Artagnan.de - Fanfiction zu Dumas' drei Musketieren

Was im Winter geschah


29. Alle Jahre wieder

von Aramis



„Aaah!“, stieß der Baron du Vallon erleichtert hervor, während er sich aufatmend auf dem Sofa niederließ und seine durchnässten Stiefel von den Beinen streifte. Ha, heute hatte er endlich den kapitalen Rehbock erlegt, auf den er seit Tagen scharf war! Und dies weidgerecht zum richtigen Zeitpunkt, denn nach Weihnachten begann bekanntlich die Schonzeit, und damit war es mit der Bockjagd bis zum Mai wieder vorbei! Und so lange auf die exquisiten zarten Rehmedaillons in Cognacsauce zu verzichten, das war schon ein wenig traurig, wie er sich eingestand. Musste er sich doch den gesamten Winter über mit der Jagd auf Hasen und Wildschweine zufriedengeben, wenn das edle Rotwild nicht bejagt werden durfte! Und deren Fleisch war beileibe nicht mit besagten Rehmedaillons oder einem köstlich zubereiteten gespickten Hirschbraten vergleichbar! Jawohl, der kapitale Sechzehnender, den er letztens in seinem Revier erspäht hatte, der sollte auch noch dran, ehe das Jahr um war! „Nicht wahr, meine Buben?“, brummte er seinen beiden riesenhaften Jagdhunden zu, die sich ihm sofort schweifwedelnd zuwandten und ihre nassen Pfoten auf die seidenbezogenen Polster stemmten, „was meint ihr dazu?“ Die Hunde gaben prompt und begeistert ein lautes winselndes Japsen von sich, was bewies, dass Porthos` Vorhaben ihren natürlichen Jagdtrieb spornte, und der Hüne kraulte ihnen sanft das feuchte Fell, dessen strenger Geruch sich nun immer deutlicher im Salon verbreitete. Und da öffente sich auch schon resolut die Türe, ein Seidenkleid rauschte über die Schwelle, und eine scharfe Frauenstimme rief ärgerlich aus: „O nein! Mon Dieu, mein Herr Gemahl, nicht schon wieder!“

Die Hunde ließen sogleich vom Sofa ab, duckten sich und kniffen unterwürfig die Rute ein, und Porthos warf seiner Gemahlin einen zwar bloß gespielten doch nichtsdestoweniger ebenso schuldbewussten Blick zu. Aber das nützte ihm nichts, schon fuhr Madame du Vallon mit zorngerötetem Antlitz auf ihn los. „Mon cher mari!“, fauchte sie und wies entrüstet auf Teppich und Sofa, „wie oft muss ich Euch noch sagen, dass Ihr Eure beiden Köter nicht hier hereinlassen sollt! Seht Euch nur diese Flecken auf den Seidenbezügen an! Feuchter Kot und Schneematsch! Glaubt Ihr denn, das bekommt man wieder heraus?! Und erst der Teppich! Da, schaut, nichts als Dreck! Meint Ihr etwa, dies wäre ein Fußabstreifer?!“

„Mon Dieu, Madame, nun ereifert Euch doch nicht so!“, gab der Hüne seufzend zurück, „Ihr seid nicht mehr die Jüngste, wie Ihr wisst, und Aufregung kann dem Herzen schaden - “

„Wie - ?!“ Die Dame des Hauses erbleichte und starrte ihrem Gatten sprachlos ins Gesicht. Beim Allmächtigen! Das war ja wohl der Gipfel! Schon wollte sie wutentbrannt zu einer saftigen Replik ansetzen, da sprang Porthos bereits vom Sofa auf und trat raschen Schrittes auf sie zu. „Meine Liebe,“ gurrte er sanft und legte seiner Gemahlin begütigend den herkulischen Arm um die füllige Taille, „bitte verzeiht! Ich wollte Euch doch nicht beleidigen! Aber Ihr müsst zugeben, dass solcher Ärger sich unheilvoll auf Eure Gesundheit auswirken kann!“

„Mein lieber Herr Gemahl!“, zischte seine Angetraute zurück, „wenn mich etwas meine Gesundheit kostet, dann sind`s Eure fortwährenden schmutzigen Eskapaden! Bitte nehmt endlich ein für alle Mal zur Kenntnis, dass mein Salon kein Hundezwinger ist! Und ebensowenig eine schmierige Taverne!“ Sie wies auf den exquisiten, zierlich geschnitzen Tisch, auf dem ein gebrauchtes Weinglas, einige leere Weinflaschen und ein silberner Teller mit abgenagten Hühnerknochen standen. „Wenn Ihr schon hier an meinem Teetisch Euren Gelagen frönen müsst, so befehlt wenigstens Charles oder Eurem geschätzten Monsieur Mouston, er soll die unappetitlichen Überreste hinterher gefälligst entsorgen!“ Sie ergriff die silberne Tischglocke und schwang sie resolut, worauf sich zaghaft die Türe öffnete und ein kleiner hagerer Dienstbote schüchtern durch den Spalt lugte. „Nur herein, Charles!“, rief die Herrin des Hauses unwirsch, „mach dich an die Arbeit und walte deines Amtes! Und das nächste Mal möchte ich dies erleben, ohne dass ich es dir ausdrücklich befehlen muss! Ist das klar?!“

„Jawohl, Madame!“, murmelte der Diener mit unterwürfigem Bückling, mon Dieu, die Gnädige hatte heute wieder ausnehmend schlechte Laune! Stumm und mit gesenktem Kopf machte er sich daran, das schmutzige Geschirr wie befohlen abzuräumen, während Porthos ihm verstohlen einen teilnahmsvollen Blick zuwarf. Endlich war`s getan, Charles verschwand samt Weinglas, Teller und Flaschen, und Madame du Vallon ließ sich aufstöhnend in einen Lehnstuhl sinken, die eheberingte Hand an die schmerzende Stirn gepresst. „Mon Dieu! Ich werde hier in diesem Hause noch verrückt!“

Ihrem Gatten schoss prompt eine entsprechende Replik durch den Kopf, doch er hielt wohlweislich an sich und begab sich stattdessen auf bloßen Strümpfen hinüber zur Türe, um seine beiden vierbeinigen Gefährten zu entlassen. Diese verließen auch sofort und offensichtlich nur zu gerne den ungemütlichen, gewitterschwangeren Salon.

„Doch nun, mon cher mari, zu etwas weit Wichtigerem!“, erklärte die Dame des Hauses entschlossen und richtete sich kerzengerade in ihrem Stuhl auf. „Wie Ihr wisst, nahen die Festtage heran, Weihnachten steht vor der Tür, und ich habe diesbezüglich noch einiges mit Euch zu erörtern!“

Erörtern!, sagte sie, und beim Klang dieses Wortes zuckte Porthos unwillkürlich zusammen. Morbleu, ihm schwante Übles! „Ma chère, tragt Ihr Euch etwa mit dem Gedanken, unsere lieben Nachbarn, die Boisrenards, zum weihnachtlichen Festmahl einzuladen?“, erkundigte er sich vorsichtig.

„In der Tat!“, bestätigte Madame du Vallon kühl. „Mon cher mari, habt Ihr etwa was dagegen einzuwenden?“

„Nun…“, setzte ihr Gatte an, doch die Worte wollten ihm partout nicht über die Lippen kommen, und wahrhaftig, hätte er seiner Gemahlin denn offen gestehen können, was er von seiner verehrten Nachbarschaft hielt? Madame de Boisrenard war nichts weniger als eine unliebenswürdige, scharfzüngige alte Schlange, die ihren Geifer nur zu gern verspritzte, ihr dürrer, betagter Ehegemahl dagegen ein Bild des Jammers, und der schmalbrüstige pickelige Herr Sohn ein hoffnungsloser Dummkopf, dem es bis heute nicht gelungen war, sich den scharfen Fängen der Frau Mama erfolgreich zu entwinden. Und mit diesen überaus unerfreulichen Herrschaften sollte er also am Weihnachtsabend zu Tisch sitzen und mühevoll Konversation machen! Pfui Teufel! Wie ihm bei diesem Gedanken grauste!

„Was, nun?!“, wiederholte seine streitbare Gemahlin auch schon wie vorhergesehen, „behagt Euch, mon cher mari, mein Vorschlag etwa nicht? Doch Ihr vergesst dabei, dass wir gesellschaftlich dazu verpflichtet sind, unsere Nachbarn vice versa zu den heurigen Festtagen einzuladen, nachdem wir letztes Jahr an Weihnachten zu Gast bei ihnen waren!“

Allerdings!, dachte der Baron und schüttelte sich innerlich, als er an dieses grandiose Ereignis zurückdachte. Sacrédieu! Selten hatte er sich dermaßen entsetzlich gelangweilt! Und als er daher beschloss, seinen Missmut im Wein zu ertränken, erntete er dafür prompt zutiefst vorwurfvolle, naserümpfende Blicke sowohl von der Hausherrin als auch von seiner Gattin. Morbleu! Was zum Teufel hätte er denn sonst tun sollen?! Mit den beiden Damen über den neuesten Dorfklatsch räsonnieren?! Oder mit dem alten, schwerhörigen Herrn Pfarrer, der ebenfalls mit an der Tafel saß, zwar bemühte, doch mehrenteils eingleisige Gespräche über die letztens stattgehabten Begräbnisse führen?! Gar nicht zu reden von Monsieur le fils, diesem hohlköpfigen Taugenichts, der ebenso wenig Mumm in den Knochen hatte wie ein verschrecktes Huhn! Parbleu, wenn er da an Raoul dachte! Zwischen Athos` Sohn und diesem lahmen Kretin lagen wahrhaftig unendliche Welten! Und ha!, da kam ihm auch schon mit einem Mal ein Gedanke -

„Meine Liebe,“ begann er zögernd und verdächtig sanft, „ich finde, wir sollten, was weihnachtliche Einladungen anbelangt, doch ein wenig mehr ausgleichende Gerechtigkeit walten lassen - “

Seine Gemahlin hob sofort stirnrunzelnd die Brauen. „Ach ja? Wie, mon cher mari, darf ich dies verstehen?“

„Nun,“ fuhr Porthos sachte und behutsam fort, „voriges Jahr habt ja Ihr bestimmt, wie und bei wem wir die Weihnachtsfeiertage verbringen. Daher ist es nur recht und billig, wenn heuer ich zur Abwechslung diese Entscheidung übernehme. Nicht wahr, ma chère?“

Madame du Vallon sah ihrem Gatten stumm ins Gesicht, im ersten Augenblick verblüfft, doch im nächsten sprang sie wütend von ihrem Stuhl auf. „O nein, mein Herr Gemahl!“, rief sie zornblitzenden Auges und drohte ihrem Ehemann mit erhobenem Zeigefinger, „ich weiß, worauf Ihr hinauswollt! Und ich sage Euch gleich, das ist ganz unmöglich!“

„Und warum, bitte, soll das unmöglich sein?!“

„Weil wir, wie ich Euch vorhin schon sagte, gesellschaftliche Verpflichtungen haben!“, fauchte sie zurück. „Wir dürfen es uns doch nicht mit unseren Nachbarn verscherzen! Es gibt nun einmal Regeln! Konventionen! Auch, wenn diese Euch, mein Lieber, durchaus nicht behagen wollen!“

„Gut!“, erklärte Porthos unerwartet fest. „Wenn dem so ist, meine Liebe, dann ladet die Boisrenards nur unbekümmert ein! Ich tue desgleichen mit meinen guten Freunden!“

„Mein verehrter Herr Gemahl, ich sagte schon, dies ist unmöglich!“, zischte die Herrin des Hauses mit zornfunkelnden Augen. „Glaubt Ihr etwa, Madame de Boisrenard verspürt brennende Lust darauf, Euren ungehobelten Musketierfreunden zu begegnen?! Da sei Gott vor!“

„Also wirklich!“, schwoll Porthos nun der Kamm, und er richtete sich drohend zu voller Größe auf, „wie könnt Ihr, meine Liebe, so etwas sagen! Der Comte de la Fère gehört, wie Ihr doch wisst, zu den edelsten Männern dieses Landes, und sein Sohn, der Vicomte de Bragelonne, ist ein überaus gesitteter und wohlerzogener Jüngling! Und was den Chevalier d`Herblay betrifft, so ist niemand auf dieser Welt kultivierter und feinsinniger als er, wozu wäre er denn sonst Priester! Keiner von meinen Freunden ist also ein ungehobelter Musketier!“

„Und was ist mit Monsieur d`Artagnan?“, fragte seine Angetraute spitz und verschränkte die Arme vor der Brust. „Ist etwa auch aus ihm mittlerweile ein erlauchtes Mitglied der Haute Noblesse oder ein schöngeistiger Herr Abbé geworden?“

„Mein Freund gehört zwar nach wie vor den königlichen Musketieren an,“ gab Porthos grollend zu, „aber er bekleidet immerhin den Rang eines Leutnants! Und das wird man nicht einfach so, dazu braucht es Verdienst! Zudem ist er ein äußerst mutiger und scharfsinniger Mann, der unserem Haus einzig und allein zur Ehre gereicht! Also?!“

Madame du Vallon kniff wortlos die Augen zusammen und musterte ihren Gatten mit abschätzendem Blick. Doch dann senkte sie, wider Erwarten, resigniert die Lider und erklärte seufzend: „Nun gut, um der Gerechtigkeit und des lieben Friedens willen will ich Euch gestatten, Eure Freunde zum weihnachtlichen Festmahl einzuladen. Doch seid gewarnt!“, setzte sie drohend hinzu, „ich habe mitnichten vor, den Boisrenards damit einen Korb zu geben! Eure Herren Kameraden werden sich also mit meinen Gästen vertragen müssen!“

„Oh, habt keine Sorge, meine Liebe, das werden sie, das werden sie!“, versetzte Porthos mit füchsischem Lächeln und hob beteuernd beide Hände, „seid gewiss, ma chère, sie werden ein Herz und eine Seele sein!“
 

 

 


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