können. Auch die Tatsache, dass einige der jungen Hofdamen, die ihm an der Tafel gegenübersaßen, begehrliche Blicke zuwarfen, kümmerte ihn im Moment wenig.

Man hatte ihm den Platz neben dem spanischen Botschafter, dem Duque d`Alameda, gegeben. Der Mann, den Charles auf ungefähr sechzig Jahre schätzte, trug die spanische Hoftracht, einen eleganten Anzug aus schwarzem Brokat, einen schwarzen Mantel und eine goldene Ehrenkette. Charles konnte nicht sagen, warum, aber irgendwie fand er den Spanier auf Anhieb sympathisch -  und er verspürte unweigerlich den Wunsch, mit ihm ein Gespräch zu beginnen.

„Sagt, Monsieur, feiert man die Weihnachtsfeste am spanischen Hofe auch mit solchem Prunk wie hier in Paris?“, fragte er also höflich. Er hoffte, in diesem Mann einen interessanten Gesprächspartner zu finden, denn die Unterhaltungen der Höflinge, die sich meistens nur um die neueste Mode, die Hofdamen und die Jagd drehten, langweilten ihn zusehends.

Der Duque wandte den wohlgeformten Kopf, sein Blick aus schönen, dunklen Augen kreuzte den des jungen Mannes zu seiner Rechten: „Monsieur, mitnichten!“ erwiderte er sanft, in ausgezeichnetem, akzentfreiem Französisch, „in Spanien begeht man das Weihnachtsfest mit Gebet und andächtiger Verehrung in der Kirche. Doch Ihr braucht Euch nicht zu sorgen,“ fuhr er mit leisem Lächeln fort, als er Charles` gelinde Verblüffung sah, „man schätzt auch durchaus die leiblichen Freuden einer guten und wohlverdienten Weihnachtstafel. Kennt Ihr Turron, Monsieur? Eine Süßspeise aus Mandeln, Zucker und Honig, aus dem Maurenlande eingebürgert, welche nun gerne an den Weihnachtstagen bei uns in Spanien genossen wird. Kein Konfekt kommt diesem gleich!“ Und er betrachtete mit süffisanter Miene die üppige, ausladende Pracht der prunkvollen, hoch aufragenden Tafelaufsätze, die die damastgedeckten Tischreihen in schier unübersehbarer Anzahl zierten.

Charles wunderte sich darüber, dass der Gesandte aus Spanien akzentfrei sprach.„Ihr beherrscht das Französische wirklich ausnehmend gut, Monsieur! Seid Ihr öfters hier, in Frankreich? Chapeau, ich kenne nur wenige Ausländer, die diese Sprache so hervorragend zu meistern wissen wie Ihr. Doch ich muss zugeben, dass mir das Weihnachtsfest in Spanien wohl kaum zusagen würde…ich bin nicht gerade ein eifriger Kirchgänger, an der Messe heute Mittag habe ich gar nicht teilgenommen.“ Als der Duque Turron erwähnte, lächelte der junge Mann, denn mit dieser Süßigkeit verband er schöne Kindheitserinnerungen: „Zu Hause auf meinem väterlichen Gut gab es an den Weihnachtstagen Turron, weil meine Mutter dieses Konfekt liebt. Schon als Kind konnte ich davon gar nicht genug bekommen. Ich finde es schade, dass diese Süßigkeit hier bei Hofe noch nicht bekannt zu sein scheint.“ Ihm fiel die süffisante Miene des Spaniers auf, und er musste schmunzeln. „Wisst Ihr, Monsieur, hier bei Hofe ist alles mehr Schein als Sein. Hier hat man eher das Gefühl, als ob alle Seine Majestät den König und nicht die Geburt Jesu Christi feiern würden. Sagt, verkleidet Euer König sich auch gerne als goldene Sonne und tanzt vor seinen Höflingen? Und stimmt es, dass man in Spanien einmal im Jahr in Pamplona einen Stier freilässt, der dann die Menschen durch die Straßen jagt?“ Charles hatte außer Paris und dem Gut seiner Eltern noch nichts von der Welt gesehen und brannte darauf, mehr über das ihm fremde Land und die dortigen Gepflogenheiten zu erfahren. Er hatte sich vorgenommen, irgendwann einmal durch Europa zu reisen, denn das ereignisarme, eintönige Leben bei Hofe langweilte ihn, und nach Hause zurückzukehren, nein, danach stand ihm keineswegs der Sinn.

Der Duque lächelte angesichts der Wissbegier des jungen Mannes. „Nein,“ antwortete er freundlich, „dem spanischen Herrscher fällt es mitnichten ein, sich in höchsteigener Person auf der Theaterbühne zu exaltieren. Das überlässt er lieber professionellen Leuten, unseren Schauspielern und Komödianten. Doch was den Stierkampf anbelangt, so habt Ihr recht, er ist in Spanien ein oft geübter Zeitvertreib. Leider Gottes!, muss man sagen! Denn nichts dauert mich mehr als das stumme Leiden unschuldiger Kreatur, ohne allen tieferen Sinn, bloß zur Belustigung des rohen Volkes. Doch lassen wir dies blutige Thema lieber, an einem Festtag wie dem heutigen. Monsieur, Euch wundert mein Französisch? Nun, diese Sprache ist mir von Kindesbeinen an vertraut, denn ich habe meine Jugend hier in diesem Land verbracht.“ Er hielt inne, unwillkürlich stieg die Erinnerung an längst vergangene, frohe Tage in ihm hoch -  wie fern lagen diese nun, wie lang begraben, in der Tiefe seines Herzens!

Als der Botschafter ihm eröffnete, dass er in Frankreich aufgewachsen war, wunderte sich Charles doch ein wenig, und er fragte sich, wie dieser als Franzose zu einem spanischen Adelstitel gekommen war. „Ihr habt Eure Jugend hier verbracht? Verzeiht meine Neugierde, aber…was hat Euch denn dann nach Spanien geführt? War es wie bei mir der Wunsch, etwas von der Welt zu sehen?“

Der Duque hob den Kopf, sein dunkler Blick kehrte zurück in die Gegenwart, er wandte sich Charles zu: „Nun, wohl jeder Jüngling träumt vom Reisen, vom weiten Ritt durch fremde Länder! Dies war bei mir nicht anders, und diese Lust am Abenteuer, am kühnen Wagnis, hat mich nach Spanien verschlagen. Und so bin ich auch letztlich dort geblieben, nachdem man mir Stand und Titel zuerkannte, aufgrund politischer Verdienste. Doch diese hier vor Euch zu erläutern, verbietet mir die Bescheidenheit, erlaubt mir daher gütigst, davon zu schweigen. Wenden wir uns, statt in der Vergangenheit zu wühlen, doch lieber dem Hier und Heute zu, Monsieur! Ihr sagtet vorhin, hier bei Hofe wäre Vieles Schein statt Sein. Ihr fühlt Euch demnach nicht sehr glücklich?“

„Nein, ich schätze das Leben bei Hofe nicht sonderlich,“ gestand Charles dem Herrn Botschafter, „ich habe hier immer das Gefühl, dass alle ihre wahren Empfindungen hinter einer Art Maske verstecken und niemand der ist, der er zu sein vorgibt. Nun, um ehrlich zu sein, ich möchte mein Leben nicht damit verbringen, mit anderen Edelmännern über die neueste Mode, meine Jagderfolge und die neuesten Liebschaften der Höflinge zu diskutieren. Abgesehen davon, dass ich die Jagd überhaupt nicht schätze…so ein Leben würde mich ganz und gar nicht ausfüllen. Und die Hofdamen hier sind zwar nett anzusehen, aber ich wünsche mir eine Gefährtin, mit der man auch interessante Gespräche führen kann. Ich habe irgendwie das Gefühl, hier nicht wirklich hinzugehören, und deshalb habe ich mir vorgenommen, nächstes Jahr ein wenig zu reisen. Mein Vater ist damit einverstanden, es könne in seinen Augen ja nichts schaden, wenn ich etwas von der Welt sehe, bevor ich irgendwann unser Gut übernehme.“ Es gefiel ihm, dass der Duque offenbar, genau wie er selbst, in jungen Jahren sehr abenteuerlustig gewesen war, und er spielte bereits mit einem plötzlichen Gedanken -

Die Worte des jungen Mannes ließen in dem Ambassadeur Spaniens ein seltsam vertrautes Gefühl hochsteigen - er spürte in ihnen ein verborgenes Sehnen, den Wunsch nach Erfüllung, nach höheren Dingen als bloß den oberflächlichen, eitlen Freuden, mit welchen junge Leute seines Alters oft achtlos ihre Zeit vergeudeten. Unwillkürlich betrachtete er ihn genauer, sein sanftes Antlitz, umrahmt von schimmerndem, blondem Haar, seine feinen, ebenmäßigen Züge, seine anmutige, grazile Gestalt. Eine vage Erinnerung stieg in ihm hoch, als wäre dieser Jüngling ihm schon einmal begegnet. Doch er konnte sich beim besten Willen nicht daran erinnern, ihn je im Leben gesehen zu haben -  merkwürdig! Narrte ihn eine zufällige Ähnlichkeit? Oder verbarg sich mehr hinter dieser dunklen Ahnung? „Monsieur“, wandte er sich an den jungen Mann, in plötzlich aufkeimendem Entschluss, „ich gestehe, Eure Empfindungen sind mir durchaus nicht fremd. Und ich bin hocherfreut, in Euch einer verwandten Seele zu begegnen, hier an diesem prächtigen Hof, der, wie Ihr sagtet, bloß seichtes Geplänkel schätzt und sich in prunkvollem Schein nur ergeht. Mein Herr, gestattet Ihr mir, nach Eurem Namen zu fragen?“

„Ich bin Charles-Paris de Longueville, Monsieur,“ erwiderte der junge Mann errötend, „und ich schulde Euch innigsten Dank für Euer wohlwollendes Verständnis! Solches war mir bisher nie vergönnt,“ setzte er leise hinzu und schlug die Augen nieder, wie gut tat es doch, so offen zu sprechen!

Der Duque erbleichte - mit einem Mal wusste er, wer dieser junge Mann war, wen er da vor sich sah, leibhaftig und klar! Sein eigener Sohn war`s, mit dem er hier sprach, von Angesicht zu Angesicht, nichtsahnend bisher - oder insgeheim etwa doch? Seine Rechte fuhr ihm an die Brust, zu seinem wild pochenden Herzen - bei Gott, wie hatte er nur so blind sein können?! Hatte sich seine Seele denn nicht geregt, bei dessen unverhofftem Anblick? Hatte er sie so sehr vergessen, sie, die sein Herz besaß, damals in den kühnen, wilden Tagen der Fronde? Er holte tief Atem, krampfhaft und scharf, und erhob sich brüsk von seinem Stuhl. „Monsieur, bitte verzeiht!“, stieß er rau und gepresst hervor, „doch ich muss Euch nun verlassen. Adieu et bonne nuit!“ Und damit wandte er sich ab und verließ raschen Schrittes den Saal, als könne er es nicht ertragen, noch länger in diesem weihnachtlich leuchtenden Glanz zu verweilen.

Charles blickte dem Duque verblüfft hinterher. Er konnte sich nicht erklären, warum der Herr Botschafter, der sich eben noch so angeregt mit ihm unterhalten hatte, nun so abrupt die Tafel verließ. Er hatte plötzlich wie verstört gewirkt und den Blick seines jungen Nachbarn gemieden. Hatte Charles womöglich etwas Falsches gesagt und den Duque damit beleidigt?
 
In diesem Moment wurden mehrere gebratene und mit Zuckerguss verzierte Gänse aufgetragen, doch Charles hatte dafür keinen Blick. Er stand auf, verließ den Saal und erkundigte sich bei einem der Diener, wo sich das Quartier des spanischen Botschafters befand. Er musste unbedingt in Erfahrung bringen, ob er den Herrn etwa durch ein unbedachtes Wort verletzt hatte! Und er nahm sich vor, sich bei ihm zu entschuldigen. Zaghaft klopfte er an die Tür und wartete -

Der Duque d`Alameda saß am Fenster und starrte hinaus in die Dunkelheit. Keine Kerzen brannten, nur das glosende Kaminfeuer erhellte das prunkvolle, von tiefen Schatten verdüsterte Gemach. Er senkte den Blick, stützte die Stirne in die feingliedrige, weiße Hand und bedeckte seine Augen. So hatte ihn die Vergangenheit nun eingeholt, unbarmherzig und beharrlich, ihn, der vor vielen Jahren geflohen war, um sein Vaterland nie wieder zu betreten. Doch nun war er zurückgekehrt, unter neuem Stand und Namen - und dies einzig, um der verlorenen Frucht seiner Liebe zu begegnen, seinem Sohn, den er niemals im Leben in seine Arme schließen durfte! Wie seltsam, wie rätselvoll waren doch die Wege des Schicksals!

Ein leises Pochen an der Türe riss den Botschafter aus seinen Gedanken, jemand begehrte offenbar Einlass. Wer mochte dies sein? Der Duque erhob sich aus seinem Lehnstuhl am Fenster, mit vernehmlicher Stimme rief er: „Entrez!“

Charles trat ein. Er konnte zunächst nur vage Umrisse erkennen, im Schein des gemächlich vor sich hin glimmenden Feuers im Kamin. Der Duque wandte sich seinem Besucher zu, und als der junge Mann nähertrat, bemerkte er dessen betroffene Miene. „Monsieur, bitte verzeiht diese Störung! Aber Ihr habt die Tafel so überaus rasch verlassen und einen sehr bedrückten Eindruck erweckt…es tut mir leid, wenn ich etwas Falsches sagte, Euch mit meinen Worten verletzt haben sollte! Bitte verzeiht mir, ich wollte Euch nicht beleidigen!“ Er schlug die Augen nieder, in der Hoffnung, der Herr Botschafter möge seine Entschuldigung annehmen. Doch dieser schwieg, reglos und mit gesenktem Blick - 

Endlich, nach einer schieren Ewigkeit beklemmender Stille, ergriff der Duque das Wort. „Monsieur,“ sprach er leise, mit bebender Stimme, „seid ohne Sorge. Ihr habt Euch nicht das Geringste vorzuwerfen. Nein, meine unsägliche Verblüffung, mein Erschrecken, das Ihr vorhin an mir bemerktet, liegen zutiefst in mir selbst begründet. Ihr müsst wissen, ich kannte Eure Mutter.” Er hielt inne und trat einen Schritt zurück, nun im heftigsten Aufruhr seiner Gefühle. Am liebsten hätte er seinen Sohn umarmt, umfangen, ihn liebevoll an sein Herz gedrückt! Ihm offen eingestanden, wer er war - sein Vater, der Geliebte seiner Mutter, der Chevalier d` Herblay, dit Aramis! Doch dies durfte nimmermehr geschehen! Er würde das Leben seines Sohnes vernichten, ihn unweigerlich zum Bastard stempeln, aller herzoglichen Rechte berauben, ihn für immer mit seiner Familie entzweien! Der Duque schloss die Augen, krampfhaft und in unterdrücktem Stöhnen, wilder Schmerz wühlte in seiner Brust - warum, o Schicksal, musstest du ihn zu mir senden, ihn meine Wege kreuzen lassen! Warum ihn mir entgegenführen, wenn ich ihm doch nicht sagen darf, wer ich bin!

„Monsieur le duc, Ihr kanntet meine Mutter?“, fragte Charles leise und erstaunt, „wie seltsam -  sie hat nie von von Euch gesprochen, ich kann mich nicht erinnern, dass je Euer Name fiel!“

„Nein,“ flüsterte der Duque heiser und gepresst, „davon könnt Ihr nichts wissen, denn dies geschah in einem andern Leben. In jenen Jahren, als die Fronde Frankreich spaltete und Eure Mutter sich ihr anschloss - damals habe ich sie gekannt und sie - “ Er brach ab, nun kein Wort mehr! Hatte er nicht schon zu viel gesagt? Konnte sein Sohn sich nicht bereits alles klar zusammenreimen? O Götter! Haltet die Erkenntnis von ihm fern, damit die Ruhe seiner Seele nicht grausam und unwiederbringlich erschüttert werde!

„Meine Mutter hatte sich damals der Fronde angeschlossen?“, fragte Charles und blickte den Duque verwundert an, „Davon hat sie mir nie etwas erzählt. Sagt, wie gut habt Ihr sie eigentlich gekannt?“ Er vermutete, dass der Duque einer der vielen Verehrer gewesen war, die seine Mutter damals hofierten. Sein Vater war schon fast sechzig Jahre alt gewesen, als sie ihn ehelichte, und sie eine lebenshungrige Frau in den Zwanzigern. Seine Eltern hatten sich nie wirklich geliebt, das wusste er, und so konnte er sich gut vorstellen, dass sie es genossen hatte, von anderen Männern umschwärmt zu werden. Konnte es sein dass…..? Nein, sagte er sich…das war unmöglich…seine Mutter hätte doch niemals…oder vielleicht doch? „Monsieur le duc,“ fragte er leise und zögernd, als sähe er den Botschafter plötzlich in ganz anderem Licht, „ist meine Mutter Euch - nahegestanden?“

Der Duque hielt inne, in stummem Kampf mit sich selbst - sollte er seinem Sohn die Wahrheit bekennen? Er holte tief Atem. „Ja,“ flüsterte er mit ersterbender Stimme, „ich habe sie geliebt, ich gestehe es Euch. Und sie mich. Doch ist unsere Liebe nicht folgenlos geblieben.“

„Wie meint Ihr das?“, fragte Charles beklommen - sollte seine Mutter etwa Geheimnisse hüten?

Der Duque d`Alameda sah ihn an, ernst und schweigend - die Glut des Kaminfeuers spiegelte sich in seinen  Augen. „Monsieur,“ erwiderte er endlich gefasst, „dies ist ein Mysterium, das ich mich zutiefst scheue, Euch anzuvertrauen. Zu groß wäre die Last, zu schrecklich die Folgen, die Ihr durch die Wahrheit zu tragen hättet! Lasst sie in der Vergangenheit ruhen! Sie erfordert zu viel Kraft, zu großes Opfer - “

„Monsieur le duc!“, fiel Charles dem Botschafter erregt ins Wort, doch zugleich bestimmt, während er unwillkürlich einen Schritt auf ihn zutrat, „ich bin kein Schwächling! Was auch immer es ist, worin das Geheimnis meiner Mutter auch bestehen mag, sagt es mir! Um Christi willen, der in dieser heiligen Nacht heut` geboren ist! Ich bitte Euch!“

Der Duque erbleichte. Nun denn, so sei es! „Monsieur, wisst also, der Duc de Longueville ist nicht Euer Vater. Ich bin es.“, sprach er leise und mit bebender Stimme.

Charles fehlten die Worte - er starrte den Duque mit offenem Mund ins Gesicht. Dieses Geständnis brachte sein gesamtes Leben ins Wanken! Er liebte seinen vermeintlichen Vater, den trotz seines hohen Alters noch sehr rüstigen Herzog von Longueville, und ihm wäre nie in den Sinn gekommen, dass er nicht dessen leiblicher Sohn sein könnte. In diesem Moment kamen ihm viele schöne Erlebnisse mit ihm in den Sinn…gemeinsame Ausritte, Schneeballschlachten, und wie dieser ihm und seinem Bruder Fechten und Schwimmen beigebracht hatte. Die furchtbare Erkenntnis, dass sein Familienglück auf einer Lüge aufgebaut war, entsetzte ihn, ließ ihn nach Atem ringen - wie gerne hätte er nun gesprochen! Doch er fühlte sich zutiefst befangen, suchte vergebens nach den richtigen Worten. Mit einem Mal war er wütend auf seine Mutter, die ihm nichts über seinen leiblichen Vater erzählt hatte. Sie schien entschlossen zu sein, dies für den Rest ihres Lebens strengstens für sich zu behalten.

Der Duque spürte Charles` tiefe Erregung, sah den heftigen Kampf seiner Gefühle - Furcht stieg in ihm hoch, und schwere, abgrundtiefe Reue. Warum seinen Sohn mit solcher Last bedrücken! Doch nun war`s zu spät, das Geheimnis gelüftet! Wie würde Charles es ertragen? „Mein Sohn,“ flüsterte er, im Innersten betroffen „ich bitte Euch, verzeiht mir! Ach, hätte ich doch besser geschwiegen! Ich kann es mir denken, was Ihr nun fühlt! Aber ich schwöre, Eure Mutter trifft keine Schuld! Ich nehme sie auf mich, auf meine Schultern allein, und wenn Ihr mich nun hasst, so sei dies meine Strafe.“

„Mein Vater, warum sollte ich Euch hassen?“, fragte Charles und lächelte zaghaft, “nein, ich bin froh, dass Ihr nicht geschwiegen habt. Gewiss, es ist nicht leicht für mich - aber ich fühle mich Euch seit dem ersten Augenblick unserer Begegnung an innig verbunden, und nun ist mir, dank Eurer Worte, auch klar geworden, warum!“ Nein, er hasste ihn nicht, im Gegenteil! Doch er bangte um den Herzog von Longueville, den er bisher für seinen Vater gehalten hatte. Und so fuhr er fort, leise und zögernd: „Ich möchte Euch nur bitten, unser Geheimnis zu bewahren. Mein Ziehvater, der Herzog, ist schon sehr alt und hat ein schwaches Herz, er würde die Tatsache, dass ich nicht sein leiblicher Sohn bin, nicht verkraften. Ich liebe ihn und wünsche daher nichts weniger, als dass er darunter leidet. Mein Bruder ist krank, und ich bin somit seine einzige Stütze.“ Er hielt inne und lächelte dem Duque zu: „Doch ich würde, mon cher père, auch Euch gern besser kennenlernen! Wir haben ja schließlich zwanzig Jahre nachzuholen. Und Ihr braucht Euch keine Vorwürfe zu machen. Ihr habt meine Mutter geliebt, und daran ist nichts Schlechtes.“

Der Duque blickte Charles ins Gesicht, zutiefst bewegt. Vor Rührung keines Wortes mächtig, trat er auf ihn zu und schloss ihn sanft in seine Arme. „Mein Sohn!“, flüsterte er endlich mit Tränen in den Augen, „dies wünsch` auch ich! Ich habe Euch vor langer Zeit verloren - doch heute, in dieser heiligen Nacht, finde ich Euch wie durch ein Wunder wieder! Und wonach Ihr Euch sehnt, dies soll sich ebenso erfüllen: Reist mit mir nach Spanien! Lernt Land und Leute kennen und kehrt an Erfahrung reich auf Euer Gut zurück, als mein geliebtes Patenkind und Sohn des Duc de Longueville!“

Tief berührt erwiderte Charles die Umarmung, und auch ihm liefen Tränen über die Wangen. „Wie herrlich, dass das Schicksal uns auf solch wundersame Weise zusammengeführt hat!“, erwiderte er leise, mit sanftem Lächeln, „ich war sehr traurig, als ich hierher an den Hof kam, an diesem Fest ohne meine Familie zu sein und einsame Tage verleben zu müssen. Doch nun glaube ich wirklich, dass Weihnachten ein Fest ist, an dem Wunder geschehen können! Ich werde Euch  mit Freuden nach Spanien begleiten und eine Weile bei Euch in diesem Land bleiben. Und wenn ich zu guter Letzt wieder heimgereist bin, so seid mir als mein Pate allzeit auf meinem Gut willkommen! Dieses Weihnachten ist eines der schönsten, die ich jemals erleben durfte - ein kostbareres Geschenk als unsere Begegnung hätte mir niemand gewähren können!“ Und er drückte den Duque d`Alameda innig ans Herz.

 


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