Artagnan.de - Fanfiction zu Dumas' drei Musketieren

Was im Winter geschah


26. Geisterkinder Teil I

von AlienorDartagnan


Athos hatte Weihnachten, das Fest der Liebe, immer schon sehr gerne gehabt. Schon als Kind hatte er den besonderen Zauber dieser Zeit gespürt und sich auf den magischen Moment, in dem er und sein Bruder in das festlich geschmückte Zimmer mit dem großen Tannenbaum unter dem die Geschenke lagen durften, sehr gefreut. Als junger Mann hatte er immer gedacht, er würde eines Tages mit einer großen Familie, einer Frau die ihn über alles liebte und mehreren Kindern, Weihnachten feiern. Nicht immer war Weihnachten für ihn schön gewesen, es hatte mehrere Feste gegeben, die er betrunken in seiner Wohnung in der Roue Ferrou verschlafen hatte.
Doch seitdem er Vater geworden war, besaß Weihnachten für ihn wieder die alte Magie und er genoss das Fest jedes Mal ganz intensiv.
Auch jetzt, als Raoul längst zu einem jungen Mann herangewachsen war, genoss er es, mit seinem Sohn das Fest zu feiern, und er glaubte fest daran, dass eines Tages eine Schwiegertochter und Enkelkinder hinzukommen würden. Die Schatten der Vergangenheit hatte er längst hinter sich gelassen.

An diesem Weihnachtsmorgen fiel Schnee in dichten Flocken und es war so neblig, dass man kaum die Hand vor Augen sehen konnte. Gestern war Grimaud mit zwei anderen Dienern in den Wald gegangen um eine Tanne zu schlagen, diese stand nun im großen Salon und wartete darauf geschmückt zu werden.
Athos und Raoul saßen beim Frühstück. Eine der neuen Dienerinnen hatte die vier Kerzen am Adventskranz angezündet, und ihnen außerdem eine Schale frisch gebackener Plätzchen auf den Tisch gestellt.
Athos fiel auf, dass sein Sohn sehr übernächtigt aussah, und wieder einmal machte er sich Sorgen um ihn. Er war immer noch nicht über Louise hinweg, seitdem er erfahren hatte, dass seine Jugendliebe die Mätresse des Königs geworden war, war er nicht mehr derselbe.
“Ist alles in Ordnung, Raoul? Du siehst sehr blass und müde aus.”
“Nein, es ist nichts, Vater”; meinte Raoul, während er sich ein Brötchen schmierte, “ich bin nur sehr müde, weil ich fast kein Auge zugetan habe.”
“Ist es wegen Louise?”, wollte Athos wissen.
“Nein, mit Louise hat es nichts zu tun”, erwiderte Raoul, “in meinem Gemach geht es nicht mit rechten Dingen zu. Ich habe Kinderlachen gehört, und Kinderstimmen, und das mehrfach in dieser Nacht. Sag, Vater, ist jemals ein Kind hier im Schloss gestorben?”
“Mehrere Kinder, unter anderem zwei kleine Geschwister deines Großvaters. Etienne ertrank mit vier Jahren im Schlossteich, Charlotte starb mit drei Jahren an Lungenentzündung.  Aber so etwas wie Geister gibt es nicht. Kann es nicht sein, dass du dir das nur eingebildet hast, Raoul? Du hast in letzter Zeit sehr viel durchgemacht.”
“Nein, das war keine Einbildung, ich konnte die Stimmen deutlich hören, so intensiv, dass es mir kalt über den Rücken lief. Es war lautes Kinderlachen und auch Stimmen waren zu hören, fast so als ob da Kinder Fangen oder Verstecken oder Kissenschlacht spielten.”
“Du bist bestimmt nur etwas übermüdet, Raoul”; versuchte er seinen Sohn zu beruhigen, “das ging mir auch so als ich ein junger Mann war und unter Liebeskummer litt, damals glaubte ich oft auch noch, sie zu sehen, obwohl sie gar nicht da war. Mit der Zeit geht das vorbei.”
“Nein, diese Stimmen waren wirklich da. Ich bilde mir das nicht ein.”

Schweigend beendeten die beiden Männer ihr Frühstück und setzten sich dann im großen Salon vor den Kamin um zu lesen und einen heißen Würzwein zu trinken.
“Vater, es gibt da noch etwas, worüber ich mit dir sprechen möchte”; sagte Raoul, “etwas das mir aufgefallen ist.”
“Worum geht es denn?”
” Um die neuen Diener die du eingestellt hast. Die sind irgendwie merkwürdig.”
“Was meinst du damit?”, wollte Athos wissen.
“Sie verlassen niemals das Gut, und obwohl sie nie einkaufen gehen, haben wir immer etwas zu essen. Wie erklärst du dir das?”
“Wie kommst du darauf, dass sie niemals einkaufen gehen? Nur weil du sie nich dabei gesehen hast, heißt das nicht, dass sie nicht einkaufen gehen. Soweit ich weiß fahren Thea und Pauline und Martin und Bastian und Lud immer am frühen Abend in die Stadt und zwar jeden Donnerstag. Ich hatte ihnen aufgetragen mir Wein und einen ganz bestimmten Käse mitzubringen und sie haben beides besorgt. Glaub mir, mit den neuen Dienern ist alles in Ordnung. Wenn ich bei ihnen ein ungutes Gefühl gehabt hätte, hätte ich sie nicht eingestellt.”
“Und du findest es gar nicht merkwürdig, dass sie alle fünf am gleichen Tag bei uns vor der Tür standen und fragten ob hier eine Stellung frei wäre?”
Nun, Athos hatte das gar nicht merkwürdig gefunden,Thea, Pauline, Martin, Bastian und Lud hatten ihm erzählt, dass ihre Herrin im Alter von 80 Jahren gestorben war und sie damit ihre Stellung von einem Tag auf den anderen verloren hatten. Und in dem halben Jahr, in dem die Diener jetzt schon für ihn arbeiteten, hatte es niemals Probleme gegeben. Einer von ihnen, Martin, erinnerte ihn an einen Diener gleichen Namens, der auf La Fére gearbeitet hatte, als er noch ein Kind gewesen war und für ihn und seinen Bruder Pferde und Musketiere aus Holz geschnitzt hatte. Es stellte sich heraus, dass dieser Martin der Sohn des anderen Martins war und mit seiner Mutter nach dem Tod des Vaters La Fére verlassen hatte um im Haushalt einer Tante zu leben, die Hilfe bei der Hausarbeit brauchte.
Athos, der sich daran erinnerte, wie viel Freude ihm damals die Schnitzereien machten, hatte alle fünf Diener erst einmal auf Probe eingestellt, und ihnen dann, als sich herausstellte, dass sie ihre Arbeit gut machten, eine feste Anstellung gegeben.
“Wenn es dich beruhigt, kannst du sie ja, wenn sie das nächste Mal zum Einkaufen in die Stadt fahren, begleiten”, schlug er Raoul vor.
“Gut, das werde ich tun, denn hier ist irgendetwas faul, das spüre ich”; erwiderte der junge Mann und nippte missmutig an seinem Würzwein.

Dann geschah etwas, das dem Grafen von La Fére das Blut in den Adern gefrieren ließ.
Auf einmal hörte er ein glockenhelles Kinderlachen mitten im großen Salon und trippelnde Schritte auf dem Parkett, es war jedoch kein Kind zu sehen.
Und, als ob das noch nicht unheimlich genug wäre, fragte eine Kinderstimme:
“Wann ist es endlich Zeit für die Bescherung? Dauert es noch sehr lange?”
Athos und Raoul blickten einander schreckensstarr an.
“Es tut mir leid dass ich dir nicht geglaubt habe, Raoul”; meinte Athos, dem eisige Schauder über den Rücken krochen.
“Schon gut, ich weiß ja auch nicht, ob ich dir das geglaubt hätte, wenn du es mir erzählt hättest.”
Nun hörten sie auch noch die Stimme eines Erwachsenen.
“Erst schmücken wir den Baum, Etienne, dann essen wir und dann gibt es die Geschenke.”
Beide Stimmen waren so laut und deutlich zu hören, als ob sich diese Menschen bei Athos und Raoul im Salon aufhalten würden.
“Vater, ich muss hier raus”; meinte Raoul, “komm, lass uns in den Schlosspark gehen.”
Athos, dem das alles auch nicht geheuer war, folgte seinem Sohn nach draußen.
In dem dichten Nebel  konnte man kaum die Hand vor Augen erkennen und es war schneidend kalt. Beide hatten ihre Mäntel angezogen, um nicht sofort ins Schloss zurückkehren zu müssen.
Zunächst schwiegen beide, weil beide unter Schock standen.
Nach einer Weile fragte Raoul schließlich:
“Vater, glaubst du, dass das Kind, das da spukt der Bruder von Großvater ist?”
Athos Vater hatte einen kleinen Bruder gehabt, Etienne war mit vier Jahren im Teich im Schlosspark ertrunken, weil die Amme einen Moment lang nicht aufgepasst hatte, während sie dem Kutscher schöne Augen machte.
“Möglich wäre es”, meinte Athos, noch immer unter Schock stehend, “allerdings stellt sich dann die Frage, warum es vorher niemals zu solchem Spuk gekommen ist. Etienne ist seit über siebzig Jahren tot und bisher hat niemand mysteriöse Kinderstimmen im Schloss gehört.”
Etiennes Vater war niemals über den Tod seines Sohnes hinweggekommen und gab sich die Schuld dafür, ihn einer Amme überlassen zu haben, die nicht auf ihn achtgab. Einen Monat nach dem Tod des Jungen hatte er sich auf dem Dachboden des Schlosses erhängt. War es wirklich möglich, dass Vater und Sohn hier als Geister umherwandelten und glaubten, Weihnachten zu feiern?
“Ich möchte da nicht mehr reingehen, können wir nicht einfach in unser Stadthaus in Blois fahren und dort eine Weile bleiben?”, fragte Raoul.
“Bei diesem dichten Nebel und dem Schneetreiben kämen wir nicht weit. Mir gefällt das auch nicht, aber wir haben keine andere Wahl und müssen erst einmal hier bleiben.”
Athos seufzte leise, allmählich kroch ihm die Kälte unter den dicken Mantel, aber er verspürte nicht das Bedürfnis wieder hineinzugehen.
Und kurz darauf stellte sich heraus, dass sie nicht einmal draußen sicher waren.
Vor den Augen der beiden  Männer formten sich mehrere dickeKugeln aus Schnee, und setzten sich dann  wie von Geisterhand übereinander, und dann tauchten wie aus dem Nichts heraus Augen aus Haselnüssen und eine Nase aus Möhren auf.
Athos und Raoul standen wie zu Salzsäulen erstarrt da und beobachteten fassungslos wie ein Schneemann entstand, und sie sachen auch Fußspuren im Schnee, eine gehörte einem Kind, eine einem Erwachsenen, aber außer den Fußspuren war nichts gesehen.
“Vater, schau, ich habe einen Schneemann gebaut!”; rief die Kinderstimme, die sie vorhin im Salon vernommen hatten, “mein Schneemann ist der schönste und größte weit und breit!”
“Das hast du schön gemacht, mein Sohn”; ertönte nun wieder die Stimme des Erwachsenen, und wie aus dem Nichts tauchte ein breitkrempiger Federhut auf, “komm, den setzen wir ihm noch auf, dann ist er perfekt.”
Und dann schwebte der Federhut durch die Luft, landete auf dem Kopf des Schneemannes.


“Mir wird kalt, Vater, wenn wir hier draußen auch nicht sicher sind, können wir genausogut wieder reingehen”, schlug Raoul vor.
Und so gingen sie wieder hinein, beide standen immer noch unter Schock und konnten kaum fassen, was ihnen da gerade widerfahren war.
Als sie in den Salon zurückkamen, fanden sie Grimaud vor, der sich verwundert über einen Haufen bunt bemalter Holzklötze, die auf dem Boden beim Kamin lagen, beugte.
“Monsieur Athos, ich habe den Salon heute morgen saubermachen lassen, da waren diese Klötze noch nicht da. Ist das Monsieur Raouls altes Spielzeug?”
“Nein, Raoul hatte niemals solche Klötze. Bitte räum sie weg, Grimaud, ich möchte sie nicht hier im Salon haben.”
Grimaud nahm sich die Klötze und wollte sie wegtragen, dann ertönte auf einmal lautes Kindergeschrei, diesmal ein Mädchen.
“Vater, meine Klötze…..”
Das weinerliche Stimmchen gehörte zu einem höchstens dreijährigen Mädchen, doch es war wieder nichts zu sehen.
Grimaud, dem die Sache nicht geheuer war, warf die Klötze ins Feuer.
“Vater, ist das nicht unheimlich? Großvater hatte doch neben Etienne auch noch eine kleine Schwester, die mit drei Jahren an Lungenentzündung starb. Was ist, wenn die alle hier herumspuken?”
Nein, so hatte Athos sich das Weihnachtsfest nicht vorgestellt. Er, der als Musketier so viele Gefahren gemeistert, so viele Schlachten überlebt hatte, sah sich nun mit etwas konfrontiert, das er niemals für möglich gehalten hätte. Geister, so hatte er immer geglaubt, waren etwas, das nur erfunden wurde, um Kindern Angst zu machen, etwas, das sich auch Erwachsene beim Lagerfeuer gerne erzählten um sich zu gruseln. Aber das hier, das war keine erfundene Geistergeschichte, das hier war die Realität, die ihm mit einem Mal erschreckend surreal erschien.
“Komm, Kleines, wir gehen raus zu Vater und Etienne und schauen nach, wie weit sie mit dem Schneemann sind. Danach schmücken wir zusammen den Baum. Keine Angst, es ist alles gut.”
Diesmal eine Frauenstimme, die der von Mylady so erschreckend ähnlich war, dass Athos beinahe vor Schreck das Herz stehen blieb.
Dann war das Tappen von Schritten zu hören,die Tür ging auf, schloss sich wieder.
“Ich dachte immer, Geister gehen durch Wände?”; meinte Raoul, dessen Hand so sehr zitterte, dass er seinen Becher mit Würzwein beinahe fallen ließ, “als Louise sich in den König verliebte, dachte ich, das sei das Schlimmste was ich jemals erleben würde, aber das hier….das übertrifft alles. Ich hätte nie gedacht, dass es Geister wirklich gibt.”
Obwohl auch Athos innerlich total aufgewählt war und Angst hatte, versuchte er, wie er es als Musketier immer getan hatte, die Ruhe zu bewahren.
“Am besten wir beachten die Geister gar nicht, womöglich gehen sie dann wieder.”
In diesem Moment kam die Dienerin Thea mit einem Tablett Plätzchen herein.
“Sie werden nicht gehen, Von Zeit zu Zeit kann man sie hören, aber nicht sehen. Wir müssen damit leben, denn dieses Schloss ist auch ihr Schloss.”
“Wie meint Ihr das?”; fragte Athos gereizt
“Das müsst Ihr selbst herausfinden, Monsieur. Früher oder später werdet Ihr es begreifen und klarer sehen als jetzt.”


So, das war der erste Teil meiner Weihnachtsgeschichte, der zweite folgt in den nächsten Tagen.”

 



 

 

 


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