Artagnan.de - Fanfiction zu Dumas' drei Musketieren

Was im Winter geschah


9. Der kleine Lord de Winter

von AlienorDartagnan


Hier mal noch eine kleine Weihnachtsgeschichte von mir, sozusagen ein kleines “was wäre gewesen wenn” Gedankenspiel.
Inspiriert zu dieser Geschichte hat mich, zumindest teilweise der berühmte Weihnachtsfilm “Der kleine Lord”.

London, 23. Dezember 1628

Es war sein vierter Geburtstag, und dieser Geburtstag unterschied sich gravierend von den bisherigen seines kurzen Lebens. Seit zwei Monaten war John Francis de Winter nun schon ganz auf sich alleine gestellt, und schlug sich mehr schlecht als recht mit Betteln und Stehlen durchs Leben, was für einen Jungen, der noch vor kurzem ein kleiner Lord gewesen war, dem es an nichts fehlte, nicht gerade leicht war. Er konnte sich noch gut an sein Leben als junger Lord de Winter erinnern, an das große Schloß vor den Toren von London, in dem er mit seiner Amme und etlichen Dienstboten gelebt hatte. An seine Mutter, die ihn dort alle drei Monate besucht hatte. Dann hatte sie ihm immer viele Geschenke mitgebracht und mit ihm in dem großen Irrgarten hinter dem Schloß Fangen und Verstecken gespielt. Und abends, wenn er ins Bett musste, hatte sie ihm immer noch eine Geschichte erzählt, und einen Kuss, sowie ein kleines Stück Schokolade gegeben. John Francis liebte seine Mutter über alles, und konnte nicht verstehen, warum sie ihn in diesem Herbst nicht mehr besucht hatte.
Vor zwei Monaten war dann sein Onkel, den er kaum kannte, weil er ihn höchstens zweimal pro Jahr gesehen hatte, obwohl sie im selben Schloß lebten, zu ihm gekommen, und hatte ihm gesagt, dass seine Mutter nie wiederkommen würde, weil sie tot sei. Er war noch viel zu klein um zu verstehen, was tot sein eigentlich bedeutete, und sein Onkel hatte es ihm nicht erklärt, sondern ihm nur gesagt, dass der König ihn zum Bastard erklärt hätte, und er jetzt kein Lord mehr wäre. Er begriff auch nicht, wieso sein Onkel ihm gesagt hatte, er wäre überhaupt nicht sein richtiger Onkel, weil seine Mutter seinen Vater betrogen hätte.
Dann hatte der Onkel ihm gesagt, dass er der Amme Geld geben würde, damit sie bis zu seiner Volljährigkeit für ihn sorgen könnte, und dass er das aus reiner Barmherzigkeit täte, und es eigentlich für einen Jungen, der kein de Winter war, gar nicht tun müsste.
Doch die Amme hatte nicht für ihn gesorgt, an einem nasskalten Oktobertag hatte sie ihn nach London gebracht, und ihm gesagt, dass er ab jetzt alleine zurechtkommen müsse, weil sein Onkel sie trotz mehrmaliger Nachfrage nicht bezahlt hätte.
An jenem Tag hatte er schließlich Unterschlupf in einem leerstehenden Haus gefunden, und sich in den Schlaf geweint. Mitten in der Nacht war er dann von einer Gruppe Straßenkinder, denen dieses Haus als Unterschlupf diente, davongejagt worden. Auch jetzt fiel es dem Vierjährigen noch schwer, ein Nachtlager zu finden, denn er hatte längst erkannt, dass hier in den Straßenvon London das Recht des Stärkeren galt, und nur jene Bettler, die sich gegen die anderen durchzusetzen vermochten, ein Nachtlager und etwas zu essen ergattern konnten. Er dagegen war noch klein und es nicht gewohnt, um sein Essen kämpfen zu müssen. Schon häufiger war ihm das Geld, das barmherzige Menschen ihm zugesteckt hatten, von anderen Bettlern gestohlen worden, und er war zu klein und zu schwach, um sich dagegen zu wehren.

Jetzt, nach zwei Monaten auf der Straße, trug er noch immer die gleiche Kleidung wie an dem schrecklichen Tag, als die Amme ihn einfach in einer belebten Londoner Gasse hatte stehenlassen. Mittlerweile war von der einstigen Pracht seines weißen Seidenhemdes, der schwarzen Samthose und dem Justeaucorp aus hellblauem Brokatstoff nicht mehr viel zu erkennen, die Sachen waren verdreckt und durchlöchert, und er fror entsetzlich darin. Die Sohle seiner braunen Lederstiefel waren mittlerweile vom vielen Laufen ganz abgescheuert, und der eine Stiefel hatte vorne ein Loch, aus dem seine Zehe herausschaute. Sein hellblondes Haar war mittlerweile völlig verfilzt, sein noch kindlich rundes, blasses Gesicht verdreckt, die Wangen wirkten eingefallen, und er hatte dunkle Ringe unter den Augen.
Da es ihm nur selten gelang, etwas Essbares oder Geld zu stehlen oder zu erbetteln, war er mittlerweile nur noch Haut und Knochen, und weil er ständig der beißenden Kälte ausgesetzt war, quälte ihn ein schlimmer Husten, den er einfach nicht loswerden wollte. Tagsüber ging er öfters in die Kathedrale um sich aufzuwärmen, musste dabei jedoch aufpassen, dass der Küster ihn nicht entdeckte, denn dieser warf ihn dann immer gleich wieder hinaus. Er musste jedesmal weinen, wenn er daran dachte, dass seine Mutter ihm, als er einmal krank gewesen war, heißen Tee gekocht, und dann an seinem Bett gesessen und seine Hand gehalten hatte, bis er eingeschlafen war. Nun hatte er niemanden mehr, keine Mutter, keine Amme, keinen Onkel und keinen Vater.
Auf dem großen Platz vor der Westminster Abbey wurde ein Markt abgehalten, es gab gut sechzig Holzbuden, an denen neben Seifen, Stoffen, lebenden Tieren, Waffen und Holzspielzeug auch viele Spezereien feilgeboten wurden. John Francis, der an diesem Tag noch nichts gegessen hatte, und dem vor Hunger schon ganz schwindelig war, lief das Wasser im Mund zusammen, als ihm verschiedene verführerische Essensdüfte in die Nase stiegen. Es roch nach gerösteten Kastanien, nach frisch gebackenen Eierkuchen, nach Fleischpasteten, nach Krapfen, nach Würsten und nach Bratäpfeln.

Der Markt war mit Menschen überfüllt, die für das morgige Weihnachtsfest ihre Einkäufe erledigten. Mehrere vornehm gekleidete Herrschaften begutachteten die Weihnachtsbäume, die direkt vor der Kathedrale verkauft wurden. Junge Mägde schilderten in schlichte aber warme Mäntel gehüllt, mit prall gefüllten Henkelkörben im Arm, kichernd und tuschelnd an den Marktständen vorbei. Es hatte wieder zu schneien begonnen, und ein paar Jungen lieferten sich eine wilde Schneeballschlacht, sie rannten zwischen den Ständen hin und her, benutzten diese dabei teilweise als Deckung und bewarfen sich gegenseitig mit Schneebällen. Einer von ihnen traf dabei eine vornehm gekleidete Edeldame am Kopf, und diese schimpfte laut, als ihr kunstvoll verzierter Federhut in den Schneematsch fiel. Drei Priester wärmten sich an einem der Marktstände mit heißem Würzwein auf, und bedachten die vorübergehenden Mägde und Edeldamen mit lüsternen Blicken.
An einem der Stände kaufte ein vornehm gekleideter Edelmann Krapfen für seine drei kleinen Söhne. Traurig blickte John Francis zu den wohlgenährten Knaben hinüber, die alle drei mit Pelz besetzte Mäntel als schwarzem Samt trugen, und nun mit rosigen Wangen, übers ganze Gesicht strahlend, die Krapfen aus der Hand ihres Vaters entgegennahmen.
Was hätte er nicht alles dafür gegeben, mit einem dieser Kinder tauschen zu können. Sie hatten all das, wonach er sich mit jeder Faser seines Herzens sehnte, einen liebevollen Vater, ein richtiges Zuhause, wo sie immer genug zu essen bekamen und niemals frieren mussten. Tränen liefen dem Vierjährigen über die Wangen, und nicht nur wegen der Kälte zitterte er am ganzen Körper. Immer wieder blickte er zu dem Edelmann und seinen drei Söhnen, von denen der jüngste kaum älter war als er selbst, herüber.
Dann kam ihm ein Gedanke, und er nahm seinen ganzen Mut zusammen und ging zu der Familie hinüber, zupfte den Edelmann am Mantel.
“Monsieur?”
Als der Mann ihn sah, verengten seine Augen sich zu schmalen Schlitzen und seine Miene verfinsterte sich.
“Was willst du, Junge? Ich gebe Bettelbälgern wie dir nichts. Anstatt hier herumzulungern, solltest du dir lieber eine ordentliche Arbeit suchen, in den Webereien nehmen sie auch schon Jungen in deinem Alter.”
“Aber…ich bin kein Bettler, ich bin Lord John Francis de Winter. Ich bitte Euch, Monsieur, gebt mir etwas zu essen, ich hab so großen Hunger!”
“Wer nicht arbeitet der soll auch nicht essen! Von wegen Lord, dir geb ich gleich Lord, und zwar indem ich dir ordentlich den Hintern versohle!”, antwortete der Edelmann, während er den mageren Jungen böse anfunkelte, und ihn dann von sich weg in den Schlamm stieß.
Seine drei Söhne grinsten schadenfroh, einer der Knaben hielt John Francis den verführerisch duftenden, fetttriefenden Krapfen direkt vor die Nase, zog ihn jedoch wieder weg, bevor dieser ihn erreichen konnte, und biss gierig hinein.
“Das ist so köstlich…faule Bettler wie du haben sowas gar nicht verdient!”

Dann stand plötzlich ein Mann im Priesterhabit, der gerade aus der Kathedrale gekommen war, vor dem Edelmann und blickte ihn vorwurfsvoll an.
“Dass Ihr Euch nicht schämt, so mit dem Jungen umzugehen! Gerade an Weihnachten sollten wir doch den Armen gegenüber barmherzig sein!”
“Nun, ich kann mir ja ungefähr denken, was Ihr unter Barmherzigkeit versteht, Pater Godwin, und ich glaube nicht, dass Gott Eure Art von Barmherzigkeit gutheißen würde. Wenn sich hier jemand schämen muss, dann ja wohl Ihr!”; meinte der Edelmann, blickte den Geistlichen voller Verachtung an, und ging mit seinen Söhnen weiter.
Freundlich lächelnd half der Priester dem geschwächten, mageren kleinen Jungen beim Aufstehen.
“Alles in Ordnung mit dir, mein Junge? Wie ist dein Name? Ich bin Pater Godwin, und du hast wirklich Glück, dass du mir begegnet bist.”
“Ich bin John Francis de Winter”, antwortete er und blickte den Geistlichen schüchtern an, “und ich bin nicht in Ordnung, mir gehts schlecht, weil mir kalt ist, und ich so großen Hunger hab.”
Der Priester war zwar freundlich zu ihm, aber irgendetwas an seinem Blick war komisch und machte ihm Angst.
“Möchtest du einen Krapfen haben, John Francis? Ich kaufe dir einen. Armes Kind, ein so kleiner Junge wie du sollte nicht auf der Straße leben müssen.”
Als der Priester ihm anbot, ihm einen Krapfen zu kaufen, vergaß er sein Misstrauen und seine Augen begannen zu leuchten.
“Oh ja, bitte, kauft mir einen Krapfen!”
Als Pater Godwin ihm wenig später das noch dampfende Schmalzgebäck reichte, glaubte er zu träumen. In den letzten zwei Monaten hatte er sich fast ausschließlich von Abfall und dem wenigen, was er erbetteln konnte, ernährt, und dieser heiße, fettige Krapfen erschien ihm wie ein Geschenk des Himmels. Weil er große Angst hatte, dass der Priester es sich anders überlegen, und ihm den Krapfen wieder wegnehmen könnte, verschlag er ihn, gierig wie ein Wolf, mit wenigen Bissen. Und er wähnte sich im Paradies, als der Priester ihm danach sogar noch einen kaufte und ihn ihm mit den Worten:“Lass es dir schmecken, mein Junge”, reichte.
Weil das Knurren in seinem Magen nun nicht mehr ganz so heftig war, aß er nun langsamer, um wirklich jeden Bissen voll und ganz auskosten zu können, denn er glaubte nicht, dass er so bald wieder etwas so köstliches zu essen bekommen würde.
Ganz in der Nähe des Krapfenstandes sang ein Kinderchor unter der Leitung eines Kastraten “The twelve days of christmas” und er musste wieder an seine Mutter denken, die dieses Lied jedes Jahr am heiligen Abend mit ihm gesungen hatte. Ach, wie sehr er sie doch vermisste, es tat so weh, an sie zu denken. Er war zu klein um zu verstehen, was tot sein bedeutete, und so fragte er sich voller Angst, ob die Mutter wohl sehr traurig sein würde, wenn sie dieses Jahr zu ihm in das Schloss käme, und er nicht dort wäre. Würde sie sich dann nicht große Sorgen um ihn machen?
“Wo sind denn deine Eltern?”, fragte Pater Godwin, der für sich selbst keinen Krapfen geholt hatte, und ihn wieder mit diesem eigenartigen Blick, den er nicht zu deuten verstand, musterte.
“Mein Onkel hat mich davongejagt, und gesagt, meine Mutter wäre tot. Vater ist auch tot, schon seitdem ich auf der Welt bin. Ich weiss nicht, was tot ist, aber die Mutter hat mich lieb, sie wird am heiligen Abend bestimmt zum Schloß kommen, und ganz traurig sein, wenn sie mich dort nicht findet”; erklärte er dem Priester, während er sich den Rest des Krapfens in den Mund steckte und genüsslich kaute.
“Tot sein, das bedeutet, dass deine Eltern jetzt bei Gott im Himmel sind, und von dort kehrt niemand jemals zurück. Aber sie werden von dort aus gewiss immer über dich wachen. Hast du denn sonst niemanden mehr?”
“Nur meinen Onkel, und der will mich nicht haben, er sagt, ich wäre ein Bastard, weil meine Mutter meinen Vater betrogen hat”; antwortete er und blickte Pater Godwin traurig an, “ich gehöre zu keinem, keiner will mich haben. Bin ganz alleine.”

Der Priester strich ihm behutsam über die Wange, lächelte versonnen.
“So schöne weiche, zarte Haut. Wie alt bist du eigentlich, John Francis?”
“Heute ist mein vierter Geburtstag”, erklärte er dem Priester, dann schaute er verlegen auf seine Stiefel, weil ihm Pater Godwins Blick irgendwie unangenehm war.
“Deine Eltern werden nicht zurückkommen”; erklärte der Priester ihm schließlich, ergriff mit seiner rechten Hand das Kinn des Jungen und hob es leicht an, so dass John Francis ihm in die Augen schauen musste, “möchtest du mit mir kommen, mein Junge? Ich werde mich um dich kümmern, und du wirst ein Dach über dem Kopf und immer genug zu essen haben. Da ich aber nur ein Bett habe, wirst du bei mir schlafen müssen, und du kannst mich nachts ein wenig warmhalten. Das wäre doch schön, wenn du ein neues Zuhause hättest, was meinst du? Hier auf der Straße kannst du nicht überleben…du wärst noch vor deinem fünften Geburtstag tot. Du bist ja schon jetzt nur noch Haut und Knochen, mein Junge.”
Er blickte den Priester unsicher an. Ein neues Zuhause und immer genug zu essen, das klang wirklich gut. Aber irgendwie wurde er das Gefühl nicht los, dass mit Pater Godwin etwas nicht stimmte.
“Ich weiss nicht…”, meinte er und scharrte nervös mit den Füßen, “ich mag nicht bei Euch im Bett schlafen, Pater.”
“Aber in einem Bett zu schlafen ist doch besser als auf der Straße schlafen zu müssen. Ich bin doch dann dein neuer Vater, und ich werde mich gut um dich kümmern, wenn du willst bekommst du jeden Tag Krapfen und Fleischpastete, Mordaunt, und du kannst essen soviel du möchtest.”
“Warum nennt Ihr mich denn Mordaunt? Ich heiße John Francis!”; erwiderte er, sich zunehmend unbehaglicher fühlend.
“Mordaunt, so hieß der letzte Junge, der bei mir gelebt hat, und ich hatte ihn sehr gerne und deswegen würde es mich freuen, wenn du seinen Namen tragen würdest. Ich und Mordaunt, wir hatten viele schöne Jahre zusammen, und ich bin sicher, dass wir beide das auch haben werden.”
Dann kaufte der Priester am Nachbarstand einen Becher heißen Würzwein und reichte dem Kind den Becher.
“Hier, trink das mein Kleiner, dann wird es dir schön warm. Und dann gehen wir ins Gasthaus in mein Zimmer, da ist es schön gemütlich, und dann bade ich dich und bringe dich ins Bett. Morgen verlassen wir London und reisen weiter zu meiner Pfarrerei in Mainsbridge. Dort wirst du dann mit mir zusammen leben, Mordaunt, und es wird dir bestimmt gefallen.”
Pater Godwin machte ihm Angst, und er wollte nicht bei ihm bleiben, aber weil er so entsetzlich fror, nahm er dennoch das heiße Getränk.
Wenn ich das ausgetrunken habe, dann laufe ich weg, dachte er sich, ich mag mich nicht von dem Priester baden und ins Bett bringen lassen. Er ist irgendwie komisch.
Das heiße Getränk schmeckte gut und duftete nach Gewürzen, und es wärmte seinen durchgefrorenen Körper.
Aber ihm wurde ganz plötzlich schwindelig, mit einem Mal schien sich um ihn herum alles zu drehen, und er war auf einmal furchtbar müde, und hätte sich am liebsten mitten auf dem verschneiten Marktplatz zum Schlafen hingelegt. Er merkte, wie Vater Godwin ihn hochhob und auf den Arm nahm, er wollte das nicht, aber er war zu müde und zu schwach um zu protestieren, und so blieb er reglos in den Armen des nun schnell und hektisch atmenden Priesters liegen und schloss die Augen. Schlafen, er wollte einfach nur schlafen.
“Lasst sofort den Jungen los!”; ertönte in diesem Moment eine laute energische Stimme, “auf der Stelle, sonst muss ich meinen Degen ziehen!”

Es machte Athos und d´Artagnan nichts aus, über Weihnachten im Auftrag der Königin nach England zu reisen. Der Herzog von Buckingham war tot, aber es gab da noch zwei Briefe, die Königin Anna ihm nach England geschickt hatte, und diese Briefe sollten Athos und der Gascogner nun aus England holen, weil die Königin Angst hatte, dass sie nun nach dem Tod des Herzogs vor vier Monaten in falsche Hände fallen und sie schwer belasten könnten. Beiden Männern lag nichts an Weihnachten, weil sie keine Familie hatten mit der sie feiern konnten, für sie war es ein Tag wie jeder andere.
Und so waren sie nach England gereist und am Nachmittag des 23. Dezembers, einem kalten, verschneiten Tag, in London angekommen. Bevor sie sich als Diener verkleidet in den Palast schleichen wollten, stärkten sie sich erst einmal auf dem Markt vor der Kathedrale mit heißen Würzwein, eine Wohltat bei dieser schneidenden Kälte. Dabei fiel Athos ein Priester auf, der einem in dreckige Lumpen gehüllen hellblonden mageren Jungen von höchstens drei oder vier Jahren einen Becher mit Würzwein reichte. Die lüsternen Blicke, mit denen der Priester den Kleinen bedachte, und die seltsamen Bemerkungen, die er dem Kind gegenüber machte, weckten sogleich das Misstrauen des Musketiers.
Athos konnte sich denken, was dieser Priester mit dem bedauernswerten Straßenkind vorhatte, und er wollte auf keinen Fall tatenlos zusehen, wie der Geistliche den Jungen davontrug, um sich an ihm zu vergehen. Und so stellte er sich diesem Mann, der den Jungen nun auf dem Arm hielt, mit wütend funkelnden Augen entgegen.
“Lasst sofort den Jungen los! Auf der Stelle, sonst muss ich meinen Degen ziehen!”
Der Priester verzog missmutig das Gesicht, als er den dunkelhaarigen Musketier sah.
“Was geht Euch das denn überhaupt an?”; fauchte er Athos an, “ich gebe einem armen Straßenkind ein neues Zuhause, und wenn ich das nicht täte, würde er diesen Winter nicht überleben. Warum mischt Ihr Euch da ein? Ich habe schon viele kleine Jungen großgezogen, und aus allen ist etwas geworden.”
“Ich weiss genau was Ihr mit dem Kleinen vorhabt”, hielt Athos dem Priester entgegen, “und ich werde es nicht zulassen, dass Ihr ihn mitnehmt, Pater. Ich finde es abscheulich, was Ihr diesem Kind antun wollt. Ist Euch denn nicht klar, dass Ihr damit sein Leben zerstört? Gebt mir den Jungen, oder ich muss meinen Degen ziehen, und Euch zeigen, was ich von Kinderschändern wie Euch halte!”
Pater Godwin blickte verdrossen drein, es ärgerte ihn, dass dieser Musketier sich einmischte und ihm seine Beute, die ihm schon sicher gewesen war, wegnehmen wollte. Aber da er noch nie im Leben eine Waffe in der Hand gehalten hatte, da er als zweitgeborener Sohn eines armen Landadeligen für eine kirchliche Laufbahn bestimmt worden war, wusste er genau, dass er gegen den bewaffneten Musketier keine Chance hatte. Und außerdem sah er, dass ein zweiter Musketier in der Nähe war, der gewiss auch in das Geschehen eingreifen würde, wenn er sich weigerte den Jungen herauszugeben.

Wütend drückte er dem Musketier den schon halb eingeschlafenen Knaben in die Arme.
“Hier habt Ihr ihn, und ich könnte wetten, dass Ihr ihn nicht behalten werdet und hier zurücklasst. Bei mir hätte er es gut gehabt, hier in den Straßen Londons wird er nicht überleben. Letztendlich werdet Ihr es sein, der dieses Kind auf dem Gewissen hat.”
Athos kochte innerlich vor Wut, er verabscheute Menschen wie diesen Priester, die die Not der Straßenkinder ausnutzten um ihnen Gewalt anzutun. Als Pater Godwin sich zum Gehen wandte, rief Athos dem Gascogner etwas zu:
“d´Artagnan, zieht Euren Degen und bringt diesen Priester zu den Bütteln, sie sollen ihn einsperren. Ich werde hier auf Euch warten.”
Der frischgebackene Hauptmann der Musketiere nickte und trieb den Priester mit gezogenem Degen vor sich hier in Richtung Gerichtsgebäude.
In diesem Moment schlug der kleine blonde Junge die Augen auf. Er hatte große blassblaue Augen, und der Musketier erstarrte vor Schreck, denn diese Augen und das noch kindlich runde Gesichtchen erinnerten ihn an Mylady.

Nein, das ist doch absurd, sagte er sich, seit Myladys Hinrichtung stehe ich völlig neben mir und sehe ihr Gesicht schon überall. Das hier ist ein armer kleiner Straßenjunge, der überhaupt nichts mit Mylady zu tun hatte.
Mit großen Augen blickte er Athos an, und der Musketier war zutiefst erschüttert darüber, wieviel Leid in diesen Augen stand, diese Augen wirkten nicht wie die eines kleinen Kindes, sondern wie die eines Erwachsenen, der in seinem Leben schon viel Leid erfahren hatte. Und der arme Junge war so mager, dass er sich in seinen Armen leicht wie eine Feder anfühlte.
“Hab keine Angst, Kleiner, du bist jetzt in Sicherheit, der Priester kann dir nichts mehr tun.”
“Ich habe noch Hunger. Kauft Ihr mir einen Krapfen, Mylord?”, fragte der Knabe den Musketier.
Athos hob den Jungen behutsam herunter, und kaufte ihm gleich zwei dicke, fetttriefende Krapfen.
“Hier, lass es dir schmecken, mein Kleiner. Du kannst nachher mit mir und d´Artagnan in unser Gasthaus kommen, und morgen früh sehen wir weiter. Wir werden schon einen Platz für dich finden. Wie heisst du denn eigentlich? Ich bin Athos.”
“Ich danke Euch, Monsieur Athos, ich komme gerne mit, ich mag nicht hier auf der Straße sein. Ich bin Lord John Francis de Winter.”
Als Athos diesen Namen hörte, erstarrte er vor Schreck. John Francis de Winter..so hieß doch der Sohn von Mylady und dem verstorbenen Lord Francis de Winter.
Aber nein, sagte er sich, das kann nicht Myladys Sohn sein, es kann nicht sein, dass der kleine Lord de Winter als Straßenjunge in London ums Überleben kämpfen muss. Das hätte sein Onkel gewiss nicht zugelassen.
“Sag, mein Junge, wie alt bist du denn? Und deine Eltern..sind das Lord Francis de Winter und Charlotte de Winter?”
Der Junge nickte. “Ja, das sind meine Eltern. Woher kennt Ihr denn ihre Namen, Mylord Athos? Sie sind tot, sagt mein Onkel, aber Mutter hat mich lieb, sie wird heute noch zu mir kommen, ich werde heute vier Jahre alt, und sie kam immer an meinem Geburtstag. Ich weiss aber nicht, wie ich unser Schloss finden soll…sie wird sich bestimmt Sorgen um mich machen. Ich weiss nicht was tot sein bedeutet, der Priester sagt, dass meine Mutter jetzt bei Gott ist, aber sie kommt bestimmt wieder, weil sie mich so liebhat.”
“Warum bist du hier auf der Straße, John Francis, bist du fortgelaufen?”, wollte Athos wissen, dein Onkel wird sich gewiss schon Sorgen machen.”
“Nein, mein Onkel hasst mich!”, meinte der Junge und schüttelte traurig den Kopf, “er sagt, ich wäre ein Bastard, und er nicht mein Onkel. Er wollte meiner Amme Geld geben, damit sie sich um mich kümmert, aber dann hat er sie nicht bezahlt, und sie hat mich rausgeworfen. Ich bin jetzt schon ganz lange hier auf der Straße, und ich hab Angst. Ich mags nicht hier zu sein, besonders nachts nicht, wenns dunkel wird, und ich ganz alleine draußen bin.”

Athos war so tief berührt vom Leid des Jungen, dass ihm die Tränen kamen. Dieses arme Kind, es konnte doch nichts für die Sünden seiner Mutter. Hatte Lord Winter den Kleinen wirklich als Bastard beschimpft und die Amme nicht bezahlt? Ein so schäbiges, ehrloses Verhalten traute Athos dem Edelmann eigentlich nicht zu. Da musste ein Irrtum vorliegen, Lord Winter wusste bestimmt gar nicht, dass die Amme seinen kleinen Neffen auf die Straße gesetzt hatte, und gewiss hatte der Lord nur vergessen die Amme zu bezahlen, anders konnte es gar nicht sein. Wenn er den kleinen John Francis zu Lord Winter brachte, dann würde der Lord den Jungen bestimmt bei sich aufnehmen, und ihn wie einen eigenen Sohn großziehen.
Und irgendwie fühlte er sich für das traurige Schicksal des Jungen verantwortlich, denn wenn Mylady nicht hingerichtet worden wäre, hätte sie weiter die Amme bezahlt, und diese hätte den Kleinen niemals auf die Straße gesetzt.
“Du musst ab heute nicht mehr auf der Straße leben, mein Junge, ich werde dich zu deinem Onkel bringen, ich weiss wo er lebt. Was du brauchst ist eine richtige Familie, und soweit ich weiss, haben dein Onkel und deine Tante beide keinen eigenen Kinder und sind nicht verheiratet.”
Athos wusste, dass Lord Eugene de Winter alleinstehend war, und mit seiner ebenfalls unverheirateten älteren Schwester Laura auf Winters Manor, einem Schloss, das nur etwa fünfzehn Meilen von London entfernt lag, lebte.
John Francis fing an zu weinen.
“Mein Onkel will mich aber nicht haben, und Tante Laura kann mich auch nicht leiden, Mylord Athos. Die beiden hassen mich, sie sagen, ich wäre ein Bastard. Und der König hat gesagt, dass ich kein Lord mehr bin, und der Onkel das Schloss für sich alleine bekommt, er ist ja so gemein! Wenn ich mal groß bin, werde ich mich am König und meinem Onkel rächen!”
In diesem Moment funkelten die blassblauen Augen des gerade erst Vierjährigen so böse, dass Athos eisig kalte Schauder über den Rücken liefen, denn das erinnerte ihn so sehr an Mylady, in deren Augen auch immer diese eisige Kälte gelegen hatte. Aber er glaubte nicht, dass dieses Kind böse war wie seine Mutter, er führte John Francis Verhalten auf die zwei schlimmen Monate zurück, die der Kleine hungernd und frierend auf der Straße verbracht hatte, für das vorher so behütete Kind musste jeder Tag ein einziger Überlebenskampf gewesen sein.
“Rache ist nicht gut und macht dich auch nicht glücklicher”; wies Athos das Kind zurecht, “ein richtiger Edelmann greift niemals zu solchen Mitteln. Dein Onkel weiss gewiss nicht, dass du auf der Straße lebst und hungern und frieren muss, er glaubt bestimmt, du wärst noch bei deiner Amme. Du wirst sehen, er und deine Tante werden dich liebhaben, und dir ein schönes neues Zuhause geben.”
“Nein, sie hassen mich. Sie haben mit mir auf Winters Manor gelebt, aber ich musste immer oben bleiben, in den Gemächern, in denen die Amme mit mir gelebt hat. Und mein Onkel sagte immer, dass ich ja bei der Amme bleiben, und ihm nie unter die Augen kommen soll. Er mag mich nicht, er ist so gemein und böse!”
Athos wusste, dass Lord Eugene de Winter seine Schwägerin verabscheut hatte, doch er hätte es nie für möglich gehalten, dass sie diesen Abscheu auf das arme unschuldige Kind, ihren eigenen Neffen, übertrug. Der Musketier nahm sich vor, dass er mit dem Lord darüber sprechen, ihm klarmachen würde, dass der kleine John Francis doch nichts für die Sünden seiner Mutter konnte, und jemanden brauchte, der ihn mit seiner ganzen Liebe großzog, eine Bezugsperson, bei der er sich geborgen fühlen konnte.

“Du wirst sehen, dein Onkel und deine Tante sind gewiss nicht so böse und gemein wie du vielleicht denkst. Ihr drei müsst eben einander erst einmal richtig kennenlernen, dann wird er dich schon in sein Herz schließen. Es wird alles gut werden.”
“Also das glaube ich nicht”; meinte der Kleine und blickte ihn mit großen, traurigen Augen an, “der Onkel und die Tante haben mich nicht lieb, und die Amme hat mich auch nicht liebgehabt, nur Mutter, die hatte mich lieb, und ich vermisse sie so sehr. Pater Godwin hat mir gesagt, dass sie jetzt bei Gott ist…wo wohnt Gott denn? Könnt Ihr mich dahinbringen? Dann könnte ich bei meiner Mutter bleiben und müsste nicht zum Onkel.”
Als Athos das hörte, wurde ihm ganz weh ums Herz, und er gab sich die Schuld am Leid des kleinen John Francis. Nein, er konnte ihm die Mutter nicht wiedergeben, aber er wollte zumindest dafür sorgen, dass John Francis de Winter eine richtige Familie bekam.
In diesem Moment kam d´Artagnan zurück.
“So, ich hab den Mistkerl bei den Bütteln abgeliefert”; meinte er sichtlich zufrieden, “sagt, Athos, was sollen wir jetzt mit dem Jungen machen.”
“Es ist Myladys Sohn, wir werden ihn zu Lord Winter bringen”; erklärte der Musketier seinem Freund und erzählte ihm die ganze Geschichte.
“Also da muss ein Irrtum vorliegen, ich kann mir nicht vorstellen, dass Lord Winter seinen eigenen Neffen davonjagen würde. Wenn wir mit ihm reden, wird ihm bestimmt klar, wie dringend der kleine eine liebevolle Familie braucht. Der arme Junge..oh Mon Dieu..und wir sind Schuld..ach, ich wünschte, wir hätten es damals nicht getan, nicht über sie gerichtet.”, meinte ein sichtlich erschütterter d´Artagnan.
Und so beschlossen die beiden Freunde, den Auftrag der Königin auf den nächsten Tag zu verschieben, wenn alle durch das Weihnachtsfest abgelenkt sein würden, und gleich nach Winters Manor zu reiten, wo der Junge bis vor zwei Monaten zu Hause gewesen war.
John Francis war zu müde um zu protestieren, als die Männer ihn mitnahmen, und d´Artagnan ihn dann vor Athos auf den Sattel von dessen Araberhengst setzte, und es dauerte nicht lange, bis der Kleine eingeschlafen war.

Sie ritten fast ohne Pause, und es war schon später Abend und wurde dunkel, als sie endlich bei Winters Manor eintrafen, einem imposanten Schloss, das durchaus auch eines Königs würdig gewesen wäre, und inmitten von verschneiten Wiesen lag. Sie ritten durch eine lange Allee winterkahler Linden, die zum Gut führten, und Athos läutete an dem schmiedeisernen Tor des von hohen Mauern umgebenen Schlosses.
Als ein Diener in einer leuchtend roten Livree ans Tor kam und nach ihrem Begehr fragte, erklärte Athos ihm:
“Richtet Eurem Herrn aus, dass der Comte de La Fére und Charles Batz Castelmore comte d´Artagnan hier sind, zwei alte Freunde von ihm. Wir würden ihn gerne in einer wichtigen Angelegenheit sprechen.”
Der Diener verschwand, und wenig später kam er wieder und öffnete das Tor.
“Die Herrschaften mögen mir folgen, Lord Winter wird Euch gleich empfangen.”
Und dann führte der Diener sie die gepflegte Auffahrt entlang zum Gutshaus, sie gingen hinein, und er führte sie in einen großen Salon, in dem ein Feuer im Kamin gemächlich vor sich hinflackerte. Lord Winter saß in einem mit blauen Samt bezogenen Sessel, und befahl einem Diener, ihnen Wein und Sandwiches zu bringen.
Neben dem Lord saß in einem Sessel am Kamin eine ältjüngferlich aussehende Frau, die eine schwarze Haube und ein schwarzes Kleid trug, und verdriesslich dreinblickte, während sie sich einem Stickbild widmete. Der Ähnlichkeit nach zu urteilen musste das die Schwester des Lords sein.
Lord Eugene de Winter fragte sich, was diese beiden Musketiere wohl von ihm wollten. Obwohl sie und ihn ein dunkles Geheimnis verband, betrachtete er sie durchaus als gute Freunde. Doch als sie dann hereinkamen, und er Myladys schlafenden Sohn in Athos Armen entdeckte, blickte er verdrießlich drein. Er war davon überzeugt, dass dieses Kind nicht der Sohn seines Bruders war, da Mylady während ihrer Ehe mit vielen Männern angebandelt hatte, und John Francis keinem der de Winters ähnlich sah. Daher war er sogar erleichtert gewesen, als die Amme ihm gesagt hatte, der Junge sei davongelaufen. Er war davon überzeugt, dass in diesem Knaben das Böse bereits von Geburt an steckte, bei dieser Mutter konnte aus ihm kein guter Mensch werden. Und deswegen wollte er das Kind auch nicht in seinem Haus haben.
Er ließ sich seinen Unmut aber nicht anmerken, und begrüßte die beiden Männer freundlich, tat dann ganz verwundert, und fragte sie, wieso die Männer John Francis bei sich hätten.
“Lord Winter, wir haben Euren Neffen frierend und bettelnd auf einem Markt in London gefunden, wo wir ihn gerade noch rechtzeitig davor bewahren konnten, von einem kinderschändenden Priester betrunken gemacht und verschleppt zu werden. Der Junge sagte, er hätte bereits zwei Monate auf der Straße gelebt. Und er sagte, dass Ihr ihn hasst, und ihm gesagt hättet, Ihr wärt nicht sein Onkel. Stimmt das?”, wollte Athos wissen, während er den Lord nachdenklich anblickte.
“Der Junge ist nicht mein Neffe, Athos..wisst Ihr, Mylady hat meinen Bruder oft betrogen, ich habe sie sogar einmal dabei ertappt…dieser Junge ist nicht meines Bruders Sohn, er sieht keinem von uns de Winters ähnlich. Der König hat ihn mittlerweile zum Bastard erklärt, und nur aus reiner Barmherzigkeit habe ich mich bereiterklärt, die Amme weiterhin zu bezahlen, wozu ich nicht verpflichtet bin, da das Kind nicht mein Verwandter ist. Vor zwei Monaten ist der kleine Bankert fortgelaufen, und wie gesagt, das ist nicht mein Problem, weil ich mit dieser Brut des Bösen nichts zu schaffen haben will.”

Athos konnte nicht fassen, was er da gerade hören musste. Der kleine John Francis hatte sich die Ablehnung seines Onkels also keineswegs nur eingebildet. War es wirklich richtig gewesen, den Jungen hierher nach Winters Manor zu bringen? Konnte er hier überhaupt eine schöne Kindheit haben?
“Ihr solltet Euch schämen, Eugene…selbst wenn das Kind nicht Euer leiblicher Neffe wäre, könntet Ihr und Eure Schwester ihm dennoch ein liebevolles Zuhause geben, und ihm die Geborgenheit und Liebe geben, die ein Kind nun einmal braucht. Ihr seid beide nicht verheiratet und habt keine eigenen Kinder, und John Francis könnte dieses Haus mit Leben erfüllen. Und der arme Junge ist nicht fortgelaufen, die Amme hat ihn in London einfach ausgesetzt, weil Ihr sie nicht mehr bezahlt habt. Ich habe Euch für einen Ehrenmann gehalten, aber wie Ihr mit diesem Kind umgeht, das ist alles andere als ehrenhaft. Ich bitte Euch..der Kleine kann doch nichts für die Sünden seiner Mutter. Gebt im doch nicht die Schuld für die schlimmen Taten, die Mylady begangen hat, er ist nur ein unschuldiges Kind, das sich nach Liebe sehnt.”
Lord de Winters Augen funkelten eisig kalt, und er verzog missmutig das Gesicht.
Zunächst sagte er gar nichts, und seine bigotte Schwester ergriff das Wort.
“Noch mag er ein kleines unschuldiges Kind sein, aber in einigen Jahren wird das Böse in ihm zum Vorschein kommen, dann wird er wie seine Mutter ein brutaler Mörder und ein gottloser Sünder sein. Die Erbsünde, sie ist bereits in diesen Balg gefahren. Das einzige, was da vielleicht helfen kann, ist eine ordentliche Tracht Prügel jeden Tag. Nur dann kann man das Böse vielleicht aus ihm austreiben.”
“Laura hat Recht”; stimmte der Lord eifrig seiner Schwester zu, “bei einer solchen Mutter kann dieses Kind nur böse werden. Ich werde irgendwann gewiss heiraten und eigene Söhne haben, und dann müsste ich ständig fürchten, dass dieser kleine Teufel dort meinen Kindern etwas antut. Mylady hat meinen Bruder vergiftet, und sie war da gerade einmal einundzwanzig Jahre alt. Ich glaube auch, dass nur Prügel diesem Kind noch helfen können, auf den rechten Weg zu kommen. Das Böse, es steckt bereits in ihm, und außerdem sieht er Mylady so ähnlich..dieser böse, verschlagene Blick..mir graust vor dem Jungen..nein, ich möchte ihn nicht hierhaben, ich könnte Myladys Satansbrut niemals lieben. Aber weil ich barmherzig bin, werde ich ab jetzt eine Amme bezahlen, die ihn großzieht, und zwar nicht auf Winters Manor, sondern in dem Schloss in der Nähe von Porthsmonth, dort habe ich damals seine Mutter gefangengehalten, es wird auch für ihn der richtige Ort sein. Hauptsache, ich brauche ihn nicht um mich zu haben.”

Athos war zutiefst erschüttert von der Kaltblütigkeit des Lords. Mylady hatte seinen Bruder ermordet, und auch ihm nach dem Leben getrachtet, aber dafür konnte der kleine John Francis doch nichts. Der Musketier war sich sicher, dass der Junge hier niemals ein liebevolles Zuhause finden würde, die Herzen von John und Laura de Winter waren einfach zu erfüllt von dem Hass auf Mylady, und würden den Kleinen nur darunter leiden lassen. Und ein Leben mit einer Amme in einem trostlosen, einsam gelegenen Schloss am Meer war auch nicht das Richtige für einen vierjährigen Jungen. Wenn er Glück hatte, bekäme er eine liebevolle Amme, doch die meisten Ammen betrachteten ihre Zöglinge nur als Geldquelle und schenkten ihnen keine richtige Liebe. Eine ganze Weile sagte niemand etwas, und Athos betrachtete nachdenklich den abgemagerten, schlafenden Jungen in seinen Armen. Und in diesem Moment fasste er einen Entschluss. Er würde niemals wieder einer Frau vertrauen, sich nie wieder verlieben können, und folglich niemals eigene Kinder haben. Warum sollte er da nicht dem kleinen John Francis ein schönes, liebevolles Zuhause geben? Der Junge sah Mylady zwar sehr ähnlich, und würde ihn immer an seine Vergangenheit erinnern, aber Athos glaubte nicht, dass der Kleine so böse war wie seine Mutter, sondern dass eine liebevolle Erziehung ihn zu einem guten, ehrbaren Edelmann machen konnte. Er hatte sich immer nach eigenen Kindern gesehnt, und wenn John Francis auch nicht sein  leiblicher Sohn war, so würde er ihn dennoch lieben wie einen eigenen Sohn, schon jetzt empfand er ein Gefühl der Verbundenheit, wenn er das Kind ansah.
“Wenn Ihr gestattet, werde ich Euren Neffen nach Frankreich mitnehmen, und ihn an Sohnes statt annehmen.”
Lord Winter und seine altjüngferlich wirkende Schwester tauschten irritierte Blicke, dann trank der Lord einen großen Schluck Wein und meinte dann:
“Gut, nehmt den Kleinen ruhig mit, er ist nicht mein Neffe, ich habe nichts mit diesem Kind zu tun. Wenn Ihr ihn schon adoptieren wollt, dann könntet Ihr ihm doch auch Euren Namen geben, er könnte doch John Francis de La Fére heißen. Er ist kein de Winter, und auch wenn er nicht Euer leiblicher Sohn ist, so wurde er doch gezeugt und geboren, während Ihr noch mit Mylady verheiratet war. Die Ehe mit meinem Bruder ist ungültig, weil sie zu dem Zeitpunkt als sie geschlossen wurde, mit Euch verheiratet war. Somit könnte der Junge genausogut Euren Namen tragen.”
“Ja, er wird meinen Namen tragen”; erwiderte Athos, und irgendwann werdet Ihr sehen, dass er zu einem ehrbaren Edelmann herangewachsen ist, und dann wird es Euch gewiss leid tun, dass Ihr ihn nicht bei Euch aufgenommen habt. Kein Kind ist von Geburt an böse, der Junge braucht nur eine liebevolle Erziehung, ein richtiges zuhause, dann wird er sich gut entwickeln.”

Athos und d´Artagnan wollten nicht länger als nötig auf Winters Manor bleiben, und so brachen sie noch am selben Abend auf, kaum dass die Unterredung mit Lord Winter beendet war.
“Athos..habt Ihr Euch das auch wirklich gut überlegt?”, fragte der Gascogner den Freund, “es wäre nicht gut, wenn Ihr Myladys Sohn nur wegen Eurer Schuldgefühle bei Euch aufnehmt. Und der Kleine sieht ihr so ähnlich…belastet das Euch auch nicht zu sehr?”
“Ich wollte immer einen Sohn haben”, erwiderte Athos, “und John Francis wird mir wie ein leiblicher Sohn sein. Ihr wisst, dass ich niemals eigene Kinder haben werde, d´Artagnan, mein Freund, warum soll ich da nicht diesem Jungen die Geborgenheit eines schönen Zuhauses bieten? Ich tue das nicht wegen meiner Schuldgefühle, sondern weil mir der Kleine in den wenigen Stunden die wir ihn kennen schon richtig ans Herz gewachsen ist.”
“Aber Athos..wie wollt ihr ihm später die Geschichte mit seiner Mutter erklären? Diesen Jungen großzuziehen wird nicht so einfach wie Ihr glaubt.”
“Ich werde es ihm, wenn überhaupt, erst erzählen, wenn er erwachsen ist, und dann wird er alt genug sein, um zu verstehen, dass seine Mutter nicht die liebevolle Frau war, als die er sie kannte und noch andere Seiten hatte.”
Während sie durch die Winternacht zurück nach London ritten, wachte John Francis während einer kurzen Rast auf und blickte Athos und d´Artagnan verwundert an.
“Wo sind wir? Waren wir schon bei meinem Onkel?”
“Ja, wir waren dort”; erklärte Athos ihm, “und mir scheint, es wäre nicht das Richtige für dich, bei deinem Onkel und deiner Tante zu leben, die beiden sind zu verbittert. Wenn du möchtest, John Francis, dann könnte ich dich adoptieren, und du könntest bei mir in Frankreich leben. Ich würde versuchen, dir ein guter Vater zu sein.”
Verwundert blickte John Francis den Musketier an.
“Aber….Ihr kennt mich doch gar nicht…mein Onkel sagte immer, dass ich eine Brut des Bösen bin, die keiner haben will. Er sagt, dass ich später, wenn ich groß bin, ein Mörder und Giftmischer werde und auf dem Schafott ende.”
“Das ist Unsinn, John Francis. Es liegt alleine in deiner Hand, was du später aus deinem Leben machst. Du bist keine Brut des Bösen, sondern ein normaler kleiner Junge. Ich kenne dich erst ein paar Stunden, aber ich habe dich schon richtig gerne…und wenn du wirklich so wärst, wie dein Onkel sagt, dann wäre das gewiss nicht der Fall. Vergiss einfach die schlimmen Dinge, die er zu dir gesagt hat.”
“Ich würde gerne bei Euch bleiben, Mylord Athos. Ich danke Euch, dass Ihr mich mitnehmt, ich will auch immer ein braver Junge sein und alles machen was Ihr sagt.”, rief der Junge und fiel Athos stürmisch um den Hals.
“Du kannst mich Vater nennen wenn du möchtest”; erklärte Athos dem Jungen zutiefst gerührt, “und wenn du das nicht willst, kannst du gerne auch Athos zu mir sagen.”
“Dann nenne ich Euch Vater….ich wäre nämlich gerne Euer Sohn”; erwiderte der Junge und lächelte, während er seinen neuen Vater mit leuchtenden Augen betrachtete.
Am nächsten Tag, nachdem die Musketiere ihre Mission erfüllt hatten, feierten sie mit dem Jungen in einem Gasthaus in London Weihnachten, nachdem sie John Francis neu eingekleidet und mit ihm die Messe besucht hatten. Athos, für den Weihnachten seit Jahren ein trauriges Fest gewesen war, nahm die Feiertage zum ersten Mal seit Jahren wieder bewusst wahr, und genoss die Zeit mit John Francis. Mylady hatte ihm so vieles genommen, doch nun auch etwas so Kostbares gegeben, nun konnte er die Vergangenheit endlich hinter sich lassen.

20 Jahre später, 23. Dezember 1648

Es war Jean-Francois 24. Geburtstag, und an diesem Tag hatte Athos ihm endlich die Wahrheit über seine Ehe mit Mylady und deren fatalem Ende erzählt. In Frankreich war aus dem kleinen Lord John Francis de Winter der Vicomte Jean-Francois de La Fére geworden, denn Athos hatte den kleinen Jungen damals vor zwanzig Jahren offiziell adoptiert und ihm seinen Nachnamen gegeben, außerdem hatte John Francis seinen Namen, nachdem er sich in Frankreich eingelebt hatte, ins Französische übertragen.
Athos hatte mit Jean-Francois noch einige Jahre in Paris im Stadthaus der Comtes von La Fére gelebt, und weiter bei den Musketieren gedient, und es hatte gar nicht lange gedauert, bis der Junge für ihn wie ein leiblicher Sohn war, und er ihn abgöttisch liebte und ihm jeden Wunsch von den Augen ablas.
Dann, als Jean-Francois zehn Jahre alt gewesen war, hatte Athos ein weiteres Kind, den drei Monate alten Raoul bei sich aufgenommen, das Resultat einer Nacht, die er mit der Herzogin von Chevreuse in einer dunklen Klause verbracht hatte. Am Anfang hatte Athos befürchtet, dass Jean-Francois, der mehr als sechs Jahre mit ihm alleine gelebt hatte, eifersüchtig auf den kleinen Bruder sein könnte, aber der blonde Junge hatte seinen Bruder von Anfang an vergöttert, und bis heute waren die beiden unzertrennlich. Es hatte für Athos nie einen Unterschied gemacht, dass Raoul sein leiblicher Sohn war, er hatte beide Kinder immer gleich geliebt, und seitdem Raoul zu ihnen gekommen war, lebten die drei auf einem Gut, das Athos geerbt hatte, Bragélonne, das in der Nähe von Blois im Loiretal lag.
Doch heute, nach zwanzig Jahren, hatte Jean-Francois ihn gefragt, ob er ihm etwas über seine Mutter, an die er sich nur noch dunkel erinnern könne, sagen könnte. Bisher hatte Jean-Francois nur gewusst, dass er der erste Ehemann seiner Mutter gewesen war, und alles andere hatte Athos ihm verschiegen, doch an diesem Abend erzählte er dem jungen Mann alles, weil dieser unbedingt mehr wissen wollte, und keine Ruhe mehr gab. Athos hatte große Angst, dass sein Sohn ihn danach verachten würde und nichts mehr mit ihm zu tun haben sollte, und so fiel es ihm schwer, alles zu erzählen, aber dennoch tat er es, und endete mit den Worten:
“Ich könnte verstehen, wenn Ihr mich jetzt verachtet, was ich und meine Freunde damals taten, das war nicht Recht, wir hätten nicht über Eure Mutter richten dürfen, mein Sohn.”
Der junge Edelmann hörte bis zum Schluss schweigend zu, und erst als der Comte geendet hatte, blickte er Athos nachdenklich an, dann lächelte er und meinte schließlich:
“Vater, Ihr hättet Euch keine Sorgen zu machen brauchen…ich bin nicht wütend auf Euch. Ich kannte meine Mutter kaum, sie kam nur drei oder viermal im Jahr zu mir, ich kann mich kaum noch an sie erinnern. Und wenn sie diese Morde wirklich begangen hat, und meinen leiblichen Vater vergiftete, dann hat sie den Tod wirklich verdient, und ein Gericht hätte vielleicht anders entschieden, weil sie die Richter und Geschworenen becirct hätte. Ihr dagegen wart damals, als mein Onkel mich nicht haben wollte, für mich da und habt mich aufgenommen, mir ein richtiges Zuhause gegeben. Ihr werdet immer mein Vater sein, und ich liebe Euch. Was früher war, das ist Vergangenheit, und Ihr solltet Euch deswegen nicht länger Vorwürfe machen.”
Als er Athos dann umarmte, kamen dem Comte die Tränen, so tief berührt war er.
“Ich bin froh, dass Ihr das sagt, mein Sohn. Ich dachte wirklich, Ihr würdet Euch von mir abwenden, wenn Ihr die Wahrheit erfahrt. Ich bin wirklich froh, dass ich Euch damals mitgenommen habe, und Euer Vater geworden bin, es war die richtige Entscheidung.”
In diesem Moment kam der fünfzehnjährige Raoul herein, er hatte bereits seinen Mantel angezogen.
“Vater, darf ich noch kurz zu Louise hinüberfahren?”, fragte er, “sie hat mich heute mittag eingeladen, mit ihr und ihrer Familie zu Abend zu essen.”
“Natürlich, Raoul, geht nur, aber seid bitte pünktlich um zehn Uhr wieder hier”; meinte Athos, “und ladet Louise doch ein, morgen zu uns zu kommen und mit uns den Baum zu schmücken.”

Im Gegensatz zu Athos, der diese Freundschaft zwischen Raoul und der kleinen de La Valiére für harmlos hielt, und es sogar ganz süss fand, wie galant Raoul mit dem kleinen Mädchen umging, machte Jean-Francois sich Sorgen um seinen Bruder, weil er das Gefühl hatte, dass diese Freundschaft eines Tages böse enden konnte. Raoul sah das fast acht Jahre jüngere Mädchen bereits als seine künftige Ehefrau, während die kleine Louise es einfach nur genoss, dass der junge, gutaussehende Vicomte de Bragélonne ihr so viel Aufmerksamkeit widmete. Jean-Francois sagte sich, dass das eines Tages böse enden könnte, wenn die kleine Valiére erst einmal an den Königshof kam, und dann gewiss viele Verehrer haben würde, er fand, dass sein kleiner Bruder unbedingt mehr zeit mit gleichaltrigen Mädchen verbringen musste.
“Raoul, übermorgen besuche ich Marie de La Boissette…habt Ihr Lust, mich zu begleiten? Maries Schwester Christine kommt auch mit, und sie ist in Eurem Alter. Wir wollten zusammen Eislaufen gehen, das wird bestimmt lustig.”
“Ein anderes Mal gerne, Jean, aber übermorgen wollte ich eigentlich auch wieder zu Louise, sie wollte mit mir einen Schneemann bauen.”
“Ach, Raoul, bitte kommt doch mit uns, es wird bestimmt Spaß machen. Ihr seid doch so ein guter Eisläufer… und bestimmt könnt Ihr mir und den Schwestern Boissette noch so einiges beibringen. Louise könnt Ihr auch ein anderes Mal besuchen.”
“Also gut, Jean, aber nur weil Ihr es seid”; erwiderte Raoul, “dann sage ich Louise eben für übermorgen ab. Jetzt muss ich aber los, ich wünsche Euch noch einen schönen Abend…und Euch natürlich auch, Vater.”
Er winkte noch einmal, dann war er veschwunden, und Athos und Jean-Francois blickten ihm lächelnd nach.
Der junge Mann war erleichtert und hoffte insgeheim, dass Raoul Gefallen an der vierzehnjährigen  Christine Boissette, die genau wie er eine richtig verträumte Romantikerin war, finden würde. Er war der Meinung, dass die Freundschaft zwischen Louise und seinem Bruder besser nicht allzu sehr vertieft werden sollte, eine innere Stimme sagte ihm, dass das einfach kein gutes Ende nehmen konnte.  
“Vater, habt Ihr Lust, mit nach draußen zu kommen?”; fragte Jean-Francois schließlich, “das Wetter ist perfekt für eine Schneeballschlacht.”
Lachend sprang Athos auf. “Also gut…gehen wir..Ihr werdet sehen, dass ich noch immer unschlagbar bin, mein Sohn.”
Und so liefen Vater und Sohn lachend hinaus, während es draußen wieder zu schneien begann. 


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