Artagnan.de - Fanfiction zu Dumas' drei Musketieren

Was im Winter geschah


6. Neues Jahr, neues Glück

von AlienorDartagnan


Silvester 1621

Es war bereits zehn Uhr, und um diese Zeit hielten sich nur noch wenige Menschen in den Straßen von Paris auf. Es war der letzte Abend im alten Jahr, und viele würden den Jahreswechsel gebührend feiern, doch für den Musketier, der mit gesenktem Kopf durch die düsteren Straßen lief, war es ein Abend wie jeder andere. Selbst mit gesenktem Kopf und hängenden Schultern strahlte dieser Mann eine Anmut und Würde und Erhabenheit aus, wie sie nur wenigen Menschen zueigen ist.
Sein Dienst im Louvre war gerade erst mit einer Wachablösung zuende gegangen, an diesem Abend hatte er zusammen mit fünf anderen Musketieren auf dem Silvesterball Wache halten müssen. Im Saal hatte ungezügelter Frohsinn geherrscht, der Anblick der lachenden und scherzenden Tänzer, die übermütig zum Klang lebhafter Flöten-Lauten und Tamburinklängen durch den Raum wirbelten, hatte ihm im Herzen wehgetan, denn es erinnerte ihn an das Silvester im letzten Jahr auf Bragélonne, das er noch gemeinsam mit Anne gefeiert hatte, mit ihr zusammen ins neue Jahr getanzt war. Damals war er glücklich gewesen, so unbeschreiblich glücklich, und hatte noch nichts von dem Schandmal gewusst, das alles zerstört, das ihn zu dieser schrecklichen Tat getrieben hatte. Fünf Monate war es jetzt her, dass er sie voller Wut, nicht mehr Herr seiner Sinne, erhängt hatte, als er, nachdem sie vom Pferd gestürzt und ohnmächtig geworden war, das Schandmal, das man Verbrechern in die Haut einbrannte, auf ihrer Schulter entdeckt hatte. An diesem Tag war etwas in ihm gestorben, und er wusste ganz genau, dass er niemals wieder einer Frau vertrauen und ihr sein Herz schenken können würde. Seit fünf Monaten quälte ihn sein Gewissen unablässig, er wusste genau, dass er niemals wieder Frieden finden würde.
Er hatte Bragélonne verlassen, war nach Paris gegangen, um ein Musketier zu werden, so wie einst sein Vater zur Zeit von König Henry IV, doch vor seiner Reue, seinen Kummer und seinem Schmerz hatte er nicht davonlaufen können, sie verfolgten ihn, ganz gleich wohin er auch ging. Er hatte unter den Musketieren einen guten Freund gefunden, den lebenslustigen, zweilen etwas eitlen Porthos, und seit kurzem gehörte auch der Priesterschüler Aramis, dem er Fechtstunden erteilte, zu seinem Freundeskreis. Diese Freundschaften taten ihm zwar sehr gut, konnten ihm jedoch nicht über die große Leere in seinem Inneren hinweghelfen. Und oft fragte er sich, ob diese beiden Männer auch dann seine Freunde wären, wenn sie wüssten dass er ein Mörder war, der seine eigene Frau auf dem Gewissen hatte. Nein, ein Zusammenleben mit ihr wäre nicht mehr möglich gewesen, nachdem sie ihn so schändlich hintergangen hatte, doch heute sagte er sich oft, dass es genügt hätte, sie einfach zu verstoßen. Nein, er würde Bragélonne niemals wieder betreten, das hatte er sich geschworen. Die Erinnerungen an Anne waren einfach zu schmerzlich, und dort würde er überall an sie erinnert werden.

Weihnachten war für ihn schon eine Tortur gewesen, er hatte sich betrunken um seinen Schmerz zu betäuben, so wie er es mittlerweile fast jeden Abend tat. Für kurze Zeit hüllte der Alkohol ihn in eine gnädige Ohnmacht, und er konnte vergessen, war innerlich wie betäubt, doch umso schlimmer war es dann jedes Mal, wenn er wieder nüchtern war. Und auch heute war es nicht anders, er befand sich auf dem Weg zu seiner Wohnung in der Rue Ferrou, wo er sich von seinem Diener Grimaud, mit dem er sich nur durch Handzeichen verständigte, eine Weinflasche nach der anderen öffnen lassen würde. Früher war er ein offener, fröhlicher Mensch gewesen, doch seit Annes Tod hatte er sich sehr verändert. Seine neuen Freunde kannten ihn nur schweigsam, melancholisch, in sich gekehrt.
Der Comte Olivier de La Fére war genauso tot wie Anne, nun gab es nur noch Athos, den stillen, geheimnisvollen Musketier.
In vielen Häusern brannte auch am Silvesterabend kein Licht mehr, weil die Bewohner nach einem langen harten Arbeitstag längst im Bett lagen, nur aus den Fenstern der Schenken und Gasthäuser leuchtete und flackerte es noch, und man hörte das laute Lachen und Gröhlen der Zecher bis auf die Straße. Tief in trübe Gedanken versunken trottete Athos an den Häusern vorbei, wobei ihm keine einzige Menschenseele begegnete, und ihm war es nur Recht so.
Während seines Dienstes im Louvre hatte er nicht trinken dürfen, und nun verlangte es ihn nach Wein, genügend Wein, um sich wieder tief ins Vergessen trinken zu können. Nur der Wein vermochte es, Annes Gesicht mit den schönen madonnenhaften Zügen, das ständig vor seinem inneren Auge erschien, fast so, als ob sie ihn noch aus dem Jenseits heraus quälen wollte, für eine Weile zu vertreiben. Nur wenn er mindestens zwei Flaschen am Abend trank, konnte er die Nacht durchschlafen. Athos hasste sich selbst abgrundtief für seine Tat, war der Meinung, damit ganz und gar gegen seine Ehre gehandelt zu haben. Um in die Rue Ferrou zu gelangen, musste er auch über den Cemetiére des Innocents, den sogenannten Friedhof der Unschuldigen, den größten Friedhof von Paris, der in der Nähe des Fischmarktes lag. Tagsüber kamen die Pariser Bürger hierher, um Blumen auf die Gräber ihrer Angehörigen zu legen, nachts war der Friedhof ein beliebter Treffpunkt von Deserteuren, Schmugglern, Dieben, Beutelschneidern und Huren. Ein gefährlicher Ort, den jeder, der nicht zu eben jenen gehörte, in der Nacht mied wie der Teufel das Weihwasser. Doch das konnte Athos nicht schrecken, er war ein ausgezeichneter Fechter, und außerdem schon immer tollkühn und wagemutig, und so nahm er häufig die Abkürzung über den Friedhof und den Fischmarkt, weil das den Weg in die Rue Ferrou um mindestens zehn Minuten abkürzte.

Jetzt im Winter, bei dieser schneidenden Kälte, hielt sich hier auf dem Friedhof ohnehin nicht so viel verbrecherisches Gesindel auf wie sonst, und in dieser Nacht war der Friedhof menschenleer. Die Grabsteine und Kreuze warfen im Mondschein lange Schatten, die blattlosen Äste der Bäume die auf dem Friedhof wuchsen, wirkten im Mondlicht wie skelettierte Hände mit langen Krallen. Hin und wieder hörte man irgendwo ein leises Rascheln, vermutlich von Mäusen oder ähnlichem Getier, bei dem zartbesaitetere Gemüter als Athos sich sofort bekreuzigt hätten, und dann laut schreiend davongelaufen wären. Doch Athos, der fast ständig von den Geistern seiner Vergangenheit gequält wurde, konnte dieser so schaurig wirkende Ort keine Angst einjagen, in seiner üblichen gelassenen, würdevollen Haltung ging er über den Friedhof, und zuckte nicht einmal zusammen, als irgendwo der Schrei eines Käuzchens ertönte, der in der nur von Mondlicht erhellten Dunkelheit recht schauerlich klang.
Nein, ein Mensch, dessen Seele voller Schatten ist, fürchtet nicht die Schatten der Nacht, dachte Athos sich.
Doch dann, als er plötzlich einen schrillen Schrei hörte, der ihm durch Mark und Bein ging, blieb er wie erstarrt stehen. Eindeutig der Schrei einer Frau. Womöglich eine arme Seele, die keine Ruhe finden konnte?
Erneut ertöten ein Schrei, er kam von der Rückseite eines der hohen, gewaltigen Mausoleumsgräber, deren Steine so hoch wie eine Mauer und mindestens drei oder vier Meter breit waren. Der Schrei klang panisch, und dann herrschte auf einmal Stille.
Athos konnte nicht anders, obwohl ihm eisig kalte Schauder über den Rücken liefen, wollte er nachsehen, ob da jemand seine Hilfe brauchte. Womöglich war es ja gar kein Geist gewesen, der da die Schreie ausgestoßen hatte.

Und so eilte er zu dem hohen Grabstein, hinter dem der Schrei ertönt war, und was er dort erblickte, ließ ihm regelrecht das Blut in den Adern gefrieren. Ein heruntergekommener Mann, dessen Kleidung schon bessere Tage gesehen zu haben schien, hatte eine blonde junge Frau gegen den Grabstein gedrückt, hielt ihr nun den Hals zu und würgte sie mit beiden Händen. Die Frau, deren Gesicht Athos nicht sehen konnte, weil der Rücken des Mannes ihm die Sicht darauf versperrte, schlug verzweifelt nach ihm und strampelte wild mit den Beinen, doch allmählich erlahmte ihre Gegenwehr, und ihr Körper erschlaffte und sank wie ein nasser Sack in sich zusammen.
Blitzschnell zog Athos seinen Degen und hielt ihn dem Angreifer der Frau direkt in den Rücken.
“Lasst sofort die Frau los! Oder Euer letztes Stündlein hat geschlagen!”; rief er laut.
Der Mann, der einen Dolch am Rücken trug, nahm seine Hände vom Hals der Frau, die daraufhin ohnmächtig zu Boden fiel, und mit dem Gesicht nach unten liegen blieb, wobei ihr hellblondes Haar sich wie ein Fächer auf dem Boden um ihren Kopf ausbreitete.
“Denkt nicht einmal daran, oder Ihr seid ein toter Mann!”, fuhr Athos den Mann an, als er sah, wie dieser mit einer Hand nach dem Dolch an seinem Gürtel tastete, und dann nahm er dem Mann den Dolch ab, wobei er ihm mit einer Hand seinen Degen drohend vor die Nase hielt.
In den Augen des Fremden stand der blanke Wahn.
“Alle Weiber sind böse, sie müssen alle sterben! Sie sind alle Hexen! In jeder wohnt das Böse, und bei dieser da bin ich mir ganz sicher!”
Nachdem Anne ihn so bitter enttäuscht hatte, hielt Athos zwar nicht mehr viel von den Frauen, konnte einfach nicht mehr an das Gute in ihnen glauben, doch er hasste sie nicht, und hätte niemals einer Frau ein Leid tun können. Deswegen zögerte er nicht lange, und schlug den offenkundig wahnsinnigen Mann mit einem einzigen gezielten Fausthieb bewusstlos, ehe dieser wusste wie ihm geschah.
Dann fesselte er ihm die Hände und band ihm ausserdem die Beine zusammen, legte ihn dann in die Leichenhalle des Friedhofs, die immer offen war, wenn kein Toter darin lag. Später, wenn er sich um die arme Frau gekümmert hatte, wollte er die Gendarmen rufen, damit sie den Mann abholten.
Bin ich denn besser als er?, fragte er sich verzweifelt, habe ich nicht auch gemordet?
Die Frau lag noch immer reglos mit dem Gesicht nach unten auf dem mit Blumenbeeten bepflanzten Grab. Athos ging zu ihr, kniete nieder und drehte sie behutsam um. Mit dem, was er dann sah, hatte er beileibe nicht gerechnet. Die Bewusstlose war seine Anne, seine Anne mit dem schönen, madonnenhaften Gesicht, hinter dem sich ein hinterhältiger Charakter verbarg, der so gar nicht zu ihrem schönen Gesicht passen wollte. Diesmal jedoch war sie nicht in Samt und Seide gehüllt, sondern in ein schlichtes Gewand, wie es die Bauernmädchen und Mägde trugen. Außerdem war sie dünner geworden, die Wangenknochen waren kantiger, die Schultern schmaler. In den letzten Monaten schien es ihr nicht gerade gut ergangen zu sein. Fassungslos betrachtete er die reglose junge Frau. Wie war das möglich, dass sie jetzt hier war, er hatte sie doch vor fünf Monaten erhängt. War es überhaupt wirklich Anne, oder nur eine andere Frau, die ihr zum Verwechseln ähnlich sah? Er musste unbedingt sofort Gewissheit haben, und so schob er ihr Kleid an der rechten Schulter beiseite. Als das vermaledeite Lilienmal zum Vorschein kam, da gab es keinen Zweifel mehr, es war eindeutig Anne. Und obwohl er ihr nicht mehr viel zu sagen hatte, und ihn mit dieser Frau, die ihn so sehr enttäuscht hatte, nicht mehr viel verband, war er froh, dass sie noch lebte. Er hatte also nicht die schwere Schuld eines Mordes auf sich geladen, sie hatte irgendwie überlebt, auch wenn er sich nicht vorstellen konnte, wie das möglich gewesen war.
“Danke Gott, dass du mich von dieser Last befreist”; murmelte er leise, und hob die Bewusstlose dann behutsam auf.
Was für eine seltsame Ironie, dass er nun ausgerechnet jener Frau, die er ermordet zu haben glaubte, das Leben gerettet hatte. Auf keinen Fall wollte er sie mit in die Rue Ferrou nehmen, denn er wollte nicht, dass sie erfuhr, dass er es war, dem sie ihr Leben zu verdanken hatte.

Und so trug er sie zu einem Gasthaus, das direkt am Fischmarkt lag, und mietete dort ein Zimmer, wo er sie behutsam aufs Bett legte und zudeckte. Wie sie so dalag, das erinnerte ihn an die wenigen Monate seiner Ehe, in denen er so glücklich gewesen war, dass er die ganze Welt hätte umarmen können. Damals, wenn sie sich jede Nacht im Bett an ihn geschmiegt, zärtlich an seinem Ohrläppchen geknabbert, ihm gesagt hatte, wie sehr sie ihn liebte, sich ihm danach mit ganzer Leidenschaft hingab, hatte er sich gefühlt, als ob er auf Wolken schweben würde. Doch nun wusste er leider über sie Bescheid. Hinter dem schönen, madonnenhaften Gesicht versteckte sich eine kühle, berechnende Person, der Gefühle wie Liebe völlig fremd waren, und die stets nur auf ihren Vorteil und ihr Vorankommen im Leben spekulierte. Nein, sie war keine Frau, mit der man glücklich und zufrieden auf einem Landgut leben und gemeinsam Kinder aufziehen konnte, das hatte er an jenem Tag, als er das Lilienmal sah, schmerzlich erkennen müssen. An jenem Tag, als ihm auch klar geworden war, dass der Pfarrer keineswegs ihr Bruder, sondern ihr Liebhaber gewesen war. Welch grausames Spiel hatte sie mit ihm getrieben..seine Liebe mit Füßen getreten, und er hatte es nicht einmal bemerkt, weil er blind vor Liebe gewesen war.
Obwohl er tief im Herzen noch immer etwas für sie empfand, war eine gemeinsame Zukunft nicht möglich. Nein, sie sollte ihn niemals wiedersehen. Nun, da er über sie Bescheid wusste, konnte er nicht mehr mit ihr zusammenleben so wie damals, es war unmöglich, das Vertrauen war zerstört.
Tief in Gedanken versunken ging er zum Fenster und blickte hinaus. Draußen ertönte lautes Knallen, und bald darauf sah Athos die ersten leuchtend bunten Lichtkaskaden am Himmel, die das neue Jahr einleiteten, und die Glocken sämtlicher Pariser Kirchen und der Kathedrale von Notre Dame läuteten zum Jahreswechsel. In diesem Augenblick empfand Athos in sich einen Frieden wie seit fünf Monaten nicht mehr, denn in dieser Nacht war eine große Last von ihm abgefallen. Er wusste nun, dass er kein Mörder war, und dadurch, dass er ihr das Leben gerettet hatte, war ihm seine Schuld, die er damals auf sich geladen hatte, gewiss vergeben. Wegen ihm hatte sie damals ihr Leben beinahe verloren, und nun würde sie nur dank ihm weiterleben, auch wenn sie das niemals erfahren würde.
Die Strohmatratze knisterte, als sie sich unruhig auf ihrem Lager hin und her warf und leise stöhnte, sie wurde nun gewiss bald aufwachen. Leise schlich er zu ihrem Bett und legte seine prall gefüllte Geldbörse auf den Nachttisch. Sie kämpfte hart ums Überleben, das konnte er ihr ansehen, und er war sich sicher, dass ihr das helfen würde, irgendwo ein neues Leben anzufangen. Seine Ehre gebot es, ihr zu helfen, trotz allem was geschehen war. Bevor er den Raum verließ, beugte er sich zu ihr hinunter und streichelte zärtlich ihre Wange.
“Ich wünsche Euch alles Gute, Anne. Vielleicht werdet Ihr ja irgendwann ein besserer Mensch. Möge Gott Euch helfen.”
Dann verließ er den Raum und schloss leise die Tür hinter sich.
Wenig später stand er wieder auf der Straße und machte sich auf den Heimweg, wobei er immer wieder lächelnd zum Nachthimmel, der noch immer von dem bunten Feuerwerk erhellt wurde, aufblickte. Seltsam, er hatte in seinem Leben schon so viele Feuerwerke gesehen, doch dieses erschien ihm nun so wunderschön wie nie zuvor.
Als er dann in seiner Wohnung in der Rue Ferrou ankam, lief Grimaud sofort los, holte eine Flasche Wein und einen Korkenzieher.
“Nein, Grimaud, heute keinen Wein. Ich denke, ich werde ab jetzt nur noch ein Glas am Tag trinken. Ab jetzt gibt es nichts mehr, das ich vergessen muss.”
Dann schickte er seinen Diener zur Gendarmerie, wo er Meldung machen sollte, damit sie den Mann aus der Leichenhalle holten und einsperrten. Später sollte sich dann herausstellen, dass der Mann ein seit langem von der Pariser Polizei gesuchter Frauenmörder war.
Es tat Athos noch immer weh an Anne zu denken, doch nun gab es keine Schuldgefühle mehr, die ihn innerlich zerfraßen. Er glaubte fest daran, dass sich für ihn nun alles zum Guten wenden, dass diese Silvesternacht für ihn der Beginn eines Neuanfangs sein würde.

 

 


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