Artagnan.de - Fanfiction zu Dumas' drei Musketieren

Was im Winter geschah


25. Frére Jaques

von AlienorDartagnan


Blois, 23. Dezember 1649

Seit zwei Tagen schneit es nun schon fast ununterbrochen, selbst der dicke, mit Flicken ausgebesserte Mantel, den mir eine barmherzige alte Frau vor drei Wochen geschenkt hat, bietet keinen ausreichenden Schutz vor der schneidenden Kälte. Ich habe es so satt, heimat-und namenlos durchs Land zu irren, ohne ein Ziel oder Hoffnung auf ein besseres Leben zu haben. Meine letzte, recht kärgliche Mahlzeit liegt anderthalb Tage zurück und mein leerer Magen verlangt mit lautem Knurren Nahrung. Ich bin erleichtert als ich endlich die Stadt Blois erreiche, denn meine Knie sind ganz weich und ich habe das Gefühl, keinen Schritt mehr gehen zu können und jeden Moment in Ohnmacht zu fallen. Morgen ist Weihnachten und dann sind die Menschen meistens mildtätiger als sonst, da wird mir bestimmt irgendjemand ein Geldstück oder eine Scheibe Brot schenken. Ach, was gäbe ich nicht alles dafür zu erfahren wie ich im letzten Jahr den Heiligen Abend verbracht habe. Womöglich im Kreis meiner Familie, die mich jetzt schmerzlich vermisst und sich fragt was aus mir geworden ist? Ob ich wohl Kinder habe? Eine Frau die um mich weint? Ich kann mich an nichts erinnern, dennoch habe ich das vage Gefühl, dass es irgendein Geheimnis in meinem Leben geben muss, das für mich nun völlig im Dunkeln liegt.
Ich bin davon überzeugt ein Adeliger zu sein, denn als mich am ersten Februar ein Fischer aus dem Meer gezogen hat, trug ich Kleidung aus bestem Samt. Ich war schwerverletzt, ein Dolch steckte in meinem Bauch, die Familie des Fischers hat mich gesundgepflegt. Heute frage ich mich manchmal, ob es nicht besser für mich gewesen wäre, wenn ich nicht überlebt hätte. Ich weiß nicht einmal meinen Namen, weiß nicht wie alt ich bin, oder wo ich geboren wurde und wer meine Eltern waren. Und mir ist klar, dass meine Chancen, jemals auf jemanden zu treffen, der mich in meinem früheren Leben kannte, sehr gering stehen. Ich habe keine Vergangenheit mehr und vermutlich auch keine Zukunft. Nach meiner Genesung musste ich die Familie des Fischers verlassen und bin seitdem völlig auf mich alleine gestellt. Ich habe versucht Arbeit zu finden, aber niemand wollte mir welche geben, auf dem Land wurde ich als Ortsfremder überall misstrauisch beäugt und später wegen meines abgerissenen Äußeren verjagt, und in den Städten suchen so viele nach Arbeit, dass ich keine Chance bekam, da ich mittlerweile wie ein Landstreicher aussehe. Wie soll ich jemals wieder aus diesem Dilemma herausfinden? Vor ein paar Tagen habe ich in einer Scheune übernachtet und hatte einen seltsamen Traum. Ich stand auf einem Richtblock auf einem großen, von Fachwerkhäusern gesäumten Platz, auf dem sich eine gaffende Menge versammelt hatte und enthauptete einen Mann, nachdem er das Wort “Remember” gesagt hatte. War ich womöglich ein englischer Henker, der beschlossen hatte, seinem Leben als Geächteter den Rücken zu kehren? Falls dem so ist war es wohl ein Fehler, denn ein Geächteter bin ich immer noch, und außerdem leide ich Hunger und friere. Doch mir fehlt der Mut, meinem Elend ein Ende zu machen, so schrecklich dieses Leben auch sein mag, ich fürchte mich vor dem Tod, weil ich meine Vergangenheit nicht kenne. Habe ich womöglich Sünden begangen, die mich in die Hölle bringen werden?

Endlich habe ich Blois erreicht und befinde mich auf dem Markplatz vor der Kathedrale, auf dem an diesem Tag vor Weihnachten ein reges Treiben herrscht. Der Duft von Glühwein, Fleischpasteten, Schmalzgebackenem und gebrannten Mandeln liegt in der Luft. Die verheißungsvollen Düfte die mir in die Nase steigen sind für mich eine Tortur, und ich würde alles dafür geben, jetzt einen heißen, vor Fett triefenden Krafen oder ein Stück Fleischpastete zu essen, ja ich wäre selbst mit einem Stück Brot zufrieden. Ein Greis kauft für sich und seine zwei kleinen Enkelsöhne, wie ich aufgrund der Ähnlichkeit die die Kinder mit ihm haben vermute, süße Krapfen, und ich gehe rasch weiter, als ich sehe, wie die Kinder in das herrlich duftende Gebäck beißen. Beim nächsten Stand riecht es verführerisch nach heißem ‘Würzwein, am nächsten werden Mandeln geröstet und am nächsten gibt es glasierte Maronen zu kaufen. Ob ich wohl letztes Jahr auch mit Freunden oder Familie über so einen Markt geschlendert bin und mir Wein und Gebäck schmecken ließ? Wie auch immer mein Leben vor meinem Gedächtnisverlust gewesen sein mag, schlimmer als mein jetziges war es sicherlich nicht.
Lachende Menschen gehen an mir vorüber, satte, zufriedene Menschen, die auf dem Weg zu einem gemütlichen Zuhause mit einem wärmenden Ofen oder Kamin sind. Mühsam schleppe ich mich in Richtung Kathedrale, wo nur diejenigen Bettler, die sich die besten Plätze sichern, milde Gaben erhaschen können. Ich hoffe, dass noch nicht so viele da sind, denn ich bin zu schwach um mich um einen der Plätze zu prügeln. Es wäre fatal, wenn es mir heute wieder so ergeht wie so häufig in den letzten Monaten…wenn ich wieder von den anderen Bettlern verjagt werde, weil ich mich nicht wehren kann. Aber wie soll man sich wehren, wenn man seit Tagen nichts gegessen hat und nicht einmal ordentlich Schläge austeilen kann?
Mir wird ganz weh ums Herz, als ich sehe, wie eine Mutter, eine schöne blonde Frau, kaum älter als zwanzig, mit einem kleinen Jungen an der Hand über den Markt schlendert, hinter ihnen laufen zwei Diener hier, die ihre Einkäufe tragen. Der Knabe, ein wohlgenährtes Kind mit rosigen Wangen, hält einen leuchtend roten Liebesapfel, dessen Zuckerüberzug im fahlen Licht der Wintersonne glänzt, in der Hand, der kleine Mund ist mit Zucker verschmiert. Bei diesem Anblick entsteht vor meinem inneren Auge ein Bild, von dem ich nicht sagen kann, ob es eine Erinnerung oder nur ein Wunschtraum ist. Ich sehe mich selbst auf dem Schoß einer blonden Frau sitzen, die mich liebevoll mit kandierten Früchten füttert und mir immer sagt wie lieb sie mich hat. Aber dieses Bild widerspricht ganz und gar einem anderen, das ich ständig vor Augen habe. Dem eines kleinen Jungen, der weinend auf einem belebten Marktplatz steht, ganz alleine und in zerfetzter Kleidung, ein mageres Kind, das niemanden hat der es liebt, keinen der für es sorgt. Daraus schließe ich, dass entweder keines der beiden Bilder eine Erinnerung ist, oder nur eines davon. Werde ich das jemals herausfinden? Doch selbst wenn es nur ein Wunschtraum ist, ich will dieses Bild von der blonden, liebevollen Frau, deren Namen ich nicht kenne, in meinem Herzen bewahren, ganz gleich ob sie jemals real war oder nicht.
Obwohl ich mich mittlerweile einer Ohnmacht nahe fühle, kämpfe ich mich durch Schnee und Menschenmassen bis zu den Stufen der Kathedrale durch, doch an diesem Tag ist mir, wie immer, kein Glück beschieden. Die besten Plätze sind längst besetzt und mehrere Bettler haben sich Feuer angezündet, um die sie sich dicht an dicht drängen und ihre Hände und Füße wärmen. Viele von ihnen tragen völlig durchlöcherte Kleidung und haben keine Mäntel, was bei dieser Kälte natürlich fatal ist. Ich habe längst bittere Erfahrungen mit anderen Bettlern hinter mir und weiß deswegen, dass es mich teuer zu stehen käme, wenn ich mich einer der Feuerstellen zu nähern versuche. Mein Mantel ist für diese Bettler ein heiß begehrtes Gut, und ich weiß, dass sie sich zusammenrotten und ihn mir wegnehmen würden, wenn ich mich ihnen nähere. Die meisten Bettler sieht man immer nur in Gruppen, weil das Leben auf der Straße alleine viel zu gefährlich ist, und weil ich keiner Gruppe angehöre, bin ich für sie ein leichtes Opfer. Also suche ich mir einen der entlegenen Plätze, die schon ein Stück vom Marktpatz entfernt liegen, in der Hoffnung, dass dort eine barmherzige Seele vorbeikommt und mir eine milde Gabe gibt. Und selbst dann muss ich vorsichtig sein, denn wenn die anderen sehen, dass ich etwas bekommen habe, dann werden sie versuchen es mir abzunehmen. Die Gesetze der Straße sind hart und nur die Stärksten überleben. Wenn mein Schicksal nicht bald eine positive Wendung nimmt, werde ich das neue Jahr nicht mehr erleben. Ich brauche dringend neue Stiefel, nahrhafte Mahlzeiten und ein Dach über dem Kopf, für einen Bettler wie mich, ein Mann ohne Vergangenheit, ein schwieriges, wenn nicht gar ummögliches Unterfangen.
Tränen steigen mir in die Augen, als ich höre, wie irgendwo auf dem Markt ein paar Kinder das Weihnachtslied “Gloria in Exelsius Deo” anstimmen. Weihnachten…für die meisten ist es ein schönes Fest, das sie im Kreise von Freunden und Familie feiern können, doch für mich ist es genau wie jeder andere Tag, ein harter Kampf ums Überleben. Falls ich eine Familie habe…wie werden sie wohl das erste Fest ohne mich verbringen? Werde sie auf meinen Platz ein Gedeck stellen obwohl ich nicht da bin und im Gedenken an mich eine Kerze anzünden? Doch irgendwie bin ich mir nicht sicher, ob ich eine Familie habe…manchmal habe ich schlimme Alpträume in denen ich schreckliche Dinge tue….was, wenn das nicht nur Träume sind, sondern ich diese Dinge wirklich getan habe? Manche meiner Träume deuten darauf hin, dass ich ein Wandermönch war, in anderen bin ich ein Offizier, in wieder anderen ein Henker…wie kann das sein? Das können unmöglich alles Erinnerungen sein, das kann ich ummöglich alles gewesen sein. Diese Träume helfen meinem Gedächtnis keineswegs auf die Sprünge, sie irritieren mich nur noch mehr. Wer bin ich früher gewesen? Und will ich das überhaupt wissen? Oder würde dieses Wissen mich mit schauderhaftem Entsetzen erfüllen?

Nach einer Weile kommt endlich jemand an der abgelegenen Stelle, an der ich mich positioniert habe, vorbei und ich strecke meine Hand aus und blicke flehend zu den Leuten, ein, der Kleidung nach zu urteilen, gut betuchtes älteres Ehepaar, auf.
“Bitte, Monsieur, Madame…ich habe Hunger, ich habe Durst, ich bitte euch, gebt mir eine milde Gabe, damit ich mir etwas zu essen kaufen kann. Gott wird es euch vergelten.”
Der Mann blickt mürrisch auf mich herab und ich kann in seinen Augen deutlich die Verachtung sehen, die er für mich und andere Bettler empfindet.
“Faules Bettlerpack, wenn du essen willst, dann arbeite gefälligst!”
Mit diesen Worten geht er, seine Frau am Arm eingehakt, einfach weiter und weder er noch sie blicken noch einmal zurück.
War ich früher möglich genauso mitleidlos, wenn ich Bettler gesehen habe? Ich bin sicher, dass ich nicht immer ein Bettler gewesen bin, dass auch ich einmal der besseren Gesellschaft angehörte. Doch davon ist längst nichts mehr zu sehen, meine einst so schönen und zarten Hände sind jetzt voller Schwielen.
Nach einer gefühlten Ewigkeit, während der mehrere Menschen an mir vorbeigegangen sind und keine milde Gabe hatten(manche haben mich sogar noch beschimpft) gebe ich es auf. Selbst an Weihnachten scheinen die Bürger von Blois kein Herz für die Armen zu haben. Als ich aufstehe, beginnt sich alles vor meinen Augen zu drehen und ich muss mich an der steinernen Wand der Kathedrale festhalten um nicht in Ohnmacht zu fallen. Es dauert eine ganze Weile, bis ich mich endlich etwas sicherer auf dein Beinen fühle und der Schwindel nachlässt. Langsam, mit ganz kleinen Schritten, gehe ich auf den Markplatz zurück. Mir wird klar dass ich stehlen muss, wenn ich heute noch etwas zwischen die Zähne bekommen will. Das habe ich schon häufiger getan, und einmal wäre ich fast erwischt worden. Für Diebstahl kommt man in vielen Städten und Dörfern an den Galgen, doch wenn ich nicht stehle, werde ich sowieso sterben müssen, also kann ich das Risiko auch genausogut eingehen. Der Tod am Galgen geht wenigstens schnell, während Verhungern oder Erfrieren ein sehr qualvoller Tod ist.

Ich lasse mir Zeit, schaue mir die Menschen auf dem Markt genau an. Und schließlich entdecke ich zwei sehr vornehm gekleidete Edelmänner, die am Stand mit dem Würzwein stehen und miteinander anstoßen. Der ältere, in dessen schulterlangem schwarzen Haar sich die ersten grauen Strähnen zeigen, ist, der Ähnlichkeit nach zu urteilen, vermutlich der Vater des Jüngeren. Beide tragen gut gefüllte Geldkatzen am Gürtel, wenn ich nur eine davon erbeuten könnte, hätte ich für mehrere Wochen ausgesorgt. Zum Glück beachten die beiden mich gar nicht, als ich mich näher heranschleiche, sie sind in ein Gespräch vertieft, bei dem der junge Mann dem älteren gegenüber von einer Frau oder einem Mädchen namens Louise schwärmt, und seine Augen haben dabei einen dermaßen verklärten Glanz, dass er seine Umgebung kaum noch wahrnimmt und der andere, der Vater, steht mit dem Rücken zu mir. Es ist riskant, aber ich muss es einfach wagen, hierbei kommt es vor allem auf Schnelligkeit an. Ich gehe ganz langsam, dank meines dicken Mantels wirke ich wie ein ganz normaler Marktbesucher und nur wer genauer hinschaut erkennt dass ich ein Bettler bin. Langsam gehen, sich unauffällig verhalten, darauf kommt es jetzt an…und dann dem Älteren, der mit dem Rücken zu mir steht, die Geldkatze vom Gürtel zerren und dann so schnell ich nur kann davonrennen. Ich bin zwar sehr geschwächt, aber die Aussicht, mich danach in einem Gasthaus aufwärmen und mir ein richtig gutes Essen leisten zu können, belebt mich wieder ein wenig. Coqu au Vin oder Gänsebraten mit Rotkohl und Klößen…oder einen knusprig gebratenen Kapaun, gefüllt mit Pflaumen und Kastanien..und danach ein warmes Bett im Gasthaus…ja, das ist genau das was ich jetzt brauche.
Doch es geht alles schief, nichts läuft so wie ich es geplant hatte. Als ich den Älteren schon fast erreicht habe, bemerkt der Jüngere mich und wird ganz blass um die Nase. Dabei habe ich noch gar nichts getan, noch gar nicht nach der Geldkatze gegriffen.
“Da…Vater…seht…dort…er…”
Als der Ältere sich umdreht, wird er ebenso blass, als er mich sieht. Die beiden kennen mich, soviel ist eindeutig, und anhand ihrer Blicke kann ich erkennen, dass es keine angenehme Bekanntschaft ist. Aber sei es drum…anscheinend wissen sie wer ich bin, und selbst wenn sie mir nicht wohl gesonnen sind, so muss ich versuchen, sie irgendwie dazu zu bringen, mir zu sagen wer ich bin.

Also nehme ich meinen ganzen Mut zusammen, atme tief durch und bleibe bei den beiden stehen.
“Monsieurs, kennen wir uns womöglich? Ihr müsst wissen, dass ich das Gedächtnis verloren habe und alles dafür geben würde, wenn mir jemand helfen könnte, meine Identität wieder zu finden. Und als ihr mich so angesehen hattet, hatte ich gleich das Gefühl, dass ihr beide mich kennt.”
“Nein, wir kennen Euch gewiss nicht, Monsieur”; erwiderte der Ältere der beiden mit ernster Miene, “mein Sohn hat Euch nur mit jemandem verwechselt, jemanden der schon lange tot ist.”
Wenn das wirklich so ist, warum wirken die beiden bei meinem Anblick so erschüttert?”
“Ich bitte Euch, Monsieur, wenn Ihr etwas wisst, dann sagt es mir. Es ist schrecklich, nicht zu wissen wer man ist und woher man kommt. Ich weiß nicht, ob ich irgendwo eine Familie habe die auf mich wartet. Falls Ihr etwas wisst, dann sagt es mir, ich muss es einfach wissen.”
Vater und Sohn tauschen ratlos wirkende Blicke miteinander und als ich das sehe bin ich mir sicher, dass sie etwas über meine wahre Herkunft wissen. Aber ich spüre auch, dass es da irgendetwas Schlimmes gibt, etwas, das sie zurückhält mir die Wahrheit zu sagen. Ist die Wahrheit denn wirklich so bitter, dass man sie vor mir verschweigen muss? Diese Dinge, die ich nachts in meinen Alpträumen gesehen habe, was davon ist wahr?
“Wie habt Ihr denn das Gedächtnis verloren?”, fragt der ältere Mann mich, während er mich eingehend mustert.
Ich erzähle ihn und seinem Sohn davon, wie ich von einem Fischer aus dem Meer gezogen wurde, schwer verletzt, mehr tot als lebendig, und wie dessen Familie mich gesund pflegte, und wie ich seitdem ohne Ziel und ohne Zuhause oder Geld durchs Land ziehe, in der Hoffnung, dass mich irgendwann irgendwo jemand erkennt.
Und als ich den älteren Mann näher betrachte, beschleicht auch mich irgendwie das Gefühl, dass ich ihn schon gesehen habe, aber ich kann nicht sagen, wann und wo das gewesen ist.
Vater und Sohn stecken die Köpfe zusammen und tuscheln miteinander, nach einer ganzen Weile, die mir wie eine Ewigkeit erscheint, wendet der ältere Edelmann sich mir wieder zu.
“Ja, wir kennen Euch, das habt Ihr schon richtig erkannt. Ihr seid ein Wandermönch, Euer Name ist Jaques Picard, und Ihr seid uns vor einem Jahr in Calais begegnet, um ein Schiff zu betreten, das Euch in die neue Welt bringen wird.”

Als ich das höre fällt mir ein Stein vom Herzen. Ich war also ein harmloser Wandermönch und nicht ein Henker oder ein Serienmörder?
“Ja, das ergibt Sinn”, rufe ich aufgeregt aus, “ich hatte auch in der Nacht oft Träume, in denen ich als Mönch auf einem Esel durch die Lande geritten bin. Ach, ich bin froh, dass die anderen Träume die ich hatte, die ganz schrecklichen, offenbar doch nur Albträume waren und nicht mehr. Aber wie genau haben wir uns kennengelernt?”
“Wir haben in einem Gasthaus in Calais zusammen gegessen. Mein Vater und ich haben Verwandte in der Umgebung besucht und da bei Euch am Tisch noch Platz war, saßen wir im Gasthaus neben Euch und haben zusammen ein Glas Wein getrunken.”
“Aha, deswegen kommt ihr beide mir also so bekannt vor, Monsieur le Comte”; erwidere ich freundlich lächelnd, ach, wie froh ich doch bin, endlich jemanden zu treffen der mich kannte.
“Habe ich Euch vielleicht etwas darüber erzählt, ob ich noch irgendwo Familie habe?”, will ich von den beiden wissen.
Insgeheim hoffe ich, dass da noch irgendjemand ist, Frau und Kinder kann ich ja nicht haben, aber vielleicht leben meine Eltern ja noch oder ich habe Geschwister.
“Frére Jaques, Ihr habt uns gesagt, dass Eure Eltern schon lange tot sind und Ihr keine Geschwister habt. Ihr sagtet, dass Ihr gerade aus diesem Grund in die neue Welt gehen wollt, um dort als Priester in einer der neuen Gemeinden in Amerika tätig zu sein.”
Ja, es muss wohl etwas Wahres daran sein, ich hatte häufiger diesen Traum, in dem ich mich als Mönch auf einem Maulesel sah..aber warum werde ich das Gefühl nicht los, dass diese beiden Männer etwas vor mir verheimlichen? Dass es da noch etwas anderes gibt, das sie lieber nicht ansprechen wollen?
“Wißt ihr sonst noch etwas über mich?”, frage ich die beiden Edelmänner.
“Nein, mehr wissen wir nicht, wir hatten ja nur kurz miteinander geplaudert, Ihr hattet nicht viel Zeit, Frére Jaques, da Ihr Euer Schiff erreichen musstet. Das war am 31. Januar.”
Etwas gibt mir da aber doch noch zu denken.
“Aber wenn ich ein Wandermönch bin, wieso hatte ich dann die Kleidung eines Edelmannes an, als ich aus dem Wasser gefischt wurde? Das ergibt irgendwie keinen Sinn.”

“Eure Kutte war völlig verdreckt, weil Ihr im Hafen in den Schneematsch gefallen seid, und mein Sohn hatte Euch eine Hose aus schwarzes Seide, ein Hemd und ein Wams geschenkt, damit Ihr Eure Reise antreten könnt”; erklärte der ältere Edelmann mir.
Er wirkt nervös, obwohl er sich mir gegenüber gelassen zu geben versucht, kann er seine innere Unruhe doch nicht ganz übertünchen. Ich frage mich, ob er mich wohl anlügen würde. Er wirkt auf mich wie jemand der eine ehrliche Haut ist…doch ich kenne ihn nicht gut genug um das beurteilen zu können.
“Ich wollte also wirklich in die neue Welt reisen? Habe ich Euch vielleicht auch erzählt, aus welchem Orden ich komme?”
“Ihr habt gesagt, Ihr hättet vor drei Monaten ein Kloster des Benediktinerordens verlassen, weil Ihr mit dem streng reglementierten Leben dort nicht zurechtkamt. Und Ihr wolltet Frankreich verlassen, weil Ihr sonst befürchten müsst, irgendwann ins Kloster zurückgebracht und eingesperrt zu werden, weil es bei Strafe verboten ist, das Kloster zu verlassen wenn man noch Novize ist”; erzählte der Jüngere mir.
Der Gedanke, in ein Kloster gebracht werden zu können gefällt mir ganz und gar nicht. Ich glaube nicht, dass ich für das Leben hinter Klostermauern geschaffen bin, ich kann mich zwar nicht an meine Vergangenheit erinnern, aber alleine bei der Vorstellung, immer in einem Kloster leben zu müssen, läuft es mir eisig kalt über den Rücken.
Der ältere Edelmann schenkt mir ein freundliches Lächeln und reicht mir eine gut gefüllte Geldkatze.
“Hier, das ist für Euch, damit Ihr in der neuen Welt ein neues Leben anfangen könnt. Dort gibt es viele Menschen, die sich darüber freuen, wenn ein neuer Pfarrer aus Europa zu ihnen kommt. Möge Gott Euch schützen.”
Ja, ich sollte wirklich in die neue Welt gehen, denn hier in Frankreich gibt es für mich nichts mehr und ich müsste ständig Angst haben, wieder in mein Kloster zurüdckgebracht zu werden.
In der neuen Welt kann ich als Priester anderen Menschen helfen und außerdem ein neues Leben anfangen.
Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass die beiden Fremden mir noch etwas verheimlichen, aber ich habe Angst, noch einmal nachfragen, weil ich befürchte, dass ich dann Dinge erfahren würde, mit denen ich nicht fertig werden kann. Ich weiß jetzt, dass ich Frére Jaques bin, und daraus werde ich das Beste machen. Endlich habe ich meinen Namen zurück, und weiß wer ich gewesen bin, das genügt mir.
“Das ist sehr viel Geld…das kann ich nicht annehmen”, erkläre ich dem älteren Edelmann, “es ist viel zuviel.”
“Für die Reise in die neue Welt und Eure Neuanfang dort werdet Ihr viel Geld brauchen”; erwiderte der Mann freundlich lächelnd, “Ihr könnt das Geld also gut annehmen, betrachtet es einfach als Spende für die Kirche.”
“Danke, das werde ich Euch niemals vergessen. Sagt, wie ist eigentlich Euer Name?”
“Ich bin der Comte de La Fére und das ist mein Sohn Raoul”, erklärt er mir höflich.
Ich bin ihm und seinem Sohn sehr dankbar, denn ohne dieses Geld hätte ich niemals die Reise in die neue Welt antreten können. Sobald ich drüben bin, werde ich mir eine Soutane schneidern lassen und mir eine Gemeinde suchen, und die Bibel werde ich mir auch noch durchlesen müssen, da ich mich an früher nicht erinnern kann.
Jetzt im Winter fahren keine Schiffe, aber das Geld wird reichen, damit ich bis zum Frühjahr in einem Gasthaus Quartier nehmen kann, dann bleibt immer noch genug Geld für die Schiffsreise übrig. Ich verabschiede mich von meinen beiden Wohltätern, froh darüber, endlich wieder meinen Platz im Leben gefunden zu haben. Ich habe gerade festgestellt, dass ich sehr gut Latain kann, also muss ich wirklich ein Mönch gewesen sein. Ab jetzt beginnt für mich ein ganz neues Leben, davon bin ich überzeugt.

“Vater, warum habt Ihr ihm Geld gegeben? Nach allem was er Euch angetan hat?”; fragt Raoul seinen Vater, nachdem Mordaunt seiner Wege gegangen ist.
“Er hat eine Chance auf ein besseres Leben verdient”; erwiderte Athos, “ich hätte es nicht übers Herz gebracht ihm nichts zu geben, denn das wäre früher oder später sein sicherer Tod gewesen, im Winter überlebt niemand lange auf der Straße. Und es ist gut dass er sein Gedächtnis verloren hat, so kann er nun als Priester in der neuen Welt ein neues Leben anfangen. Und die neue Welt ist so weit entfernt, dass wir ihn mit Sicherheit nie wieder sehen werden. Vielleicht wird er ja dort glücklich….zumindest wenn niemals seine Erinnerung zurückkehrt.”
“Ja, zum Glück scheint er ja mit seinem Gedächtnis auch seine schlechten Charaktereigenschaften verloren zu haben, und auch nichts mehr von seinen furchtbaren Racheschwüren zu wissen”; meinte Raoul nachdenklich, “hoffentlich wird er sich niemals erinnern.”
Wenig später machten Athos und Raoul sich auf den Weg zu den Läden, in denen sie immer ihre Weihnachtseinkäufe erledigten, und Athos ging es an diesem Tag richtig gut, er war der Meinung, genau das Richtige getan zu haben und war froh, dass Mordaunt noch am Leben war. Vielleicht konnte dieser nun das Böse hinter sich lassen und noch etwas Gutes aus seinem Leben machen.

Ein paar Jahre später las Athos in einer Zeitung, dass in Louisiana ein Frére Jaques bei einem Indianerangriff mehreren Menschen seiner Gemeinde das Leben gerettet hatte.


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