Artagnan.de - Fanfiction zu Dumas' drei Musketieren

Was im Winter geschah


8. Die Flucht nach Ägypten

von Aramis


Die Flucht nach Ägypten – eine Weihnachtsgeschichte


König Herodes war nicht erfreut. Im Gegenteil, er spuckte Gift und Galle, um es beim rechten Namen zu nennen! Die Garnison von Jerusalem war vollzählig angetreten, im großen Geviert des Innenhofes seines Königspalastes, in stummer Habtachtstellung, Lanze bei Fuß, während Seine Majestät, enerviert und hochrot bis unter die Zacken seiner Krone, vor den Reihen der königlichen Streitmacht auf und ab marschierte:
„Soldaten!“ fauchte er grimmig, „Ich fasse mich kurz! Vor etlichen Tagen waren drei Ausländer bei mir, drei gewisse Gojim aus Babel, Magier, Sterndeuter oder was auch immer, und behaupteten, sie wären auf der Suche nach dem neugeborenen König der Juden! Sie hätten seinen Stern aufgehen sehen, während sie, wie üblich, oben auf dem Tempelturm hockten und ihre astrologischen Studien trieben, und sie hätten sich unverzüglich aufgemacht, in sofortigem Entschluss, um ihm zu huldigen, beladen mit kostbaren Geschenken, Gold, Weihrauch und Myrrhe! Ich war natürlich, wie man sich wohl denken kann, ob dieser Nachricht zutiefst entsetzt und schwerst beunruhigt! Ein neugeborener König der Juden?! Plant man etwa im Geheimen bereits den Umsturz?! Wartet das jüdische Volk insgeheim nur auf eine willkommene Gelegenheit, mich vom Thron zu stoßen und, wie den Sündenbock, in die tiefste Wüste zu jagen?! Dem renitenten Pöbel ist alles zuzutrauen, wie die gefährlichen Umtriebe der Judäischen Volksfront und der Volksfront von Judäa zeigen! Noch dazu haben auch die Römer schon seit geraumer Zeit ein äußerst nervöses Auge auf uns! Wir dürfen uns hier in ihrem Protektorat absolut keine riskanten Manöver und politischen Unregelmäßigkeiten erlauben, sonst ergeht`s uns womöglich wie unseren Vorvätern im babylonischen Exil! Wir müssen also diesen illegalen, vollkommen unrechtmäßigen kindlichen Usurpator schnellstens aufstöbern und ihm den Garaus machen! Ich hatte den sogenannten Weisen aus dem Morgenland befohlen, nach erfolgreicher Absolvierung ihrer Anbetung und Verehrung des neugeborenen angeblichen Königs sofort hierher nach Jerusalem zurückzukehren und mir Bericht über die Vorgänge in Bethlehem zu erstatten, aber diese ausgefuchsten Kerle machten sich einfach aus dem Staub! Daher ergeht nun mein Befehl an euch, Soldaten: Durchkämmt sämtliche Häuser Bethlehems von oben bis unten und findet dieses Kind! Und wenn ihr es aufgestöbert habt, tötet es! Wir können uns keine neuen Schwierigkeiten leisten!“
„Und wenn wir es nicht finden, Herr?“ wagte der Garnisonskommandant Ben Jussah zu fragen, „Was soll dann geschehen?“
„Dann tötet ihr einfach alle neugeborenen Knaben zu Bethlehem!“ erwiderte König Herodes aufgebracht, „Auf ein paar Sprösslinge mehr oder weniger kommt`s nicht an! Unsere Frauen sind sehr gebärfreudig, und diesen kleinen Bevölkerungsverlust gleichen wir im Nu wieder aus! Hast du mich verstanden, Hauptmann?!“
„Jawohl, Eure Majestät!“ bellte der Kommandant zurück, „Alle neugeborenen Kinder in Bethlehem ausrotten! Zu Befehl!“
„Verdammt, Hauptmann, nur alle männlichen! Und dies nur dann, wenn ihr den bewussten Knaben nicht finden könnt! Dann wird tabula rasa gemacht! Verstanden?! Alles abtreten!“
König Herodes wandte sich brüsk um und marschierte, immer noch zuhöchst enerviert und krebsrot  vom Brüllen, mit seinem purpurnen Königsmantel die Steinplatten des gepflasterten Palasthofs fegend, zurück in seinen Thronsaal –


„Hast du gehört, Ben Saul?!“ rief Ben Goliat, Soldat der königlichen Leibwache und ein Riese von gewaltigen körperlichen Ausmaßen, aufgebracht seinem Kompaniekameraden zu, einem vornehm aussehenden Krieger mit langen, schwarzen Locken, edler Denkerstirne und nobel geformter Adlernase, „Die Garnison von Jerusalem soll ausziehen, um ein Kind zu töten! – Was sagst du dazu, Ben Salomon?!“
Er wandte sich an einen jungen Soldaten mit lebhaftem Habichtsblick und scharfsinniger Miene: „Will sich der König nun vollends lächerlich machen?! Jetzt fürchtet er sogar bereits, ein Säugling könne ihm in seinem Reich gefährlich werden! Das grenzt doch an Verfolgungswahn, würde ich meinen! Oder etwa nicht?!“
„Nun, es scheint, als dienten wir einem Verrückten!“ bestätigte der junge Mann sarkastisch, sekundiert durch beifälliges, schweigendes Nicken Ben Sauls, „Und ich meine, wir sollten etwas dagegen unternehmen! Man kann doch nicht einfach tatenlos dabei zusehen, wie ein Irrer unschuldige Kinder schlachten lässt! Wie denkst du darüber, Ben David?!“
Die Frage galt einem jungen Mann mit cherubinisch sanftem Antlitz und großen, dunklen Eulenaugen – dieser lächelte zurück, verbindlich:
„Ich bin ganz deiner Meinung, mein lieber Ben Salomon! Solch schändliche Beschäftigung sollte eines elenden Meuchelmörders, doch nicht eines ehrenhaften Soldaten würdig sein! Außerdem hat mir ein Hohepriester unlängst unter der Hand verraten, die Prophezeihung der Schrift habe sich nun erfüllt, und Immanuel, der von Jahwe, gepriesen sei Sein Name! gesandte Retter Israels, hätte endlich das Licht der Welt erblickt – also kann es sich bei dem gesuchten Kind nur um diesen handeln! Wir haben somit die moralische und von Gott auferlegte Pflicht vor Ihm und Seinem Volke, den Heiland schleunigst zu finden und in Sicherheit zu bringen, bevor uns Ben Jussah und die Garnisonssoldaten zuvorkommen und das arme Geschöpf wie ein wehrloses Lamm abschlachten! Dies ist meine Meinung!“
„Nun denn,“ resümierte Ben Goliat, „dann los, meine Freunde, lasst uns einen Plan schmieden! Ben Salomon, du bist der Gewitzigtste von uns vieren – was schlägst du vor?“
„Ich schlage vor, wir verkleiden uns – dann können König Herodes und Ben Jussahs Soldaten unsere Spur nicht so leicht verfolgen! Ich habs: Wir geben uns als Römer aus! Wir rasieren uns die Bärte ab und stutzen ein wenig unser Haupthaar, dann wird uns keiner erkennen!“
„Was??“ rief Ben David, welchen ein sehr sorgfältig gekämmter, weicher Hebräerbart und mit höchster Akkuratesse gedrehte, glänzende Schläfenlocken zierten, zutiefst entsetzt, „Ich soll mir meine wohlgepflegte, biblische Barttracht abrasieren und mich kleiden wie ein römischer Goj?! Das kann nicht dein Ernst sein, Ben Salomon!“
„Ben David, du sagtest selbst, vorhin, das Leben des Erlösers stehe auf dem Spiel! Also bringe dem Allmächtigen ein Opfer dar und entledige dich deines Bartschmucks! Der Lohn Gottes wird dir dafür gewiss sein! Freund, fasse dir ein Herz und lass die Klagen – du bist schließlich Soldat und kein Prophet, nicht wahr?“
„Par interim!“ knurrte Ben David, der auch Griechisch und Latein beherrschte, „Bloß par interim, mein lieber Ben Salomon! Nun denn, so werde ich also, wie ehemals König David, aus dessen Stamme zu sein ich die Ehre habe, einen Trauerpsalm verfassen, ob der widrigen Fügung des Geschicks – “
„Ja, tu das, aber beeil dich mit deiner Poesie!“ replizierte Ben Salomon, in sichtlicher Ungeduld, „Wir treffen uns in einer Stunde am Großen Tor von Jerusalem!“
Ben Saul und Ben Goliat nickten grimmig, und man trennte sich, in schweigendem, zielstrebigem Einvernehmen –

 

Pünktlich zur vereinbarten Stunde trafen sich die Vier am angegebenen Ort. Der Chronist muss in der Tat gestehen, die Freunde waren wahrhaftig nicht wiederzuerkennen! Sie hatten ihre Kriegeruniformen gegen römische Gewänder vertauscht, die Schwerter geschickt unter den weiten Falten der Toga verborgen, das dunkle Orientalenhaar à la civis romanus getrimmt und die Prophetenbärte samt den Schläfenlocken dem Schermesser überantwortet –
„Ich sehe fürchterlich aus!“ klagte Ben David, „Was werden bloß die Schönen Jerusalems sagen, wenn sie mich dermaßen verunstaltet zu Gesicht bekommen?! Und ich fühle mich so nackt! Wie halten diese Römer das bloß aus?! Dieses tagtägliche Rasieren ist doch furchtbar zeitaufwendig und total schlecht für die Haut!“
Er befühlte sorgenvoll sein gerötetes, frisch geschabtes Kinn –
Ben Saul lächelte, in süffisantem Mitleid, angesichts Ben Davids haltloser Lamentationen – der edle Dienst am zukünftigen König und Retter Israels war ihm selber solch kleines Opfer durchaus wert!
Ben Salomon ergriff das Wort, zielstrebig und bestimmt:
„Meine Freunde!“ sprach er, „Wir sehen nun römischen Bürgern zum Verwechseln ähnlich, also sollten wir auch entsprechende Namen tragen, damit niemand Verdacht schöpft! Ich nenne mich daher ab sofort Artagnanus, zu eurer Information! Bitte merkt euch das.“
„Hm!“ versetzte Ben Goliat, „Ein pittoresker Name! Nun, ich werde mich Portus nennen, kurz und bündig – dies ist mir grad eben in den Sinn gekommen! Und du, Ben Saul?“
„Ich nenne mich schlicht Atus!“ erwiderte dieser, ohne viel Federlesens und wortkarg wie immer – blieb noch Ben David, sichtlich nicht erfreut:
„Nun gut, Ben Salo – äh, Artagnanus, da du es so willst! Ich nenne mich ab hoc Aramedes – das klingt griechisch und riecht ein wenig nach Philosoph – dies kann sicher nicht schaden! Wer würde schon Arges bei einem Mann des Geistes wähnen? Doch da fällt mir ein: Was machen wir mit unserem Hauptmann, Ben Josuah-Trevillon?! Er wird uns als Fahnenflüchtige und Verräter behandeln, wenn wir einfach so, ohne ihn zuvor um seine Erlaubnis zu bitten, nach Bethlehem abhauen – !“
„Ist schon erledigt!“ antwortete Ben Saul-Atus, „Ich habe ihn natürlich bereits pflichtschuldigst informiert. Er wünscht uns Glück und Adonais Beistand, bei unserem Unternehmen, und lässt uns sagen, wir sollen uns vor Ben Jussah und seinen Soldaten in acht nehmen! Wenn diese merken, was wir vorhaben, und uns womöglich sogar verhaften, landen wir mit Sicherheit wegen Hochverrats vor dem Tribunal des Königs Herodes, und dann könne selbst Ben Josuah-Trevillon nichts mehr für uns tun! Also Vorsicht!“
„Gut, dann lasst uns schleunigst aufbrechen!“ befahl Ben Salomon-Artagnanus, „Wir geben uns als römische Handelsleute aus, und unser geschätzter Grieche hier wird uns unterwegs ein wenig mit poetischer Philosophie versorgen!“


In Bethlehem stauten sich die Massen –
„Was in aller Welt ist denn hier los??“ fragte Ben Goliat-Portus verblüfft, während er seine hünenhafte Gestalt mühsam durch die Menschenmenge zwängte, „Kriegt man hier etwa was umsonst?!“
„Ich denke, es ist wegen der Volkszählung!“ versetzte Ben Salomon-Artagnanus, „Bleibt nur zu hoffen, dass wir in all dem Trubel das bewusste Kind auch finden! Wartet, Freunde – das große Gebäude dort drüben scheint das Haus des römischen Präfekten zu sein! Dort werden wir uns erkundigen! Atus und Aramedes, ihr beherrscht Latein, ihr werdet nach dem Kind fragen! Kommt!“
Und sofort bahnte er sich raschen Schrittes einen Weg durch die dichtgedrängte Menge, seine Gefährten im Schlepptau hinter sich herziehend –


„Was wünschen die Herren? Der Präfekt ist sehr beschäftigt!“ grunzte ein sichtlich enervierter, älterer Sekretär, krumm und gebückt im Vorzimmer am Schreibtisch hockend –
„Salve, domine!“ begann Ben Saul-Atus, sich räuspernd, „Pax tecum! Wir sind fahrende römische Kaufleute in Sachen Babyausstattung, und wir vermarkten Baumwollwindeln, Lammwolldecken, Schnullerfläschchen, Wiegen und so weiter. Gibt es hier in Bethlehem eventuell junge Familien mit neugeborenen Kindern, denen wir unsere Artikel anbieten dürfen? Unsere Lastesel sind vollbepackt mit Waren, und wir würden diese gerne in Bethlehem, wo sich doch gerade so viele Leute hier in dieser Stadt befinden, an den Kunden bringen – “
„Nun, neugeborene Kinder gibt es hier wie Sand am Meer!“ vesetzte der Sekretär beflissen, „Doch das jüngste von allen Neugeborenen scheint sich im Gasthof „Zum brennenden Dornbusch“ aufzuhalten – ein strammer Knabe, soviel ich gehört habe! Bei seiner Geburt gab es dort einigen Zulauf, man hörte des Nachts harmonisch klingenden, engelgleichen Chorgesang, und augenscheinlich ziemlich wohlhabende Leute, vermutlich gewisse reiche Onkel, erschienen zu Besuch und brachten der jungen Familie kostbare Geschenke! Dies wäre mal der eine Fall. Dann weiß ich noch von einem erst heute geborenen Mädchen, gleich hier um die Ecke, in der Barmherzigen Samaritergasse – “
„Gratias agimus tibi!“ fiel ihm Atus rasch ins Wort, „Die Eltern dieses Knaben scheinen also sehr vermögend zu sein! Da werden wir sie doch gleich aufsuchen und fragen, ob sie für ihren neugeborenen Sohn nicht noch ein paar Windeln und Decken benötigen! Vale!“
Und Ben Saul-Atus drängte seine drei Gefährten unverzüglich zur Tür hinaus.

Draußen auf der überfüllten Gasse stieß Ben Salomon-Artagnanus hervor:
„Hervorragend! Das Kind in der Herberge „Zum brennenden Dornbusch“ muss mit Sicherheit der gesuchte Knabe sein! Was meint ihr, Freunde?!“
„Natürlich.“ stimmte Ben David-Aramedes zu, „Bei welcher Geburt erschallen denn sonst Engelschöre, wenn nicht bei der Ankunft des Immanuel?!“
Und Ben Goliat-Portus erwiderte: „Außerdem handelt es sich bei diesem Geburtsort um einen Gasthof! Ich brauche dringend was zu trinken, in all dieser staubigen Hitze hier!“
„Gut, dann lasst uns sofort diese Herberge aufsuchen!“ entschied Ben Salomon-Artagnanus, „Wir dürfen keine Zeit verlieren, Ben Jussah ist uns mit seinen Soldaten sicher schon auf den Fersen! Also kommt!“


Der Wirt des Gasthofs „Zum brennenden Dornbusch“ nickte eifrig und sichtlich erfreut:
„O ja, oja!“ beeilte er sich, zu versichern, „Vor einigen Tagen stieg ein junges Ehepaar bei mir ab! Das heißt – sie sind noch nicht offiziell verheiratet, sondern nur verlobt – aber egal, ich hatte sowieso kein Zimmer mehr frei, angesichts des immensen Andrangs dieser Volkszählung wegen! Also habe ich die beiden notgedrungen im Stall untergebracht, dort ist es in der Nacht schön warm, und ebenda hat die junge Frau auch überraschend ein Kind geboren! Und nachdem kurz danach ein Haufen Leute zum Stall pilgerte, begleitet von einem Gesangschor, der schöne, feierliche Lieder zum Besten gab, so denke ich, die beiden müssen viele Freunde in der Umgebung haben! Es erschienen sogar drei ausnehmend gut gekleidete, wohlhabende Herren und ließen der jungen Familie kostbare Geschenke da! Man kann diesem Ben Joseph, so heißt der frischgebackene Vater, und seiner Mirjam also einen gewissen Bekanntheitsgrad nicht absprechen, scheint mir! Hach, es ist immer aufregend, Prominente zu beherbergen!“
„Schön und gut!“ unterbrach Ben Saul-Atus den begeisterten Redeschwall, „Wir sind reisende römische Kaufleute und möchten dem jungen Elternpaar unsere Waren anbieten! Geld haben sie ja, deinen Worten nach, genug zur Verfügung, und ein paar zusätzliche Babywindeln oder einen Schnuller kann man immer gebrauchen! Wo finden wir die drei?“
„Wie gesagt: Hinten im Stall! Zweite Tür rechts, dann quer über den Hof und das Gebäude gleich gegenüber, mit der niedrigen Holztüre – “
„Gratias agimus tibi!“ versetze Ben Saul-Atus, und die Vier machten sich sofort im Gänsemarsch daran, dem eben beschriebenen Weg zu folgen.


Im Stall herrschte stille, andächtige Ruhe –
In einem mit hölzernen Planken abgetrennten Geviert in der Ecke lag ein großer, brauner Ochse, genüsslich seine Heuration wiederkäuend, und ihm vis à vis, an einer wohlgefüllten Futterraufe, stand ein kleiner, grauer Esel und blickte aus großen, dunklen Augen aufmerksam herüber.
In der Mitte des Stalles befand sich eine mit weichem Stroh gefüllte Krippe, und davor saßen eine sehr junge, schöne Frau mit lang herabwallendem, dunklem Haar und ein bärtiger, gutaussehender Mann – beim Eintritt der vier Freunde erhob er sich sofort von seinem Schemel, zuhöchst beunruhigt, angesichts des unverkennbar römischen Aussehens der unverhofften Besucher –
„Shalom, mein Freund! Hab keine Angst und entschuldige bitte die Störung! Bist du Ben Joseph?“ fragte Ben Salomon-Artagnanus lebhaft, während er sich den beiden näherte –
„Oh, und du bist sicher Mirjam, Ben Josephs Braut!“ gurrte Ben David-Aramedes sanft, der jungen Frau mit den großen, dunklen Samtaugen galant die schmale Hand küssend –
In der Krippe begann es unwillkürlich zu brabbeln und lauthals zu krähen: Die Freunde erkannten ein kleines, rosiges Wesen, in Windeln und warme Decken gewickelt –
„Ja, ihr habt recht, meine Herren – und dies ist unser Sohn Jeschuah!“ erklärte Ben Joseph voller Vaterstolz, „Er wird sicher einmal ein berühmter Mann, nachdem seine Geburt von so vielen Wundern begleitet war! Nicht wahr, Mirjam?“
„Oh, ja!“ bekräftigte seine junge Verlobte, „Mir ist sogar, als ich schwanger war, ein Engel erschienen und hat mir geweissagt, mein ungeborener Sohn sei der zukünftige Retter Israels! Ist das nicht himmlisch?!“
„Nun, das ist ja schön und gut!“ versetzte Ben Goliat-Portus ungerührt, „Aber eure Lage, mein lieber Ben Joseph und meine liebe Mirjam, ist alles andere als rosig! König Herodes schäumt vor Wut, denn er verdächtigt euren Sohn des Hochverrats und beschuldigt ihn, den Königsthron an sich reißen zu wollen! Ihr müsst mit dem Säugling schnellstens fliehen! Herodes hat bereits den Kommandanten der Garnison von Jerusalem, Hauptmann Ben Jussah, mit seinen Soldaten auf euch gehetzt! Er kann jeden Augenblick mit seiner Kompanie hier eintreffen! Also auf! Packt das Nötigste zusammen, vergesst eure Wertsachen nicht und verlasst Bethlehem so rasch ihr könnt! Meine Freunde und ich werden euch helfen und euch in Sicherheit bringen! Ihr müsst wissen, wir sind in Wahrheit keine Römer, sondern tapfere Soldaten der königlichen Leibwache: Ben Saul, Ben David, Ben Salomon und Ben Goliat! Und wir sind entschlossen, euren Sohn, den göttlichen Immanuel, vor Herodes` Attentat zu retten!“
Ben Joseph blickte verdattert von einem zum andern:
„Was??“ stammelte er ungläubig, „Aber – wie sollte denn unser Jeschuah dem König etwas zuleide tun ?! Er ist doch bloß ein hilfloser Säugling! Wie in aller Welt – ?“
„Das müsst ihr diesen Irren selber fragen!“ knurrte Ben Saul-Atus grimmig, „Doch ich versichere euch, Ben Goliat spricht wahr, also folgt uns nun, ich bitte euch, damit Herodes` Häscher eurer nicht habhaft werden können!“
Mirjam sah zu Ben Joseph auf, aus angstgeweiteten, dunklen Rehaugen:
„Mein Liebster, wir sollten tun, was diese Herren sagen!“ drängte sie ihn, ihren Sohn aus der Krippe nehmend und ihr wollenes Schultertuch um ihn schlagend, „Komm, nimm unsere Habseligkeiten und lass uns von hier verschwinden! Mir ist so bang!“
„Beeilt euch!“ rief Ben Salomon-Artagnanus, in zunehmender Ungeduld, während Ben David den Esel herbeiführte und Mirjam galant beim Aufsitzen half, „Ben Jussah und seine Soldaten können jeden Moment hier auftauchen – oh!!“ entfuhr es ihm unwillkürlich, während er einen spähenden Blick durchs Stallfenster in den Hof warf, „Beim Allmächtigen, sie sind schon da! Und sie marschieren direkt auf uns zu – !“
Weiter kam er nicht – die Türe zum Stall wurde heftig aufgestoßen, mit brutalem Fußtritt, dass die eisernen Angeln krachten, und eine Meute Bewaffneter stürmte in den Raum – Ben Joseph wich mitsamt dem Esel und der entsetzten Mirjam auf dessen Rücken in den hintersten Winkel des Stalles zurück, hinter der breiten Flanke des Ochsen Schutz suchend, welcher, unter empörtem Muhen ob des ungewohnten Lärms, von seinem Lager aufgesprungen war –
„Oh!“ entfuhr es Ben Absalom, dem Anführer des Suchtrupps, angesichts der vier Freunde, „Meine Herren Römer, verzeiht gnädigst unser ungestümes Eindringen! Doch wir suchen dringendst ein verräterisches Kind, das die Königsmacht frevelhaft an sich reißen will! Habt ihr es vielleicht gesehen?!“
„Nein, haben wir nicht!“ brüllte Ben Goliat zurück, “Hier gibt’s kein Kind, also macht, dass ihr rauskommt! Wir sind friedliche römische Bürger und Kaufleute, die es gar nicht schätzen, dergestalt belästigt zu werden! Habt ihr verstanden?!“
In diesem Augenblick begann der kleine Jeschuah, zutiefst erregt, haltlos zu schreien –
„Ah!“ versetzte Ben Absalom, mit tückischem Grinsen, „Es scheint ja doch ein Kind hier anwesend zu sein, wie ich höre! Und seiner kräftigen Stimme nach zu schließen muss es wohl der gesuchte Knabe sein! Soldaten!“ schrie er seinen Schergen zu, „Dort hinter der Stallwand hält man es versteckt! Los, alle Mann auf die kleine Bestie!!“
„Moment!“ versetzte Ben Goliat-Portus, während er zugleich mit seinen Freunden das blitzende Schwert aus der Toga zog, mit eindrucksvollem Schwung, „Keiner von euch rührt dieses Kind an! Oder er kriegt`s mit uns zu tun! Wir sind gesetzestreue römische Bürger und lassen nicht zu, dass hier in diesem barbarischen Wüstenstaat kleine Kinder erbarmungslos gemeuchelt werden!“
„Römer, haltet euch da raus!“ schrie Ben Absalom zurück, seine Mannen um sich sammelnd, „Dies ist eine rein jüdische Angelegenheit und braucht euch nicht zu kümmern! Wir handeln auf strikten Befehl unseres Königs Herodes, also gebt den Weg frei, wenn ihr keine Bekanntschaft mit unseren scharf geschliffenen Schwertern machen wollt!“
„Ha, eure stumpfen Klingen kennen wir schon lange!“ spottete Ben Goliat-Portus, sekundiert von Ben Salomon-Artagnanus` breitem Grinsen sowie Ben Saul-Atus` verachtungsvoll schweigendem Lächeln, und Ben David-Aramedes bemerkte süffisant:
„Amice illustrissime, wir würden deinem Wunsch ja gern gehorchen, doch die Philosophie Epikurs sagt klar und deutlich, man soll ausschließlich dem Pfad der Tugend folgen! Dein Vorhaben ist mitnichten tugendhaft, im Gegenteil, es erweist sich vielmehr als infam und gottlos, daher können wir deine Bitte nicht erfüllen! Verstanden?!“
„Nun gut, meine Herren Römer, ihr habt es nicht anders gewollt!“ brüllte Ben Absalom zurück, rot vor Wut angesichts dieser exquisiten Frechheit, „Soldaten!! Zum Angriff!!“
Und damit stürmte er, an der Spitze seiner Mörderbande, mit hoch erhobenem Schwert auf die vier Freunde ein – diese fackelten nicht lange, und so entbrannte auf der Stelle ein wilder Kampf, in verbissenem, glühendem Zorn –
Ben Goliat-Portus machte seinem Namen alle Ehre, er wütete unter den Soldaten Ben Absaloms wie ein Achill unter den Recken Trojas; Ben Saul-Atus und Ben David-Aramedes verteidigten Seite an Seite die Heilige Familie in ihrem Versteck, gezielte, tödliche Hiebe nach allen Richtungen hin austeilend, und Ben Salomon-Artagnanus lieferte Ben Absalom ein wüstes Gefecht:
Behende kletterte Ben Salomon die Leiter zum Heuboden hinauf, von Ben Absalom wutschnaubend verfolgt, während die beiden einander gegenseitig mit fürchterlichen Hieben prügelten – oben auf der hölzernen Plattform angelangt, gab Artagnanus der Leiter einen Stoß, und Ben Absalom stürzte mit markerschütterndem Schrei ins Leere – mit gebrochenem Genick und verrenkten Gliedern lag er nun auf dem Steinboden des Stalles – Artagnanus ergriff ein starkes Hanfseil, schwang sich daran hinunter in die Tiefe und kam gerade zurecht, einen Soldaten niederzumetzeln, welcher Ben Goliat-Portus heimtückisch von hinten erdolchen wollte – endlich waren, mit vereinten Kräften, alle Gegner ausgemerzt, und Ben Saul-Atus verriegelte noch rasch die Stalltür, um unliebsamen Überraschungen vorzubeugen –
„Los!“ rief er. „Wir fliehen durch den Hinterausgang! Ben Joseph, komm hinter dem Ochsen hervor und führe den Esel mit Mirjam und deinem Sohn mit dir! Wir bringen euch aus der Stadt hinaus, hier dürft ihr keinen Augenblick länger bleiben! Dieser Ben Absalom und seine Leute waren bloß die Vorhut! Wir müssen verschwinden, ehe Ben Jussah mit seiner Übermacht hier eindringt!“
Ben Joseph nickte, bleich und verstört; Mirjam schluchzte, vor Angst und Fassungslosigkeit, angesichtes der blutigen Leichname in dem vorher so friedlichen Stall – doch Ben David-Aramedes trat an ihre Seite und raunte ihr zu, sanft und verführerisch:
„Schönes Mädchen, weine nicht! Meine Freunde und ich werden alles tun, um dich und deine kleine Familie zu retten! Vertraue mir und meinen Gefährten! Alles wird gut werden, du wirst sehen!“
Mirjam schaute ihm ins Antlitz, mit großen, tränenumflorten Augen – angesichts seines tiefen Blicks und seiner sachten Berührung versiegten ihre Zähren prompt – sie lächelte zurück, verschämt und errötend –
„Alles bereit zum Aufbruch!“ rief Ben Salomon-Artagnanus ungeduldig, „Ben David, lass das Schäkern! Nichts wie raus hier, meine Freunde, seid wachsam und haltet die Augen offen!“
„Worauf du dich verlassen kannst!“ knurrte Ben Goliat-Portus grimmig –

 

Die Flucht aus Bethlehem gelang – dank der dichten Menschenmengen, die sich immer noch durch die Gassen wälzten, konnten die vier Freunde und ihre Schützlinge den Soldaten Ben Jussahs erfolgreich ausweichen und endlich unerkannt das Stadttor passieren – doch was nun?!
„Ben Joseph, du musst mit Mirjam und dem Kind über die Grenze fliehen!“ stieß Ben Saul-Atus hervor, zutiefst besorgt, beim ersten Halt auf offener Landstraße, „Hier in Judäa seid ihr in absoluter Lebensgefahr, denn König Herodes wird nichts unterlassen, um euch bis in die hintersten Winkel seines Reiches zu verfolgen! Ihr müsst ins Ausland gehen – aber wohin?!“
„Hm –  wie wär`s mit Syrien?“ schlug Ben David- Aramedes vor, hilfreich –
„Nein, Syrien ist viel zu gefährlich!“ widersprach Ben Saul-Atus sofort, „Der syrische Herrscher ist illegalen Einwanderern äußerst feindlich gesinnt!“
„Wie steht`s mit Ägypten?“ fragte Ben Salomon-Artagnanus zögernd –
„Ägypten? Nun, das klingt schon besser!“ versetzte Ben Saul-Atus trocken, sich gedankenvoll übers glattrasierte Kinn streichend, „Ein reiches Land, auf kulturell hohem Niveau – Pardon, Ben David, ich weiß, die Griechen sind dir lieber! – und die Fremdenpolizei benimmt sich sehr tolerant gegenüber politischen Flüchtlingen – vor allem, wenn sie Kinder haben! Ja, ich halte Ägypten für geeignet! Was meinst du, Ben Joseph?“
„Nun, wenn es der Ratschluss Gottes ist, so wollen wir nach Ägypten gehen!“ erwiderte Ben Joseph voller Demut, „Und wenn es ein solch reiches Land ist, dann gibt es dort sicher auch moderne Boutiquen und Modehäuser – Mirjam wünscht sich zur Hochzeit ein neues Kleid! Nicht wahr, mein Täubchen?“
„Ja, Liebster! Aus himmelblauer Seide, mit weißer Schärpe aus hauchzartem Chiffon und ebensolchem Schleier!“ stimmte Mirjam sofort zu, mit leuchtenden Augen, „Und unser Jeschuah bekommt ein blitzblaues Strampelhöschen mit silbernen Stickereien – nicht wahr, mein Goldjunge?!“
Sie küsste den Kleinen auf die Stirn, liebevoll und mütterlich –
„Gut, dann ist es also entschieden!“ rief Ben Salomon-Artagnanus, fest und bestimmt, „Alles bereit zum Abmarsch! Ben Joseph, wir geleiten euch bis an die ägyptische Grenze, dann kann euch keiner unterwegs etwas anhaben! Immerhin sind wir ja repektable römische Bürger, nicht wahr?!“
Und damit setzten sich die Freunde in Marsch, guter Dinge, unter munterem, zuversichtlichem Lachen, Ben Joseph und Mirjam mit Jeschuah auf dem Esel in ihrer Mitte –

 

 


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