Artagnan.de - Fanfiction zu Dumas' drei Musketieren

Was im Winter geschah


24. Der Weihnachtsfrieden

von AlienorDartagnan


OT: Ich spielte schon länger mit dem Gedanken, unsere Musketiere einmal in die Zeit des ersten Weltkriegs zu versetzen, und ich bin gespannt wie ihr diese Geschichte findet. Ich habe vor, irgendwann, wenn eine meiner anderen Geschichten beendet ist, daraus eine längere Fanfic zu machen.  
So einen Weihnachtsfrieden gab es tatsächlich, allerdings nicht in Verdun, sondern am heiligen Abend des Jahres 1914 an der Westfrond zwischen Deutschen und Engländern.
In Verdun hat es so einen Weihnachtsfrieden nie gegeben, dort wurde von März 1916 bis zum 16. Dezember 1916 gekämpft, ich bin für meine Geschichte von der historischen Wahrheit ein wenig abgewichen, hoffe ihr nehmt mir das nicht übel.
Athos Vergangenheit habe ich ein wenig verändert, da im frühen 20. Jahrhundert sicherlich niemand mehr mit einer Lilie auf der Schulter gebrandmarkt wurde.
In dieser Geschichte duzen sich die Musketiere, weil die Anredeform “Ihr” und “Euch” ja im 20. Jahrhundert nicht mehr im Gebrauch war.
Und ein wenig bin ich auch von Dumas Roman abgewichen, in meiner Version ist der Gascogner kein Einzelkind sondern hat mehrere jüngere Brüder

 

Verdun, 24. Dezember 1916

“Ist ja gut, d´Artagnan, ich bin bei dir. Heute kann dir nichts mehr geschehen, bis morgen früh wurde ein Waffenstillstand vereinbart. Und ich werde weiter auf dich aufpassen, bleib im Schützengraben immer an meiner Seite, ich werde dir alles beibringen was du wissen musst. Alles wird gut, du wirst diese Hölle überleben, und schon bald ist der Krieg zu Ende”, sagte Athos zu dem leise vor sich hin wimmernden sichtlich verstörten Jungen aus der Gascogne.
Er wollte dem erst Achtzehnjährigen Mut machen , obwohl er selbst daran zweifelte, dass einer von ihnen die Hölle von Verdun überleben würde. Seit zwei Jahren war er jetzt schon als Musketier in diesem Krieg dabei und hatte in dieser Zeit unzählige seiner Kameraden fallen sehen. Diese schrecklichen Bilder würde er nie wieder aus dem Kopf bekommen, sie verfolgten ihn Nacht für Nacht bis in seine Träume.
Von den Männern, mit denen er sich zu Beginn des Krieges in seinem Regiment angefreundet hatte, lebten nur noch ein gutmütiger Hüne namens Porthos und ein ehemaliger Priesterschüler namens Aramis, der immer ein Notizbuch mit sich herumtrug, um jederzeit seine Gedanken in Form von Gedichten zu Papier bringen zu können. Aramis hieß in Wirklichkeit Rene d´Herblay und Porthos Isaac de Portheau. Beide hatten, genau wie er, falsche Namen angenommen, weil sie ihre Vergangenheit hinter sich lassen wollten oder mussten. Athos, Aramis und Porthos wurden von ihren Kameraden “die drei Unzertrennlichen” genannt, weil man sicher sein konnte, die drei fast immer zusammen anzutreffen. Nachts schliefen sie Seite an Seite, sie teilten ihren Proviant miteinander und kämpften im Schützengraben stets alle drei nebeneinander. d´Artagnan war erst seit einer Woche im Regiment, er gehörte zu jenen jungen Männern, die kaum dem Kindesalter entwachsen waren und sich freiwillig als Soldaten gemeldet hatten. Übermütig und voller Tatendrang hatte er am ersten Tag kurz nach seinem Eintreffen damit geprahlt, dass er ein meisterhafter Schütze sei, der die Deutschen erlegen würde wie ein Jäger die Hasen. Doch schon am zweiten Tag hatte er sein erstes Gefecht mitmachen müssen und gesehen wie seine Kameraden von Maschinengewehren niedergemäht wurden und wie manche, die nicht sofort tot waren, sich schwer verwundet unter schrecklichen Qualen am Boden wanden und verzweifelt nach ihren Müttern oder Frauen schrieen, bis ihre Schreie schließlich leiser wurden und dann gänzlich verstummten. 10.000 Granaten und Minen gingen stündlich vor Verdun nieder und erzeugten eine ohrenbetäubende Geräuschkulisse, die viele Männer an den Rand des Wahnsinns trieb. Innerhalb weniger Wochen hatte sich das Schlachtfeld in eine Kraterlandschaft verwandelt, von den Wäldern um Verdun waren nur Baumstümpfe geblieben. Und in der Luft lag ständig der Gestank von Blut, Schweiß, Urin und Verwesung. Täglich kamen bis zu siebentausend Pferde auf dem Schlachtfeld um und ebenso wie viele der getöteten Männer mussten sie liegen gelassen werden. Im Sommer war der Gestank schlimmer gewesen, doch auch jetzt, im Winter lag er in der Luft. Der vorher so großspurige d´Artagnan hatte sich dadurch in ein zitterndes Nervenbündel verwandelt, und Athos hatte sich seiner angenommen, da der Junge ihm sehr leid tat und irgendwie väterliche Gefühle bei ihm weckte. Es war ihm völlig gleichgültig ob er selbst diesen Krieg überlebte oder nicht, doch er wollte versuchen den Gascogner durchzubringen, da der Junge noch sein ganzes Leben vor sich hatte. Athos hatte in den letzten Monaten hier in Verdun mit ansehen müssen, wie Männer gestorben waren, weil sie verseuchtes Regenwasser aus Granattrichtern oder ihren eigenen Urin tranken, weil sie nichts anderes mehr zu trinken hatten. Er hatte mehrere Tage ohne Nahrung auskommen müssen und oft tagelang seine Gasmaske tragen müssen, wenn die Deutschen wieder einmal Gas einsetzten. Ein Junge, der aus dem selben Dorf wie der Gascogner stammte, war gestern gefallen und seine Leiche lag noch irgendwo dort draußen. Athos machte sich Sorgen um d´Artagnan, befürchtete, dass dieser den Verstand verlieren könnte. Das war hier schon mehrmals vorgekommen, dass junge Männer ins Lazarett gebracht werden mussten, weil sie sich in sabbernde, stammelnde Wesen verwandelt hatten, die nicht einmal mehr ihren eigenen Namen aussprechen konnten, die ständig zitterten und deren Blicke immer ins Leere gingen.

Für Athos war es bereits das dritte Weihnachten im Felde, doch der arme Gascogner hatte im letzten Jahr das Fest im Kreise seiner Familie, sicher und geborgen an einem warmen Kamin, gefeiert.
Der Junge schniefte leise und blickte mit Augen, die wie die eines verängstigten Rehs wirkten, zu ihm auf.
“Ich will nach Hause! Ich hätte nicht gedacht, dass der Krieg so brutal ist, so grausam und so blutig! Ich dachte es ist wie in den Abenteuerromanen die ich immer gelesen habe, ein bisschen Scharmützel und dann kann man nach Hause gehen und ist ein Held. Ach, warum habe ich nicht auf Vater und Mutter gehört…..ich bitte dich, Athos, rede mit unserem Hauptmann und sage ihm, ich hätte mich geirrt und will nach Hause gehen. Ich halte das nicht mehr aus, ich werd hier noch verrückt! Ich will nicht sterben! Ich habe Angst! Ich will nicht so sterben wie mein Freund Gaston, dem die Eingeweide aus dem Bauch quollen, während er sich die Seele aus dem Leib schrie! Ich bin doch freiwillig hier, da muss man mich doch gehen lassen!”
Er schüttelte traurig den Kopf, weil er genau wusste, dass er nichts für den Jungen tun konnte. Dieser hatte sich zwar freiwillig gemeldet, doch wer das tat, konnte das Regiment nicht einfach so wieder verlassen.
Porthos schenkte dem Jungen ein aufmunterndes Lächeln und klopfte ihm auf die Schulter.
“Bald kannst du wieder nach Hause, d´Artagnan. Die Deutschen können Verdun niemals einnehmen, es sind schon so viele gefallen und hier wird es genauso laufen wie vor zwei Monaten bei unseren Kameraden in Fort Dounaumont…schon in ein paar Tagen können wir gewiss als Sieger nach Hause zurückkehren.”
“Im Krieg gibt es keine Sieger, sondern auf beiden Seiten nur Verlierer”, erwiderte Athos mit düsterer Miene.
“Da kann ich Athos nur zustimmmen”, meinte Aramis, der an die stollenartige Wand des Schützengrabens gelehnt saß und an einem Gedicht schrieb, “dieser Krieg ist so sinnlos wie alle Kriege und wir sind nichts weiter als Schachfiguren der Mächtigen, Lämmer die man zur Schlachtbank führt. Diejenigen die diesen Krieg angezettelt haben, müssen jetzt nicht im Schützengraben frieren und hungern, die feiern mit ihren Familien am warmen Kamin Weihnachten, schlagen sich den Bauch mit gutem Essen voll und trinken Rotwein. Wenn die einmal die Schrecken des Schlachtfeldes am eigenen Leib erfahren müssten, hätte ihre Kriegstreiberei gewiss ein Ende.”
“Ja, und das Schlimmste ist, dass sie uns gegen unseren Willen in diesen Krieg zwingen”, meldete sich Jean-Baptiste Soleil, ein breitschultriger Mann, in dessen braunem Haar sich erste graue Strähnen zeigten, zu Wort “bei der Musterung haben sie mich als kriegstauglich eingestuft und ich konnte nichts dagegen tun. Ich hätte lieber weiter als Lehrer in Paris gearbeitet, als mir diesen Wahnsinn, dieses sinnlose Morden anzutun. Die wenigsten von uns sind aus freiem Willen hier.”
Der Mann hatte einen schlimmen Husten und sein Atem klang rasselnd, seine Chancen, lebend aus Verdun herauszukommen wurden mit jedem Tag geringer. Und er war nicht der Einzige, vielen machte die Kälte und Nässe in den Schützengräben schwer zu schaffen. Wenigstens hatten sie gestern neuen Proviant bekommen, Wein und altbackenes Baguette mit Wurst und Käse, doch schon nach Weihnachten würden die Rationen wieder kleiner ausfallen und vor allem aus Trockenfleisch und dünner Brühe bestehen. Es hatte zu schneien begonnen und ein schneidend kalter Wind wehte, in dicke Mäntel gehüllt suchten die Männer Schutz an den Feuerstellen im Schützengraben, die sie heute auch nur deswegen anzünden konnten, weil an diesem Tag die Gefechte ruhten. Viele schrieben Briefe an ihre Familien, andere saßen einfach nur da, starrten ins Leere und wischten sich gelegentlich verstohlen eine Träne von den Wangen.

Vor drei Jahren habe ich noch gemeinsam mit Anne gefeiert und mich für den glücklichsten Menschen der Welt gehalten, dachte Athos traurig. Damals hatte er noch nicht gewusst, dass ihre Liebe nur eine Chimäre war und er ihr gar nichts bedeutete. Sie hatte ihn mit dem Dorfpfarrer, den sie ihm gegenüber als ihren Bruder ausgegeben hatte, betrogen, und als er dahinterkam, hatte der Pfarrer rasch das Weite gesucht, und Athos hatte, nicht Herr seiner Sinne, von Wut und Enttäuschung beherrscht, seine Frau an einem Baum auf der Waldlichtung, auf der er die beiden ertappt hatte, erhängt. Das war in jenem Sommer gewesen, als Frankreich als Verbündeter Russlands in den Krieg eingetreten war. Er hatte sich unter falschem Namen als Freiwilliger gemeldet, nur wenige Tage nach Kriegsbeginn, und seitdem wurde er von Reue und Schuldgefühlen gequält. War es richtig gewesen, einfach davonzulaufen? Hätte er sich nicht stellen und die Strafe für seine grausame Tat verbüßen sollen?
Schneeflocken segelten sanft wie Federn zu Boden, wo sie eine dünne weiße Decke bildeten, die die Spuren des Blutes der am Vortag Gefallenen verdeckte.
“Wenn es an Weihnachten schneit, geht Vater immer mit mir und meinen jüngeren Brüdern nach draußen und wir machen eine Schneeballschlacht”, schniefte d´Artagnan, dem jetzt dicke Tränen über die Wangen liefen, “und wenn wir wieder hereinkommen wartet Mutter mit Bratäpfeln und heißem Punsch auf uns. Ach ich wünschte ich könnte jetzt bei ihnen sein, sie fehlen mir so sehr. Wahrscheinlich sehe ich sie niemals wieder.”
“Du wirst bald wieder bei ihnen sein”; versuchte der ehemalige Comte de La Fère dem Jungen Mut zu machen, “und das nächste Weihnachtsfest feiert ihr wieder alle zusammen.”
“So ein Unsinn, Athos, wir sind alle dem Tod geweiht”; mischte sich Marc Chablis, ein hagerer, stets missmutiger und gehässiger Kamerad ein, “früher oder später enden wir doch hier alle als Kanonenfutter. Erst recht solche Küken wie der Gascogner da, die kaum ihren ersten Bartflaum bekommen haben.”
“Halt den Mund”, fuhr Athos ihn verärgert an, “siehst du denn nicht, wie verängstigt er ist? Warum musst du es für ihn noch schlimmer machen?”
“Aber ich habe doch Recht”; beharrte Chablis, “damals, im Sommer vor zwei Jahren wurde uns gesagt, dass wir bis Weihnachten längst den Krieg gewonnen hätten und wieder zu Hause wären. Alles Lügen…hätte mir damals jemand gesagt, dass ich drei Weihnachten hintereinander in irgendwelchen Schützengräben hockend und um mein Leben bangend verbringen muss, hätte ich mich sofort, nachdem ich meinen Einberufungsbefehl erhielt, nach Amerika abgesetzt.”
Athos hielt den weinenden Gascogner fest in den Armen, wie ein Vater der seinen Sohn tröstet, und es tat ihm im Herzen weh, dass er dem armen Jungen nicht helfen konnte den Schrecken des Krieges zu entkommen und zu seiner Familie zurückzukehren. Er war der Meinung, dass es eine Schande war, dass man solche Jungen, die noch halbe Kinder waren, überhaupt als Freiwillige aufnahm.

Allmählich wurde es dunkel und zwei Feuerstellen und ein paar tragbare Petroleumlampen bildeten die einzige Lichtquelle in den Schützengräben. In der Ferne konnte man in den Gräben der Feinde ebenfalls das Flackern mehrerer Lichter erkennen und außerdem hörte man festliche Gesänge.

“Stille Nacht, Heilige Nacht,
Alles schläft, Einsam wacht
Nur das traute hochheilge Paar,
holder Knabe im lockigen Haar,
schlaf in himmlischer Ruh”,
schlaf in himmlicher Ruh”

Die deutschen Soldaten sangen ein weltbekanntes Weihnachtslied, ihren Gesang konnte man bis zu den Schützengräben der Franzosen hören, die zwar fast alle den deutschen Text nicht verstanden, denen die Melodie jedoch geläufig war, eine Melodie, mit der sie die Erinnerung an glücklichere Weihnachtsfeste im Kreis ihrer Familien und Freunde verbanden. Vielen liefen Tränen über die Wangen, so sehr bewegte das Lied sie, in diesem Moment schienen Krieg und Leid vergessen zu sein, wenn auch nur für wenige Augenblicke. Einige begannen nun ihrerseits den Text auf französisch zu singen und immer mehr Soldaten fielen in den Chor mit ein. Für viele bedeutete dieser Moment, das Singen dieses Weihnachtsliedes einen inneren Frieden, den sie schon lange nicht mehr empfunden hatte. An Kämpfen dachte an diesem Abend niemand.
Behutsam löste Athos sich aus der Umarmung des Gascogners.
“Kann ich diese geschmückten Tannenzweige haben, die deine Mutter dir geschickt hat?”; fragte er den Jungen, “ich gebe sie dir später zurück.”
d´Artagnans Mutter hatte ihm neben den Zweigen, bei denen schon ein paar Nadeln ausgefallen waren, auch noch einige Süßigkeiten geschickt, die er mit seinen Kameraden geteilt hatte.
Der Gascogner nickte nur, er befand sich noch immer in einer Schockstarre, so dass ihm gleichgültig war, was mit den Zweigen geschah.
Mit einer brennenden Kerze in der einen und den Zweigen in der anderen Hand kletterte er aus dem Schützengraben heraus, seine Schritte knirschten im frisch gefallenen Schnee als er in Richtung der Schützengräben in denen die Deutschen lagerten ging.
“Athos, was tust du denn da? Die werdern dich abknallen wie einen räudigen Hund!”, rief Aramis, “wirf dein Leben nicht so weg!”
Als der ehemalige Comte unbeirrt weiterging, folgten Porthos und Aramis trotz ihrer Angst ihrem Freund um ihn zurückzuholen.
Auf halbem Weg zwischen den Schützengräben der Deutschen und dem der Franzosen blieb dieser schließlich stehen und rief laut auf Deutsch:
“Ich komme als Freund zu euch, zumindest am heutigen Abend. Ich bin der Meinung, dass wir in der heiligen Nacht ein Zeichen der Versöhnung setzen und zusammen feiern sollten. Heute stehen wir uns nich als Feinde gegenüber, sondern als verängstigte, traurige Männer die einfach nur heim zu ihren Familien wollen und die sich nach dem Ende des Krieges sehnen.”
Als die Deutschen diese Worte vernommen hatten, hörten sie auf zu singen und es herrschte eine ganze Weile lang beklemmendes Schweigen. Mittlerweile hatten Aramis und Porthos ihren Freund erreicht und versuchten ihn zum Schützengraben zurückzuzerren.

Doch genau in diesem Moment kamen drei deutsche Soldaten, die in dicke Uniformmäntel gehüllt waren und die für die deutsche Armee typischen Pickelhauben auf dem Kopf trugen, mit zaghaften Schritten auf die drei französischen Musketiere zu, ihre tief in den Höhlen liegenden Augen schweiften misstrauisch über die Umgebung, fast so als ob sie einen Hinterhalt vermuten würden. Eine ganze Weile standen sich Deutsche und Franzosen gegenüber und niemand sagte ein Wort.
Der Comte begann sich zu fragen, ob er nicht etwas voreilig gehandelt hatte. War es überhaupt möglich, dass Männer, die noch am Vortag aufeinander geschossen hatten, jetzt gemeinsam den heiligen Abend feierten?
“Unsere Offiziere haben für heute Waffenstillstand angeordnet, und wenn das hier eine Falle ist wird es euch Franzmänner teuer zu stehen kommen”, meinte einer der Deutschen, während er die Musketiere argwöhnisch musterte.
“Beruhige dich Heinrich”; meinte einer seiner Kameraden und legte ihm beschwichtigend die Hand auf die Schulter, “ich glaube dieser Franzose meint das wirklich ernst. Zumindest heute scheinen sie nicht als Feinde zu uns kommen. Ein Mann der uns erschießen will, kommt wohl kaum mit Tannenzweigen und Kerzen zu uns.”
Der dritte Deutsche stand nun direkt vor Athos und betrachtete wehmütig die festlich geschmückten Tannenzweige in dessen Hand.
“Können Sie mir einen Zweig geben?”, bat er ihn, “der Geruch von Tannenzweigen erinnert mich an glücklichere Weihnachtsfeste, die ich im Kreis meiner Familie verbracht habe. Ach, könnte ich jetzt nur in Berlin sein.”
Der Comte nickte verständnisvoll und reichte ihm einen der Zweige, daraufhin rieb der Mann mit den Fingerkuppen an den Nadeln, dann schnupperte er an dem Zweig und seufzte wehmütig.
Auf beiden Seiten lugten jetzt die Soldaten aus ihren Schützengräben, alle waren angespannt und fragten sich, was diese sechs Männer beider Nationen dort gerade taten. Ein paar Soldaten kletterten jetzt aus ihren Gräben heraus, schulterten ihre Gewehre und kamen vorsichtig näher. Alle hatten Angst, dass jemand die Waffenruhe brechen könnte und sie am heiligen Abend, an dem alle sich ausruhen und an ihre Familien denken wollten, doch noch kämpfen mussten.
“Wie wäre es, wenn wir hier ein Feuer machen und etwas essen?”; schlug der stets hungrige Porthos vor, “diese Stelle ist gut, hier ist nirgendwo eine Granate eingeschlagen und Tote liegen hier auch keine.”
“Ich hoffe nur wir bekommen keine Schwierigkeiten mit Treville”, gab einer der französischen Soldaten, die sich inzwischen zu den drei Unzertrennlichen gesellt hatten, zu bedenken, “gewiss wird er es uns als Verrat auslegen wenn wir mit den Preußen feiern, und ihr wisst ja, dass Verräter genau wie Deserteure mit dem Tod bestraft werden.”
“Der Hauptmann ist ein vernünftiger Mann, er selbst hat die Waffenruhe für heute mit den deutschen Offizieren vereinbart”, erwiderte Athos, “sicherlich wird er uns nicht alle erschießen lassen, nur weil wir für eine Nacht die alte Erbfeindschaft vergessen und gemeinsam feiern.”
Unter den deutschen Soldaten, die sich vorsichtig und argwöhnisch der Gruppe näherten, waren auch einige Jungen wie der Gascogner, halbe Kinder noch, mit verstörten Gesichtern, deren Augen das Grauen widerspiegelten, das sie hier schon durchlebt hatten. Einer der Jungen, ein dünner Blondschopf, trug einen Verband am Kopf, und er zitterte am ganzen Körper.

Allmählich begannen die Soldaten beider Seiten, die zu der Gruppe kamen, zu begreifen, dass sich hier kein weiteres Gefecht sondern eine Art Frieden auf Zeit anbahnte. Männer beider Länder schüttelten einander die Hände wie alte Freunde. Einige, darunter auch Athos, gingen zurück in ihre Gräben um etwas Essbares und Feuerholz zu besorgen.
“Was geht hier eigentlich vor, Athos?”, wollte d´Artagnan wissen, der sich noch nicht aus dem Graben herausgewagt hatte, “was hast du da eben bei den Deutschen gemacht? Denen darf man nicht trauen, das sind alles grausame Kriegstreiber und hassen uns Franzosen. Die sind hinterhältig und bösartig und gemeingefährlich. In Tarbes hat einer meiner Lehrer immer gesagt, dass die Deutschen nichts lieber tun als französische Männer zu töten und französischen Frauen Gewalt anzutun.”
“Du solltest nicht alles glauben was deine Lehrer dir so erzählen. Heute haben wir Waffenstillstand und werden zusammen feiern und ich bin davon überzeugt, dass dieser Abend dir eine wertvolle Lektion bescheren wird die du niemals vergisst.”
“Was ist wenn das eine Falle ist und sie uns alle draußen in einen Hinterhalt locken um uns zu erschießen? Oder uns etwas Vergiftetes zu essen geben?”
“Das tun sie gewiss nicht, genau wie wir sehnen sie sich einfach nur nach etwas Ruhe und Frieden.”
Der Gascogner schmollte zwar noch, weil ihm diese Verbrüderung mit dem Feind ganz und gar nicht geheuer war, doch weil er vor Athos großen Respekt hatte und in ihm eine Art Ersatzvater sah, fügte er sich und half ihm und den anderen, Feuerholz, Baguettes, Trockenfleisch und Käse nach draußen zu bringen. Doch sein finsterer Blick verriet deutlich die Verachtung die er für die gegnerischen Soldaten empfand.
Die Deutschen steuerten Trockenfrüchte, altbackenes Schwarzbrot, ein paar Konserven mit Bohnen und Pfirsischen und ein Fass Bier bei. Wenig später saßen sie alle um ein wärmendes Feuer inmitten der Kraterlandschaft zwischen den beiden Schützengräben und ließen sich diese Sachen schmecken. Es war für keinen der Männer viel, dennoch beklagte sich niemand, da die meisten an solche Entbehrungen schon gewöhnt waren. Alle merkten nun, wie ähnlich sie und ihre Schicksale einander waren, dass es zwischen ihnen und ihren Ländern mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede gab. Neben Athos saß ein Mann namens Eugen Schwickerath, der aus Frankfurt kam, wo er eine eigene Schneiderei besaß. Nachdem er und Athos gemeinsam mit Wein angestoßen und getrunken hatten, zeigte der Mann ihm stolz lächelnd ein Bild von seiner Frau und seinen Töchtern. “Ich kann es kaum erwarten die drei wiederzusehen. Nächsten Monat wird meine Erna sechs Jahre alt und ich hoffe, dass ich dann Heimaturlaub erhalte. Sind Sie eigentlich verheiratet, Monsieur Athos?”
“Nein, ich lebe alleine”; erwiderte Athos, während er an seinem Wein nippte, “ich bin der Meinung dass Frauen sowieso nur Unglück bringen, besonders die Blonden. Nein, das ist nichts für mich.”
“Warten Sie nur ab, bis Ihnen die Richtige begegnet”, meinte Eugen versonnen lächelnd, “dann werden Sie die Sache mit Sicherheit ganz anders sehen.”
Porthos plauderte mit einem Deutschen der in München als Koch arbeitete, während Aramis sich mit einem Jungen aus Münster unterhielt, der genau wie er eine große Leidenschaft für die Dichtkunst hegte. Ein paar Männer beider Nationen hatten sich zu einem Würfelspiel zusammengesetzt und wieder andere unterhielten sich voller Stolz über ihre Familien. Da ein Teil der Deutschen ein Gymnasium besucht und dort Französisch gelernt hatte, konnten die Soldaten sich ohne Probleme miteinander verständigen. Treville und die deutschen Offiziere duldeten diese kleine Feier, gesellten sich jedoch nicht dazu sondern blieben in ihren jeweiligen Schützengräben.

“Ist das nicht absurd, dass wir morgen schon wieder gegeneinander kämpfen sollen?”; sagte Eugen Schwickerath nach einer Weile zu Athos, “nach diesem Abend wird mir der Krieg noch sinnloser erscheinen als zuvor.”
Vor zwei Jahren hätte niemand, weder Deutscher noch Franzose etwas derartiges geäußert, und eine friedliche Zusammenkunft beider Nationen wäre nicht möglich gewesen, da sie damals noch alle von Kampfeswillen erfüllt gewesen waren und beseelt vom Hass auf die Gegner. Aber nach fast zweieinhalb harten, entbehrungsreichen von Leid und Tod erfüllten Jahren waren beide Seiten kriegesmüde und sahen die Dinge aus einem etwas anderen Blickwinkel.
“Ja, mir wird das Töten jetzt auch noch schwerer fallen”, stimmte Athos traurig zu, “ich wünschte es gäbe endlich Frieden.”
Doch leider konnten die Soldaten gegen diesen Wahnsinn nichts tun, denn wer sich weigerte zu kämpfen oder desertierte der wurde erschossen.
“Ich werde mich immer an diesen Abend erinnern”, meinte Schwickerath sichtlich nachdenklich, “noch vor zwei Jahren hielt ich euch Franzosen für brutale grobe Monster, doch jetzt sehe ich die Dinge anders. Genau wie wir wollt ihr einfach nur in Frieden mit euren Familien leben.”
“Frieden wünschen wir uns doch alle”, antwortete Athos, der genau wusste, dass er diesen Frieden nach Annes Tod niemals finden würde. Trotzdem wünschte er sich für all diese Männer beider Nationen, dass sie bald zu ihren Familien zurückkehren konnten.
Währenddessen schrieben Aramis und der junge Deutsche namens Martin Berger zusammen ein Gedicht in französischer Sprache und Porthos und der Koch entwickelten ein gemeinsames Rezept für eine delikate Pastete.
Nur der Gascogner sprach mit niemandem, doch er wirkte nicht mehr ganz so grimmig wie zuvor sondern eher nachdenklich. Nach all den Schauergeschichten die seine Lehrer in Tarbes ihm über die Deutschen erzählt haben, war es für ihn seltsam, sie jetzt dermaßen menschlich zu erleben.
Bier und Wein machten bei Deutschen und Franzosen die Runde, und nachdem alle ihre Rationen aufgegessen hatten, sagen sie noch einmal zusammen “Stille Nacht-Heilige Nacht”, sowohl auf Deutsch als auch auf Französisch. Die Männer teilten die Pakte mit Süßigkeiten die sie von ihren Familien bekommen hatten, untereinander auf, und so kam es, dass manch ein Deutscher zum ersten Mal in seinem Leben Macarons aß, und manch ein Franzose seine erste Nussecke.
Nach zwei Stunden brannte das Feuer allmählich herunter und die Männer begannen trotz ihrer dicken Mäntel zu frieren. Deutsche und Franzosen umarmten einander oder schüttelten die Hände, bevor sie zu ihren jeweiligen Schützengräben zurückkehrten, sogar der Gascogner schüttelte zaghaft einem jungen Deutschen zum Abschied die Hand.

Als sie wieder im Stollen des Schützengrabens waren und sich hinlegten um noch ein paar Stunden Schlaf zu finden, wandte sich der Gascogner an seinen väterlichen Freund.
“Du hattest Recht, Athos, ich habe heute wirklich eine wertvolle Lektion erhalten. Ich war ganz überrascht wie freundlich diese Deutschen waren, ich hatte sie mir eher wie Raubtiere vorgestellt, gefährlich und durch und durch böse. Ich will nicht mehr gegen sie kämpfen und es macht mich traurig, dass ich das ab morgen wieder tun muss. Wir feiern zusammen Weihnachten, nur um dann am nächsten Tag einander wieder erschießen zu müssen, das ist doch absurd.”
“Ja, da hast du Recht, das ist wirklich absurd. Ich wünschte auch, wir müssten es nicht tun. Aber ich glaube daran, dass der Krieg nächstes Weihnachten zu Ende sein wird. Es sind jetzt fast zweieinhalb Jahre, da müsste es jeden Tag vorbei sein.”
“Ich hoffe auch, dass es bald vorbei ist”; sagte Porthos, “Paul Michels hat mich nämlich nach München eingeladen sobald der Krieg vorbei ist, dann will er mir ein vorzügliches Menü kochen. Nach der ganzen faden Konservenkost der letzten Jahre wird das eine wahre Wohltat sein.”
“Und ich werde nach dem Krieg wieder in den Jesuitenorden eintreten”, meinte Aramis, “nachdem ich fast zwei Jahre an der Front war, kann ich gar nicht mehr verstehen, warum ich mich über das Leben im Orden immer so beklagt habe. Alles ist besser als hier im Schützengraben zu liegen.”
“Ich bin froh, dass du jetzt weißt, dass sie Menschen sind wie wir auch, d´Artagnan, “nach dem heutigen Abend will ich mir den Glauben daran bewahren, dass Deutsche und Franzosen eines Tages einander die Hände reichen und in Frieden leben werden.”
“Diese Erbfeindschaft wird mit Sicherheit irgendwann ein Ende haben”; meinte Aramis und blickte nachdenklich seine Freunde an, “aber bis dahin muss wohl leider noch viel Wasser die Seine hinunterfließen.”
Der Gascogner blickte zaghaft zu den drei Unzertrennlichen.
“Ich bin euch dreien so dankbar, dass ihr euch um mich gekümmert habt, als ich verrückt zu werden glaubte, ich hoffe, ich kann mich dafür irgendwann bei euch revangieren. Einer für alle und alle für einen, das soll ab heute unser Motto sein, was meint ihr?”
“Einer für alle, alle für einen, ein wirklich guter Wahlspruch”; meinte Athos lächelnd, “unsere Freundschaft ist in diesem Krieg das Einzige das uns Halt bieten kann, uns Kraft gibt wenn wir verzweifelt sind, und deswegen ist dieser Spruch wohl ganz zutreffend.”
Porthos und Aramis nickten. “Ja, einer für alle, alle für einen, das klingt sehr ermutigend, zeigt, dass wir einander haben und nicht alleine sind.”
Und von dieser Nacht an waren es nicht mehr drei Unzertrennliche sondern vier Unzertrennliche, die stets füreinander einstanden und in ihrer Freundschaft ein Bollwerk gegen die Schrecken des Krieges sahen. Und keiner der vier vergaß jemals die Nacht jenes Weihnachtsfriedens, noch Jahre später erinnerten sie sich oft daran und fragen sich, was wohl aus jenen deutschen Soldaten, mit denen sie damals gefeiert hatten geworden war.

 


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