Artagnan.de - Fanfiction zu Dumas' drei Musketieren

Was im Winter geschah


31. Weihnachtsmorgen

von Aramis


Liebe kaloubet,

ich hoff, diese Fortsetzung der Fortsetzung trifft einigermaßen deinen Geschmack *hüstel*...

Liebe Grüße und eine schöne, besinnliche Vorweihnachtszeit!
Aramis


***



„Beim Allmächtigen!“, murmelte Madame de Boisrenard zutiefst erregt, beugte sich übers Bett und rüttelte ihren schlafenden Ehemann an der Schulter – doch auch die immer heftigere Steigerung ihrer Bemühungen war nicht imstande, sein sonores Schnarchen zu unterbrechen. Himmel, das Frühstück! Wenn ihr Gatte nicht schleunigst erwachte, kamen sie zu spät zum gemeinschaftlichen petit déjeuner, und bei allen Heiligen, wie sah das bloß aus?! Sie durften sich doch ihren Gastgebern gegenüber keine solchen Unschicklichkeiten erlauben! Madame du Vallon würde es sicher übelnehmen, wenn man das Gastrecht so missbrauchte! „Herrschaftszeiten! So wacht doch auf!“, zischte sie Monsieur de Boisrenard wütend zu und schüttelte ihn abermals, doch ohne Erfolg – er schlief mit aller Inbrunst den Schlaf des Gerechten, und nicht einmal die Posaune des Jüngsten Gerichts schien imstande, ihn daraus zu wecken. O heiliger Gott, was sollte sie bloß tun?! Jawohl, sie wollte ihren Sohn zu Hilfe rufen! Mit vereinten Kräften musste es ihnen doch gelingen, ihren Herrn Gemahl Morpheus`Armen zu entreißen!

Sie raffte entschlossen ihre seidenen Röcke, verließ das Schlafzimmer und pochte resolut an die Türe des Nebenraums. Doch nichts rührte sich dahinter, und so drückte sie sogleich forsch die Klinke. Bei Gott dem Allmächtigen! War Jean Jacques etwa ebenfalls noch nicht aufgestanden?! Lautes, durchdringendes Schnarchen empfing sie, raschen Schrittes trat sie an das hochgetürmte Bett. Und richtig, da lag auch er, tief vergraben in den Kissen, und schnarchte sich die Seele aus dem Leib!

Madame de Boisrenard kniff die Augen zusammen, Zorn schoss in ihr hoch, und zugleich ein leiser Verdacht. Hatte sie nicht diese Nacht, noch lange nach dem Zubettgehen, wie von ferne vielstimmigen Männergesang vernommen? Hm, und wenn sie an die mitternächtliche Christmette dachte, die der Herr Abbé d`Herblay, seltsam beschwingt und zuhöchst inspiriert, in Madame du Vallons prächtig geschmückter Hauskapelle hielt, dann verdichtete sich ihr Argwohn sogleich aufs Höchste! Die geröteten Gesichter der Herren strahlten und glänzten, als erblickten sie in der Tat das Weihnachtswunder leibhaftig vor sich, und sie sangen die geistlichen Lieder mit solch ohrenbetäubender Inbrunst, dass die Wände der Kapelle erzitterten! Und dies betraf ebenso ihren Herrn Gemahl und ihren Sohn! Mon Dieu, nie hatte man die beiden so freudig erregt gesehen! Ihre vormals so blassen Wangen prangten in unnatürlichem Rot, und sie sangen beide aus vollen Kehlen, ungeachtet ihrer Unmusikalität! Was war da geschehen? Oh, sie konnte es sich denken! Ein leiser, doch deutlich erkennbarer Alkoholgeruch schwebte durch die hell erleuchtete Kapelle, und auch hier, in Jean Jacques` Zimmer, hing ein verdächtiges Odeur in der Luft! Oh! Das war schändlich! Wie konnten die beiden nur! Sie, ihre treusorgende Mutter und Gattin, dermaßen zu brüskieren und am Weihnachtsmorgen so stockbesoffen zu Bette zu liegen, dass man buchstäblich nicht imstande war, sie zu wecken!

Madame de Boisrenard knirschte mit den Zähnen und würgte ihre heißen Zornestränen mit aller Gewalt hinunter – ja, es half nichts, so musste sie eben ohne Gemahl und Sohn beim morgendlichen Frühstück erscheinen! Oh, der Skandal, wenn der Grund dafür herauskam! Das sorgte sicher wieder für jahrelangen Gesprächsstoff, hier in der Provinz!

Wütend raffte sie ihre Röcke, machte auf dem Absatz kehrt und rauschte, wie ein Kriegsschiff unter vollen Segeln, aus dem Zimmer. Sacrédieu! Na warte, wenn ihr Herr Gatte und ihr Sohn erwachten! Den beiden Kerlen würde sie die Leviten lesen!


***


„Meiner lieben Frau Gemahlin und meinen hochverehrten Gästen einen wunderschönen Weihnachtsmorgen!“, erklärte der Hausherr soeben am wohlbestellten Frühstückstisch und tauschte mit seiner Gattin einen sachten Kuss, „ich hoffe, man hat angenehm geruht? Und nun wünsche ich allerseits einen guten Appetit!“

Das brauchte er wahrhaftig nicht zweimal sagen, schon fielen seine Freunde wie die Raben über die üppigst gedeckte Tafel her, bloß Raoul und Mademoiselle Hélène aßen auffallend wenig und schienen nicht ganz bei der Sache zu sein. Porthos runzelte bei ihrem Anblick leise die Stirne. War zwischen den beiden etwas vorgefallen? Gestern Abend schienen sie doch so vergnügt und wollten gar nicht zu Bette gehen! Hm, was steckte hier wohl dahinter? Doch da öffnete sich resolut die Türe und unterbrach seine heimliche Reflexion.

„Pardon!“ Madame de Boisrenard trat, gelinde außer Atem, mit bleichem Antlitz an den Frühstückstisch und ließ sich steif und gesenkten Blickes auf ihrem Stuhl nieder. „Ich wurde leider vorhin aufgehalten. Mesdames et Messieurs, bitte entschuldigt vielmals mein verspätetes Erscheinen!“ Sie fasste mit bebenden Fingern brüsk ihre Serviette und klirrte nervös mit dem Essbesteck, doch es half nichts, schon stellte ihre Gastgeberin die unvermeidliche Frage: „Meine Liebe, wo bleiben denn Euer Herr Gemahl und Euer Sohn?“

„Sie – äh! – liegen beide noch zu Bette!“, krächzte Madame de Boisrenard aufs Höchste verlegen, doch insgeheim wütend und errötete bis unter die Wurzeln ihres hochtoupierten Haars. „Leider fühlen sie sich nicht wohl, und es scheint wahrhaftig, eine Krankheit hat sie gestern Abend überfallen!“ Und damit warf sie dem Hausherrn einen zutiefst ergrimmten Blick zu.

„Wie? Malade?!“, rief Porthos entrüstet, „ha, doch nicht hier in meinem Haus! Unter meinem Dach wird niemand so mir nichts dir nichts krank! Seid also beruhigt, Madame, und vertraut mir, ich will die beiden Herren sofort wecken, denn in solchen Dingen habe ich Erfahrung!“ Er zwinkerte bedeutungsvoll in die Runde, seine Gefährten grinsten ihm vielsagend zu, „und ich verspreche Euch hier im Angesicht meiner Freunde, innerhalb kürzester Zeit habe ich Euren Herrn Gemahl und Euren Herrn Sohn erfolgreich an diesen Tisch transferiert!“ Damit erhob er sich in all seiner imposanten Größe und schickte sich an, das Frühstückszimmer zu verlassen. Doch Athos hielt ihn zurück. „Wartet, mein Freund! Lasst mich Euch helfen!“, rief er hochgemut und stand ebenfalls von der Tafel auf, „und sagt Eurem hervorragenden Mouston, er möge eine Kanne starken Kaffee aufbrühen!“


***


„Mon Dieu!“, murmelte der alte Monsieur de Boisrenard und schüttelte hilflos den leise schmerzenden Schädel, während er, an Porthos` kraftvollem Arm, endlich hinein ins Frühstückszimmer wankte, „ich kann mich an gar nichts mehr erinnern! Mein Gedächtnis war ja schon immer nicht das beste, aber - !“

„Oh, sorgt Euch nicht, Monsieur le baron!“, erwiderte der Hausherr jovial, „es ist nichts vorgefallen, wofür Ihr oder Euer Herr Sohn Euch zu schämen bräuchtet!“ Damit führte er den alten Herrn zu seinem Platz an der Seite Madame de Boisrenards, was diese mit einem wahren Krokodilsblick, begleitet von eisigem Schweigen, kommentierte.

„Ah!“, seufzte der Alte auf, „ich muss sagen, ich schlief wahrhaftig so gut wie schon lange nicht mehr! Hättet Ihr und der Herr Graf mich nicht geweckt, ich läge wohl immer noch in den Federn!“ Er lachte spitzbübisch und langte nach seiner frisch gefüllten Tasse, schnuppernd zog er den Duft des Kaffees ein. „Oh, was ist das?“, fragte er überrascht, „das riecht ja äußerst stimulierend!“

„Kostet, mein Lieber, und Ihr werdet feststellen, dass der Geschmack dem Duft in nichts nachsteht!“, erklärte Athos mit Kennermiene. „Auch ich trinke gerne des Morgens eine Tasse Kaffee, um die Lebensgeister anzuregen.“ Er neigte sich Monsieur de Boisrenard vertraulich zu: „Gerade wir älteren Herren profitieren immens von seiner belebenden Wirkung!“

„Ah, tatsächlich?“, erwiderte der Alte grinsend und nippte lüstern an dem heißduftenden Getränk. „Oh, in der Tat! Das schmeckt vorzüglich! So süß und so – ach, ich kann es nicht beschreiben! - Meine liebe Gundolphine, habt Ihr dieses erstaunliche Gebräu schon gekostet? Das weckt wahrhaftig Tote auf!“

„Ja, das sehe ich!“, knurrte seine Angetraute grimmig zurück. Kaffee! Was zum Himmel war das wieder für Teufelszeug?!

„Ich glaube, ich brauche auch einen Schluck!“, erklärte nun Jean Jacques mit rauer Stimme, worauf der Hausherr ihm sofort beisprang und seine Tasse eigenhändig füllte: „Trinkt, junger Mann, und Ihr werdet sehen, Ihr fühlt Euch gleich wie neugeboren!“ Er wandte sich Mademoiselle Hélène zu, die die Szene stumm und mit traurigem Blick verfolgte – mon Dieu, ein wenig von diesem belebenden Göttertrank würde auch der jungen Dame nicht schaden! „Mein schönes Fräulein,“ gurrte er ihr mit vertraulich gesenkter Stimme zu, „darf ich`s wagen, Euch eine Tasse Kaffee anzutragen?“

Doch das Mädchen lächelte nur trübe und schüttelte in sanfter Abwehr den Kopf, was d`Artagnan und Aramis sofort veranlasste, all ihren männlichen Charme aufzufahren. Doch es half nichts, Mademoiselles Traurigkeit ließ sich nicht vertreiben, und d`Artagnan warf Raoul, der ebenso in sich gekehrt vor sich hin aß, einen vorwurfsvollen Blick zu. Parbleu, was sollte dieses Trübsalgeblase, noch dazu am Weihnachtsmorgen?!

„Ach!“, schluchzte sie auf, dann sprang sie unvermittelt vom Tisch auf und floh mit fliegenden Röcken aus dem Frühstückszimmer, die Treppe hinab in die prächtige Halle und schlussendlich hinaus vor die Haustüre, um ihren heißen Tränen freien Lauf zu lassen. Oh, sie war so unglücklich! Raoul hatte eine Liebste! Wie schrecklich war doch das grausame Erwachen aus ihrem schönen Traum!

Da erklang plötzlich helles, fröhliches Schellengeläut, lebhaftes Schnauben war zu hören, und ein Jagdschlitten, bespannt mit zwei herrlichen Schimmeln, glitt im strahlenden Licht der Morgensonne über den glitzernden Schnee auf das Schloss zu. Mademoiselle Hélène, zutiefst überrascht, vergaß ihre Tränen, mon Dieu, wer in aller Welt mochte das sein? Da hielt der Schlitten auch schon vor ihr an, die Pferde nickten und schnaubten mit Lust, ein junger, blondlockiger Mann in eleganter Jägertracht sprang leichtfüßig vom Bock und zog, im Angesicht der jungen Dame, mit charmantem Lächeln seinen federgeschmückten Hut: „Oh, Mademoiselle, ich wünsch Euch einen wunderschönen guten Morgen! Möge Euch ein frohes Weihnachtsfest beschieden sein! Bitte sagt, wo finde ich den Herrn Baron?“ Er wies auf den prächtigen Schlitten: „Mein Herr Vater, der Comte de Laroche-Posay, lässt ihm durch mich diesen kapitalen Rehbock hier übersenden, zum Dank für das famose Jagdgewehr, das Monsieur du Vallon ihm unlängst zu seinem Geburtstage als Präsent verehrt hat.“

„Oh!“, hauchte Mademoiselle Hélène und fühlte sich beim Anblick des jungen Grafen plötzlich wie in einen Traum entrückt. „Meine Herr, bitte folgt mir,“ stammelte sie errötend, „er sitzt mit seinen Gästen gerade beim Frühstück, ich will Euch sogleich zu ihm führen!“

„Mein schönes Fräulein, habt meinen verbindlichsten Dank!“ Der junge Mann verneigte sich abermals, unter ebensolchem Erröten – mon Dieu, das Mädchen war ausnehmend hübsch! Eine wahre Augenweide! Seit wann blühten denn hier auf Gut Bracieux solch herrliche Blumen? Und er folgte der jungen Dame wie auf rosenfarbenen Wolken hinein ins Haus -

 

 


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