Artagnan.de - Fanfiction zu Dumas' drei Musketieren

Was im Winter geschah


23. Henri

von AlienorDartagnan


 OT: Ich stelle meine Weihnachtsgeschichten in diesem Jahr schon rein, sobald ich sie fertig geschrieben habe, da mein alter Laptop jeden Tag den Geist aufgeben könnte und die Geschichten dann verloren wären, da sie auf einen neuen Laptop nicht übertragen werden könnten, weil das alte Word nicht  mit dem neuen kompatibel ist.Ihr müsst die Geschichten aber jetzt noch nicht lesen wenn es euch noch etwas zu früh ist für Weihnachtsgeschichten, ist ja noch etwas Zeit bis Weihnachten. Ich stelle sie alle im Laufe der nächsten zwei Monate rein, jeweils dann wenn ich wieder eine fertiggeschrieben habe. Meine erste für dieses Jahr handelt von Athos, und es wird noch eine weitere über Athos geben, eine weitere Weihnachtsgeschichte ist Aramis gewidmet und eine andere handelt von Lord Winter, eine weitere von Mordaunt.

 

Paris, Heiligabend 1621

Früher hatte Athos Weihnachten geliebt, doch nun bedeutete ihm das Fest nichts mehr. Er hätte sich Urlaub nehmen und zu seinem Bruder Raoul auf dessen Gut Bragelonne fahren können, doch ihm war nicht nach Feiern zumute. Am Nachmittag hatte er Wachdienst im Louvre gehabt und nun, als die Sonne gerade unterging, machte er sich durch die verschneiten Straßen auf den Weg zum Tannenzapfen um so viel Wein zu trinken, dass er in jenen benebelten Zustand kam, in dem er für eine Weile Vergessen finden würde. In seine Wohnung in der Rue Ferrou wollte er jetzt noch nicht gehen. Grimaud hatte heute frei und besuchte seine Schwester, die als Magd in einem Kaufmannshaushalt arbeitete. Athos wollte so lange wie möglich im Gasthaus in der Gesellschaft seiner Kameraden bleiben, da er Angst hatte, dass in der stillen Wohnung wieder die schrecklichen Bilder auf ihn einstürmen würden. Er würde einen Becher Wein nach dem anderen trinken, um nicht mehr an Anne und an das was er ihr angetan hatte, denken zu müssen. Sie hatte ihn schmählich getäuscht, ihn sogar betrogen, doch diese Tatsache machte seine Schuld nicht geringer. Er hatte Angst vor den langen Nächten, vor dem Dunkel, dass sich dann immer um ihn senkte, denn in jeder Nacht wenn er im Bett lag und keinen Schlaf fand, sah er sie vor sich, sah ihren nackten, erschlafften Körper an dem Baum, an den er sie geknüpft hatte hängen, sah wie ihr Gesicht rötlich-violett anlief.
Völlig benebelt vor Grauen war er an jenem verhängnisvollen Sommertag auf sein Pferd gestiegen und davongeritten, doch die schrecklichen Bilder verfolgten ihn bis heute. Er bereute diese Tat sehr und fragte sich voller Entsetzen, wie er zu einer solchen Grausamkeit fähig gewesen war. Er hatte Frauen immer mit großem Respekt und Höflichkeit behandelt und Männer die ihre Frauen misshandelten verabscheut. An jenem Tag im Juli war er nicht Herr seiner Sinne gewesen, als er das Brandmal der Lilie auf ihrer Schulter entdeckt hatte, war er in eine wilde Raserei verfallen und erst hinterher, als er sie tot am Baum hängen sah, war ihm klar geworden, was er da Schreckliches getan hatte.
Die Glocken von Notre Dame, Saint Gervaise und Saint Sulpice läuteten feierlich und die sonst um diese Uhrzeit fast leeren Straßen waren voller Menschen die sich auf den Weg zu den Christmetten machten. Ein junges, gut gekleidetes Ehepaar, das einen kleinen Jungen von drei Jahren an jeweils einer Hand hielt, hob das Kind immer wieder hoch, wenn dieses sprang und der Kleine quietschte jedes Mal vor Vergnügen wenn seine Eltern ihn fliegen ließen.
Dieser Anblick machte Athos traurig, denn er musste dabei an das letzte Weihnachtsfest denken, als er sich vorstellte, dass er und Anne im nächsten Jahr womöglich bereits Eltern sein würden. Doch nun war alles ganz anders gekommen, sie war tot und er würde niemals Vater werden und niemals so glücklich sein können wie dieses Ehepaar mit seinem Sohn. Nie wieder würde er eine Frau lieben, einer Frau vertrauen können, Anne hatte alles Gute in ihm für immer vergiftet. Und er sagte sich, dass er ein schlechter Mensch war, der es gar nicht verdiente von einer Frau geliebt zu werden, er war ein Mörder und Mörder verdienten keine Liebe, verdienten keine eigene Familie.

Um zum Tannenzapfen zu kommen musste er den Platz vor der Kirche von Saint Gervaise überqueren, wo an den Feiertagen ein weihnachtlicher Markt abgehalten wurde. Und weil er trotz des dicken Mantels den er über seiner Kasacke trug fror, und außerdem seine trüben Gedanken betäuben wollte, kaufte er sich an einem der Stände einen Becher mit heißem Würzwein. Dieser duftete intensiv nach Nelken und Zimt, was ihn nur noch melancholischer machte und ihn wehmütig werden ließ, weil es ihn daran erinnerte, wie er am letzten heiligen Abend eng an Anne geschmiegt vor dem Kamin gesessen und eben solchen Wein getrunken hatte. Der Markt war gut besucht, weil viele Menschen die Gelegenheit nutzten um noch ein paar Geschenke oder Zutaten für ihr Festmahl einzukaufen, einen Becher Wein zu trinken oder einen Krapfen zu essen. Bei dieser Kälte blieb der Wein nicht lange heiß und als er lauwarm geworden war, trank der traurige Musketier ihn mit wenigen Schlucken leer, während er das Geschehen auf dem Markt beobachtete. Heiligabend war eindeutig ein Fest der Familie, an diesem Abend waren viele Eltern mit Kindern unterwegs, und der Gedanke, dass Weihnachten für ihn nie wieder ein Fest der Freude, ein Fest der Familie sein würde, stimmte ihn sehr traurig.
Da sah er auf einmal seinen Kameraden Porthos, der, ein blaues Bündel in den Armen haltend, über den Platz ging. Ob er wohl ein Geschenk für eine seiner Herzoginnen gekauft hatte, ein Büdel blaue Seide vielleicht? Porthos und er waren in den letzten Monaten gute Freunde geworden, am Anfang war Porthos zwar neidisch auf ihn gewesen, weil er eine besondere Ausstrahlung besaß, eine Art natürlichen Adel, der die Frauen geradezu magisch anzog. Doch als Porthos merkte, dass er den Frauen aus dem Weg ging und in dieser Hinsicht kein Konkurrent für ihn war, schlossen sie schnell Freundschaft und waren mittlerweile unzertrennlich.
“Habt Ihr Lust, einen Becher Wein mit mir zu trinken, Porthos? Ich la…”
Er hatte eigentlich “Ich lade Euch ein” sagen wollen, doch als er nun sah, was der Freund da in den Armen hielt, verschlug es ihm die Sprache.
Es war ein winziger Säugling, den Porthos in eine blaue Kasacke eingewickelt hatte. Das kleine Wesen, von dem nur das Gesicht zu sehen war, schlief friedlich, man hörte seine gleichmäßigen leisen Atemzüge.
Athos stand der Mund offen und er blickte den Freund nur an ohne ein Wort zu sagen.
“Das ist nicht so wie Ihr vielleicht denkt”, versuchte Porthos ihm zu erklären, während er ihn lächelnd anblickte.
“Ach Porthos, ich habe Euch ja schon immer gesagt, dass Ihr Ärger bekommen könnt, wenn Ihr immer mit all den verheirateten Herzoginnen herumtändelt. Da hat wohl einer der Gatten Verdacht geschöpft und wollte das arme kleine Würmchen nicht anerkennen. Aber wie wollt Ihr denn als Musketier für ein Kind sorgen?”

“Das ist nicht mein Kind. Ich ging vor etwa zwei Stunden am Seineufer entlang als ich eine vornehm gekleidete junge Frau sah, die einen Säugling in den Armen hielt. Sie war bildschön und hatte feine, sanfte Gesichtszüge wie man sie von den Madonnenbildern italienischer Maler kennt. Umso entsetzter war ich über das was dann geschah. Sie blickte sich nach allen Seiten um, wobei sie mich nicht sah, weil hinter einem Baum stand, dann, als sie sich alleine wähnte, wickelte sie das Kind, das laut zu greinen begann, aus seinen Tüchern und warf es in den Fluss. Dann ging sie ihrer Wege, wobei sie so eiskalt lächelte, dass mir das Blut regelrecht in den Adern gefror. Ich zögerte nicht einen Augenblick, ich sprang in die Seine und schwamm zu der Stelle, an der der Säugling untergegangen war. Ich tauchte unter und bekam beim zweiten Versuch den kleinen Körper zu fassen, zog ihn nach oben. Er war bewusstlos und seine Lippen waren blau angelaufen. Ich drückte ihn an mich und lief so schnell ich konnte in den Tannenzapfen, wo Courtivron mir seine Kasacke gab, damit ich das Kind darin einwickeln konnte. Ich setzte mich an den Kamin, trank einen Becher Wein und ließ meine Kleider trocknen, und während ich den Kleinen warmhielt, erzählte ich unseren Kameraden wie ich zu diesem Kind gekommen bin. Bald wurde die Haut des Säuglings wieder rosig, die Lippen wieder rot und dann schlug er die Augen auf und als ich diese Augen sah, bin ich beinahe vom Stuhl gefallen, es war als ob mich eine kleinere Version von Euch anblicken würde, Athos. So verrückt das für Euch auch klingen mag, dieser Säugling ist Euer winziges Ebenbild. Er hat gebrüllt, ich vermute dass er Hunger hat, und deswegen bin ich jetzt auf dem Weg zu Trévilles Haus. Seine Frau und er haben ja vor drei Monaten den kleinen Emeric bekommen und ich wollte sie fragen, ob ihre Amme diesen Miniaturathos hier stillen kann. Er gleicht Euch bis aufs Haar, er ist Euer Sohn. Ich finde es schrecklich was diese Frau getan hat, wie kann jemand nur so grausam sein und so ein hilfloses Wesen in der Seine ertränken!”
Athos war ebenfalls zutiefst erschüttert über diese grausame Tat. Er beugte sich herab um das kleine schlafende Gesicht eingehend zu betrachten. Genau in diesem Moment öffnete der Säugling die Augen und blickte ihn an. Diese Augen, die Gesichtszüge, das Kind war tatsächlich ein kleines Ebenbild von ihm. Wie konnte das sein? Der Anblick dieses zarten, zerbrechlichen Wesens berührte Athos tief und er bat Porthos, ihm den Säugling zu geben, damit er ihn in seinen Mantel einwickeln konnte. Wenig später hielt er den Kleinen in den Armen, das Kind war in seinen Mantel eingehüllt, das kleine Köpfchen, auf dem erster schwarzer Haarflaum zu sehen war, schmiegte sich an Athos Brust, in diesem neuen warmen Nest schlief es rasch wieder ein.
“Hatte die Frau die Ihr da gesehen habt hellblondes Haar?”, fragte er Porthos, nachdem sie eine Weile schweigend nebeneinander hergegangen waren.
“Ja, sie hatte hellblondes Haar”; antwortete dieser und blickte den Freund nachdenklich an, “Ihr kennt sie, oder nicht? Ihr seid der Vater des Kleinen, ist es nicht so?”
“Bitte, Porthos, stellt mir jetzt keine Fragen. Ich weiß nicht ob das mein Kind ist, und ich möchte jetzt auch nicht mit Euch über diese Frau reden.”

Er war innerlich total aufgewühlt und fragte sich, ob Anne vielleicht doch überlebt haben könnte. Als er sie am Strick baumeln sah, hatte er sofort, zutiefst entsetzt von seiner Tat, die Flucht ergriffen. Dieser Säugling konnte, wenn man nach seiner Größe ging, nicht älter als zwei bis vier Tage sein, demnach wäre Anne damals bereits beinahe im vierten Monat gewesen. Bei den Kleidern die Frauen trugen, war eine Schwangerschaft in den ersten Monaten kaum zu erkennen, und viele ließen ihr Korsett so eng schnüren, dass man nichts davon sah. Doch wenn sie wirklich schwanger gewesen war, warum hatte sie ihm nichts davon erzählt? Hatte sie womöglich Angst gehabt, das Kind könnte von diesem Priester, ihrem Liebhaber, den sie ihm gegenüber als ihren Bruder ausgegeben hatte, sein? Athos konnte kaum glauben, dass dieses zerbrechliche Wesen sein Fleisch und Blut sein könnte, zu überwältigend war dieser Gedanke.
“Wenn wir bei Treville angekommen sind, muss ich Euch noch etwas zeigen, Athos”, erklärte Porthos ihm, “und dann werdet Ihr sehen, dass es nur Euer Kind sein kann. So ein Säugling auf dem Arm, das steht Euch richtig gut.”
Athos spürte die Wärme des kleinen Körpers in seinen Armen und er konnte diesen Duft riechen, wie ihn nur Säuglinge an sich haben. Wie konnte eine Frau nur dazu fähig sein, so ein hilfloses kleines Wesen in die Seine zu werfen? Konnte diese blonde Frau wirklich Anne gewesen sein? Obwohl er nicht sicher sein konnte, dass der Knabe sein Sohn war, empfand er ihm gegenüber einen starken Beschützerinstinkt und außerdem begann er bereits jetzt, nachdem er ihn nur ein paar Minuten in den Armen hielt, den Kleinen ins Herz zu schließen. Und spielte es überhaupt eine Rolle, ob es sein leiblicher Sohn war? Er hatte sich immer Kinder gewünscht und dieses Kind hatte niemanden mehr und brauchte einen Vater. Falls es tatsächlich Annes und sein Kind war, trug er dann die Schuld an ihrer grausamen Tat? Hatte dieser Knabe, der ihm so ähnlich sah, sie zu sehr an ihn, der sie hatte töten wollen, erinnert? Wenn Porthos nicht zufällig dort am Seineufer vorbeigekommen wäre, wäre das Kind jetzt tot….was für ein schrecklicher Gedanke.
Als sie schon fast beim Hôtel Tréville angekommen waren, wachte der Knabe auf und begann zu greinen.
“Er hat Hunger”, vermutete Porthos, “wie gut dass wir gleich da sind. Hoffentlich wird der Hauptmann uns helfen.”
Athos wiegte den Säugling behutsam in den Armen, doch er ließ sich nicht mehr beruhigen und weinte ununterbrochen.

Als sie dann bei Trévilles Haus ankamen und an die Tür klopften, öffnete ihnen ein Diener, den sie darum baten, sie zum Hauptmann zu führen. Der Diener verschwand und als er kurz darauf zurückkehrte, führte er sie in das Schreibzimmer des Hauptmannes.
Tréville war sehr überrascht sie zu sehen, denn normalerweise suchten seine Soldaten ihn am heiligen Abend niemals auf.
“Was tut ihr beide hier? Hat es im Louvre irgendeinen Vorfall gegeben, den ihr mir melden müsst? Und was ist das für ein Kind, das da unter Eurem Mantel schreit, Athos?”
Er war gerade mit seiner Familie bei der Bescherung gewesen und wollte möglichst schnell zu Frau und Kindern zurück.
“Porthos wird Euch das erklären”; antwortete dieser, während er das schreiende Kind behutsam in den Armen wiegte, “er hat ihm schließlich das Leben gerettet.”
Und so erzählte Porthos dem Hauptmann was geschehen war und beendete seine Geschichte mit einer Bitte:
“Wir haben keine Milch für den Kleinen und wollten Euch bitten, ihn bei der Amme Eurer Frau trinken zu lassen.”
“Das Kind unserer Amme starb bei der Geburt und sie hat genug Milch für zwei Kinder, er kann gerne bei ihr trinken. Und ich werde euch dabei helfen, eine Familie zu finden, die den Kleinen als Mündel bei sich aufnimmt.”
“Ich nehme ihn”; sagte Athos mit fester, entschlossener Stimme, und dann holte er das zarte, noch so zerbrechlich wirkende Wesen aus dem Mantel um es dem Hauptmann zu zeigen.
Dieser musste schmunzeln als er sah, worin der Knabe eingewickelt worden war.
“Kaum auf der Welt und schon in einer Musketierkasacke, na der fängt aber früh an”; lachte er.
Mit großen, neugierigen Augen blickte der Säugling sich im Raum um.
“Der sieht ja aus wie Ihr, Athos, wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, das kann nur Eurer sein”; rief der Hauptmann schließlich verwundert aus, als er die Ähnlichkeit bemerkte.
“Ich habe Grund zu der Annahme dass genau das der Fall ist”; erwiderte Athos stolz lächelnd, “Ihr kennt ja meine Geschichte, und ich werde Euch das nach den Feiertagen in aller Ruhe erklären.”
Mit seiner üblichen Gelassenheit, die ihn niemals verließ, wiegte er das Kind in den Armen, als habe er nie etwas anderes getan.
“Es ist Athos Sohn, ganz eindeutig”, sagte Porthos und bat den Freund ihm den Kleinen zu reichen, was dieser auch sogleich tat.
Behutsam wickelte er ihn aus der Kasacke aus und zeigte Athos und Tréville ein sichelförmiges Muttermal, das der Knabe auf dem Bauch hatte.
“Das Gleiche habt Ihr auch, Athos, ich habe es gesehen, als ich nach unserer letzten Schlacht vor zwei Monaten Eure Wunden verband. Dass ihr beide das gleiche Mal an der selben Stelle habt, das kann kein Zufall sein.”
Als Athos das Mal auf dem Bauch des Kindes sah, wurde ihm klar, dass es sein leiblicher Sohn sein musste, dass Anne wohl schwanger gewesen war und ihm die Schwangerschaft aus irgendeinem Grund verheimlicht hatte. Es gab einige Frauen, denen man ihre Schwangerschaft auch im vierten Monat noch nicht ansah, und bei Anne war das wohl so gewesen. Ein seltsamer Gedanke, dass er und Anne tatsächlich ein Kind zusammen hatten. Obwohl er zutiefst bereute was er ihr angetan hatte, kam in ihm die Wut auf sie hoch, als er daran dachte, dass sie den Säugling in die Seine geworfen hatte. Der Kleine hatte jetzt nur noch ihn, und er wollte nicht, dass er jemals Kontakt mit seiner Mutter hatte, sie sollte gar nicht erfahren, dass der Knabe noch am Leben war. Athos hatte Angst vor der großen Aufgabe die jetzt vor ihm lag, er war nun nicht mehr nur für sich selbst, sondern auch für dieses winzige Wesen verantwortlich. Er schwor sich, alles dafür zu tun, dass sein Sohn eine glückliche Kindheit hatte, dass er niemals erfahren würde was seine Mutter ihm angetan hatte. Und er wollte ihm auch niemals erzählen, dass er versucht hatte seine Mutter zu erhängen. Dieses Kind sollte nicht unter seiner Vergangenheit zu leiden haben.
“Das ist also tatsächlich Euer Kind”, meinte der Hauptmann erstaunt, während er Athos eingehend musterte, “sagt, was habt Ihr jetzt eigentlich vor, Athos? Werdet Ihr mein Regiment verlassen und auf Euer Schloss zurückkehren?”
Tréville wusste von der tragischen Geschichte mit Mylady, Athos hatte ihm davon erzählt, als er um Aufnahme bei den Musketieren bat.
Nein, nach La Fère wollte er nie wieder zurück, denn sein Schloss war für ihn auf ewig mit düsteren Erinnerungen verbunden.
“Ich möchte gerne in Eurem Regiment bleiben und ich werde mit dem Kleinen und meinem Diener in der Rue Ferrou leben. Wenn ich Dienst habe, wird Grimaud sich um meinen Sohn kümmern. Und wir werden versuchen, ihn an Ziegenmilch zu gewöhnen, damit er keine Amme benötigt.”
Athos konnte sich einfach nicht vorstellen, eine Frau in seiner Wohnung beherbergen zu müssen, da er sich in Gegenwart von Frauen unwohl fühlte und ihnen nicht mehr vertraute. Doch falls der Kleine die Ziegenmilch nicht vertrug, war dazu bereit, für eine Weile eine Amme dort zu dulden, nur ihm zuliebe. Er hoffte jedoch, dass das nicht nötig sein würde.
“Seid Ihr Euch da wirklich so sicher?”; hakte der Hauptmann nach, “es ist nicht gerade so leicht, als Soldat ein Kind großzuziehen. Und was soll mit dem Knaben geschehen, wenn Ihr in eine Schlacht ziehen müsst?”
“In diesem Falle wird Grimaud mit ihm in Paris bleiben und sich um ihn kümmern.”
“Wartet es nur einmal ab, wenn Ihr den Kleinen ein paar Tage bei Euch hattet, werdet Ihr gar nicht mehr ohne ihn sein können, dann ist es für Euch undenkbar, ihn für längere Zeit in Paris zurückzulassen. So ging es mir bei meinen Kindern auch. Aber da Ihr einer meiner besten Männer seid, bin ich bereit, Euch für die nächsten Jahre hauptsächlich in Paris einzusetzen, denn selbst wenn wir in die Schlacht ziehen, müssen wir immer ein paar Männer in der Stadt zurücklassen, die den Louvre bewachen. Und natürlich erwarte ich, dass Ihr mir nach den Feiertagen sofort erzählt, wie ihr zu dem niedlichen kleinen Kerl da gekommen seid.”

Athos war erleichtert dass der Hauptmann so viel Verständnis für seine Situation hatte. Er konnte noch immer kaum glauben dass er jetzt Vater war, es erschien ihm so seltsam unwirklich, wie ein Traum.
Wenn sein Sohn ihm in die Augen blickte, fühlte er, wie Sorge und Schmerz aus seinen Gedanken verschwanden und er verspürte ein Glücksgefühl, das so schön war, dass er es kaum beschreiben konnte.
Und da Anne nicht tot war, konnte er nun endlich auch seine Schuldgefühle hinter sich lassen und wieder zu leben anfangen.
Noch vor ein paar Stunden hatte er geglaubt, er würde nie wieder ein schönes Weihnachtsfest haben und eines Tages als einsamer alter Mann, der von seinen Schuldgefühlen innerlich aufgefressen wurde, enden, doch nun schien es ihm eines der schönsten Feste seines Lebens zu sein.
Der Säugling wurde zur Amme der Familie Tréville gebracht und nachdem er sich satt getrunken hatte, legte man ihn in die Wiege neben den kleinen Emeric. Währenddessen feierten Athos und Porthos mit der Familie des Hauptmanns in dessen großem Salon vor einem gemütlichen Kaminfeuer.
Zum ersten Mal seit fünf Monaten konnte Athos ein Essen wieder richtig genießen, und trank Wein des Genusses wegen und nicht um seine Sinne völlig zu benebeln. Es war ein schönes Fest mit Ente in Orangensauce, Portwein und Zimtplätzchen und Athos und Porthos waren die einzigen Musketiere die jemals ein Fest mit der Familie des Hauptmanns feiern durften.
“Wie wollt Ihr ihn eigentlich nennen?”, fragte Porthos, als sie alle nach einem üppigen Essen am Kamin beisammensaßen.
“Er soll Henri heißen, nach meinem Vater, den ich über alles geliebt habe.”
Er vermisste seinen im Mai verstorbenen Vater noch immer sehr und nahm sich vor, seinem Sohn später sehr viel von dem Großvater, den er niemals kennenlernen würde zu erzählen.

Porthos machte sich nach dem Fest auf den Heimweg, doch Athos durfte in Treviles Haus schlafen, da sein Sohn satt und warm eingepackt neben dem Sohn des Hauptmannes in dessen Wiege schlief.
Als Athos in seine Wohnung kam, machte der meistens stumme Grimaud ganz große Augen, als er den Säugling sah.
Eigentlich hatte Athos seinem Diener beigebracht, nur dann zu sprechen wenn er es ihm gestattete, doch nun konnte Grimaud nicht den Mund halten:
“Monsieur, woher habt Ihr dieses Kind? Das sieht ja aus wie Ihr!”

Und noch erstaunter war Grimaud, dass Athos ihn gar nicht zurechtwies weil er gesprochen hatte ohne um Erlaubnis zu fragen, anstatt sich mit seinem Herrn durch Handzeichen zu verständigen.
Mit sichtlichem Vaterstolz erklärte er seinem Diener, mit dem er sonst so gut wie nie sprach, wie er zu diesem Kind gekommen war.
Und von da an änderte sich vieles in der Rue Ferrou und Athos sprach häufiger mit seinem Diener, anstatt sich nur durch Handzeichen mit ihm zu verständigen. Der kleine Henri brachte Glück und Freude in sein Leben zurück und er ging ganz und gar in seiner Vaterrolle auf und wurde ein strenger aber sehr liebevoller Vater.
Als er nach einer Weile begann, Nachforschungen über Annes Verbleib anzustellen, stellte sich zu seiner Erleichterung heraus, dass sie auf einem Ball einen englischen Lord kennengelernt hatte, der sie nach nur einem Monat geheiratet und mit nach England genommen hatte. Auch wenn Athos dieser Lord sehr leid tat, war froh dass Anne, die sich nun Mylady de Winter nannte, das Land verlassen hatte, denn nun musste er keine Angst mehr haben, dass sie jemals ihm und dem Kind zufällig über den Weg laufen könnte.
Und so konnte Athos endlich seine Vergangenheit hinter sich lassen und wurde nicht mehr von Schuldgefühlen gequält.


3 Reviews | Review schreiben

Review schreiben

Persönliches
Review
Zur Vermeidung von Spam