Artagnan.de - Fanfiction zu Dumas' drei Musketieren

Was im Winter geschah


28. Weihnachtliche Freuden

von Aramis


 

„Hier, d`Artagnan!“ Porthos angelte vier Weinflaschen aus dem Korb und reichte sie an seinen jungen Kameraden weiter, „füllt unseren Kessel damit auf und hängt ihn übers Feuer! Warmer Wein ist das einzige, was einen diese verfluchte Kälte vergessen lässt! Und lasst die Hühnchen nicht verkokeln, seht, die werden schon braun.“

Der Gascogner gehorchte seufzend – als frischgebackener Neuling unter den königlichen Musketieren hier im Feldlager vor La Rochelle wagte er es nicht, solch unfreiwilligen Küchendienst kurzerhand zu verweigern. „Wo stecken denn die Diener?“, knurrte er stattdessen, während er den Bratspieß rotieren ließ, „ich dachte, Kochen wäre ihre Aufgabe?“

„Sie requirieren Feuerholz.“, erklärte Aramis vernehmlich und sah mit vorwurfsvollem Blick von seinem Buch auf, „oder wollt Ihr dieses etwa selber schleppen, mon cher d`Artagnan?“

„Bewahre!“, brummte der junge Gascogner unwirsch zurück, nun ja, wenigstens bewegten die Kerle ihren Hintern! Und bei dieser winterlichen Kälte war ein ordentlicher Stapel Holz nur anzuraten!

„Hier, d`Artagnan!“, wiederholte Porthos seinen Befehl und zog ein leinernes Säckchen aus seiner geräumigen Hosentasche hervor, „tut noch ein wenig Gewürz in den Wein! Wenn unser Freund Athos von der Wache kommt, braucht er was ordentlich Erwärmendes  zu trinken!“

„Parbleu, wo habt Ihr denn solch exquisite Spezereien aufgestöbert?“, fragte Aramis wie beiläufig , ohne von seiner Lektüre aufzublicken, „man kann ihren Duft ja bis hierher riechen!“

„Mein famoser Mousqueton hat sie für mich ins Lager geschmuggelt!“ erklärte Porthos stolz. „Und dazu noch das hier!“ Er langte in seinen riesenhaften Mantelsack und zog ein dickes, mit einer grünen Kordel verschnürtes Paket daraus hervor. „Mes amis, greift zu!“

„Mon Dieu! Früchtebrot und Kuchen!“, murmelte d`Artagnan ehrfürchtig und schnupperte an seinem duftenden Gebäckstück. „Oh, das erinnert mich an zu Hause! In den Tagen vor Weihnachten hat meine Frau Mutter auch immer Honigkuchen gebacken!“ Und er biss herzhaft hinein und kaute mit verklärtem Blick.

„Hier, Aramis, ich bin sicher, Ihr wollt auch ein Stück?“, erkundigte sich der Hüne unter jovialem Zwinkern und reichte seinem jungen Kameraden eine Scheibe Früchtebrot, die dieser freudig und dankend annahm. „Wusst` ich`s doch! Unser Herr Abbé liebt Süßes, in jedweder Gestalt!“

„Mon cher Porthos, was wollt Ihr damit sagen?“, gab Aramis mit funkelndem Blick zurück, ehe er genüsslich in das saftige Gebäckstück biss, „habt Ihr etwa in meinem Mantelsack rumgestöbert?“

„O nein, mein Freund, niemals! Ich werde mich hüten!“  Porthos hob beschwichtigend die Hand, „das würde mir nie einfallen!  Doch mir scheint, mon cher Monsieur l`abbé,“ setzte er mit faunischem Grinsen hinzu, „Eure geistliche Lektüre enthält seit kurzem auch durchaus nahrhafte Alimente! Ist diese meine Beobachtung korrekt?“

Aramis seufzte schwer und klappte sein Buch zu, dann erhob er sich von seinem Feldstuhl, wandte sich hinüber zu seiner Lagerstatt und zog einen dicken Wälzer mit dem deutlich erkennbaren Titel Sprüche Salomonis, zur nutzbringenden Verwendung neu herausgegeben und kommentiert von Pater Hyacinthe de Bellefleur SJ unter der Wolldecke hervor. Er seufzte abermals, hob den ledernen Buchdeckel und hielt den geöffneten Band seinen beiden Kameraden hin.

„Oooh! Feinste Makronen und Marzipan mit Nüssen!“, hauchte der junge Gascogner hingerissen und griff auch schon in die scheinheilig als geistliches Buch maskierte Konfektschachtel, „sowas Köstliches bekam ich als Kind nie!“ Und er langte abermals mit raschen Fingern zu, ehe Aramis den Deckel wieder schließen konnte.

„Da sieht man`s, wer hier die besten Beziehungen hat!“, kommentierte Porthos süffisant und schob sich ebenfalls eine der hauchzarten Makronen in den Mund, „wie kommt denn diese wahrhaft exquisite Bäckerei in Euren Besitz, mon cher Abbé?“

„Bazin hat sie heimlich für mich eingeschleust,“ gab Aramis widerstrebend zu. „Es ist eine Geschenksendung, müsst Ihr wissen - “

„Oho!“, lachte der Hüne und zwirbelte seinen Schnurrbart, „ich glaube, ich weiß von wem! Wohnt sie in Tours?“ Und er hob ungeniert den Deckel der Konfektschachtel und langte abermals mit seiner riesenhaften Hand hinein.

„Porthos, Ihr seid indiskret!“ Aramis gab ihm prompt eins auf die Finger, doch der Hüne ließ sich nicht beirren und schob seinen Raub genüsslich in den Mund. „Herrlich!“, versetzte er augenzwinkernd, „wie tief und innig muss doch diese Liebe sein, wenn sie solch köstliche Leckerbissen hervorbringt! Obwohl – auch das saftige Früchtebrot meiner Herzogin ist beileibe nicht zu verachten!“

„Ah, Messieurs! Was sehe ich denn da?!“, erklang im selben Augenblick eine wohlbekannte Stimme vom Zelteingang her, und ein großer, stattlicher Musketier trat ein, „man delektiert sich hier heimlich an weihnachtlichem Gebäck? Da komm ich ja gerade richtig!“

„Tür zu, Chavigny, es zieht!“, knurrte Porthos stirnrunzelnd. „Und Hände weg von unseren Bäckereien! Es sei denn, Ihr habt ebenfalls welche mitgebracht! A propos, d`Artagnan, die Hühnchen! Nehmt sie vom Bratspieß, jetzt sind sie knusprig genug! Ich kümmere mich um den Wein!“

„Mein lieber Herr Kamerad, denkt Ihr etwa, meine Freunde und ich kommen mit leeren Händen?“, verwahrte de Chavigny sich indigniert. „Hier, Messieurs, was sagt Ihr dazu?!“ Und er schlug die Plane vorm Zelteingang zurück und ließ seine Freunde de Brissart und de Barray eintreten, einen riesigen Korb voller Weinflaschen und eine große zinnerne Platte voll betörend duftendem Gänsebraten in Händen.

„Ah!“ Porthos` Miene erhellte sich prompt, und er grinste den dreien süffisant zu, „wo erlegt man denn hier solch prachtvolles Geflügel? Meine Herren, Ihr habt doch hoffentlich nicht draußen in der Nachbarschaft in fremden Stallungen gewildert?“

Chavigny zwinkerte ebenso anzüglich zurück: „Fremde Ställe? Mon cher Porthos, in feinen Häusern gibt es beileibe bessere Räumlichkeiten!“

„Parbleu, wo denkt Ihr hin, Kamerad!“, knurrte de Barray ungehalten, während er schnaufend seine Last absetzte, und de Brissart erklärte trocken: „Der Gutsverwalter meiner hochverehrten Frau Mutter betreibt eine florierende Geflügelzucht, und mein Diener Jacques, ein bekannt findiger Bursche, hat sie uns heimlich hier eingeschleust. Die Gänse, meine ich.“

„Hervorragend! Das lob ich mir!“ Porthos grinste abermals und rieb sich die Hände, „damit sind unsere Hühnchen in bester Gesellschaft! Jawohl, ich muss sagen, auch Mousqueton ist als Proviantlieferant wirklich erstklassig. Hier, meine Herren, kostet nur diesen formidablen Würzwein!“ Und damit stellte er den dampfenden Weinkrug auf den Tisch.

„Nun, mit weihnachtlichem Gebäck seid Ihr, meine verehrten Kameraden, ebenfalls gut bestückt, wie man sieht!“, rief de Chavigny hochgemut, während er ein sorgfältig verschnürtes Paket unterm Mantel hervorzog und es sich zusammen mit seinen beiden Gefährten am gemeinschaftlichen Tisch bequem machte, „aber ich will dennoch ein paar würzige Lebzelten meiner liebenswürdigen Frau Base beisteuern, die Gute verwöhnt mich, es ist nicht zu glauben!“ Er zwinkerte Aramis vielsagend zu, „doch kommt, meine Herren, rücken wir ein wenig näher zusammen, hier auf der Bank, damit unser geschätzter Herr Abbé und unser junger Novize ebenfalls genügend Platz finden!“

Da flog das Zelttuch vorm Eingang resolut auseinander, ein hochgewachsener Musketier stapfte herein und schüttelte brüsk den Schnee von seinem Mantel.

„Athos!“, entfuhr es hocherfreut der um den Tisch versammelten Gesellschaft, und Porthos rief triumphierend: „Ha, mein Freund, Ihr kommt gerade recht! Unser Mahl steht auf dem Tisch, der Wein ist heiß, und wenn unsere Kehlen ordentlich geschmiert sind, dann singen wir wohl gar noch zusammen In dulci jubilo!“

„Den Wein genieße ich gerne, und das Essen ebenso!“, gab der Musketier mit rauer Stimme zurück und klopfte die letzten Schneeflocken von seinen Kleidern. Dann legte er Hut und Waffen ab und ließ sich aufatmend am gedeckten Tisch nieder. „Doch was Euren vielstimmigen weihnachtlichen Gesang betrifft, so bedenkt bitte, meine Herren, man sollte erfahrungsgemäß in nüchternem Zustand nicht singen. Enthalten wir uns daher vorerst aller musikalischen Eskapaden und sorgen stattdessen lieber für unser leibliches Wohl!“ Und damit hielt er Porthos seinen Weinbecher hin.

  

 


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