Artagnan.de - Fanfiction zu Dumas' drei Musketieren

Was im Winter geschah


35. Bazins Weihnachten

von Aramis



Bazin atmete tief auf, band seine Schürze ab und betrachtete mit seligem Lächeln sein Werk – eine dampfende Terrine randvoll mit würziger Fischsuppe stand auf dem Esstisch, dazu eine Schüssel mit frischem Brot, und überdies ein Teller mit weihnachtlicher Bäckerei. Ah, wie das duftete, herrlich! Und als kirchliche Fastenspeise dem Heiligen Abend in allem würdig! Jawohl, beim Backwerk hatte er sich mit Milch und Eiern wahrlich zurückgehalten! Und nun musste jeden Augenblick sein Dienstherr, Monsieur Aramis, eintreffen, der leider Gottes an diesem so sehnlichst erwarteten Tag im Louvre Wache zu schieben hatte. Verflucht sei der Militärdienst! Beim Allmächtigen, warum musste der junge Herr noch immer bei diesen verdammten Musketieren ausharren, die ihn immer mehr verdarben! Warum ließ man ihn denn nicht endlich zurückkehren, in den Schoß der Kirche! Wäre er nun Priester, wie er sollte, dann säße er zu dieser Stunde im Beichtstuhl, stünde beim abendlichen Segensgebet am Altar oder bereitete sich schon auf die mitternächtliche Christmette vor, die in allen Pariser Kirchen in strahlendem Glanze gefeiert wurde! Oder er hätte wohl gar bereits seinen Weg gemacht, empor in die erlauchten Ränge höfischen Predigertums, anstatt sich tagaus, tagein mit den Kardinalisten zu prügeln und sich spätabends in den Wirtshäusern herumzutreiben! Oh, wenn er, Bazin, bloß daran dachte, welch hehre Aufgaben sein junger maître mit diesem vermaledeiten Waffendienst schon die längste Zeit hindurch versäumte!

Doch alles Zureden half nichts, sei`s im Guten oder im Bösen, denn Monsieur Aramis schaltete sofort auf stur, wenn sein Diener es wagte, ihn an seine geistliche Bestimmung zu erinnern. Das hieß zwar beileibe nicht, dass der Herr lauthals schimpfte oder gar mit Handgreiflichkeiten drohte, aber er wusste stattdessen kalt und mit höflichen Worten seinen Ärger kundzutun. Und das war weit schlimmer, als hätte er geschrien und getobt! Denn wenn ein Mensch sich im Zorn vergaß, so war er immerhin noch zu retten, denn er schwankte innerlich! Doch gegen diese Mauer seelischer Eiseskälte, die der junge Mann in solchen Momenten um sich aufrichtete, kam kein Beichtvater an, geschweige denn sein Diener! Bazin seufzte schwer und kehrte leidend die Augen gen Himmel – ach, was gäbe er doch für das allerkleinste Weihnachtswunder! Wie wollte er frohlocken und zusammen mit allen Engelschören zum Lobpreis des Allerhöchsten aus voller Kehle singen, käme sein junger Herr nun freudestrahlend nach Hause und verkündete, er wolle den Degen endlich ein für alle Mal ablegen und die casaque für immer an den Nagel hängen!

Der Glockenschlag des nahen Kirchturms riss Bazin aus seinen lamentösen Gedanken – halb sieben! Oh, dann musste Monsieur Aramis jeden Augenblick heimkehren! Ach, wenigstens den Freudenreichen Rosenkranz wollte er, Bazin, für ihn vorbeten, und den Engel des Herrn, damit dem Heiligen Abend wenigstens mit frommem Gebet Genüge getan wurde! Und vielleicht gelang es ihm ja, seinen jungen maître hinterher zum Gang zur Christmette zu bewegen!

Horch, fiel nicht soeben das Haustor ins Schloss? Jawohl, und schon erklangen Schritte auf der Treppe! Doch seltsam, normalerweise hörte man diese nicht so laut durch die geschlossene Wohnungstüre! Ließen sich da nicht zugleich auch lachende Männerstimmen vernehmen? Herrgott, was in aller Welt - ?!

Doch weiter kam Bazin nicht, mit seinen Gedanken, denn im selben Augenblick flog die Türe mit resolutem Schwung auf, und vier Männer traten sporenklirrend ein, drei von ihnen in blauen Musketierskasacken. „Parbleu!“, schrie der Größte der Vier, ein Riese von einem Mann, „das nenn ich eine Saukälte! Ich bin ganz klamm vom Wachestehen! Hola, Bazin! Bereite auf der Stelle heißen Würzwein! Hier, ich spendier dir auch Zimtstangen und Nelken!“ Und er reichte dem Verdatterten mit großartiger Gebärde eine kleine Papiertüte, die die genannten Gewürze enthielt.

„Aber Monsieur - !“ Bazin überlief es heiß, natürlich, Monsieur Porthos! Ha, dieser Mensch hatte tatsächlich bloß Essen und Trinken im Kopf! Ein Soldat wie er im Buche stand! Raufhändel und Gelage, mehr interessierte diesen Kerl nicht!

„Seht, die Suppe steht schon auf dem Tisch!“, rief da dieser junge Gascogner mit Namen d`Artagnan und zog genießerisch den Duft ein, „und dazu frisches Brot, das ist ja schon mal ein guter Anfang!“

„Aber keine Weingläser, wie ich sehe!“, knurrte jener finstere, hochgewachsene Musketier, der sich Athos nannte. „Bazin, Wein her! Egal, ob heiß oder kalt! Bei allen Teufeln, wir verdursten!“

Gerechter Himmel! Ein gotteslästerlicher Fluch zu dieser weihevollen Stunde! Bazin erbleichte, das durfte er nicht zulassen! „Monsieur, ich bitte Euch inständig, mäßigt Euch! Es ist Heiliger Abend!“ Und er blickte dem Musketier beschwörend ins Gesicht.

Doch dieser runzelte bloß ärgerlich die Stirne und knurrte: „Bazin, ich sagte: Wein her! Soll ich dir Beine machen?!“

„Bitte geht und tut, was mein Freund wünscht!“, flüsterte ihm da sein Dienstherr, Monsieur Aramis, ins Ohr. „Bringt vier Flaschen von dem guten Roten und bereitet meinem armen Freund Porthos einen großen Krug warmen Würzweins! Der Ärmste hat sich heute Hände und Füße abgefroren, draußen vorm Louvre! Athos und ich hatten dagegen Glück, wir durften drinnen Wache schieben.“

„Der Würzwein dauert seine Zeit, gib meinem Freund Porthos daher zuallererst ein Glas Branntwein!“, befahl Athos, während er seine Waffen ablegte und seinen Federhut aufs Sofa warf, „das wärmt!“

Seine Freunde taten desgleichen, nahmen mit zufriedenem Aufseufzen am Esstisch Platz, und Porthos rief lauthals: „He, Bazin, was gibt`s denn als Hauptgericht, nach der Suppe?“

„Nichts!“, erklärte dieser würdevoll und hob kämpferisch das feiste Kinn. „Heute ist Fasttag, wie die Herren wohl wissen!“

„Wie bitte??“ Porthos machte marbelrunde Augen, und auch d`Artagnan starrte Bazin an wie den Gottseibeiuns. „Aber…das gibt`s doch nicht!“, krächzte der Gascogner und räusperte sich nervös, „es ist Weihnachten! Das muss doch gefeiert werden! Mit Essen und Trinken, dass sich die Balken biegen!“ Und sein schmales Antlitz erinnerte prompt an die sehnsüchtige Miene eines hungrigen Hundes.

„Die verehrten Herrn mögen verzeihen, doch es gibt bloß Fischsuppe. Und hinterher ein wenig Backwerk. Denn wir wollen an diesem heiligen Abend der Geburt Unseres Herrn Jesu Christi gedenken, doch uns beileibe nicht gierig den Bauch vollschlagen! Daher lasst uns nun mit einem gemeinsamen Gebet beginnen!“ Und prompt schlug Bazin in weihevoller Gebärde das Kreuzzeichen und begann mit erhobener Stimme: „Lasset uns beten! Vater unser, der Du bist im Himmel - !“

„Was?? Bloß diese Suppe?? Und noch dazu vom Fisch??“ Porthos konnte es nicht fassen, „kein saftiger Kalbsbraten? Keine knusprigen Hähnchen? Keine gebratene Gans? - Parbleu, Aramis, davon habt Ihr kein Wort gesagt!“

Der junge Mann hob bedauernd die Schultern. „Mein Freund, ich erwähnte doch, dass Bazin heute Abend kocht. Und als zutiefst gläubiger Mensch hält er sich natürlich streng an die Speisevorschriften!“

„Kreuzdonnerwetter, das ist ja furchtbar!“, fuhr Porthos auf, und auch Athos runzelte ärgerlich die Stirne. „Was zum Teufel machen wir nun? Wir brauchen doch einen Festtagsbraten! Verflucht, ich hätte Mousqueton auf den Markt schicken sollen, dort gab`s die letzten Tage zuhauf frische Gänse!“ Sein superbes Antlitz rötete sich grimmig: „Du Kerl von einem Diener, was fällt dir ein, deinen armen Herrn und uns, seine besten Freunde, am Weihnachtsabend auf Diät zu setzen?!“
 
„Wie ich schon sagte…heute ist Fasttag!“, stammelte Bazin mit hochrotem Kopf, doch da sprang Porthos schon auf und schob den Diener resolut beiseite. Der Hüne marschierte schnurstracks in die Küche, kehrte nach wenigen Augenblicken wieder und verkündete mit schallender Stimme: „In der Speisekammer waren weder Kalbfleisch noch Hähnchen zu finden, geschweige denn eine fette Gans, aber immerhin frisches Brot, eingelegte Zwiebel, eine große Portion Schinken und dazu jede Menge Eier! Los, Bazin, wenn du uns schon den wohlverdienten Braten vorenthältst, so bereite uns nun wenigstens aus all jenen Zutaten eine Riesenomelette zu! Nein, keine Widerrede! Hast du gehört?!“

„Und vergiss den Wein nicht!“, rief Athos dem Unglücklichen lautstark hinterher, der nun geschlagen und mit gesenktem Kopf leise schniefend in der Küche verschwand, und entkorkte die Branntweinflasche, die Porthos aus dem Vorratsschrank genommen hatte. „Parbleu, meine Freunde, dann lasst uns in Dreiteufelsnamen mit dieser Fischsuppe beginnen!“

D`Artagnans Augen gewannen ihren Glanz zurück - flink teilte er die Teller aus, nahm den Schöpflöffel zur Hand und hob mit genüsslich witternder Nase den Deckel von der sachte dampfenden Terrine…

 

 

 

 


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