Artagnan.de - Fanfiction zu Dumas' drei Musketieren

Was im Winter geschah


33. Geisterkinder Teil III

von AlienorDartagnan


Am zweiten Weihnachtstag frühstückte Raoul mit seinem Vater zusammen. Er hatte nicht sehr gut geschlafen, in dieser Nacht hatte ihn nicht nur ein sehr merkwürdiger Traum gequält, nein, er hatte auch noch wieder diese mysteriösen Kinderstimmen gehört.
Lustlos tunkte er seinen Crossaint in den Kaffee und biss dann ebenso lustlos davon ab. Es schmeckte irgendwie total fad, so wie ihm alles fad schmeckte, seitdem er Louise verloren hatte. Egal was er aß, er nahm den Geschmack kaum noch wahr, obwohl er sich früher, bevor er Louise mit dem König zusammen ertappt hatte, an gutem Esssen immer erfreut hatte.
“Was hast du denn, Raoul?”; wollte Athos wissen, dem nicht entgangen war, wie lustlos sein Sohn sich dem Frühstück widmete.
“Ach Vater, ich habe in der Nacht schon wieder diese unheimlichen Kinderstimmen gehört. Ich glaube, ich werde in ein anderes Gemacht ziehen, dann hört das womöglich auf. Zudem hatte ich einen sehr merkwürdigen Traum.”
“Was hast du denn geträumt?”
“In dem Traum war ich in Afrika und ich bin in der Schlacht gestorben. Und ich bin nicht im Kampf gefallen, nein, ich suchte in der Schlacht den Tod mit Absicht, wegen meines Kummers wegen Louise. Dieser Traum war so real, dass ich die Schmerzen spüren konnte, und dann starb ich im Lazarett, eine Locke von Louise in der Hand, indem ich mich vom Operationstisch stürzte. So einen realen Traum hatte ich noch nie.”
Athos verschluckte sich beinahe an seinem Milchkaffe, als er das hörte, denn er hatte in letzer Zeit schon häufiger den Eindruck gehabt, sein Sohn sei des Lebens müde und wolle nach Afrika, um es absichtlich  zu beenden. Hilflosigkeit und Angst machten ihm bereits seit Wochen zu schaffen. Schon lange fragte er sich, wie er seinen Sohn davon abbringen könnte, nach Afrika zu gehen, denn er wusste, wenn er ging, würde er nie wieder zurückkehren. Er hatte sich schon oft gefragt, ob er mit Raouls Mutter sprechen sollte, weil er sich sagte, dass sie ihm bestimmt helfen könne, über Louise hinwegzukommen. Raouls Kummer ähnelte erschreckend seinem eigenen Kummer, als er geglaubt hatte, er habe Anne ermordet, nachdem er das Mal des Henkers bei ihr entdeckt hatte.
“Da war nur ein Traum, mehr nicht. Das mit Louise ist für dich sehr schwer gewesen, du leidest immer noch darunter, deswegen hast du deinen eigenen tod geträumt. Und der Traum ist vielleicht eine Warnung, sagt dir, dass du nicht nach Afrika gehen, dein Leben nicht so wegwerfen darfst.”
“Aber der Traum ist so real”; meinte Raoul, “es fühlt sich jedes Mal an, als ob ich wirklich gestorben wäre. Was, wenn wir wirklich tot sind?”

“Wir können nicht tot sein, Raoul”; erwiderte Athos ruhig, “Geister essen keine Crossaints und trinken auch keinen Kaffee. Diese Spukgeschichte macht dir zu schaffen, Das sind die Geister, sie sind es, die man nicht sehen kann, uns dagegen kann man sehen.Wären wir beide wirklich tot, wäre Grimaud nicht hier bei uns, und wären wir wirklich tot, hätte Porthos uns an Martini nicht zum üppigen Gänseessen besuchen können. Geister bekommen keinen Besuch und Geister essen auch keinen Gänsebraten.”
Raoul ließ seinen Blick nachdenklich über den Frühstückstisch schweifen, biss erneut in seinen Crossaint.
“Wieso geht Grimaud eigentlich nicht mehr in die Stadt und schaut nach ob Briefe für uns da sind?”
“Die neuen Diener haben diese Aufgabe übernommen, sie holen jede Woche die Lebensmittel und schauen dann auch nach ob Briefe für uns da sind.”
“Es ist aber nie ein Brief für uns dabei. Findest du das gar nicht merkwürdig? Und ich habe noch nie gesehen wie sie in die Stadt fuhren und zurückkamen, ich habe sie eine Weile beobachtet und es fuhr nie einer weg.”
“Doch, sie fahren jeden Donnerstag einkaufen”; erwiderte Athos, “was du auch daran siehst, dass sie immer genau die Lebensmittel bringen, die ich ihnen aufschreibe. Du hast wahrscheinlich einfach nur nicht gesehen wie sie weggefahren sind.”
“Etwas stimmt hier nicht”; meinte Raoul melancholisch, “sagt Vater, hattest du in letzter Zeit niemals merkwürdige Träume?”
Athos erinnerte sich an einen Traum, an dem Grimaud an seinem Bett stand und d´Artagnan, beide weinten und Athos hatte irgendwie das Gefühl über ihnen zu schweben, nicht mehr in seinem Körper zu sein, ein Gefühl von tiefem Schmerz, das Gefühl, das Liebste in seinem Leben verloren zu haben, unwiderbringlich. Bevor er zu schweben begann, hatte Grimaud ihm etwas gesagt, das ihn tief erschüttert, ihn endgültig niedergeschmettert hatte…..und jetzt fiel ihm wieder ein, was das war.
“Ach was, das war nur ein Traum, nichts weiter”; murmelte er, “wir sitzen hier, trinken Kaffee und essen Crossaints, Raoul und ich sind zusammen, alles ist gut. Es war nur ein Traum, nichts weiter, und dieser Traum kam nur von de Sorgen die ich mir um Raoul machte.”
Ohne es zu merken hatte der Comte seine Gedanken laut ausgesprochen.
“Was für einen Traum hattet Ihr, Vater?”, wollte der Vicomte wissen,“bitte erzählt mir davon.”
“Es war nichts weiter, nur ein dummer Traum. Dazu gibt es nichts mehr zu sagen. Komm, lass uns fertig frühstücken und dann einen Spaziergang durch de Park machen. Das haben wir seit deiner Kindheit immer an den WEihnachtstagen gemacht, du erinnerst dich?”
“Ja, das war immer sehr schön, ach damals war das Leben noch so unbeschwert und mein Herz noch nicht von Kummer beschwert. Das war eine schöne Zeit. Ja, lass uns in den Park gehen.”

Wenig später gingen die beiden Männer schweigend durch das Labyrinth im Park.
“Raoul, erinnerst du dich noch an die wilden Schneeballschlachten die wir damals hier abgehalten haben,?”; fragte Athos nostalgisch lächelnd seinen Sohn.
“Ja, und wenn wir reinkamen, hat Grimaud uns immer Kakao gemacht”; erwiderte Raoul wehmütig, mit ganz viel Sahne drauf und Zimt drin. Noch heute kann ich den Geschmack auf der Zunge spüren”
Raoul bezog sich damit nicht nur auf seine kindheit sondern auch auf seine Jugend, mit fünfzehn Jahren hatte er dort mit Louise Schneeballschlachten gemacht, schon damals das Mädchen, obwohl es 8 Jahre jünger war als er, faszinierend gefunden und in Gedanken bereits Hochzeitspläne für die Zukunft geschmiedet. Süße Jugendträume, die denen seines Vaters glichen, der in eine Statue verliebt gewesen war, eine Chimäre, ein unbeschwerter Traum der niemals Wirklichkeit werden konnte.
Ihm wurde ganz weh ums Herz bei dem Gedanken, dass Louise nun womöglich mit dem König im Bett lag und dieser jene Liebe in ihren Augen sah, die sie für ihn niemals empfunden hatte.Es tat weh daran zu denken, und sofort wünschte er sich, nach Afrika zu gehen und allem ein Ende zu machen, so wie in seinem Traum.
“Schade, dass man die Zeit nicht zurückdrehen kann, Vater”; meinte er seufzend, “ich wäre gerne noch einmal fünfzehn, damals war das Leben noch so einfach und ich sah meine Zukunft vor Augen. Jetzt habe ich oft das Gefühl, keine Zukunft mehr zu haben.”
“Ich kann verstehen, dass du wegen Louise immer noch leidest, Raoul, aber ich bin sicher, du wirst darüber hinwegkommen und irgenwann wirst du eine Frau kennenlernen, der du am liebsten dein Herz  zu Füßen legen wirst und diese Frau wird dich genauso lieben wie du sie liebst, und dann wird Louise für dich nur noch eine ferne Erinnerung sein. Und in ein paar Jahren wirst du dann hier mit deinen Kindern im Labyrinth wilde Schneeballschlachten veranstalten und danach mit ihnen heißen Kakao trinken. Louise dagegen….die Liebe des Königs zu ihr wird nicht währen, irgendwann wird er ihrer überdrüssig werden und sich eine andere Gespielin suchen, und dann endet sie vermutlich im Kloster so wie ihre Vorgängerinnen.”
Raoul schüttelte traurig den Kopf.
“Nein, Vater, für mich wird es keine neue Liebe und keine Familie geben. Es ist alles zu Ende. Ich habe alles verdorben, für uns beide alles was hätte Gut sein können für immer zerstört. Da wartet nichts mehr auf mich, und dich habe mich mit hineingerissen.”
“Was meinst du damit? Du bist noch jung und kannst neu anfangen, das Leben hält sicherlich noch vieles für dich bereit. Dieses Jahr war für uns ein schlimmes Jahr, aber du wirst sehen, das nächste wird besser, du wirst sie vergessen, du wirst wieder lieben können, du wirst Kinder haben:”
Athos sagte das mit trotzig anmutender Verzweiflung in der Stimme.

Dann sahen die beiden Thea, die ihnen im Labyrinth entgegenkam und sie nachdenklich anblickte.
“Monsieurs, kommt Ihr bitte mit mir mit? Ich muss Euch etwas zeigen, es ist sehr wichtig”
Der Blick der Dienerin gefiel Athos ganz und gar nicht und er hatte das Gefühl, als würde gleich großes Unheil heraufziehen.
Irgendwie hatte er das Gefühl, dass es besser sei, nicht mit ihr mitzugehen, denn was immer sie ihm und Raoul zeigen wollte, er wollte es nicht sehen.
Doch Raoul nickte nur lustlos und meinte dann:
“Gut, dann zeigt uns, was Ihr uns zu zeigen habt. Ich glaube, ich weiß schon, was es ist.”
Raoul fragte sich, ob er nicht doch etwas voreilig gewesen war, als er diese neuen Diener eingestellt hatte, war es womöglich doch ein großer Fehler gewesen?


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