Artagnan.de - Fanfiction zu Dumas' drei Musketieren

Was im Winter geschah


7. Athos und der Geist

von AlienorDartagnan


Paris, 24. Dezember 1628

Früher hatte Athos Weihnachten geliebt, doch nun grauste es ihm jedes Jahr aufs Neue vor diesem Fest. Sieben Jahre war er jetzt schon in Paris bei den Musketieren, und noch immer lag seine Vergangenheit wie ein schwerer Schatten auf seiner Seele. Nachts konnte er nur schlafen, wenn er viel Wein getrunken hatte, und selbst dann sah er in seinen Alpträumen immer wieder Annes Gesicht, es schien ihn regelrecht zu verfolgen. Nun war sie tot, und er gab sich die Schuld daran, obwohl ihm und seinen Freunden wegen ihrer Morde gar keine andere Wahl geblieben war. Dennoch sagte er sich jetzt oft, dass sie sie eigentlich einem Gericht hätten übergeben müssen, dass es Unrecht gewesen war, einfach selbst über sie das Todesurteil zu sprechen und durch den Henker von Lillé vollstrecken zu lassen. Genauso wie es Unrecht gewesen war, sie damals einfach aufzuhängen, auch das bereute er zutiefst. Sie hatte ihn nie geliebt, das wusste er, seitdem er die Lilie entdeckt hatte, aber hätte es nicht genügt, sie einfach nur zu verstoßen und sich scheiden zu lassen?
Mit einem Handzeichen gab er seinem Diener Grimaud zu verstehen, dass er ihm eine neue Flasche spanischen Wein bringen, und dann das Fenster schließen sollte. Irgendwo draußen sangen ein paar Kinder Weihnachtslieder, und er konnte diese Lieder nicht ertragen, weil sie ihn an glücklichere Zeiten erinnerten. An die Weihnachtsfeste mit seinen Eltern und seinem Bruder, und an das einzige Weihnachten, das er mit Anne gefeiert hatte, als sie noch glücklich gewesen waren, als er noch nicht gewusst hatte, dass sein Glück nur eine Illusion gewesen war. Seltsam, obwohl seine Gefühle für sie längst erkaltet waren, tat es entsetzlich weh, daran zu denken, wie sie ihn einst unter dem Weihnachtsbaum zärtlich geküsst hatte, und ihm ewige Liebe geschworen hatte. Damals waren sie gerade einen Monat verheiratet, und er so glücklich gewesen, dass er das Gefühl gehabt hatte auf Wolken zu schweben. Nein, er wollte diese Lieder nichts hören, und von Weihnachten nichts mitbekommen. Porthos hatte letzten Monat Madame Coquenard geheiratet und ihn, Aramis und d´Artagnan in die Ochsengasse zu einem Festessen am Heiligen Abend eingeladen, aber er hatte freundlich abgelehnt, weil ihm, genau wie jedes Jahr, nicht nach Feiern zumute war. Für seine drei Freunde war dies nichts Neues, denn jedes Jahr an Weihnachten zog Athos sich in seine Wohnung zurück und kam meist bis zum 27. Dezember, wenn die Feiertage zuende waren, nicht mehr heraus. Trotzdem boten sie ihm jedes Jahr an, gemeinsam zu feiern, obwohl sie bereits ahnten, dass er ablehnen würde. An Weihnachten und am 13. Juli war es meistens so, dass Athos sich zurückzog und für niemanden zu sprechen war, an diesen Tagen wollte er einfach nur in Ruhe gelassen werden, und sich ins Vergessen trinken. So hatte er von den letzten sechs Weihnachtsfesten nichts mitbekommen, weil er sich fast bis zur Besinnungslosigkeit betrunken hatte.

Grimaud, der die Zeichensprache seines nicht viele Worte machenden Herrn mittlerweile meistens richtig deutete, brachte ihm eine neue Flasche Wein, und schloss das Fenster.
Nun waren die Gesänge nicht mehr zu hören, und Athos konnte sich einreden, dass es ein Tag wie jeder andere war. Ein Tag der nichts bedeutete.
Obwohl es noch früh am Abend war, und draußen gerade erst die Sonne unterging, war er bereits bei seiner dritten Flasche angelangt, und er wusste schon jetzt, dass es nicht die letzte an diesem Abend sein würde. Er machte sich gar nicht erst die Mühe, den Wein in einen Becher einzugießen, sondern trank direkt aus der Flasche. Noch zeigte der Alkohol bei ihm keine Wirkung, er fühlte sich noch völlig nüchtern, also deutete er Grimaud mit Handzeichen an, ihm zwei weitere Flaschen auf Vorrat hinzustellen.
Nun wollte er einfach nur noch alleine sein, nicht einmal sein Diener sollte ihn so sehen, und so gab er Grimaud durch Handzeichen zu verstehen, dass er nun gehen dürfe und bis zum nächsten Morgen entlassen sei. Er wusste, dass sein Diener eine Schwester hatte, die als Näherin in Paris arbeitete, und die er regelmässig besuchte, also würde Grimaud vermutlich erst morgen früh zurückkehren. So lief das in jedem Jahr an Weihnachten ab.
Nachdem der Diener die Wohnung verlassen hatte, leerte Athos seine Flasche mit wenigen Zügen, und machte sich dann daran, die vierte Flasche für diesen Abend zu entkorken. Ihm war eiskalt, obwohl Grimaud ein Feuer im Kamin entzündet hatte, kam es ihm so vor, als ob ein eisiger Lufthauch durch das Zimmer wehen würde. Draußen war es mittlerweile dunkel geworden, und der Kamin tauchte den Raum in spärliches Gesicht. Es hatte wieder zu schneien begonnen, und obwohl das Fenster geschlossen war, konnte er die Glocken verschiedener Kirchen von Paris läuten hören, die zur Christmette riefen. Das Glockengeläute erinnerte ihn wieder an seine Kindheit, als er mit seinen Eltern und seinem Bruder die Messe in La Fére besucht, und sich gespannt gefragt hatte, welche Geschenke ihn zu Hause erwarteten, und an die einzige Christmette, die er gemeinsam mit Anne besucht hatte, als er noch glaubte, dass ihr Glück ganz und gar vollkommen wäre. Mit einem Pferdeschlitten waren sie zur Kirche von La Fére gefahren, und er hatte ihr seinen Umhang um die Schultern gelegt, weil sie fror, sie hatte im Schlitten ihren Kopf an seine Schulter gelegt, und sich ganz eng an ihn geschmiegt. Und während sie durch den Wald fuhren, hatten sie schon das Glockengeläut hören können, ihm war ganz feierlich zumute gewesen, und in diesem Moment hatte er sich als der glücklichste Mensch der ganzen Welt gefühlt, und nicht geglaubt, dass sich das jemals wieder ändern würde.
Er setzte erneut die Flasche auf, denn er wollte sich so schnell wie möglich ins Vergessen trinken, diese Bilder vergangener, glücklicherer Tage taten einfach zu weh. Nichts von dem, was er sich als junger Mann erträumt hatte, war in Erfüllung gegangen, und mittlerweile sagte er sich oft, dass es doch gleichgültig war, dass er nicht, so wie er es sich immer gewünscht hatte, auf La Fére inmitten einer lärmenden Kinderschar mit einer Frau die ihn aufrichtig liebte lebte. Nein, den Frauen würde er nie wieder vertrauen können, nicht nach dieser Geschichte mit Anne, er wollte so etwas nicht noch einmal erleben. Den Frauen ging er lieber aus dem Weg, auch wenn er den Preis dafür kannte, denn er wusste, dass er so niemals Kinder haben würde. Und oft sagte er sich, dass er sich damit längst abgefunden hatte, und verdrängte seine Gefühle so gut er konnte.

Seine Hände zitterten, und die Flasche fiel ihm vor Schreck aus der Hand, als plötzlich Anne vor ihm stand…Mylady..jene Frau, die sein Leben zerstört, ihm den Glauben an die Liebe und seine Zukunft genommen hatte. Sie stand vor dem Kamin und schaute zu ihm herüber, und ihm liefen eisig kalte Schauder über den Rücken, als ihre Blicke sich trafen. Ihre blassblauen Augen…die ebenmäßigen Wangenknochen, die feingeschnittenen Gesichtszüge, die gerade Nase, die vollen, rosigen Lippen, die blasse Haut und das lange hellblonde Haar, die schneeweißen, zierlichen Hände…sie war es, ganz eindeutig, er hätte sie überall sofort wiedererkannt. Er hatte nur für einen Moment zum Fenster geblickt, und als er wieder zum Kamin schaute, war sie plötzlich dagewesen. Einfach so, wie aus dem Nichts.
Er kannte das schon..nicht genug dass er Alpträume hatte, in denen sie ihm erschien, nein, seit ihrem Tod hatte er auch tagsüber im Wachzustand häufig das Gefühl gehabt, sie zu sehen, einmal bei der Wache im Louvre, zweimal in seiner Wohnung, dreimal in einem Gasthaus, und einmal, als er an der Seine gewesen war. Seine Freunde, die meistens bei ihm gewesen waren, hatten sie jedoch nicht sehen können, und sie meinten, es läge an einer Mischung aus Alkohol und Schuldgefühlen, dass er sie immer wieder zu sehen glaubte, es sei nichts als eine Halluszination. Jedes Mal, wenn er sie sah, hatte sie das blaue Kleid getragen, dass sie bei ihrer Hinrichtung angehabt hatte. Wenn er sie irgendwo erblickte, dann hatte sie nie etwas gesagt, und ihn immer nur mit einem nicht zu deutenden Blick bedacht.
“Ihr seid gar nicht wirklich da, ich bilde mir das nur ein!”; rief er laut aus, “ich sehe Euch nicht wirklich, daran ist nur der Alkohol schuld! Verflucht, vielleicht sollte ich wirklich weniger trinken! Ihr seid gar nicht hier!”
Es war jedes Mal das Gleiche gewesen, er hatte sie immer nur kurz gesehen, dann war sie verschwunden. Und in diesen Halluszinationen war sie keineswegs eine grausige, enthauptete Leiche gewesen, die ihren Kopf in den Händen trug, sondern die betörende Schönheit, die sie zu Lebzeiten gewesen war, und die eine Reinheit und Unschuld ausstrahlen konnte, die sie gar nicht besaß.
Aber dieses Mal verschwand sie nicht. Stattdessen kam sie näher an ihn heran, bis sie direkt vor ihm stand, und je näher sie kam, umso mehr fröstelte es ihn. Und dann, als sie ihre schneeweißen, zarten Hände auf seine Schultern legte und ihn aus dem Lehnstuhl, in dem er seit Stunden saß, zog, wurde ihm klar, dass es sich hier keineswegs um eine Halluszination oder um einen Traum handelte. Ihre Hände waren kalt wie Eis, das waren nicht die Hände eines lebendigen Menschen…er hatte es ihr mit einem Geist zu tun, und sie war gekommen, um sich an ihm zu rächen. Eine Dämonin, eine Wiedergängerin, die man nie gänzlich töten konnte..nur so erklärte es sich, dass er sie zurückgekehrt war, obwohl er sie gehängt hatte.

Athos war klar, dass nun sein letztes Stündlein geschlagen hatte. Gegen einen Geist konnte niemand bestehen, weil man einen Gegner, der schon tot war, nicht einfach so außer Gefecht setzen konnte. Und er zweifelte nicht daran, dass sie gekommen war, um sich zu rächen. Während ihre Hände auf seinen Schultern lagen, ging eine Kälte durch seinen Körper, die kaum zu ertragen war, in diesem Moment schien sein ganzes Leben noch einmal vor seinem inneren Auge vorbeizuziehen.
Das war es also jetzt, dachte er sich erschüttert, jetzt hat sie ihre Rache doch noch bekommen. Aber ich verdiene es wohl, ich habe sie damals aufgehangen und bin somit kein bisschen besser als sie. Wir hätten sie vor ein Gericht bringen müssen, wir haben nicht das Recht gehabt, selbst das Todesurteil zu sprechen.
Myladys Geist ließ nun seine Schultern los, stattdessen nahm sie seine Hand und zog ihn mit sich zum Fenster herüber. Sie sprach noch immer kein Wort…konnten Geister überhaupt sprechen? Er versuchte sich loszureißen, aber ihre Hand hielt die seine so fest gepackt, dass ihm das nicht möglich war, als Geist schien sie eine Körperkraft zu besitzen, die es ihr sogar möglich machte, sich einem kampferprobten Soldaten zu widersetzen. Wollte sie ihn etwa aus dem Fenster stürzen? War das die Todesart, die sie ihm zugedacht hatte?
Nun haben die Geister der Vergangenheit mich im wahrsten Sinne des Wortes eingeholt, dachte er sich, das entbehrt wohl nicht einer gewissen Ironie.
Jeder würde denken, dass er sich selbst aus dem Fenster gestürzt hatte, weil er seinem Leben ein Ende setzen wollte, oder dass er einfach im Zustand völliger Trunkenheit versehentlich hinausgestürzt war. Und was erwartete ihn erst, wenn er tot war? Würde sie ihn dann noch weiter quälen? Sie war als Geist zu ihm zurückgekehrt, das deutete nicht gerade darauf hin, dass das Böse im Leben nach dem Tod keine Macht besaß. Wenn solche böse Geister die Macht hatten, ihn heimzusuchen und zu töten, war es dann nicht möglich, dass es gar keinen Himmel gab, dass vielleicht etwas anderes, Bedrohliches auf ihn wartete, wenn er sein Leben aushauchte? Sie hielt seine Hand fest gedrückt, und es fühlte sich so kalt an, als ob er einen Eisklumpen in den Händen hielt, ihre Haut war eisigkalt und fühlte sich wie etwas Totes an. Und die Kälte aus ihrer Hand schien in seinen ganzen Körper zu wandern.
Als sie beim Fenster anlangten, öffnete sie es tatsächlich, und er glaubte, dass nun alles zu Ende war, denn niemand konnte einem rachsüchtigen Geist entkommen.
Doch dann tat sie etwas anderes, womit er nicht gerechnet hatte. Sie legte seine Hand draußen auf das verschneite Fensterbrett, und nutzte seine Hand dazu, um etwas in den Schnee zu schreiben, bewegte seinen Zeigefinger so hin und her, dass das Wort “Notre Dame” entstand.
Dann ließ sie seine Hand los, und blickte ihn traurig an. Dieser traurige Blick war so ganz anders als der hasserfüllte Blick, den sie ihm im Gasthaus zum roten Taubenschlag zugeworfen hatte, und er war sich sicher, dass sie ihm mit diesem Blick irgendetwas sagen wollte. War sie womöglich gar nicht gekommen um sich an ihm zu rächen? Aber was wollte sie dann von ihm? Was hatte es mit Notre Dame auf sich?
“Was soll das heißen? Was wollt Ihr von mir?”, fragte er, und blickte sie stirnrunzelnd an, “warum seid Ihr zurückkgekommen? Könnt Ihr denn keinen Frieden finden?”
Dann erst ging ihm auf, wie dumm seine Frage war…wie sollte eine Frau, die hingerichtet worden war, eine Frau, die sich ihr ganzes Leben mit ihren Rachegelüsten zerstört hatte, nach ihrem Tod Frieden finden?
Da nahm sie erneut seine Hand, und er spürte wieder diese Kälte…sie legte seine Hand auf das Fensterbrett und schrieb zwei weitere Wörter. “Elle froid”.
“Sie erfriert? Wer erfriert? Was wollt Ihr mir damit sagen?”, fragte Athos, der sich auf all das keinen Reim machen konnte.

Noch einmal führte sie seine Hand, und schrieb die Wörter “Richardis” und ein weiteres Mal “Notre Dame”.
Nachdenklich blickte er Myladys Geist an, und dann begriff er, was sie ihm sagen wollte.
“Ihr wollt mir zu verstehen geben, dass in Notre Dame eine gewisse Richardis erfriert, ist es das?”
Sie nickte eifrig, und blickte ihn eindringlich an, dann schrieb sie mit seiner Hilfe noch einmal in den Schnee der Fensterbank.
“Saveur Richardis”
“Ich soll diese Richardis retten?”, wollte er wissen, während er sich fragte, warum sie mit dieser Bitte ausgerechnet zu ihm gekommen war. Und wer war diese Richardis überhaupt?
Vielleicht irgendeine Bettlerin, die gerade dabei war, vor der Kathedrale zu erfrieren, und die Anne retten sollte, um so womöglich doch noch dem Fegefeuer entrinnen zu können?
Sie nickte erneut und blickte ihn flehend an.
“Werdet Ihr, wenn ich das für Euch tue, gehen und mir endlich meine Ruhe lassen?”
Sie nickte noch einmal, und schrieb dann zwei weitere Wörter in den Schnee.
“Allez vous”
Eigentlich widerstrebte es ihm, ausgerechnet ihr einen Gefallen zu tun, doch er hatte diese Erscheinungen satt, und keine Lust darauf, den Rest seines Lebens von ihrem Geist heimgesucht zu werden. Also würde er nach Notre Dame gehen und diese Bettlerin, oder wer auch immer diese Richardis sein mochte, vor dem Erfrieren retten, damit Myladys ihn endlich in Ruhe ließ.
Endlich hatte sie seine Hand losgelassen, und er zog sich sein blaues Justeaucorps über, darüber einen schwarzen Mantel und er legte auch sein Wehrgehänge mit dem Degen an, und als er in seine Stiefel geschlüpft war, wollte er sich gleich auf den Weg machen. Durch das Ankleiden war er abgelenkt gewesen, und als er sich nun im Raum umschaute, sah er, dass der Geist fort war. Er war sich aber sicher, dass sie ihn erneut heimsuchen würde, wenn er diese Richardis nicht rettete…warum hatte sie ausgerechnet ihn auserkoren ihr zu helfen? Obwohl sie ihn doch zu Lebzeiten mit ihrem Hass verfolgt hatte?
Und so verließ er die Wohnung und trat hinaus auf die verschneite Rue Ferrou, die an diesem Abend belebter war als sonst um diese Zeit. Unzählige Menschen aller Stände waren unterwegs zu den Messen in den Kirchen und der Kathedrale, und fast alle waren an diesem Abend in guter Stimmung.
Ein paar noch sehr junge Mägde, die kaum älter als fünfzehn oder sechzehn waren, lieften sich mit ein paar Lehrburschen lachend eine wilde Schneeballschlacht. Ein Vater ging mit seinen zwei Kindern, einem Jungen und einem Mädchen vorbei, und erklärte ihnen gerade, dass das Christkind nachher bestimmt Geschenke gebracht hätte, wenn sie in der Kirche brav wären und ruhig sitzenblieben. Athos ging weiter, und hatte die Rue Ferrou schon bald hinter sich gelassen. Ein paar Bettelkinder in löchrigen Mänteln sangen Weihnachtslieder, in der Hoffnung, von den Passanten Geld zu bekommen, die Kinder waren mager und blass, und man sah, dass sie wohl seit Tagen keine anständige Mahlzeit bekommen hatten. Tief berührt warf Athos ihnen ein paar Münzen, die er noch in der Tasche hatte zu, und ging dann rasch weiter, weil die Lieder ihn doch zu traurig stimmten. Es war eisigkalt, und er fror bereits nach wenigen Minuten, dennoch ging er weiter, weil er genau wusste, dass sie ihn sonst wieder heimsuchen würde. Es war so kalt, dass die Seine zugefroren war, und trotz der späten Stunde vergnügten sich dort noch Kinder und Erwachsene beim Schlittschuhlaufen, und ein Verkäufer bot geröstete Kastanien an, ein anderer Glühwein. Athos kaufte sich einen Becher Wein und eine Tüte mit Kastanien, die Tüte steckte er in seine Manteltasche, den heißen Würzwein trank er gleich, um sich etwas aufzuwärmen. Wehmut überkam ihn, als er sah, wie ein Mann seinem Sohn, der auf dem Eis hingefallen war, beim Aufstehen half, und ihn liebevoll tröstete. Kurz darauf konnte der kleine Junge wieder lachen, und fuhr an der Hand seines Vaters weiter.
Ich werde niemals Kinder haben, dachte Athos traurig, damit muss ich mich abfinden, die Dinge sind eben so wie sie sind. Leise seufzend überquerte er die Brücke über die Seine, und hörte schon von weitem das Glockengeläut von Notre Dame, wo gleich die Christmette beginnen würde.

Richardis hatte jedes Zeitgefühl, und wusste nicht, wie lange es jetzt schon her war, dass die Amme sie hier vor der Kathedrale zurückgelassen hatte. Bevor sie losgegangen waren, hatte sie ihr bestes Kleid, das rote Brokatkleid, das ihr die Mutter zu ihrem sechsten Geburtstag im Februar geschenkt hatte, und ihren dicksten Mantel, den mit Pelz gefütterten, angezogen, dann hatte sie ihr einen großen Lederbeutel mit Essen und Wasserflaschen gepackt, und mit ihr das Palais am Place Royale verlassen.
Im Herbst war ihre Mutter gestorben, und Richardis litt sehr unter dem Verlust, war noch zu klein, um zu begreifen was da geschehen war. Die Amme hatte ihr gesagt, dass der Palais nun nicht mehr ihrer Mutter gehörte, sondern wieder dem Kardinal, ebenso wie das Vermögen der Mutter.
Seitdem sie wusste, dass ihre Mutter tot war, weinte sie sich jede Nacht in den Schlaf, hatte niemanden, der sie tröstete, denn die Amme hatte sich nie so liebevoll um sie gekümmert wie ihre Mutter, wenn sie sie besuchte und für ein paar Tage im Palais geblieben war. Sie konnte noch immer kaum glauben, dass sie die Mutter nie wiedersehen würde, und dass nun auch noch die Amme sie im Stich lassen wollte.
Madame Catherine hatte seit ihrer Geburt für sie gesorgt, und gestern hatte die Amme ihr mitleidlos gesagt, dass sie jetzt nur noch eine mittellose Waise sei, und ihre Mutter sie nur bis Dezember im Voraus bezahlt habe, nun aber niemand mehr da sei, der sie weiter dafür entlohnen konnte, sie großzuziehen. Madame Catherine, die bereits eine andere Stelle als Kinderfrau in einem vornehmen Haushalt gefunden hatte, hatte ihr gesagt, sie könne sie auf keinen Fall dorthin mitnehmen und durchfüttern, und sie müsse ab jetzt für sich selbst sorgen, sie hätte ja nur noch zwei Monate bis zum siebten Geburtstag, und in den Webereien und Wäschereien der Stadt nähmen sie schon Siebenjährige, und in dem Beutel hätte sie ja was zu essen für bis zu drei Tage.

Dann war die Amme einfach fortgegangen, und hatte sie inmitten der Menschenmassen vor der Kathedrale zurückgelassen. Richardis klammerte den Beutel fest an sich, ihre Augen waren vor Angst weit aufgerissen und sie zitterte am ganzen Körper. Sie hatte keine Ahnung, was es bedeutete, für sich selbst sorgen zu müssen, auf sich alleine gestellt zu sein, denn bisher war immer dafür gesorgt worden, dass es ihr an nichs mangelte. An diesem Tag war es so eisig kalt, dass die Kälte ihr bis unter den dicken Mantel kroch, und ihr Atem zu Kondenswolken gefror.
Nun läuteten die Glocken von Notre Dame, und es wurde bereits dunkel. Sie war noch nie alleine draußen unterwegs gewesen, und schon gar nicht im Dunkeln, das machte ihr ganz furchtbare Angst. Die Christmette würde bald beginnen, und nun strömten die Menschen von allen Seiten zur Kathedrale, doch niemand beachtete das frierende, verstörte Kind. Richardis überlegte bereits, ob sie nicht auch in die Kirche gehen sollte, um sich ein wenig aufzuwärmen, doch sie bekam gar nicht erst die Möglichkeit, diesen Entschluss in die Tat umzusetzen.
Eine Gruppe von mindestens vierzehn zerlumpten, teils barfüßigen, blassen mageren Kindern,im Alter zwischen fünf und etwa fünfzehn Jahren,  kam genau auf sie zu, und bildete einen Kreis um sie, so dass ein Entkommen unmöglich war.
“Na, Prinzesschen? Hast wohl deine Eltern verloren, als du auf dem Weg in die beheizte Kirche warst? Und nachher gehts bestimmt zum Festschmaus ins warme, gemütliche Haus?”; fragte ein etwa dreizehnjähriges Mädchen, das einen völlig zerlumpten Mantel trug und sich Stoff um die Füße gewickelt hatte, weil es keine Schuhe besaß, sie in gehässigem Tonfall, “in der Kirche ist es so schön warm, da brauchst du doch diesen schönen Mantel nicht!”
Aufgrund ihrer Korkenzieherlocken, die die Amme ihr immer mit der Brennschere gemacht hatte, und ihrer vornehmen Kleidung, hielten die Kinder sie für ein reiches, behütetes Mädchen, das sich verlaufen hatte, dabei würde sie ab jetzt, genau wie diese Kinder, bitter um ihr Überleben kämpfen müssen.
Das Mädchen winkte einen höchstens elfjährigen Jungen zu sich heran, der ihr wie aus dem Gesicht geschnitten war.
“Paul, nimm du ihren rechten Arm, ich nehm ihren linken, den Mantel muss ich haben…”
Als die beiden an ihren Armen zerrten fiel der Beutel, den die Amme ihr gegeben hatte, in den Schnee, und Brot, Käse  und Wurst, die sie ihr mitgegeben hatte, kullerten mitsamt den Wasserflaschen aus dem Beutel heraus. Schnell wie der Blitz sammelten die Mitglieder der Kinderbande die Lebensmittel ein, ein Junge steckte sich, als er sich vergewissert hatte, dass die anderen ihn nicht beobachteten, rasch ein Stuck Wurst in den Mund, kaute kurz und schlang es dann hastig herunter.
Den älteren Kindern hatte die zierliche Richardis nichts entgegenzusetzten, und so gelang es diesen problemlos, ihr trotz heftiger Gegenwehr ihren Mantel auszuziehen, ihren Seidenschal nahmen sie ihr ebenfalls weg, und auch ihr goldenes Armband, das die Mutter ihr letztes Jahr zu Weihnachten geschenkt hatte.
“Na los, verzieh dich in die Kirche zu deinen reichen, vollgefressenen Verwandten, Prinzesschen”; höhnte der Junge namens Paul und schubste sie grob zu Boden.
“Paul, Jean-Luc, zieht ihr die Stiefel aus, die können wir auch noch brauchen”; befahl das Mädchen, das in dieser Gruppe das Sagen zu haben schien, ihrem Bruder und einem anderen jungen, und die beiden zerrten der laut schreienden und nach ihnen schlagenden Richardis schadenfroh grinsend die kostbaren Lederstiefel von den Füßen.
“Kommt, lasst uns in die Katakomben zurückgehen, das reicht für ein Festessen, Vater Hugo wird sehr zufrieden mit uns sein”; rief seine Schwester, und die ganze Kinderbande folgte ihr.
Nun, da sie den dicken Mantel nicht mehr hatte, war Richardis der schneidenden Kälte schnutzlos ausgeliefert, denn das Kleid alleine bot nicht viel Schutz. Und nun, da sie die Socken nicht mehr trug, waren ihre Stiefel schon bald vom Schnee durchnässt. Noch immer gingen Menschen in die Kathedrale hinein, aber niemand hatte ihr geholfen, als die Kinder sie beraubt hatten.
Das Mädchen lehnte sich mit dem Rücken an eine Wand der Kathedrale und kauerte sich zusammen, in der Hoffnung, dann die Kälte nicht mehr so zu spüren. Tränen liefen ihr über die Wangen, als sie an das letzte Weihnachtsfest dachte, als die Mutter mit ihr den Baum geschmückt, und ihr eine schöne Halskette geschenkt hatte, ein mit kleinen Diamanten umringter Saphir, den die Straßenkinder glücklicherweise nicht gefunden hatte, weil sie ihn in einer Tasche ihres Kleides versteckt hatte. Sie hatte ihn in die Tasche gesteckt, damit die Amme ihn nicht fand, denn Madame Catherine hatte den Schmuck ihrer Mutter eingesteckt, alles was sie finden konnte, bevor sie mit ihr das Palais verließ, um Weihnachten bei einer ihrer Tanten zu verbringen, bevor sie nach Avignon zu ihren neuen Arbeitgebern aufbrach. Das Haus am Place Royale war jetzt nicht mehr ihr Zuhause, dort würde nun bald, wie die Amme gesagt hatte, eine Nichte des Kardinals einziehen.
Sie konnte gar nicht mehr aufhören zu weinen, sie weinte um ihre Mutter, die sie niemals wiedersehen würde, um das Zuhause, das sie nun nicht mehr hatte, so einsam wie jetzt hatte sie sich noch nie gefühlt, und sich noch nie so gefürchtet. Und nun hatte sie nicht einmal mehr den warmen Mantel, ihre Stiefel und die Nahrungsmittel, die die Amme ihr mitgegeben hatte, sie war nun noch ärmer als diese Straßenkinder. Ihre Finger fühlten sich steif an, ihre Füße ebenfalls, die Kälte kroch nun erbarmungslos durch ihren kleinen Körper. Die Finger waren blau angelaufen, und sie wollte aufstehen, aber dafür fühlte sie sich bereits viel zu schwach.
“Bitte…helft mir doch…”, flehte sie die Menschen an, die zum Hauptportal in die Kirche hineingingen, doch die meisten beachteten sie gar nicht, man hielt sie vermutlich für eines der Bettelkinder, von denen es hier nur so wimmelte. Eine Frau warf ihr eine Münze zu, bevor sie in der Kathedrale verschwand, doch ein alter Mann schnappte sich diese Münze, bevor sie auch nur danach greifen konnte. Ihr wurde allmählich klar, dass hier auf der Straße nur das Recht des Stärkeren galt, und hier niemand dafür sorgen würde, dass sie etwas zu essen und ein warmes Bett hatte. Einige der Bettler hatten sich ein Feuer gemacht, aber als Richardis sich an dieses Feuer stellen wollte, schubste ein alter Mann sie so grob beiseite, dass sie zu Boden fiel. In dieser rauen Welt der Armen, in der jeder um sein eigenes Überleben kämpfen musste, kümmerte sich niemand um die Nöte eines kleinen, hilflosen Mädchens, Richardis Leid konnte diese Menschen, die selbst so viel Leid erlebt hatten, nicht berühren, denn die harten Jahre auf der Straße hatten die meisten innerlich so sehr abstumpfen lassen, dass sie zu Gefühlsregungen wie Mitleid gar nicht mehr fähig waren.
“Mir ist so kalt”; wimmerte sie mit schwacher Stimme und schniefte leise, “bitte helft mir doch…”
Ihr wurden allmählich die Glieder schwer, und die Augen fielen ihr zu. Jetzt einfach nur noch schlafen…sie war so müde…und wenn sie schlief, würde ihr vielleicht nicht mehr so kalt sein. Und so lehnte sie sich gegen die Mauer und schloss die Augen, und niemand achtete auf das Mädchen, denn hier im Schatten der Kathedrale wimmelte es nur so von Bettlern, und im Dunkeln konnte man ihr kostbares rotes Kleid nicht so gut erkennen.
Als sie die Augen wieder öffnete, stand auf einmal ihre Mutter vor ihr und lächelte….dann beugte sie sich zu ihr herunter und küsste sie liebevoll auf die Stirn. Richardis war irritiert…hatte die Amme sie etwa angelogen, als sie ihr gesagt hatte, die Mutter wäre tot und käme nie wieder zu ihr.
“Mutter…Ihr seid zu mir gekommen…bin ich froh, dass Ihr gar nicht tot seid..ich hab Euch lieb…”
Die Lippen der Mutter fühlten sich eisig kalt an, wahrscheinlich fror sie genauso wie Richardis selbst.
“Ihr friert ja auch, Mutter, kommt, lasst uns ins Palais zurückgehen und den Baum schmücken…die Amme hat behauptet Ihr wärt tot, und der böse Kardinal hätte uns unser Palais weggenommen. Die ist so gemein, Mutter, ich will sie gar nicht mehr als Amme haben. Sagt, könnt jetzt nicht für immer bei mir bleiben?”
Die Mutter strich ihr liebevoll über die Wange, und ihre Hand fühlte sich dabei kalt wie Eis an. Dann schenkte sie ihr ein letztes, liebevolles Lächeln, drehte sich um und ging.
Richardis wollte aufstehen und ihr hinterherlaufen, aber sie war mittlerweile viel zu schwach um aufzustehen, ihr Körper wie erstarrt vor Kälte.
“Mutter, bitte…bleibt bei mir!”, rief sie laut, konnte gar nicht glauben, dass die Mutter jetzt einfach so fortging und sie hier in der Kälte sitzen ließ.
Und dann sah sie auf einmal einen fremden Edelmann auf sich zukommen, und als er näherkam, sah sie, dass er das gleiche schwarze Haar und dieselben dunklen Augen hatte wie sie.

Athos war nun bei der Kathedrale angekommen, und fragte sich, wie er hier diese Richardis finden sollte. ´
Allmählich leerte der Platz sich, die meisten Menschen waren jetzt in der Kathedrale in der Christmette, die feierlichen Gesänge waren bis vor das Portal zu hören, und der Platz vor der Kathedrale, über den ein eisiger Wind fegte, war nun fast menschenleer. Die einzigen, die jetzt noch hier draußen ausharrten, waren die Bettler, die im Schatten der Kathedrale an den Mauern kauerten, in der Hoffnung, dort etwas Schutz vor der beißenden Kälte zu finden, fast jeden Morgen fand man ein paar halb erfrorene Bettler vor der Kathedrale, das war den ganzen Winter über so. Ein paar der abgehärmten Gestalten scharten sich um eine Feuerstelle, an der nur die Stärksten unter ihnen einen Platz ergattert hatten.
Und dann sah er wieder Myladys Gestalt, der die Mauer, an der die meisten Bettler saßen, ansteuerte und ihm durch ein Handzeichen zu verstehen gab, dass er ihr folgen sollte. An der Mauer, weitab von dem wärmenden Feuer der Bettler, kauerte ein kleines Mädchen, dessen Lippen vor Kälte schon ganz blau angelaufen waren. Die Kleine trug ein rotes Brokatkleid, das ihr jedoch keinen ausreichenden Schutz vor der beißenden Kälte bieten konnte.
Myladys Geist beugte sich herab und küsste das Mädchen zärtlich auf die Stirn, strich ihm behutsam über die Wange, bevor sie sich zum Gehen wandte. Ein letztes Mal blickte sie zu Athos hin, deutete erst auf ihn, dann auf das kleine Mädchen, dann wieder auf ihn, dann drehte sie sich um und verschwand im mittlerweile dichter werdenden Schneegestöber.
“Mutter..bitte bleibt bei mir!”; rief das kleine Mädchen laut, und als Athos das hörte, wurde ihm so einiges klar.
Das Kind musste Myladys Tochter sein…wieso hatte er nicht gewusst, dass sie eine Tochter hatte? Das musste jene Richardis sein, die sie gemeint hatte, die er vor dem Erfrieren bewahren sollte.
Seine Knie wurden ganz weich, und seine Hände waren schweißnass, als er näher heranging, zu der Stelle, an der das Mädchen im Schatten der Kathedrale an der Mauer kauerte. Athos grollte Mylady immer noch wegen der Dinge, die sie ihm angetan hatte, aber dennoch war er kein Mensch, der ein hilfloses Kind einfach so dem Erfrierungstod überließ.
Das Mädchen blickte mit großen Augen zu ihm auf, und er erschrak, als er sah, wie ähnlich diese Augen seinen eigenen sahen…die Kleine war ihm wie aus dem Gesicht geschnitten und hatte dieselben schwarzen Haare und auch die gleichen ebenmäßigen Gesichtszüge wie er. Ihre Lippen waren mittlerweile blau angelaufen, und dem Musketier blieb gar keine Zeit zu grübeln, so erschüttert er in diesem Moment auch war, er musste jetzt schnell handeln.
Er zog seinen Mantel aus und legte ihn der Kleinen um die schmalen Schultern, dann hob er sie behutsam hoch.
“Habt keine Angst, Kleines, Ihr kommt jetzt erst einmal mit mir. Alles wird gut.”
“Aber…Monsieur, ich kann nicht fortgehen, meine Mutter kommt mich gewiss gleich abholen, sie war gerade erst hier”, erwiderte sie und blickte den ihr völlig fremden Mann erschrocken an, “sie würde mich niemals einfach hier so sitzen lassen. Habt Ihr sie nicht gesehen? Gerade eben war sie noch hier bei mir.”
“Eure Mutter hat mir gesagt, dass Ihr mit mir kommen sollt, Richardis. Sie kann sich im Moment nicht um Euch kümmern, und hat mich gebeten, ab jetzt für Euch zu sorgen.”
Er brachte es einfach nicht übers Herz, dem Mädchen zu sagen, dass es gerade einen Geist gesehen hatte, und seine Mutter tatsächlich tot war.
Das Kind schwieg, während er es über den menschenleeren verschneiten Platz vor der Kathedrale trug, über den nun ein eisiger Wind wehte, und blickte ihn lange Zeit nachdenklich an.
“Seid Ihr mein Vater, Monsieur? Ihr habt dieselben Augen wie ich, und Ihr seht mir wirklich sehr ähnlich”; wollte die Kleine wissen, die ihr eigenes Gesicht so häufig im Spiegel gesehen hatte, dass ihr die Ähnlichkeit mit dem des fremden Edelmannes sofort auffiel.
“Ja, Kleines, ich bin Euer Vater”; erwiderte Athos, der das erst seit wenigen Minuten wusste, und sich noch in einer Art Schockstarre befand, “und ich werde mich ab jetzt um Euch kümmern.”
“Aber…Mutter hat immer gesagt, dass mein Vater mich nicht haben wollte, und dass er Kinder gar nicht mag”; erwiderte das Mädchen und blickte fragend zu ihm auf.
“Wisst Ihr, Richardis, manchmal sagen Erwachsene Dinge, die sie gar nicht so meinen. Eure Mutter war wütend auf mich, und deswegen hat sie Euch angelogen, und mir nie gesagt, dass ich eine Tochter habe. Aber jetzt ist sie nicht mehr böse auf mich, und sie hat mir gesagt, dass sie möchte, dass ich mich um Euch kümmere.”
Sie war noch viel zu klein, um die düstere Vergangenheit ihrer Eltern begreifen zu können, und deswegen versuchte er es ihr auf diese kindgerechte Art zu erklären.
Die Kleine war nach all der Aufregung dieses Tages zu erschöpft um ihm weitere Fragen zu stellen, in seinen warmen Mantel eingehüllt, schlief sie in seinen Armen ein.

Athos war so tief berührt beim Anblick des selig schlafenden Kindes in seinen Armen, dessen Gesichtszüge den seinen so sehr ähnelten, dass ihm Tränen der Freude über die Wangen liefen.
Sicher, für ihn war es ein Schock, so plötzlich, von einer Sekunde auf die andere, Vater zu werden, er würde eine Weile brauchen, bis diese Erkenntnis eine Tochter zu haben verdaut hatte, dennoch fühlte er sich auch so glücklich wie seit über sieben Jahren nicht mehr, als er seine die schlafende Richardis betrachtete.
Als er zur Brücke kam, die über die Seine führte, sah er noch einmal Myladys Geist, der mit dem Rücken an einem Brückenpfeiler lehnte, und ihn und das Kind mit einem wohlwollenden Lächeln bedachte. Ihre Augen leuchteten vor Glück, als sie sah, dass Richardis nun ein neues Zuhause hatte, und es ihr gutgehen würde.
Sie muss dieses Kind sehr geliebt haben, dachte er sich, und es fiel ihm schwer zu glauben, dass die rachsüchtige Megäre, die ihn und d´Artagnan mit ihrem Hass verfolgt hatte, tatsächlich zu einer so tiefen Liebe fähig gewesen sein sollte. Einer Liebe, die bis weit über ihren Tod hinausging.
Obwohl er nicht vergessen konnte, was sie ihm zu ihren Lebzeiten angetan hatte, rechnete er es ihr hoch an, dass sie ihn zu seiner Tochter geführt hatte, denn wenn sie nicht gewesen wäre, hätte er sich in dieser Nacht erneut bis zur Besinnungslosigkeit betrunken, und Richardis wäre vor der Kathedrale erforen.
Nein, schwor er sich, ab heute trinke ich nur noch in Maßen, denn jetzt habe ich etwas, wofür es sich zu leben lohnt, die kleine Richardis braucht mich.
Als er mit dem schlafenden Kind im Arm an Annes Geist vorüberging, trafen sich ihre Blicke ein letztes Mal, und sie lächelte und nickte ihm kurz zu, strich Richardis noch einmal über die Wange.
“Ich danke Euch, dass Ihr sie zu mir gebracht habt”; meinte Athos lächelnd, “und ich vergebe Euch alles was Ihr mir angetan habt…Ruhet in Frieden.”
Nachdem er ihr das gesagt hatte, lächelte sie erneut, dann wurde ihr Geist so transparent, dass man durch sie hindurchblicken konnte, und entschwand schließlich ganz.
“Wo auch immer Ihr jetzt sein mögt, ich wünsche Euch, dass es nicht die Hölle ist”; flüsterte er, “was auch geschehen sein mag, für mich ist es jetzt Zeit, nach vorne zu blicken.”
Bei einem der wenigen Straßenhändler, die an diesem Abend noch arbeiteten, in der Hoffnung, etwas an heimkehrende Kirchgänger verkaufen zu können, erstand er zwei dicke, mit Blätterteig umhüllte Fleischpasteten, bei einem anderen Händler eine kleine Tüte mit kandierten Früchten. Wenn die Kleine aufwachte, würde sie bestimmt Hunger haben, sagte er sich.
Er hatte das Gefühl, dass die Schatten der Vergangenheit ihn nun endlich losgelassen hatten, und für ihn eine ganz neue Zukunft begann.


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