Artagnan.de - Fanfiction zu Dumas' drei Musketieren

Was im Winter geschah


30. Weihnachten auf Gut Bracieux

von Aramis


Lieber Rochefort,

ich hab deine Anregung aufgegriffen und versucht, eine Fortsetzung zu meinem Kapitel “Alle Jahre wieder” zu basteln - ich hoff, sie entspricht einigermaßen deiner Erwartung…

Liebe Grüße
Aramis


***


„Hm!“, murmelte d`Artagnan und richtete sich gespannt im Sattel auf, als er in einiger Entfernung drei Reiter vor sich auf der schneebedeckten Landstraße erblickte, „Reisende? Wer mag das sein?“ Irgendwie wollten ihm ihre Silhouetten bekannt vorkommen, und so spornte er sein Pferd zu einem frischen Galopp. Doch als er näher an die drei Männer herankam, die in flottem Trab Seite an Seite die Straße entlangritten, da erhellte sich seine Miene, und sein Antlitz strahlte vor Freude. „Athos! Raoul! Aramis!“, rief er laut und schwenkte seinen Hut, „hola, meine Freunde!“

„D`Artagnan!“ Die drei Reisenden parierten prompt zum Halt, wandten ihre Pferde und begrüßten in hellem Jubel ihren alten Freund. „Parbleu!“, rief Athos und schüttelte dem Leutnant vom Sattel aus die Hand, „so hat Porthos uns alle vier eingeladen! Ha, das hat er mir verschwiegen!“

„Mir auch!“, erklärte Aramis lachend. „Ah, ich verstehe! Das soll wohl seine Weihnachtsüberraschung für uns sein, dass wir uns nun, wie in alten Zeiten, beim gemeinsamen Festmahl zusammenfinden!“

„Und in der Tat, er hat mit dieser Idee einen wahren Treffer gelandet!“, rief d`Artagnan, und ein glückliches Lächeln breitete sich über sein braunes Antlitz, „so sehe ich nun Euch, meine Freunde, endlich wieder! Und nicht zuletzt den jungen Herrn Vicomte!“ Mit diesen Worten reichte er Raoul vom Sattel aus die Hand, die dieser sogleich mit ehrerbietigem Gruß ergriff.

„Oh, mein lieber Raoul, doch nicht so förmlich!“, lachte der Gascogner und legte dem Jüngling freundschaftlich die Hand auf den Arm, „und nun kommt, mes amis! Gut Bracieux ist nicht mehr fern, lassen wir Porthos` Gänsebraten nicht kalt werden!“ Damit warf er seinen Kameraden einen funkelnden Blick zu, drückte den Hut in die Stirn und gab seinem Pferd die Sporen. Seine Gefährten taten es ihm sogleich freudig nach, und so galoppierten alle vier im stiebenden Schnee die Straße entlang, Seite an Seite, wie in alten Tagen, während allmählich die Abenddämmerung hereinbrach und es aus lichtem, wolkenverhangenem Himmel ganz leise und sachte zu schneien begann -


***


„Nun,“ erklärte Madame de Boisrenard mit strenger Miene, an ihre drei Mitreisenden gewandt, „nur noch eine kleine Weile, dann sind wir da!“

„Jawohl, meine Liebe!“, murmelte ihr Gatte, der Baron de Boisrenard, zerstreut und umklammerte mit knochigen Fingern seinen Gehstock. „Ziemlich rutschig, bei all dem Schnee, wie? Da muss man höllisch aufpassen, dass man nicht unversehens ausgleitet!“ Er hustete, holte umständlich sein Sacktuch hervor und schneuzte sich die Nase. „Ich habe Jean, unserm Kutscher, vor der Abfahrt noch eingeschärft, er soll ja langsam fahren!“

„Keine Sorge, mein Herr Gemahl!“, versetzte Madame de Boisrenard hochgemut, “wir bringen Euch wohlbehalten nach Bracieux und wieder retour! Seht, dort vorne erhebt sich schon das Tor!“

Mademoiselle Hélène, ein blühendes junges Mädchen mit schwarzlockigem Haar, keckem Stupsnäschen und rosigen Wangen, stieß innerlich einen schweren Seufzer aus. Parbleu! Was in aller Welt war ihrer Frau Mama bloß eingefallen, sie über Weihnachten zu Onkel Alphonse und Tante Gundolphine zu schicken! Die beiden waren doch todlangweilig! Oder vielmehr, der Onkel war sterbenslangweilig, die Tante dagegen eine argwöhnische, besserwisserische alte Ziege, die ihr sofort und bei jeder Gelegenheit mit einer strengen Rüge kam! Ja, es schien wahrhaftig, als freue es sie, zu schimpfen! Kein bisschen Spaß durfte man haben, nicht einmal ein wenig Schlittschuhlaufen auf dem zugeeisten Schlossweiher wollte sie gestatten! Huch, wie gefährlich! Dabei könne man doch einbrechen und ertrinken! Pah! Das Eis brach wohl prompt bei der beleibten Tante, doch nicht bei ihr, Mademoiselle Hélène! Und bei Gott, wie hatte Jean Jacques, ihr Herr Cousin, den sie erfolgreich dazu verführt hatte, sich aufs Eis zu wagen, sofort zutiefst beschämt die Ohren angelegt und schuldbewusst gestottert: „Jawohl, Frau Mutter!“, als die Tante ihn dabei erwischte! Oh, dieser Dummkopf war schlicht unmöglich! Sein unterwürfiger Gehorsam war schon richtig peinlich! Und wie er sie, Hélène, eben wieder ansah, rot bis über die Ohren und mit breitem Lächeln auf dem Pickelgesicht, das seine unebenen Zähne voll entblößte! Glaubte dieser Tropf etwa tatsächlich, sie machte sich was aus ihm?!

Das imposante steinerne Tor war glücklich passiert, eine tiefverschneite Allee tat sich auf, mündete schließlich in ein weites Rondell, und die Kutsche hielt vorm Schlossgebäude, aus dem auch schon mehrere Bedienstete eilten, um Wagen und Pferde zu versorgen, während der Hausherr in eigener Person an den Kutschenschlag trat, um seinen Gästen beim Aussteigen zu helfen. Madame de Boisrenards füllige, pelzummäntelte Gestalt erschien, gefolgt von ihrem bejahrten Herrn Gemahl, der sich bang an seinen Stock klammerte und sich, auf den schmächtigen Arm seines Sohnes gestützt, mit dessen Hilfe seinen Weg über die gefährlich rutschigen Steinplatten hinein ins Schloss bahnte.

„Oh, Mademoiselle, welch freudige Überraschung!“ Porthos zwirbelte blitzenden Auges seinen Schnurrbart und half Mademoiselle Hélène galant beim Aussteigen, ein strahlendes Lächeln auf dem kühnen Antlitz.

Madame du Vallon erwartete die Ankömmlinge in der prächtigen, von hellem Kerzenlicht weihnachtlich erleuchteten Halle und bat ihre Gäste nach umständlicher, wortreicher Begrüßung hinein in den vom knisternden Kaminfeuer behaglich erwärmten Salon, wo eine Kanne heiß duftenden Tees und ein großes silbernes Tablett saftigen Kuchens die winterliche Kälte glücklich vergessen ließen.


***


„Ah, meine Freunde, da seid Ihr ja endlich!“, rief Porthos erleichtert und breitete die riesenhaften Arme aus, „willkommen auf Gut Bracieux! Hattet Ihr eine gute Reise?“

„Jawohl!“, rief d`Artagnan lachend und schwang sich aus dem Sattel, „keine Sorge, mon cher Porthos, sie konnte angenehmer nicht sein!“

Auch Athos und Aramis stiegen hochgemut von ihren Pferden, warfen den herbeieilenden Stallburschen die Zügel zu und umarmten ihren großen Freund, der ihrer Ankunft schon seit Stunden entgegenharrte.

„Parbleu, Raoul, aus Euch ist ja ein richtiger Mann geworden! Ihr wart ein kleiner Junge, als ich Euch das letzte Mal sah!“, rief der Hüne und drückte dem Jüngling die Hand, „immer fleißig beim Reiten und Fechten, nicht wahr?“ Und auf Raouls Nicken setzte er fest und bestimmt fort: „Recht habt Ihr! Und mit Eurem verehrten Herrn Vater könnt Ihr keinen besseren Lehrmeister haben! Einen hervorragenden Degen braucht man in jeder Armee!“

Er bat seine Gefährten mit einladender Geste ins Haus, eine Schar von Dienern unterm Befehl Mousquetons kümmerte sich sofort um Reisegepäck und Mäntel, und nachdem alle notwendigen Dinge glücklich erledigt waren, nahm Porthos seine Freunde mit leisem Wink beiseite. „Mes amis, es tut mir aufrichtig leid, aber Ihr müsst wissen, wir sind bedauerlicherweise nicht alleine!“, erklärte er betreten, „meine liebe Frau Gemahlin hat nämlich ebenfalls Gäste eingeladen.“

„Ja, und?“ D`Artagnan zuckte die Achseln und hob fragend die Brauen, „mon cher Porthos, wo liegt das Problem?“

„Nun ja, um es kurz zu machen: Die Boisrenards sind etwas, hm!, seltsam.“, fuhr Porthos unter leisem Räuspern fort, „und die Frau Baronin besitzt zudem eine äußerst scharfe Zunge. Bitte lasst Euch davon nicht irritieren! Dafür sind ihr Herr Gemahl und ihr Sohn vollkommen harmlos. Um nicht zu sagen, zum Einschlafen langweilig. Doch scheint mir Mademoiselle Hélène, Madame de Boisrenards Nichte, zumindest über Weihnachten endlich ein wenig frischen Wind in diese triste Familie zu bringen! Immerhin hat Monsieur Jean Jacques schon weit gesündere Farbe im Gesicht!“ Er grinste maliziös und zwinkerte seinen Gefährten zu.

„Ah, Mademoiselle Hélène ist demnach eine äußerst hübsche junge Dame?“, entgegnete d`Artagnan ebenso augenzwinkernd und warf Aramis einen anzüglichen Blick zu: „Mon cher ami, ich glaube, Ihr als Mann der Kirche kümmert Euch besser um die Frau Tante, während ich das Fräulein Nichte übernehme!“

„Untersteht Euch!“, versetzte Aramis in gespieltem Ärger, „die Betreuung junger hübscher Demoisellen ist mein Spezialgebiet! Parbleu, wozu bin ich Priester?“

„Sagt bloß, meine Freunde, Ihr wollt Euch um sie duellieren?“, erwiderte Athos süffisant und schüttelte indigniert den Kopf. „Immer dieser Zwist unter Männern wegen eines jungen Weibes! Nein, meine Herren, das ist wahrlich abgeschmackt!“

„Meint Ihr, Athos?“, gab d`Artagnan schuldbewusst zurück, „nun gut, mon cher Aramis, dann überlasse ich sie Euch!“

„Nicht doch, mein lieber d`Artagnan! Nachdem sie ja ein blutjunges, blühendes Mädchen ist, so vertrauen wir sie doch lieber unserem Herrn Vicomte an! Raoul wird die junge Dame sicher bestens zu unterhalten wissen!“

„Mon cher Aramis!“, murmelte Porthos in süffisanter Ehrfurcht und faltete ergriffen die Hände, „Ihr seid ein wahrhaft weiser Mann!“


***


„Ach, meine Liebe, es kommen also noch andere Gäste?“, bemerkte Madame de Boisrenard stirnrunzelnd und setzte klirrend ihre Teetasse ab. „Darf ich fragen, um wen es sich handelt?“

„Oh, bloß ein paar alte Jugendfreunde meines Herrn Gemahls.“, wehrte Madame du Vallon mit nervösem Lächeln ab, „und dazu ein junger Mann, Sohn eines jener Herrn. Doch habt keine Sorge, meine Liebe - “

„Mon Dieu!“, stieß Madame de Boisrenard im selben Moment hervor und griff sich schockiert an ihren fülligen Busen, „handelt es sich etwa um diese gewissen - Musketiere, von denen Ihr mir bereits erzählt habt?“

„Äh, also… jawohl, diese sind es, ich gebe es zu. Ich konnte meinem Herrn Gemahl ihre Einladung nicht verweigern! Doch seid beruhigt, er hat mir auf Ehre versprochen, sie werden sich zu benehmen wissen! Und mittlerweile haben sie ja auch glücklich das Soldatenhandwerk niedergelegt. Das heißt, bis auf einen,“ setzte Madame du Vallon enerviert hinzu, „und dieser wird sich, das verspreche ich Euch in die Hand, ma chère, hier unter meinem Dach keinerlei Frechheiten erlauben!“

„Euer Wort in Gottes Ohr!“, knurrte Madame de Boisrenard grimmig und griff nach ihrer Teetasse. „Man weiß ja, Soldaten sind gewöhnlich Rüpel. Und überdies,“ sie senkte geflissentlich ihre Stimme zu einem Wispern und neigte sich verschwörerisch ihrer Nachbarin zu, „sind sie die reinsten Schürzenjäger, sobald sie ein frisches junges Mädchen zu Gesicht bekommen! Dem muss unsereins sofort einen Riegel vorschieben!“

„Ihr sagt es, meine Liebe!“, stimmte Madame du Vallon seufzend in ebensolchem Flüsterton zu. „Doch fürchtet nichts!“, fuhr sie mit erhobener Stimme fort, „in meinem Hause herrschen Anstand und gute Sitte! Selbst meinem Herrn Gemahl habe ich seine ungehobelten Soldatenmanieren, bis auf ein paar unbedeutende Kleinigkeiten, bereits mit Erfolg ausgetrieben!“ Und sie setzte zur Bekräftigung ihre Teetasse an die Lippen und nahm einen kräftigen Schluck.

Madame de Boisrenard nickte beifällig und nippte ebenfalls am heißen Tee, ihre Nichte jedoch lauschte prompt mit roten Backen. Wie? Man erwartete weiteren Besuch? Enge Freunde des Hausherrn, und dazu gar königliche Musketiere? Oh, wie aufregend! Und sie hatte schon befürchtet, Weihnachten bloß in Gesellschaft ihrer schrecklichen Verwandten und deren vermutlich ebenso öden Nachbarn verbringen zu müssen! Doch welch angenehme Überraschung, der Baron du Vallon entsprach beileibe nicht dem tristen Bild, das sie sich im Geiste von ihm gemacht hatte! Im Gegenteil, er erwies sich als ein überaus stattlicher Mann, heiter und lebensfroh! Und er wirkte so jugendlich, trotz seiner Jahre! Wer mochten wohl seine Freunde sein?

Wie zur Antwort klopfte es im selben Moment vernehmlich an der Türe, auf Madame du Vallons scharfe Aufforderung erschien Mousqueton mit erstaunlich graziöser Verbeugung auf der Schwelle und verkündete stolz: „Mesdames et Messieurs, die hochverehrten Gäste des wohledlen Herrn Barons!“

Die Flügeltüre öffnete sich in voller Breite, Mousqueton wich ehrerbietig und mit tiefem Bückling zur Seite, und drei imposante Herren in nobler Festtagstracht traten gemessenen Schrittes über die Schwelle, gefolgt von einem ebenso elegant gekleideten, auffallend hübschen Jüngling. Zuletzt erschien der Hausherr, ein breites, zufriedenes Lächeln auf dem superben Antlitz - ha, seine Freunde waren allesamt gekommen! Mochte das weihnachtliche Festmahl nun getrost seinen Lauf nehmen!

Die beiden Damen erhoben sich majestätisch von ihren Stühlen, flankiert vom gebrechlichen Herrn Baron und seinem Sohn, die den eindrucksvollen Ankömmlingen stumm und überrascht entgegenblickten. Mademoiselle Hélène jedoch musterte die Eingetroffenen sofort aufs Höchste interessiert, und ihre rosigen Wangen überzog dabei prompt eine tiefe Röte. Heiliger Himmel, sahen diese Herren allesamt gut aus! Einer wie der andere, und besonders dieser junge Mann! Unwillkürlich trafen einander ihre Blicke, und auch Raoul errötete sanft. Sie lächelte ihm zu, und er lächelte zurück, während Porthos und seine Gattin nun wortreich die förmliche Begrüßung und gegenseitige Vorstellung übernahmen.

Endlich waren die Honneurs vollzogen, alle Reverenzen und Handküsse absolviert, ein silberheller Glockenschlag ertönte, und so schritt man nun gemessen und wohlgeordnet in den mit grünem, von goldfarbenen Schleifen umwundenem Tannenreisig geschmückten und im hellen Schein unzähliger Kerzen prangenden Speisesaal, wo die weihnachtliche Tafel gedeckt war. Blütenweißer Damast und schimmerndes Silber zierten den mächtigen Tisch, kristallene Gläser funkelten und blitzten, und die Diener standen allesamt in Reih und Glied, um Mousquetons Befehle zu erwarten. Leise Musik schwebte durch den Saal, ein Cembalo rauschte, eine Laute zirpte, und zwei Flöten hauchten mit süßem, warmem Klang weihnachtliche Melodien und Weisen. Jawohl, Monsieur und Madame du Vallon hatten keine Kosten und Mühen gescheut, um dieses weihnachtliche Festmahl musikalisch zu krönen!

Stühle wurden gerückt, Seide raschelte, aufatmend setzten sich die Gäste an die Tafel, und schon wurde der erste Gang aufgetragen, würzig duftende Bouillon mit feinsten flaumigen Klößchen.

„Monsieur l`abbé, wir bitten um das Tischgebet!“, ließ sich die Hausherrin mit strenger Stimme vernehmen, und aller Augen richteten sich auf den Chevalier d`Herblay, der sich dieser heiligen Pflicht, wie er wusste, naturgemäß nicht entziehen durfte. „So bitten wir Dich, Gottvater den Allmächtigen,“ hub er also mit klarer, sanfter Stimme an und breitete die Hände aus, „zum Fest der Geburt Deines göttlichen Sohns, Unseres Herrn Jesu Christi, unser gemeinsames Mahl zu segnen, auf dass es nicht bloß unseren Leib nähre und stärke sondern ebenso unsere Seelen! Lass Wohlwollen und Güte alle Zwietracht vertreiben, wecke Freude und Lebenslust in unserer Brust, und lass die Liebe in unseren Herzen entflammen, die Unser Heiland selbst uns mit Seinem heiligen Wort und Seinem Beispiel gelehrt hat. Weder Streit noch Hader, nicht Eifersucht und schnöde Missgunst, nein, das himmlische Paradies selbst soll nun auf Erden herrschen, und Friede sei mit allen Menschen, die guten, liebenden Willens sind!“

„Amen!“, antworteten die Gastgeber wie die Schar der Gäste, und leises Löffelklappern setzte ein.

„Nun, Monsieur l`abbé,“ bemerkte Madame de Boisrenard spitz und runzelte die Brauen, „Eure schönen Worte in allen Ehren, doch seht Ihr die Dinge nicht ein wenig zu rosenrot? Die Welt ist kein Paradies und wird nie eines werden! Der Teufel legt seine Fallstricke aus, überall herrschen tiefste Verdorbenheit und Sünde, und ich fürchte, da wird auch alle bemühte Liebe nichts dran ändern!“

„Oh, Madame, da wäre ich an Eurer Stelle nicht so pessimistisch.“, gab der Abbé mit leisem Lächeln zurück und setzte seine unschuldigste Miene auf, „die Liebe ist bekanntliche eine Himmelsmacht! Und wo sie hinfällt, dort erblüht Gottes Segen. War Euch dies etwa bisher nicht bewusst?“

„Nun, solange sie nicht der Unkeuschheit Tür und Tor öffnet, mag die Liebe ja durchaus nützlich sein!“, konterte Madame de Boisrenard und blickte Aramis streng ins Gesicht. „Vor allem an dem Spruch, der besagt: Wer sein Kind liebt, der züchtigt es ist viel Wahres! Ihr seht, Liebe muss also mit Strenge Hand in Hand gehen, sonst fällt diese Welt unaufhaltsam ihrem Untergang anheim!“ Sie schob mit spitzen Fingern den leeren Suppenteller von sich und griff nach der Serviette. „Nicht wahr, meine liebe Adèle? Ihr stimmt mir sicher darin bei!“

„Jawohl, Strenge muss sein!“, pflichtete die Hausherrin ihrer Nachbarin entschieden bei und winkte Mousqueton, die warme Wildpastete mit Sauce Mornay, die Foie gras und die Schweinsbäckchen vom jungen Wildschwein mit Pilzen in Gelee auftragen zu lassen, „sonst versinkt dieses Haus hier - pardon!, ich wollte sagen, die Welt im Chaos! Ordnung und Disziplin sind`s, was uns an erster Stelle nottut! Nicht wahr, mein Herr Gemahl?“

Doch ehe Porthos antworten konnte, ergriff bereits d`Artagnan mit liebenswürdigem Lächeln das Wort: „Oh, Madame la baronesse, als Soldat stimme ich Euch hier voll und ganz zu! Gerade in der Armee stehen Ordnung und Disziplin an allererster Stelle! Daran kann man sehen, wie heilsam der Waffendienst auf Frankreichs männliche Jugend wirkt! Auch der Herr Vicomte will Soldat werden, wie er mir unlängst sagte! Nicht wahr, Raoul?“

„Jawohl!“, erklärte dieser stolz, zwischen zwei Bissen von der hervorragenden Wildpastete, „ich will meinen Degen unserem Vaterlande weihen, wie es schon mein hochverehrter Herr Vater tat!“

Mademoiselle Hélène warf dem kämpferischen Jüngling prompt einen schmachtenden Blick zu – mon Dieu, welch ein großartiger junger Mann! Jawohl, aus ihm würde sicher ein berühmter Feldherr werden! Ein wahrer Heros, wie er in den Heldenepen und Romanen stand!

Jean Jacques jedoch schluckte stirnrunzelnd seinen Bissen Foie gras mit bewegtem Adamsapfel hinunter, nahm allen Mut zusammen und antwortete krächzend, deutliche Röte auf den vormals fahlen Wangen: „Nun, Monsieur le lieutenant, ich denke, als Gelehrter bedarf es weit mehr an Strenge und eiserner Selbstbeherrschung! Seine Schlussfolgerungen und Erkenntnisse in zwingend verständliche Worte zu fassen kann ja nicht das Werk eines chaotischen Ungeists sein! - Nicht wahr, Monsieur l`abbé?“

Aramis hielt im Essen inne und lächelte dem nervösen jungen Mann liebenswürdig zu. „Nun, zu einem wissenschaftlichen Werk gehören Fleiß und Disziplin, da gebe ich Euch recht. Doch um es, darüber hinaus, auch in der Kunst zu etwas Hervorragendem zu bringen, braucht man zusätzlich Kreativität. Und diese darf nicht in den Fesseln strenger formaler Regeln ersticken, denn das Genie braucht Freiheit, wenn es seine Flügel entfalten soll, die den Geist über alle Grenzen hinweg in die Unsterblichkeit tragen!“

Mademoiselle Hélène lauschte hingerissen – mon Dieu, welch hehre Worte aus solch schönem Mund! Und sie konnte sich nicht enthalten, leise dabei zu seufzen. Doch ihrer Frau Tante behagte Aramis` Rede weit weniger: „Im Gegenteil, Monsieur l`abbé, Freiheit ist höchstem Maß gefährlich! Sah man dies nicht am Beispiel La Rochelles?! Nein, man muss schon die kleinen Kinder konsequent und mit aller Strenge lehren: Strikter Gehorsam ist die allererste Pflicht! Denn dieser hält das Gemüt in Zucht und Demut und erstickt sogleich alle rebellischen Gedanken!“ Und damit warf sie ihrem Sohn aus dem Augenwinkel einen prüfend scharfen Blick zu.

„Madame,“ ergriff Athos nun mit Würde das Wort, während er seinen leergegessenen Teller von sich schob und nach seinem Weinglas langte, „Gehorsam und Strenge in allen Ehren, doch ich denke, man sollte seinen Kindern in erster Linie ein gutes Vorbild sein. Tugend und Moral entwickeln sich nicht aus der bloßen Befolgung strenger Regeln sondern wollen leibhaftig gezeigt und vorgelebt werden. Glaubt mir, aus der freudigen Nachahmung eines eindrucksvollen, überzeugenden Vorbilds heraus lernen die Kinder weit mehr an verständiger Einsicht und guter Sitte als sämtliche Hofmeister dieser Welt ihnen mit dem Rohrstock einbläuen können!“

„Mein Freund, das ist wohlgesprochen!“, rief Porthos und hob zusammen mit seinen Freunden sein Glas, ehe Madame de Boisrenard antworten konnte. „Nun“, versetzte sie spitz und mit giftigem Blick, „dieses Ideal ist doch nicht mehr als ein frommer Wunsch, Monsieur le comte! Das müsst Ihr zugeben! Die Erfahrung zeigt stets, dass die Jugend ohne strenge Erziehung zwangsläufig vor die Hunde geht! Daher braucht sie eine feste Hand und entsprechende Strafen, wenn sie sich gegen den rechten Weg sträubt! Allein schon, was unseren Söhnen und Töchtern, kaum können sie lesen, diese lüsternen Dichter und Schriftsteller an gefährlichem Unsinn einblasen!“ Hierbei warf sie ihrer jungen Nichte einen überaus strengen Blick zu. „Einfach unverantwortlich! Und erst diese gottlosen Maler mit ihren frivolen sujets! Wie infam und zutiefst verderblich!“

„Oh, Madame, wollt Ihr etwa hier alle Kunst pauschal verdammen?“, ließ sich Aramis gefährlich sanft vernehmen, „durch sie erhält doch der Mensch erst seine Würde! Ohne Wissenschaft und Kunst wären wir unverständig wie die Tiere, nein, ich wage gar zu sagen, diese überträfen uns noch weit, dank ihres natürlichen Instinkts, den wir Menschen leider schon längst verloren haben. Ihr seht, Madame, wir brauchen also Kunst und Kultur, um uns aus dem Staub unseres irdischen Daseins zu erheben!“

„Pah, wir brauchen bloß unseren treuen Glauben an Gott!“, fauchte Madame de Boisrenard zurück, während die Hausherrin nervös nach der Serviette langte, „solange wir nur eisern und fest Seine Gebote befolgen, braucht`s keine Wissenschaft und Kunst! Man kann sie getrost abschaffen! Das ist meine Meinung!“

„Oh, Madame, ich glaube nicht, dass der Allmächtige von Eurer Idee begeistert wäre!“, erklärte Aramis und lächelte noch sanfter, „immerhin formte er uns nach Seinem Ebenbild und hat uns von Seinem Geist gegeben! Daher sollten wir unsern esprit auch, Seinem Willen gemäß, entsprechend gebrauchen, anstatt ihn in dumpfer Kulturlosigkeit zu vergeuden. Nicht wahr, meine Freunde?“ Und er hob sein Glas.

„Jawohl!“, rief d`Artagnan feurig, „parbleu, Aramis, ich stimme Euch voll und ganz zu! Und damit ich dies auch gebührend beweise, trinke ich auf unsere so großzügigen Gastgeber! Ein Hoch auf Monsieur und Madame du Vallon! Möge die edle Kunst der Haute Cuisine hier in ihrem Hause weiterhin blühen und gedeihen und ihre Tafel immer so herrlich bestückt sein wie heute!“

Seine Freunde fielen prompt und jubelnd mit ein, beim hellen Klang der Gläser, Porthos wischte sich, im Innersten gerührt, verstohlen eine Träne von der Wange, und auch die Herrin des Hauses hob mit bemühtem Lächeln ihr Weinglas, obwohl sie weit lieber ihrer streitbaren Frau Nachbarin beigesprungen wäre. Himmel, welch gefährlich riskante Konversation! Sie sollte schleunigst gegensteuern und die Rede auf ein harmloses Thema bringen, zum Beispiel auf die in der hiesigen Provinz jüngst stattgehabten Todesfälle…

Doch da erklang ringsum an der Tafel ein lautes, genussvolles „Aaah!“, und selbst die Augen Monsieur de Boisrenards und seines Sohnes begannen zu glänzen, als nun, prächtigst arrangiert und köstlich gefüllt, der betörend duftende weihnachtliche Gänsebraten aufgetragen wurde. Alle Münder verstummten prompt und sämtliche Blicke hingen an Mousqueton, der mit erhabener Miene und in weißen Handschuhen seines Amtes als herrschaftlicher Vorschneider waltete und die herrlich knusprigen Gänse aus eigener Zucht kunstgerecht und in höchster Perfektion tranchierte.


***


Mon Dieu!, dachte der Baron de Boisrenard, als er, auf seinen Stock und den Arm seines Sohnes gestützt, den gediegen getäfelten Flur entlangtappte, welch ein wahrhaft festliches Mahl! Ja, Monsieur und Madame du Vallons besaßen in der Tat einen mehr als begnadeten Küchenmeister, und ihn wollte bei diesem Gedanken schon ein wenig Neid anwandeln. Und dazu dieser hervorragende maître d`hôtel! Wie geschickt Monsieur Mouston bei Tisch aufzuwarten und zu tranchieren wusste! Alles lief säuberlichst und wie am Schnürchen, es war schlicht bewundernswert! Mit Genuss dachte er an die köstlich gefüllten Gänse, flankiert von glacierten Maronen und weich gedünstetem Rotkohl, duftend nach Nelken und Apfelsinen – und wie herrlich schmeckte doch der butterzart geschmorte Rehrücken in Weinsauce mit Preiselbeeren, eingelegtem Gemüse und feinsten Klößchen, der einem buchstäblich auf der Zunge zerging! Wie überaus hilfreich für sein nicht mehr allzu taugliches Gebiss! Oh, und hinterher der Karpfen! Sorgfältigst filetiert und entgrätet, serviert mit einer hellen Kräutersauce, so delikat und raffiniert, dass einem buchstäblich das Wasser im Munde zusammenlief! Gar nicht zu reden von den Desserts – ach, wenn er an diesen himmlischen Birnenflan dachte, an diesen köstlichen Bratapfel mit Sahne, duftend nach Zimt und Calvados, und an diese unvergleichliche, flaumig zarte crème brulée! Ach, es war herrlich! Hoffentlich schaffte es seine bekannt schwache Verdauung, mit all diesen Genüssen zurande zu kommen!

Wie zur Antwort erklangen mit einem Mal lachende Männerstimmen, eine Türe öffnete sich resolut, und schon erschien der Hausherr auf der Schwelle und rief über die Schulter hinweg in den Raum hinein: „Parbleu, meine Freunde, ich sage Euch, dieser Cognac hier ist noch gar nichts! Wartet, jetzt folgt der absolut ultimative Tropfen aus dem Hause Croix Maron!“ Er trat auf den Gang heraus und schrie lauthals „Mouston!!“, ehe er, im Anblick seiner beiden Gäste, mit strahlendem Lächeln innehielt: „Ah, meine Herren! Wunderbar, Ihr kommt gerade recht! Darf ich Euch ebenfalls, als willkommenen Digestif, ein Glas von meinem wahrhaft hervorragenden Cognac anbieten?“

„Äh, vielen Dank!“, krächzte Jean Jacques gelinde erbleichend, „aber mein verehrter Herr Vater fühlt sich schon ein wenig müde, und auch ich möchte lieber nicht - !“

„Müde? Pah!“, konterte Porthos lapidar und grinste süffisant, „ein gutes Glas Cognac macht Müde abends munter! Kommt, meine Herren, ich dulde keine Ausrede, Weihnachten haben wir ja schließlich nur einmal im Jahr, und dieses hehre Fest will daher mit all unserem Fleiß und sämtlicher Disziplin bis in die frühen Morgenstunden gefeiert sein!“ Und damit schob er seine beiden Gäste ungeachtet ihres hilflosen Widerstands hochgemut über die Schwelle ins hell erleuchtete Herrenzimmer hinein.


***


„Hm! Wo in aller Welt stecken denn mein Herr Gemahl und mein Sohn?“, murmelte Madame de Boisrenard stirnrunzelnd, während sie eine weitere der exquisiten, hauchzarten Mandelmakronen mit spitzen Fingern genüsslich in den Mund schob und sodann sachte an ihrem feinziselierten Likörglas nippte, „und meine junge Nichte, Mademoiselle Hélène, ist ebenfalls verschwunden! Was hat das zu bedeuten?“

„Ach, meine Liebe, seien wir doch froh, dass wir die Gesellschaft für eine Weile los sind!“, seufzte Madame du Vallon unter tiefem Aufatmen und schenkte ihrer Nachbarin und sich selbst sogleich bis zum Rand Likör nach, „so können wir beide nun endlich ungestört plaudern! Sagt, ist es wahr, was ich da unlängst hörte? Der Graf von Monchéry drüben auf Schloss Griotte soll insgeheim hoch verschuldet sein?“

„Ah!“ Madame de Boisrenards Augen begannen sofort zu funkeln, sie lächelte füchsisch, mit wissendem Blick, und schon steckten die beiden Damen die toupierten Köpfe zusammen, um diesen höchst interessanten Fall in allen Details haarklein zu besprechen.


***


„Ach, Monsieur Raoul, ist diese Nacht nicht herrlich?“, murmelte Mademoiselle Hélène mit schwärmerischem Blick durchs Fenster hinauf in den nun wolkenfreien, sternfunkelnden Himmel, während sie die Hand des jungen Vicomte wie zufällig sachte mit den Fingerspitzen berührte, „so wundersam und prachtvoll glänzen die Sterne nur zu Weihnachten, nicht wahr?“

„O ja, da habt Ihr recht, Mademoiselle!“, seufzte Raoul und dachte insgeheim an Louise - was tat sie wohl gerade? Lag sie bereits in ihrem weichen Bett und schlief?

„Oh, Monsieur, Ihr schaut ja gar nicht richtig hin!“, rügte Hélène sanft, mit scharfsichtigem Blick. „Kommt, schauen wir gemeinsam! Ich kenne einige Sternbilder! Ihr sicher auch?“

„Pardon, ich bin in der Astronomie leider nicht besonders bewandert.“, gestand Raoul errötend. „Doch ich lasse mich, Mademoiselle, gerne durch solch schönen Mund belehren!“, setzte er mit galantem Lächeln hinzu.

„Nun, so gebt acht!“, raunte Hélène ihm zu und neigte ihr hübsches Köpfchen dicht an den seinen, „seht dort den Großen Wagen! Ist er nicht prächtig? Und hier, links davon, die Corona borealis! Man sagt, sie war einst die mit Edelsteinen besetzte Krone Ariadnes, der Tochter König Minos`, die dem Helden Theseus half, den Minotauros zu bezwingen! Ist sie nicht herrlich?“

„Mademoiselle, Ihr seid in der Tat gut unterrichtet!“, versetzte Raoul in sanfter Ironie, „erspäht Ihr mit Euren scharfen Augen gar den himmlischen Weihnachtsstern?“

„Oh, das sollte mir wohl gelingen!“, gab sie in ebensolchem Ton zurück und lächelte ihm schalkhaft zu, „meint Ihr nicht?“ Sie richtete den Blick durchs Fenster und wandte sich wieder konzentriert dem nächtlichen Himmel zu. „Oh! Seht doch!“, stieß sie zutiefst erregt hervor, „eine Sternschnuppe! Wenn man eine solche erblickt, dann darf man sich etwas wünschen!“ Und sie schloss atemlos und beglückt die Augen, während ihre Finger abermals sachte Raouls Hand berührten… 

 

 


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