Artagnan.de - Fanfiction zu Dumas' drei Musketieren

Was im Winter geschah


5. La neige du décembre

von Engel aus Kristall


Inhalt: eine Songfic zu dem Lied “Dezemberschnee” (aus dem Album “Dezemberlieder” von Pia Douwes). Ich mag das Lied sehr und hatte diese Szene auf einmal vor Augen. Das Ergebnis ist zwar irgendwie nicht so geworden, wie ichs gern wollte, aber ich wünsche trotzdem viel Spaß!

Rating: P12

Genre: Silent

 

La neige du décembre

von Engel aus Kristall

 

         Eine einsame Gestalt wanderte langsam durch den frisch gefallenen Schnee, der Wiesen, Bäume, Wege und Häuser bedeckte. Es mochte der kälteste Tag in diesem Jahr sein, eisiger Wind blies die winzigen Kristalle gleich eines wilden Tanzes durch die Winterluft. Die Sträucher und Bäume ächzten bereits unter der weißen Last. Hier war es nicht wie in den gepflegten Parkanlagen der Schlösser und herrschaftlichen Häuser, die er kennen gelernt hatte. Die Pflanzen streckten sich dem Himmel entgegen, ohne von menschlichen Händen in unterschiedliche Formen und Gestalten gezwängt zu werden. Trotz seines warmen Mantels fröstelte er, doch war es nicht so sehr aufgrund der Kälte, denn eines Schattens in seinem Geist. Die edlen Züge seines blassen, von dunklem Haar umrahmten Gesichts waren hart, wie aus Marmor geschnitzt.

Dichter Schnee fällt um mich her,
fällt in Fern und Nah.
Ich geh ganz allein hindurch,
du bist nicht mehr da.

         Die Erinnerungen, die in ihm lebten, schienen so fern zu sein, wie aus einer anderen Welt, obgleich kaum zwei Jahre vergangen waren. An einem Frühlingstag hatte er dieses Mädchen zur Gemahlin genommen, das sein Leben von Grund auf durcheinander wirbelte. Sie war noch so jung, schüchtern, beinahe scheu und erfrischend natürlich. Nicht wie die meisten Damen seines Standes, die er kannte, obwohl ihr Benehmen die Erziehung einer adligen Familie vermuten ließ. Sie verstellte sich nicht. Zumindest hatte er das damals noch geglaubt. Der Zorn darüber, dass er von Anfang an ihrer Täuschung erlegen war, glomm immer noch in ihm. Hatten ihn nicht seine Eltern davor gewarnt sich zu sehr von der Schönheit des Mädchens blenden zu lassen, von dem er nichts als den Namen wusste?

Vor zwei Jahren erst im Mai
war die Welt so sorgenfrei.
Ich hab mit Herz und Verstand
an deine Liebe geglaubt.
Wie hab ich’s bereut.
Keiner hat mich da gekannt.
Keiner kennt mich heut.

         Anne. Wie hatte er den Klang dieses Wortes damals geliebt. Genauso wie alles an ihr, von ihrem roten Haar, bis zu ihrer porzellanhellen Haut. Doch die warmen Tage lagen weit zurück. Wie jeder Frühling mit seinen frischen Blütendüften, den Gesängen der balzenden Vögel und dem satten Grün der Wiesen dem nachfolgenden Sommer weichen musste, war auch die warme Zeit in seinem Herzen zu Ende gegangen. Die Blätter hatten sich schon zu verfärben begonnen, als jener verhängnisvolle Tag kam, an dem er das Mal an ihrer Schulter fand. Diese kleine, ihren makellosen Körper entstellende Brandnarbe in Form einer Lilie, die sie so geschickt vor ihm verborgen hatte, strafte jedes Wort, jede Berührung Lügen.

Alles deckt der Schneefall zu,
alles weit und breit.
Schritte der Vergangenheit
und der kommenden Zeit.

         Doch was er dann getan hatte, blieb für ihn ebenso unverzeihlich. Ja, er war wütend gewesen und zutiefst enttäuscht. Das Zeichen brandmarkte sie als gottlose Gesetzesbrecherin und er tat in seinem Rang als Graf nur, wie mit solchem Gesindel zu verfahren war. Er knüpfte sie am Ast einer alten krummen Eiche auf, ohne auch nur ein Wort der Erklärung anzuhören. Damals hatte es in seinen Augen keine Rechtfertigung für ihre Heuchelei gegeben. Später, nachdem der jähe brennende Zorn war abgekühlt war, kehrte er noch einmal zu dem Baum zurück. Selbst ein Geschöpf wie sie verdiente eine anständige Beerdigung, damit sie zumindest vor Gott ihren Frieden machen konnte. Er fand den Strick durchgeschnitten unter dem Ast der Eiche, doch von ihrem leblosen Körper fehlte jede Spur. Ob sich bereits ein zufällig des Weges kommender Wanderer ihrer erbarmt und sie in der kalten Erde begraben hatte?

Und wie anders fing es an,
wie es nie mehr werden kann.
Frühling im Park wie ein Traum,
und jeder Strauch, jeder Baum
von Blüten schwer.
Unter dem Dezemberschnee
sieht man das nicht mehr.

         An diesem Tag war seine Anne von ihm gegangen und er schwor sich sein Herz niemals wieder einer Frau zu schenken, denn zu groß war der Schmerz, als dass sein Leben lange genug wehren konnte, um ihn ganz zu überwinden. Mit ihr starb auch er selbst. Es war nicht nur ihr Strick, den er geknüpft hatte, sondern auch sein eigener. Olivier de la Fère hörte auf zu sein. Die Erinnerung an sie war in seinem Anwesen allgegenwärtig. Egal in welchem Raum er sich aufhielt, glaubte er sie zu spüren und ihren Duft zu riechen. So überließ er Rang und Titel seinem jüngeren Bruder. Er wurde zu Athos, dem Musketier, für den selbst der Tod keinen Schrecken mehr besaß. Wenn er in Ausübung seines Dienstes einen ehrenvollen Tod fand, so würden die düsteren Erinnerungen endlich schweigen.

Ach, wie jeder Tag mit dir
hell und kostbar war.
Beste Freunde waren wir,
nicht nur Liebespaar.

         In Momenten wie diesen, wenn er über die Vergangenheit sinnierte, stellte er sich immer wieder dieselbe Frage. Hatte sie ihn überhaupt jemals geliebt? Die Antwort würde er nie finden, es war sinnlos weiterhin nach ihr zu suchen. Und doch gelang es ihm nicht davon abzulassen. In der Ferne schlug eine Kirchenglocke fünf Mal und er hielt jäh in seinen Überlegungen inne.

         „Sacre bleu!“ fluchte er leise.

         Die Zeit war mit den Schneeflocken davon gewirbelt. Seine besten Freunde erwarteten ihn gewiss bereits in ihrem angestammten Wirtshaus, wo sie Heiligabend gemeinsam und gut versorgt mit Speis und Trank verbringen wollten. Porthos und Aramis würden ihn von seinem Trübsal abzubringen wissen, wenn er nur nicht wieder zu sehr dem tröstlichen Geschmack des Weines auf der Zunge verfiel.

Und mir fiel im Traum nicht ein,
es könnt je zu Ende sein.
Denn Hand in Hand wollten wir
den ganzen Lebensweg gehn,
nur du und ich.
Oh, nichts davon vergess ich je.
Ich denk immer an dich.
Nein, nichts davon vergess ich je.
Ich denk immer an dich.
Oh, ich denk immer an dich.

         Raschen Schrittes stapfte er den Weg zurück, den er gekommen war, und den einzig seine eigenen Fußabdrücke im Schnee markierten. Die Gestalt, die in einiger Entfernung bei einer Gruppe blattloser knorriger Linden stand, bemerkte er dabei nicht. Ein dunkler Umhang verhüllte den schlanken Körper einer Frau. Rotes Haar floss unter der Kapuze hervor, die sie tief ins Gesicht gezogen hatte. Athos ahnte nicht, wie nahe er ihr eben noch gewesen war. Und er wusste nicht, wie sehr auch sie sich nach den hellen Frühlingstagen sehnte. Nach einer Zeit, ehe die Wärme für immer dem winterlichen Frost erlag. Sie lenkte ihre Schritte in die entgegen gesetzte Richtung, während die nun ganz dicht fallenden Flocken ihrer beider Fußstapfen langsam bedeckten.


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