Artagnan.de - Fanfiction zu Dumas' drei Musketieren

Was im Winter geschah


3. Miséricorde (suite)

von kaloubet


„Rückt ihn raus!“

„Nein!“

„Rückt ihn raus, sage ich Euch.“ Porthos schüttelte den Kopf, seine Stimme wurde sanfter. „Ich bitte Euch!“

„Nein!“ Aramis stand mit dem Rücken gegen eine Tür gelehnt, eine einfache Tür aus Holz in einer Scheune, in der der Lagergeistliche die Gegenstände verwahrte, die es ihm erlaubten die Messe zu lesen. Ihm gegenüber standen seine Freunde, bewegt noch von der Predigt und der trotz der einfachen Umstände oder gerade wegen ihnen  ergreifenden Messe. Und deswegen mochte auch diese Sanftmut in Porthos´ Stimme widerklingen, die sonst nicht seine Art war.

„Aramis. Wir brauchen ihn, das wisst Ihr. Seid großherzig und rückt ihn raus, nur eine Flasche.“

Aber sein Freund schüttelte den Kopf. „Wie stehe ich denn da, wenn ich den Messwein stehle? Versteht Ihr das denn nicht? Was Ihr wollt, aber nicht den Messwein. Wie kann ich predigen, dass Stehlen Sünde ist und gleich darauf genau dieses tun?“

„Das ist kein Diebstahl, das ist Dienst an Eurem Nächsten. Und außerdem  ist es der einzige Wein, den wir noch im Lager haben. Wir brauchen ihn.“

„Brauchen.“ Aramis schnaubte, leise Verachtung klang in seiner Stimme mit. „Ihr wollt Euch besaufen, aber wozu bräuchtet Ihr das? Denkt an die Opfer, die Ihr durch die Enthaltsamkeit auf Euch nehmt. Denkt an Euer Seelenheil.“

Aber Porthos ließ sich nicht auf die Provokation ein, er blieb gelassen und ungewohnt sanft: „Wir brauchen ihn sage ich Euch. Nicht für uns, für Athos.“

Etwas überrascht zögerte sein Freund, doch dann schüttelte er wieder den Kopf. „Auch er braucht ihn nicht. Noch weniger als Ihr oder wollt Ihr seine Trunksucht unterstützen?“

„Mit einer Flasche?“ Porthos zog fast belustigt die Augenbrauen hoch. „Da bräuchte ich eine ganze Kiste und selbst die würde nur wenige Tage vorhalten. Nein. Ich möchte ihm einen Dienst erweisen, heute Nacht. Eine kleine Überraschung, wenn Ihr so wollt.“

Aramis sah fragend zu d´Artagnan, der stumm daneben stand, aber dieser zuckte nur mit den Schultern, was bedeuten sollte, dass ihn ihr großer Freund nicht in seine Pläne eingeweiht hatte. Also wandte sich der Abbé in spe wieder an den Hünen: „Eure Absichten mögen ja redlich sein, mein Freund, aber ich soll deswegen einen Diebstahl begehen? Und noch dazu an den Besitztümern der Kirche?“

Porthos breitete die Arme aus: „Ist es nicht das, was Jesus predigte? Den Armen zu geben? Müsste da nicht die Kirche mit gutem Beispiel vorangehen? Sagte nicht Lukas: und wer dir den Mantel nimmt, dem wehre nicht auch den Rock? Außerdem, wer sagt denn, dass Ihr den Wein stehlen sollt? Wir legen dem Geistlichen ein wenig Geld hin, das ist ja kein Problem. Seit es nichts mehr zu kaufen gibt, habe ich genügend davon.“ Wie um das Gesagte zu beweisen zog er einige Münzen aus seiner Hosentasche und hielt sie Aramis hin. Dieser überlegte und ein leichtes Grinsen zog über sein Gesicht bevor er langsam antwortete: „Ihr seid geschickt, mein Freund. Jetzt dreht Ihr es so, als fehle es mir an Barmherzigkeit.“

„Das tut es auch, sonst hättet Ihr diese Tür schon lange aufgeschlossen.“, erklärte Porthos nun mit Nachdruck, denn er merkte, wie sein Freund zu schwanken begann.

Aramis schüttelte noch einmal den Kopf und sah seine Freunde an. Er schien das Für und Wider abzuwägen und Porthos war klug genug, ihn nicht zu bedrängen. Schließlich legte er den Kopf schief: „Aber nur eine Flasche und nur dieses eine Mal.“

„Das verspreche ich Euch.“, erklärte Porthos feierlich.

 ***********

Der Eingang zu den Gräben war zugeschneit, es war nichts anderes, als eine Art Loch im Boden, in das  Stufen gegraben worden waren und das in einen Gang mündete, der zu den vorderen Gräben führte. Doch die dicke Schneedecke verbarg die Stufen und füllte die Grube fast aus, so dass das Hinuntersteigen zu einer glitschigen und nassen Angelegenheit wurde. D´Artagnan fluchte, als er in dem feuchten Schnee ausglitt und sich mit der Hand abstützen musste, wodurch der Schnee nass und kalt in seinen Handschuh geriet. „Eine wirklich großartige Idee, Porthos,“ murrte er und strich sich den Schnee von den Kleidern, „in dieser Dunkelheit zu den vorderen Gräben zu gehen. Entweder wir erfrieren auf dem Weg oder wir werden von unseren eigenen Kameraden erschossen. Wer kommt schon auf die Idee, sich mitten in der Nacht in den Gräben herumzutreiben?“

Porthos, der schon unten war und ungeduldig auf seine Freunde wartete, zuckte nur mit den Achseln, was der Gascogner in den Dunkelheit aber nicht sehen konnte. „Ich habe Euch nicht gezwungen mitzugehen.“, erinnerte er ihn. „Das war Euer eigener Entschluss, also werft es mir nicht vor. Aber seid beruhigt, ich kenne das Losungswort für diese Nacht.“

„Und wie lautet das?“, fragte nun Aramis, der sich nach d´Artagnan vorsichtig herunter getastet hatte.

„Paradies.“

„Paradies? Welcher Spaßvogel hat sich denn das ausgedacht?“ knurrte d´Artagnan und zog mit einem angeekelten Gesichtsausdruck, den allerdings auch niemand sah, seinen Stiefel aus dem nassen Schlamm, nur um beim nächsten Schritt wieder bis zur Wade darin zu versinken. „Wäre Hölle nicht angemessener gewesen? Bodenlose Hölle?“

„Vielleicht war das übertragen gemeint.“, erklärte Aramis. „Vielleicht meint der Kardinal, wer sich in dieser Nacht für den Dienst im Graben meldet, erlangt das Paradies dank seiner Fürsprache.“

„Er erlangt vor allem die Krankenstation, was seinen Weg ins Paradies vielleicht beschleunigen mag.“, entgegnete d´Artagnan. „Aber da wir uns nicht gemeldet haben und sozusagen unrechtlich hier sind, befürchte ich, dass uns wenig Fürsprache zuteilwerden wird, wenn uns ein Offizier entdeckt.“

„Jetzt seid nicht so zögerlich und haltet vor allem den Mund.“, flüsterte Porthos, „wir kommen an den ersten Posten.“ Und dieser zögerte nicht, den Freunden eine geladene Pistole vor die Brust zu halten, denn die Ablösung war erst um fünf Uhr vorgesehen und wer sich vorher in den Gräben herumtrieb, musste unredliche Absichten haben. Doch noch bevor er warnend rufen konnte, hatte Porthos ihm auch schon die Losung gesagt und war unter stetiger Beteuerung, sie seien Soldaten Trévilles, so nah an den altgedienten Soldaten herangetreten, dass der sein Gesicht sehen konnte, worauf er die Pistole herunter nahm und den Musketier gehörig zusammenstauchte. Porthos nahm es gelassen und gab ihm zum Dank, dass er sie vorbei ließ, ein Stück Kautabak, worauf der Posten ein Entwarnungspfeifen hören ließ, das den Freunden den Weg freimachen sollte.

Und tatsächlich ließen die nächsten Posten sie passieren, nicht ohne die Entwarnung immer weiter zu geben. Der Weg zu den vordersten Gräben war beschwerlich, da der Schnee in den Vertiefungen schon kniehoch stand und die Erde darunter nur noch aus Schlamm bestand. Außerdem war es nun, gegen zwei Uhr morgens, so dunkel, dass die Freunde die Posten nur dann sehen konnten, wenn sie fast in sie hineingelaufen waren. Und immer noch zeigten die Soldaten nach vorne, wenn Porthos flüsternd nach Athos fragte. Die Abstände zwischen den Wachen waren weit, sie hörten lange Zeit nur ihre eigenen Schritte, gedämpft durch den Schnee, das leise Schmatzen des Schlammes und nichts sonst. Rechts und links ihres Weges ragten die Wände der Gräben aus Erde auf, man konnte nur über sie hinwegsehen, wenn man auf die Balken trat, die zu diesem Zweck an ihrem unteren Rand angebracht waren, und so kam es Aramis nach wenigen Metern vor, als würden sie hier schon Stunden gehen, auf einer absurden Wanderung durch die Innereien der Erde. Bis Porthos plötzlich bei einem Schatten stehen blieb. Athos´ Hut und Mantel waren genauso schnee-, seine Hose und Stiefel ebenso schlammbedeckt wie die aller Soldaten hier, so dass er auch bei etwas hellerem Licht kaum zu sehen gewesen wäre. In der tiefen Dunkelheit erkannte ihn Aramis erst, als er vor ihm stand und ihn umarmte. Dabei bemerkte er ein Zittern und sah den Älteren prüfend an. Seine Lippen waren blaugefroren und er bemühte sich vergebens, das leise Klappern seiner Zähne zu unterdrücken. Es musste grausam sein, in dieser Nacht hier zu stehen. Die Kälte war durchdringend, man konnte sich nicht vor der Nässe des Schnees schützen und die Tatsache, dass es diese Nacht nur wenige Posten waren, ließ nicht einmal eine kleine Pause zu. Und trotzdem blieb Athos´ Haltung aufrecht wie immer und er sah seine Freunde nach der Begrüßung streng an. „Was macht Ihr hier?“, flüsterte er und in seiner Stimme war Tadel zu hören.  „Ihr wisst doch, dass es verboten ist, sich in den Gräben herumzutreiben.“

Aber Porthos legte ihm nur den Arm um die Schultern und zog ihn zu sich heran – was etwas war, das sich Aramis nie erlaubt hätte, vor allem nicht wenn Athos Dienst hatte, denn da verstand er keinen Spaß. Doch der Hüne kannte ihren Freund schon länger als sie und hatte auch schon einige Kampagnen an seiner Seite gefochten, vermutlich war daraus diese besondere Vertrautheit entstanden, die der jüngere Musketier schon des Öfteren zwischen den beiden wahrgenommen hatte. So wie auch jetzt, als sich Porthos nicht um das Reglement scherte, seinen Arm weiterhin auf Athos´ Schultern beließ  und mit der anderen Hand in seiner Manteltasche nestelte. Schließlich zog er eine gut eingewickelte Flasche aus der Tasche und überreichte sie seinem Kameraden: „Frohe Weihnachten“,  wisperte er leise, „wir bringen Euch ein Mittel gegen das Erfrieren.“

Athos seufzte und dieser Laut sagte mehr, als wenn er sich beklagt hätte, dann nahm er die Flasche, wickelte sie aus, entkorkte sie und der betörende Duft heißen Gewürzweines verbreitete sich in der Nacht. Alle vier verharrten einen Moment regungslos, die Dunkelheit, der Schnee und die Kälte waren für die Dauer eines Augenschlags nicht länger feindselig, sondern anheimelnd, sprachen von warmen Stuben und Geborgenheit. Doch allzu kurz war der Moment, ein leiser Windhauch, das Klirren von Metall und sie waren zurück in den Gräben, zurück im Krieg und der Wein war nur das, was er eben war, heißer Gewürzwein. Athos hielt die Flasche zuerst einfach nur fest, wärmte seine erstarrten Finger an dem heißen Glas. Dann trank er einen tiefen Schluck und seufzte wieder. „Parbleu, das tut gut. Aber Ihr solltet nicht derartige Gefahren auf Euch nehmen, nur um mir heißen Wein zu bringen.“

„Das ist das Mindeste, was wir tun konnten.“, erklärte Porthos. „Denn in dieser Nacht sollte niemand allein sein. Wir wollten Euch frohe Weihnachten wünschen und ich dachte mir, dass ein Schluck hiervon willkommen wäre.“ - „In der Tat“, gab Athos zu, „ich gestehe, dass es elend kalt ist. Und dennoch ist das Risiko zu groß. Wenn ein Offizier Euch erwischt, werden Ihr mindestens mit Strafdienst belegt. Und glaubt mir, das ist im Augenblick kein Zuckerschlecken.“ - „Wenn sogar Ihr das sagt, dann muss es stimmen.“, erklärte d´Artagnan, dessen Zähne inzwischen klapperten wie Kastagnetten, „Ich spüre meine Füße schon jetzt nicht mehr.“

„Ihr Gascogner seid eben keinen Winter gewöhnt.“, spottete Porthos und reichte ihm die Flasche. „Trinkt einen Schluck, dann taut Ihr zumindest innerlich wieder auf.“

„Wie ein Braten“, erklärte Aramis trocken, „nur umgekehrt. Bedenkt aber bitte die Herkunft des Weines und trinkt mit Bedacht.“

„Mit Bedacht?“, fragte Athos und sah seine Freunde an. „Ja“, entgegnete Aramis, „denn es ist immerhin Messwein, den Ihr hier trinkt. Er mag Eurem Seelenheil dienlich sein.“ – „Höre ich da Ironie in Eurer Stimme?“, fragte Porthos. „Das scheint mir für einen Mann der Kirche aber nicht ziemlich.“ - „Das liegt daran, dass ich mir nicht sicher bin, ob gestohlener Messwein denselben Effekt hervorruft.“, entgegnete sein Freund etwas kühl.

„Gestohlener Messwein.“, wiederholte Athos und ein leises Grinsen kräuselte seine Lippen bevor er wieder zur Flasche griff. „Gestohlen! Das ist nicht wahr, wir haben ihn bezahlt …“, setzte Porthos mit Vehemenz zu einer Erklärung an, unterbrach sich aber, als Athos neben ihm plötzlich von einem Hustenanfall gepackt wurde, der ihn schier in die Knie zwang. Da er sich bemühte jedes Geräusch zu vermeiden und Atemholen den Husten verstärkte, rang er schließlich derart um Luft, dass ihn Porthos unter den Armen fasste und festhielt bis der Anfall vorüber war. „Ihr hättet Euch nicht zum Dienst melden sollen“, erklärte er dann besorgt, „Ihr seid krank und gehört ins Bett.“

Athos machte sich unwillig frei und schüttelte den Kopf. „Tréville hätte mich sowieso eingeteilt. Und das ist nur eine Lappalie. Nichts worüber man sich aufregen müsste.“ – „Dergleichen Lappalien haben schon einige ins Grab gebracht, mein Freund“, widersprach Porthos „und Eure Behandlungsmethode im Schützengraben scheint mir wenig Erfolg versprechend.“

„Sie ist so gut wie jede andere.“, entgegnete Athos. „Ich weiß nicht, ob die Anzahl der Toten, die jeden Tag aus dem Lazarett geborgen werden, nicht größer ist als die, die hier im Schlamm verenden.“

„Ihr solltet heute Nacht nicht zynisch sein“, meinte Aramis sanft, „nicht heute Nacht.“ Athos sah ihn an, ein wenig Mitleid, aber auch ein wenig Spott lag in seinem Blick. „Vielleicht gerade heute Nacht, mein Lieber.  Wisst Ihr, ich stehe schon mehrere Stunden hier und der Kadaver dort drüben stinkt noch immer bestialisch. Ihr erinnert Euch sicher, es war Gauthier, den es dort drüben erwischt hat. Oder wart Ihr nicht dabei? Ein Bauchschuss, er hat noch zwei Tage lang gelebt und niemand konnte ihn holen, weil die Feinde sich auf ihn eingeschossen hatten.“ Er schüttelte den Kopf. „Nein, die Versprechen von Erlösung klingen mir ein bisschen hohl angesichts des Grauens um uns herum.“  Dann straffte er sich und blickte zu d´Artagnan und Aramis, die ihn ein wenig fassungslos ansahen, so als könnten sie nicht glauben, dass ausgerechnet er, der immer auf Rechtschaffenheit geachtet hatte, solche Worte finden konnte. Er bemerkte ihre Blicke und schüttelte wieder den Kopf, als ob er sich selbst ermahnen wolle, während ein melancholisches Lächeln über seine Lippen glitt. „Verzeiht. Verzeiht einem alten Soldaten, der vielleicht ein bisschen zu viel gesehen hat. Verzeiht meine rüden Worte und nehmt meinen Dank für den Wein. Glaubt mir, ein besseres Geschenk hättet Ihr heute Abend nicht finden können. Aber nun müsst Ihr zurück. Auch Ihr habt morgen Dienst und es ist spät.“ Er umarmte seine beiden Freunde und wollte sich auch von Porthos verabschieden, aber der Hüne hob die Hand. „Nein, ich bleibe. D´Artagnan, Aramis, Ihr seid morgen eingeteilt, ich nicht. Ich bleibe hier.“ Und er sagte diese Worte mit derart Nachdruck, dass selbst Athos nicht widersprach und nur mit den Schultern zuckte, während sich ihre jungen Freunde, durchaus nicht unglücklich der Kälte zu entkommen, auf den Rückweg ins Lager machten.

Eine ganze Weile standen sie nebeneinander und blickten in die Finsternis, ließen den Schnee auf sich niederrieseln ohne auch nur den Versuch zu machen, ihn wegzuwischen. Es hatte sowieso keinen Wert, es schneite noch immer in dicken Flocken und bald waren Porthos´ Hut und Mantel ebenso weiß und klamm wie die seines Freundes.

Es war schließlich Athos, der die Stille brach und murmelte: „Ihr müsst das nicht tun.“ – „Was?“ – „Mit mir Wache stehen. Ich dachte, Euch liege etwas an diesem Abend.“ – „Eben weil mir etwas an ihm liegt, bin ich hier.“

Erstaunt drehte Athos den Kopf, sah seinen Freund an. „Das, mein Lieber, verstehe ich nicht. Euch liegt etwas an der Weihnachtsnacht und Ihr verbringt sie im Schützengraben?“ – „Mit Euch, ja.“ – „Mit mir?“, wiederholte Athos langsam. „Und warum?“ – „Gott, was könnt Ihr penibel sein“, entgegnete Porthos,  „brauche ich denn einen Grund, wenn ich einen Freund nicht allein lassen will in einer Nacht, die eigentlich die schönste des Jahres sein sollte? In einer Nacht, die niemand allein und nur in der Kompanie von Kadavern verbringen sollte?“

„Wisst Ihr“, erklärte Athos langsam, „das Angenehme an Kadavern ist, dass sie einen in Frieden lassen.“ Porthos sog bei dieser Bemerkung hörbar die Luft ein, bleib erst einmal einige Minuten still und antwortete dann schneidend: „So wie ich Euch in Frieden lassen soll? Ist es das, was Ihr Euch wünscht? Sagt es mir, ich werde gehen. Ich werde Euch in Frieden lassen. Euch und Eure Toten.“

Athos drehte sich zu dem großen Musketier um. Seine Stimme war leise, aber eindringlich: „Ihr müsst nicht beleidigt sein. Ich sage das nicht, weil mir Eure Gesellschaft unangenehm wäre, aber Ihr erwartet diese Nacht etwas Besonderes. Für Euch ist diese Nacht magisch, für mich nur eine Nacht wie jede andere. Und ich befürchte, ich zerstöre Eure Erwartungen und das will ich nicht. Deswegen habe ich auch unsere Freunde weggeschickt. Sie sind noch zu jung um zu verstehen. Ihr habt dasselbe gesehen wie ich, deswegen dachte ich, Ihr hättet verstanden. Aber das ist nicht der Fall, darum wäre es besser, Ihr ginget auch. Lasst mich hier heute Nacht, hier ist mein Platz.“   

„Nein.“, entgegnete Porthos, sanfter nun. „Auch Ihr seid hier nicht an Eurem Platz. Das ist kein Platz um die Weihnachtsnacht zu verbringen, für niemanden. Und wenn Ihr sagt, auch für Euch sei diese Nacht wie jede andere, warum wollt Ihr sie dann gegen jede Vernunft hier draußen verbringen? Warum meldet Ihr Euch nicht krank?“ Er näherte sich Athos und da dieser auf dem Balken stand, Porthos aber auf dem Boden, war sein Gesicht auf derselben Höhe wie das seines Freundes. „Ich sag Euch, warum Ihr Euch freiwillig gemeldet habt.“, fuhr er dann fort, „nicht weil Euch nichts an dieser Nacht, sondern weil Euch zu viel an ihr liegt. Weil sie Euch heilig ist und Ihr Euch gerade in dieser Nacht als Aussätziger fühlt. Als jemand, der nicht länger an der Vergebung, der Liebe, dem Glück teilnehmen kann, die diese Nacht mit sich bringt, warum auch immer Ihr Euch das einreden mögt.“

Athos schnaubte leise durch die Nase, bereute es aber sofort, weil es ihn zu husten zwang. Dann, als er wieder sprechen konnte, flüsterte er: „Seid doch nicht so naiv. Wie könnt Ihr glauben, dass es für jemanden wie uns, wie mich, noch Liebe, Glück oder gar Vergebung geben könnte? Porthos, ich bitte Euch. Ihr habt mit mir gekämpft, Ihr habt getan, was ich tat, was sie uns zu tun befahlen. Wie könnt Ihr von Liebe, Glück oder Vergebung sprechen?“ Er schloss die Augen, atmete vorsichtig ein, fuhr dann traurig fort: „Und glaubt mir eines, mein Freund, Ihr habt noch lange nicht alles gesehen. Ihr wisst noch lange nicht alles. Wie könnte ich an einer Messe teilnehmen, wie könnte ich um Vergebung bitten, wenn ich getan habe, was ich tat? Wenn ich das, was ich tat, vielleicht nicht einmal bereue? Wenn es mir gleichgültig geworden ist? Weil es sich wiederholt, weil der Tod überall ist und man ihm nicht entkommt? Und wir ein Teil von ihm geworden sind, Teil des Bösen, Teil des Krieges? Sagt mir, wie Ihr das in Eurem Kopf mit der Weihnachtsnacht vereint, denn ich, ich kann es nicht. Gerade heute Nacht fühle ich mich als Soldat, als der, der den Tod bringt. Und das passt nicht zu dem, was die Priester predigen, das passt nicht zu dem, wofür diese Nacht steht. Deswegen, mein Freund, lasst mir meinen Frieden und meine Toten, lasst mich hier und feiert mit Aramis und d´Artagnan.“

Porthos dachte nach, eine ganze Weile, und entgegnete dann langsam: „Oh, mein Freund, wäre es Euch wirklich gleichgültig, würdet Ihr an der Messe teilnehmen. Merkt Ihr denn nicht, dass gerade Eure Skrupel Euch menschlich machen? Dass sie Mitgefühl und Selbstzweifel verraten, keine Gleichgültigkeit?“

„Porthos, macht mich nicht besser als ich bin.“ Fast klang Athos´ Stimme ärgerlich, laut, aber sei es aufgrund seiner Erkältung, sei es, weil er an den Feind dachte, wurde sie sofort wieder leise, flüsternd und rau: „Ich habe Dinge getan, die unentschuldbar sind, Dinge, für die ich aber keine Reue fühle. Und nur wer bereut, erlangt Vergebung. Nein, mein Freund, mein Platz ist hier und alle Heilsversprechen wären Heuchelei. Es wäre Unrecht so zu tun, als stünden sie mir zu. Deswegen bitte ich Euch, geht.“

„Ihr seid ein solcher Sturkopf, das ist unglaublich.“ Und um seinen Worten mehr Nachdruck zu verleihen, legte der große Musketier Athos seine Hände auf die Schultern, fast als wolle er ihn körperlich bezwingen um ihn endlich umzustimmen.  „Meint Ihr denn, Gott ist kleinlich? Er sieht Eure Zweifel, er sieht Euer Leiden. Aber Ihr, Ihr wollt es mit Euch selbst ausmachen, Ihr gesteht Euch nicht einmal mehr die Chance auf Zwiesprache oder Vergebung zu. Denn Ihr selbst und nur Ihr habt beschlossen, dass Eure Vergehen so groß seien, dass sie nicht vergeben werden können. Was wisst Ihr denn? Was wisst Ihr von Gottes unendlicher Güte? Und es ist seltsam, dass gerade ich Euch das sagen muss, der ich viel weniger gläubig bin als Ihr. Ich weiß, was Euch der Glaube bedeutet, für mich war er seit jeher mehr eine Gewohnheit. Aber weil Ihr immer alles tödlich ernst nehmt, gesteht Ihr Euch nicht einmal ein wenig Wärme, ein wenig Liebe zu.“ Und als Athos etwas sagen wollte, hob er abwehrend die Hand und fuhr fort: „Nein, Ihr hört mich jetzt an. Denn ich habe es satt mitanzusehen, wie Ihr auf Euren Tod wartet. Vermutlich seid Ihr der Meinung, er sei die gerechte Strafe und stehe Euch zu. Aber was wir dabei empfinden, was ich dabei empfinde, das ist Euch gleichgültig. Wie so vieles, scheint es. Ihr wählt den Weg der Feigen und flieht, wartet auf den Tod, ja geht ihm noch entgegen. Denn was Ihr hier heute macht, ist nichts anderes. Ihr wisst genau, dass Ihr so krank seid, dass eine weitere Nacht im Graben Euch den Rest geben wird. Aber ich bin heute Nacht hier, um Euch zu beweisen, dass es auch in Eurem Leben noch Liebe gibt, und wenn es nur die meine ist. Ich bin hier um Euch zu beweisen, dass Ihr Euch täuscht, wenn Ihr meint, Eure Freunde bekämen von Eurer Suche nach dem Tod nichts mit. D´Artagnan und Aramis sind nicht blind, aber sie wagen nicht Euch etwas zu sagen, denn Ihr seid ihr Vorbild, Ihr seid unantastbar. Und so leiden sie stumm. Aber ich, ich schere mich nicht um Vorbilder, meistens steckt dahinter auch nur ein Mensch. Und so werdet Ihr mich nicht los, außer Ihr sagt jetzt und hier, dass ich mich davonscheren soll. Wenn Ihr mir das jetzt sagt, Athos, dann werde ich Euch hier alleine lassen, das schwöre ich Euch. Und Euch auch nicht mehr mit der Krankmeldung in den Ohren liegen. Denn dann werde ich endlich das begreifen, was Ihr mir schon die ganze Zeit zu sagen versucht: Nämlich dass es in Euren Augen besser wäre, Ihr wäret tot. Und dass Ihr Euch so sehr darin verrennt, dass Euch nicht mehr zu helfen ist. So sehr, dass Ihr Euch auch um Freundschaft nicht mehr schert. Ich werde einsehen, dass Euch Eure Freunde gleichgültig sind, dass Euch ihre Sorgen gleichgültig sind. Dass Ihr das wenige, was sie Euch in dieser Nacht schenken könnten, nämlich Freundschaft und Liebe, von Euch weist, weil Euch auch das gleichgültig ist. Dann, mein Freund, werde ich den Kopf einziehen und mir sagen, dass ich mich getäuscht habe. In Euch getäuscht habe. Dann wird mir nur noch eines bleiben, nämlich Euch zu wünschen, dass Ihr möglichst schnell verreckt. Aber glaubt mir eines, ich werde nicht länger die Leichen am Ende einer Schlacht umdrehen mit der Angst im Herzen, es könnte Euch getroffen haben. Ich werde beten, dass es Euch erwischt, denn es scheint, das ist es, was Ihr Euch am meisten wünscht. Und da dies eine ganz besondere Nacht ist, kann es ja sein, dass Euer Wunsch in Erfüllung geht. Ich werde dann nur dafür beten, dass nicht ich es sein werde, der Eure Leiche entdeckt.“

Als Porthos´ leises hartes Flüstern abbrach, war Stille. Eine kalte, glatte Stille, eine Eiswand zwischen ihnen. Beide vermieden es, sich anzusehen, erst nach einer ganzen Weile drehte Porthos langsam den Kopf und betrachtete den Soldaten, der da neben ihm stand, wartete ab, schwankend zwischen Hoffnung und Resignation. Athos sah in die Ferne, kein Muskel bewegte sich in seinem schönen und so bleichen Gesicht, fast schien es als habe er nichts gehört. Endlich, als Porthos schon mit den Schultern zucken und sich mutlos und verzweifelt zum Gehen wenden wollte, drehte er sich zu dem großen Musketier um und sah ihn an mit seinen schwarzen und unergründlichen Augen. Sah ihn einfach nur an und Porthos konnte seinen Blick nicht deuten, hätte fast zum Dolch gegriffen. Da hob Athos langsam seine rechte Hand. Er legte sie ihm an die Wange, sachte, und fuhr sanft an ihr entlang in einer unendlich zärtlichen Geste, vorsichtig als sei Porthos´ Gesicht etwas Zerbrechliches. Und während Porthos merkte, dass sich Tränen der Erleichterung in seine Augen schlichen, legte Athos seine Hand auf die seines großen Freundes und sagte mit brüchiger Stimme: „Morgen. Morgen werde ich mich krank melden.“


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