Was im Winter geschah

1. Das Mädchen mit den Stickdeckchen

23. Dezember 1634

Es war das erste Mal seit Jahren, dass Athos sich wieder auf Weihnachten freute. Bisher hatte er die Feiertage meist hinter einem Schleier der Trunkenheit verbracht, denn nur betrunken hatte er das Fest ertragen können. Das letzte Weihnachtsfest, an dem er so richtig glücklich gewesen war, war jenes gewesen, das er mit Mylady gefeiert hatte, ihr erstes und gleichzeitig ihr letztes gemeinsames Weihnachten. Die Liebe zu ihr, die für ihn so wunderschön begonnen, und dann mit einer bitteren Enttäuschung geendet hatte, hatte sein Herz, ja sogar sein ganzes Leben vergiftet, und er hatte geglaubt, nie wieder glücklich sein zu können. Doch in diesem Jahr hatte sich sein ganzes Leben verändert, denn er war jetzt Vater, ein Wunder, das er nach der Sache mit Mylady eigentlich für unmöglich gehalten hatte. Doch nun hatte er tatsächlich einen kleinen Sohn, Raoul, der jetzt ein halbes Jahr alt war.
Letztes Jahr, im September, hatte er wegen eines Unwetters in einer kleinen Klause übernachten müssen, die von einem jungen Mönch bewohnt wurde, und da hatte in der Dunkelheit auf einmal eine junge Frau neben ihm im Bett gelegen. Zunächst war er völlig überrumpelt gewesen, und hatte sofort aus dem Bett springen wollen, das ihm der Priester für diese Nacht überlassen hatte, weil er die Nacht am Bett eines Sterbenden im Nachbardorf verbrachte um diesem die letzte Ölung zu geben. Aber dann hatte Athos, der jahrelang wie ein Mönch abstinent gelebt hatte, nicht widerstehen können, als sie sich einfach an ihn geschmiegt, und mit ihren zarten Händen seinen Körper zu erkunden begonnen hatte, war seine Lust, die er seit der leidigen Geschichte mit Mylady unterdrückt hatte, entfacht worden, und er hatte sich einfach fallen lassen und diese Nacht mit allen Sinnen genossen. Als er dann am Morgen aufgewacht war und aus dem Fenster geschaut hatte, hatte er gesehen, wie die verschleierte Frau und ihre Zofe fortritten, und als er in der Zofe Kitty erkannt hatte, war ihm klar geworden, dass die Frau, mit der er diese lustvolle, leidenschaftliche Nacht verbracht hatte, Madame de Chevreuse gewesen war.
Ein Jahr später, vor genau drei Monaten, hatte es der Zufall gewollt, dass ein Unwetter ihn dazu trieb, erneut in genau jener Klause Unterschlupf für eine Nacht zu suchen. Kaum war er drinnen, da hatte ihn der Mönch vielsagend angeblickt, ihm einen schlafenden, erst drei Monate alten Säugling in die Arme gedrückt, und ihm gesagt, dass jene Dame, mit der er vor einem Jahr die Nacht dort verbracht habe, das Kind vor drei Monaten bei ihm abgegeben habe, in dem Glauben, er sei der Vater. Die Chevreuse hatte im Dunkeln nicht erkannt, dass es Athos war, mit dem sie da die Nacht verbracht hatte, und geglaubt, dass eben jener Priester der Vater wäre, und ihn gebeten, sich um den Kleinen zu kümmern, da sie ins Exil ins Ausland gehen müsste.
Athos war völlig überrumpelt gewesen, als er auf einmal den Säugling in den Armen hielt, und genau in diesem Moment hatte der Kleine die Augen geöffnet, und Athos war völlig überwältigt gewesen, denn der Junge hatte die Augen seines Vaters Raoul. Damit war für ihn die Sache klar gewesen, und er hatte den Jungen mitgenommen und ihm den Namen seines Vaters gegeben. Weil er befürchtete, dass der Junge später von den Kindern anderer Adelsfamilien als Bastard beschimpft werden könnte, gab er Raoul einfach als adoptiertes Findelkind aus und verlieh ihm den Titel seines vor kurzem verstorbenen Onkels, des Vicomte de Bragélonne.
Mittlerweile war Raoul sein Ein und Alles, er liebte den kleinen Jungen abgöttisch. Seitdem er den Kleinen bei sich hatte, hatte er nicht einen Tropfen Alkohol getrunken, und er spürte, wie die Schatten der Vergangenheit, die ihn so lange gequält hatten, allmählich verschwanden. Seinen Dienst bei den Musketieren hatte er gekündigt, und war mit seinem Sohn auf sein Gut ins Loiretal zurückgekehrt, und so war aus Athos dem verbitterten Musketier wieder der Graf de La Fére geworden.

Obwohl Raoul noch zu klein war um etwas davon mitzubekommen, wollte er in diesem Jahr zum ersten Mal seit dreizehn Jahren wieder ein richtiges Weihnachtsfest feiern, mit Christbaum, Festmahl und allem was dazugehörte. Und so war er an diesem Tag mit seinem Diener Grimaud nach Orléans gefahren, um Geschenke für den Kleinen zu kaufen. Danach, dass der erst ein halbes Jahr alte Säugling mit Geschenken noch gar nichts anfangen konnte, dachte er in diesem Moment nicht nach, er wollte dem Jungen einfach eine Freude machen, und ihm ein Kuscheltier, oder etwas Ähnliches, was einem kleinen Kind gefallen könnte, kaufen. Auf der Fahrt in die Stadt unterhielt er sich angeregt mit seinem Diener, dem die neue Redseligkeit seines vorher so schweigsamen Herrn noch immer nicht geheuer war. Jahrelang hatte er Grimaud meist nur mit Handzeichen Befehle und Anweisungen erteilt, nur selten das Wort an ihn gerichtet und ihm das Sprechen meistens verboten. Doch seitdem Raoul in sein Leben getreten war hatte Athos sich verändert, war offener und fröhlicher, und auch gesprächiger gewesen. Grimaud gefiel es zwar sehr, wie sein Herr sich entwickelte, doch noch wagte der Diener dennoch kaum zu sprechen, musste sich erst daran gewöhnen, dass ihm das nun gestattet war. Zuhause auf Bragélonne passte derweil Grimauds Vetter Jaques, neben Grimaud einer der zuverlässigsten Diener des Grafen, auf den kleinen Raoul auf. Gefüttert wurde der Kleine mit Ziegenmilch, die er erstaunlich gut vertrug, und meistens machte Athos das selbst, selbst das Windelnwechseln übernahm der Graf persönlich, was bei seinen Dienern häufig für Kopfschütteln sorgte, denn es war nicht üblich, dass ein Mann sich so intensiv um sein Kind kümmerte, normalerweise war das Aufgabe der Bediensteten.

An diesem Tag war es schneidend kalt und es schneite. Als sie in Orléans ankamen, stellten sie fest, dass die Stadt überfüllt war. Auf dem Marktplatz hatten trotz des schlechten Wetters viele Händler ihre Stände aufgebaut, denn kurz vor Weihnachten konnten sie hier so gute Geschäfte machen, wie sonst das ganze Jahr nicht. Unzählige Mägde und Knechte, allesamt in schlichte graue oder braune Mäntel aus grobem Leinenstoff oder Wolle gehüllt, kauften für die Festessen ihrer Herrschaft ein oder suchten nach einem besonders schönen Christbaum, denn an diesem Tag wurden auch frisch geschlagene Tannenbäume aus den umliegenden Wäldern auf dem Markt angeboten.  Eine Gruppe Mönche schlenderte über den Markt, sie hatten die Körbe voller Kapaune und Früchtebrot, denn auch in den Klöstern gönnte man sich nach der langen Fastenzeit im Advent gerne ein üppiges Festmahl.
Das Angebot auf dem Markt war so vielfältig, dass Athos gar nicht wusste, wohin er sich zuerst wenden sollte. Der Geruch von Brathühnchen, Fleischpasteten und Kräutern vermischte sich mit dem Duft exotischer Gewürze und Glühwein, von einer anderen Ecke zog der Geruch frisch geschlagener Tannen und Leder herüber. Mehrere Gendarme patroullierten, sie hatten alle Hände voll damit zu tun, über Qualität und Preis der Ware streitende Störenfriede voneinander zu trennen. Zwischendurch erklangen immer wieder Aufschreie wie “Haltet den Dieb!” oder “Ergreift diese windigen Schwindler!” Hin und wieder sah man den einen oder anderen Langfinger, der sich flink wie ein Wiesel zwischen den Marktbuden durchschlängelte, um den ihn verfolgenden Gendarmen zu entkommen.
Zum ersten Mal seit Jahren konnte Athos wieder Freude an den schönen Dingen des Lebens haben, und sich einfach treiben lassen, um das bunte Marktgeschehen zu genießen. Als ein paar Kinder eines jener neumodischen, feierlich klingenden Weihnachtslieder anstimmten, schenkte er jedem Kind einen Sou bevor er weiterging. Dann schickte er Grimaud los, um einen schönen Christbaum auszusuchen, während er selbst Ausschau nach einem Geschenk für den kleinen Raoul halten wollte.

Genau in diesem Moment fiel ihm ein blondes Mädchen auf, das in Holzschuhen, die ihr viel zu groß waren, durch den matschigen Schnee über den Markt stakste, und gerade einen vorbeigehenden Edelmann ansprach. Die Kleine, die kaum älter als zwölf oder dreizehn sein konnte, trug ein graues Kleidchen aus grobem Leinenstoff, und zum Schutz gegen die Kälte hatte sie sich eine löchrige Wolldecke um die schmalen Schultern gelegt.
“Monsieur? Wollt Ihr ein Stickdeckchen kaufen?”, fragte sie den Mann, und hielt ihm ein kleines, bunt besticktes Deckchen hin, “das wäre doch ein schönes Geschenk für Eure Frau, Tochter, Nichte oder Schwägerin. Ich habe es selbst gestickt.”
“Ich möchte aber kein Deckchen kaufen!”; fuhr der Edelmann das Kind gereizt an, “und jetzt sieh zu dass du verschwindest!”
So schnell wollte die Kleine nicht aufgeben. “Bitte, Monsieur, überlegt es Euch doch, ich gebe Euch auch zwei zum Preis von einem!”
“Ich habe nein gesagt, hast du mich nicht verstanden, Bettelbalg?”; raunzte der Mann und stieß das Mädchen grob zur Seite, bevor er seiner Wege ging, und in der dichten Menschenmenge verschwand.
Das Mädchen geriet durch den groben Stoß ins Straucheln und fiel hin, dabei glitten ihr die Stickdeckchen aus den Händen und fielen in den Schneematsch. Als die Kleine das sah, fing sie an zu weinen.
Athos war wütend und traurig, als er sah, wie dieser Edelmann mit dem kleinen Mädchen, das ganz offensichtlich große Not litt, umgegangen war, und hätte ihn am liebsten verfolgt und zur Rede gestellt. Aber dafür war jetzt keine Zeit, er hielt es für wichtiger, sich um das Mädchen zu kümmern, das noch immer im matschigen Schnee kauerte und bitterlich weinte. Mehrere Menschen gingen an ihr vorbei ohne ihr große Beachtung zu schenken, und so eilte Athos rasch zu ihr und reichte ihr die Hand.
“Komm, ich helfe dir auf, Kleines. Bist du verletzt?”
Das Mädchen hob den Kopf und blickte ihn aus azurblauen, tränenverschmierten Augen verwundert an. Anscheinend erlebte sie es nicht allzu oft, dass jemand so freundlich zu ihr war, dachte er traurig.
“Danke, Monsieur”; flüsterte das Kind zaghaft und ließ sich, noch immer leise schniefend, von ihm beim Aufstehen helfen. Sie hatte ein blasses, schmales Gesichtchen, das durch die tiefen Ringe unter den traurig wirkenden Augen und den eingefallenen Wagen viel älter wirkte, als es eigentlich war. Die Kleine war sehr dünn, man sah ihr an, dass sie sich wohl niemals richtig satt essen konnte.
“Wollt Ihr ein Deckchen kaufen, Monsieur?”; fragte sie und blickte ihn hoffnungsvoll an, “ich weiss, sie sind schmutzig, aber ich kann sie für Euch im Fluss waschen, und wenn sie dann trocken sind, sind sie wieder wie neu, und Ihr könnt sie Eurer Frau oder Eurer Tochter, oder Eurer Mutter zum Christfest schenken.”
Athos war tief berührt von der Not dieses kleinen Mädchens, und als Ehrenmann war es für ihn natürlich selbstverständlich ihr zu helfen.
Er zog seinen Mantel aus, und legte ihn ihr behutsam um die Schultern.
“Wie heisst du denn, Kleines?”; fragte er und musterte sie nachdenklich, “mein Name ist übrigens Oliviér.”
Seinen Grafentitel nannte er nicht, denn er war sich sicher, dass er das Straßenkind damit nur einschüchtern würde.
“Mein Name ist Janis, Monsieur”; sagte sie, “ihr seid wirklich nett für einen Edelmann, die meisten von denen sind nämlich gar nicht edel, und schubsen mich immer weg oder schlagen mich, wenn ich ihnen meine Deckchen verkaufen will.”
“Wo sind denn deine Eltern?”; fragte er sie, denn er vermutete, dass sie eines jener bedauernswerten Waisenkinder sein könnte, die sich alleine auf der Straße durchschlagen mussten.
“Einen Vater habe ich nicht. Meine Mutter ist bei uns zuhause. Sie liegt im Bett, und sie wollte eigentlich nicht, dass ich bei der Kälte rausgehe und Deckchen verkaufe, aber ich muss ja, weil ich uns sonst keinen Arzt holen kann. Mutter ist sehr krank, sie hustet jetzt öfters Blut, und ich brauch Geld für den Arzt, denn der sagte mir, dass er sie nicht behandeln wird, wenn ich ihn nicht bezahlen kann.”
Als Athos das hörte, kamen ihm beinahe die Tränen. Wie viel Leid hatte dieses kleine Mädchen in seinem kurzen Leben schon ertragen müssen, und was würde sie noch alles zu erdulden haben?
Arme Kleine…er wusste, dass Menschen, die Blut husteten, meist dem Tode geweiht waren. Er musste diesem Mädchen unbedingt helfen, das war nun wichtiger als das Einkaufen von Weihnachtsgeschenken.
“Janis, kannst du mich zu dem Arzt bringen? Ich gebe dir das Geld, damit er deine Mutter behandeln kann.”
Janis blickte ihn überrascht an. “Oh wirklich, Monsieur? Das würdet Ihr tun? Aber..ich kann Euch außer den Deckchen nichts dafür geben.”
“Ich will nichts dafür!”; erwiderte er und nahm sie bei der Hand, “betrachte es einfach als Weihnachtsgeschenk.”
“Aber…Mutter sagt immer, dass ich nicht mit Fremden mitgehen soll”; meinte sie und blickte ihn unsicher an, “sie sagt, dass das sehr gefährlich ist, weil die dann mit mir vielleicht Dinge tun wollen, die ich gar nicht möchte.”
“Da hat deine Mutter schon Recht”; erwiderte er, “aber wir gehen ja mit dem Arzt zusammen zu dir nach Hause, da kann dir gar nichts passieren. Und ich werde alles tun, um dir und deiner Mutter zu helfen.”
Die Sorge um ihre Mutter schien über ihre Bedenken zu überwiegen, denn sie nickte zustimmend.
“Gut, gehen wir, Monsieur. Der Arzt wohnt nur eine Straße weiter, in der Nähe der Kathedrale.”

Und so gingen sie zum Haus des Arztes, und dieser erklärte sich sofort bereit mitzukommen, als Athos ihm seine gut gefüllte Geldbörse zeigte. Das Mädchen führte ihn und den Arzt in eine der ärmlichsten Straßen der Stadt. Die Straße war nicht gepflastert, und die Behausungen der Armen bestanden aus provisorisch zusammengebauten dünnen Holzbrettern. Glasfenster gab es keine, das konnten die Leute hier sich nicht leisten, die meisten verhängten ihre kleinen Fenster mit Wolldecken oder Tierhäuten.
Bei manchen dieser Behausungen bestand die Tür nur aus einer Wolldecke, die man einfach über den Eingang gehängt hatte. Die Menschen, denen sie hier über den Weg liefen, waren fast alle so mager wie das Mädchen, und die meisten sahen krank aus. Fast niemand der hier lebte wurde älter als dreißig oder vierzig Jahre. Athos taten die Menschen so leid, dass er jedem, den sie trafen, eine Münze zusteckte, und es machte ihn traurig, nicht noch mehr für sie tun zu können.
Das Mädchen ging zu einer der Hütten und zog ihn mit sich. “Da wohnen wir..”
Auch hier ersetzte eine Decke die Tür. Athos folgte der Kleinen hinein in die winzige Hütte, die wie alle Behausungen hier aus provisorisch zusammengenagelten Brettern bestand. Die meisten dieser Behausungen hielten nicht länger als ein oder zwei Jahre, bevor sie einfach in sich zusammenfielen. Drinnen war es so dunkel, dass man kaum die Hand vor Augen sehen konnte, denn das einzige Fenster der Hütte war mit einer Tierhaut verhängt, die vor der schneidenden Kälte schützen sollte.
Die Hütte war sehr klein und bestand nur aus einem Raum, in dem es außer einem Tisch, zwei Stühlen und zwei mit Stroh gefüllten Säcken die als Schlafplatz dienten, keinerlei Mobiliar gab. Es war eisig kalt in dem Raum, weil es keine Feuerstelle gab.
“Mutter, ich bin wieder da. Ich habe den Arzt mitgebracht, er wird dich wieder gesund machen, und dann wird alles gut”; sagte das Mädchen, ließ Athos Hand los und ging hinüber zu einem der Strohsäcke, auf dem eine Frau lag, setzte sich zu ihr, und strich ihr liebevoll durchs Haar.
“Aber Kleines, du weisst doch, dass wir für den Arzt kein Geld haben, und er behandelt doch niemanden, der ihn nicht bezahlen kann”, ertönte eine schwache, krächzend klingende Stimme vom Strohsack her.
Als Athos näher an das Krankenlager von Janis Mutter heranging, stieg ihm ein unangenehmer Gestank in die Nase, der Geruch von langer Krankheit und nahendem Tod. Es war so dunkel in der Hütte, dass er die Umrisse des ausgemergelten Körpers der Frau nur vage erkennen konnte.
“Ich habe Eure Tochter auf dem Marktpatz getroffen”; erklärte er der Kranken, “sie tat mir so leid, dass ich ihr versprochen habe, den Arzt für Euch zu bezahlen.”
“Das könnt Ihr Euch sparen, Monsieur, ich huste bereits seit mehreren Tagen Blut. Ich werde sterben müssen, das ist gewiss. Und ich fürchte mich davor, obwohl es nicht das erste Mal ist, dass ich dem Tod ins Auge blicken muss. Wenn Ihr mir helfen wollt, dann bringt bitte meine Janis in ein Kloster oder nehmt sie als Magd in Euren Haushalt auf. Wenn ich weiss, dass meine Kleine gut versorgt ist, kann ich zumindest in Frieden sterben. Wenn sie hierbleiben muss, dann hat sie keine Zukunft.”
Das Sprechen bereitete der Frau große Mühe, und sie musste mehrmals unterbrechen um zu husten.
“Gibt es denn keine Verwandten? Ist der Vater der Kleinen tot?”; erkundigte er sich.
“Nein, es gibt niemanden mehr”, erwiderte sie traurig, “ich habe die letzten fünf Jahre alleine für Janis gesorgt, und seitdem ich krank wurde, hat sie sich um mich gekümmert, doch dazu ist sie noch viel zu klein. Im Februar wird sie erst zwölf, in dem Alter sollte ein Kind eigentlich noch nicht so viel Leid kennengelernt haben.”
“Ich werde für Eure Tochter einen Platz finden, und bis dahin kann sie erst einmal auf meinem Gut bleiben”; versprach Athos, “und auch Euch nehmen wir mit dorthin, denn Ihr solltet nicht hier in dieser eisig kalten, zugigen Hütte bleiben.”
Er brachte es einfach nicht übers Herz, die todkranke Frau und ihre Tochter hier zurückzulassen.
“Ich danke Euch, Monsieur”; brachte die Frau mit schwacher Stimme mühsam hervor, “Ihr seid wirklich zu gütig.”

Der Arzt entfernte die Tierhaut vom Fenster, weil er Licht brauchte, um die Kranke zu untersuchen, und als die Tierhaut fort war, und helles Tageslicht in den kleinen Raum drang, konnte Athos mit einem Mal das Gesicht der Fremden erkennen, und bei dem Anblick erschrak er zutiefst. Auf einmal sah er sich wieder mit seiner Vergangenheit, die er nach Raouls Geburt eigentlich überwunden zu haben glaubte, konfrontiert. Fassungslos starrte er die Todkranke an. Wie konnte das sein, dass sie hier war, dass sie lebte? Er hatte doch mit eigenen Augen vom anderen Ufer der Lys her beobachtet, wie der Henker von Lille ihr den Kopf abgeschlagen hatte.
Myladys tief in den Höhlen liegende Augen weiteten sich vor Schreck, und er hörte das laute Rasseln ihrer Lungen, als sie vor lauter Angst hektisch zu atmen begann.
“Der Comte de La Fére..”
Sie reagierte beinahe genauso panisch wie damals, bei ihrer Begegnung im Wirtshaus zum roten Taubenschlag, nur mit dem Unterschied, dass sie diesmal im Sterben lag. Die wachsbleiche Haut, die blau angelaufenen Lippen, das laute Rasseln, das ihren Lungen bei jedem Atemzug entwich, das Blut an ihren Lippen, das von ihrem letzten Hustenanfall stammte, all das deutete auf den nahenden Tod hin, das neue Jahr würde sie auf jeden Fall nicht mehr erleben.
In Athos Innerem brodelte es heftig, die alte Wut kam wieder in ihm hoch, wenn er daran dachte, dass diese Frau seines, und später auch d´Artagnans Leben zerstört hatte, indem sie d´Artagnans große Liebe Constance getötet hatte.
“Ja, ich bin es”; erwiderte er mit eisig kalter Stimme, “und es scheint fast so, als ob die Hölle Euch erneut zum Leben erweckt hätte. Euer Gesicht hat sich sehr verändert, doch die Hölle hat gewiss weder den Schmutz von Eurer Seele, noch das Brandmal von Eurer Schulter abwaschen können.”
Janis, die noch immer an Myladys Bett saß, blickte ängstlich zu ihm auf, und von da an beherrschte er sich, dem Kind zuliebe.
“Selbst Henker sind nicht unbestechlich, und ich versprach dem Henker von Lille mein ganzes Vermögen, wenn er mich am Leben ließe. So sehr er seinen Bruder auch geliebt haben mochte, und mich wegen dessen Tod hasste, als Henker war er immer ein Geächteter und mit dem Geld bot sich ihm die einmalige Gelegenheit, anderswo neu anzufangen. Die Hinrichtung war nur gespielt, ich verbarg mich in dem dichten Gebüsch, bis ihr alle fort wart. Ins Wasser geworfen hat er einen Sack mit Steinen, für euch sollte es so aussehen, als ob meine Leiche in dem Sack wäre”; brachte sie mühsam hervor, das Sprechen fiel ihr schon sehr schwer, “ich hatte dem Henker in derselben Nacht eine Vollmacht gegeben, und ließ ihn ziehen, plante jedoch, ihn später in einem Hinterhalt übefallen und töten zu lassen. Leider schlug mein Plan fehl, und er holte sich mit dieser Vollmacht mein ganzes Vermögen. Da ich als tot galt, konnte ich den Kardinal nicht um Hilfe bitten, nicht mehr in seine Dienste treten. Und so wagte ich mich in Verkleidung nach England, um zu versuchen, dort wenigstens einen Teil meines Erbes an mich bringen zu können, doch Lord de Winter hatte meinen kleinen Sohn Mordaunt enterben lassen und davongejagt, ich weiss bis heute nicht, wo der Kleine ist. Dabei ist er Lord de Winters leiblicher Sohn gewesen. Das fand ich heraus, als ich mich in Lord Winters Haus schlich und seine Unterlagen durchwühlte, und so erfuhr ich auch, dass er meine Tochter in ein Kloster gesteckt hatte. Ich holte Janis dort heraus, und zog mit ihr durch Frankreich, versuchte wieder an Geld zu kommen, doch leider schien das Pech mich von da an zu verfolgen und wir gerieten rasch in die Armut, und so verschlug es Janis und mich hierher.”

Nachdenklich blickte Athos zu dem Mädchen, das leise schniefte und ihn verstört anblickte. Sie verstand vermutlich nicht, was da gerade vorging, und wieso der ihr vorhin so freundlich erscheinende Fremde nun ihrer Mutter gegenüber einen so harten Ton anschlug,sie anscheinend von früher her kannte.
“Janis, könntest du kurz mit dem Arzt hinausgehen? Ich will nur kurz mit deiner Mutter alleine reden”; bat er das Kind freundlich.
“Nein, ich bleibe bei ihr, Monsieur, ich will nicht gehen!”; erwiderte sie leise schluchzend.
“Kleines, geh ruhig hinaus, ich muss unbedingt alleine mit dem Mann reden”; brachte Mylady röchelnd hervor, “ich rufe dich dann gleich wieder herein.”
Janis stand seufzend auf, küsste sie ganz behutsam auf die Wange, sagte “Ich hab dich lieb, Mutter”, und verließ die kleine Hütte, gefolgt von dem Arzt.
Athos kam gleich zur Sache und brachte das zur Sprache, was ihn nach dieser für ihn so verstörenden Begegnung am meisten bewegte.
“Ihr habt eben gesagt, dass Janis im nächsten Februar zwölf wird. Ist sie..”
“Ja, sie ist Eure Tochter”; erwiderte sie und hustete erneut, “als Ihr die Lilie auf meiner Schulter entdeckt habt, war ich im zweiten Monat schwanger.”
“Janis könnte auch die Tochter des Pfarrers sein, den Ihr als Euren Bruder ausgegeben habt”; meinte Athos gereizt, “ich bin sicher, dass Ihr Euch mit ihm während unserer Ehe immer noch heimlich getroffen habt.”
“Ich habe Euch niemals betrogen, Comte. Und Janis hat in der Nähe des Bauchnabels das gleiche sichelförmige Muttermal wie Ihr. Sie ist Eure Tochter.”
Er fühlte sich mit der Situation völlig überfordert. Eigentlich hatte er die Vergangeheit einfach nur hinter sich lassen wollen, doch nun wurde er aufs Neue damit konfrontiert. Ja, die kleine Janis könnte durchaus seine Tochter sein, diese Tatsache ließ sich nicht einfach so verdrängen.
“Ich..ich hatte Angst, die Kleine zu Euch zu schicken, weil ich befürchtete, Ihr würdet sie dann immer für meine Fehler verantwortlich machen, und sie niemals lieben können. Zudem wollte ich einem Mann, der seine eigene Frau aufgehangen hat, nicht einfach mein Kind anvertrauen”, sagte Mylady und hustete einen Brocken mit Blut durchsetztem Schleim aus, “Ihr mögt es mir gewiss nicht glauben, Comte, aber ich liebe Janis über alles, und will nicht, dass ihr ein Leid geschieht. Durch sie habe ich mich verändert, erst durch sie lernte ich, dass es im Leben wichtigere Dinge als Macht und Geld gibt. Und heute bereue ich zutiefst, was ich Constance, Buckingham und Lord Winter und Euch angetan habe. Ich war nicht ehrlich zu Euch, habe nur mit Euren Gefühlen gespielt.”
Erneut hielt sie inne, weil ihr Körper von einem weiteren Hustenanfall geschüttelt wurde, dann sprach sie mit zunehmend schwächerer Stimme weiter.
“Ich verstehe den Groll, den Ihr gegen mich hegt, Comte, und ich erwarte nicht, dass Ihr mir vergebt. Ich flehe Euch an, bitte lasst nicht zu, dass Janis weiter auf der Straße leben muss. Straßenmädchen ohne Eltern werden hier als Freiwild betrachtet, sie würde nicht lange überleben. Bitte, nehmt sie mit. Ich weiß, ich habe nicht das Recht, Euch um etwas zu bitten, aber sie ist Eure Tochter. Und ich spüre dass der Tod naht, mein ganzer Körper fühlt sich eisig kalt an, ich spüre meine Beine nicht mehr. Es kann jetzt nicht mehr lange dauern, bis es vorbei ist. Mir graut bei dem Gedanken, sie völlig hilf-und wehrlos hier zurücklassen zu müssen, ohne jemanden, der sich um sie kümmert, ihr die Liebe gibt, die sie verdient.”

Unsicher blickte Athos die Schwerkranke an. Konnte es wirklich sein, dass sie sich so sehr verändert hatte in diesen sechs Jahren, oder spielte sie ihm wieder einmal nur etwas vor? War es wirklich möglich, dass diese Frau, die er für völlig gefühlskalt und skrupellos hielt, ihr Kind über alles liebte?
Er hegte noch immer einen großen Groll gegen sie, weil sie sein Vertrauen missbraucht, sein Leben und seinen Glauben an die Liebe zerstört hatte. Erst jetzt, nach so vielen Jahren, begannen seine seelischen Wunden durch den kleinen Raoul allmählich zu heilen. Nun lag sie im Sterben, und er fühlte sich hilflos, weil er nicht wusste, wie er sich ihr gegenüber verhalten sollte. Athos liebte Kinder über alles, und nachdem ihm klar geworden war, dass Raoul sein Sohn war, hatte er nicht einen Moment gezögert und den Säugling mitgenommen. Aber Janis..würde er sie genauso lieben können wie Raoul? Oder würde er in ihr immer nur Myladys Fleisch und Blut sehen können?
Erneut musste sie husten, und dabei kam zusammen mit dem Schleim wieder Blut hoch.
“Holt Janis, dann zeige ich es Euch, Comte”; brachte sie schliesslich mit schwacher Stimme hervor und deutete zum Ausgang der Hütte.
Athos rief nach der Kleinen, und kurz darauf kam Janis herein, blickte ihn ängstlich an, dann ging sie zu Mylady und nahm ihre Hand.
“Janis, Kleines, bitte zeig dem Comte das Mal an deinem Bauch”, forderte sie das Mädchen auf, “es ist wirklich wichtig, dass er das sieht.”
Als Janis gehorchte und ihr Leinenkleid aufknöpfte, sah er das sichelförmige Muttermal beim Bauchnabel, dasselbe das er auch hatte, und damit stand fest, dass Janis tatsächlich seine Tochter war. Wieso war ihm vorher nicht aufgefallen, wie ähnlich das Kind Mylady sah? Sie hatte ihre blauen Augen, ihre hellblonden Haare, ihre blasse Haut, ihr engelsgleiches Gesicht. Er vermutete, dass ihm diese Ähnlichkeit nicht gleich ins Auge gefallen war, weil ihre Augen tief in den Höhlen lagen, das Gesichtchen mit Schmutz bedeckt, die Wangenknochen eingefallen, die hellblonden Haare mit Schmutz und Fett bedeckt waren.
Das intelligente Mädchen begriff sofort, warum der Fremde das Muttermal sehen wollte.
“Mutter hat gesagt, mein Vater hätte auch so eines am Buch. Seid Ihr mein Vater, Monsieur, wolltet Ihr deshalb das Mal sehen?”
Athos konnte nur nicken, er brachte zunächst kein Wort heraus, stand noch immer unter Schock, weil er nicht fassen konnte, dass er tatsächlich eine Tochter von Mylady haben sollte.
“Ja, ich bin dein Vater”; sagte er nach längerem Schweigen und schenkte dem Mädchen ein zaghaftes Lächeln, “und ich werde mich ab jetzt um dich kümmern.”
Da nahm die Kleine seine Hand und deutete auf den Strohsack, auf dem Mylady lag und leise röchelte.
“Werdet Ihr Euch auch um Mutter kümmern, Monsieur?”
Deutlich konnte er die Furcht in ihrem Blick erkennen, das Kind schien seine Ablehnung Mylady gegenüber instinktiv zu spüren.
“Ja, das werde ich, Janis”; versprach er, wohl wissend, dass ihre Mutter wohl kaum mehr als einen oder zwei Tage leben würde, “ich nehme euch beide mit nach Bragélonne. Du wirst nie mehr hungern und frieren müssen, Janis.”
Nein, verzeihen würde er Mylady niemals können, das brachte er nicht einmal jetzt, da er mit seiner Vergangenheit abgeschlossen hatte, fertig. Aber sein ausgeprägtes Ehrgefühl ließ es einfach nicht zu, dass er Janis mitnahm, und ihre Mutter hier in dieser jämmerlichen Hütte zum einsamen Sterben zurückließ. Die wenigen Tage, die ihr noch blieben, sollte sie auf Bragélonne in der Nähe ihrer Tochter verbringen können.
Als Janis das hörte, strahlte sie übers ganze Gesicht.
“Hörst du, Mutter? Nun wird alles gut. Der Arzt wird dich wieder gesund machen, und dann leben wir zusammen bei Vater und können uns sattessen und müssen nie mehr frieren.”

Mühsam richtete Mylady sich ein wenig auf ihrem Strohlager auf, zog Janis näher zu sich heran, und strich ihr liebevoll durchs Haar.
“Weisst du, mein Liebling, ich bin sehr krank, so krank, dass kein Arzt der Welt mir mehr zu helfen vermag. Aber du brauchst nicht traurig zu sein, ich werde vom Himmel aus immer auf dich herab blicken und bei dir sein, auch wenn du mich nicht sehen kannst.”
“Nein, Mutter, du wirst nicht sterben! Der Arzt macht dich wieder gesund, ich weiss es!”; schluchte das Mädchen und schmiegte sich eng an sie, “bitte, du darfst mich nicht alleine lassen!”
“Aber Liebes, du wirst niemals alleine sein”; versuchte Mylady ihre Tochter zu trösten, “du hast doch jetzt deinen Vater, und er wird immer für dich da sein und dich gewiss genauso liebhaben wie ich dich liebe. Und mit der Zeit wirst du dann auch gar nicht mehr so traurig sein wie jetzt.”
Auch wenn er Mylady nicht vergeben konnte, so berührte es ihn doch sehr, wie liebevoll sie mit ihrer Tochter umging. Das war echte Mutterliebe, er konnte es in ihrem Augen sehen, wenn ihr Blick auf dem Kind ruhte. Anscheinend hatten die Jahre mit Janis wirklich einen besseren Menschen aus ihr gemacht.
“Ich will nicht, dass du stirbst, Mutter”, brachte die Kleine unter Tränen hervor, “bitte bleib bei mir..”
Da fasste Athos sich ein Herz, ging zu dem Mädchen und Mylady, legte Janis behutsam eine Hand auf die Schulter.
“Deine Mutter wird in deinem Herzen immer bei dir sein, Janis und ich verspreche, dass ich mich ab jetzt um dich kümmere und immer für dich da sein werde.”
Er ahnte, dass es nicht leicht werden würde, weder für ihn, noch für das Mädchen. Es würde eine Weile dauern, bis er sich darauf eingestellt hatte, dass er jetzt eine kleine Tochter hatte. Noch war das Mädchen ihm genauso fremd wie er ihr, doch sein Ehrgefühl ließ es nicht zu, dass er sie im Stich ließ.
Die azurblauen sanften Augen des Mädchens waren auf ihn gerichtet, und es fiel ihm schwer, diesen Blick zu deuten.
“Sagt, wenn Ihr mein Vater seid, wieso haben Mutter und ich dann nie bei Euch gelebt? Leben Kinder nicht immer mit der Mutter beim Vater?”
Es war für ihn nicht leicht, die richtigen Worte zu finden um ihr das zu erklären.
“Weisst du, Janis, ich habe deiner Mutter großes Unrecht zugefügt, weil sie mich schwer enttäuscht und belogen hatte, deswegen konnten wir leider nicht mehr zusammenleben. Dass es dich gibt, das habe ich gar nicht gewusst, sonst hättest du nicht hier in so großer Not leben müssen. Das tut mir wirklich sehr leid.”
Das Mädchen hatte es schon schwer genug, deswegen verschwieg er ihr, dass er einst versucht hatte, ihre Mutter aufzuhängen, weil er an deren Schulter das verräterische Lilienmal entdeckt hatte. Das wäre im Augenblick einfach zu viel für die arme Kleine gewesen.
Mylady blickte traurig zu ihm auf.
“Wisst Ihr, Comte, ich habe Euch vergeben, was Ihr mir damals angetan habt, denn heute weiss ich, dass ich es selbst verschuldet habe, indem ich Euch meine Vergangenheit verschwieg. Wir haben wohl beide Fehler gemacht. Janis ist das Beste, was mir in meinem Leben jemals passiert ist, obwohl ich die letzten Jahre in bitterer Armut leben musste, war ich doch reicher als der König selbst, weil ich so eine wunderbare Tochter habe. Bitte, Comte, seid immer gut zu ihr”; brachte sie von mehreren Hustenanfällen unterbrochen hervor und streckte die Hand nach ihm aus, “erinnert Ihr Euch noch an den Tag unserer Hochzeit? Damals sagtet Ihr mir, dass Ihr Euch viele Kinder wünscht. Sie…sie ist so ein liebes Kind, sie verdient einen Vater, der sie auf Händen trägt, ihr seine ganze Liebe schenkt.”

Obwohl sich in Athos alles dagegen sträubte, überwand er sich und nahm die ihm entgegengestreckte Hand, und erschrak, als er merkte, wie kühl sie sich anfühlte, fast so, als ob sie bereits tot wäre. Als sie einen weiteren Hustenanfall bekam, hielt er ihre Hand fest und drückte sie sanft, weil sie ihm so entsetzlich leid tat. Er fand, dass niemand einen so qualvollen Tod verdient hatte, nicht einmal jemand wie sie, der früher ohne mit der Wimper zu zucken mehrere Menschenleben ausgelöscht hatte. Wieder musste sie husten und dabei kam ein dicker mit Blut durchsetzter Klumpen Schleim zutage, während ihre Lungen laut rasselten. Ihre Lippen waren blau angelaufen, genau wie ihre Fingernägel, sichere Anzeichen des nahenden Todes. Nun hielt er ihre rechte Hand, und Janis ihre linke.
Mylady blickte ihn erneut an, und in ihren Augen erkannte er deutlich einen Anflug von Wehmut.
“Damals liebte ich Euch nicht, Comte, habe Euch nur geheiratet, um Comtesse de La Fére werden zu können. Erst jetzt ist mir klar geworden, was für ein besonderer Mensch Ihr seid. B..B…Bitte s..s..s..sorgt gu.gut für Janis..”
Obwohl es ihm zutiefst widerstrebte, ließ Athos ihre Hand nicht los. Ihm gegenüber auf der anderen Seite des Strohsackes saß die kleine Janis, und er sah, dass in ihren Augen Tränen standen.
Genau wie er schien sie instinktiv zu spüren, dass es mit Mylady zu Ende ging. Das Sprechen fiel ihr jetzt zunehmend schwerer, kostete sie große Anstrengung.
“Janis, ich habe dich sehr, sehr lieb, und werde immer vom H..h..himmel aus über d..d..dich w..wachen. Bei deinem Vater w..wirst du es gut haben.”
Noch einmal entfuhr ihrer Lunge ein laut rasselnder Atemzug, dann erschlaffte ihr Körper, ihr Blick brach, die Arme fielen herunter.
Nun ließ Athos ihre Hand los, ging um den Strohsack herum zu Janis, die schreckensstarr auf ihre tote Mutter blickte, und nahm das Mädchen behutsam in den Arm. Obwohl er für sie ein völlig Fremder war, klammerte sie sich wie eine Ertrinkende an ihn und begann bitterlich zu weinen.
“Ist ja gut, ich bin bei dir, Janis”, flüsterte er und strich ihr beruhigend über den blonden Schopf.
Er verstand ihren Schmerz nur zu gut, denn er war in ihrem Alter gewesen, als seine Mutter an der Leistenkrankheit gestorben war, und erinnerte sich noch genau daran, wie sehr er damals gelitten hatte. Es tat ihm sehr leid, dass sie ihre Mutter auf so schreckliche Weise verloren hatte, doch er selbst konnte nicht um die Frau weinen, die er einst so sehr geliebt, und die ihn dann so bitter enttäuscht und so sehr verletzt hatte.

Er hielt Janis in den Armen, bis sie irgendwann aufhörte zu weinen. Das Mädchen sagte nichts, blickte ihn nur aus rotgeweinten Augen an und schniefte leise.
“Wir müssen jetzt gehen, Janis. Ich werde dafür sorgen, dass deine Mutter eine würdevolle Bestattung bekommt, das verspreche ich dir”; meinte er schließlich.
Die Kleine sprach noch immer kein Wort, stattdessen schmiegte sie sich an ihn und ließ ihren Tränen erneut freien Lauf.
Athos gab dem Arzt Geld, damit er bei der Leiche Wache hielt, und versprach ihm noch einmal die gleiche Summe, wenn er die Tote nach Bragélonne brachte. Janis zuliebe wollte er Mylady im großen Garten hinter dem Gut auf einer schönen  Wiese beerdigen, damit die Kleine einen Ort hatte, an dem sie um ihre Mutter trauern, und sich der Verstorbenen nahe fühlen konnte. In der Familiengruft der de La Féres wollte er sie auf keinen Fall bestatten lassen, obwohl sie bis zu ihrem Tod seine rechtmässig angetraute Ehefrau gewesen war.
Auch wenn er sie immer noch für ihre Taten zutiefst verachtete, so respektierte er dennoch, dass Janis ihre Mutter über alles geliebt hatte, und schwor sich, in Gegenwart der gemeinsamen Tochter niemals schlecht über Mylady zu reden.

Nachdem er mit dem Arzt alles geklärt, und dem Mann den Weg zu seinem Gut beschrieben hatte, nahm er Janis mit zum Marktplatz, wo Grimaud bereits, einen großen Christbaum über der Schulter tragend, nach seinem Herrn Ausschau hielt. Als er das kleine blonde Mädchen an der Seite seines Herrn sah, blickte Grimaud Athos verwundert an, sagte aber kein Wort, obwohl er vor Neugier brannte. Genauso war es vor drei Monaten gewesen, als sein Herr den kleinen Raoul mit nach Bragélonne gebracht hatte, auch da hatte er keine Fragen gestellt, als er bemerkte, wie ähnlich der Säugling seinem Herrn sah. Noch immer hatte der Diener sich nicht daran gewöhnt, dass er nun jederzeit mit seinem Herrn sprechen durfte, denn das jahrelange Schweigen und die Verständigung mit nur wenigen Gesten und Handzeichen  waren ihm in Fleisch und Blut übergegangen. Früher war er oft von Athos  getadelt und scharf zurechtgewiesen worden, wenn er unerlaubt zu ihm gesprochen hatte, und er wusste genau, dass es eine Weile dauern würde, bis er sich an die plötzliche Wandlung seines Herrn gewöhnen würde.
“Janis, das ist mein Diener Grimaud, Grimaud, das ist meine Tochter Janis, sie wird ab jetzt bei mir leben”, stellte er die beiden einander vor, und brachte damit seinen Diener ins Grübeln.
“Myladys und meine Tochter”; flügte Athos noch hinzu, und beließ es vorerst dabei, er war jetzt zu erschöpft und innerlich viel zu aufgewühlt, um Grimaud alles zu erzählen.
Als sie wenig später in der Kutsche saßen, und nach Bragélonne zurückfuhren, schmiegte Janis, die neben Athos saß, sich an ihn, und fing erneut an zu weinen. Noch immer sprach das Mädchen kein Wort. Die ganze Fahrt über hielt er sie in den Armen und redete beruhigend auf sie ein, versuchte sie zu trösten, so gut er es vermochte.

Die Kutsche fuhr durch die verschneite Lindenallee zum Gut hinauf, Janis neuem Zuhause. Das Mädchen hielt den Blick gesenkt als es ausstieg, sie fühlte sich so elend, so traurig, dass sie den bedeutsamen Veränderungen, die ihr in Zukunft bevorstanden, gleichmütig gegenüberstand.
Ihr Vater war sehr nett zu ihr, aber eben doch noch ein Fremder für sie, und es fiel ihr schwer zu begreifen, dass sie ihre geliebte Mutter niemals wiedersehen würde. Als der Comte ihr seine Hand reichte und ihr ein aufmunterndes warmes Lächeln schenkte, nahm sie seine Hand und ließ sich von ihm in das Gutshaus, das wie ein kleines Schloss aussah, führen. Irgendwie hatte sie das Gefühl, als ob in ihrem Hals ein dicker Kloß steckte, der verhinderte, dass die Worte herauskamen. Wieso hatte die Mutter sterben müssen, warum hatte Gott das nicht verhindert? Sie wollte nicht hiersein, sie gehörte nicht hierher, sie gehörte zur Mutter. Was nützte ihr dieses schöne Schloss, wenn ihre Mutter nicht bei ihr war, um sich mit ihr daran zu erfreuen? Nein, sie würde sich niemals mehr über etwas freuen können.
Der Comte führte sie in einen großen Salon, der mit weichen Teppichen ausgelegt war, und an dessen Wänden jahrhundertealte Gobelins mit Jagdszenen hingen, in diesen Salon hätte die Hütte, in der sie mit ihrer Mutter gelebt hatte, mindestens zwanzigmal hineingepasst. Ein in einem riesigen Kamin prasselndes Feuer sorgte für behagliche Wärme.
Sie spürte, dass der Comte etwas nervös war, und nicht so recht zu wissen schien, wie er sich ihr gegenüber verhalten sollte. Ob er sie wohl wegschicken würde, weil er ihre Mutter nicht gemocht hatte? Sicher, er hatte es ihrer Mutter versprochen sie bei sich aufzunehmen, doch gab es nicht viele Menschen, die Sterbenden etwas versprachen, und es dann nicht einhielten?
“Setz dich, Kleines, Grimaud wird dir nachher frische Kleidung bringen und uns etwas zu essen machen”; meinte der Comte und deutete auf eine mit blauem Samt bezogene Couch.
Sie setzte sich und starrte apathisch in die Flammen, da spürte sie, wie er ihr behutsam die Hand auf die Schulter legte.
“Ich verstehe nur zu gut, was du da gerade durchmachst, Janis. Ich war auch erst elf, als meine Mutter an der Seitenkrankheit gestorben ist, und damals fühlte ich mich, als ob man mir den Boden unter den Füßen weggezogen hätte. Ich weiss, es wird noch eine ganze Weile dauern, und noch glaubst du, dass dein Leben ohne sie zu Ende ist. Aber glaub mir, irgendwann wird dein Schmerz etwas nachlassen, und deine Mutter wird immer ein Teil von dir bleiben, du wirst ihre Liebe stets in deinem Herzen tragen.”
Sie nickte nur und sagte noch immer nichts, aber in diesem Moment fühlte sie sich dem für sie fremden Vater verbunden, weil er das gleiche wie sie durchgemacht hatte, und deswegen Verständnis für ihren Schmerz zeigte. Und obwohl er ihre Mutter nicht gemocht hatte, akzeptierte er, dass sie sie über alles geliebt hatte, und redete nicht schlecht über sie.
Er setzte sich eine Weile neben sie und redete beruhigend auf sie ein, darum bemüht, ihr ein wenig Trost zu spenden, ihr zu zeigen, dass sie nicht alleine war.
Das konnte ihr den tiefen Schmerz über den Verlust der Mutter zwar nicht nehmen, aber es tat ihr gut, weil es ihr das Gefühl gab, dass sie ihm keineswegs gleichgültig war, dass es da jetzt jemanden gab, der für sie sorgen, und sie nicht im Stich lassen würde. Zu gerne hätte sie ihm gesagt, dass sie gerne seine Tochter wäre, aber es kamen kein Worte, weil noch immer dieser dicke Kloß in ihrem Hals saß.

Er blieb lange bei ihr sitzen, und mit einem Mal erschien er ihr gar nicht mehr so fremd wie zuvor, und sie war erleichtert, in ihrer Trauer nicht alleine gelassen zu werden. Nach einer ganzen Weile stand er auf und strich ihr zaghaft über die Wange.
“Ich bin gleich wieder bei dir, Janis. Wäre es für dich in Ordnung, so lange hier zu warten?”
Durch ein kurzes Nicken gab sie ihm zu verstehen, dass ihr das nichts ausmachte, hoffte jedoch, dass er schnell zurück sein würde, denn sie wollte im Moment nicht alleine sein.
Wenig später kam er schon zurück, in den Armen hielt er irgendein Bündel, und zunächst konnte sie nicht erkennen was das war. Als er näher herankam, sah sie, dass das Bündel in seinen Armen sich bewegte, und hörte, dass es leise, maunzende Laute von sich gab.
“Hier bin ich wieder”; meinte er lächelnd, während er näherkam, “und ich habe dir jemanden mitgebracht, der dich gerne kennenlernen würde, Janis.”
Wollte er ihr womöglich ein Kätzchen schenken, um sie ein wenig zu trösten?
Doch als er sich dann neben sie setzte, sah sie, dass es kein Kätzchen war, sondern ein Säugling, ungefähr so groß wie Celeste, die ihre Mutter vor drei Jahren geboren, und schon nach fünf Monaten wieder an den Tod verloren hatte. Das kleine Wesen war wach und gluckste leise vor sich hin, ein winziges zartes Gesichtchen mit einem braunen Augenpaar, Augen die sie an die des Comte erinnerten, musterte sie neugierig. Auf dem kleinen Köpfchen bildete sich gerade der erste zarte dunkle Haarflaum, dieselbe Haarfarbe wie der Comte sie hatte. Obwohl es ihr so schlecht ging, musste sie lächeln, als der Säugling die pummeligen Ärmchen nach ihr ausstreckte, einen Laut der wie “Gugagnahrahhhh”, klang ausstieß, und die winzig kleinen zarten Finger ihre Nasenspitze berührten.
“Das ist dein Bruder Raoul”, erklärte der Comte ihr stolz lächelnd, “möchtest du ihn mal auf den Schoß nehmen, Janis?”
Sie nickte, und als der Comte ihr den kleinen Raoul auf den Schoß setzte, vergaß sie für einen kurzen Moment sogar ihren Schmerz, als das kleine Wesen zu ihr aufblickte, und der zahnlose kleine Mund sich zu einem Lächeln verzog. Sie schloss den kleinen Jungen sofort ins Herz, was wohl auch daran lag, dass er sie so an ihre Schwester Celeste erinnerte, die sie sehr liebgehabt hatte.
“Er hat dich gerne, Janis”; meinte der Comte und strich dem Säugling liebevoll über den weichen Haarflaum, “sonst weint er immer, wenn jemand, den er noch nicht kennt, ihn auf den Schoss nehmen will.”
Mit einem Mal schien der Kloß in ihrem Hals kleiner zu werden, zumindest kam es ihr so vor.
“Ich…ich…ich hab ihn auch gern”; flüsterte sie und strich dem kleinen Jungen behutsam übers Köpfchen.
Der Schmerz um den Verlust der Mutter saß noch immer tief, aber sie spürte, dass das hier doch ihr Zuhause werden konnte.
“Ich bin froh, dass ich dich und Raoul habe”; flüsterte der Comte, und sie sah, wie er sich verstohlen eine Träne von der Wange wischte, “ihr seid alles für mich.”

5 Jahre später, Weihnachten 1639

Lächelnd blickte Athos zu seinen Kindern hinüber, die sich gerade in der langen Lindenallee eine wilde Schneeballschlacht lieferten, wobei sie die Bäume als Deckung benutzten. Raoul war jetzt fünf Jahre alt und ein lebhafter, fröhlicher Junge, der für jeden Schabernack zu haben war. Janis, die im Februar sechzehn Jahre alt geworden war, war zu einer jungen Frau von außergewöhnlicher Schönheit herangewachsen, mit ihrem madonnenhaften Gesicht mit der blassen Haut und den hellblonden Haaren war sie das Ebenbild ihrer verstorbenen Mutter. Dank der guten Ernährung war von den hohlen Wangenknochen und den hervorstehenden Rippen nichts mehr zu sehen. Sie war ein liebes Mädchen, und oft wunderte er sich darüber, dass sie im Aussehen gar nicht nach ihm kam, aber ihm charakterlich in vielerlei Hinsicht ähnelte. Genau wie er hatte sie ein ausgeprägtes Ehrgefühl und war eine Romantikerin, die schon jetzt sagte, dass sie in ihrem ganzen Leben wohl nur einem Mann ihr Herz schenken würde, sie war seit kurzem in Sebastién d´Allas verliebt, den Sohn einer befreundeten Adelsfamilie. Mittlerweile konnte sie wieder lachen und sich am Leben freuen, doch sie trauerte noch immer um ihre Mutter, ging regelmässig zu ihrem Grab um Rosen daraufzulegen, manchmal stand sie dann bis zu einer halben Stunde dort und erzählte ihr aus ihrem Leben.
Die Kinder waren Athos ganzes Glück, er liebte die beiden über alles. Lächelnd schaute er zu, wie der kleine Raoul einen Schneeball nach seiner Schwester warf, und sich dann lachend hinter einer der Linden zu verstecken.
“Ha, getroffen!”; rief er, als der Schneeball sie an der Schulter traf, “wetten, du kriegst mich nicht!”
“Das wollen wir doch mal sehen, Kleiner”; rief Janis zurück, “du weisst doch, meine Bälle treffen jedes Mal!”
Seit fünf Jahren lebten Janis und Raoul jetzt bei ihm, und es waren die fünf glücklichsten Jahre seines Lebens gewesen. Dank des kleinen Raouls hatte er damals leichter einen Zugang zu dem verstörten Mädchen gefunden, denn sie hatte ihren Bruder gleich ins Herz geschlossen, und je mehr Zeit sie mit dem Säugling verbracht hatte, umso offener und fröhlicher war sie geworden, und so hatte es nicht lange gedauert, bis sie sich auch ihm gegenüber geöffnet und ihn sogar Vater genannt hatte. Janis hatte mit Raoul auf dem Boden gespielt, als er Krabbeln lernte, sie hatte ihn bei der Hand genommen, als er Laufen lernte, sie hatte ihm viele neue Wörter beigebracht, als er Sprechen lernte. Und so waren die beiden bis heute unzertrennlich, trotz der elf Jahre Altersunterschied. Nur wenige sechzehnjährige Mädchen widmenten sich so geduldig und liebevoll ihren kleinen Brüdern, wie Janis das tat. Sie wurde niemals ungeduldig, wenn Raoul, der ein sehr neugieriger kleiner Junge war, ihr Löcher in den Bauch fragte und nahm sich dann immer die Zeit, ihm zuzuhören und seine Fragen zu beantworten.
Athos ging jedesmal das Herz auf, wenn er sah, wie unbeschwert die beiden miteinander spielten und tobten.
Dann wurde ihm immer wieder bewusst, was für ein glücklicher Mann er doch war, auch wenn es in seinem Leben immer noch keine neue Liebe gab. Doch das vermisste er gar nicht, im Moment waren Janis und Raoul sein ganzes Glück.
Er winkte den beiden kurz zu, dann ging er auf die Wiese hinter dem Gutshaus, wo ein kleines steinernes Grabkreuz aus dem Schnee herausragte. Hier hatten sie damals Mylady begraben, und bisher war Athos niemals zu ihrem Grab gegangen. Doch heute, er wusste selbst nicht warum, führte ihn sein Weg genau dorthin, und er legte ein paar Tannenzweige auf ihr Grab.
“Mittlerweile kann ich Euch vergeben, da Ihr mir eine so wunderbare Tochter geschenkt habt”; flüsterte er so leise, dass der Wind seine Worte davontrug, “aber vergessen werde ich niemals können…”
Nachdem er das gemacht hatte, fühlte er sich mit einem Mal richtig leicht uns Herz, als wäre eine jahrelange Last von ihm abgefallen. Nein, er konnte Mylady nicht mehr hassen, auch wenn er niemals vergessen würde was sie ihm angetan hatte. Doch dank Janis konnte er ihr nun vergeben und die Vergangenheit endgültig hinter sich lassen.
Mit einem gelösten Lächeln wandte er sich ab, und lief dann zu seinen Kindern hinüber, um sich an ihrer wilden Schneeballschlacht zu beteiligen.

2. Miséricorde

Es schneite. Seit Tagen schon. Der Schnee bedeckte das Lager, die Straßen aus Matsch und die Gräben vor der belagerten Stadt, schaffte es für einige Augenblicke selbst diese trostlose Kriegsszenerie mit einem reinen Mantel aus Weiß zu bedecken. Doch das hielt nur so lange vor, wie man den Schnee betrachten konnte. Sobald man gezwungen war durch ihn zu gehen, wurde er zu Matsch, vermengte sich mit dem Schlamm des Untergrundes und drang kalt und nass in Stiefel und durch Kleidung, nicht mehr länger schön, nur noch feindselig. Denn sie lagen schon mehrere Monate hier, fern der Heimat, und die Versorgung war nun, im Winter, wetterbedingt fast zum Stillstand gekommen, so dass die Belagerer begonnen hatten das Los der Belagerten zu teilen und solidarisch Hunger zu leiden. Und nicht nur unter dem Hunger, auch unter der Kälte litten sie, denn es gab rings um das Lager kaum noch einen  Baum, kaum noch einen Strauch, nichts, mit dem man hätte ein Feuer anzünden können. Nur heute, in dieser besonderen Nacht, hatte der Kardinal Kerzen und Feuerholz austeilen lassen, wo auch immer er es beschafft hatte, so dass aus den meisten Zelten ein flackernder Schein leuchtete, der das Lager in ein dämmrig-warmes Licht tauchte, das recht anheimelnd wirkte. Zumindest für die, die das Glück hatten nicht im Dienst zu sein. Nicht in den düsteren, kalten Gräben zu stehen, die auch heute, auch in dieser Nacht, besetzt sein mussten. Denn man traute dem Feind durchaus einen Ausfall zu gerade in dieser Nacht, in der die Wachsamkeit nachließ, in der die Gedanken nach Hause schweiften.

Deswegen hatte der Hauptmann Vorsorge getroffen und die Gräben mit den besten Männern besetzt. Einigen nur, weniger als sonst, aber dafür mit den altgedientesten, erfahrensten und abgebrühtesten seiner Kompanie. Sie standen in einer langen Reihe im vorderen Graben, weiter auseinander als sonst, allein in völliger Dunkelheit und Kälte, ihre Stiefel im Matsch, ihre Hüte und Mäntel schneebedeckt. Nur manchmal glomm ein Funken auf, wenn sich einer der Männer ein Pfeifchen ansteckte, worüber er leise den Kopf schüttelte. Auch wenn es meistens Glück war, wenn ein Scharfschütze den Funken sah und den arglosen Raucher tatsächlich erwischte, so musste man das Schicksal doch nicht herausfordern. Mehr als einmal hatte er gesehen, wie es Kameraden erwischte, die nur kurz auf die Lunte geblasen hatten um sie nicht ausgehen zu lassen. Er bückte sich nach seiner Lunte, sie glomm noch, er hatte sie sich um den Oberschenkel geschlungen um kein Ziel abzugeben. Wie schnell konnte man mit dem Arm über den Graben kommen, wie leicht gesehen werden. Und wenn es zwei oder mehr Schafschützen waren, die einen ins Visier nahmen, dann hatte man trotz der Ungenauigkeit der meisten Waffen kaum eine Chance. Auch wenn man heute Nacht kaum die Hand vor Augen sah, war er lieber vorsichtig.

Er ließ seine Finger über den Lauf seiner Muskete gleiten, prüfte das Schloss und den Mechanismus. Das Eisen war kalt unter seinen Fingern, selbst durch den Handschuh, aber der Hahn ließ sich leicht spannen. Er war bereit, auch wenn er, im Gegensatz zu seinem Hauptmann, nicht glaubte, dass der Gegner heute angreifen würde. Nicht in dieser Nacht. Es waren Christen, wie sie selbst, und einige Dinge waren doch immer noch heilig. Manchen jedenfalls. So wie seinen Freunden. Selbst d´Artagnan war heute Abend zur Messe gegangen, mit Porthos, der darauf gedrängt hatte. Beide schienen das Bedürfnis gehabt zu haben den Gottesdienst zu besuchen, und das nicht nur, weil Aramis die Predigt halten würde. Denn der Geistliche des Lagers war stark erkältet, er würde zwar die Messe leiten, aber Aramis die Predigt lesen lassen, was diesen in einen Zustand freudiger Erregung versetzt hatte und ihn wieder einmal in seinem Entschluss, die Kasacke an den Nagel zu hängen, bestärkte. Er hatte seine Freunde zur Messe eingeladen und schien ehrlich betroffen, als Athos ihm gesagt hatte, dass er sich freiwillig zum Dienst gemeldet habe. Sie hatten es nicht verstanden, seine Freunde, dass er es vorzog hier zu sein und nicht im Lager, nicht in der Wärme, nicht bei ihnen in dieser Nacht. Auch Tréville hatte ihn nur mit hochgezogenen Augenbrauen angesehen, war aber froh gewesen ihn nicht einteilen zu müssen, wie er es sowieso vorgehabt hatte. Athos konnte sie verstehen, denn wer wollte diese Nacht schon im Schützengraben verbringen, doch ihm war es so lieber. 

Er kniff die Augen zusammen, blickte in die Dunkelheit. Immer wieder verdichtete sich der Schnee, bildete Wirbel, dass man meinte, da stünde jemand. Dann löste sich alles wieder auf, grau und einsam lang das Niemandsland vor ihnen. Man sah nicht sehr weit in dergleichen Nächten, wenn die Feinde wirklich einen Ausfall wagten,  würden sie sie erst erkennen, wenn sie sich fast vor ihnen befänden. Es galt, wachsam zu sein. Vom Lager her hörte er ein leises Gemurmel, der Gottesdienst mochte gerade angefangen haben. Vor ihm war alles leise, von dieser besonderen Ruhe, wenn es schneite. Er merkte wie es in seinem Hals kratzte und unterdrückte mühsam einen Hustenreiz. Er fühlte sich nicht besonders wohl, schon seit Tagen nicht, er mochte wohl auch Fieber haben und manchmal überkam ihn ein Zittern, aber er hatte nicht darauf geachtet. Und wenn schon. Wer war in diesem Lager nicht erkältet? Er zog eine kleine Flasche aus seinem Wams, schraubte sie auf und trank ein, zwei Schlucke. Nicht zu viel, er hatte noch die ganze Nacht vor sich. Brennend lief der Schnaps durch seine Kehle, hätte ihn beinahe wieder zum Husten gebrachte, aber er wärmte. Hätte er nur mehr mitgenommen, doch sie hatten kaum noch Schnaps oder Wein. Das war am Schlimmsten zu ertragen in der letzten Zeit, dieser Mangel an Wein oder Schnaps. Es brachte ihn fast um den Verstand nüchtern zu sein. Auch deswegen hatte er sich gemeldet, denn er konnte sowieso nicht schlafen. Da konnte er genauso gut hier stehen und Wache halten. Porthos hatte ihn noch gefragt, ob er sicher sei, ob er nicht lieber mit zur Messe gehen wolle. Oh nein. Sicher nicht. Wie auch? Wie könnte er an einem Gottesdienst teilnehmen, er, der sich derart versündigt hatte, dass selbst Gott in seiner Güte ihm nicht vergeben könnte? Denn eines wusste er sicher: Gott mochte vieles vergeben, aber eines vergab er nicht. Einen kaltblütigen Mord vergab er nicht. Einen Mord ohne Reue vergab er nicht. Denn er war sich bis heute nicht sicher, ob er ihren Tod wirklich bereute. Ob er wirklich bereute, was er ihr damals so unüberlegt und verzweifelt angetan hatte. Allzu oft erschrak er über sich selbst, erschrak über diesen Hass, der auch heute noch anhielt, der ihn zerfraß und für den er sich paradoxerweise selbst hasste und verachtete, den er aber nicht bekämpfen konnte, der immer da war, genauso wie der Schmerz und die Verzweiflung. Manchmal, in manchen Nächten, wenn er wach lag und die Dämonen ihn nicht verließen, war seine Hand schon zum Dolch geglitten, ein Ende zu machen, endlich frei zu sein von Hass und Schmerz. Doch dann war sie wieder zurückgezuckt, diese Hand, denn das war der Weg der Feigen. Und sein Schicksal würde ihn ereilen, er musste nur abwarten.

Doch all das hatte er Porthos nicht sagen können und so hatte er nur den Kopf geschüttelt und auf Tréville verwiesen. „Sagt ihm, dass Ihr krank seid.“, hatte Porthos entgegnet. „Ihr seid es, ich weiß es, ich höre Euch doch nachts husten. Ihr werdet Euch da draußen nur den Tod holen.“ Athos verzog das Gesicht, als er daran dachte. Porthos, der Gute. Es wurde ihm warm ums Herz, wenn er an ihn dachte, aber auch er hatte nicht verstanden. Hatte nicht verstanden, dass es ihm egal war. Hatte nicht verstanden, dass er genau da war, wo er sein wollte, wo sein Platz war. Nämlich dort, wo der Tod war. Wo der Tod war, die Kälte und die Einsamkeit, dort war sein Platz und er hatte ihn sich bitter erkauft. Nie mehr würde er zu denen gehören können, die reinen Herzens eine Predigt hörten, zu denen, die Vergebung erhielten. Seine Sünde war zu groß, er hatte sich selbst ausgeschlossen und der einzige Weg zurück war der Weg ohne Wiederkehr.

Ja, eines Tages würde er ihn gehen diesen Weg, vielleicht schon bald, denn die Zustände hier in diesem Lager verschlechterten sich täglich, genauso wie seine Gesundheit,  und er war die nächsten vier Nächte zur Wache eingeteilt. Er dachte mit einer Art neugierigem Interesse daran, neugierig, wie viel sein Körper aushalten würde. Aber er bedauerte nichts und dachte auch nicht daran, sich krank zu melden. Nicht mehr als damals, als ihm die Gardisten des Kardinals den Degen durch die Schulter gestoßen hatten. Damals hatte der Arzt ihm gesagt, er müsse mindestens zwei Wochen das Bett hüten. Er hatte nicht länger als eine Nacht darin gelegen und sein Körper hatte es ausgehalten. Er schien zäh zu sein. Doch auch das war ihm gleichgültig. Er horchte in die Nacht, das Gemurmel hatte aufgehört, die Messe war wohl zu Ende. Es musste auf Mitternacht zugehen, bald würde der neue Tag anbrechen, dann wäre Weihnachten. Sollte es sein, auch das war ihm gleichgültig, es zählte nicht, ließ ihn kalt. Oder nein, das stimmte nicht ganz, denn an solchen Tagen, die früher auch für ihn frohe Festtage waren, an solchen Tagen war er am liebsten an Orten wie diesem. Orten, an denen er allein sein konnte, an denen er niemandem die Freude an dem Fest verdarb. Orten des Todes, die seiner Stimmung entsprachen. Die ihm enstprachen.

3. Miséricorde (suite)

„Rückt ihn raus!“

„Nein!“

„Rückt ihn raus, sage ich Euch.“ Porthos schüttelte den Kopf, seine Stimme wurde sanfter. „Ich bitte Euch!“

„Nein!“ Aramis stand mit dem Rücken gegen eine Tür gelehnt, eine einfache Tür aus Holz in einer Scheune, in der der Lagergeistliche die Gegenstände verwahrte, die es ihm erlaubten die Messe zu lesen. Ihm gegenüber standen seine Freunde, bewegt noch von der Predigt und der trotz der einfachen Umstände oder gerade wegen ihnen  ergreifenden Messe. Und deswegen mochte auch diese Sanftmut in Porthos´ Stimme widerklingen, die sonst nicht seine Art war.

„Aramis. Wir brauchen ihn, das wisst Ihr. Seid großherzig und rückt ihn raus, nur eine Flasche.“

Aber sein Freund schüttelte den Kopf. „Wie stehe ich denn da, wenn ich den Messwein stehle? Versteht Ihr das denn nicht? Was Ihr wollt, aber nicht den Messwein. Wie kann ich predigen, dass Stehlen Sünde ist und gleich darauf genau dieses tun?“

„Das ist kein Diebstahl, das ist Dienst an Eurem Nächsten. Und außerdem  ist es der einzige Wein, den wir noch im Lager haben. Wir brauchen ihn.“

„Brauchen.“ Aramis schnaubte, leise Verachtung klang in seiner Stimme mit. „Ihr wollt Euch besaufen, aber wozu bräuchtet Ihr das? Denkt an die Opfer, die Ihr durch die Enthaltsamkeit auf Euch nehmt. Denkt an Euer Seelenheil.“

Aber Porthos ließ sich nicht auf die Provokation ein, er blieb gelassen und ungewohnt sanft: „Wir brauchen ihn sage ich Euch. Nicht für uns, für Athos.“

Etwas überrascht zögerte sein Freund, doch dann schüttelte er wieder den Kopf. „Auch er braucht ihn nicht. Noch weniger als Ihr oder wollt Ihr seine Trunksucht unterstützen?“

„Mit einer Flasche?“ Porthos zog fast belustigt die Augenbrauen hoch. „Da bräuchte ich eine ganze Kiste und selbst die würde nur wenige Tage vorhalten. Nein. Ich möchte ihm einen Dienst erweisen, heute Nacht. Eine kleine Überraschung, wenn Ihr so wollt.“

Aramis sah fragend zu d´Artagnan, der stumm daneben stand, aber dieser zuckte nur mit den Schultern, was bedeuten sollte, dass ihn ihr großer Freund nicht in seine Pläne eingeweiht hatte. Also wandte sich der Abbé in spe wieder an den Hünen: „Eure Absichten mögen ja redlich sein, mein Freund, aber ich soll deswegen einen Diebstahl begehen? Und noch dazu an den Besitztümern der Kirche?“

Porthos breitete die Arme aus: „Ist es nicht das, was Jesus predigte? Den Armen zu geben? Müsste da nicht die Kirche mit gutem Beispiel vorangehen? Sagte nicht Lukas: und wer dir den Mantel nimmt, dem wehre nicht auch den Rock? Außerdem, wer sagt denn, dass Ihr den Wein stehlen sollt? Wir legen dem Geistlichen ein wenig Geld hin, das ist ja kein Problem. Seit es nichts mehr zu kaufen gibt, habe ich genügend davon.“ Wie um das Gesagte zu beweisen zog er einige Münzen aus seiner Hosentasche und hielt sie Aramis hin. Dieser überlegte und ein leichtes Grinsen zog über sein Gesicht bevor er langsam antwortete: „Ihr seid geschickt, mein Freund. Jetzt dreht Ihr es so, als fehle es mir an Barmherzigkeit.“

„Das tut es auch, sonst hättet Ihr diese Tür schon lange aufgeschlossen.“, erklärte Porthos nun mit Nachdruck, denn er merkte, wie sein Freund zu schwanken begann.

Aramis schüttelte noch einmal den Kopf und sah seine Freunde an. Er schien das Für und Wider abzuwägen und Porthos war klug genug, ihn nicht zu bedrängen. Schließlich legte er den Kopf schief: „Aber nur eine Flasche und nur dieses eine Mal.“

„Das verspreche ich Euch.“, erklärte Porthos feierlich.

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Der Eingang zu den Gräben war zugeschneit, es war nichts anderes, als eine Art Loch im Boden, in das  Stufen gegraben worden waren und das in einen Gang mündete, der zu den vorderen Gräben führte. Doch die dicke Schneedecke verbarg die Stufen und füllte die Grube fast aus, so dass das Hinuntersteigen zu einer glitschigen und nassen Angelegenheit wurde. D´Artagnan fluchte, als er in dem feuchten Schnee ausglitt und sich mit der Hand abstützen musste, wodurch der Schnee nass und kalt in seinen Handschuh geriet. „Eine wirklich großartige Idee, Porthos,“ murrte er und strich sich den Schnee von den Kleidern, „in dieser Dunkelheit zu den vorderen Gräben zu gehen. Entweder wir erfrieren auf dem Weg oder wir werden von unseren eigenen Kameraden erschossen. Wer kommt schon auf die Idee, sich mitten in der Nacht in den Gräben herumzutreiben?“

Porthos, der schon unten war und ungeduldig auf seine Freunde wartete, zuckte nur mit den Achseln, was der Gascogner in den Dunkelheit aber nicht sehen konnte. „Ich habe Euch nicht gezwungen mitzugehen.“, erinnerte er ihn. „Das war Euer eigener Entschluss, also werft es mir nicht vor. Aber seid beruhigt, ich kenne das Losungswort für diese Nacht.“

„Und wie lautet das?“, fragte nun Aramis, der sich nach d´Artagnan vorsichtig herunter getastet hatte.

„Paradies.“

„Paradies? Welcher Spaßvogel hat sich denn das ausgedacht?“ knurrte d´Artagnan und zog mit einem angeekelten Gesichtsausdruck, den allerdings auch niemand sah, seinen Stiefel aus dem nassen Schlamm, nur um beim nächsten Schritt wieder bis zur Wade darin zu versinken. „Wäre Hölle nicht angemessener gewesen? Bodenlose Hölle?“

„Vielleicht war das übertragen gemeint.“, erklärte Aramis. „Vielleicht meint der Kardinal, wer sich in dieser Nacht für den Dienst im Graben meldet, erlangt das Paradies dank seiner Fürsprache.“

„Er erlangt vor allem die Krankenstation, was seinen Weg ins Paradies vielleicht beschleunigen mag.“, entgegnete d´Artagnan. „Aber da wir uns nicht gemeldet haben und sozusagen unrechtlich hier sind, befürchte ich, dass uns wenig Fürsprache zuteilwerden wird, wenn uns ein Offizier entdeckt.“

„Jetzt seid nicht so zögerlich und haltet vor allem den Mund.“, flüsterte Porthos, „wir kommen an den ersten Posten.“ Und dieser zögerte nicht, den Freunden eine geladene Pistole vor die Brust zu halten, denn die Ablösung war erst um fünf Uhr vorgesehen und wer sich vorher in den Gräben herumtrieb, musste unredliche Absichten haben. Doch noch bevor er warnend rufen konnte, hatte Porthos ihm auch schon die Losung gesagt und war unter stetiger Beteuerung, sie seien Soldaten Trévilles, so nah an den altgedienten Soldaten herangetreten, dass der sein Gesicht sehen konnte, worauf er die Pistole herunter nahm und den Musketier gehörig zusammenstauchte. Porthos nahm es gelassen und gab ihm zum Dank, dass er sie vorbei ließ, ein Stück Kautabak, worauf der Posten ein Entwarnungspfeifen hören ließ, das den Freunden den Weg freimachen sollte.

Und tatsächlich ließen die nächsten Posten sie passieren, nicht ohne die Entwarnung immer weiter zu geben. Der Weg zu den vordersten Gräben war beschwerlich, da der Schnee in den Vertiefungen schon kniehoch stand und die Erde darunter nur noch aus Schlamm bestand. Außerdem war es nun, gegen zwei Uhr morgens, so dunkel, dass die Freunde die Posten nur dann sehen konnten, wenn sie fast in sie hineingelaufen waren. Und immer noch zeigten die Soldaten nach vorne, wenn Porthos flüsternd nach Athos fragte. Die Abstände zwischen den Wachen waren weit, sie hörten lange Zeit nur ihre eigenen Schritte, gedämpft durch den Schnee, das leise Schmatzen des Schlammes und nichts sonst. Rechts und links ihres Weges ragten die Wände der Gräben aus Erde auf, man konnte nur über sie hinwegsehen, wenn man auf die Balken trat, die zu diesem Zweck an ihrem unteren Rand angebracht waren, und so kam es Aramis nach wenigen Metern vor, als würden sie hier schon Stunden gehen, auf einer absurden Wanderung durch die Innereien der Erde. Bis Porthos plötzlich bei einem Schatten stehen blieb. Athos´ Hut und Mantel waren genauso schnee-, seine Hose und Stiefel ebenso schlammbedeckt wie die aller Soldaten hier, so dass er auch bei etwas hellerem Licht kaum zu sehen gewesen wäre. In der tiefen Dunkelheit erkannte ihn Aramis erst, als er vor ihm stand und ihn umarmte. Dabei bemerkte er ein Zittern und sah den Älteren prüfend an. Seine Lippen waren blaugefroren und er bemühte sich vergebens, das leise Klappern seiner Zähne zu unterdrücken. Es musste grausam sein, in dieser Nacht hier zu stehen. Die Kälte war durchdringend, man konnte sich nicht vor der Nässe des Schnees schützen und die Tatsache, dass es diese Nacht nur wenige Posten waren, ließ nicht einmal eine kleine Pause zu. Und trotzdem blieb Athos´ Haltung aufrecht wie immer und er sah seine Freunde nach der Begrüßung streng an. „Was macht Ihr hier?“, flüsterte er und in seiner Stimme war Tadel zu hören.  „Ihr wisst doch, dass es verboten ist, sich in den Gräben herumzutreiben.“

Aber Porthos legte ihm nur den Arm um die Schultern und zog ihn zu sich heran – was etwas war, das sich Aramis nie erlaubt hätte, vor allem nicht wenn Athos Dienst hatte, denn da verstand er keinen Spaß. Doch der Hüne kannte ihren Freund schon länger als sie und hatte auch schon einige Kampagnen an seiner Seite gefochten, vermutlich war daraus diese besondere Vertrautheit entstanden, die der jüngere Musketier schon des Öfteren zwischen den beiden wahrgenommen hatte. So wie auch jetzt, als sich Porthos nicht um das Reglement scherte, seinen Arm weiterhin auf Athos´ Schultern beließ  und mit der anderen Hand in seiner Manteltasche nestelte. Schließlich zog er eine gut eingewickelte Flasche aus der Tasche und überreichte sie seinem Kameraden: „Frohe Weihnachten“,  wisperte er leise, „wir bringen Euch ein Mittel gegen das Erfrieren.“

Athos seufzte und dieser Laut sagte mehr, als wenn er sich beklagt hätte, dann nahm er die Flasche, wickelte sie aus, entkorkte sie und der betörende Duft heißen Gewürzweines verbreitete sich in der Nacht. Alle vier verharrten einen Moment regungslos, die Dunkelheit, der Schnee und die Kälte waren für die Dauer eines Augenschlags nicht länger feindselig, sondern anheimelnd, sprachen von warmen Stuben und Geborgenheit. Doch allzu kurz war der Moment, ein leiser Windhauch, das Klirren von Metall und sie waren zurück in den Gräben, zurück im Krieg und der Wein war nur das, was er eben war, heißer Gewürzwein. Athos hielt die Flasche zuerst einfach nur fest, wärmte seine erstarrten Finger an dem heißen Glas. Dann trank er einen tiefen Schluck und seufzte wieder. „Parbleu, das tut gut. Aber Ihr solltet nicht derartige Gefahren auf Euch nehmen, nur um mir heißen Wein zu bringen.“

„Das ist das Mindeste, was wir tun konnten.“, erklärte Porthos. „Denn in dieser Nacht sollte niemand allein sein. Wir wollten Euch frohe Weihnachten wünschen und ich dachte mir, dass ein Schluck hiervon willkommen wäre.“ - „In der Tat“, gab Athos zu, „ich gestehe, dass es elend kalt ist. Und dennoch ist das Risiko zu groß. Wenn ein Offizier Euch erwischt, werden Ihr mindestens mit Strafdienst belegt. Und glaubt mir, das ist im Augenblick kein Zuckerschlecken.“ - „Wenn sogar Ihr das sagt, dann muss es stimmen.“, erklärte d´Artagnan, dessen Zähne inzwischen klapperten wie Kastagnetten, „Ich spüre meine Füße schon jetzt nicht mehr.“

„Ihr Gascogner seid eben keinen Winter gewöhnt.“, spottete Porthos und reichte ihm die Flasche. „Trinkt einen Schluck, dann taut Ihr zumindest innerlich wieder auf.“

„Wie ein Braten“, erklärte Aramis trocken, „nur umgekehrt. Bedenkt aber bitte die Herkunft des Weines und trinkt mit Bedacht.“

„Mit Bedacht?“, fragte Athos und sah seine Freunde an. „Ja“, entgegnete Aramis, „denn es ist immerhin Messwein, den Ihr hier trinkt. Er mag Eurem Seelenheil dienlich sein.“ – „Höre ich da Ironie in Eurer Stimme?“, fragte Porthos. „Das scheint mir für einen Mann der Kirche aber nicht ziemlich.“ - „Das liegt daran, dass ich mir nicht sicher bin, ob gestohlener Messwein denselben Effekt hervorruft.“, entgegnete sein Freund etwas kühl.

„Gestohlener Messwein.“, wiederholte Athos und ein leises Grinsen kräuselte seine Lippen bevor er wieder zur Flasche griff. „Gestohlen! Das ist nicht wahr, wir haben ihn bezahlt …“, setzte Porthos mit Vehemenz zu einer Erklärung an, unterbrach sich aber, als Athos neben ihm plötzlich von einem Hustenanfall gepackt wurde, der ihn schier in die Knie zwang. Da er sich bemühte jedes Geräusch zu vermeiden und Atemholen den Husten verstärkte, rang er schließlich derart um Luft, dass ihn Porthos unter den Armen fasste und festhielt bis der Anfall vorüber war. „Ihr hättet Euch nicht zum Dienst melden sollen“, erklärte er dann besorgt, „Ihr seid krank und gehört ins Bett.“

Athos machte sich unwillig frei und schüttelte den Kopf. „Tréville hätte mich sowieso eingeteilt. Und das ist nur eine Lappalie. Nichts worüber man sich aufregen müsste.“ – „Dergleichen Lappalien haben schon einige ins Grab gebracht, mein Freund“, widersprach Porthos „und Eure Behandlungsmethode im Schützengraben scheint mir wenig Erfolg versprechend.“

„Sie ist so gut wie jede andere.“, entgegnete Athos. „Ich weiß nicht, ob die Anzahl der Toten, die jeden Tag aus dem Lazarett geborgen werden, nicht größer ist als die, die hier im Schlamm verenden.“

„Ihr solltet heute Nacht nicht zynisch sein“, meinte Aramis sanft, „nicht heute Nacht.“ Athos sah ihn an, ein wenig Mitleid, aber auch ein wenig Spott lag in seinem Blick. „Vielleicht gerade heute Nacht, mein Lieber.  Wisst Ihr, ich stehe schon mehrere Stunden hier und der Kadaver dort drüben stinkt noch immer bestialisch. Ihr erinnert Euch sicher, es war Gauthier, den es dort drüben erwischt hat. Oder wart Ihr nicht dabei? Ein Bauchschuss, er hat noch zwei Tage lang gelebt und niemand konnte ihn holen, weil die Feinde sich auf ihn eingeschossen hatten.“ Er schüttelte den Kopf. „Nein, die Versprechen von Erlösung klingen mir ein bisschen hohl angesichts des Grauens um uns herum.“  Dann straffte er sich und blickte zu d´Artagnan und Aramis, die ihn ein wenig fassungslos ansahen, so als könnten sie nicht glauben, dass ausgerechnet er, der immer auf Rechtschaffenheit geachtet hatte, solche Worte finden konnte. Er bemerkte ihre Blicke und schüttelte wieder den Kopf, als ob er sich selbst ermahnen wolle, während ein melancholisches Lächeln über seine Lippen glitt. „Verzeiht. Verzeiht einem alten Soldaten, der vielleicht ein bisschen zu viel gesehen hat. Verzeiht meine rüden Worte und nehmt meinen Dank für den Wein. Glaubt mir, ein besseres Geschenk hättet Ihr heute Abend nicht finden können. Aber nun müsst Ihr zurück. Auch Ihr habt morgen Dienst und es ist spät.“ Er umarmte seine beiden Freunde und wollte sich auch von Porthos verabschieden, aber der Hüne hob die Hand. „Nein, ich bleibe. D´Artagnan, Aramis, Ihr seid morgen eingeteilt, ich nicht. Ich bleibe hier.“ Und er sagte diese Worte mit derart Nachdruck, dass selbst Athos nicht widersprach und nur mit den Schultern zuckte, während sich ihre jungen Freunde, durchaus nicht unglücklich der Kälte zu entkommen, auf den Rückweg ins Lager machten.

Eine ganze Weile standen sie nebeneinander und blickten in die Finsternis, ließen den Schnee auf sich niederrieseln ohne auch nur den Versuch zu machen, ihn wegzuwischen. Es hatte sowieso keinen Wert, es schneite noch immer in dicken Flocken und bald waren Porthos´ Hut und Mantel ebenso weiß und klamm wie die seines Freundes.

Es war schließlich Athos, der die Stille brach und murmelte: „Ihr müsst das nicht tun.“ – „Was?“ – „Mit mir Wache stehen. Ich dachte, Euch liege etwas an diesem Abend.“ – „Eben weil mir etwas an ihm liegt, bin ich hier.“

Erstaunt drehte Athos den Kopf, sah seinen Freund an. „Das, mein Lieber, verstehe ich nicht. Euch liegt etwas an der Weihnachtsnacht und Ihr verbringt sie im Schützengraben?“ – „Mit Euch, ja.“ – „Mit mir?“, wiederholte Athos langsam. „Und warum?“ – „Gott, was könnt Ihr penibel sein“, entgegnete Porthos,  „brauche ich denn einen Grund, wenn ich einen Freund nicht allein lassen will in einer Nacht, die eigentlich die schönste des Jahres sein sollte? In einer Nacht, die niemand allein und nur in der Kompanie von Kadavern verbringen sollte?“

„Wisst Ihr“, erklärte Athos langsam, „das Angenehme an Kadavern ist, dass sie einen in Frieden lassen.“ Porthos sog bei dieser Bemerkung hörbar die Luft ein, bleib erst einmal einige Minuten still und antwortete dann schneidend: „So wie ich Euch in Frieden lassen soll? Ist es das, was Ihr Euch wünscht? Sagt es mir, ich werde gehen. Ich werde Euch in Frieden lassen. Euch und Eure Toten.“

Athos drehte sich zu dem großen Musketier um. Seine Stimme war leise, aber eindringlich: „Ihr müsst nicht beleidigt sein. Ich sage das nicht, weil mir Eure Gesellschaft unangenehm wäre, aber Ihr erwartet diese Nacht etwas Besonderes. Für Euch ist diese Nacht magisch, für mich nur eine Nacht wie jede andere. Und ich befürchte, ich zerstöre Eure Erwartungen und das will ich nicht. Deswegen habe ich auch unsere Freunde weggeschickt. Sie sind noch zu jung um zu verstehen. Ihr habt dasselbe gesehen wie ich, deswegen dachte ich, Ihr hättet verstanden. Aber das ist nicht der Fall, darum wäre es besser, Ihr ginget auch. Lasst mich hier heute Nacht, hier ist mein Platz.“   

„Nein.“, entgegnete Porthos, sanfter nun. „Auch Ihr seid hier nicht an Eurem Platz. Das ist kein Platz um die Weihnachtsnacht zu verbringen, für niemanden. Und wenn Ihr sagt, auch für Euch sei diese Nacht wie jede andere, warum wollt Ihr sie dann gegen jede Vernunft hier draußen verbringen? Warum meldet Ihr Euch nicht krank?“ Er näherte sich Athos und da dieser auf dem Balken stand, Porthos aber auf dem Boden, war sein Gesicht auf derselben Höhe wie das seines Freundes. „Ich sag Euch, warum Ihr Euch freiwillig gemeldet habt.“, fuhr er dann fort, „nicht weil Euch nichts an dieser Nacht, sondern weil Euch zu viel an ihr liegt. Weil sie Euch heilig ist und Ihr Euch gerade in dieser Nacht als Aussätziger fühlt. Als jemand, der nicht länger an der Vergebung, der Liebe, dem Glück teilnehmen kann, die diese Nacht mit sich bringt, warum auch immer Ihr Euch das einreden mögt.“

Athos schnaubte leise durch die Nase, bereute es aber sofort, weil es ihn zu husten zwang. Dann, als er wieder sprechen konnte, flüsterte er: „Seid doch nicht so naiv. Wie könnt Ihr glauben, dass es für jemanden wie uns, wie mich, noch Liebe, Glück oder gar Vergebung geben könnte? Porthos, ich bitte Euch. Ihr habt mit mir gekämpft, Ihr habt getan, was ich tat, was sie uns zu tun befahlen. Wie könnt Ihr von Liebe, Glück oder Vergebung sprechen?“ Er schloss die Augen, atmete vorsichtig ein, fuhr dann traurig fort: „Und glaubt mir eines, mein Freund, Ihr habt noch lange nicht alles gesehen. Ihr wisst noch lange nicht alles. Wie könnte ich an einer Messe teilnehmen, wie könnte ich um Vergebung bitten, wenn ich getan habe, was ich tat? Wenn ich das, was ich tat, vielleicht nicht einmal bereue? Wenn es mir gleichgültig geworden ist? Weil es sich wiederholt, weil der Tod überall ist und man ihm nicht entkommt? Und wir ein Teil von ihm geworden sind, Teil des Bösen, Teil des Krieges? Sagt mir, wie Ihr das in Eurem Kopf mit der Weihnachtsnacht vereint, denn ich, ich kann es nicht. Gerade heute Nacht fühle ich mich als Soldat, als der, der den Tod bringt. Und das passt nicht zu dem, was die Priester predigen, das passt nicht zu dem, wofür diese Nacht steht. Deswegen, mein Freund, lasst mir meinen Frieden und meine Toten, lasst mich hier und feiert mit Aramis und d´Artagnan.“

Porthos dachte nach, eine ganze Weile, und entgegnete dann langsam: „Oh, mein Freund, wäre es Euch wirklich gleichgültig, würdet Ihr an der Messe teilnehmen. Merkt Ihr denn nicht, dass gerade Eure Skrupel Euch menschlich machen? Dass sie Mitgefühl und Selbstzweifel verraten, keine Gleichgültigkeit?“

„Porthos, macht mich nicht besser als ich bin.“ Fast klang Athos´ Stimme ärgerlich, laut, aber sei es aufgrund seiner Erkältung, sei es, weil er an den Feind dachte, wurde sie sofort wieder leise, flüsternd und rau: „Ich habe Dinge getan, die unentschuldbar sind, Dinge, für die ich aber keine Reue fühle. Und nur wer bereut, erlangt Vergebung. Nein, mein Freund, mein Platz ist hier und alle Heilsversprechen wären Heuchelei. Es wäre Unrecht so zu tun, als stünden sie mir zu. Deswegen bitte ich Euch, geht.“

„Ihr seid ein solcher Sturkopf, das ist unglaublich.“ Und um seinen Worten mehr Nachdruck zu verleihen, legte der große Musketier Athos seine Hände auf die Schultern, fast als wolle er ihn körperlich bezwingen um ihn endlich umzustimmen.  „Meint Ihr denn, Gott ist kleinlich? Er sieht Eure Zweifel, er sieht Euer Leiden. Aber Ihr, Ihr wollt es mit Euch selbst ausmachen, Ihr gesteht Euch nicht einmal mehr die Chance auf Zwiesprache oder Vergebung zu. Denn Ihr selbst und nur Ihr habt beschlossen, dass Eure Vergehen so groß seien, dass sie nicht vergeben werden können. Was wisst Ihr denn? Was wisst Ihr von Gottes unendlicher Güte? Und es ist seltsam, dass gerade ich Euch das sagen muss, der ich viel weniger gläubig bin als Ihr. Ich weiß, was Euch der Glaube bedeutet, für mich war er seit jeher mehr eine Gewohnheit. Aber weil Ihr immer alles tödlich ernst nehmt, gesteht Ihr Euch nicht einmal ein wenig Wärme, ein wenig Liebe zu.“ Und als Athos etwas sagen wollte, hob er abwehrend die Hand und fuhr fort: „Nein, Ihr hört mich jetzt an. Denn ich habe es satt mitanzusehen, wie Ihr auf Euren Tod wartet. Vermutlich seid Ihr der Meinung, er sei die gerechte Strafe und stehe Euch zu. Aber was wir dabei empfinden, was ich dabei empfinde, das ist Euch gleichgültig. Wie so vieles, scheint es. Ihr wählt den Weg der Feigen und flieht, wartet auf den Tod, ja geht ihm noch entgegen. Denn was Ihr hier heute macht, ist nichts anderes. Ihr wisst genau, dass Ihr so krank seid, dass eine weitere Nacht im Graben Euch den Rest geben wird. Aber ich bin heute Nacht hier, um Euch zu beweisen, dass es auch in Eurem Leben noch Liebe gibt, und wenn es nur die meine ist. Ich bin hier um Euch zu beweisen, dass Ihr Euch täuscht, wenn Ihr meint, Eure Freunde bekämen von Eurer Suche nach dem Tod nichts mit. D´Artagnan und Aramis sind nicht blind, aber sie wagen nicht Euch etwas zu sagen, denn Ihr seid ihr Vorbild, Ihr seid unantastbar. Und so leiden sie stumm. Aber ich, ich schere mich nicht um Vorbilder, meistens steckt dahinter auch nur ein Mensch. Und so werdet Ihr mich nicht los, außer Ihr sagt jetzt und hier, dass ich mich davonscheren soll. Wenn Ihr mir das jetzt sagt, Athos, dann werde ich Euch hier alleine lassen, das schwöre ich Euch. Und Euch auch nicht mehr mit der Krankmeldung in den Ohren liegen. Denn dann werde ich endlich das begreifen, was Ihr mir schon die ganze Zeit zu sagen versucht: Nämlich dass es in Euren Augen besser wäre, Ihr wäret tot. Und dass Ihr Euch so sehr darin verrennt, dass Euch nicht mehr zu helfen ist. So sehr, dass Ihr Euch auch um Freundschaft nicht mehr schert. Ich werde einsehen, dass Euch Eure Freunde gleichgültig sind, dass Euch ihre Sorgen gleichgültig sind. Dass Ihr das wenige, was sie Euch in dieser Nacht schenken könnten, nämlich Freundschaft und Liebe, von Euch weist, weil Euch auch das gleichgültig ist. Dann, mein Freund, werde ich den Kopf einziehen und mir sagen, dass ich mich getäuscht habe. In Euch getäuscht habe. Dann wird mir nur noch eines bleiben, nämlich Euch zu wünschen, dass Ihr möglichst schnell verreckt. Aber glaubt mir eines, ich werde nicht länger die Leichen am Ende einer Schlacht umdrehen mit der Angst im Herzen, es könnte Euch getroffen haben. Ich werde beten, dass es Euch erwischt, denn es scheint, das ist es, was Ihr Euch am meisten wünscht. Und da dies eine ganz besondere Nacht ist, kann es ja sein, dass Euer Wunsch in Erfüllung geht. Ich werde dann nur dafür beten, dass nicht ich es sein werde, der Eure Leiche entdeckt.“

Als Porthos´ leises hartes Flüstern abbrach, war Stille. Eine kalte, glatte Stille, eine Eiswand zwischen ihnen. Beide vermieden es, sich anzusehen, erst nach einer ganzen Weile drehte Porthos langsam den Kopf und betrachtete den Soldaten, der da neben ihm stand, wartete ab, schwankend zwischen Hoffnung und Resignation. Athos sah in die Ferne, kein Muskel bewegte sich in seinem schönen und so bleichen Gesicht, fast schien es als habe er nichts gehört. Endlich, als Porthos schon mit den Schultern zucken und sich mutlos und verzweifelt zum Gehen wenden wollte, drehte er sich zu dem großen Musketier um und sah ihn an mit seinen schwarzen und unergründlichen Augen. Sah ihn einfach nur an und Porthos konnte seinen Blick nicht deuten, hätte fast zum Dolch gegriffen. Da hob Athos langsam seine rechte Hand. Er legte sie ihm an die Wange, sachte, und fuhr sanft an ihr entlang in einer unendlich zärtlichen Geste, vorsichtig als sei Porthos´ Gesicht etwas Zerbrechliches. Und während Porthos merkte, dass sich Tränen der Erleichterung in seine Augen schlichen, legte Athos seine Hand auf die seines großen Freundes und sagte mit brüchiger Stimme: „Morgen. Morgen werde ich mich krank melden.“

4. Un acteur

Ein sichtlich erregter M. de Tréville trat aus der Tür seines Arbeitszimmers. „Athos, Porthos, Aramis in mein Arbeitszimmer,  tout  de suite.“ Die genannten Drei befanden sich allerdings nicht im Vorzimmer. Die anwesenden Musketiere gaben den Befehl weiter, durch das Haus und in den Hof, wo er Athos, Porthos und Aramis beim Betreten desselben erreichte. Die drei Freunde blickten einander erstaunt an und eilten sogleich zu M. de Tréville.

M. de Tréville empfing seine Musketiere nicht allein. Neben ihm stand ein forscher Jüngling, gekleidet als Musketier. Tréville begrüßte die Musketiere „Athos, Porthos, Aramis, ich möchte euch M. Malingré vorstellen. M. Malingré wurde vor kurzem neu an der Kompagnie des Theaters von Paris engagiert. Für das neue Bühnenstück von Racan benötigt M. Malingré gewisse Erfahrungen aus dem Umfeld des Königs. Seine Eminenz Kardinal Richelieu beliebte es, M. Malingré zum Musketier auf Zeit zu ernennen. Außerhalb dieses Raumes darf jedoch niemand erfahren, dass M. Malingré etwas anderes als ein einfacher Musketier ist. Lehrt ihn, was es heißt ein Musketier zu sein und bewahrt ihn vor Schaden.“ Er wandte sich an Malingré „Monsieur, diese drei Herren sind Athos, Porthos und Aramis, meine besten Musketiere. Ihr werdet sie in den nächsten Tagen begleiten. Vergesst jedoch nie: Das Leben der Musketiere am Hof folgt seinen eigenen Regeln. Diese vier Musketiere werden Euch vor Fehlern bewahren. Es ist daher unabdingbar, dass Ihr ihnen jederzeit gehorcht.“ Malingré nickte. M. de Tréville entließ die vier Herren mit einem Wink.

M. Malingré war ein schlanker, zarter Jüngling von fast mädchenhafter Gestalt. Sein bartloses Gesicht ließ ihn jünger erscheinen, als er war. Wie Tréville gesagt hatte, hatte Malingré schon in verschiedenen Theatern in der Provinz auf der Bühne gestanden. Er war der festen Überzeugung, dass er mit seiner Erfahrung aus Soldaten-Rollen im Theater bestens als Musketiere bestehen würde.

Kaum hatten die vier das Hôtel de Tréville verlassen, verabschiedete M. Malingré sich von den übrigen: „Messieurs, ich bitte Euch um Entschuldigung, ich habe eine dringende Verabredung.“ Athos, Porthos und Aramis sahen sich erstaunt an und setzten ihren Weg fort. An der Place St. Sulpice trafen sie Planchet mit einer Nachricht von d’Artagnan: „um 12 am Luxembourg“ las Athos vor. Aramis ergänzte: „Dann sollten wir uns beeilen, es ist schon kurz vor 12 Uhr.“ „D’Artagnan hat ein Duell und wir sind die Sekundanten.“ schlussfolgerte Porthos.

Pünktlich mit dem Glockenschlag trafen Athos, Porthos und Aramis ein wenig außer Atem am Karmeliterkloster am Luxembourg ein. Dort trafen sie auf d’Artagnan und … M. Malingré. „Ihr schlagt Euch mit M. Malingré?“ fragte Porthos. „Ihr kennt M. Malingré?“ antwortete d’Artagnan. „Aus welchem Grund schlagt Ihr euch?“ wollte Athos wissen. Verlegen sahen d’Artagnan und Malingré einander an: „Eine…“ d’Artagnan zögerte  „Uneinigkeit, über eine Verkehrsregel.“

„Meine Herren, lasst uns anfangen.“ mahnte Porthos. D’Artagnan und Malingré nahmen einander gegenüber Fechtposition ein. „Schnell, steckt die Degen ein.“ Rief da plötzlich Aramis, der die nahenden Kardinalsgardisten als erster entdeckte. Jussac hatte bereits die Degen entdeckt: „Ihr schon wieder. Missachtung des Duellverbots. Übergebt uns eure Degen. Ihr steht unter Arrest!“ „Niemals“ – „Undenkbar“ – „Unwahrscheinlich“ erwiderten die Musketiere. Athos, Porthos, Aramis und d’Artagnan verständigten sich mit einem Blick und stellten sich den Gardisten entgegen. Malingré drängte sich mit gezogenem Degen vor die vier Freunde. „M. Malingré haltet Euch zurück. Das hier ist kein Spiel!“ sprach Athos für die Gardisten  unhörbar zu Malingré. Dieser erwiderte kriegerisch, dass alle es hören konnte: „Genug der Worte, lasst uns kämpfen!“ und stürmte mit erhobenem Degen auf die Gardisten zu. Der nun folgende Kampf verlief völlig anders, als es sich M. Malingré vorgestellt hatte. Schnell zeigte sich, dass es Malingré an Erfahrung und Übung im Kampfe fehlte. Obwohl Athos, Porthos, Aramis und sogar d’Artagnan sich größte Mühe gaben, Malingré aus dem Gefecht herauszuhalten, gelang es Jussac und seinen Gardisten immer häufiger, Malingré in ernsthafte Bedrängnis zu bringen. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis die Gardisten um Jussac das schwächste Glied der Verteidigung durchbrechen würden. Da hob Jussac die Hand um Einhalt zu gebieten. Die Musketiere stimmten dem Ende des Kampfes zähneknirschend zu. D’Artagnan folgte, wenn auch widerstrebend, Athos Vorbild. Athos und Aramis waren sich bewußt, dass sie durchaus diesen Kampf hätten gewinnen können, ohne M. Malingré. Allerdings war ihnen letzterer von M. de Tréville anvertraut worden, wenn er zu Schaden käme, wäre das unverzeihlich. So senkten die vier ihre Degen. Porthos hielt Malingré fest, der nicht aufgeben wollte. Jussac versammelte seine Gardisten „Messieurs, wir sehen, dass ihr Eurem Kadetten noch einige Lehrstunden geben solltet!“ sprach‘s und wandte sich mit seinen Kameraden mit lautem Gelächter zum Gehen. Porthos schäumte vor Wut.

„Unser Dienst beginnt, wir müssen zum Louvre. Hoffen wir, dass diese Geschichte mit Jussac und den Gardisten noch nicht an M. de Trévilles Ohren gelangt ist.“ So erinnerte Athos seine Freunde an ihren Dienst. D’Artagnan wollte, wie gewöhnlich, seine Freunde zum Dienst im Louvre begleiten.  Aramis intervenierte „d’Artagnan, ich glaube, heute wäre es nicht so günstig, wenn ihr uns begleitet.“ Und Porthos ergänzte grinsend „Da müsst ihr wenigstens M. de Tréville unter die Augen treten.“ Hoffnungsvoll blickte d’Artagnan zu Athos, doch der legte dem Jüngeren eine Hand auf die Schulter und schüttelte bedauernd den Kopf: „Mein Freund, ich kann es euch nicht erklären, aber heute dürft ihr nicht mitkommen.“

M. de Tréville wies den Musketieren in der Wachstube des Louvre gerade ihre Posten zu, als Athos, Porthos und Aramis mit Malingré eintrafen. Er quittierte ihre Anwesenheit mit einem Nicken und fuhr mit der Einteilung fort. „Ah, Athos und Aramis, ihr übernehmt das Tor der königlichen Gärten, Porthos, Ihr werdet mit M. Malingré die Gartentür zu denselben übernehmen.“

Nicht nur, dass die Drei diesen Schauspieler mitnehmen mussten, jetzt sollten sie sich auch noch die Beine in den Bauch stehen und das ausgerechnet an den langweiligsten Wach-Posten im ganzen Louvre! Für die Neulinge unter den Musketieren war es eine besondere Ehre, diesen Wachdienst zu versehen, da sie ab und an einen Blick auf den König oder die Königin in ihrem Privat-Garten erhaschen konnten, aber Athos, Porthos und Aramis bevorzugten sinnvolle Posten. Die vier verließen gemeinsam die Wachstube. Niemand hatte sich die Mühe gemacht, Malingré über seinen Dienstort aufzuklären und so trottete er völlig orientierungslos hinter den drei verstimmten und wortkargen Musketieren her.

Sie erreichten die Gartentüre, an der Porthos und Malingré die Posten ablösten. Sie verabschiedeten sich von Athos und Aramis, die den Weg durch den Garten weitergingen. Porthos wies Malingré seinen Platz an: „M. Malingré, dies ist der königl. Privatgarten. Er ist der königlichen Familie vorbehalten. Unsere Aufgabe besteht darin, den König zu schützen und dabei nahezu unsichtbar zu sein.“ Malingré reagierte aufgeregt darauf: „Da sehe ich ja den König! Wache stehen ist ja leicht, das habe schon so oft auf der Bühne gespielt.“ Es schwang etwas Enttäuschung mit, M. Malingré hatte sich das wohl abenteuerlicher vorgestellt.

Der Dienst erwies sich, gelinde gesagt, als öde. Kein Mensch interessierte sich für den Garten und es war auch nicht abzusehen, dass irgendjemand in absehbarer Zeit den Garten betreten würde. Nun war Porthos ein durchaus geselliger Gefährte, der sich angeregt mit Malingré unterhielt. Durch die vertrauliche Atmosphäre ermutigt, gab Malingré schließlich Anekdoten zu Besten, die in den Tavernen erzählt wurden. Es handelte sich um Gerüchte, um König, Kardinal oder Königin Anna, nicht notwendigerweise schmeichelhafter Art. Im Fluss der Erzählung achtete Malingré nicht mehr auf seine Umgebung. Er hörte nicht auf Porthos Einwendungen, mit denen dieser versuchte, den Redefluss zu unterbrechen. Er wurde erst aufmerksam, als der König schon beinahe vor ihm Stand. Ob er etwas gehört hatte, oder nicht, der König beliebte darüber hinwegzusehen und begab sich in den Garten.

Nun, Malingré hatte Glück, dass der König seine ungebührlichen Aussagen überhörte. Porthos aber, war empört. Es stand einem Musketier nicht zu, Kritik an seinem Dienstherrn zu äußern. Bei der nächsten Inspektion durch Tréville, bat er diesen, in vertraulichem Gespräch, um die Ablösung Malingré’s.

M. de Tréville sandte zwei Musketiere als Ablösung für Athos und Aramis. Athos seinerseits sollte an Malingré’s Stelle mit Porthos Wachdienst versehen, während Aramis und Malingré zur Wachstube zurückkehrten.

M. Malingré zeigte keinerlei Unrechtsbewusstsein. Aramis versuchte Malingré zu erläutern, dass ihnen als Mitgliedern der Regimenter des Maison du Roi nicht anstand, Kritik an König, Königin oder Kardinal zu äußern. Der junge Mann bemühte sich, Aramis von diesem, ihm unangenehmen Thema, abzubringen, und lenkte das Gespräch daher auf Aramis‘ Vergangenheit. Es war unter den Musketieren wohlbekannt und Aramis machte auch kein Hehl daraus, dass er dem Priesteramt zugeneigt war. Dieser Umstand erweckte die Neugier Malingré’s und er forschte bei Aramis nach. Doch, was einen Priesteramtskandidaten bewog, Musketier zu werden, erfuhr Malingré nicht.

In der Wachstube hielten sich noch einige weitere Musketiere auf. Sie wechselten sich mit den Wache stehenden Posten ab, oder verschwanden für einige Zeit um in Außenanlagen zu patrouillieren. Es ging fröhlich und laut zu. Die Musketiere waren unter sich und unterhielten sich ungeniert, da sie sicher sein konnten, dass kein Höfling und schon gar nicht der König die Wachstube je betreten würden. Malingré war in seinem Element. Er verkürzte den anderen die Wartezeit und avancierte zu einem allseits beliebten Unterhalter.

Viel zu schnell, endete die kleine Pause und M. de Tréville beorderte Aramis mit seinem Schützling auf ihren Posten zur Ablösung von Athos und Porthos, die sich nun ihrerseits in der Wachstube stärken durften. Derweil standen Aramis und Malingré ziemlich einsam an der Gartentür, denn König Ludwig widmete sich bereits wieder seinen Staatsgeschäften. Es dämmerte und versprach ein langer, ziemlich öder Abend zu werden. Weit und breit war keine Menschenseele zu sehen. Aramis und Malingré standen dicht beieinander und unterhielten sich flüsternd. Im Laufe des Gesprächs rückte Malingré näher und legte seine Hand vertraulich auf Aramis Arm. Dieser zuckte zwar ein wenig, zog aber den Arm nicht zurück. Dadurch ermutigt, wanderte Malingrés Hand den Arm hinauf, Richtung Schulter. Aramis sprang zur Seite, als Malingré ansetzte, ihm über die Haare zu streichen. Aramis reagierte heftig: „Junger Mann, ich gehöre nicht zu denen!“ – „Monsieur, ich … ich dachte, … Ihr, ein Priester, der dem Zölibat verpflichtet ist…“ fing Malingré zu stottern an und zog sich sofort ein wenig zurück. Aramis lächelte den Mann an, um ihn zu beruhigen. „Ich weiß, unter euch Schauspielern gibt es einige, die Männer lieben. Das mag auch für manche Gottesmänner zutreffen, aber nicht für mich.“ Ängstlich stammelnd entschuldigte Malingré sich bei Aramis, der ihm noch einen Rat gab: „Unter den Musketieren ist die Liebe zu Männern nicht gerade angesehen, ich gebe euch den Rat, probiert das mit keinem Musketier, es sei denn, ihr wollt zu einem Duell gefordert werden.“ Er schlug Malingré beruhigend auf die Schulter, bevor er ein wenig zurücktrat. Den Rest ihrer Wache verbrachten die beiden in anregendem, geflüstertem Gespräch. Malingré hatte endlich erkannt, dass er die Musketiere falsch eingeschätzt hatte. Von Aramis erfuhr der junge Mann in der verbleibenden Zeit viel über das Wesen und den Ehrenkodex des Musketier-Corps. Malingré verstand nun, dass sein ungebührliches Verhalten auf Wache mit Porthos  dem Ansehen der Musketiere schadete. So entschuldigte er sich für dieses Verhalten bei Porthos und M. de Tréville, bevor sie den Louvre zum Ende ihres Dienstes verließen.

Athos, Porthos und Aramis fanden Gefallen an dem jungen Mann, der plötzlich nachdenklicher und weniger ungestüm wirkte. Sie luden ihn ein, zum Abschluss des Tages gemeinsam das Wirtshaus Zum Tannenzapfen aufzusuchen.

D’Artagnan entdeckte seine Freunde im Tannenzapfen an einem Tisch zusammen mit dem jungen Musketier vom Morgen. Athos saß wie üblich ruhig daneben, während Porthos und Aramis in ein fröhliches Spiel mit ihrem jungen Kameraden vertieft waren. Dass dieser junge Mann den Rock der Musketiere tragen durfte, hatte ihm bereits am Morgen einen Stich versetzt. Er war den ganzen Tag herumgerannt und hatte versucht, etwas über diesen geheimnisvollen Mann zu erfahren, er fand jedoch niemanden, der ihn kannte. Und diesem Niemand war gelungen, was ihm d’Artagnan bisher verwehrt wurde, obwohl es sein sehnlichster Wunsch war: Musketier zu werden. D’Artagnan setzte sich zu seinen Freunden. Dass sie so vertieft in ihr Spiel waren, dass sie ihn gar nicht bemerkten, nicht mal Athos, den er verehrte, versetzte d’Artagnan einen weiteren Stich. Seine Gesellschaft war ihnen wohl nicht mehr so wichtig. Er fühlte sich zutiefst verletzt und nur diesem Umstand war es zuzuschreiben, dass er alle Regeln des Anstands verletzte und das Gespräch seiner Freunde rüde unterbrach. Während Malingré seinen Kontrahenten vom Vormittag nur unverständig ansah, reagierten Porthos, Aramis und Athos ihrerseits gereizt. „Entschuldigt einen Moment.“ Bat Athos an die Runde und zog d’Artagnan auf die Seite „Junger Freund, mir scheint, ihr seid Eifersüchtig!“ „Und ich habe auch allen Grund dazu.“ Erwiderte d’Artagnan heftig. „Ihr behandelt mich, als wäre ich ein Fremder, ein Eindringling. Und ihr hofiert diesen jungen Schnösel Malingré.“ Porthos und Aramis merkten ebenfalls auf.  „Nennt mir einen Soldaten, der M. Malingré kennt? Niemand kennt ihn. Keiner kann mir mitteilen, auf welche Weise sich M. Malingré ausgezeichnet hat, dass er des Musketiers-Rock würdig ist.“ Aramis mischte sich nun in die Unterhaltung ein: „Aha, daher weht der Wind! Ihr seid auf M. Malingré Eifersüchtig. Doch bedenkt: die Ernennung zum Musketier obliegt alleine dem König. Weder Athos, noch M. de Tréville sind für M. Malingrés Ernennung verantwortlich.“

„Entschuldigt, daran habe ich nicht gedacht!“ lenkte d’Artagnan ein. Aber ganz so schnell war seine Wut noch nicht verflogen. Porthos lud d’Artagnan ein, sich an ihrer Unterhaltung zu beteiligen. M. Malingré folgte schweigend aber sehr aufmerksam dem Gespräch. Sein schauspielerischer Erfolg gründete darauf, zu erspüren, was das Publikum von ihm erwartete und selbiges dann auch zu erfüllen. Seine Feinfühligkeit half ihm nun auch, die besondere Schwierigkeit in der sich die Musketiere in Bezug auf d’Artagnan befanden, zu erkennen. So hörte er einige Zeit den vier Freunden zu, denn dass sie Freunde waren, sprach auch aus den harschen Worten, die sie wechselten. Dass Athos, Aramis und Porthos den jungen Mann zu beschwichtigen suchten, zeigte ihre tiefe Zuneigung zu d’Artagnan. Wäre er ihnen gleichgültig gewesen, hätten sie ihn einfach ziehen lassen. Es brach ihm beinahe das Herz, zuzusehen, wie sich die drei Freunde quälten, da sie sich um den Erhalt von d’Artagnan’s Freundschaft bemühten, ohne ihm die Wahrheit anvertrauen zu dürfen. Er spürte auch die Zweifel, die d’Artagnan beschlichen, die ihn um diese besondere Freundschaft bangen ließen. Wenn er auch nicht auf Freundschaft hoffen durfte, so erhoffte sich M. Malingré doch ihren Respekt zu erlangen. So sprach er Athos an: „Athos, ich möchte, dass ihr euren jungen Freund in die Angelegenheit einweiht. Unter dem Siegel der Verschwiegenheit, versteht sich!“ Athos zögerte, reagierte dann jedoch erleichtert. Nur M. de Tréville durfte sie in seinen Augen, von ihrer Schweigepflicht entbinden. Andererseits war M. Malingré ja selbst Bestandteil dieses Gebots, sodass Athos ihm schlussendlich auch das Recht zur Entbindung von der Schweigepflicht zubilligte. Sie setzten sich alle wieder an den Tisch. Athos platzierte d’Artagnan zwischen sich und Malingré. Im Schutz der an den Nachbartischen geführten lautstarken Unterhaltungen, klärte er d’Artagnan flüsternd darüber auf, dass M. Malingré eigentlich Schauspieler war, aber auf Befehl Richelieus einmal den Alltag der Musketiere erleben sollte. Malingré nickte hin- und wieder um Athos‘ Bericht zu bestätigen. Porthos und Aramis forschten in d’Artagnan’s Gesicht, um zu sehen, wie dieser die Geschichte aufnahm. Am Ende der Erzählung verzog sich sein Gesicht zu einem herzhaften Lachen. Im Rückblick erkannten die Fünf die besondere Komik in den Geschehnissen des aktuellen Tages.

5. La neige du décembre

Inhalt: eine Songfic zu dem Lied “Dezemberschnee” (aus dem Album “Dezemberlieder” von Pia Douwes). Ich mag das Lied sehr und hatte diese Szene auf einmal vor Augen. Das Ergebnis ist zwar irgendwie nicht so geworden, wie ichs gern wollte, aber ich wünsche trotzdem viel Spaß!

Rating: P12

Genre: Silent

 

La neige du décembre

von Engel aus Kristall

 

         Eine einsame Gestalt wanderte langsam durch den frisch gefallenen Schnee, der Wiesen, Bäume, Wege und Häuser bedeckte. Es mochte der kälteste Tag in diesem Jahr sein, eisiger Wind blies die winzigen Kristalle gleich eines wilden Tanzes durch die Winterluft. Die Sträucher und Bäume ächzten bereits unter der weißen Last. Hier war es nicht wie in den gepflegten Parkanlagen der Schlösser und herrschaftlichen Häuser, die er kennen gelernt hatte. Die Pflanzen streckten sich dem Himmel entgegen, ohne von menschlichen Händen in unterschiedliche Formen und Gestalten gezwängt zu werden. Trotz seines warmen Mantels fröstelte er, doch war es nicht so sehr aufgrund der Kälte, denn eines Schattens in seinem Geist. Die edlen Züge seines blassen, von dunklem Haar umrahmten Gesichts waren hart, wie aus Marmor geschnitzt.

Dichter Schnee fällt um mich her,
fällt in Fern und Nah.
Ich geh ganz allein hindurch,
du bist nicht mehr da.

         Die Erinnerungen, die in ihm lebten, schienen so fern zu sein, wie aus einer anderen Welt, obgleich kaum zwei Jahre vergangen waren. An einem Frühlingstag hatte er dieses Mädchen zur Gemahlin genommen, das sein Leben von Grund auf durcheinander wirbelte. Sie war noch so jung, schüchtern, beinahe scheu und erfrischend natürlich. Nicht wie die meisten Damen seines Standes, die er kannte, obwohl ihr Benehmen die Erziehung einer adligen Familie vermuten ließ. Sie verstellte sich nicht. Zumindest hatte er das damals noch geglaubt. Der Zorn darüber, dass er von Anfang an ihrer Täuschung erlegen war, glomm immer noch in ihm. Hatten ihn nicht seine Eltern davor gewarnt sich zu sehr von der Schönheit des Mädchens blenden zu lassen, von dem er nichts als den Namen wusste?

Vor zwei Jahren erst im Mai
war die Welt so sorgenfrei.
Ich hab mit Herz und Verstand
an deine Liebe geglaubt.
Wie hab ich’s bereut.
Keiner hat mich da gekannt.
Keiner kennt mich heut.

         Anne. Wie hatte er den Klang dieses Wortes damals geliebt. Genauso wie alles an ihr, von ihrem roten Haar, bis zu ihrer porzellanhellen Haut. Doch die warmen Tage lagen weit zurück. Wie jeder Frühling mit seinen frischen Blütendüften, den Gesängen der balzenden Vögel und dem satten Grün der Wiesen dem nachfolgenden Sommer weichen musste, war auch die warme Zeit in seinem Herzen zu Ende gegangen. Die Blätter hatten sich schon zu verfärben begonnen, als jener verhängnisvolle Tag kam, an dem er das Mal an ihrer Schulter fand. Diese kleine, ihren makellosen Körper entstellende Brandnarbe in Form einer Lilie, die sie so geschickt vor ihm verborgen hatte, strafte jedes Wort, jede Berührung Lügen.

Alles deckt der Schneefall zu,
alles weit und breit.
Schritte der Vergangenheit
und der kommenden Zeit.

         Doch was er dann getan hatte, blieb für ihn ebenso unverzeihlich. Ja, er war wütend gewesen und zutiefst enttäuscht. Das Zeichen brandmarkte sie als gottlose Gesetzesbrecherin und er tat in seinem Rang als Graf nur, wie mit solchem Gesindel zu verfahren war. Er knüpfte sie am Ast einer alten krummen Eiche auf, ohne auch nur ein Wort der Erklärung anzuhören. Damals hatte es in seinen Augen keine Rechtfertigung für ihre Heuchelei gegeben. Später, nachdem der jähe brennende Zorn war abgekühlt war, kehrte er noch einmal zu dem Baum zurück. Selbst ein Geschöpf wie sie verdiente eine anständige Beerdigung, damit sie zumindest vor Gott ihren Frieden machen konnte. Er fand den Strick durchgeschnitten unter dem Ast der Eiche, doch von ihrem leblosen Körper fehlte jede Spur. Ob sich bereits ein zufällig des Weges kommender Wanderer ihrer erbarmt und sie in der kalten Erde begraben hatte?

Und wie anders fing es an,
wie es nie mehr werden kann.
Frühling im Park wie ein Traum,
und jeder Strauch, jeder Baum
von Blüten schwer.
Unter dem Dezemberschnee
sieht man das nicht mehr.

         An diesem Tag war seine Anne von ihm gegangen und er schwor sich sein Herz niemals wieder einer Frau zu schenken, denn zu groß war der Schmerz, als dass sein Leben lange genug wehren konnte, um ihn ganz zu überwinden. Mit ihr starb auch er selbst. Es war nicht nur ihr Strick, den er geknüpft hatte, sondern auch sein eigener. Olivier de la Fère hörte auf zu sein. Die Erinnerung an sie war in seinem Anwesen allgegenwärtig. Egal in welchem Raum er sich aufhielt, glaubte er sie zu spüren und ihren Duft zu riechen. So überließ er Rang und Titel seinem jüngeren Bruder. Er wurde zu Athos, dem Musketier, für den selbst der Tod keinen Schrecken mehr besaß. Wenn er in Ausübung seines Dienstes einen ehrenvollen Tod fand, so würden die düsteren Erinnerungen endlich schweigen.

Ach, wie jeder Tag mit dir
hell und kostbar war.
Beste Freunde waren wir,
nicht nur Liebespaar.

         In Momenten wie diesen, wenn er über die Vergangenheit sinnierte, stellte er sich immer wieder dieselbe Frage. Hatte sie ihn überhaupt jemals geliebt? Die Antwort würde er nie finden, es war sinnlos weiterhin nach ihr zu suchen. Und doch gelang es ihm nicht davon abzulassen. In der Ferne schlug eine Kirchenglocke fünf Mal und er hielt jäh in seinen Überlegungen inne.

         „Sacre bleu!“ fluchte er leise.

         Die Zeit war mit den Schneeflocken davon gewirbelt. Seine besten Freunde erwarteten ihn gewiss bereits in ihrem angestammten Wirtshaus, wo sie Heiligabend gemeinsam und gut versorgt mit Speis und Trank verbringen wollten. Porthos und Aramis würden ihn von seinem Trübsal abzubringen wissen, wenn er nur nicht wieder zu sehr dem tröstlichen Geschmack des Weines auf der Zunge verfiel.

Und mir fiel im Traum nicht ein,
es könnt je zu Ende sein.
Denn Hand in Hand wollten wir
den ganzen Lebensweg gehn,
nur du und ich.
Oh, nichts davon vergess ich je.
Ich denk immer an dich.
Nein, nichts davon vergess ich je.
Ich denk immer an dich.
Oh, ich denk immer an dich.

         Raschen Schrittes stapfte er den Weg zurück, den er gekommen war, und den einzig seine eigenen Fußabdrücke im Schnee markierten. Die Gestalt, die in einiger Entfernung bei einer Gruppe blattloser knorriger Linden stand, bemerkte er dabei nicht. Ein dunkler Umhang verhüllte den schlanken Körper einer Frau. Rotes Haar floss unter der Kapuze hervor, die sie tief ins Gesicht gezogen hatte. Athos ahnte nicht, wie nahe er ihr eben noch gewesen war. Und er wusste nicht, wie sehr auch sie sich nach den hellen Frühlingstagen sehnte. Nach einer Zeit, ehe die Wärme für immer dem winterlichen Frost erlag. Sie lenkte ihre Schritte in die entgegen gesetzte Richtung, während die nun ganz dicht fallenden Flocken ihrer beider Fußstapfen langsam bedeckten.

6. Neues Jahr, neues Glück

Silvester 1621

Es war bereits zehn Uhr, und um diese Zeit hielten sich nur noch wenige Menschen in den Straßen von Paris auf. Es war der letzte Abend im alten Jahr, und viele würden den Jahreswechsel gebührend feiern, doch für den Musketier, der mit gesenktem Kopf durch die düsteren Straßen lief, war es ein Abend wie jeder andere. Selbst mit gesenktem Kopf und hängenden Schultern strahlte dieser Mann eine Anmut und Würde und Erhabenheit aus, wie sie nur wenigen Menschen zueigen ist.
Sein Dienst im Louvre war gerade erst mit einer Wachablösung zuende gegangen, an diesem Abend hatte er zusammen mit fünf anderen Musketieren auf dem Silvesterball Wache halten müssen. Im Saal hatte ungezügelter Frohsinn geherrscht, der Anblick der lachenden und scherzenden Tänzer, die übermütig zum Klang lebhafter Flöten-Lauten und Tamburinklängen durch den Raum wirbelten, hatte ihm im Herzen wehgetan, denn es erinnerte ihn an das Silvester im letzten Jahr auf Bragélonne, das er noch gemeinsam mit Anne gefeiert hatte, mit ihr zusammen ins neue Jahr getanzt war. Damals war er glücklich gewesen, so unbeschreiblich glücklich, und hatte noch nichts von dem Schandmal gewusst, das alles zerstört, das ihn zu dieser schrecklichen Tat getrieben hatte. Fünf Monate war es jetzt her, dass er sie voller Wut, nicht mehr Herr seiner Sinne, erhängt hatte, als er, nachdem sie vom Pferd gestürzt und ohnmächtig geworden war, das Schandmal, das man Verbrechern in die Haut einbrannte, auf ihrer Schulter entdeckt hatte. An diesem Tag war etwas in ihm gestorben, und er wusste ganz genau, dass er niemals wieder einer Frau vertrauen und ihr sein Herz schenken können würde. Seit fünf Monaten quälte ihn sein Gewissen unablässig, er wusste genau, dass er niemals wieder Frieden finden würde.
Er hatte Bragélonne verlassen, war nach Paris gegangen, um ein Musketier zu werden, so wie einst sein Vater zur Zeit von König Henry IV, doch vor seiner Reue, seinen Kummer und seinem Schmerz hatte er nicht davonlaufen können, sie verfolgten ihn, ganz gleich wohin er auch ging. Er hatte unter den Musketieren einen guten Freund gefunden, den lebenslustigen, zweilen etwas eitlen Porthos, und seit kurzem gehörte auch der Priesterschüler Aramis, dem er Fechtstunden erteilte, zu seinem Freundeskreis. Diese Freundschaften taten ihm zwar sehr gut, konnten ihm jedoch nicht über die große Leere in seinem Inneren hinweghelfen. Und oft fragte er sich, ob diese beiden Männer auch dann seine Freunde wären, wenn sie wüssten dass er ein Mörder war, der seine eigene Frau auf dem Gewissen hatte. Nein, ein Zusammenleben mit ihr wäre nicht mehr möglich gewesen, nachdem sie ihn so schändlich hintergangen hatte, doch heute sagte er sich oft, dass es genügt hätte, sie einfach zu verstoßen. Nein, er würde Bragélonne niemals wieder betreten, das hatte er sich geschworen. Die Erinnerungen an Anne waren einfach zu schmerzlich, und dort würde er überall an sie erinnert werden.

Weihnachten war für ihn schon eine Tortur gewesen, er hatte sich betrunken um seinen Schmerz zu betäuben, so wie er es mittlerweile fast jeden Abend tat. Für kurze Zeit hüllte der Alkohol ihn in eine gnädige Ohnmacht, und er konnte vergessen, war innerlich wie betäubt, doch umso schlimmer war es dann jedes Mal, wenn er wieder nüchtern war. Und auch heute war es nicht anders, er befand sich auf dem Weg zu seiner Wohnung in der Rue Ferrou, wo er sich von seinem Diener Grimaud, mit dem er sich nur durch Handzeichen verständigte, eine Weinflasche nach der anderen öffnen lassen würde. Früher war er ein offener, fröhlicher Mensch gewesen, doch seit Annes Tod hatte er sich sehr verändert. Seine neuen Freunde kannten ihn nur schweigsam, melancholisch, in sich gekehrt.
Der Comte Olivier de La Fére war genauso tot wie Anne, nun gab es nur noch Athos, den stillen, geheimnisvollen Musketier.
In vielen Häusern brannte auch am Silvesterabend kein Licht mehr, weil die Bewohner nach einem langen harten Arbeitstag längst im Bett lagen, nur aus den Fenstern der Schenken und Gasthäuser leuchtete und flackerte es noch, und man hörte das laute Lachen und Gröhlen der Zecher bis auf die Straße. Tief in trübe Gedanken versunken trottete Athos an den Häusern vorbei, wobei ihm keine einzige Menschenseele begegnete, und ihm war es nur Recht so.
Während seines Dienstes im Louvre hatte er nicht trinken dürfen, und nun verlangte es ihn nach Wein, genügend Wein, um sich wieder tief ins Vergessen trinken zu können. Nur der Wein vermochte es, Annes Gesicht mit den schönen madonnenhaften Zügen, das ständig vor seinem inneren Auge erschien, fast so, als ob sie ihn noch aus dem Jenseits heraus quälen wollte, für eine Weile zu vertreiben. Nur wenn er mindestens zwei Flaschen am Abend trank, konnte er die Nacht durchschlafen. Athos hasste sich selbst abgrundtief für seine Tat, war der Meinung, damit ganz und gar gegen seine Ehre gehandelt zu haben. Um in die Rue Ferrou zu gelangen, musste er auch über den Cemetiére des Innocents, den sogenannten Friedhof der Unschuldigen, den größten Friedhof von Paris, der in der Nähe des Fischmarktes lag. Tagsüber kamen die Pariser Bürger hierher, um Blumen auf die Gräber ihrer Angehörigen zu legen, nachts war der Friedhof ein beliebter Treffpunkt von Deserteuren, Schmugglern, Dieben, Beutelschneidern und Huren. Ein gefährlicher Ort, den jeder, der nicht zu eben jenen gehörte, in der Nacht mied wie der Teufel das Weihwasser. Doch das konnte Athos nicht schrecken, er war ein ausgezeichneter Fechter, und außerdem schon immer tollkühn und wagemutig, und so nahm er häufig die Abkürzung über den Friedhof und den Fischmarkt, weil das den Weg in die Rue Ferrou um mindestens zehn Minuten abkürzte.

Jetzt im Winter, bei dieser schneidenden Kälte, hielt sich hier auf dem Friedhof ohnehin nicht so viel verbrecherisches Gesindel auf wie sonst, und in dieser Nacht war der Friedhof menschenleer. Die Grabsteine und Kreuze warfen im Mondschein lange Schatten, die blattlosen Äste der Bäume die auf dem Friedhof wuchsen, wirkten im Mondlicht wie skelettierte Hände mit langen Krallen. Hin und wieder hörte man irgendwo ein leises Rascheln, vermutlich von Mäusen oder ähnlichem Getier, bei dem zartbesaitetere Gemüter als Athos sich sofort bekreuzigt hätten, und dann laut schreiend davongelaufen wären. Doch Athos, der fast ständig von den Geistern seiner Vergangenheit gequält wurde, konnte dieser so schaurig wirkende Ort keine Angst einjagen, in seiner üblichen gelassenen, würdevollen Haltung ging er über den Friedhof, und zuckte nicht einmal zusammen, als irgendwo der Schrei eines Käuzchens ertönte, der in der nur von Mondlicht erhellten Dunkelheit recht schauerlich klang.
Nein, ein Mensch, dessen Seele voller Schatten ist, fürchtet nicht die Schatten der Nacht, dachte Athos sich.
Doch dann, als er plötzlich einen schrillen Schrei hörte, der ihm durch Mark und Bein ging, blieb er wie erstarrt stehen. Eindeutig der Schrei einer Frau. Womöglich eine arme Seele, die keine Ruhe finden konnte?
Erneut ertöten ein Schrei, er kam von der Rückseite eines der hohen, gewaltigen Mausoleumsgräber, deren Steine so hoch wie eine Mauer und mindestens drei oder vier Meter breit waren. Der Schrei klang panisch, und dann herrschte auf einmal Stille.
Athos konnte nicht anders, obwohl ihm eisig kalte Schauder über den Rücken liefen, wollte er nachsehen, ob da jemand seine Hilfe brauchte. Womöglich war es ja gar kein Geist gewesen, der da die Schreie ausgestoßen hatte.

Und so eilte er zu dem hohen Grabstein, hinter dem der Schrei ertönt war, und was er dort erblickte, ließ ihm regelrecht das Blut in den Adern gefrieren. Ein heruntergekommener Mann, dessen Kleidung schon bessere Tage gesehen zu haben schien, hatte eine blonde junge Frau gegen den Grabstein gedrückt, hielt ihr nun den Hals zu und würgte sie mit beiden Händen. Die Frau, deren Gesicht Athos nicht sehen konnte, weil der Rücken des Mannes ihm die Sicht darauf versperrte, schlug verzweifelt nach ihm und strampelte wild mit den Beinen, doch allmählich erlahmte ihre Gegenwehr, und ihr Körper erschlaffte und sank wie ein nasser Sack in sich zusammen.
Blitzschnell zog Athos seinen Degen und hielt ihn dem Angreifer der Frau direkt in den Rücken.
“Lasst sofort die Frau los! Oder Euer letztes Stündlein hat geschlagen!”; rief er laut.
Der Mann, der einen Dolch am Rücken trug, nahm seine Hände vom Hals der Frau, die daraufhin ohnmächtig zu Boden fiel, und mit dem Gesicht nach unten liegen blieb, wobei ihr hellblondes Haar sich wie ein Fächer auf dem Boden um ihren Kopf ausbreitete.
“Denkt nicht einmal daran, oder Ihr seid ein toter Mann!”, fuhr Athos den Mann an, als er sah, wie dieser mit einer Hand nach dem Dolch an seinem Gürtel tastete, und dann nahm er dem Mann den Dolch ab, wobei er ihm mit einer Hand seinen Degen drohend vor die Nase hielt.
In den Augen des Fremden stand der blanke Wahn.
“Alle Weiber sind böse, sie müssen alle sterben! Sie sind alle Hexen! In jeder wohnt das Böse, und bei dieser da bin ich mir ganz sicher!”
Nachdem Anne ihn so bitter enttäuscht hatte, hielt Athos zwar nicht mehr viel von den Frauen, konnte einfach nicht mehr an das Gute in ihnen glauben, doch er hasste sie nicht, und hätte niemals einer Frau ein Leid tun können. Deswegen zögerte er nicht lange, und schlug den offenkundig wahnsinnigen Mann mit einem einzigen gezielten Fausthieb bewusstlos, ehe dieser wusste wie ihm geschah.
Dann fesselte er ihm die Hände und band ihm ausserdem die Beine zusammen, legte ihn dann in die Leichenhalle des Friedhofs, die immer offen war, wenn kein Toter darin lag. Später, wenn er sich um die arme Frau gekümmert hatte, wollte er die Gendarmen rufen, damit sie den Mann abholten.
Bin ich denn besser als er?, fragte er sich verzweifelt, habe ich nicht auch gemordet?
Die Frau lag noch immer reglos mit dem Gesicht nach unten auf dem mit Blumenbeeten bepflanzten Grab. Athos ging zu ihr, kniete nieder und drehte sie behutsam um. Mit dem, was er dann sah, hatte er beileibe nicht gerechnet. Die Bewusstlose war seine Anne, seine Anne mit dem schönen, madonnenhaften Gesicht, hinter dem sich ein hinterhältiger Charakter verbarg, der so gar nicht zu ihrem schönen Gesicht passen wollte. Diesmal jedoch war sie nicht in Samt und Seide gehüllt, sondern in ein schlichtes Gewand, wie es die Bauernmädchen und Mägde trugen. Außerdem war sie dünner geworden, die Wangenknochen waren kantiger, die Schultern schmaler. In den letzten Monaten schien es ihr nicht gerade gut ergangen zu sein. Fassungslos betrachtete er die reglose junge Frau. Wie war das möglich, dass sie jetzt hier war, er hatte sie doch vor fünf Monaten erhängt. War es überhaupt wirklich Anne, oder nur eine andere Frau, die ihr zum Verwechseln ähnlich sah? Er musste unbedingt sofort Gewissheit haben, und so schob er ihr Kleid an der rechten Schulter beiseite. Als das vermaledeite Lilienmal zum Vorschein kam, da gab es keinen Zweifel mehr, es war eindeutig Anne. Und obwohl er ihr nicht mehr viel zu sagen hatte, und ihn mit dieser Frau, die ihn so sehr enttäuscht hatte, nicht mehr viel verband, war er froh, dass sie noch lebte. Er hatte also nicht die schwere Schuld eines Mordes auf sich geladen, sie hatte irgendwie überlebt, auch wenn er sich nicht vorstellen konnte, wie das möglich gewesen war.
“Danke Gott, dass du mich von dieser Last befreist”; murmelte er leise, und hob die Bewusstlose dann behutsam auf.
Was für eine seltsame Ironie, dass er nun ausgerechnet jener Frau, die er ermordet zu haben glaubte, das Leben gerettet hatte. Auf keinen Fall wollte er sie mit in die Rue Ferrou nehmen, denn er wollte nicht, dass sie erfuhr, dass er es war, dem sie ihr Leben zu verdanken hatte.

Und so trug er sie zu einem Gasthaus, das direkt am Fischmarkt lag, und mietete dort ein Zimmer, wo er sie behutsam aufs Bett legte und zudeckte. Wie sie so dalag, das erinnerte ihn an die wenigen Monate seiner Ehe, in denen er so glücklich gewesen war, dass er die ganze Welt hätte umarmen können. Damals, wenn sie sich jede Nacht im Bett an ihn geschmiegt, zärtlich an seinem Ohrläppchen geknabbert, ihm gesagt hatte, wie sehr sie ihn liebte, sich ihm danach mit ganzer Leidenschaft hingab, hatte er sich gefühlt, als ob er auf Wolken schweben würde. Doch nun wusste er leider über sie Bescheid. Hinter dem schönen, madonnenhaften Gesicht versteckte sich eine kühle, berechnende Person, der Gefühle wie Liebe völlig fremd waren, und die stets nur auf ihren Vorteil und ihr Vorankommen im Leben spekulierte. Nein, sie war keine Frau, mit der man glücklich und zufrieden auf einem Landgut leben und gemeinsam Kinder aufziehen konnte, das hatte er an jenem Tag, als er das Lilienmal sah, schmerzlich erkennen müssen. An jenem Tag, als ihm auch klar geworden war, dass der Pfarrer keineswegs ihr Bruder, sondern ihr Liebhaber gewesen war. Welch grausames Spiel hatte sie mit ihm getrieben..seine Liebe mit Füßen getreten, und er hatte es nicht einmal bemerkt, weil er blind vor Liebe gewesen war.
Obwohl er tief im Herzen noch immer etwas für sie empfand, war eine gemeinsame Zukunft nicht möglich. Nein, sie sollte ihn niemals wiedersehen. Nun, da er über sie Bescheid wusste, konnte er nicht mehr mit ihr zusammenleben so wie damals, es war unmöglich, das Vertrauen war zerstört.
Tief in Gedanken versunken ging er zum Fenster und blickte hinaus. Draußen ertönte lautes Knallen, und bald darauf sah Athos die ersten leuchtend bunten Lichtkaskaden am Himmel, die das neue Jahr einleiteten, und die Glocken sämtlicher Pariser Kirchen und der Kathedrale von Notre Dame läuteten zum Jahreswechsel. In diesem Augenblick empfand Athos in sich einen Frieden wie seit fünf Monaten nicht mehr, denn in dieser Nacht war eine große Last von ihm abgefallen. Er wusste nun, dass er kein Mörder war, und dadurch, dass er ihr das Leben gerettet hatte, war ihm seine Schuld, die er damals auf sich geladen hatte, gewiss vergeben. Wegen ihm hatte sie damals ihr Leben beinahe verloren, und nun würde sie nur dank ihm weiterleben, auch wenn sie das niemals erfahren würde.
Die Strohmatratze knisterte, als sie sich unruhig auf ihrem Lager hin und her warf und leise stöhnte, sie wurde nun gewiss bald aufwachen. Leise schlich er zu ihrem Bett und legte seine prall gefüllte Geldbörse auf den Nachttisch. Sie kämpfte hart ums Überleben, das konnte er ihr ansehen, und er war sich sicher, dass ihr das helfen würde, irgendwo ein neues Leben anzufangen. Seine Ehre gebot es, ihr zu helfen, trotz allem was geschehen war. Bevor er den Raum verließ, beugte er sich zu ihr hinunter und streichelte zärtlich ihre Wange.
“Ich wünsche Euch alles Gute, Anne. Vielleicht werdet Ihr ja irgendwann ein besserer Mensch. Möge Gott Euch helfen.”
Dann verließ er den Raum und schloss leise die Tür hinter sich.
Wenig später stand er wieder auf der Straße und machte sich auf den Heimweg, wobei er immer wieder lächelnd zum Nachthimmel, der noch immer von dem bunten Feuerwerk erhellt wurde, aufblickte. Seltsam, er hatte in seinem Leben schon so viele Feuerwerke gesehen, doch dieses erschien ihm nun so wunderschön wie nie zuvor.
Als er dann in seiner Wohnung in der Rue Ferrou ankam, lief Grimaud sofort los, holte eine Flasche Wein und einen Korkenzieher.
“Nein, Grimaud, heute keinen Wein. Ich denke, ich werde ab jetzt nur noch ein Glas am Tag trinken. Ab jetzt gibt es nichts mehr, das ich vergessen muss.”
Dann schickte er seinen Diener zur Gendarmerie, wo er Meldung machen sollte, damit sie den Mann aus der Leichenhalle holten und einsperrten. Später sollte sich dann herausstellen, dass der Mann ein seit langem von der Pariser Polizei gesuchter Frauenmörder war.
Es tat Athos noch immer weh an Anne zu denken, doch nun gab es keine Schuldgefühle mehr, die ihn innerlich zerfraßen. Er glaubte fest daran, dass sich für ihn nun alles zum Guten wenden, dass diese Silvesternacht für ihn der Beginn eines Neuanfangs sein würde.

 

 

7. Athos und der Geist

Paris, 24. Dezember 1628

Früher hatte Athos Weihnachten geliebt, doch nun grauste es ihm jedes Jahr aufs Neue vor diesem Fest. Sieben Jahre war er jetzt schon in Paris bei den Musketieren, und noch immer lag seine Vergangenheit wie ein schwerer Schatten auf seiner Seele. Nachts konnte er nur schlafen, wenn er viel Wein getrunken hatte, und selbst dann sah er in seinen Alpträumen immer wieder Annes Gesicht, es schien ihn regelrecht zu verfolgen. Nun war sie tot, und er gab sich die Schuld daran, obwohl ihm und seinen Freunden wegen ihrer Morde gar keine andere Wahl geblieben war. Dennoch sagte er sich jetzt oft, dass sie sie eigentlich einem Gericht hätten übergeben müssen, dass es Unrecht gewesen war, einfach selbst über sie das Todesurteil zu sprechen und durch den Henker von Lillé vollstrecken zu lassen. Genauso wie es Unrecht gewesen war, sie damals einfach aufzuhängen, auch das bereute er zutiefst. Sie hatte ihn nie geliebt, das wusste er, seitdem er die Lilie entdeckt hatte, aber hätte es nicht genügt, sie einfach nur zu verstoßen und sich scheiden zu lassen?
Mit einem Handzeichen gab er seinem Diener Grimaud zu verstehen, dass er ihm eine neue Flasche spanischen Wein bringen, und dann das Fenster schließen sollte. Irgendwo draußen sangen ein paar Kinder Weihnachtslieder, und er konnte diese Lieder nicht ertragen, weil sie ihn an glücklichere Zeiten erinnerten. An die Weihnachtsfeste mit seinen Eltern und seinem Bruder, und an das einzige Weihnachten, das er mit Anne gefeiert hatte, als sie noch glücklich gewesen waren, als er noch nicht gewusst hatte, dass sein Glück nur eine Illusion gewesen war. Seltsam, obwohl seine Gefühle für sie längst erkaltet waren, tat es entsetzlich weh, daran zu denken, wie sie ihn einst unter dem Weihnachtsbaum zärtlich geküsst hatte, und ihm ewige Liebe geschworen hatte. Damals waren sie gerade einen Monat verheiratet, und er so glücklich gewesen, dass er das Gefühl gehabt hatte auf Wolken zu schweben. Nein, er wollte diese Lieder nichts hören, und von Weihnachten nichts mitbekommen. Porthos hatte letzten Monat Madame Coquenard geheiratet und ihn, Aramis und d´Artagnan in die Ochsengasse zu einem Festessen am Heiligen Abend eingeladen, aber er hatte freundlich abgelehnt, weil ihm, genau wie jedes Jahr, nicht nach Feiern zumute war. Für seine drei Freunde war dies nichts Neues, denn jedes Jahr an Weihnachten zog Athos sich in seine Wohnung zurück und kam meist bis zum 27. Dezember, wenn die Feiertage zuende waren, nicht mehr heraus. Trotzdem boten sie ihm jedes Jahr an, gemeinsam zu feiern, obwohl sie bereits ahnten, dass er ablehnen würde. An Weihnachten und am 13. Juli war es meistens so, dass Athos sich zurückzog und für niemanden zu sprechen war, an diesen Tagen wollte er einfach nur in Ruhe gelassen werden, und sich ins Vergessen trinken. So hatte er von den letzten sechs Weihnachtsfesten nichts mitbekommen, weil er sich fast bis zur Besinnungslosigkeit betrunken hatte.

Grimaud, der die Zeichensprache seines nicht viele Worte machenden Herrn mittlerweile meistens richtig deutete, brachte ihm eine neue Flasche Wein, und schloss das Fenster.
Nun waren die Gesänge nicht mehr zu hören, und Athos konnte sich einreden, dass es ein Tag wie jeder andere war. Ein Tag der nichts bedeutete.
Obwohl es noch früh am Abend war, und draußen gerade erst die Sonne unterging, war er bereits bei seiner dritten Flasche angelangt, und er wusste schon jetzt, dass es nicht die letzte an diesem Abend sein würde. Er machte sich gar nicht erst die Mühe, den Wein in einen Becher einzugießen, sondern trank direkt aus der Flasche. Noch zeigte der Alkohol bei ihm keine Wirkung, er fühlte sich noch völlig nüchtern, also deutete er Grimaud mit Handzeichen an, ihm zwei weitere Flaschen auf Vorrat hinzustellen.
Nun wollte er einfach nur noch alleine sein, nicht einmal sein Diener sollte ihn so sehen, und so gab er Grimaud durch Handzeichen zu verstehen, dass er nun gehen dürfe und bis zum nächsten Morgen entlassen sei. Er wusste, dass sein Diener eine Schwester hatte, die als Näherin in Paris arbeitete, und die er regelmässig besuchte, also würde Grimaud vermutlich erst morgen früh zurückkehren. So lief das in jedem Jahr an Weihnachten ab.
Nachdem der Diener die Wohnung verlassen hatte, leerte Athos seine Flasche mit wenigen Zügen, und machte sich dann daran, die vierte Flasche für diesen Abend zu entkorken. Ihm war eiskalt, obwohl Grimaud ein Feuer im Kamin entzündet hatte, kam es ihm so vor, als ob ein eisiger Lufthauch durch das Zimmer wehen würde. Draußen war es mittlerweile dunkel geworden, und der Kamin tauchte den Raum in spärliches Gesicht. Es hatte wieder zu schneien begonnen, und obwohl das Fenster geschlossen war, konnte er die Glocken verschiedener Kirchen von Paris läuten hören, die zur Christmette riefen. Das Glockengeläute erinnerte ihn wieder an seine Kindheit, als er mit seinen Eltern und seinem Bruder die Messe in La Fére besucht, und sich gespannt gefragt hatte, welche Geschenke ihn zu Hause erwarteten, und an die einzige Christmette, die er gemeinsam mit Anne besucht hatte, als er noch glaubte, dass ihr Glück ganz und gar vollkommen wäre. Mit einem Pferdeschlitten waren sie zur Kirche von La Fére gefahren, und er hatte ihr seinen Umhang um die Schultern gelegt, weil sie fror, sie hatte im Schlitten ihren Kopf an seine Schulter gelegt, und sich ganz eng an ihn geschmiegt. Und während sie durch den Wald fuhren, hatten sie schon das Glockengeläut hören können, ihm war ganz feierlich zumute gewesen, und in diesem Moment hatte er sich als der glücklichste Mensch der ganzen Welt gefühlt, und nicht geglaubt, dass sich das jemals wieder ändern würde.
Er setzte erneut die Flasche auf, denn er wollte sich so schnell wie möglich ins Vergessen trinken, diese Bilder vergangener, glücklicherer Tage taten einfach zu weh. Nichts von dem, was er sich als junger Mann erträumt hatte, war in Erfüllung gegangen, und mittlerweile sagte er sich oft, dass es doch gleichgültig war, dass er nicht, so wie er es sich immer gewünscht hatte, auf La Fére inmitten einer lärmenden Kinderschar mit einer Frau die ihn aufrichtig liebte lebte. Nein, den Frauen würde er nie wieder vertrauen können, nicht nach dieser Geschichte mit Anne, er wollte so etwas nicht noch einmal erleben. Den Frauen ging er lieber aus dem Weg, auch wenn er den Preis dafür kannte, denn er wusste, dass er so niemals Kinder haben würde. Und oft sagte er sich, dass er sich damit längst abgefunden hatte, und verdrängte seine Gefühle so gut er konnte.

Seine Hände zitterten, und die Flasche fiel ihm vor Schreck aus der Hand, als plötzlich Anne vor ihm stand…Mylady..jene Frau, die sein Leben zerstört, ihm den Glauben an die Liebe und seine Zukunft genommen hatte. Sie stand vor dem Kamin und schaute zu ihm herüber, und ihm liefen eisig kalte Schauder über den Rücken, als ihre Blicke sich trafen. Ihre blassblauen Augen…die ebenmäßigen Wangenknochen, die feingeschnittenen Gesichtszüge, die gerade Nase, die vollen, rosigen Lippen, die blasse Haut und das lange hellblonde Haar, die schneeweißen, zierlichen Hände…sie war es, ganz eindeutig, er hätte sie überall sofort wiedererkannt. Er hatte nur für einen Moment zum Fenster geblickt, und als er wieder zum Kamin schaute, war sie plötzlich dagewesen. Einfach so, wie aus dem Nichts.
Er kannte das schon..nicht genug dass er Alpträume hatte, in denen sie ihm erschien, nein, seit ihrem Tod hatte er auch tagsüber im Wachzustand häufig das Gefühl gehabt, sie zu sehen, einmal bei der Wache im Louvre, zweimal in seiner Wohnung, dreimal in einem Gasthaus, und einmal, als er an der Seine gewesen war. Seine Freunde, die meistens bei ihm gewesen waren, hatten sie jedoch nicht sehen können, und sie meinten, es läge an einer Mischung aus Alkohol und Schuldgefühlen, dass er sie immer wieder zu sehen glaubte, es sei nichts als eine Halluszination. Jedes Mal, wenn er sie sah, hatte sie das blaue Kleid getragen, dass sie bei ihrer Hinrichtung angehabt hatte. Wenn er sie irgendwo erblickte, dann hatte sie nie etwas gesagt, und ihn immer nur mit einem nicht zu deutenden Blick bedacht.
“Ihr seid gar nicht wirklich da, ich bilde mir das nur ein!”; rief er laut aus, “ich sehe Euch nicht wirklich, daran ist nur der Alkohol schuld! Verflucht, vielleicht sollte ich wirklich weniger trinken! Ihr seid gar nicht hier!”
Es war jedes Mal das Gleiche gewesen, er hatte sie immer nur kurz gesehen, dann war sie verschwunden. Und in diesen Halluszinationen war sie keineswegs eine grausige, enthauptete Leiche gewesen, die ihren Kopf in den Händen trug, sondern die betörende Schönheit, die sie zu Lebzeiten gewesen war, und die eine Reinheit und Unschuld ausstrahlen konnte, die sie gar nicht besaß.
Aber dieses Mal verschwand sie nicht. Stattdessen kam sie näher an ihn heran, bis sie direkt vor ihm stand, und je näher sie kam, umso mehr fröstelte es ihn. Und dann, als sie ihre schneeweißen, zarten Hände auf seine Schultern legte und ihn aus dem Lehnstuhl, in dem er seit Stunden saß, zog, wurde ihm klar, dass es sich hier keineswegs um eine Halluszination oder um einen Traum handelte. Ihre Hände waren kalt wie Eis, das waren nicht die Hände eines lebendigen Menschen…er hatte es ihr mit einem Geist zu tun, und sie war gekommen, um sich an ihm zu rächen. Eine Dämonin, eine Wiedergängerin, die man nie gänzlich töten konnte..nur so erklärte es sich, dass er sie zurückgekehrt war, obwohl er sie gehängt hatte.

Athos war klar, dass nun sein letztes Stündlein geschlagen hatte. Gegen einen Geist konnte niemand bestehen, weil man einen Gegner, der schon tot war, nicht einfach so außer Gefecht setzen konnte. Und er zweifelte nicht daran, dass sie gekommen war, um sich zu rächen. Während ihre Hände auf seinen Schultern lagen, ging eine Kälte durch seinen Körper, die kaum zu ertragen war, in diesem Moment schien sein ganzes Leben noch einmal vor seinem inneren Auge vorbeizuziehen.
Das war es also jetzt, dachte er sich erschüttert, jetzt hat sie ihre Rache doch noch bekommen. Aber ich verdiene es wohl, ich habe sie damals aufgehangen und bin somit kein bisschen besser als sie. Wir hätten sie vor ein Gericht bringen müssen, wir haben nicht das Recht gehabt, selbst das Todesurteil zu sprechen.
Myladys Geist ließ nun seine Schultern los, stattdessen nahm sie seine Hand und zog ihn mit sich zum Fenster herüber. Sie sprach noch immer kein Wort…konnten Geister überhaupt sprechen? Er versuchte sich loszureißen, aber ihre Hand hielt die seine so fest gepackt, dass ihm das nicht möglich war, als Geist schien sie eine Körperkraft zu besitzen, die es ihr sogar möglich machte, sich einem kampferprobten Soldaten zu widersetzen. Wollte sie ihn etwa aus dem Fenster stürzen? War das die Todesart, die sie ihm zugedacht hatte?
Nun haben die Geister der Vergangenheit mich im wahrsten Sinne des Wortes eingeholt, dachte er sich, das entbehrt wohl nicht einer gewissen Ironie.
Jeder würde denken, dass er sich selbst aus dem Fenster gestürzt hatte, weil er seinem Leben ein Ende setzen wollte, oder dass er einfach im Zustand völliger Trunkenheit versehentlich hinausgestürzt war. Und was erwartete ihn erst, wenn er tot war? Würde sie ihn dann noch weiter quälen? Sie war als Geist zu ihm zurückgekehrt, das deutete nicht gerade darauf hin, dass das Böse im Leben nach dem Tod keine Macht besaß. Wenn solche böse Geister die Macht hatten, ihn heimzusuchen und zu töten, war es dann nicht möglich, dass es gar keinen Himmel gab, dass vielleicht etwas anderes, Bedrohliches auf ihn wartete, wenn er sein Leben aushauchte? Sie hielt seine Hand fest gedrückt, und es fühlte sich so kalt an, als ob er einen Eisklumpen in den Händen hielt, ihre Haut war eisigkalt und fühlte sich wie etwas Totes an. Und die Kälte aus ihrer Hand schien in seinen ganzen Körper zu wandern.
Als sie beim Fenster anlangten, öffnete sie es tatsächlich, und er glaubte, dass nun alles zu Ende war, denn niemand konnte einem rachsüchtigen Geist entkommen.
Doch dann tat sie etwas anderes, womit er nicht gerechnet hatte. Sie legte seine Hand draußen auf das verschneite Fensterbrett, und nutzte seine Hand dazu, um etwas in den Schnee zu schreiben, bewegte seinen Zeigefinger so hin und her, dass das Wort “Notre Dame” entstand.
Dann ließ sie seine Hand los, und blickte ihn traurig an. Dieser traurige Blick war so ganz anders als der hasserfüllte Blick, den sie ihm im Gasthaus zum roten Taubenschlag zugeworfen hatte, und er war sich sicher, dass sie ihm mit diesem Blick irgendetwas sagen wollte. War sie womöglich gar nicht gekommen um sich an ihm zu rächen? Aber was wollte sie dann von ihm? Was hatte es mit Notre Dame auf sich?
“Was soll das heißen? Was wollt Ihr von mir?”, fragte er, und blickte sie stirnrunzelnd an, “warum seid Ihr zurückkgekommen? Könnt Ihr denn keinen Frieden finden?”
Dann erst ging ihm auf, wie dumm seine Frage war…wie sollte eine Frau, die hingerichtet worden war, eine Frau, die sich ihr ganzes Leben mit ihren Rachegelüsten zerstört hatte, nach ihrem Tod Frieden finden?
Da nahm sie erneut seine Hand, und er spürte wieder diese Kälte…sie legte seine Hand auf das Fensterbrett und schrieb zwei weitere Wörter. “Elle froid”.
“Sie erfriert? Wer erfriert? Was wollt Ihr mir damit sagen?”, fragte Athos, der sich auf all das keinen Reim machen konnte.

Noch einmal führte sie seine Hand, und schrieb die Wörter “Richardis” und ein weiteres Mal “Notre Dame”.
Nachdenklich blickte er Myladys Geist an, und dann begriff er, was sie ihm sagen wollte.
“Ihr wollt mir zu verstehen geben, dass in Notre Dame eine gewisse Richardis erfriert, ist es das?”
Sie nickte eifrig, und blickte ihn eindringlich an, dann schrieb sie mit seiner Hilfe noch einmal in den Schnee der Fensterbank.
“Saveur Richardis”
“Ich soll diese Richardis retten?”, wollte er wissen, während er sich fragte, warum sie mit dieser Bitte ausgerechnet zu ihm gekommen war. Und wer war diese Richardis überhaupt?
Vielleicht irgendeine Bettlerin, die gerade dabei war, vor der Kathedrale zu erfrieren, und die Anne retten sollte, um so womöglich doch noch dem Fegefeuer entrinnen zu können?
Sie nickte erneut und blickte ihn flehend an.
“Werdet Ihr, wenn ich das für Euch tue, gehen und mir endlich meine Ruhe lassen?”
Sie nickte noch einmal, und schrieb dann zwei weitere Wörter in den Schnee.
“Allez vous”
Eigentlich widerstrebte es ihm, ausgerechnet ihr einen Gefallen zu tun, doch er hatte diese Erscheinungen satt, und keine Lust darauf, den Rest seines Lebens von ihrem Geist heimgesucht zu werden. Also würde er nach Notre Dame gehen und diese Bettlerin, oder wer auch immer diese Richardis sein mochte, vor dem Erfrieren retten, damit Myladys ihn endlich in Ruhe ließ.
Endlich hatte sie seine Hand losgelassen, und er zog sich sein blaues Justeaucorps über, darüber einen schwarzen Mantel und er legte auch sein Wehrgehänge mit dem Degen an, und als er in seine Stiefel geschlüpft war, wollte er sich gleich auf den Weg machen. Durch das Ankleiden war er abgelenkt gewesen, und als er sich nun im Raum umschaute, sah er, dass der Geist fort war. Er war sich aber sicher, dass sie ihn erneut heimsuchen würde, wenn er diese Richardis nicht rettete…warum hatte sie ausgerechnet ihn auserkoren ihr zu helfen? Obwohl sie ihn doch zu Lebzeiten mit ihrem Hass verfolgt hatte?
Und so verließ er die Wohnung und trat hinaus auf die verschneite Rue Ferrou, die an diesem Abend belebter war als sonst um diese Zeit. Unzählige Menschen aller Stände waren unterwegs zu den Messen in den Kirchen und der Kathedrale, und fast alle waren an diesem Abend in guter Stimmung.
Ein paar noch sehr junge Mägde, die kaum älter als fünfzehn oder sechzehn waren, lieften sich mit ein paar Lehrburschen lachend eine wilde Schneeballschlacht. Ein Vater ging mit seinen zwei Kindern, einem Jungen und einem Mädchen vorbei, und erklärte ihnen gerade, dass das Christkind nachher bestimmt Geschenke gebracht hätte, wenn sie in der Kirche brav wären und ruhig sitzenblieben. Athos ging weiter, und hatte die Rue Ferrou schon bald hinter sich gelassen. Ein paar Bettelkinder in löchrigen Mänteln sangen Weihnachtslieder, in der Hoffnung, von den Passanten Geld zu bekommen, die Kinder waren mager und blass, und man sah, dass sie wohl seit Tagen keine anständige Mahlzeit bekommen hatten. Tief berührt warf Athos ihnen ein paar Münzen, die er noch in der Tasche hatte zu, und ging dann rasch weiter, weil die Lieder ihn doch zu traurig stimmten. Es war eisigkalt, und er fror bereits nach wenigen Minuten, dennoch ging er weiter, weil er genau wusste, dass sie ihn sonst wieder heimsuchen würde. Es war so kalt, dass die Seine zugefroren war, und trotz der späten Stunde vergnügten sich dort noch Kinder und Erwachsene beim Schlittschuhlaufen, und ein Verkäufer bot geröstete Kastanien an, ein anderer Glühwein. Athos kaufte sich einen Becher Wein und eine Tüte mit Kastanien, die Tüte steckte er in seine Manteltasche, den heißen Würzwein trank er gleich, um sich etwas aufzuwärmen. Wehmut überkam ihn, als er sah, wie ein Mann seinem Sohn, der auf dem Eis hingefallen war, beim Aufstehen half, und ihn liebevoll tröstete. Kurz darauf konnte der kleine Junge wieder lachen, und fuhr an der Hand seines Vaters weiter.
Ich werde niemals Kinder haben, dachte Athos traurig, damit muss ich mich abfinden, die Dinge sind eben so wie sie sind. Leise seufzend überquerte er die Brücke über die Seine, und hörte schon von weitem das Glockengeläut von Notre Dame, wo gleich die Christmette beginnen würde.

Richardis hatte jedes Zeitgefühl, und wusste nicht, wie lange es jetzt schon her war, dass die Amme sie hier vor der Kathedrale zurückgelassen hatte. Bevor sie losgegangen waren, hatte sie ihr bestes Kleid, das rote Brokatkleid, das ihr die Mutter zu ihrem sechsten Geburtstag im Februar geschenkt hatte, und ihren dicksten Mantel, den mit Pelz gefütterten, angezogen, dann hatte sie ihr einen großen Lederbeutel mit Essen und Wasserflaschen gepackt, und mit ihr das Palais am Place Royale verlassen.
Im Herbst war ihre Mutter gestorben, und Richardis litt sehr unter dem Verlust, war noch zu klein, um zu begreifen was da geschehen war. Die Amme hatte ihr gesagt, dass der Palais nun nicht mehr ihrer Mutter gehörte, sondern wieder dem Kardinal, ebenso wie das Vermögen der Mutter.
Seitdem sie wusste, dass ihre Mutter tot war, weinte sie sich jede Nacht in den Schlaf, hatte niemanden, der sie tröstete, denn die Amme hatte sich nie so liebevoll um sie gekümmert wie ihre Mutter, wenn sie sie besuchte und für ein paar Tage im Palais geblieben war. Sie konnte noch immer kaum glauben, dass sie die Mutter nie wiedersehen würde, und dass nun auch noch die Amme sie im Stich lassen wollte.
Madame Catherine hatte seit ihrer Geburt für sie gesorgt, und gestern hatte die Amme ihr mitleidlos gesagt, dass sie jetzt nur noch eine mittellose Waise sei, und ihre Mutter sie nur bis Dezember im Voraus bezahlt habe, nun aber niemand mehr da sei, der sie weiter dafür entlohnen konnte, sie großzuziehen. Madame Catherine, die bereits eine andere Stelle als Kinderfrau in einem vornehmen Haushalt gefunden hatte, hatte ihr gesagt, sie könne sie auf keinen Fall dorthin mitnehmen und durchfüttern, und sie müsse ab jetzt für sich selbst sorgen, sie hätte ja nur noch zwei Monate bis zum siebten Geburtstag, und in den Webereien und Wäschereien der Stadt nähmen sie schon Siebenjährige, und in dem Beutel hätte sie ja was zu essen für bis zu drei Tage.

Dann war die Amme einfach fortgegangen, und hatte sie inmitten der Menschenmassen vor der Kathedrale zurückgelassen. Richardis klammerte den Beutel fest an sich, ihre Augen waren vor Angst weit aufgerissen und sie zitterte am ganzen Körper. Sie hatte keine Ahnung, was es bedeutete, für sich selbst sorgen zu müssen, auf sich alleine gestellt zu sein, denn bisher war immer dafür gesorgt worden, dass es ihr an nichs mangelte. An diesem Tag war es so eisig kalt, dass die Kälte ihr bis unter den dicken Mantel kroch, und ihr Atem zu Kondenswolken gefror.
Nun läuteten die Glocken von Notre Dame, und es wurde bereits dunkel. Sie war noch nie alleine draußen unterwegs gewesen, und schon gar nicht im Dunkeln, das machte ihr ganz furchtbare Angst. Die Christmette würde bald beginnen, und nun strömten die Menschen von allen Seiten zur Kathedrale, doch niemand beachtete das frierende, verstörte Kind. Richardis überlegte bereits, ob sie nicht auch in die Kirche gehen sollte, um sich ein wenig aufzuwärmen, doch sie bekam gar nicht erst die Möglichkeit, diesen Entschluss in die Tat umzusetzen.
Eine Gruppe von mindestens vierzehn zerlumpten, teils barfüßigen, blassen mageren Kindern,im Alter zwischen fünf und etwa fünfzehn Jahren,  kam genau auf sie zu, und bildete einen Kreis um sie, so dass ein Entkommen unmöglich war.
“Na, Prinzesschen? Hast wohl deine Eltern verloren, als du auf dem Weg in die beheizte Kirche warst? Und nachher gehts bestimmt zum Festschmaus ins warme, gemütliche Haus?”; fragte ein etwa dreizehnjähriges Mädchen, das einen völlig zerlumpten Mantel trug und sich Stoff um die Füße gewickelt hatte, weil es keine Schuhe besaß, sie in gehässigem Tonfall, “in der Kirche ist es so schön warm, da brauchst du doch diesen schönen Mantel nicht!”
Aufgrund ihrer Korkenzieherlocken, die die Amme ihr immer mit der Brennschere gemacht hatte, und ihrer vornehmen Kleidung, hielten die Kinder sie für ein reiches, behütetes Mädchen, das sich verlaufen hatte, dabei würde sie ab jetzt, genau wie diese Kinder, bitter um ihr Überleben kämpfen müssen.
Das Mädchen winkte einen höchstens elfjährigen Jungen zu sich heran, der ihr wie aus dem Gesicht geschnitten war.
“Paul, nimm du ihren rechten Arm, ich nehm ihren linken, den Mantel muss ich haben…”
Als die beiden an ihren Armen zerrten fiel der Beutel, den die Amme ihr gegeben hatte, in den Schnee, und Brot, Käse  und Wurst, die sie ihr mitgegeben hatte, kullerten mitsamt den Wasserflaschen aus dem Beutel heraus. Schnell wie der Blitz sammelten die Mitglieder der Kinderbande die Lebensmittel ein, ein Junge steckte sich, als er sich vergewissert hatte, dass die anderen ihn nicht beobachteten, rasch ein Stuck Wurst in den Mund, kaute kurz und schlang es dann hastig herunter.
Den älteren Kindern hatte die zierliche Richardis nichts entgegenzusetzten, und so gelang es diesen problemlos, ihr trotz heftiger Gegenwehr ihren Mantel auszuziehen, ihren Seidenschal nahmen sie ihr ebenfalls weg, und auch ihr goldenes Armband, das die Mutter ihr letztes Jahr zu Weihnachten geschenkt hatte.
“Na los, verzieh dich in die Kirche zu deinen reichen, vollgefressenen Verwandten, Prinzesschen”; höhnte der Junge namens Paul und schubste sie grob zu Boden.
“Paul, Jean-Luc, zieht ihr die Stiefel aus, die können wir auch noch brauchen”; befahl das Mädchen, das in dieser Gruppe das Sagen zu haben schien, ihrem Bruder und einem anderen jungen, und die beiden zerrten der laut schreienden und nach ihnen schlagenden Richardis schadenfroh grinsend die kostbaren Lederstiefel von den Füßen.
“Kommt, lasst uns in die Katakomben zurückgehen, das reicht für ein Festessen, Vater Hugo wird sehr zufrieden mit uns sein”; rief seine Schwester, und die ganze Kinderbande folgte ihr.
Nun, da sie den dicken Mantel nicht mehr hatte, war Richardis der schneidenden Kälte schnutzlos ausgeliefert, denn das Kleid alleine bot nicht viel Schutz. Und nun, da sie die Socken nicht mehr trug, waren ihre Stiefel schon bald vom Schnee durchnässt. Noch immer gingen Menschen in die Kathedrale hinein, aber niemand hatte ihr geholfen, als die Kinder sie beraubt hatten.
Das Mädchen lehnte sich mit dem Rücken an eine Wand der Kathedrale und kauerte sich zusammen, in der Hoffnung, dann die Kälte nicht mehr so zu spüren. Tränen liefen ihr über die Wangen, als sie an das letzte Weihnachtsfest dachte, als die Mutter mit ihr den Baum geschmückt, und ihr eine schöne Halskette geschenkt hatte, ein mit kleinen Diamanten umringter Saphir, den die Straßenkinder glücklicherweise nicht gefunden hatte, weil sie ihn in einer Tasche ihres Kleides versteckt hatte. Sie hatte ihn in die Tasche gesteckt, damit die Amme ihn nicht fand, denn Madame Catherine hatte den Schmuck ihrer Mutter eingesteckt, alles was sie finden konnte, bevor sie mit ihr das Palais verließ, um Weihnachten bei einer ihrer Tanten zu verbringen, bevor sie nach Avignon zu ihren neuen Arbeitgebern aufbrach. Das Haus am Place Royale war jetzt nicht mehr ihr Zuhause, dort würde nun bald, wie die Amme gesagt hatte, eine Nichte des Kardinals einziehen.
Sie konnte gar nicht mehr aufhören zu weinen, sie weinte um ihre Mutter, die sie niemals wiedersehen würde, um das Zuhause, das sie nun nicht mehr hatte, so einsam wie jetzt hatte sie sich noch nie gefühlt, und sich noch nie so gefürchtet. Und nun hatte sie nicht einmal mehr den warmen Mantel, ihre Stiefel und die Nahrungsmittel, die die Amme ihr mitgegeben hatte, sie war nun noch ärmer als diese Straßenkinder. Ihre Finger fühlten sich steif an, ihre Füße ebenfalls, die Kälte kroch nun erbarmungslos durch ihren kleinen Körper. Die Finger waren blau angelaufen, und sie wollte aufstehen, aber dafür fühlte sie sich bereits viel zu schwach.
“Bitte…helft mir doch…”, flehte sie die Menschen an, die zum Hauptportal in die Kirche hineingingen, doch die meisten beachteten sie gar nicht, man hielt sie vermutlich für eines der Bettelkinder, von denen es hier nur so wimmelte. Eine Frau warf ihr eine Münze zu, bevor sie in der Kathedrale verschwand, doch ein alter Mann schnappte sich diese Münze, bevor sie auch nur danach greifen konnte. Ihr wurde allmählich klar, dass hier auf der Straße nur das Recht des Stärkeren galt, und hier niemand dafür sorgen würde, dass sie etwas zu essen und ein warmes Bett hatte. Einige der Bettler hatten sich ein Feuer gemacht, aber als Richardis sich an dieses Feuer stellen wollte, schubste ein alter Mann sie so grob beiseite, dass sie zu Boden fiel. In dieser rauen Welt der Armen, in der jeder um sein eigenes Überleben kämpfen musste, kümmerte sich niemand um die Nöte eines kleinen, hilflosen Mädchens, Richardis Leid konnte diese Menschen, die selbst so viel Leid erlebt hatten, nicht berühren, denn die harten Jahre auf der Straße hatten die meisten innerlich so sehr abstumpfen lassen, dass sie zu Gefühlsregungen wie Mitleid gar nicht mehr fähig waren.
“Mir ist so kalt”; wimmerte sie mit schwacher Stimme und schniefte leise, “bitte helft mir doch…”
Ihr wurden allmählich die Glieder schwer, und die Augen fielen ihr zu. Jetzt einfach nur noch schlafen…sie war so müde…und wenn sie schlief, würde ihr vielleicht nicht mehr so kalt sein. Und so lehnte sie sich gegen die Mauer und schloss die Augen, und niemand achtete auf das Mädchen, denn hier im Schatten der Kathedrale wimmelte es nur so von Bettlern, und im Dunkeln konnte man ihr kostbares rotes Kleid nicht so gut erkennen.
Als sie die Augen wieder öffnete, stand auf einmal ihre Mutter vor ihr und lächelte….dann beugte sie sich zu ihr herunter und küsste sie liebevoll auf die Stirn. Richardis war irritiert…hatte die Amme sie etwa angelogen, als sie ihr gesagt hatte, die Mutter wäre tot und käme nie wieder zu ihr.
“Mutter…Ihr seid zu mir gekommen…bin ich froh, dass Ihr gar nicht tot seid..ich hab Euch lieb…”
Die Lippen der Mutter fühlten sich eisig kalt an, wahrscheinlich fror sie genauso wie Richardis selbst.
“Ihr friert ja auch, Mutter, kommt, lasst uns ins Palais zurückgehen und den Baum schmücken…die Amme hat behauptet Ihr wärt tot, und der böse Kardinal hätte uns unser Palais weggenommen. Die ist so gemein, Mutter, ich will sie gar nicht mehr als Amme haben. Sagt, könnt jetzt nicht für immer bei mir bleiben?”
Die Mutter strich ihr liebevoll über die Wange, und ihre Hand fühlte sich dabei kalt wie Eis an. Dann schenkte sie ihr ein letztes, liebevolles Lächeln, drehte sich um und ging.
Richardis wollte aufstehen und ihr hinterherlaufen, aber sie war mittlerweile viel zu schwach um aufzustehen, ihr Körper wie erstarrt vor Kälte.
“Mutter, bitte…bleibt bei mir!”, rief sie laut, konnte gar nicht glauben, dass die Mutter jetzt einfach so fortging und sie hier in der Kälte sitzen ließ.
Und dann sah sie auf einmal einen fremden Edelmann auf sich zukommen, und als er näherkam, sah sie, dass er das gleiche schwarze Haar und dieselben dunklen Augen hatte wie sie.

Athos war nun bei der Kathedrale angekommen, und fragte sich, wie er hier diese Richardis finden sollte. ´
Allmählich leerte der Platz sich, die meisten Menschen waren jetzt in der Kathedrale in der Christmette, die feierlichen Gesänge waren bis vor das Portal zu hören, und der Platz vor der Kathedrale, über den ein eisiger Wind fegte, war nun fast menschenleer. Die einzigen, die jetzt noch hier draußen ausharrten, waren die Bettler, die im Schatten der Kathedrale an den Mauern kauerten, in der Hoffnung, dort etwas Schutz vor der beißenden Kälte zu finden, fast jeden Morgen fand man ein paar halb erfrorene Bettler vor der Kathedrale, das war den ganzen Winter über so. Ein paar der abgehärmten Gestalten scharten sich um eine Feuerstelle, an der nur die Stärksten unter ihnen einen Platz ergattert hatten.
Und dann sah er wieder Myladys Gestalt, der die Mauer, an der die meisten Bettler saßen, ansteuerte und ihm durch ein Handzeichen zu verstehen gab, dass er ihr folgen sollte. An der Mauer, weitab von dem wärmenden Feuer der Bettler, kauerte ein kleines Mädchen, dessen Lippen vor Kälte schon ganz blau angelaufen waren. Die Kleine trug ein rotes Brokatkleid, das ihr jedoch keinen ausreichenden Schutz vor der beißenden Kälte bieten konnte.
Myladys Geist beugte sich herab und küsste das Mädchen zärtlich auf die Stirn, strich ihm behutsam über die Wange, bevor sie sich zum Gehen wandte. Ein letztes Mal blickte sie zu Athos hin, deutete erst auf ihn, dann auf das kleine Mädchen, dann wieder auf ihn, dann drehte sie sich um und verschwand im mittlerweile dichter werdenden Schneegestöber.
“Mutter..bitte bleibt bei mir!”; rief das kleine Mädchen laut, und als Athos das hörte, wurde ihm so einiges klar.
Das Kind musste Myladys Tochter sein…wieso hatte er nicht gewusst, dass sie eine Tochter hatte? Das musste jene Richardis sein, die sie gemeint hatte, die er vor dem Erfrieren bewahren sollte.
Seine Knie wurden ganz weich, und seine Hände waren schweißnass, als er näher heranging, zu der Stelle, an der das Mädchen im Schatten der Kathedrale an der Mauer kauerte. Athos grollte Mylady immer noch wegen der Dinge, die sie ihm angetan hatte, aber dennoch war er kein Mensch, der ein hilfloses Kind einfach so dem Erfrierungstod überließ.
Das Mädchen blickte mit großen Augen zu ihm auf, und er erschrak, als er sah, wie ähnlich diese Augen seinen eigenen sahen…die Kleine war ihm wie aus dem Gesicht geschnitten und hatte dieselben schwarzen Haare und auch die gleichen ebenmäßigen Gesichtszüge wie er. Ihre Lippen waren mittlerweile blau angelaufen, und dem Musketier blieb gar keine Zeit zu grübeln, so erschüttert er in diesem Moment auch war, er musste jetzt schnell handeln.
Er zog seinen Mantel aus und legte ihn der Kleinen um die schmalen Schultern, dann hob er sie behutsam hoch.
“Habt keine Angst, Kleines, Ihr kommt jetzt erst einmal mit mir. Alles wird gut.”
“Aber…Monsieur, ich kann nicht fortgehen, meine Mutter kommt mich gewiss gleich abholen, sie war gerade erst hier”, erwiderte sie und blickte den ihr völlig fremden Mann erschrocken an, “sie würde mich niemals einfach hier so sitzen lassen. Habt Ihr sie nicht gesehen? Gerade eben war sie noch hier bei mir.”
“Eure Mutter hat mir gesagt, dass Ihr mit mir kommen sollt, Richardis. Sie kann sich im Moment nicht um Euch kümmern, und hat mich gebeten, ab jetzt für Euch zu sorgen.”
Er brachte es einfach nicht übers Herz, dem Mädchen zu sagen, dass es gerade einen Geist gesehen hatte, und seine Mutter tatsächlich tot war.
Das Kind schwieg, während er es über den menschenleeren verschneiten Platz vor der Kathedrale trug, über den nun ein eisiger Wind wehte, und blickte ihn lange Zeit nachdenklich an.
“Seid Ihr mein Vater, Monsieur? Ihr habt dieselben Augen wie ich, und Ihr seht mir wirklich sehr ähnlich”; wollte die Kleine wissen, die ihr eigenes Gesicht so häufig im Spiegel gesehen hatte, dass ihr die Ähnlichkeit mit dem des fremden Edelmannes sofort auffiel.
“Ja, Kleines, ich bin Euer Vater”; erwiderte Athos, der das erst seit wenigen Minuten wusste, und sich noch in einer Art Schockstarre befand, “und ich werde mich ab jetzt um Euch kümmern.”
“Aber…Mutter hat immer gesagt, dass mein Vater mich nicht haben wollte, und dass er Kinder gar nicht mag”; erwiderte das Mädchen und blickte fragend zu ihm auf.
“Wisst Ihr, Richardis, manchmal sagen Erwachsene Dinge, die sie gar nicht so meinen. Eure Mutter war wütend auf mich, und deswegen hat sie Euch angelogen, und mir nie gesagt, dass ich eine Tochter habe. Aber jetzt ist sie nicht mehr böse auf mich, und sie hat mir gesagt, dass sie möchte, dass ich mich um Euch kümmere.”
Sie war noch viel zu klein, um die düstere Vergangenheit ihrer Eltern begreifen zu können, und deswegen versuchte er es ihr auf diese kindgerechte Art zu erklären.
Die Kleine war nach all der Aufregung dieses Tages zu erschöpft um ihm weitere Fragen zu stellen, in seinen warmen Mantel eingehüllt, schlief sie in seinen Armen ein.

Athos war so tief berührt beim Anblick des selig schlafenden Kindes in seinen Armen, dessen Gesichtszüge den seinen so sehr ähnelten, dass ihm Tränen der Freude über die Wangen liefen.
Sicher, für ihn war es ein Schock, so plötzlich, von einer Sekunde auf die andere, Vater zu werden, er würde eine Weile brauchen, bis diese Erkenntnis eine Tochter zu haben verdaut hatte, dennoch fühlte er sich auch so glücklich wie seit über sieben Jahren nicht mehr, als er seine die schlafende Richardis betrachtete.
Als er zur Brücke kam, die über die Seine führte, sah er noch einmal Myladys Geist, der mit dem Rücken an einem Brückenpfeiler lehnte, und ihn und das Kind mit einem wohlwollenden Lächeln bedachte. Ihre Augen leuchteten vor Glück, als sie sah, dass Richardis nun ein neues Zuhause hatte, und es ihr gutgehen würde.
Sie muss dieses Kind sehr geliebt haben, dachte er sich, und es fiel ihm schwer zu glauben, dass die rachsüchtige Megäre, die ihn und d´Artagnan mit ihrem Hass verfolgt hatte, tatsächlich zu einer so tiefen Liebe fähig gewesen sein sollte. Einer Liebe, die bis weit über ihren Tod hinausging.
Obwohl er nicht vergessen konnte, was sie ihm zu ihren Lebzeiten angetan hatte, rechnete er es ihr hoch an, dass sie ihn zu seiner Tochter geführt hatte, denn wenn sie nicht gewesen wäre, hätte er sich in dieser Nacht erneut bis zur Besinnungslosigkeit betrunken, und Richardis wäre vor der Kathedrale erforen.
Nein, schwor er sich, ab heute trinke ich nur noch in Maßen, denn jetzt habe ich etwas, wofür es sich zu leben lohnt, die kleine Richardis braucht mich.
Als er mit dem schlafenden Kind im Arm an Annes Geist vorüberging, trafen sich ihre Blicke ein letztes Mal, und sie lächelte und nickte ihm kurz zu, strich Richardis noch einmal über die Wange.
“Ich danke Euch, dass Ihr sie zu mir gebracht habt”; meinte Athos lächelnd, “und ich vergebe Euch alles was Ihr mir angetan habt…Ruhet in Frieden.”
Nachdem er ihr das gesagt hatte, lächelte sie erneut, dann wurde ihr Geist so transparent, dass man durch sie hindurchblicken konnte, und entschwand schließlich ganz.
“Wo auch immer Ihr jetzt sein mögt, ich wünsche Euch, dass es nicht die Hölle ist”; flüsterte er, “was auch geschehen sein mag, für mich ist es jetzt Zeit, nach vorne zu blicken.”
Bei einem der wenigen Straßenhändler, die an diesem Abend noch arbeiteten, in der Hoffnung, etwas an heimkehrende Kirchgänger verkaufen zu können, erstand er zwei dicke, mit Blätterteig umhüllte Fleischpasteten, bei einem anderen Händler eine kleine Tüte mit kandierten Früchten. Wenn die Kleine aufwachte, würde sie bestimmt Hunger haben, sagte er sich.
Er hatte das Gefühl, dass die Schatten der Vergangenheit ihn nun endlich losgelassen hatten, und für ihn eine ganz neue Zukunft begann.

8. Die Flucht nach Ägypten

Die Flucht nach Ägypten – eine Weihnachtsgeschichte


König Herodes war nicht erfreut. Im Gegenteil, er spuckte Gift und Galle, um es beim rechten Namen zu nennen! Die Garnison von Jerusalem war vollzählig angetreten, im großen Geviert des Innenhofes seines Königspalastes, in stummer Habtachtstellung, Lanze bei Fuß, während Seine Majestät, enerviert und hochrot bis unter die Zacken seiner Krone, vor den Reihen der königlichen Streitmacht auf und ab marschierte:
„Soldaten!“ fauchte er grimmig, „Ich fasse mich kurz! Vor etlichen Tagen waren drei Ausländer bei mir, drei gewisse Gojim aus Babel, Magier, Sterndeuter oder was auch immer, und behaupteten, sie wären auf der Suche nach dem neugeborenen König der Juden! Sie hätten seinen Stern aufgehen sehen, während sie, wie üblich, oben auf dem Tempelturm hockten und ihre astrologischen Studien trieben, und sie hätten sich unverzüglich aufgemacht, in sofortigem Entschluss, um ihm zu huldigen, beladen mit kostbaren Geschenken, Gold, Weihrauch und Myrrhe! Ich war natürlich, wie man sich wohl denken kann, ob dieser Nachricht zutiefst entsetzt und schwerst beunruhigt! Ein neugeborener König der Juden?! Plant man etwa im Geheimen bereits den Umsturz?! Wartet das jüdische Volk insgeheim nur auf eine willkommene Gelegenheit, mich vom Thron zu stoßen und, wie den Sündenbock, in die tiefste Wüste zu jagen?! Dem renitenten Pöbel ist alles zuzutrauen, wie die gefährlichen Umtriebe der Judäischen Volksfront und der Volksfront von Judäa zeigen! Noch dazu haben auch die Römer schon seit geraumer Zeit ein äußerst nervöses Auge auf uns! Wir dürfen uns hier in ihrem Protektorat absolut keine riskanten Manöver und politischen Unregelmäßigkeiten erlauben, sonst ergeht`s uns womöglich wie unseren Vorvätern im babylonischen Exil! Wir müssen also diesen illegalen, vollkommen unrechtmäßigen kindlichen Usurpator schnellstens aufstöbern und ihm den Garaus machen! Ich hatte den sogenannten Weisen aus dem Morgenland befohlen, nach erfolgreicher Absolvierung ihrer Anbetung und Verehrung des neugeborenen angeblichen Königs sofort hierher nach Jerusalem zurückzukehren und mir Bericht über die Vorgänge in Bethlehem zu erstatten, aber diese ausgefuchsten Kerle machten sich einfach aus dem Staub! Daher ergeht nun mein Befehl an euch, Soldaten: Durchkämmt sämtliche Häuser Bethlehems von oben bis unten und findet dieses Kind! Und wenn ihr es aufgestöbert habt, tötet es! Wir können uns keine neuen Schwierigkeiten leisten!“
„Und wenn wir es nicht finden, Herr?“ wagte der Garnisonskommandant Ben Jussah zu fragen, „Was soll dann geschehen?“
„Dann tötet ihr einfach alle neugeborenen Knaben zu Bethlehem!“ erwiderte König Herodes aufgebracht, „Auf ein paar Sprösslinge mehr oder weniger kommt`s nicht an! Unsere Frauen sind sehr gebärfreudig, und diesen kleinen Bevölkerungsverlust gleichen wir im Nu wieder aus! Hast du mich verstanden, Hauptmann?!“
„Jawohl, Eure Majestät!“ bellte der Kommandant zurück, „Alle neugeborenen Kinder in Bethlehem ausrotten! Zu Befehl!“
„Verdammt, Hauptmann, nur alle männlichen! Und dies nur dann, wenn ihr den bewussten Knaben nicht finden könnt! Dann wird tabula rasa gemacht! Verstanden?! Alles abtreten!“
König Herodes wandte sich brüsk um und marschierte, immer noch zuhöchst enerviert und krebsrot  vom Brüllen, mit seinem purpurnen Königsmantel die Steinplatten des gepflasterten Palasthofs fegend, zurück in seinen Thronsaal –


„Hast du gehört, Ben Saul?!“ rief Ben Goliat, Soldat der königlichen Leibwache und ein Riese von gewaltigen körperlichen Ausmaßen, aufgebracht seinem Kompaniekameraden zu, einem vornehm aussehenden Krieger mit langen, schwarzen Locken, edler Denkerstirne und nobel geformter Adlernase, „Die Garnison von Jerusalem soll ausziehen, um ein Kind zu töten! – Was sagst du dazu, Ben Salomon?!“
Er wandte sich an einen jungen Soldaten mit lebhaftem Habichtsblick und scharfsinniger Miene: „Will sich der König nun vollends lächerlich machen?! Jetzt fürchtet er sogar bereits, ein Säugling könne ihm in seinem Reich gefährlich werden! Das grenzt doch an Verfolgungswahn, würde ich meinen! Oder etwa nicht?!“
„Nun, es scheint, als dienten wir einem Verrückten!“ bestätigte der junge Mann sarkastisch, sekundiert durch beifälliges, schweigendes Nicken Ben Sauls, „Und ich meine, wir sollten etwas dagegen unternehmen! Man kann doch nicht einfach tatenlos dabei zusehen, wie ein Irrer unschuldige Kinder schlachten lässt! Wie denkst du darüber, Ben David?!“
Die Frage galt einem jungen Mann mit cherubinisch sanftem Antlitz und großen, dunklen Eulenaugen – dieser lächelte zurück, verbindlich:
„Ich bin ganz deiner Meinung, mein lieber Ben Salomon! Solch schändliche Beschäftigung sollte eines elenden Meuchelmörders, doch nicht eines ehrenhaften Soldaten würdig sein! Außerdem hat mir ein Hohepriester unlängst unter der Hand verraten, die Prophezeihung der Schrift habe sich nun erfüllt, und Immanuel, der von Jahwe, gepriesen sei Sein Name! gesandte Retter Israels, hätte endlich das Licht der Welt erblickt – also kann es sich bei dem gesuchten Kind nur um diesen handeln! Wir haben somit die moralische und von Gott auferlegte Pflicht vor Ihm und Seinem Volke, den Heiland schleunigst zu finden und in Sicherheit zu bringen, bevor uns Ben Jussah und die Garnisonssoldaten zuvorkommen und das arme Geschöpf wie ein wehrloses Lamm abschlachten! Dies ist meine Meinung!“
„Nun denn,“ resümierte Ben Goliat, „dann los, meine Freunde, lasst uns einen Plan schmieden! Ben Salomon, du bist der Gewitzigtste von uns vieren – was schlägst du vor?“
„Ich schlage vor, wir verkleiden uns – dann können König Herodes und Ben Jussahs Soldaten unsere Spur nicht so leicht verfolgen! Ich habs: Wir geben uns als Römer aus! Wir rasieren uns die Bärte ab und stutzen ein wenig unser Haupthaar, dann wird uns keiner erkennen!“
„Was??“ rief Ben David, welchen ein sehr sorgfältig gekämmter, weicher Hebräerbart und mit höchster Akkuratesse gedrehte, glänzende Schläfenlocken zierten, zutiefst entsetzt, „Ich soll mir meine wohlgepflegte, biblische Barttracht abrasieren und mich kleiden wie ein römischer Goj?! Das kann nicht dein Ernst sein, Ben Salomon!“
„Ben David, du sagtest selbst, vorhin, das Leben des Erlösers stehe auf dem Spiel! Also bringe dem Allmächtigen ein Opfer dar und entledige dich deines Bartschmucks! Der Lohn Gottes wird dir dafür gewiss sein! Freund, fasse dir ein Herz und lass die Klagen – du bist schließlich Soldat und kein Prophet, nicht wahr?“
„Par interim!“ knurrte Ben David, der auch Griechisch und Latein beherrschte, „Bloß par interim, mein lieber Ben Salomon! Nun denn, so werde ich also, wie ehemals König David, aus dessen Stamme zu sein ich die Ehre habe, einen Trauerpsalm verfassen, ob der widrigen Fügung des Geschicks – “
„Ja, tu das, aber beeil dich mit deiner Poesie!“ replizierte Ben Salomon, in sichtlicher Ungeduld, „Wir treffen uns in einer Stunde am Großen Tor von Jerusalem!“
Ben Saul und Ben Goliat nickten grimmig, und man trennte sich, in schweigendem, zielstrebigem Einvernehmen –

 

Pünktlich zur vereinbarten Stunde trafen sich die Vier am angegebenen Ort. Der Chronist muss in der Tat gestehen, die Freunde waren wahrhaftig nicht wiederzuerkennen! Sie hatten ihre Kriegeruniformen gegen römische Gewänder vertauscht, die Schwerter geschickt unter den weiten Falten der Toga verborgen, das dunkle Orientalenhaar à la civis romanus getrimmt und die Prophetenbärte samt den Schläfenlocken dem Schermesser überantwortet –
„Ich sehe fürchterlich aus!“ klagte Ben David, „Was werden bloß die Schönen Jerusalems sagen, wenn sie mich dermaßen verunstaltet zu Gesicht bekommen?! Und ich fühle mich so nackt! Wie halten diese Römer das bloß aus?! Dieses tagtägliche Rasieren ist doch furchtbar zeitaufwendig und total schlecht für die Haut!“
Er befühlte sorgenvoll sein gerötetes, frisch geschabtes Kinn –
Ben Saul lächelte, in süffisantem Mitleid, angesichts Ben Davids haltloser Lamentationen – der edle Dienst am zukünftigen König und Retter Israels war ihm selber solch kleines Opfer durchaus wert!
Ben Salomon ergriff das Wort, zielstrebig und bestimmt:
„Meine Freunde!“ sprach er, „Wir sehen nun römischen Bürgern zum Verwechseln ähnlich, also sollten wir auch entsprechende Namen tragen, damit niemand Verdacht schöpft! Ich nenne mich daher ab sofort Artagnanus, zu eurer Information! Bitte merkt euch das.“
„Hm!“ versetzte Ben Goliat, „Ein pittoresker Name! Nun, ich werde mich Portus nennen, kurz und bündig – dies ist mir grad eben in den Sinn gekommen! Und du, Ben Saul?“
„Ich nenne mich schlicht Atus!“ erwiderte dieser, ohne viel Federlesens und wortkarg wie immer – blieb noch Ben David, sichtlich nicht erfreut:
„Nun gut, Ben Salo – äh, Artagnanus, da du es so willst! Ich nenne mich ab hoc Aramedes – das klingt griechisch und riecht ein wenig nach Philosoph – dies kann sicher nicht schaden! Wer würde schon Arges bei einem Mann des Geistes wähnen? Doch da fällt mir ein: Was machen wir mit unserem Hauptmann, Ben Josuah-Trevillon?! Er wird uns als Fahnenflüchtige und Verräter behandeln, wenn wir einfach so, ohne ihn zuvor um seine Erlaubnis zu bitten, nach Bethlehem abhauen – !“
„Ist schon erledigt!“ antwortete Ben Saul-Atus, „Ich habe ihn natürlich bereits pflichtschuldigst informiert. Er wünscht uns Glück und Adonais Beistand, bei unserem Unternehmen, und lässt uns sagen, wir sollen uns vor Ben Jussah und seinen Soldaten in acht nehmen! Wenn diese merken, was wir vorhaben, und uns womöglich sogar verhaften, landen wir mit Sicherheit wegen Hochverrats vor dem Tribunal des Königs Herodes, und dann könne selbst Ben Josuah-Trevillon nichts mehr für uns tun! Also Vorsicht!“
„Gut, dann lasst uns schleunigst aufbrechen!“ befahl Ben Salomon-Artagnanus, „Wir geben uns als römische Handelsleute aus, und unser geschätzter Grieche hier wird uns unterwegs ein wenig mit poetischer Philosophie versorgen!“


In Bethlehem stauten sich die Massen –
„Was in aller Welt ist denn hier los??“ fragte Ben Goliat-Portus verblüfft, während er seine hünenhafte Gestalt mühsam durch die Menschenmenge zwängte, „Kriegt man hier etwa was umsonst?!“
„Ich denke, es ist wegen der Volkszählung!“ versetzte Ben Salomon-Artagnanus, „Bleibt nur zu hoffen, dass wir in all dem Trubel das bewusste Kind auch finden! Wartet, Freunde – das große Gebäude dort drüben scheint das Haus des römischen Präfekten zu sein! Dort werden wir uns erkundigen! Atus und Aramedes, ihr beherrscht Latein, ihr werdet nach dem Kind fragen! Kommt!“
Und sofort bahnte er sich raschen Schrittes einen Weg durch die dichtgedrängte Menge, seine Gefährten im Schlepptau hinter sich herziehend –


„Was wünschen die Herren? Der Präfekt ist sehr beschäftigt!“ grunzte ein sichtlich enervierter, älterer Sekretär, krumm und gebückt im Vorzimmer am Schreibtisch hockend –
„Salve, domine!“ begann Ben Saul-Atus, sich räuspernd, „Pax tecum! Wir sind fahrende römische Kaufleute in Sachen Babyausstattung, und wir vermarkten Baumwollwindeln, Lammwolldecken, Schnullerfläschchen, Wiegen und so weiter. Gibt es hier in Bethlehem eventuell junge Familien mit neugeborenen Kindern, denen wir unsere Artikel anbieten dürfen? Unsere Lastesel sind vollbepackt mit Waren, und wir würden diese gerne in Bethlehem, wo sich doch gerade so viele Leute hier in dieser Stadt befinden, an den Kunden bringen – “
„Nun, neugeborene Kinder gibt es hier wie Sand am Meer!“ vesetzte der Sekretär beflissen, „Doch das jüngste von allen Neugeborenen scheint sich im Gasthof „Zum brennenden Dornbusch“ aufzuhalten – ein strammer Knabe, soviel ich gehört habe! Bei seiner Geburt gab es dort einigen Zulauf, man hörte des Nachts harmonisch klingenden, engelgleichen Chorgesang, und augenscheinlich ziemlich wohlhabende Leute, vermutlich gewisse reiche Onkel, erschienen zu Besuch und brachten der jungen Familie kostbare Geschenke! Dies wäre mal der eine Fall. Dann weiß ich noch von einem erst heute geborenen Mädchen, gleich hier um die Ecke, in der Barmherzigen Samaritergasse – “
„Gratias agimus tibi!“ fiel ihm Atus rasch ins Wort, „Die Eltern dieses Knaben scheinen also sehr vermögend zu sein! Da werden wir sie doch gleich aufsuchen und fragen, ob sie für ihren neugeborenen Sohn nicht noch ein paar Windeln und Decken benötigen! Vale!“
Und Ben Saul-Atus drängte seine drei Gefährten unverzüglich zur Tür hinaus.

Draußen auf der überfüllten Gasse stieß Ben Salomon-Artagnanus hervor:
„Hervorragend! Das Kind in der Herberge „Zum brennenden Dornbusch“ muss mit Sicherheit der gesuchte Knabe sein! Was meint ihr, Freunde?!“
„Natürlich.“ stimmte Ben David-Aramedes zu, „Bei welcher Geburt erschallen denn sonst Engelschöre, wenn nicht bei der Ankunft des Immanuel?!“
Und Ben Goliat-Portus erwiderte: „Außerdem handelt es sich bei diesem Geburtsort um einen Gasthof! Ich brauche dringend was zu trinken, in all dieser staubigen Hitze hier!“
„Gut, dann lasst uns sofort diese Herberge aufsuchen!“ entschied Ben Salomon-Artagnanus, „Wir dürfen keine Zeit verlieren, Ben Jussah ist uns mit seinen Soldaten sicher schon auf den Fersen! Also kommt!“


Der Wirt des Gasthofs „Zum brennenden Dornbusch“ nickte eifrig und sichtlich erfreut:
„O ja, oja!“ beeilte er sich, zu versichern, „Vor einigen Tagen stieg ein junges Ehepaar bei mir ab! Das heißt – sie sind noch nicht offiziell verheiratet, sondern nur verlobt – aber egal, ich hatte sowieso kein Zimmer mehr frei, angesichts des immensen Andrangs dieser Volkszählung wegen! Also habe ich die beiden notgedrungen im Stall untergebracht, dort ist es in der Nacht schön warm, und ebenda hat die junge Frau auch überraschend ein Kind geboren! Und nachdem kurz danach ein Haufen Leute zum Stall pilgerte, begleitet von einem Gesangschor, der schöne, feierliche Lieder zum Besten gab, so denke ich, die beiden müssen viele Freunde in der Umgebung haben! Es erschienen sogar drei ausnehmend gut gekleidete, wohlhabende Herren und ließen der jungen Familie kostbare Geschenke da! Man kann diesem Ben Joseph, so heißt der frischgebackene Vater, und seiner Mirjam also einen gewissen Bekanntheitsgrad nicht absprechen, scheint mir! Hach, es ist immer aufregend, Prominente zu beherbergen!“
„Schön und gut!“ unterbrach Ben Saul-Atus den begeisterten Redeschwall, „Wir sind reisende römische Kaufleute und möchten dem jungen Elternpaar unsere Waren anbieten! Geld haben sie ja, deinen Worten nach, genug zur Verfügung, und ein paar zusätzliche Babywindeln oder einen Schnuller kann man immer gebrauchen! Wo finden wir die drei?“
„Wie gesagt: Hinten im Stall! Zweite Tür rechts, dann quer über den Hof und das Gebäude gleich gegenüber, mit der niedrigen Holztüre – “
„Gratias agimus tibi!“ versetze Ben Saul-Atus, und die Vier machten sich sofort im Gänsemarsch daran, dem eben beschriebenen Weg zu folgen.


Im Stall herrschte stille, andächtige Ruhe –
In einem mit hölzernen Planken abgetrennten Geviert in der Ecke lag ein großer, brauner Ochse, genüsslich seine Heuration wiederkäuend, und ihm vis à vis, an einer wohlgefüllten Futterraufe, stand ein kleiner, grauer Esel und blickte aus großen, dunklen Augen aufmerksam herüber.
In der Mitte des Stalles befand sich eine mit weichem Stroh gefüllte Krippe, und davor saßen eine sehr junge, schöne Frau mit lang herabwallendem, dunklem Haar und ein bärtiger, gutaussehender Mann – beim Eintritt der vier Freunde erhob er sich sofort von seinem Schemel, zuhöchst beunruhigt, angesichts des unverkennbar römischen Aussehens der unverhofften Besucher –
„Shalom, mein Freund! Hab keine Angst und entschuldige bitte die Störung! Bist du Ben Joseph?“ fragte Ben Salomon-Artagnanus lebhaft, während er sich den beiden näherte –
„Oh, und du bist sicher Mirjam, Ben Josephs Braut!“ gurrte Ben David-Aramedes sanft, der jungen Frau mit den großen, dunklen Samtaugen galant die schmale Hand küssend –
In der Krippe begann es unwillkürlich zu brabbeln und lauthals zu krähen: Die Freunde erkannten ein kleines, rosiges Wesen, in Windeln und warme Decken gewickelt –
„Ja, ihr habt recht, meine Herren – und dies ist unser Sohn Jeschuah!“ erklärte Ben Joseph voller Vaterstolz, „Er wird sicher einmal ein berühmter Mann, nachdem seine Geburt von so vielen Wundern begleitet war! Nicht wahr, Mirjam?“
„Oh, ja!“ bekräftigte seine junge Verlobte, „Mir ist sogar, als ich schwanger war, ein Engel erschienen und hat mir geweissagt, mein ungeborener Sohn sei der zukünftige Retter Israels! Ist das nicht himmlisch?!“
„Nun, das ist ja schön und gut!“ versetzte Ben Goliat-Portus ungerührt, „Aber eure Lage, mein lieber Ben Joseph und meine liebe Mirjam, ist alles andere als rosig! König Herodes schäumt vor Wut, denn er verdächtigt euren Sohn des Hochverrats und beschuldigt ihn, den Königsthron an sich reißen zu wollen! Ihr müsst mit dem Säugling schnellstens fliehen! Herodes hat bereits den Kommandanten der Garnison von Jerusalem, Hauptmann Ben Jussah, mit seinen Soldaten auf euch gehetzt! Er kann jeden Augenblick mit seiner Kompanie hier eintreffen! Also auf! Packt das Nötigste zusammen, vergesst eure Wertsachen nicht und verlasst Bethlehem so rasch ihr könnt! Meine Freunde und ich werden euch helfen und euch in Sicherheit bringen! Ihr müsst wissen, wir sind in Wahrheit keine Römer, sondern tapfere Soldaten der königlichen Leibwache: Ben Saul, Ben David, Ben Salomon und Ben Goliat! Und wir sind entschlossen, euren Sohn, den göttlichen Immanuel, vor Herodes` Attentat zu retten!“
Ben Joseph blickte verdattert von einem zum andern:
„Was??“ stammelte er ungläubig, „Aber – wie sollte denn unser Jeschuah dem König etwas zuleide tun ?! Er ist doch bloß ein hilfloser Säugling! Wie in aller Welt – ?“
„Das müsst ihr diesen Irren selber fragen!“ knurrte Ben Saul-Atus grimmig, „Doch ich versichere euch, Ben Goliat spricht wahr, also folgt uns nun, ich bitte euch, damit Herodes` Häscher eurer nicht habhaft werden können!“
Mirjam sah zu Ben Joseph auf, aus angstgeweiteten, dunklen Rehaugen:
„Mein Liebster, wir sollten tun, was diese Herren sagen!“ drängte sie ihn, ihren Sohn aus der Krippe nehmend und ihr wollenes Schultertuch um ihn schlagend, „Komm, nimm unsere Habseligkeiten und lass uns von hier verschwinden! Mir ist so bang!“
„Beeilt euch!“ rief Ben Salomon-Artagnanus, in zunehmender Ungeduld, während Ben David den Esel herbeiführte und Mirjam galant beim Aufsitzen half, „Ben Jussah und seine Soldaten können jeden Moment hier auftauchen – oh!!“ entfuhr es ihm unwillkürlich, während er einen spähenden Blick durchs Stallfenster in den Hof warf, „Beim Allmächtigen, sie sind schon da! Und sie marschieren direkt auf uns zu – !“
Weiter kam er nicht – die Türe zum Stall wurde heftig aufgestoßen, mit brutalem Fußtritt, dass die eisernen Angeln krachten, und eine Meute Bewaffneter stürmte in den Raum – Ben Joseph wich mitsamt dem Esel und der entsetzten Mirjam auf dessen Rücken in den hintersten Winkel des Stalles zurück, hinter der breiten Flanke des Ochsen Schutz suchend, welcher, unter empörtem Muhen ob des ungewohnten Lärms, von seinem Lager aufgesprungen war –
„Oh!“ entfuhr es Ben Absalom, dem Anführer des Suchtrupps, angesichts der vier Freunde, „Meine Herren Römer, verzeiht gnädigst unser ungestümes Eindringen! Doch wir suchen dringendst ein verräterisches Kind, das die Königsmacht frevelhaft an sich reißen will! Habt ihr es vielleicht gesehen?!“
„Nein, haben wir nicht!“ brüllte Ben Goliat zurück, “Hier gibt’s kein Kind, also macht, dass ihr rauskommt! Wir sind friedliche römische Bürger und Kaufleute, die es gar nicht schätzen, dergestalt belästigt zu werden! Habt ihr verstanden?!“
In diesem Augenblick begann der kleine Jeschuah, zutiefst erregt, haltlos zu schreien –
„Ah!“ versetzte Ben Absalom, mit tückischem Grinsen, „Es scheint ja doch ein Kind hier anwesend zu sein, wie ich höre! Und seiner kräftigen Stimme nach zu schließen muss es wohl der gesuchte Knabe sein! Soldaten!“ schrie er seinen Schergen zu, „Dort hinter der Stallwand hält man es versteckt! Los, alle Mann auf die kleine Bestie!!“
„Moment!“ versetzte Ben Goliat-Portus, während er zugleich mit seinen Freunden das blitzende Schwert aus der Toga zog, mit eindrucksvollem Schwung, „Keiner von euch rührt dieses Kind an! Oder er kriegt`s mit uns zu tun! Wir sind gesetzestreue römische Bürger und lassen nicht zu, dass hier in diesem barbarischen Wüstenstaat kleine Kinder erbarmungslos gemeuchelt werden!“
„Römer, haltet euch da raus!“ schrie Ben Absalom zurück, seine Mannen um sich sammelnd, „Dies ist eine rein jüdische Angelegenheit und braucht euch nicht zu kümmern! Wir handeln auf strikten Befehl unseres Königs Herodes, also gebt den Weg frei, wenn ihr keine Bekanntschaft mit unseren scharf geschliffenen Schwertern machen wollt!“
„Ha, eure stumpfen Klingen kennen wir schon lange!“ spottete Ben Goliat-Portus, sekundiert von Ben Salomon-Artagnanus` breitem Grinsen sowie Ben Saul-Atus` verachtungsvoll schweigendem Lächeln, und Ben David-Aramedes bemerkte süffisant:
„Amice illustrissime, wir würden deinem Wunsch ja gern gehorchen, doch die Philosophie Epikurs sagt klar und deutlich, man soll ausschließlich dem Pfad der Tugend folgen! Dein Vorhaben ist mitnichten tugendhaft, im Gegenteil, es erweist sich vielmehr als infam und gottlos, daher können wir deine Bitte nicht erfüllen! Verstanden?!“
„Nun gut, meine Herren Römer, ihr habt es nicht anders gewollt!“ brüllte Ben Absalom zurück, rot vor Wut angesichts dieser exquisiten Frechheit, „Soldaten!! Zum Angriff!!“
Und damit stürmte er, an der Spitze seiner Mörderbande, mit hoch erhobenem Schwert auf die vier Freunde ein – diese fackelten nicht lange, und so entbrannte auf der Stelle ein wilder Kampf, in verbissenem, glühendem Zorn –
Ben Goliat-Portus machte seinem Namen alle Ehre, er wütete unter den Soldaten Ben Absaloms wie ein Achill unter den Recken Trojas; Ben Saul-Atus und Ben David-Aramedes verteidigten Seite an Seite die Heilige Familie in ihrem Versteck, gezielte, tödliche Hiebe nach allen Richtungen hin austeilend, und Ben Salomon-Artagnanus lieferte Ben Absalom ein wüstes Gefecht:
Behende kletterte Ben Salomon die Leiter zum Heuboden hinauf, von Ben Absalom wutschnaubend verfolgt, während die beiden einander gegenseitig mit fürchterlichen Hieben prügelten – oben auf der hölzernen Plattform angelangt, gab Artagnanus der Leiter einen Stoß, und Ben Absalom stürzte mit markerschütterndem Schrei ins Leere – mit gebrochenem Genick und verrenkten Gliedern lag er nun auf dem Steinboden des Stalles – Artagnanus ergriff ein starkes Hanfseil, schwang sich daran hinunter in die Tiefe und kam gerade zurecht, einen Soldaten niederzumetzeln, welcher Ben Goliat-Portus heimtückisch von hinten erdolchen wollte – endlich waren, mit vereinten Kräften, alle Gegner ausgemerzt, und Ben Saul-Atus verriegelte noch rasch die Stalltür, um unliebsamen Überraschungen vorzubeugen –
„Los!“ rief er. „Wir fliehen durch den Hinterausgang! Ben Joseph, komm hinter dem Ochsen hervor und führe den Esel mit Mirjam und deinem Sohn mit dir! Wir bringen euch aus der Stadt hinaus, hier dürft ihr keinen Augenblick länger bleiben! Dieser Ben Absalom und seine Leute waren bloß die Vorhut! Wir müssen verschwinden, ehe Ben Jussah mit seiner Übermacht hier eindringt!“
Ben Joseph nickte, bleich und verstört; Mirjam schluchzte, vor Angst und Fassungslosigkeit, angesichtes der blutigen Leichname in dem vorher so friedlichen Stall – doch Ben David-Aramedes trat an ihre Seite und raunte ihr zu, sanft und verführerisch:
„Schönes Mädchen, weine nicht! Meine Freunde und ich werden alles tun, um dich und deine kleine Familie zu retten! Vertraue mir und meinen Gefährten! Alles wird gut werden, du wirst sehen!“
Mirjam schaute ihm ins Antlitz, mit großen, tränenumflorten Augen – angesichts seines tiefen Blicks und seiner sachten Berührung versiegten ihre Zähren prompt – sie lächelte zurück, verschämt und errötend –
„Alles bereit zum Aufbruch!“ rief Ben Salomon-Artagnanus ungeduldig, „Ben David, lass das Schäkern! Nichts wie raus hier, meine Freunde, seid wachsam und haltet die Augen offen!“
„Worauf du dich verlassen kannst!“ knurrte Ben Goliat-Portus grimmig –

 

Die Flucht aus Bethlehem gelang – dank der dichten Menschenmengen, die sich immer noch durch die Gassen wälzten, konnten die vier Freunde und ihre Schützlinge den Soldaten Ben Jussahs erfolgreich ausweichen und endlich unerkannt das Stadttor passieren – doch was nun?!
„Ben Joseph, du musst mit Mirjam und dem Kind über die Grenze fliehen!“ stieß Ben Saul-Atus hervor, zutiefst besorgt, beim ersten Halt auf offener Landstraße, „Hier in Judäa seid ihr in absoluter Lebensgefahr, denn König Herodes wird nichts unterlassen, um euch bis in die hintersten Winkel seines Reiches zu verfolgen! Ihr müsst ins Ausland gehen – aber wohin?!“
„Hm –  wie wär`s mit Syrien?“ schlug Ben David- Aramedes vor, hilfreich –
„Nein, Syrien ist viel zu gefährlich!“ widersprach Ben Saul-Atus sofort, „Der syrische Herrscher ist illegalen Einwanderern äußerst feindlich gesinnt!“
„Wie steht`s mit Ägypten?“ fragte Ben Salomon-Artagnanus zögernd –
„Ägypten? Nun, das klingt schon besser!“ versetzte Ben Saul-Atus trocken, sich gedankenvoll übers glattrasierte Kinn streichend, „Ein reiches Land, auf kulturell hohem Niveau – Pardon, Ben David, ich weiß, die Griechen sind dir lieber! – und die Fremdenpolizei benimmt sich sehr tolerant gegenüber politischen Flüchtlingen – vor allem, wenn sie Kinder haben! Ja, ich halte Ägypten für geeignet! Was meinst du, Ben Joseph?“
„Nun, wenn es der Ratschluss Gottes ist, so wollen wir nach Ägypten gehen!“ erwiderte Ben Joseph voller Demut, „Und wenn es ein solch reiches Land ist, dann gibt es dort sicher auch moderne Boutiquen und Modehäuser – Mirjam wünscht sich zur Hochzeit ein neues Kleid! Nicht wahr, mein Täubchen?“
„Ja, Liebster! Aus himmelblauer Seide, mit weißer Schärpe aus hauchzartem Chiffon und ebensolchem Schleier!“ stimmte Mirjam sofort zu, mit leuchtenden Augen, „Und unser Jeschuah bekommt ein blitzblaues Strampelhöschen mit silbernen Stickereien – nicht wahr, mein Goldjunge?!“
Sie küsste den Kleinen auf die Stirn, liebevoll und mütterlich –
„Gut, dann ist es also entschieden!“ rief Ben Salomon-Artagnanus, fest und bestimmt, „Alles bereit zum Abmarsch! Ben Joseph, wir geleiten euch bis an die ägyptische Grenze, dann kann euch keiner unterwegs etwas anhaben! Immerhin sind wir ja repektable römische Bürger, nicht wahr?!“
Und damit setzten sich die Freunde in Marsch, guter Dinge, unter munterem, zuversichtlichem Lachen, Ben Joseph und Mirjam mit Jeschuah auf dem Esel in ihrer Mitte –

 

 

9. Der kleine Lord de Winter

Hier mal noch eine kleine Weihnachtsgeschichte von mir, sozusagen ein kleines “was wäre gewesen wenn” Gedankenspiel.
Inspiriert zu dieser Geschichte hat mich, zumindest teilweise der berühmte Weihnachtsfilm “Der kleine Lord”.

London, 23. Dezember 1628

Es war sein vierter Geburtstag, und dieser Geburtstag unterschied sich gravierend von den bisherigen seines kurzen Lebens. Seit zwei Monaten war John Francis de Winter nun schon ganz auf sich alleine gestellt, und schlug sich mehr schlecht als recht mit Betteln und Stehlen durchs Leben, was für einen Jungen, der noch vor kurzem ein kleiner Lord gewesen war, dem es an nichts fehlte, nicht gerade leicht war. Er konnte sich noch gut an sein Leben als junger Lord de Winter erinnern, an das große Schloß vor den Toren von London, in dem er mit seiner Amme und etlichen Dienstboten gelebt hatte. An seine Mutter, die ihn dort alle drei Monate besucht hatte. Dann hatte sie ihm immer viele Geschenke mitgebracht und mit ihm in dem großen Irrgarten hinter dem Schloß Fangen und Verstecken gespielt. Und abends, wenn er ins Bett musste, hatte sie ihm immer noch eine Geschichte erzählt, und einen Kuss, sowie ein kleines Stück Schokolade gegeben. John Francis liebte seine Mutter über alles, und konnte nicht verstehen, warum sie ihn in diesem Herbst nicht mehr besucht hatte.
Vor zwei Monaten war dann sein Onkel, den er kaum kannte, weil er ihn höchstens zweimal pro Jahr gesehen hatte, obwohl sie im selben Schloß lebten, zu ihm gekommen, und hatte ihm gesagt, dass seine Mutter nie wiederkommen würde, weil sie tot sei. Er war noch viel zu klein um zu verstehen, was tot sein eigentlich bedeutete, und sein Onkel hatte es ihm nicht erklärt, sondern ihm nur gesagt, dass der König ihn zum Bastard erklärt hätte, und er jetzt kein Lord mehr wäre. Er begriff auch nicht, wieso sein Onkel ihm gesagt hatte, er wäre überhaupt nicht sein richtiger Onkel, weil seine Mutter seinen Vater betrogen hätte.
Dann hatte der Onkel ihm gesagt, dass er der Amme Geld geben würde, damit sie bis zu seiner Volljährigkeit für ihn sorgen könnte, und dass er das aus reiner Barmherzigkeit täte, und es eigentlich für einen Jungen, der kein de Winter war, gar nicht tun müsste.
Doch die Amme hatte nicht für ihn gesorgt, an einem nasskalten Oktobertag hatte sie ihn nach London gebracht, und ihm gesagt, dass er ab jetzt alleine zurechtkommen müsse, weil sein Onkel sie trotz mehrmaliger Nachfrage nicht bezahlt hätte.
An jenem Tag hatte er schließlich Unterschlupf in einem leerstehenden Haus gefunden, und sich in den Schlaf geweint. Mitten in der Nacht war er dann von einer Gruppe Straßenkinder, denen dieses Haus als Unterschlupf diente, davongejagt worden. Auch jetzt fiel es dem Vierjährigen noch schwer, ein Nachtlager zu finden, denn er hatte längst erkannt, dass hier in den Straßenvon London das Recht des Stärkeren galt, und nur jene Bettler, die sich gegen die anderen durchzusetzen vermochten, ein Nachtlager und etwas zu essen ergattern konnten. Er dagegen war noch klein und es nicht gewohnt, um sein Essen kämpfen zu müssen. Schon häufiger war ihm das Geld, das barmherzige Menschen ihm zugesteckt hatten, von anderen Bettlern gestohlen worden, und er war zu klein und zu schwach, um sich dagegen zu wehren.

Jetzt, nach zwei Monaten auf der Straße, trug er noch immer die gleiche Kleidung wie an dem schrecklichen Tag, als die Amme ihn einfach in einer belebten Londoner Gasse hatte stehenlassen. Mittlerweile war von der einstigen Pracht seines weißen Seidenhemdes, der schwarzen Samthose und dem Justeaucorp aus hellblauem Brokatstoff nicht mehr viel zu erkennen, die Sachen waren verdreckt und durchlöchert, und er fror entsetzlich darin. Die Sohle seiner braunen Lederstiefel waren mittlerweile vom vielen Laufen ganz abgescheuert, und der eine Stiefel hatte vorne ein Loch, aus dem seine Zehe herausschaute. Sein hellblondes Haar war mittlerweile völlig verfilzt, sein noch kindlich rundes, blasses Gesicht verdreckt, die Wangen wirkten eingefallen, und er hatte dunkle Ringe unter den Augen.
Da es ihm nur selten gelang, etwas Essbares oder Geld zu stehlen oder zu erbetteln, war er mittlerweile nur noch Haut und Knochen, und weil er ständig der beißenden Kälte ausgesetzt war, quälte ihn ein schlimmer Husten, den er einfach nicht loswerden wollte. Tagsüber ging er öfters in die Kathedrale um sich aufzuwärmen, musste dabei jedoch aufpassen, dass der Küster ihn nicht entdeckte, denn dieser warf ihn dann immer gleich wieder hinaus. Er musste jedesmal weinen, wenn er daran dachte, dass seine Mutter ihm, als er einmal krank gewesen war, heißen Tee gekocht, und dann an seinem Bett gesessen und seine Hand gehalten hatte, bis er eingeschlafen war. Nun hatte er niemanden mehr, keine Mutter, keine Amme, keinen Onkel und keinen Vater.
Auf dem großen Platz vor der Westminster Abbey wurde ein Markt abgehalten, es gab gut sechzig Holzbuden, an denen neben Seifen, Stoffen, lebenden Tieren, Waffen und Holzspielzeug auch viele Spezereien feilgeboten wurden. John Francis, der an diesem Tag noch nichts gegessen hatte, und dem vor Hunger schon ganz schwindelig war, lief das Wasser im Mund zusammen, als ihm verschiedene verführerische Essensdüfte in die Nase stiegen. Es roch nach gerösteten Kastanien, nach frisch gebackenen Eierkuchen, nach Fleischpasteten, nach Krapfen, nach Würsten und nach Bratäpfeln.

Der Markt war mit Menschen überfüllt, die für das morgige Weihnachtsfest ihre Einkäufe erledigten. Mehrere vornehm gekleidete Herrschaften begutachteten die Weihnachtsbäume, die direkt vor der Kathedrale verkauft wurden. Junge Mägde schilderten in schlichte aber warme Mäntel gehüllt, mit prall gefüllten Henkelkörben im Arm, kichernd und tuschelnd an den Marktständen vorbei. Es hatte wieder zu schneien begonnen, und ein paar Jungen lieferten sich eine wilde Schneeballschlacht, sie rannten zwischen den Ständen hin und her, benutzten diese dabei teilweise als Deckung und bewarfen sich gegenseitig mit Schneebällen. Einer von ihnen traf dabei eine vornehm gekleidete Edeldame am Kopf, und diese schimpfte laut, als ihr kunstvoll verzierter Federhut in den Schneematsch fiel. Drei Priester wärmten sich an einem der Marktstände mit heißem Würzwein auf, und bedachten die vorübergehenden Mägde und Edeldamen mit lüsternen Blicken.
An einem der Stände kaufte ein vornehm gekleideter Edelmann Krapfen für seine drei kleinen Söhne. Traurig blickte John Francis zu den wohlgenährten Knaben hinüber, die alle drei mit Pelz besetzte Mäntel als schwarzem Samt trugen, und nun mit rosigen Wangen, übers ganze Gesicht strahlend, die Krapfen aus der Hand ihres Vaters entgegennahmen.
Was hätte er nicht alles dafür gegeben, mit einem dieser Kinder tauschen zu können. Sie hatten all das, wonach er sich mit jeder Faser seines Herzens sehnte, einen liebevollen Vater, ein richtiges Zuhause, wo sie immer genug zu essen bekamen und niemals frieren mussten. Tränen liefen dem Vierjährigen über die Wangen, und nicht nur wegen der Kälte zitterte er am ganzen Körper. Immer wieder blickte er zu dem Edelmann und seinen drei Söhnen, von denen der jüngste kaum älter war als er selbst, herüber.
Dann kam ihm ein Gedanke, und er nahm seinen ganzen Mut zusammen und ging zu der Familie hinüber, zupfte den Edelmann am Mantel.
“Monsieur?”
Als der Mann ihn sah, verengten seine Augen sich zu schmalen Schlitzen und seine Miene verfinsterte sich.
“Was willst du, Junge? Ich gebe Bettelbälgern wie dir nichts. Anstatt hier herumzulungern, solltest du dir lieber eine ordentliche Arbeit suchen, in den Webereien nehmen sie auch schon Jungen in deinem Alter.”
“Aber…ich bin kein Bettler, ich bin Lord John Francis de Winter. Ich bitte Euch, Monsieur, gebt mir etwas zu essen, ich hab so großen Hunger!”
“Wer nicht arbeitet der soll auch nicht essen! Von wegen Lord, dir geb ich gleich Lord, und zwar indem ich dir ordentlich den Hintern versohle!”, antwortete der Edelmann, während er den mageren Jungen böse anfunkelte, und ihn dann von sich weg in den Schlamm stieß.
Seine drei Söhne grinsten schadenfroh, einer der Knaben hielt John Francis den verführerisch duftenden, fetttriefenden Krapfen direkt vor die Nase, zog ihn jedoch wieder weg, bevor dieser ihn erreichen konnte, und biss gierig hinein.
“Das ist so köstlich…faule Bettler wie du haben sowas gar nicht verdient!”

Dann stand plötzlich ein Mann im Priesterhabit, der gerade aus der Kathedrale gekommen war, vor dem Edelmann und blickte ihn vorwurfsvoll an.
“Dass Ihr Euch nicht schämt, so mit dem Jungen umzugehen! Gerade an Weihnachten sollten wir doch den Armen gegenüber barmherzig sein!”
“Nun, ich kann mir ja ungefähr denken, was Ihr unter Barmherzigkeit versteht, Pater Godwin, und ich glaube nicht, dass Gott Eure Art von Barmherzigkeit gutheißen würde. Wenn sich hier jemand schämen muss, dann ja wohl Ihr!”; meinte der Edelmann, blickte den Geistlichen voller Verachtung an, und ging mit seinen Söhnen weiter.
Freundlich lächelnd half der Priester dem geschwächten, mageren kleinen Jungen beim Aufstehen.
“Alles in Ordnung mit dir, mein Junge? Wie ist dein Name? Ich bin Pater Godwin, und du hast wirklich Glück, dass du mir begegnet bist.”
“Ich bin John Francis de Winter”, antwortete er und blickte den Geistlichen schüchtern an, “und ich bin nicht in Ordnung, mir gehts schlecht, weil mir kalt ist, und ich so großen Hunger hab.”
Der Priester war zwar freundlich zu ihm, aber irgendetwas an seinem Blick war komisch und machte ihm Angst.
“Möchtest du einen Krapfen haben, John Francis? Ich kaufe dir einen. Armes Kind, ein so kleiner Junge wie du sollte nicht auf der Straße leben müssen.”
Als der Priester ihm anbot, ihm einen Krapfen zu kaufen, vergaß er sein Misstrauen und seine Augen begannen zu leuchten.
“Oh ja, bitte, kauft mir einen Krapfen!”
Als Pater Godwin ihm wenig später das noch dampfende Schmalzgebäck reichte, glaubte er zu träumen. In den letzten zwei Monaten hatte er sich fast ausschließlich von Abfall und dem wenigen, was er erbetteln konnte, ernährt, und dieser heiße, fettige Krapfen erschien ihm wie ein Geschenk des Himmels. Weil er große Angst hatte, dass der Priester es sich anders überlegen, und ihm den Krapfen wieder wegnehmen könnte, verschlag er ihn, gierig wie ein Wolf, mit wenigen Bissen. Und er wähnte sich im Paradies, als der Priester ihm danach sogar noch einen kaufte und ihn ihm mit den Worten:“Lass es dir schmecken, mein Junge”, reichte.
Weil das Knurren in seinem Magen nun nicht mehr ganz so heftig war, aß er nun langsamer, um wirklich jeden Bissen voll und ganz auskosten zu können, denn er glaubte nicht, dass er so bald wieder etwas so köstliches zu essen bekommen würde.
Ganz in der Nähe des Krapfenstandes sang ein Kinderchor unter der Leitung eines Kastraten “The twelve days of christmas” und er musste wieder an seine Mutter denken, die dieses Lied jedes Jahr am heiligen Abend mit ihm gesungen hatte. Ach, wie sehr er sie doch vermisste, es tat so weh, an sie zu denken. Er war zu klein um zu verstehen, was tot sein bedeutete, und so fragte er sich voller Angst, ob die Mutter wohl sehr traurig sein würde, wenn sie dieses Jahr zu ihm in das Schloss käme, und er nicht dort wäre. Würde sie sich dann nicht große Sorgen um ihn machen?
“Wo sind denn deine Eltern?”, fragte Pater Godwin, der für sich selbst keinen Krapfen geholt hatte, und ihn wieder mit diesem eigenartigen Blick, den er nicht zu deuten verstand, musterte.
“Mein Onkel hat mich davongejagt, und gesagt, meine Mutter wäre tot. Vater ist auch tot, schon seitdem ich auf der Welt bin. Ich weiss nicht, was tot ist, aber die Mutter hat mich lieb, sie wird am heiligen Abend bestimmt zum Schloß kommen, und ganz traurig sein, wenn sie mich dort nicht findet”; erklärte er dem Priester, während er sich den Rest des Krapfens in den Mund steckte und genüsslich kaute.
“Tot sein, das bedeutet, dass deine Eltern jetzt bei Gott im Himmel sind, und von dort kehrt niemand jemals zurück. Aber sie werden von dort aus gewiss immer über dich wachen. Hast du denn sonst niemanden mehr?”
“Nur meinen Onkel, und der will mich nicht haben, er sagt, ich wäre ein Bastard, weil meine Mutter meinen Vater betrogen hat”; antwortete er und blickte Pater Godwin traurig an, “ich gehöre zu keinem, keiner will mich haben. Bin ganz alleine.”

Der Priester strich ihm behutsam über die Wange, lächelte versonnen.
“So schöne weiche, zarte Haut. Wie alt bist du eigentlich, John Francis?”
“Heute ist mein vierter Geburtstag”, erklärte er dem Priester, dann schaute er verlegen auf seine Stiefel, weil ihm Pater Godwins Blick irgendwie unangenehm war.
“Deine Eltern werden nicht zurückkommen”; erklärte der Priester ihm schließlich, ergriff mit seiner rechten Hand das Kinn des Jungen und hob es leicht an, so dass John Francis ihm in die Augen schauen musste, “möchtest du mit mir kommen, mein Junge? Ich werde mich um dich kümmern, und du wirst ein Dach über dem Kopf und immer genug zu essen haben. Da ich aber nur ein Bett habe, wirst du bei mir schlafen müssen, und du kannst mich nachts ein wenig warmhalten. Das wäre doch schön, wenn du ein neues Zuhause hättest, was meinst du? Hier auf der Straße kannst du nicht überleben…du wärst noch vor deinem fünften Geburtstag tot. Du bist ja schon jetzt nur noch Haut und Knochen, mein Junge.”
Er blickte den Priester unsicher an. Ein neues Zuhause und immer genug zu essen, das klang wirklich gut. Aber irgendwie wurde er das Gefühl nicht los, dass mit Pater Godwin etwas nicht stimmte.
“Ich weiss nicht…”, meinte er und scharrte nervös mit den Füßen, “ich mag nicht bei Euch im Bett schlafen, Pater.”
“Aber in einem Bett zu schlafen ist doch besser als auf der Straße schlafen zu müssen. Ich bin doch dann dein neuer Vater, und ich werde mich gut um dich kümmern, wenn du willst bekommst du jeden Tag Krapfen und Fleischpastete, Mordaunt, und du kannst essen soviel du möchtest.”
“Warum nennt Ihr mich denn Mordaunt? Ich heiße John Francis!”; erwiderte er, sich zunehmend unbehaglicher fühlend.
“Mordaunt, so hieß der letzte Junge, der bei mir gelebt hat, und ich hatte ihn sehr gerne und deswegen würde es mich freuen, wenn du seinen Namen tragen würdest. Ich und Mordaunt, wir hatten viele schöne Jahre zusammen, und ich bin sicher, dass wir beide das auch haben werden.”
Dann kaufte der Priester am Nachbarstand einen Becher heißen Würzwein und reichte dem Kind den Becher.
“Hier, trink das mein Kleiner, dann wird es dir schön warm. Und dann gehen wir ins Gasthaus in mein Zimmer, da ist es schön gemütlich, und dann bade ich dich und bringe dich ins Bett. Morgen verlassen wir London und reisen weiter zu meiner Pfarrerei in Mainsbridge. Dort wirst du dann mit mir zusammen leben, Mordaunt, und es wird dir bestimmt gefallen.”
Pater Godwin machte ihm Angst, und er wollte nicht bei ihm bleiben, aber weil er so entsetzlich fror, nahm er dennoch das heiße Getränk.
Wenn ich das ausgetrunken habe, dann laufe ich weg, dachte er sich, ich mag mich nicht von dem Priester baden und ins Bett bringen lassen. Er ist irgendwie komisch.
Das heiße Getränk schmeckte gut und duftete nach Gewürzen, und es wärmte seinen durchgefrorenen Körper.
Aber ihm wurde ganz plötzlich schwindelig, mit einem Mal schien sich um ihn herum alles zu drehen, und er war auf einmal furchtbar müde, und hätte sich am liebsten mitten auf dem verschneiten Marktplatz zum Schlafen hingelegt. Er merkte, wie Vater Godwin ihn hochhob und auf den Arm nahm, er wollte das nicht, aber er war zu müde und zu schwach um zu protestieren, und so blieb er reglos in den Armen des nun schnell und hektisch atmenden Priesters liegen und schloss die Augen. Schlafen, er wollte einfach nur schlafen.
“Lasst sofort den Jungen los!”; ertönte in diesem Moment eine laute energische Stimme, “auf der Stelle, sonst muss ich meinen Degen ziehen!”

Es machte Athos und d´Artagnan nichts aus, über Weihnachten im Auftrag der Königin nach England zu reisen. Der Herzog von Buckingham war tot, aber es gab da noch zwei Briefe, die Königin Anna ihm nach England geschickt hatte, und diese Briefe sollten Athos und der Gascogner nun aus England holen, weil die Königin Angst hatte, dass sie nun nach dem Tod des Herzogs vor vier Monaten in falsche Hände fallen und sie schwer belasten könnten. Beiden Männern lag nichts an Weihnachten, weil sie keine Familie hatten mit der sie feiern konnten, für sie war es ein Tag wie jeder andere.
Und so waren sie nach England gereist und am Nachmittag des 23. Dezembers, einem kalten, verschneiten Tag, in London angekommen. Bevor sie sich als Diener verkleidet in den Palast schleichen wollten, stärkten sie sich erst einmal auf dem Markt vor der Kathedrale mit heißen Würzwein, eine Wohltat bei dieser schneidenden Kälte. Dabei fiel Athos ein Priester auf, der einem in dreckige Lumpen gehüllen hellblonden mageren Jungen von höchstens drei oder vier Jahren einen Becher mit Würzwein reichte. Die lüsternen Blicke, mit denen der Priester den Kleinen bedachte, und die seltsamen Bemerkungen, die er dem Kind gegenüber machte, weckten sogleich das Misstrauen des Musketiers.
Athos konnte sich denken, was dieser Priester mit dem bedauernswerten Straßenkind vorhatte, und er wollte auf keinen Fall tatenlos zusehen, wie der Geistliche den Jungen davontrug, um sich an ihm zu vergehen. Und so stellte er sich diesem Mann, der den Jungen nun auf dem Arm hielt, mit wütend funkelnden Augen entgegen.
“Lasst sofort den Jungen los! Auf der Stelle, sonst muss ich meinen Degen ziehen!”
Der Priester verzog missmutig das Gesicht, als er den dunkelhaarigen Musketier sah.
“Was geht Euch das denn überhaupt an?”; fauchte er Athos an, “ich gebe einem armen Straßenkind ein neues Zuhause, und wenn ich das nicht täte, würde er diesen Winter nicht überleben. Warum mischt Ihr Euch da ein? Ich habe schon viele kleine Jungen großgezogen, und aus allen ist etwas geworden.”
“Ich weiss genau was Ihr mit dem Kleinen vorhabt”, hielt Athos dem Priester entgegen, “und ich werde es nicht zulassen, dass Ihr ihn mitnehmt, Pater. Ich finde es abscheulich, was Ihr diesem Kind antun wollt. Ist Euch denn nicht klar, dass Ihr damit sein Leben zerstört? Gebt mir den Jungen, oder ich muss meinen Degen ziehen, und Euch zeigen, was ich von Kinderschändern wie Euch halte!”
Pater Godwin blickte verdrossen drein, es ärgerte ihn, dass dieser Musketier sich einmischte und ihm seine Beute, die ihm schon sicher gewesen war, wegnehmen wollte. Aber da er noch nie im Leben eine Waffe in der Hand gehalten hatte, da er als zweitgeborener Sohn eines armen Landadeligen für eine kirchliche Laufbahn bestimmt worden war, wusste er genau, dass er gegen den bewaffneten Musketier keine Chance hatte. Und außerdem sah er, dass ein zweiter Musketier in der Nähe war, der gewiss auch in das Geschehen eingreifen würde, wenn er sich weigerte den Jungen herauszugeben.

Wütend drückte er dem Musketier den schon halb eingeschlafenen Knaben in die Arme.
“Hier habt Ihr ihn, und ich könnte wetten, dass Ihr ihn nicht behalten werdet und hier zurücklasst. Bei mir hätte er es gut gehabt, hier in den Straßen Londons wird er nicht überleben. Letztendlich werdet Ihr es sein, der dieses Kind auf dem Gewissen hat.”
Athos kochte innerlich vor Wut, er verabscheute Menschen wie diesen Priester, die die Not der Straßenkinder ausnutzten um ihnen Gewalt anzutun. Als Pater Godwin sich zum Gehen wandte, rief Athos dem Gascogner etwas zu:
“d´Artagnan, zieht Euren Degen und bringt diesen Priester zu den Bütteln, sie sollen ihn einsperren. Ich werde hier auf Euch warten.”
Der frischgebackene Hauptmann der Musketiere nickte und trieb den Priester mit gezogenem Degen vor sich hier in Richtung Gerichtsgebäude.
In diesem Moment schlug der kleine blonde Junge die Augen auf. Er hatte große blassblaue Augen, und der Musketier erstarrte vor Schreck, denn diese Augen und das noch kindlich runde Gesichtchen erinnerten ihn an Mylady.

Nein, das ist doch absurd, sagte er sich, seit Myladys Hinrichtung stehe ich völlig neben mir und sehe ihr Gesicht schon überall. Das hier ist ein armer kleiner Straßenjunge, der überhaupt nichts mit Mylady zu tun hatte.
Mit großen Augen blickte er Athos an, und der Musketier war zutiefst erschüttert darüber, wieviel Leid in diesen Augen stand, diese Augen wirkten nicht wie die eines kleinen Kindes, sondern wie die eines Erwachsenen, der in seinem Leben schon viel Leid erfahren hatte. Und der arme Junge war so mager, dass er sich in seinen Armen leicht wie eine Feder anfühlte.
“Hab keine Angst, Kleiner, du bist jetzt in Sicherheit, der Priester kann dir nichts mehr tun.”
“Ich habe noch Hunger. Kauft Ihr mir einen Krapfen, Mylord?”, fragte der Knabe den Musketier.
Athos hob den Jungen behutsam herunter, und kaufte ihm gleich zwei dicke, fetttriefende Krapfen.
“Hier, lass es dir schmecken, mein Kleiner. Du kannst nachher mit mir und d´Artagnan in unser Gasthaus kommen, und morgen früh sehen wir weiter. Wir werden schon einen Platz für dich finden. Wie heisst du denn eigentlich? Ich bin Athos.”
“Ich danke Euch, Monsieur Athos, ich komme gerne mit, ich mag nicht hier auf der Straße sein. Ich bin Lord John Francis de Winter.”
Als Athos diesen Namen hörte, erstarrte er vor Schreck. John Francis de Winter..so hieß doch der Sohn von Mylady und dem verstorbenen Lord Francis de Winter.
Aber nein, sagte er sich, das kann nicht Myladys Sohn sein, es kann nicht sein, dass der kleine Lord de Winter als Straßenjunge in London ums Überleben kämpfen muss. Das hätte sein Onkel gewiss nicht zugelassen.
“Sag, mein Junge, wie alt bist du denn? Und deine Eltern..sind das Lord Francis de Winter und Charlotte de Winter?”
Der Junge nickte. “Ja, das sind meine Eltern. Woher kennt Ihr denn ihre Namen, Mylord Athos? Sie sind tot, sagt mein Onkel, aber Mutter hat mich lieb, sie wird heute noch zu mir kommen, ich werde heute vier Jahre alt, und sie kam immer an meinem Geburtstag. Ich weiss aber nicht, wie ich unser Schloss finden soll…sie wird sich bestimmt Sorgen um mich machen. Ich weiss nicht was tot sein bedeutet, der Priester sagt, dass meine Mutter jetzt bei Gott ist, aber sie kommt bestimmt wieder, weil sie mich so liebhat.”
“Warum bist du hier auf der Straße, John Francis, bist du fortgelaufen?”, wollte Athos wissen, dein Onkel wird sich gewiss schon Sorgen machen.”
“Nein, mein Onkel hasst mich!”, meinte der Junge und schüttelte traurig den Kopf, “er sagt, ich wäre ein Bastard, und er nicht mein Onkel. Er wollte meiner Amme Geld geben, damit sie sich um mich kümmert, aber dann hat er sie nicht bezahlt, und sie hat mich rausgeworfen. Ich bin jetzt schon ganz lange hier auf der Straße, und ich hab Angst. Ich mags nicht hier zu sein, besonders nachts nicht, wenns dunkel wird, und ich ganz alleine draußen bin.”

Athos war so tief berührt vom Leid des Jungen, dass ihm die Tränen kamen. Dieses arme Kind, es konnte doch nichts für die Sünden seiner Mutter. Hatte Lord Winter den Kleinen wirklich als Bastard beschimpft und die Amme nicht bezahlt? Ein so schäbiges, ehrloses Verhalten traute Athos dem Edelmann eigentlich nicht zu. Da musste ein Irrtum vorliegen, Lord Winter wusste bestimmt gar nicht, dass die Amme seinen kleinen Neffen auf die Straße gesetzt hatte, und gewiss hatte der Lord nur vergessen die Amme zu bezahlen, anders konnte es gar nicht sein. Wenn er den kleinen John Francis zu Lord Winter brachte, dann würde der Lord den Jungen bestimmt bei sich aufnehmen, und ihn wie einen eigenen Sohn großziehen.
Und irgendwie fühlte er sich für das traurige Schicksal des Jungen verantwortlich, denn wenn Mylady nicht hingerichtet worden wäre, hätte sie weiter die Amme bezahlt, und diese hätte den Kleinen niemals auf die Straße gesetzt.
“Du musst ab heute nicht mehr auf der Straße leben, mein Junge, ich werde dich zu deinem Onkel bringen, ich weiss wo er lebt. Was du brauchst ist eine richtige Familie, und soweit ich weiss, haben dein Onkel und deine Tante beide keinen eigenen Kinder und sind nicht verheiratet.”
Athos wusste, dass Lord Eugene de Winter alleinstehend war, und mit seiner ebenfalls unverheirateten älteren Schwester Laura auf Winters Manor, einem Schloss, das nur etwa fünfzehn Meilen von London entfernt lag, lebte.
John Francis fing an zu weinen.
“Mein Onkel will mich aber nicht haben, und Tante Laura kann mich auch nicht leiden, Mylord Athos. Die beiden hassen mich, sie sagen, ich wäre ein Bastard. Und der König hat gesagt, dass ich kein Lord mehr bin, und der Onkel das Schloss für sich alleine bekommt, er ist ja so gemein! Wenn ich mal groß bin, werde ich mich am König und meinem Onkel rächen!”
In diesem Moment funkelten die blassblauen Augen des gerade erst Vierjährigen so böse, dass Athos eisig kalte Schauder über den Rücken liefen, denn das erinnerte ihn so sehr an Mylady, in deren Augen auch immer diese eisige Kälte gelegen hatte. Aber er glaubte nicht, dass dieses Kind böse war wie seine Mutter, er führte John Francis Verhalten auf die zwei schlimmen Monate zurück, die der Kleine hungernd und frierend auf der Straße verbracht hatte, für das vorher so behütete Kind musste jeder Tag ein einziger Überlebenskampf gewesen sein.
“Rache ist nicht gut und macht dich auch nicht glücklicher”; wies Athos das Kind zurecht, “ein richtiger Edelmann greift niemals zu solchen Mitteln. Dein Onkel weiss gewiss nicht, dass du auf der Straße lebst und hungern und frieren muss, er glaubt bestimmt, du wärst noch bei deiner Amme. Du wirst sehen, er und deine Tante werden dich liebhaben, und dir ein schönes neues Zuhause geben.”
“Nein, sie hassen mich. Sie haben mit mir auf Winters Manor gelebt, aber ich musste immer oben bleiben, in den Gemächern, in denen die Amme mit mir gelebt hat. Und mein Onkel sagte immer, dass ich ja bei der Amme bleiben, und ihm nie unter die Augen kommen soll. Er mag mich nicht, er ist so gemein und böse!”
Athos wusste, dass Lord Eugene de Winter seine Schwägerin verabscheut hatte, doch er hätte es nie für möglich gehalten, dass sie diesen Abscheu auf das arme unschuldige Kind, ihren eigenen Neffen, übertrug. Der Musketier nahm sich vor, dass er mit dem Lord darüber sprechen, ihm klarmachen würde, dass der kleine John Francis doch nichts für die Sünden seiner Mutter konnte, und jemanden brauchte, der ihn mit seiner ganzen Liebe großzog, eine Bezugsperson, bei der er sich geborgen fühlen konnte.

“Du wirst sehen, dein Onkel und deine Tante sind gewiss nicht so böse und gemein wie du vielleicht denkst. Ihr drei müsst eben einander erst einmal richtig kennenlernen, dann wird er dich schon in sein Herz schließen. Es wird alles gut werden.”
“Also das glaube ich nicht”; meinte der Kleine und blickte ihn mit großen, traurigen Augen an, “der Onkel und die Tante haben mich nicht lieb, und die Amme hat mich auch nicht liebgehabt, nur Mutter, die hatte mich lieb, und ich vermisse sie so sehr. Pater Godwin hat mir gesagt, dass sie jetzt bei Gott ist…wo wohnt Gott denn? Könnt Ihr mich dahinbringen? Dann könnte ich bei meiner Mutter bleiben und müsste nicht zum Onkel.”
Als Athos das hörte, wurde ihm ganz weh ums Herz, und er gab sich die Schuld am Leid des kleinen John Francis. Nein, er konnte ihm die Mutter nicht wiedergeben, aber er wollte zumindest dafür sorgen, dass John Francis de Winter eine richtige Familie bekam.
In diesem Moment kam d´Artagnan zurück.
“So, ich hab den Mistkerl bei den Bütteln abgeliefert”; meinte er sichtlich zufrieden, “sagt, Athos, was sollen wir jetzt mit dem Jungen machen.”
“Es ist Myladys Sohn, wir werden ihn zu Lord Winter bringen”; erklärte der Musketier seinem Freund und erzählte ihm die ganze Geschichte.
“Also da muss ein Irrtum vorliegen, ich kann mir nicht vorstellen, dass Lord Winter seinen eigenen Neffen davonjagen würde. Wenn wir mit ihm reden, wird ihm bestimmt klar, wie dringend der kleine eine liebevolle Familie braucht. Der arme Junge..oh Mon Dieu..und wir sind Schuld..ach, ich wünschte, wir hätten es damals nicht getan, nicht über sie gerichtet.”, meinte ein sichtlich erschütterter d´Artagnan.
Und so beschlossen die beiden Freunde, den Auftrag der Königin auf den nächsten Tag zu verschieben, wenn alle durch das Weihnachtsfest abgelenkt sein würden, und gleich nach Winters Manor zu reiten, wo der Junge bis vor zwei Monaten zu Hause gewesen war.
John Francis war zu müde um zu protestieren, als die Männer ihn mitnahmen, und d´Artagnan ihn dann vor Athos auf den Sattel von dessen Araberhengst setzte, und es dauerte nicht lange, bis der Kleine eingeschlafen war.

Sie ritten fast ohne Pause, und es war schon später Abend und wurde dunkel, als sie endlich bei Winters Manor eintrafen, einem imposanten Schloss, das durchaus auch eines Königs würdig gewesen wäre, und inmitten von verschneiten Wiesen lag. Sie ritten durch eine lange Allee winterkahler Linden, die zum Gut führten, und Athos läutete an dem schmiedeisernen Tor des von hohen Mauern umgebenen Schlosses.
Als ein Diener in einer leuchtend roten Livree ans Tor kam und nach ihrem Begehr fragte, erklärte Athos ihm:
“Richtet Eurem Herrn aus, dass der Comte de La Fére und Charles Batz Castelmore comte d´Artagnan hier sind, zwei alte Freunde von ihm. Wir würden ihn gerne in einer wichtigen Angelegenheit sprechen.”
Der Diener verschwand, und wenig später kam er wieder und öffnete das Tor.
“Die Herrschaften mögen mir folgen, Lord Winter wird Euch gleich empfangen.”
Und dann führte der Diener sie die gepflegte Auffahrt entlang zum Gutshaus, sie gingen hinein, und er führte sie in einen großen Salon, in dem ein Feuer im Kamin gemächlich vor sich hinflackerte. Lord Winter saß in einem mit blauen Samt bezogenen Sessel, und befahl einem Diener, ihnen Wein und Sandwiches zu bringen.
Neben dem Lord saß in einem Sessel am Kamin eine ältjüngferlich aussehende Frau, die eine schwarze Haube und ein schwarzes Kleid trug, und verdriesslich dreinblickte, während sie sich einem Stickbild widmete. Der Ähnlichkeit nach zu urteilen musste das die Schwester des Lords sein.
Lord Eugene de Winter fragte sich, was diese beiden Musketiere wohl von ihm wollten. Obwohl sie und ihn ein dunkles Geheimnis verband, betrachtete er sie durchaus als gute Freunde. Doch als sie dann hereinkamen, und er Myladys schlafenden Sohn in Athos Armen entdeckte, blickte er verdrießlich drein. Er war davon überzeugt, dass dieses Kind nicht der Sohn seines Bruders war, da Mylady während ihrer Ehe mit vielen Männern angebandelt hatte, und John Francis keinem der de Winters ähnlich sah. Daher war er sogar erleichtert gewesen, als die Amme ihm gesagt hatte, der Junge sei davongelaufen. Er war davon überzeugt, dass in diesem Knaben das Böse bereits von Geburt an steckte, bei dieser Mutter konnte aus ihm kein guter Mensch werden. Und deswegen wollte er das Kind auch nicht in seinem Haus haben.
Er ließ sich seinen Unmut aber nicht anmerken, und begrüßte die beiden Männer freundlich, tat dann ganz verwundert, und fragte sie, wieso die Männer John Francis bei sich hätten.
“Lord Winter, wir haben Euren Neffen frierend und bettelnd auf einem Markt in London gefunden, wo wir ihn gerade noch rechtzeitig davor bewahren konnten, von einem kinderschändenden Priester betrunken gemacht und verschleppt zu werden. Der Junge sagte, er hätte bereits zwei Monate auf der Straße gelebt. Und er sagte, dass Ihr ihn hasst, und ihm gesagt hättet, Ihr wärt nicht sein Onkel. Stimmt das?”, wollte Athos wissen, während er den Lord nachdenklich anblickte.
“Der Junge ist nicht mein Neffe, Athos..wisst Ihr, Mylady hat meinen Bruder oft betrogen, ich habe sie sogar einmal dabei ertappt…dieser Junge ist nicht meines Bruders Sohn, er sieht keinem von uns de Winters ähnlich. Der König hat ihn mittlerweile zum Bastard erklärt, und nur aus reiner Barmherzigkeit habe ich mich bereiterklärt, die Amme weiterhin zu bezahlen, wozu ich nicht verpflichtet bin, da das Kind nicht mein Verwandter ist. Vor zwei Monaten ist der kleine Bankert fortgelaufen, und wie gesagt, das ist nicht mein Problem, weil ich mit dieser Brut des Bösen nichts zu schaffen haben will.”

Athos konnte nicht fassen, was er da gerade hören musste. Der kleine John Francis hatte sich die Ablehnung seines Onkels also keineswegs nur eingebildet. War es wirklich richtig gewesen, den Jungen hierher nach Winters Manor zu bringen? Konnte er hier überhaupt eine schöne Kindheit haben?
“Ihr solltet Euch schämen, Eugene…selbst wenn das Kind nicht Euer leiblicher Neffe wäre, könntet Ihr und Eure Schwester ihm dennoch ein liebevolles Zuhause geben, und ihm die Geborgenheit und Liebe geben, die ein Kind nun einmal braucht. Ihr seid beide nicht verheiratet und habt keine eigenen Kinder, und John Francis könnte dieses Haus mit Leben erfüllen. Und der arme Junge ist nicht fortgelaufen, die Amme hat ihn in London einfach ausgesetzt, weil Ihr sie nicht mehr bezahlt habt. Ich habe Euch für einen Ehrenmann gehalten, aber wie Ihr mit diesem Kind umgeht, das ist alles andere als ehrenhaft. Ich bitte Euch..der Kleine kann doch nichts für die Sünden seiner Mutter. Gebt im doch nicht die Schuld für die schlimmen Taten, die Mylady begangen hat, er ist nur ein unschuldiges Kind, das sich nach Liebe sehnt.”
Lord de Winters Augen funkelten eisig kalt, und er verzog missmutig das Gesicht.
Zunächst sagte er gar nichts, und seine bigotte Schwester ergriff das Wort.
“Noch mag er ein kleines unschuldiges Kind sein, aber in einigen Jahren wird das Böse in ihm zum Vorschein kommen, dann wird er wie seine Mutter ein brutaler Mörder und ein gottloser Sünder sein. Die Erbsünde, sie ist bereits in diesen Balg gefahren. Das einzige, was da vielleicht helfen kann, ist eine ordentliche Tracht Prügel jeden Tag. Nur dann kann man das Böse vielleicht aus ihm austreiben.”
“Laura hat Recht”; stimmte der Lord eifrig seiner Schwester zu, “bei einer solchen Mutter kann dieses Kind nur böse werden. Ich werde irgendwann gewiss heiraten und eigene Söhne haben, und dann müsste ich ständig fürchten, dass dieser kleine Teufel dort meinen Kindern etwas antut. Mylady hat meinen Bruder vergiftet, und sie war da gerade einmal einundzwanzig Jahre alt. Ich glaube auch, dass nur Prügel diesem Kind noch helfen können, auf den rechten Weg zu kommen. Das Böse, es steckt bereits in ihm, und außerdem sieht er Mylady so ähnlich..dieser böse, verschlagene Blick..mir graust vor dem Jungen..nein, ich möchte ihn nicht hierhaben, ich könnte Myladys Satansbrut niemals lieben. Aber weil ich barmherzig bin, werde ich ab jetzt eine Amme bezahlen, die ihn großzieht, und zwar nicht auf Winters Manor, sondern in dem Schloss in der Nähe von Porthsmonth, dort habe ich damals seine Mutter gefangengehalten, es wird auch für ihn der richtige Ort sein. Hauptsache, ich brauche ihn nicht um mich zu haben.”

Athos war zutiefst erschüttert von der Kaltblütigkeit des Lords. Mylady hatte seinen Bruder ermordet, und auch ihm nach dem Leben getrachtet, aber dafür konnte der kleine John Francis doch nichts. Der Musketier war sich sicher, dass der Junge hier niemals ein liebevolles Zuhause finden würde, die Herzen von John und Laura de Winter waren einfach zu erfüllt von dem Hass auf Mylady, und würden den Kleinen nur darunter leiden lassen. Und ein Leben mit einer Amme in einem trostlosen, einsam gelegenen Schloss am Meer war auch nicht das Richtige für einen vierjährigen Jungen. Wenn er Glück hatte, bekäme er eine liebevolle Amme, doch die meisten Ammen betrachteten ihre Zöglinge nur als Geldquelle und schenkten ihnen keine richtige Liebe. Eine ganze Weile sagte niemand etwas, und Athos betrachtete nachdenklich den abgemagerten, schlafenden Jungen in seinen Armen. Und in diesem Moment fasste er einen Entschluss. Er würde niemals wieder einer Frau vertrauen, sich nie wieder verlieben können, und folglich niemals eigene Kinder haben. Warum sollte er da nicht dem kleinen John Francis ein schönes, liebevolles Zuhause geben? Der Junge sah Mylady zwar sehr ähnlich, und würde ihn immer an seine Vergangenheit erinnern, aber Athos glaubte nicht, dass der Kleine so böse war wie seine Mutter, sondern dass eine liebevolle Erziehung ihn zu einem guten, ehrbaren Edelmann machen konnte. Er hatte sich immer nach eigenen Kindern gesehnt, und wenn John Francis auch nicht sein  leiblicher Sohn war, so würde er ihn dennoch lieben wie einen eigenen Sohn, schon jetzt empfand er ein Gefühl der Verbundenheit, wenn er das Kind ansah.
“Wenn Ihr gestattet, werde ich Euren Neffen nach Frankreich mitnehmen, und ihn an Sohnes statt annehmen.”
Lord Winter und seine altjüngferlich wirkende Schwester tauschten irritierte Blicke, dann trank der Lord einen großen Schluck Wein und meinte dann:
“Gut, nehmt den Kleinen ruhig mit, er ist nicht mein Neffe, ich habe nichts mit diesem Kind zu tun. Wenn Ihr ihn schon adoptieren wollt, dann könntet Ihr ihm doch auch Euren Namen geben, er könnte doch John Francis de La Fére heißen. Er ist kein de Winter, und auch wenn er nicht Euer leiblicher Sohn ist, so wurde er doch gezeugt und geboren, während Ihr noch mit Mylady verheiratet war. Die Ehe mit meinem Bruder ist ungültig, weil sie zu dem Zeitpunkt als sie geschlossen wurde, mit Euch verheiratet war. Somit könnte der Junge genausogut Euren Namen tragen.”
“Ja, er wird meinen Namen tragen”; erwiderte Athos, und irgendwann werdet Ihr sehen, dass er zu einem ehrbaren Edelmann herangewachsen ist, und dann wird es Euch gewiss leid tun, dass Ihr ihn nicht bei Euch aufgenommen habt. Kein Kind ist von Geburt an böse, der Junge braucht nur eine liebevolle Erziehung, ein richtiges zuhause, dann wird er sich gut entwickeln.”

Athos und d´Artagnan wollten nicht länger als nötig auf Winters Manor bleiben, und so brachen sie noch am selben Abend auf, kaum dass die Unterredung mit Lord Winter beendet war.
“Athos..habt Ihr Euch das auch wirklich gut überlegt?”, fragte der Gascogner den Freund, “es wäre nicht gut, wenn Ihr Myladys Sohn nur wegen Eurer Schuldgefühle bei Euch aufnehmt. Und der Kleine sieht ihr so ähnlich…belastet das Euch auch nicht zu sehr?”
“Ich wollte immer einen Sohn haben”, erwiderte Athos, “und John Francis wird mir wie ein leiblicher Sohn sein. Ihr wisst, dass ich niemals eigene Kinder haben werde, d´Artagnan, mein Freund, warum soll ich da nicht diesem Jungen die Geborgenheit eines schönen Zuhauses bieten? Ich tue das nicht wegen meiner Schuldgefühle, sondern weil mir der Kleine in den wenigen Stunden die wir ihn kennen schon richtig ans Herz gewachsen ist.”
“Aber Athos..wie wollt ihr ihm später die Geschichte mit seiner Mutter erklären? Diesen Jungen großzuziehen wird nicht so einfach wie Ihr glaubt.”
“Ich werde es ihm, wenn überhaupt, erst erzählen, wenn er erwachsen ist, und dann wird er alt genug sein, um zu verstehen, dass seine Mutter nicht die liebevolle Frau war, als die er sie kannte und noch andere Seiten hatte.”
Während sie durch die Winternacht zurück nach London ritten, wachte John Francis während einer kurzen Rast auf und blickte Athos und d´Artagnan verwundert an.
“Wo sind wir? Waren wir schon bei meinem Onkel?”
“Ja, wir waren dort”; erklärte Athos ihm, “und mir scheint, es wäre nicht das Richtige für dich, bei deinem Onkel und deiner Tante zu leben, die beiden sind zu verbittert. Wenn du möchtest, John Francis, dann könnte ich dich adoptieren, und du könntest bei mir in Frankreich leben. Ich würde versuchen, dir ein guter Vater zu sein.”
Verwundert blickte John Francis den Musketier an.
“Aber….Ihr kennt mich doch gar nicht…mein Onkel sagte immer, dass ich eine Brut des Bösen bin, die keiner haben will. Er sagt, dass ich später, wenn ich groß bin, ein Mörder und Giftmischer werde und auf dem Schafott ende.”
“Das ist Unsinn, John Francis. Es liegt alleine in deiner Hand, was du später aus deinem Leben machst. Du bist keine Brut des Bösen, sondern ein normaler kleiner Junge. Ich kenne dich erst ein paar Stunden, aber ich habe dich schon richtig gerne…und wenn du wirklich so wärst, wie dein Onkel sagt, dann wäre das gewiss nicht der Fall. Vergiss einfach die schlimmen Dinge, die er zu dir gesagt hat.”
“Ich würde gerne bei Euch bleiben, Mylord Athos. Ich danke Euch, dass Ihr mich mitnehmt, ich will auch immer ein braver Junge sein und alles machen was Ihr sagt.”, rief der Junge und fiel Athos stürmisch um den Hals.
“Du kannst mich Vater nennen wenn du möchtest”; erklärte Athos dem Jungen zutiefst gerührt, “und wenn du das nicht willst, kannst du gerne auch Athos zu mir sagen.”
“Dann nenne ich Euch Vater….ich wäre nämlich gerne Euer Sohn”; erwiderte der Junge und lächelte, während er seinen neuen Vater mit leuchtenden Augen betrachtete.
Am nächsten Tag, nachdem die Musketiere ihre Mission erfüllt hatten, feierten sie mit dem Jungen in einem Gasthaus in London Weihnachten, nachdem sie John Francis neu eingekleidet und mit ihm die Messe besucht hatten. Athos, für den Weihnachten seit Jahren ein trauriges Fest gewesen war, nahm die Feiertage zum ersten Mal seit Jahren wieder bewusst wahr, und genoss die Zeit mit John Francis. Mylady hatte ihm so vieles genommen, doch nun auch etwas so Kostbares gegeben, nun konnte er die Vergangenheit endlich hinter sich lassen.

20 Jahre später, 23. Dezember 1648

Es war Jean-Francois 24. Geburtstag, und an diesem Tag hatte Athos ihm endlich die Wahrheit über seine Ehe mit Mylady und deren fatalem Ende erzählt. In Frankreich war aus dem kleinen Lord John Francis de Winter der Vicomte Jean-Francois de La Fére geworden, denn Athos hatte den kleinen Jungen damals vor zwanzig Jahren offiziell adoptiert und ihm seinen Nachnamen gegeben, außerdem hatte John Francis seinen Namen, nachdem er sich in Frankreich eingelebt hatte, ins Französische übertragen.
Athos hatte mit Jean-Francois noch einige Jahre in Paris im Stadthaus der Comtes von La Fére gelebt, und weiter bei den Musketieren gedient, und es hatte gar nicht lange gedauert, bis der Junge für ihn wie ein leiblicher Sohn war, und er ihn abgöttisch liebte und ihm jeden Wunsch von den Augen ablas.
Dann, als Jean-Francois zehn Jahre alt gewesen war, hatte Athos ein weiteres Kind, den drei Monate alten Raoul bei sich aufgenommen, das Resultat einer Nacht, die er mit der Herzogin von Chevreuse in einer dunklen Klause verbracht hatte. Am Anfang hatte Athos befürchtet, dass Jean-Francois, der mehr als sechs Jahre mit ihm alleine gelebt hatte, eifersüchtig auf den kleinen Bruder sein könnte, aber der blonde Junge hatte seinen Bruder von Anfang an vergöttert, und bis heute waren die beiden unzertrennlich. Es hatte für Athos nie einen Unterschied gemacht, dass Raoul sein leiblicher Sohn war, er hatte beide Kinder immer gleich geliebt, und seitdem Raoul zu ihnen gekommen war, lebten die drei auf einem Gut, das Athos geerbt hatte, Bragélonne, das in der Nähe von Blois im Loiretal lag.
Doch heute, nach zwanzig Jahren, hatte Jean-Francois ihn gefragt, ob er ihm etwas über seine Mutter, an die er sich nur noch dunkel erinnern könne, sagen könnte. Bisher hatte Jean-Francois nur gewusst, dass er der erste Ehemann seiner Mutter gewesen war, und alles andere hatte Athos ihm verschiegen, doch an diesem Abend erzählte er dem jungen Mann alles, weil dieser unbedingt mehr wissen wollte, und keine Ruhe mehr gab. Athos hatte große Angst, dass sein Sohn ihn danach verachten würde und nichts mehr mit ihm zu tun haben sollte, und so fiel es ihm schwer, alles zu erzählen, aber dennoch tat er es, und endete mit den Worten:
“Ich könnte verstehen, wenn Ihr mich jetzt verachtet, was ich und meine Freunde damals taten, das war nicht Recht, wir hätten nicht über Eure Mutter richten dürfen, mein Sohn.”
Der junge Edelmann hörte bis zum Schluss schweigend zu, und erst als der Comte geendet hatte, blickte er Athos nachdenklich an, dann lächelte er und meinte schließlich:
“Vater, Ihr hättet Euch keine Sorgen zu machen brauchen…ich bin nicht wütend auf Euch. Ich kannte meine Mutter kaum, sie kam nur drei oder viermal im Jahr zu mir, ich kann mich kaum noch an sie erinnern. Und wenn sie diese Morde wirklich begangen hat, und meinen leiblichen Vater vergiftete, dann hat sie den Tod wirklich verdient, und ein Gericht hätte vielleicht anders entschieden, weil sie die Richter und Geschworenen becirct hätte. Ihr dagegen wart damals, als mein Onkel mich nicht haben wollte, für mich da und habt mich aufgenommen, mir ein richtiges Zuhause gegeben. Ihr werdet immer mein Vater sein, und ich liebe Euch. Was früher war, das ist Vergangenheit, und Ihr solltet Euch deswegen nicht länger Vorwürfe machen.”
Als er Athos dann umarmte, kamen dem Comte die Tränen, so tief berührt war er.
“Ich bin froh, dass Ihr das sagt, mein Sohn. Ich dachte wirklich, Ihr würdet Euch von mir abwenden, wenn Ihr die Wahrheit erfahrt. Ich bin wirklich froh, dass ich Euch damals mitgenommen habe, und Euer Vater geworden bin, es war die richtige Entscheidung.”
In diesem Moment kam der fünfzehnjährige Raoul herein, er hatte bereits seinen Mantel angezogen.
“Vater, darf ich noch kurz zu Louise hinüberfahren?”, fragte er, “sie hat mich heute mittag eingeladen, mit ihr und ihrer Familie zu Abend zu essen.”
“Natürlich, Raoul, geht nur, aber seid bitte pünktlich um zehn Uhr wieder hier”; meinte Athos, “und ladet Louise doch ein, morgen zu uns zu kommen und mit uns den Baum zu schmücken.”

Im Gegensatz zu Athos, der diese Freundschaft zwischen Raoul und der kleinen de La Valiére für harmlos hielt, und es sogar ganz süss fand, wie galant Raoul mit dem kleinen Mädchen umging, machte Jean-Francois sich Sorgen um seinen Bruder, weil er das Gefühl hatte, dass diese Freundschaft eines Tages böse enden konnte. Raoul sah das fast acht Jahre jüngere Mädchen bereits als seine künftige Ehefrau, während die kleine Louise es einfach nur genoss, dass der junge, gutaussehende Vicomte de Bragélonne ihr so viel Aufmerksamkeit widmete. Jean-Francois sagte sich, dass das eines Tages böse enden könnte, wenn die kleine Valiére erst einmal an den Königshof kam, und dann gewiss viele Verehrer haben würde, er fand, dass sein kleiner Bruder unbedingt mehr zeit mit gleichaltrigen Mädchen verbringen musste.
“Raoul, übermorgen besuche ich Marie de La Boissette…habt Ihr Lust, mich zu begleiten? Maries Schwester Christine kommt auch mit, und sie ist in Eurem Alter. Wir wollten zusammen Eislaufen gehen, das wird bestimmt lustig.”
“Ein anderes Mal gerne, Jean, aber übermorgen wollte ich eigentlich auch wieder zu Louise, sie wollte mit mir einen Schneemann bauen.”
“Ach, Raoul, bitte kommt doch mit uns, es wird bestimmt Spaß machen. Ihr seid doch so ein guter Eisläufer… und bestimmt könnt Ihr mir und den Schwestern Boissette noch so einiges beibringen. Louise könnt Ihr auch ein anderes Mal besuchen.”
“Also gut, Jean, aber nur weil Ihr es seid”; erwiderte Raoul, “dann sage ich Louise eben für übermorgen ab. Jetzt muss ich aber los, ich wünsche Euch noch einen schönen Abend…und Euch natürlich auch, Vater.”
Er winkte noch einmal, dann war er veschwunden, und Athos und Jean-Francois blickten ihm lächelnd nach.
Der junge Mann war erleichtert und hoffte insgeheim, dass Raoul Gefallen an der vierzehnjährigen  Christine Boissette, die genau wie er eine richtig verträumte Romantikerin war, finden würde. Er war der Meinung, dass die Freundschaft zwischen Louise und seinem Bruder besser nicht allzu sehr vertieft werden sollte, eine innere Stimme sagte ihm, dass das einfach kein gutes Ende nehmen konnte.  
“Vater, habt Ihr Lust, mit nach draußen zu kommen?”; fragte Jean-Francois schließlich, “das Wetter ist perfekt für eine Schneeballschlacht.”
Lachend sprang Athos auf. “Also gut…gehen wir..Ihr werdet sehen, dass ich noch immer unschlagbar bin, mein Sohn.”
Und so liefen Vater und Sohn lachend hinaus, während es draußen wieder zu schneien begann. 

10. Die Witwe

Die Witwe ging langsamen Schritts durch die engen Gassen der Madrider Altstadt. Es war ein eisiger Morgen und sie zog den dicken Wollmantel enger an ihren Körper. Sie war ganz traditionell in Schwarz gekleidet, nicht ein buntes Kleidungsstück war zu sehen, sogar den schwarzen, fast blickdichten Trauerschleier trug sie. Dieser hatte allerdings auch den Vorteil, dass er sie ein wenig gegen den kalten Wind abschirmte. Trotz der Kälte und der frühen Morgenstunde waren recht viele Menschen auf den Straßen. Dies hatte an diesem 21. Dezember 1631 einen besonderen Grund. Sie alle strebten dem Plaza Mayor zu. Der Plaza Mayor war schon immer der traditionell größte Marktplatz von Madrid gewesen, doch heute würde dort kein Markt abgehalten werden.

 

Wer hinter den Schleier der Witwe hätte sehen können, der hätte vielleicht ihren grimmigen Gesichtsausdruck bemerkt, als sie auf den Platz einbog. Sie nahm einen der schmalen der insgesamt neun Eingänge zum Plaza Mayor. An zwei Seiten des rechteckigen Platzes waren hohe Holztribünen errichtet worden. Zwölf Reihen in stufenaufsteigender Terrassenform boten wohl Platz für weit über tausend Menschen und davor waren noch einmal sechs Reihen mit Sitzplätzen für die wohlhabenden Bürger der spanischen Hauptstadt reserviert. Der Adel hatte noch bessere Plätze, denn an der Nordseite des Platzes war ein vierstöckiges Gebäude, das Casa de la Panadería, das mit seinen durchgängigen Balkonen in den drei oberen Stockwerken ein idealer Ort war, um das kommende Schauspiel zu sehen. Von den Arkaden des Erdgeschosses war heute nicht viel zu sehen und die großen Bäckereien, die dem Gebäude den Namen gegeben hatten blieben geschlossen. Vor den Arkaden war eine hohe Tribüne errichtet worden, die nur nach vorne offen war und auch überdacht worden war. Die Witwe gesellte sich auf die gegenüberliegende Südseite der Plaza Mayor, wo das einfache Volk in der Kälte ausharrte und wartete. Hier war es bei weitem nicht so prächtig. Die hohen Holzgebäude, die einst die drei anderen Seiten des Platzes umgeben hatten, waren beim großen Brand im Juli dieses Jahres fast völlig zerstört worden. Der König selbst hatte seinen berühmten Architekten Juan Gómez de Mora beauftragt, den Platz wieder neu aufzubauen, diesmal mit Steingebäuden wie an der Nordseite, aber die Bauarbeiten gingen nur schleppend voran und es würde noch Jahre dauern, bis der Platz in neuem Glanz erstrahlen würde. Die Witwe aber interessierte die Architektur des Plaza Mayor wenig, trotz der schwarzen Handschuhe, die sie trug, ließ sie geschickt die Perlen des Rosenkranzes durch ihre Finger gleiten. Sie schien tief in ihre Gebete versunken und ihr leises Murmeln ging in der immer größer werdenden Menschenmenge unter.

 

Wer hinter den Schleier der Witwe hätte sehen können, der hätte vielleicht bemerkt, dass sie doch aufmerksam den Platz beobachtete. Sie musterte genau die vielen Bewaffneten, die rings um den Platz postiert waren. Hier waren sowohl einfache Stadtgardisten, als auch königliche Soldaten zu sehen. Auch die Garde von Fernando de Austria, Kardinal-Erzbischof von Toledo war anwesend und das war doch ungewöhnlich, denn der dritte Sohn des Königs Philipp III. von Spanien sollte nicht hier sein. Dass auch noch die bewaffneten Büttel der Inquisition überall zu sehen waren, wunderte die Witwe hingegen nicht. Schließlich war dies der letzte Akt eines Autodafé. Das Glaubensgericht des Tribunal del Santo Oficio de la Inquisición hatte über Professor Juan Odon y Luengo de Martines wegen wiederholter Häresie die Todesstrafe verfügen lassen. Auf einem erhöhten Podest in der Mitte des Plaza Mayor war ein riesiger Scheiterhaufen errichtet worden und die Menge wartete begierig auf das Schauspiel. Obwohl, nicht alle in der Menge waren begierig, den angesehenen Professor der Universität brennen zu sehen. Er hatte ein, zwei Generationen von jungen Adeligen in Mathematik und Astronomie unterrichtet und war auch im Bürgertum sehr geachtet. So konnte man sich die vielen steinern Mienen auf den Balkonen und Tribünen nicht nur durch die eisige Kälte dieses Dezembermorgen erklären. Viele hatten gehofft, er würde seine Theorien von einem heliozentrischen Weltbild nach dem Vorbild von Nikolaus Kopernikus widerrufen, aber der Professor war stur und stolz wie ein Spanier geblieben. Wenn er heute nicht einmal im Angesicht des Scheiterhaufens widerrufen würde, dann würde er nicht einmal die Gnade der Erdrosselung durch den Henker erhalten, sondern bei lebendigem Leib den Flammen übergeben werden.

Die Ehrentribüne war inzwischen voll besetzt. Neben den vier Granden von Madrid und deren Familien war auch wirklich der Kardinal-Erzbischof Fernando de Austria erschienen. Neben ihm saß ein auf den ersten Blick unscheinbarer Dominikanerpater in der traditionellen schlichten schwarz-weißen Kutte. Und doch war bei seinem Erscheinen ein kurzes Raunen durch die Menge gegangen, gefolgt von einer unnatürlichen Stille. Emilio Bocanegra, Presidente del Tribunal del Santo Oficio de la Inquisición, war der vielleicht am meisten gefürchtete Mann Spaniens.

 

Wer hinter den Schleier der Witwe hätte sehen können, hätte wahrscheinlich eine gewisse Anspannung in ihrem Gesicht bemerkt, gefolgt von einer leichten Verwunderung. Der Verurteilte wurde nun auf den Platz gebracht. Ihm voraus schritt ein Inquisitor in prächtiger Kleidung, ganz als wolle er von Emilio Bocanegra ablenken, der still auf der Tribüne blieb. Auf der Brust der prachtvollen Robe prangte das Wappen der Spanischen Inquisition, neben dem Kreuz als Symbol für den geistlichen Charakter der Inquisition, hielten Olivenzweig und Schwert die Waage, wodurch das Gleichgewicht zwischen Gnade und Strafe angedeutet werden sollte. Dass sich diese Waage aber selten im Gleichgewicht befand, war aber allen Anwesenden nur allzu klar. Professor Juan Odon y Luengo de Martines musste barfuß, nur mit Sanbenito und Caroche bekleidet, erscheinen. Das Armesünderhemd war vorne und hinten mit dem Andreaskreuz und Flammen versehen und auf der hohen, zylinderförmigen Ketzer-Mütze waren Teufelsgestalten gestickt. Der alte Professor ging hocherhobenen Hauptes, aber mit einem seltsamen, leicht verklärten Blick. Als er auf das Podest zum Scheiterhaufen stieg, wich ihm der hünenhafte Henker fast ängstlich aus. Es entstand eine leichte Unruhe unter den Zuschauern, die das gesehen hatten. Auch der prunkvolle Inquisitor verhielt sich ungewöhnlich und erwies dem Gefangen so etwas wie Respekt und half ihm die letzten Stufen zu erklimmen. Auch der zuständige weltliche Richter war auf das Podest gestiegen. Alles wartete gespannt auf die Rede des Inquisitors, in der noch einmal alle Sünden und Häresien aufgelistet würden und das Todesurteil am Scheiterhaufen verkündet würde. Doch der Inquisitor zögerte merklich und blickte zur Ehrentribüne. Kardinal-Erzbischof Fernando de Austria erhob sich, ging gemessenen Schritts auf das Podest zu und erstieg es. Die Menge hielt den Atem an. Irgendetwas Seltsames ging hier vor. Dies war ganz und gar nicht das übliche Protokoll einer Hinrichtung durch die Inquisition.

Mit erhobenen Armen trat der Inquisitor nun an den Rand des Podestes, um sich der Aufmerksamkeit der Menge zu versichern. „Brüder und Schwestern in Christi, ich habe von einem Wunder zu berichten“, sprach er mit salbungsvoller Stimme. „Gestern um die zehnte Stunde des Abends gingen Seine Eminenz Kardinal-Erzbischof Fernando de Austria, der Hohe Richter Emanuel y Gomez de Tirado und der Henker von Madrid in die Zelle des hier vorgeführten Juan Odon y Luengo de Martines um ihm eine letzte Gelegenheit zur Beichte, Widerrufung seiner Häresien und Gewährung eines letzten Wunsches zu ermöglichen. Da geschah es, dass inmitten der Zelle der Heilige Jakobus erschien. Mit seinem Schwert, mit dem er den christlichen Königen in der Schlacht gegen die Ketzer und Mauren beigestanden hatte, deutete er auf den Verurteilten: ‚Sünder, du wirst an mein Grab pilgern und Buße tun!‘ – Das waren die Worte des Heiligen und diese Muschel als Zeichen der Pilgerreise übergab er dem reuigen Sünder.” Der Inquisitor hielt eine große Jakobsmuschel hoch.

 

Wer hinter den Schleier der Witwe hätte sehen können, hätte bemerkt, dass sich ein Lächeln auf ihren Lippen breitmachte. Inzwischen waren der Kardinalerzbischof, der Richter und der Henker an die Seite des Inquisitors getreten und verkündeten laut: „Testaro. – Ich bezeuge!“. Die Menschenmenge war zum großen Teil auf die Knie gesunken und hatte zu beten begonnen. Dann brach ein unglaublicher Jubel aus. All die Menschen, die gekommen waren um einen Häretiker brennen zu sehen, feierten ihn jetzt wie einen Volkshelden. Ein Wunder – eine Heiligenerscheinung knapp vor Weihnachten, hier in Madrid, und noch dazu ein Akt der Gnade für einen angesehen Professor, den die Inquisition zum Tode verurteilt hatte – die Menge tobte. Freude und Frömmigkeit spiegelte sich auf allen Gesichtern der Anwesenden. Nur die Miene von Großinquisitor Emilio Bocanegra blieb steinern, ja fast säuerlich, als die Freudenrufe von der göttlichen Gnade über den Platz schallten. Zwei Diener hatten ein einfaches Pilgergewand und ein Paar Sandalen gebracht und Sanbenito und Caroche konnte der Professor nun ablegen. Auch die Jakobsmuschel wurde ihm an einem Band um den Hals gelegt.

Auf einen kaum wahrnehmbaren Wink von Bocanegra wurden jetzt die Bücher und Schriften von Professor Martines herbeigeschafft und auf den Scheiterhaufen gelegt. Der Henker entzündete diesen. Das Autodafé musste schließlich vollzogen werden und wenn man schon den Häretiker nicht verbrennen konnte, so doch zumindest seine häretischen Schriften. Aber sie wollten nicht so recht brennen. Mehrmals versuchte der Henker ein ordentliches Feuer zu entzünden, aber immer wieder erloschen die Flammen. Erst als man Öl ins Feuer goss, begannen sie zu glosen, aber ein richtiges Scheiterhaufenfeuer wollte sich nicht entfachen lassen. Die jubelnde Menge bekam von diesen Umständen nicht allzu viel mit, denn inzwischen war ein spontanes Volksfest entstanden, sogar Musiker begann aufzuspielen. Als Professor Martines vom Podest stieg um seine Pilgerreise zu beginnen, teilten sich die Menschenmassen wie vor einem gekrönten Haupt und der Jubel war wohl in ganz Madrid zu hören und es war auch nicht notwendig, dass man ihm den Weg bahnte. Der Großinquisitor aber verließ stumm und in Bedeckung durch ein Dutzend Bewaffneter über ein Seitentor die Plaza Mayor. Auch der Witwe schien der Trubel zu viel zu werden und sie begann sich einen Weg durch die Menge zu suchen, die Finger bewegten immer noch die Perlen des Rosenkranzes.

 

Wer hinter den Schleier der Witwe hätte sehen können und wer ein scharfer Beobachter wäre und sich auch ein wenig in der Politik Europas ausgekannt hätte, der wäre erstaunt gewesen, denn die Witwe war keine, sie war nicht einmal eine Frau. Es war der Comte de Rochefort, Kardinal Richelieus Mann für besondere Aufgaben.

Aber warum er in Madrid war und warum er diesem bemerkenswerten Autodafé beiwohnte, ist eine andere Geschichte.

11. Das Christkind

Paris, 24. Dezember 1621

Weihnachten…in diesem Jahr war es für Athos ein Tag wie jeder andere, und er hoffte, dass die Feiertage möglichst schnell vergehen würden. Nein, er wollte jetzt nicht an das letzte Weihnachtsfest, das einzige, das er mit Anne gefeiert hatte, denken, denn das tat viel zu weh. Ja, er hatte sie wirklich geliebt, bevor er ihr wahres Gesicht erkannt und die Beherrschung verloren hatte. Er bereute sehr was er getan hatte, und ihm war klar, dass er sie niemals hätte erhängen dürfen, dass sie ihn so schändlich hintergangen hatte, rechtfertigte das, was er ihr angetan hatte, nicht. Dieser Mord lastete schwer auf seiner Seele, und er wusste genau, dass er niemals in seinem Leben wieder Freude empfinden würde. Seit jenem schlimmen Tag für sieben Monaten führte er ein Schattendasein, ertränkte seinen Schmerz und seine Schuldgefühle mit Unmengen von Wein. Obwohl er sich häufig betrank, tat er bei den königlichen Musketieren gewissenhaft und zuverlässig seinen Dienst und hatte mittlerweile zwei gute Freunde gefunden, den eitlen, lebenslustigen Porthos und den feingeistigen Aramis, einen ehemaligen Priesteranwärter, der erst seit zwei Monaten bei den Musketieren war. Aramis war in das Regiment der Musketiere aufgenommen worden, nachdem er das Priesterseminar wegen einem für seinen Gegner tödlich verlaufenden Duell verlassen musste.
An diesem 24. Dezember hatten die drei Freunde bis um sechs Uhr abends Dienst im Louvre, und danach wollten Porthos und Aramis die Christmette in der Kathedrale von Notre Dame besuchen, und anschließend ins Gasthaus zum Tannenzapfen, dem Stammlokal der königlichen Musketiere den Weihnachtsabend bei einem Tropfen guten Weines und einem köstlichen Essen ausklingen lassen.

“Begleitet uns doch, Athos”, bot Porthos ihm an, “Ihr wollt doch gewiss nicht am Heiligen Abend alleine in Eurer Wohnung in der Rue Ferrou herumsitzen und Trübsal blasen.”
Athos schüttelte gleichmütig den Kopf.
“Also wisst Ihr, für mich ist Weihnachten ein Tag wie jeder andere auch, es bedeutet mir rein gar nichts. Mir ist nicht nach Feiern und nach der Christmette zumute, denn es gibt rein gar nichts, wofür ich Gott in diesem Jahr danken könnte. Allmählich beginne ich sogar daran zu zweifeln, dass es wirklich einen Gott gibt.”
Ihm war so elend zumute, und das einzige, was er jetzt noch tun wollte, war nach Hause zu gehen, und Wein zu trinken, bis er halb besinnungslos ins Bett fiel.
Aber Porthos ließ so schnell nicht locker.
Athos, mein Freund..es tut Euch gewiss nicht gut, Euch immer zu Hause zu vergraben, da ist es ja nicht verwunderlich, wenn Ihr schwermütig werdet. Ihr müsst häufiger unter Menschen um auf andere Gedanken zu kommen und ich gehe auch nicht in die Kirche um zu beten und Gott zu danken, sondern weil in den Messen in Notre Dame immer viele gut betuchte Witwen sind, die durchaus etwas für schmucke Musketiere übrig haben. Und was Euch betrifft, Ihr könntet gewiss mit Leichtigkeit das Herz einer Frau erobern. Es würde Euch bestimmt guttun, Euch der Damenwelt von Paris endlich ein wenig zu öffnen.”
“Glaubt mir, Porthos, Frauen bringen nur Unglück und Verderben, man darf ihnen nicht vertrauen, denn letztendlich spielen sie nur mit unseren Gefühlen und gaukeln uns Liebe vor, weil sie einen Titel und Ländereien wollen”, antwortete er und blickte seine Freunde mit düsterer Miene an, “ich will jetzt einfach nur noch nach Hause und meine Ruhe haben.”
“Ach Athos, kommt doch mit uns, niemand sollte Weihnachten alleine verbringen müssen”; mischte sich nun auch Aramis in das Gespräch ein, “niemand verlangt von Euch, dass Ihr den Frauen in der Kathedrale schöne Augen macht. Und im Tannenzapfen sind sowieso keine Frauen, es ist eine reine Soldatenschenke, in der dem Glücksspiel gefrönt wird, das wisst Ihr doch. Wir werden gut essen, Wein trinken, ein wenig würfeln..wie wir es auch an einem ganz normalen Abend machen würden.”
“Nein danke, ich verzichte!”, meinte Athos und schüttelte energisch den Kopf, “wir sehen uns dann morgen früh beim Wachdienst wieder, Aramis.”

In diesem Moment kam Athos Diener Grimaud, den er aus La Fére mitgebracht hatte, als er nach Paris gekommen war, durch den Schnee zum Tor des Louvre, wo gerade eben erst der Wachwechsel der Musketiere stattgefunden hatte, gestapft und begann wild mit den Händen zu gestikulieren, als er schließlich vor seinem Herrn stand.
Porthos und Aramis wussten mittlerweile, dass ihr schweigsamer Freund sich mit Grimaud meist nur durch Handzeichen verständigte, und ihm nur ganz selten zu sprechen erlaubte. Doch diesmal verstand Athos nicht, was sein Diener ihm mit den verschiedenen Handzeichen, er ahmte unter anderem Kochbewegungen nach, sagen wollte.
“Also gut, Grimaud, dieses eine Mal erlaube ich dir zu sprechen”; meinte er schließlich und nickte seinem Diener kurz zu, “sag mir was los ist. Was machst du überhaupt hier? Ich hatte dir doch aufgetragen, neuen Wein zu kaufen und danach heimzugehen und ein Feuer im Kamin zu entzünden. Also, warum bist du nicht zu Hause?”
“Monsieur…Eure Wirtin, Mademoiselle Claire Bosredon, sie kam hoch in Eure Wohnung”; antwortete Grimaud und blickte seinen Herrn nervös an, “und als ich ihr sagte, dass Ihr nicht da seid, begann sie gleich damit, Euer Herdfeuer zu schüren und eine Gans zu braten. Ich habe ihr gesagt, dass sie nicht bleiben kann, aber sie meinte, dass sie auf Euch warten, und mit euch den Heiligen Abend feiern möchte. Nun sitzt sie mit einer Flasche Champagner vor dem Kamin und wartet auf Euch. Und weil ich mir schon gedacht habe, dass das gewiss keine Überraschung nach Eurem Geschmack ist, bin ich hergekommen um Euch vorzuwarnen.”
“Das habt Ihr gut gemacht, Grimaud”, meinte Athos schließlich leise aufseufzend, “und nun geht zurück und sagt Mademoiselle Bosredon, dass ich heute gewiss nicht vor Mitternacht nach Hause kommen werde, weil ich noch mit meinen Freunden feiere. Dann wird sie bestimmt sofort gehen.”
Dann wandte er sich an seine Freunde.
“Nun, es sieht ganz so aus, als ob ich euch heute Abend doch begleiten müsste…diese Mademoiselle Bosredon ist lästig wie eine Klette, und wenn ich jetzt nach Hause ginge, würde ich sie den ganzen Abend nicht mehr loswerden.”
Mademoiselle Bosredon war die Besitzerin jenes Hauses in der Rue Ferrou, in dem Athos zwei kleine, sehr ordentlich möbilierte Zimmer bewohnte. Schon seit seiner Ankunft in Paris machte die junge, wirklich hübsche Wirtin ihm vergebens schöne Augen.
“Also wenn das meine Wohnung wäre, dann würde ich gerne den Abend mit der schönen Wirtin verbringen”, meinte Porthos, “denn was gibt es besseres als gutes Essen und schöne Frauen. Ach Athos, Ihr versteht es einfach nicht, Euer Leben so richtig zu genießen.”
“Irgendwann werdet auch Ihr die Frauen wieder zu schätzen lernen, Athos, denn auf Dauer kommt niemand ohne sie aus”, fügte Aramis noch hinzu, “ich wüsste ja zu gerne, was Euch Schlimmes zugestoßen ist, dass Ihr das schöne Geschlecht so ablehnt. Ich bitte Euch, verratet uns doch endlich, was mit Euch los ist, mein Freund.”
Porthos und Aramis wussten nicht viel über ihren schweigsamen Freund, doch sie kannten jenes Gerücht, das besagte, dass eine enttäuchte Liebe das Leben jenes jungen Edelmannes für immer vergiftet hatte.

Und so machte die drei Freunde sich durch die verschneiten Straßen von Paris auf den Weg zur Kathedrale, während Aramis und Porthos munter drauflosplapperten, ging Athos schweigend und mit gesenktem Kopf hinter ihnen her. Der weihnachtliche Trubel in den Straßen, die an diesem Tag scheinbar überall vorherrschende Fröhlichkeit  machte ihm das Herz schwer, weil es ihn an das Weihnachtsfest des letzten Jahres, das er mit Anne gefeiert hatte, erinnerte. An jenem Abend vor einem Jahr hatte er sich für den glücklichsten Menschen der Welt gehalten, und nicht geahnt, dass dieses Glück nur eine auf einer perfiden Lüge basierende Illusion war.
Er wandte rasch den Blick ab, als ein junges, sich an den Händen haltendes Paar, das einander verliebt in die Augen schaute, an den drei Musketieren vorbeiging. Und als wenig später ein Kinderchor unter der Leitung eines Kastraten Weihnachtslieder anstimmte, hätte er sich am liebsten die Ohren zugehalten. Weihnachten, dieses Fest, das er früher so sehr geliebt hatte, war ihm nun ein Gräuel, und er konnte das Ende der Feiertage kaum erwarten.
Es hatte wieder zu schneien angefangen, und die Glocken von Notre Dame begannen zu läuten. Immer mehr Menschen strömten auf die Kathedrale zu, fröhliche, lachende Menschen, unter denen Athos sich völlig fehl am Platz fühlte. Auf dem Marktplatz vor der Kathedrale wurde heißer Würzwein verkauft, und bevor die Musketiere in die Kathedrale gingen, wollten sie sich noch mit einem Becher davon aufwärmen. Als Porthos und Aramis dann in die Kathedrale gehen wollten, meinte Athos kopfschüttelnd:
“Mir steht nicht der Sinn nach der Weihnachtspredigt, ich werde hier draußen auf euch warten, und noch einen Becher Würzwein trinken.”
Aramis und Porthos tauschten besorgte Blicke, denn ihnen war klar, dass es bestimmt nicht nur bei einem weiteren Würzwein bleiben würde.
“Ach kommt doch mit hinein, Athos”, meinte Aramis, “hier draußen ist es doch viel zu kalt, Ihr holt Euch noch den Tod.”
“Ach was”; erwiderte Athos mit gleichmütiger Miene, “der Wein wird mich schon aufwärmen.”
Porthos und Aramis versuchten noch ein paarmal ihn zum Hineingehen zu überreden, doch als sie merkten dass es zwecklos war, gingen sie schließlich alleine in die Kathedrale.

Nun waren fast alle Menschen, abgesehen von den Verkäufern der wenigen, noch auf dem Marktplatz stehenden Holzbuden, in der Kathedrale und Athos empfand die plötzlich eingetretene Stille als Wohltat. Nur gedämpft drangen die feierlichen Gesänge aus Notre Dame nach draußen. Schon bald waren die vielen Fußspuren vor der Kathedrale mit frisch gefallenem Schnee bedeckt. Es war wirklich schneidend kalt, ein eisiger Wind wehte ihm ins Gesicht. Sowohl um sich aufzuwärmen, als auch um seine Traurigkeit zu betäuben, trank er zwei heiße Würzweine, und wollte gerade einen dritten ordern, als er das laute Stöhnen einer Frau hörte. Es klang beinahe wie…ja, wie Annes Stimme, und sie kam aus der mit lebensgroßen Figuren bestückten Außenweihnachtskrippe, die jedes Jahr auf dem Vorplatz der Kathedrale aufgebaut wurde.
“Habt Ihr das auch gehört?”, fragte er den Würzweinverkäufer, “es klang fast wie das Stöhnen einer Frau.”
“Da vergnügt sich bestimmt wieder mal ein paar auf der Krippenbühne..eine Schande ist das..jedes Jahr gibt es wieder welche, die das machen. Bestrafen müsste man die für ihre Gottlosigkeit.”
Erneut ertönte dieses Stöhnen, diesmal war es lauter und klang äußerst gequält, als ob jemand große Schmerzen litte. Wieso klang diese Frauenstimme nur wie die von Anne? War daran etwa der Wein schuld?
Aber nein, der Würzweinverkäufer hatte das Stöhnen ja auch gehört, es konnte also nicht nur Einbildung sein. Der Kathedralenvorplatz war nun wie leergefegt, weil die meisten Menschen in die Kathedrale und andere zurück in ihre Häuser gegangen waren, und nun herrschte eine geradezu gespenstisch anmutende Stille.
Ein eisiger Wind fegte über den Platz, als der Musketier sich der Holztribüne, auf der die Krippenszenerie angeordnet worden war, näherte. Dort befand sich alles, was zu einer richtigen Krippenszene gehörte: lebensgroße, liebevoll geschnitzte und bemalte Holzfiguren von den heiligen drei Königen Kaspar Melchior und Balthasar sowie dem heiligen Josef, Maria und Ochs und Esel und dem in einer kleinen Krippe auf einem Bett aus Heu liegenden Jesuskind. Doch etwas war an diesem Bild nicht stimmig. Die Marienfigur lag auf dem Boden der Holztribüne mit der Krippenszene, und nicht wie jedes Jahr auf dem großen Strohsack neben dem die kleine Krippe mit dem Jesuskind stand.

Aber irgendetwas lag auf dem Strohsack, und es bewegte sich, allerdings konnte der Musketier auf die Entfernung nicht erkennen, was es war, weil ihm die lebensgroßen Holzfiguren der heiligen drei Könige und des Josef den Blick versperrten. Aber dieses so gequält klingende, langgezogene Stöhnen, es kam eindeutig von dem Strohsack her.
“Hallo? Ist da jemand? Braucht Ihr Hilfe?”, rief er und ging näher heran, denn er war davon überzeugt, dass ich hier kein Liebespaar vergnügte, es klang eher, als ob irgendjemand große Schmerzen litte.
Was er dann erblickte, als er näher heranging und die Figur des Josef beiseiteschob um bessere Sicht zu haben, erschütterte ihn zutiefst und ließ ihm regelrecht das Blut in den Adern gefrieren.
Auf dem Strohsack, dem eigentlichen Platz der liebevoll geschnitzten und bemalten lebensgroßen Marienfigur, lag eine blonde junge Frau mit schönem, madonnenhaft anmutenden Anlitz, die der verstorbenen Anne wie aus dem Gesicht geschnitten war. Sei war auch ungefähr in Annes Älter, höchstens siebzehn bis achtzehn Jahre. Ihr blasses Gesicht mit den ebenmäßigen schönen Zügen, den blassblauen Augen und den rosigen Lippen wurde von hellblondem Haar umrahmt, das ihr bis zu den Schultern herabfiel. Sie trug ein zerlumpes, braunes Kleid mit einer grauen Schürze, das so verdreckt war, dass nicht einmal eine Magd es noch angezogen hätte.
Nein, sie kann es nicht sein, dachte Athos sich, sie ist tot und ich habe sie auf dem Gewissen. Es ist gar nicht möglich dass sie hier ist, das bilde ich mir alles nur ein. Daran ist gewiss der Wein schuld.

Die junge Frau verzog ihr schönes Gesicht, das daraufhin zu einer schmerzverzerrten Grimasse wurde, sie stöhnte laut und ihre schneeweißen Hände ruhten auf ihrem gewölbten Bauch. Die Schöne in dem schmutzigen Kleid, das so gar nicht zu ihrer Schönheit passen wollte, war schwanger und mühte sich verzweifelt ab, ihr Kind zur Welt zu bringen. Und niemand war bei ihr, der ihr helfen konnte, man schien sie damit ganz alleine gelassen zu haben. War sie eine der unzähligen Bettlerinnen, die auf den Straßen von Paris Tag für Tag hart ums Überleben kämpfen mussten? Eine jener armen Frauen, die sich nachts in den Katakomben verkrochen, weil sie kein Dach über dem Kopf hatten und nicht erfrieren wollten?
Konnte es womöglich doch Anne sein? Aber wie konnte sie noch am Leben sein, nachdem er sie vor sieben Monaten aufgehangen hatte?
Zaghaft ging er näher heran und beugte sich über die Kreisende.
“Anne…seid Ihr das, Anne?”
Es war absurd..eigentlich konnte sie es nicht sein…und doch..diese Ähnlichkeit…diese Frau sah ihr wirklich zum Verwechseln ähnlich…
Als die junge Frau ihn sah, verzerrte ihr Gesicht sich zu einem Ausdruck jähen Entsetzens.
“Ihr…”, murmelte sie zutiefst erschrocken, und in ihren Augen stand die blanke Todesangst.
Vergeblich versuchte sie such aufzurichten um aufstehen und davonlaufen zu können, sie war dazu einfach viel zu schwach.
Nach dem was er ihr damals angetan hatte, fand Athos ihre Furcht nur zu verständlich. Er hatte damals versucht sie aufzuhängen, und deswegen befürchtete sie nun natürlich das denkbar Schlimmste für sich, glaubte, dass er gekommen war, um das zu Ende zu bringen, was ihm damals nicht gelungen war.
Er schämte sich sehr für seine Tat und schwor sich, alles dafür zu tun um es wieder gutzumachen.
Ganz langsam ging er neben der jungen Frau in die Knie und strich ihr behutsam über die bleichen, von den Strapazen der Wehen schweißnassen Wangen.
“Ach Anne, es tut mir ja so leid, was ich Euch damals angetan habe…obwohl Ihr mich so bitter enttäuscht und so schändlich belogen habt, hatte ich kein Recht, Euch so etwas anzutun. Ich bitte Euch, verzeiht mir das Unrecht, das ich Euch damals zufügte.”
Sie hielt schützend ihre Hände über den gewölbten Bauch, in ihren Augen stand noch immer die nackte Angst.
“Verschwindet, Olivier! Ich lasse nicht zu, dass Ihr mir dieses Kind wegnehmt und mich tötet! Ihr wollt doch nur warten bis es geboren ist und mich dann noch einmal aufhängen!”
Erst jetzt wurde Athos bewusst, dass es durchaus sein könnte, dass es sein Kind war, das hier gerade zur Welt kam. Zwar hatte sie ihn mit ihrem Liebhaber, dem Pfarrer, den sie ihm gegenüber als ihren Bruder ausgegeben hatte, betrogen, aber davon hatte er damals nichts geahnt, und jede Nacht bei ihr gelegen, auch vor neun Monaten. Und wenn es wirklich sein Kind war, dann befürchtete sie jetzt natürlich, dass er gekommen war um es ihr wegzunehmen und sie zu töten. Der Gedanke, dass dieses Kind seines sein könnte, erschütterte ihn zutiefst, und erneut schämte er sich dafür, dass er Anne damals beinahe getötet hätte.
“Ich bitte euch, Anne, habt keine Angst, ich will Euch Euer Kind doch nicht wegnehmen, ich möchte Euch helfen. Ihr braucht Euch vor mir nicht zu fürchten, glaubt mir, ich bereue das, was ich Euch damals antat zutiefst und bin seit jenem Tag meines Lebens nicht mehr froh geworden.”

Als er sich gerade fragte, wo er jetzt eine Hebamme herbekommen sollte, ging ein Beben durch ihren Körper, und sie stöhnte gequält, als sie von der nächsten Wehe erfasst wurde. Athos erschrak, als er sah, wie ihr Unterleib sich weitete, als sie so fest presste, dass ihr Kopf rot anlief, und in dieser Öffnung mit einem Mal der obere Teil des Köpfchens des Kindes zu sehen war.
Nun war es eindeutig zu spät, um sich noch auf die Suche nach einer Hebamme oder einem Arzt zu machen, der Musketier wusste, dass weder das Kind noch Anne eine Chance hatten, wenn er sie jetzt alleine ließ. Außer ihm war niemand hier, der dieses Kind auf die Welt holen konnte, und das machte ihm große Angst. Bei seinen Pferden und Jagdhunden hatte er schon häufiger Geburtshilfe leisten müssen, dies aber noch nie bei einer Frau getan. Er hoffte, dass es bei einer Frau ähnlich ablaufen würde, und er Anne wirklich helfen konnte.
Und so ging er neben ihr in die Knie, nahm ihre Hand und drückte sie sanft.
“Ihr müsst pressen, Anne, ganz fest pressen! Habt keine Angst, es ist bald geschafft, der Kopf ist schon fast draußen. Alles wird gut, Ihr werdet schon sehen! Pressen, feste pressen!”
Sie blickte ihn misstrauisch an, noch immer befürchtete sie, dass er etwas Böses im Schilde führen könnte. Aber sie war so von den Strapazen der Geburt erschöpft, und musste sich nun darauf konzentieren, dieses Kind zu gebären, dass ihr die Kraft, gegen seine Anwesenheit zu protestieren fehlte.
Die Wehen kamen nun in immer kürzeren Abständen, und sie presste erneut so fest, mit ihrer ganzen noch verbliebenen Kraft, dass ihr Gesicht flammendrot anlief, und von Schmerzen gepeinigt stieß sie einen lauten, schrillen Schrei aus.
“Habt keine Angst, Anne, Ihr habt es bald geschafft. Nur noch einmal fest pressen”; versuchte er ihr Mut zu machen, als er sah, dass das ganze Köpfchen nun draußen war.
Als sie dann noch einmal presste, kamen auch die Schultern des Kindes zum Vorschein, und Athos, sich an die Geburten seiner Hunde und Fohlen erinnernd, zog das kleine, blutverschmierte Wesen behutsam an den Schultern aus dem Muttermund heraus, hoffte inständig, dass alles gutgehen und er es nicht verletzen würde.
Kurz darauf hielt er den Säugling, dessen Haut noch krebsrot war, in den Händen und durchtrennte mit seinem Dolch vorsichtig die Nabelschnur, genauso wie er es bei seinen Hunden und Fohlen auch immer gemacht hatte. Er hoffte inständig, dass er alles richtig gemacht hatte, und empfand es als beruhigend, als das Kind mit einem kräftigen, lauten Schrei seine Ankunft in der Welt kundtat. Das war mit Sicherheit ein gutes Zeichen.
Es war ein kleines Mädchen, und Athos wischte ganz behutsam Blut und Käseschmiere von dem kleinen Körper, und wickelte ihn dann vorsichtig in seinen Mantel ein. Auf dem Köpfchen war bereits der erste zarte dunkle Haarflaum zu sehen und als die Kleine zu greinen aufhörte, und ihn aus großen, braunen Augen heraus unverwandt anblickte, war er so tief berührt, dass ihm Tränen der Freude über die Wangen liefen. Diese Augen..sie glichen seinen eigenen Augen so sehr, dass ihm klar wurde, dass es seine eigenen Tochter war, die er da in den Händen hielt. Außerdem hatte das Kind eine sichelförmige Narbe am Bauch, genau die gleiche Narbe, die er selbst auch hatte. Ganz zärtlich küsste er die Kleine auf die Stirn und konnte gar nicht aufhören, dieses kleine Wunder zu betrachten, weil er es noch immer nicht fassen konnte. Er hatte geglaubt, dass Anne tot war, und er hatte geglaubt, dass er niemals eigene Kinder haben würde.
Die Kleine räkelte sich in seinen Armen, und gab leíse, maunzende Laute von sich. Er wickelte den Mantel noch enger um sie, damit sie es auch warm genug hatte.

Als Anne das leise Glucksen des Säuglings hörte, versuchte sie mühsam, sich aufzurichten, was ihr jedoch nicht gelang, und verlangte mit schwacher, erschöpfter Stimme:
“Ich bitte Euch, nehmt mir mein Kind nicht weg…und tötet es nicht. Macht mit mir was Ihr wollt, aber lasst das Kleine am Leben…”
In ihrer Stimme schwang eine tiefe Verzweiflung mit, vermutlich befürchtete sie, der Säugling könnte dem Pfarrer gleichen, und er könnte ihn in seiner Wut darüber töten. Nach jenem Vorfall vor sieben Monaten schien sie ihm eine solche Tat durchaus zuzutrauen.
“Ihr…nein wir haben eine wunderschöne, gesunde Tochter” meinte er lächelnd, während ihm Tränen der Freude über die Wangen liefen, und legte ihr die Kleine in die Arme, “ich könnte ihr niemals etwas tun, und auch Euch nicht..es tut mir so leid, was damals geschehen ist.”
Eine ganze Weile beachtete Anne ihn gar nicht, und war ganz vertieft in die Betrachtung ihrer Tochter, von der sie gar nicht mehr den Blick wenden konnte.
Schließlich schaute sie zaghaft zu ihm auf und meinte dann:
“Sie ist Euch wie aus dem Gesicht geschnitten..auch wenn ich Euch damals betrogen habe..so ist es dennoch Eure Tochter. Ich bitte Euch, auch wenn es Euer Kind ist…nehmt sie mir nicht weg…ich könnte es nicht ertragen sie nicht aufwachsen zu sehen. Ein Kind gehört doch zu seiner Mutter…”
“Ich werde sie Euch nicht wegnehmen, das könnte ich niemals tun”; meinte er schließlich und betrachtete die Kleine, die nun leise zu greinen begann, “ich..ich war damals so wütend auf Euch, und so enttäuscht als ich die Lilie entdeckte, dass ich nicht mehr klar denken konnte. Was ich Euch angetan habe, das ist unverzeihlich..ich hoffe, dass Ihr mir irgendwann trotzdem vergeben könnt. Wisst Ihr, in den letzten Monaten ist mir klar geworden, dass ich Euch gegen über sehr ungerecht war und ich gäbe alles dafür, das wiedergutmachen zu können. Ich weiss, dass Ihr mich nie geliebt und mich schändlich belogen habt, aber meine Tat wiegt weitaus schwerer als Euer Betrug.”
“Wisst Ihr, es ist wirklich so, dass ich Euch nicht liebte als ich Euch geheiratet habe, und es nur tat, um an Euren Titel und Eure Ländereien zu gelangen. Aber dann…als ich mit Euch verheiratet war, da habe ich mich in Euch verliebt, und zu dem Zeitpunkt als Ihr die Lilie entdeckt habt, hatte ich schon drei Monate nicht mehr mit dem Pfarrer geschlafen, ihm gesagt, dass mein Herz jetzt nur noch Euch gehört. Eure Tat…das war ein Schock für mich….weil ich niemals gedacht hätte, dass Ihr zu so etwas fähig seid..ich wagte nicht, zurückzukehren und seitdem schlage ich mich auf den Straßen von Paris mehr schlecht als Recht durch. Und als ich Euch vorhin sah, da hatte ich große Angst, dass Ihr versuchen könntet mich zu töten. Ich weiss nicht, ob ich Euch jemals wieder vertrauen kann, aber ich will es versuchen. Und natürlich will ich Euch Eure Tochter nicht vorenthalten, sie braucht ihren Vater genauso wie ihre Mutter. Im Moment kann ich mir, nach allem was geschehen ist, nicht vorstellen, mit Euch zusammenzulebe..aber…ich bin sicher, uns fällt eine gute Lösung ein, wie wir unsere Tochter trotzdem zusammen großziehen können.”
“Ihr werdet ab heute wieder ein Zuhause haben, dafür werde ich sorgen”; meinte Athos, “wenn Ihr wollt, könnt Ihr doch mit der Kleinen im Stadthaus meiner Familie hier in Paris leben..ich werde in meiner Wohnung in der Rue Ferrou bleiben..aber so kann ich die Kleine regelmässig besuchen kommen.”
Nach allem was vorgefallen war, sie hatten beide schwerwiegende Fehler begangen, war ein gemeinsames Leben als Ehepaar nicht mehr möglich, zumindest im Moment nicht…Athos hielt seinen Vorschlag für eine gute Lösung.
Das Stadthaus der Familie de La Fére hatte er, als er nach Paris gekommen war, niemals aufgesucht, weil er seine wahre Identität unbedingt hatte geheimhalten wollen. Nun würde das nicht länger nötig sein, nun durften ruhig alle wissen, dass der Musketier Athos eigentlich der Comte de La Fére war.
“In Ordnung, ich bin damit einverstanden, Olivier”; erwiderte sie lächelnd, “es ist ja auch nicht so, dass ich Euch hasse, ich verzeihe Euch was Ihr damals getan habt…dennoch denke ich, dass es besser wäre, wenn wir getrennt leben..die Zeit wird dann zeigen, wie es mit uns beiden weitergeht.”
Als die Kleine leise zu greinen begann, gab Anne ihr die Brust.
“Sagt, habt Ihr Euch schon einen Namen überlegt?”, fragte er sie schließlich.
“Mein Leben war in den letzten Monaten nicht gerade leicht…und ich hatte keine Zeit, darüber nachzudenken. Meine Mutter hieß Charlotte..wenn es Euch auch Recht ist, würde ich sie gerne nach meiner Mutter benennen.”
“Ein schöner Name..ich bin damit einverstanden”; erwiderte er, während er tief berührt seine Tochter betrachtete.
Nachdem sie getrunken und ihr Bäuerchen gemacht hatte, schlief die kleine Charlotte in Annes Armen ein.

Mittlerweile war die Messe zu Ende, und immer mehr Menschen kamen aus der Kathedrale. Viele blieben stehen und betrachteten erstaunt die Szenerie, die sich ihnen an der Krippe darbot.
Ein Mann in Musketieruniform und eine zerlumpte junge Frau mit einem Säugling im Arm, auf dem Strohsack, auf dem sonst die Marienfigur gelegen hatte.
Auch Porthos und Aramis traten neugierig näher heran, als sie erkannten, dass es sich bei dem vor dem Strohlager knieenden Musketier um ihren Freund Athos handelte.
Als Athos unter den Schaulustigen Kirchgängern seine Freunde erkannte, lächelte er, und bat Anne, ihm kurz das Kind zu geben.
“Ihr nehmt sie mir aber nicht weg?”; fragte sie und blickte ihn misstrauisch an.
“Nein, Ihr bekommt sie gleich wieder, ich will sie nur meinen Freuden zeigen.”
Porthos und Aramis glaubten ihren Augen nicht zu trauen, als sie Athos mit dem Kind im Arm sahen…die Kleine war ihm wie aus dem Gesicht geschnitten.
“Habe ich es Euch nicht immer gesagt, Aramis? Stille Wasser sind tief….”
Athos wusste, dass an diesem Tag für ihn ein ganz neues Leben beginnen würde. Im Augenblick konnte er noch nicht sagen, ob er und Anne jemals wieder ein Paar werden würden, aber selbst wenn dies nicht geschehen sollten, so würde die kleine Charlotte doch immer ein Teil seines Lebens sein, und er und Anne konnten zumindest gute Freunde bleiben.
So glücklich hatten Aramis und Porthos den stets in sich gekehrten Athos noch nie gesehen und sie freuten sich mit ihm. Zum ersten Mal seit er nach Paris gekommen waren sahen sie ihn unbeschwert lachen, und so viel wie an diesem Tag hatte er noch nie mit ihnen gesprochen.
Und Athos war erleichtert dasss Anne sich nun etwas entspannte, als er ihr die Kleine zurück auf den Arm gab, allmählich begann sie ihm zu vertrauen. Ja, er empfand noch immer sehr viel für sie, das musste er sich nun eingestehen. Die Zeit würde zeigen, wie es mit ihnen weiterging.

12. Herbergsuche

Paris, 25.Dezember 1628:

Es fehlte nicht mehr viel auf Mitternacht. Mit einem leisen Seufzer lehnte sich Comte Armand de Rochefort in die Polsterung der Kutsche zurück. Der Kardinal, der ihm gegenüber saß, zog leicht eine Augenbraue hoch, sagte aber nichts. Die Kutsche setzte sich in Bewegung. Seine Eminenz wollte noch seine Nichte, Marie-Madeleine de Combalet, heim zu ihrem Stadthaus bringen, bevor er ins Palais Cardinal zurückkehrte.

Während der Wagen durch die tief verschneiten Gassen von Paris rollte, ließ Rochefort den heutigen Tag noch einmal kurz Revue passieren – nur um festzustellen, dass sich seine Laune dadurch nicht besserte. Am höchsten Weihnachtsfeiertag standen einmal nicht die politischen, sondern die
geistlichen und gesellschaftlichen Verpflichtungen von Armand-Jean du Plessis
Kardinal de Richelieu im Mittelpunkt und sie hatten jede Minute des Tages bis
zur Neige ausgefüllt. Auch wenn der Politiker Richelieu stets Vorrang vor dem
Kardinal Richelieu hatte, so nahm der Erste Minister von Frankreich seine
persönliche, private Religiosität und die damit verbundenen Verpflichtungen
durchaus ernst. In der Kathedrale von Notre-Dame hatte er das Weihnachts-Hochamt zelebriert. Trotz der Eiseskälte, die in diesen Tagen herrschte, war die Kirche zum Bersten voll gewesen. Seiner Gewohnheit entsprechend hatte sich Rochefort einen Platz gesucht, von dem aus er alles gut überblicken konnte. Er musste sich eingestehen, dass seine Gedanken während des Gottesdienstes nur am Rande bei der heiligen Handlung der Messe und zudem weder besonders fromm noch weihnachtlich gewesen waren. Er hatte die versammelte Menge beobachtet und überlegt, was in den Köpfen des hier versammelten Hochadels und reichen Bürgertums von Paris wohl gerade vorging und war zu keinem erfreulichen Ergebnis gekommen.

Wie viele von denen, die hier scheinheilig fromm die Hände falteten, beteten und sangen, dachten währenddessen in Wahrheit daran, welche Intrigen sie gegen ihre Rivalen bei Hofe oder im Rat der Stadt als nächstes spinnen, wie sie ihren Gegenspielern am effektivsten schaden konnten? Wer von den hohen Herrschaften, die gerade mit heuchlerischen Mienen der Predigt des Kardinals lauschten, hätte ihn wohl lieber heute als morgen zum Teufel gejagt oder gar selbst die Hand mit dem Dolch geführt, der dem Leben des meistgehassten
Mannes von Frankreich ein Ende setzte? Nicht zum ersten Mal fragte sich der
Graf, wie Richelieu es ertrug, mit so viel Hass und Ablehnung zu leben.

Nach dem Hochamt hatte der König im Louvre ausgesuchte Gäste empfangen, darunter natürlich auch seinen Ersten Minister. Da Rochefort zu dieser erlauchten Runde nicht geladen war, hatte er sich notgedrungen die Zeit mit belanglosen Gesprächen mit im Palast anwesenden Höflingen vertreiben müssen und auch dies war nicht im Mindesten dazu geeignet gewesen, irgendeine Art von weihnachtlicher Stimmung in ihm hervor zu rufen. Wenn er es gewollt hätte, hätte Richelieu ihm natürlich den Abend frei gegeben, doch was sollte der damit anfangen? Daheim in seinem Stadthaus erwartete ihn nur die Dienerschaft, oder besser gesagt: jene wenigen Bediensteten, die nicht selbst frei hatten, um mit ihren Familien zu feiern. In früheren Jahren, als sein Vater und sein älterer Bruder noch gelebt hatten, war Armand über die Weihnachtsfeiertage meist nach Hause gereist und hatte die Festtage auf dem Schloss der Familie verbracht. Nun war er selbst der Comte de Rochefort. Doch er war unverheiratet und es gab auch sonst keinen engeren Familienanhang. Ja, entferntere Verwandtschaft war wohl vorhanden, die Rocheforts waren eine verzweigte, alte Adelsfamilie, doch zu diesen Verwandten hatte der Graf nur oberflächlichen, sporadischen Kontakt. Seine „Familie” – das mutete vielleicht seltsam an – aber seine „Familie” war jetzt der Kardinal!

So hatte er also getreulich ausgeharrt, bis Seine Eminenz die königliche Festgesellschaft endlich verlassen konnte. Ein Blick in die müden Augen des Kardinals hatte ihm genügt, um zu dem Schluss zu gelangen, dass dessen Empfindungen den heutigen Tag betreffend den seinen wohl nicht ganz
unähnlich waren.

Die Kutsche hielt vor dem Stadthaus von Madame de Combalet.

„Danke, Onkel, dass Ihr mich noch nach Hause gebracht habt.”

„Aber gerne. Ich wünsche Euch ein gesegnetes Weihnachtsfest,
Marie.” Zum Abschied drückte der Kardinal seiner Nichte wohlwollend die Hand. Es war das erste Mal an diesem Tag, dass Rochefort ihn lächeln sah. Dann
wendete der Wagen und rollte in Richtung des Palais Cardinal.

*****************

Zitternd vor Hunger und Kälte starrte die kleine Katze auf die verschlossene Balkontür und stieß ein weiteres klägliches „Miau!” aus. Bis vor wenigen Tagen hatte sie nicht gewusst, was es bedeutet zu frieren oder nichts zu fressen zu haben. Drei Jahre lang war sie die geliebte Spielgefährtin des Mädchens gewesen, das nun zu einer jungen Frau heran gewachsen war und sie hatte immer nur die Geborgenheit und Sicherheit eines auch im Winter behaglich
warmen, vornehmen Hauses gekannt. Doch vor einiger Zeit hatte das Mädchen immer öfter von einer „Hochzeit” zu sprechen begonnen und dann, vor ein paar Tagen, war im Haus hektische Betriebsamkeit ausgebrochen, Kleider und Hausrat waren in Reisetruhen verstaut worden. Am nächsten Morgen hatte das Mädchen, in einen kostbaren, pelzbesetzten Mantel gehüllt, die Katze von ihrem Lieblingsplatz auf dem großen Lehnstuhl im Kaminzimmer aufgehoben, fest an sich gedrückt und gestreichelt. „Du wirst mir fehlen”, hatte sie gesagt – und dann war sie fort gewesen. Ein bedrückendes Unbehagen beschlich das kleine Tier. Es fühlte, dass seine junge Herrin nicht wieder kommen würde.

Zwei Tage später war die Mutter des Mädchens plötzlich vor ihr gestanden und hatte mit missmutiger Stimme zu ihrem Mann bemerkt: „Jetzt, wo Antoinette fort ist, können wir die Katze ruhig nach draußen schaffen. Du weißt, ich war nie besonders begeistert davon, sie im Haus zu haben.”

„Hmm, also eigentlich stört sie doch niemanden”, brummte ihr Gemahl. „Aber wenn Ihr meint…”

„Ja, ich meine. Weil mich stört es nämlich, wenn sie überall ihre Haare hinterlässt. Im Stall kann sie Mäuse fangen und für sich selbst sorgen.”

Der Mann zuckte mit den Schultern und kraulte die große Dogge hinter den Ohren, die zu seinen Füßen lag. Wegen einer solchen Lappalie wollte er mit seiner resoluten Gattin nicht streiten.

Ein Diener hatte die Katze hinunter in den Stall gebracht. Doch sie war als winziges Katzenbaby zu Antoinette kommen und von da an immer von Menschen umsorgt worden, hatte nie gelernt zu jagen und für sich selbst zu
sorgen. Gegen die anderen halbwilden Stallkatzen, die den täglichen
Überlebenskampf gewohnt waren, konnte sie sich nicht behaupten, obwohl sie sich tapfer verteidigte. Und immer, wenn sie versuchte, wieder in ihr Haus zu
gelangen, jagte man sie weg.

Schließlich war sie davon gelaufen, ziellos durch die engen, lauten Gassen von Paris irrend, bis sie, verfolgt von einem Straßenköter, in blinder Panik über eine hohe Mauer geklettert war. Dahinter lag ein weitläufiger, gepflegter Park, an dessen Ende sich ein riesiges Gebäude befand. Irgendetwas zog sie dort hin. Über ein Rosenspalier war sie auf einen großen Balkon geklettert und hatte laut miauend versucht, auf sich aufmerksam zu machen. Nach einiger Zeit war Jemand gekommen, hatte die Tür geöffnet und sie verwundert betrachtet. Sie hatte schon gehofft, dass man sie nun ins warme Haus lassen und ihr etwas zu Fressen geben würde, doch der Mann hatte sie nur hochgehoben, durch endlose Flure und über eine lange Treppe hinunter getragen und einem anderen Mann in den Arm gedrückt. Und dieser hatte sie – zu den Stallungen gebracht! Riesigen Stallungen, um ein vielfaches größer, als es der Stall ihres ehemaligen Heimathauses gewesen war. Doch auch hier hatte es andere
Katzen gegeben, die sie, den fremden Eindringling, nicht in ihrem Revier dulden wollten, und die kleine Katze hatte sich zurückziehen müssen.

Einem unerklärlichen Instinkt folgend, hatte sie sich wieder einen Weg in den Park gesucht; es war stockdunkle Nacht. Abermals kletterte sie an dem Rosenspalier hoch, setzte sich vor die Balkontür und begann herzerweichend zu schreien: „Miau! Miau!” Und zum zweiten Mal ging die Tür auf und derselbe Mann erschien. „Da bist Du ja schon wieder. Das gibt’s doch nicht.” Er seufzte, schnappte sich das Kätzchen mit einem leichten Anflug von Ungeduld und trug es durch die hinter der Tür liegenden prunkvollen Räume auf den Gang hinaus.

*************

Richelieu atmete auf, als er seine Gemächer erreicht hatte. Endlich ausruhen! Diener eilten herbei, nahmen ihm noch auf dem Flur Mantel und Handschuhe ab und fragten nach seinen Wünschen: ob er sich umkleiden wolle, ob man etwas zu essen oder zu trinken richten solle. Der Kardinal winkte ab. Gerade als er seine Privaträume betreten wollte, öffnete sich die Tür und ein Bediensteter kam heraus, der eine kläglich maunzende Katze auf dem Arm trug.

„Was ist das für eine Katze?” wollte Richelieu wissen.

„Eine kleine Streunerin vermutlich, Euer Eminenz”, antwortete der Mann. Sie ist schon zum zweiten Mal auf den großen Balkon geklettert. Ich bringe sie weg, damit sie Eminenz nicht stört.”

„Nein, warte. Gib’ mir die Katze.”

Der Diener wirkte ein wenig überrascht, beeilte sich aber, dem Befehl des Kardinals nachzukommen und reichte ihm das Tier.

„Wenn jemand am Weihnachtsabend eine Bleibe sucht, sollte man ihn doch nicht abweisen, oder?” meinte Richelieu.

„Natürlich nicht, Euer Eminenz”, beeilte sich der Diener zu erwidern und verneigte sich ehrerbietig.

„Besorge etwas Futter”, wies Richelieu den Mann an, der sofort davon eilte.

Die kleine Katze schmiegte sich vertrauensvoll in die Falten der prunkvollen Staatsrobe des Kardinals. Große gelbgrüne Augen blickten flehend zu ihm auf.

Er drehte sich zu Rochefort, der schräg hinter ihm stand. „Sie hat ein hübsches Gesicht, findet Ihr nicht?”

Der Graf trat näher und betrachtete das Tier. „Ja, ganz entzückend. Und eigentlich sieht sie nicht aus wie eine Streunerin. Ihr Fell wirkt gepflegt und glänzt. Die kann noch nicht lange auf der Straße gelebt haben. Nur ziemlich mager ist sie.”

Mit ihrer schönen, schwarzen Zeichnung auf dem graubraunen Fell und dem auffallend kurzen, am Ende eher stumpfen und mit drei schwarzen Ringen versehen Schwanz sah sie fast aus wie eine Wildkatze – nur war sie wesentlich kleiner als diese wilden Vertreter ihrer Gattung.

„Hm ...was machen wir jetzt mit Dir?” sagte der Kardinal dann halb zu sich selbst. Sie hatten inzwischen seine Gemächer betreten. Eine prächtige weiße Angorakatze und eine schlanke, dreifärbige Glückskatze kamen mit hoch erhobenen Schwänzen angelaufen um die Ankömmlinge zu begrüßen. Als sie
jedoch die fremde Katze erblickten, erstarrten sie mitten in der Bewegung. Die
Dreifärbige kauerte sich in angespannter Lauerposition auf den Boden, während
die große Angorakatze mit allen Anzeichen des Abscheus die Ohren anlegte, ein empörtes Fauchen ausstieß und wie der Blitz beleidigt in einem Nebenraum verschwand. „So habe ich mir das vorgestellt.” Richelieu seufzte. „Immer dasselbe Theater, wenn eine Neue dazu kommt. Und eigentlich sind mir vier Katzen genug. Aber – Ihr könntet sie doch nehmen!” wandte er sich, einem spontanen Einfall folgend, an seinen Stallmeister.

„Ich?! ... Äh, ich weiß nicht ... die Katze hätte nicht viel von mir, so oft, wie ich unterwegs bin…”

„Immerhin hätte sie ein sicheres Zuhause, wo es ihr gut geht. Und wenn Ihr nicht in Paris seid, kann sie genauso gut wie Robyn in Eurer Wohnung hier im Palais bleiben.” Rochefort hatte im Palais Cardinal eine eigene Zimmerflucht zur Verfügung, denn er verbrachte hier mehr Zeit als in seinem eigenen Stadthaus. Zudem pflegte der Kardinal oft bis spät in die Nacht zu arbeiten und wollte den Leiter seines Geheimdienstes in seiner Nähe wissen, wenn es etwas zu besprechen gab. Da war es überaus praktisch für Rochefort, wenn er auch gleich hier schlafen konnte.

Kurz entschlossen drückte Richelieu nun dem Grafen das Tier in die Hände.

Rochefort begann dem Kätzchen den Kopf zu kraulen, was augenblicklich mit lautem Schnurren beantwortet wurde.

„Seht Ihr, sie mag Euch.”

Rochefort lächelte. „Scheint so.”

In dem Moment pochte es an der Tür. Der Diener trat mit einem Futterschälchen ein und an ihm vorbei drängte sich Robyn. Er musste wohl
gespürt haben, dass sein Herr nach Hause gekommen war. Heftig wedelnd stürmte er heran, rutschte in seinem Überschwang beinahe auf dem glatten Holzparkett aus, trampelte ungeniert über die Schleppe der bodenlangen Kardinalsrobe, was deren Träger zu einem ärgerlichen Ausruf veranlasste, und schnüffelte neugierig zu der fremden Katze empor, die sein Herr da im Arm hielt. Auf das kleine Tier musste der riesige Wolfshund mit seiner imposanten Schulterhöhe von neunzig Zentimetern wie ein Ungeheuer wirken, dennoch fauchte es weder, noch machte es Anstalten die Flucht zu ergreifen. Robyn erinnerte das Kätzchen wohl an die große Dogge in seinem alten Zuhause, die immer sanftmütig zu ihm gewesen war.

„Erstaunlich. Sie hat gar keine Angst vor ihm”, stellte Rochefort verwundert fest. „Sie muss wohl mit Hunden aufgewachsen sein.”

Der Diener hatte das Futter derweil in eine Ecke gestellt und da gab es für das ausgehungerte Findelkind kein Halten mehr. Mit einem Satz sprang die Katze auf den Boden, sauste zu der Schüssel und begann gierig zu fressen. Der Wolfshund, dem der Fleischgeruch natürlich ebenfalls in die Nase gestiegen war, folgte ihr und stupste sie an. Doch die Kleine dachte nicht im Traum daran, sich von ihrer Mahlzeit verdrängen zu lassen. Die große, feuchte, behaarte Schnauze neben ihr geflissentlich ignorierend, tauchte sie ihren Kopf
noch tiefer in die Futterschale.

Der Kardinal und sein Stallmeister tauschten einen Blick und mussten beide schmunzeln. Dann ergriff der Graf Robyn am Halsband und zog ihn weg. „Lass’ sie in Ruhe! Das ist nicht Dein Futter und ich bin mir sicher, Du hast heute Abend schon gefressen.”

„Haben Eminenz noch Wünsche?” fragte nun der Diener.

Der Kardinal überlegte kurz, dann orderte er einen speziellen Kräutertee, welcher immer eine angenehm entspannende und beruhigende Wirkung auf ihn ausübte, und eine Flasche süßen Dessertwein, von dem er wusste, dass
Rochefort ihn besonders mochte. „Bringt das ins Studierzimmer! Und ich möchte dort nicht gestört werden.” wies er den Diener an.

Das Studierzimmer grenzte an die große Bibliothek des Kardinals, die in einem besonders prachtvoll ausgestatteten Raum – eigentlich konnte man es fast schon einen Saal nennen – mit herrlichen bunten Deckenfresken untergebracht war. Dieses Zimmer war Richelieu vielleicht der liebste Raum in seinem ganzen Palais. Nicht zu groß, sodass eine beinah heimelige Atmosphäre herrschte und eingerichtet mit exquisiten Möbeln und Kunstgegenständen. Jetzt im Winter verbreitete ein knisterndes Kaminfeuer wohltuende Wärme. Und doch konnte der Erste Minister von Frankreich die Stunden, die er sich im Monat hier gönnen durfte, meist an den Fingern einer Hand abzählen ...

Als er mit seinem Stallmeister das Zimmer betrat, standen Tee und Wein bereits auf einem Beistelltisch, der zu einer bequemen Sitzgarnitur unweit des Kamins gehörte. Während die beiden Männer zwei Stühle nah ans Feuer zogen, platzierte sich Robyn möglichst weit weg vom Kamin – Hitze war nicht das seine. Die kleine Katze, nun satt und zufrieden, begann vorsichtig den Raum zu erkunden, nachdem ihr neuer Besitzer sie auf den Boden gesetzt hatte.

Bevor sich Richelieu nieder ließ, wandte er sich zu seinem Vertrauten: „Ein gesegnetes Weihnachtsfest, Rochefort.” Dann zog er ihn in seine Arme. „Ein gesegnetes Weihnachtsfest, Monseigneur”, gab dieser zurück und seine Worte kamen aus tiefstem Herzen. Er erwiderte die Umarmung fast ein wenig
ungestüm, so, als versuchte er damit die ganze innige Zuneigung zum Ausdruck zu bringen, die er für seinen väterlichen Freund fühlte. In diesem Augenblick war der Standesunterschied zwischen den beiden Männern aufgehoben – sie waren einfach nur zwei Menschen, die eine tiefe Freundschaft verband.

Sie saßen noch lange vor dem Kamin in dieser Nacht. Auf dem Schoß des Grafen hatte sich sein neuer Hausgenosse zusammengerollt und schlummerte selig. Rocheforts Blick wanderte durch den Raum, richtete sich auf das nun völlig entspannte Gesicht des Kardinals und blieb dann wieder an der kleinen getigerten Katze hängen.

„Ja…”, dachte er, „...jetzt ist Weihnachten!”

13. Die alte Mühle

Bragélonne, 31. Dezember 1639

In diesem Jahr war es ein besonders harter, eisig kalter Winter, für Justine die reinste Hölle auf Erden. Seit ihrem siebten Lebensjahr, als ihre Amme sie nach dem mysteriösen spurlosen Verschwinden ihrer Mutter einfach so vor die Tür gesetzt hatte, weil für sie kein Geld mehr bezahlt worden war, musste sie für sich selbst sorgen. Wer ihr Vater war, das wusste sie nicht, denn ihre Mutter hatte ihr damals, als sie noch ganz klein gewesen war, immer gesagt, dass ihr Vater ein sehr böser Mensch wäre, der sie nicht haben wollte. Justine war davon überzeugt, dass ihre Mutter tot war, denn sie hätte sie niemals einfach so im Stich gelassen. Seit elf Jahren lebte sie nun schon auf der Straße, und ihr Dasein war nichts als ein einziger harter Überlebenskampf. Die ersten Jahre hatte sie in Paris bei einer Bande von Straßenkindern gelebt, bei einem Mann der sich Monsieur Bijoux nannte, und sie und die anderen Kinder zum Stehlen ausgebildet hatte. Als sie elf Jahre alt gewesen war, hatten die Büttel den Mann verhaftet, und die Kinderbande hatte sich zerschlagen. Seitdem schlug sie sich mehr schlecht  als recht mit Diebstählen und Betteln durchs Leben, und war in den letzten Jahren erst zweimal ertappt worden. Die Männer, die sie erwischt hatten, hatten sie wieder laufen lassen, nachdem sie ihnen eine gemeinsame Nacht versprochen hatte. Doch bevor es dazu kommen konnte, hatte sie immer die erstbeste Gelegenheit zur Flucht ergriffen.
Im Winter war es in den Städten schwer einen Schlafplatz zu ergattern, weil es dort von Bettlern nur so wimmelte, und so zog sie es vor, im Winter über Land zu ziehen, wo sie in den meist nicht verschlossenen Scheunen der Bauern und Gutsherren immer ein Nachtlager fand.
Sie wusste nicht, dass es der letzte Tag des Jahres war, denn bei ihrem harten Überlebenskampf hatte sie längst jedes Zeitgefühl verloren. Am heiligen Abend hatte sie nirgendwo etwas zu essen auftreiben können, und sich dann mit knurrendem Magen in einer Scheune zum Schlafen gelegt, ohne zu wissen, dass es der Heilige Abend war.

Vor zwei Wochen hatte sie in einem Kloster eine Mönchskutte gestohlen, weil sie so entsetzlich fror, und nun stapfte sie mit kaputten Stiefeln und in die dicke, mittlerweile an manchen Stellen löchrige Kutte gehüllt durch die verschneite Landschaft. Sie brauchte unbedingt für die Nacht ein Dach über dem Kopf, und bisher hatte sie kein Glück gehabt, sie war zwar bereits an einer Scheune vorbeigekommen, aber diese war von dem Bauern, dem sie gehörte, mit einem dicken Vorhängeschloss gesichert worden.
Ihr war so kalt..so entsetzlich kalt, und sie war nach dem langen Fußmarsch so hundemüde, dass sie sich am liebsten in den Schnee gelegt und geschlafen hätte. Mühsam setzte sie einen Fuß vor den anderen, und sie spürte, dass ihr magerer Körper dieser Belastung nicht mehr lange gewachsen sein würde. Sie ahnte, dass in ihrem geschwächten Zustand die Wahrscheinlichkeit, dass sie diesen Winter überlebte, äußerst gering war. Wenn es ihr tatsächlich einmal gelang, etwas zum Essen zu stehlen oder zu erbetteln, dann reichte das meist nicht zum Sattwerden, und so wurde sie, die immer schon recht mager gewesen war, zunehmend dünner, war mittlerweile nur noch Haut und Knochen.
“Nein, ich will nicht sterben”; rief sie, so laut sie es in ihrem geschwächten Zustand vermochte, in die einsame, winterkalte Landschaft hinaus, “ich will leben!”
Sie ging vorbei an schneebedeckten Wiesen und Feldern, dann kam sie in den Wald, und sie hoffte darauf, in diesem Wald vielleicht eine Höhle, oder eine leerstehende Köhlerhütte zu finden, in der sie Zuflucht für die nächsten Nächte suchen könnte. Der Wald hatte ihr schon häufig Zuflucht und Nahrung geboten, im Sommer hatte sie Beeren gepflückt, im Herbst Pilze, Nüsse und Kastanien, und im Frühjahr Kräuter, und oft hatte sie mit ausgelegten Schlingen Kaninchen, Marder und Eichhörnchen gefangen. Aber jetzt im Winter würde sie hier nichts zu essen finden.
Ach, wenn ich doch nur eine Pistole oder Pfeil und Bogen hätte, dann könnte ich mir einen Hirsch oder ein Wildschwein erlegen, dachte sie beim Anblick der vielen Wildwechselspuren im verschneiten Wald.
Zumindest glaubte sie, sich im Winter hier im Wald vor Räuberbanden sicher fühlen zu können, denn bei einem solchen Wetter würden diese Gesetzlosen sich sicherlich in ihrem Unterschlupf aufhalten. Es war so schneidend kalt, dass Justine ihre eigene Atemluft sehen konnte. Die Mönchskutte bot nur unzureichend Schutz, da die Kälte ihr bis unter die Kleidung ging.
Ihre Hände waren längst bläulich-rötlich angelaufen, und sie konnte ihre Finger kaum noch bewegen, sie hatte große Angst, dass ihre Hände absterben könnten, denn dann würde sie verhungern müssen, weil sie dann nicht mehr stehlen konnte. Sie konnte sich noch gut erinnern, wie manchen der Straßenkinder in Paris in extrem kalten Winter Hände und Füße abstarben, und die meisten hatten das nicht überlebt. Selbst in den Katakomben, wo sie in den kalten Nächten Schutz gesucht hatten, hatten sie entsetzlich gefroren.
Die schneebedeckten kahlen Äste der Bäume erinnerten sie irgendwie an geisterhafte Skeletthände, und erneut liefen ihr eisig kalte Schauder über den Rücken. Sie war so geschwächt, so abgemagert, dass sie den nahenden Tod bereits zu spüren glaubte. Aber nein, sie wollte nicht sterben…sie war doch erst siebzehn Jahre alt..hatte noch ihr ganzes Leben vor sich. Auch wenn sie sich oft voller Angst fragte, was für ein Leben das wohl sein würde, da es für sie keine Hoffnung zu geben schien, wollte sie auf keinen Fall sterben, sie wollte bis zum letzten Atemzug um ihr Überleben kämpfen. Seit elf Jahren lebte sie nun schon auf der Straße, doch sie erinnerte sich noch daran, wie ihr Leben vorher gewesen war, als sie jeden Tag genug zu essen, ein warmes Bett und eine liebevolle Mutter, die sie besuchte so oft sie konnte, gehabt hatte. Ihr kamen jedes Mal die Tränen, wenn sie daran dachte, wie ihre Mutter sie in den Arm genommen und für sie ein Schlaflied gesungen, und ihr, wenn sie zu Besuch gewesen war, jeden Abend heiße Milch mit Honig gemacht hatte. Es tat weh daran zu denken…ihr war klar, dass ihr Leben nie wieder so schön sein würde wie damals. Sie war ganz alleine auf der Welt, es gab niemanden zu dem sie gehörte, dabei sehnte sie sich so sehr danach, zu einer Familie zu gehören, sich geborgen fühlen zu können. Aber nachdem die Mutter verschwunden war, war da niemand mehr, den es kümmerte was aus ihr wurde, und nach elf Jahren auf der Straße wusste sie auch, dass sich daran nichts mehr ändern würde.

In trübe Grübeleien versunken, schleppte sie sich mühsam vorwärts durch den verschneiten Wald. Es hatte erneut zu schneien begonnen, und es wehte ein eisig kalter Wind. Sie verspürte ein unangenehmes Kratzen im Hals, und ihr war klar, dass daraus erst eine Erkältung, und dann womöglich eine Lungenentzündung werden konnte, wenn sie nicht bald einen warmen, trockenen Unterschlupf fand.
Und dann, als sie schon gar nicht mehr mit einer glücklichen Fügung des Schicksals rechnete, lichtete sich der Wald, und sie erblickte eine alte Mühle, die am Rande eines Baches stand, genau der richtige Unterschlupf für die nächsten Nächte. Dass die Mühle leerstand, erkannte sie daran, dass das Mühlrad in zwei Teile zerbrochen war, und ein Teil des Rades im gefrorenen Fluss feststeckte.
Ich könnte mir drinnen ein Feuer anmachen..so nahe beim Wald gibt es Brennholz genug, und bestimmt sind drinnen noch alte Dielenböden oder Möbel, die ich verbrennen kann, sagte die geschwächte Justine sich, nun etwas zuversichtlicher gestimmt, und morgen kann ich bestimmt auch irgendwo in der Umgebung etwas zum Essen auftreiben.
Das Fachwerkhaus mit dem roten Dach und dem zerstörten Mühlrad machte einen heruntergekommenen Eindruck, als Justine näherkam, konnte sie sehen, dass das Mauerwerk bereits zu bröckeln begann, und das Dach an zwei Stellen Löcher hatte. Sie blieb stehen, und zuckte erschrocken zusammen, als sie ein glockenhell klingendes Lachen und Kinderstimmen hörte, die ganz offensichtlich aus dem Haus kamen. Es dämmerte bereits…in einer halben Stunde würde es dunkel sein. Außerdem war es bitterkalt..wie konnte es sein, dass bei dieser Kälte um diese Zeit Kinder hier in diesem düsteren, unheimlich wirkenden Gemäuer spielten? Oder spukte es womöglich in der alten Mühle? Sie erinnerte sich an die Gruselgeschichten, die ihr die Amme immer erzählt hatte, als sie noch klein gewesen waren, in einer davon hatten sogenannte kleine Mühlinge, bleiche Geisterkinder, die in einer alten Mühlenruine hausten, Besitz von den Körpern der Menschen ergriffen, die die Mühle betraten.

Nach so vielen Jahren harten Überlebenskampfes in den Straßen von Paris und den Landstraßen Frankreichs erschien ihr eine Mühle, in der es spukte als das kleinere Übel, denn sie wusste, dass sie womöglich schon heute Nacht sterben und womöglich selbst zum Geist werden würde, wenn sie nicht schleunigst einen Unterschlupf bekam.
Und so betrat sie die alte Mühle, und kam hinein in einen Raum, der wohl früher einmal eine Art Wohnraum gewesen sein musste..Tische und Stühle standen noch immer, mit Staub und Spinnweben bedeckt, im Zimmer, an der Wand hingen noch verschiedene, ebenfalls verstaubte Kochgeschirre und ein Schürhaken. Der nächste Raum, der direkt an den ersten angrenzte, war, nach der längst erkalteten Feuerstelle, in der noch alte Asche lag, zu urteilen, einst die Küche des Müllerhaushaltes gewesen. Als Justine weiterging, kam sie in den angrenzenden Raum, in dem früher das Korn gemahlen worden war. Von dort aus konnte man bis auf den Dachboden blicken, denn ein großer Teil der Bodenbretter waren im Laufe der Jahre verwittert und herausgebrochen. Und dort oben auf dem Dachboden trieb sich eine Gruppe Kinder im Alter von ungefähr fünf bis neun Jahren herum. Es waren sechs Knaben, und fünf davon trugen einfache Bauernkleidung, während das sechste, ein etwa vier bis fünfjähriger dunkelhaariger Junge, eine schwarze Samthose, ein weißes Hemd und ein aus schwarzem Brokatstoff gefertigtes Justeaucorps trug, und darüber einen Mantel. Einer der Bauernjungen balancierte über einen Balken hoch oben auf dem Dachboden..wo einst ein ganzer Boden gewesen war, hing nun an dieser Stelle nur noch ein einziger Balken in der Luft. Der Knabe balancierte konzentriert auf dem schmalen Balken, und als er an dessen Ende ankam, drehte er um und ging genauso langsam, geschickt balancierend auf dem gleichen Weg wieder zurück. Die anderen Kinder standen weiter hinten auf einem noch gut erhaltenen Teil des Dachbodens, und schauten wie gebannt zu, einige feuerten den Jungen, der diese Mutprobe machte, lautstark an.
“Ja, Geoffrey..gut so, gleich hast dus geschafft…nur noch ein kleines Stück…sehr gut..”
Als der Junge namens Geoffrey endlich auf der anderen Seite ankam, atmete er tief durch, und klopfte dem vornehm gekleideten Jungen grinsend auf die Schulter.
“So, Raoul…jetzt haben wir fünf es alle gemacht…und nun seid Ihr dran…bis zum Ende des Balkens und zurück..”
Obwohl Justine eine Etage tiefer stand, konnte sie deutlich die Angst in den Augen des Jungen namens Raoul erkennen.
“Aber..aber ich hab so etwas noch nie gemacht..ich könnte fallen”; antwortete der Kleine schließlich und blickte die anderen zaghaft an, “ich muss jetzt nach Hause, Vater hat gesagt, ich soll vor Anbruch der Dunkelheit zurück sein, dann gibt es bei uns Abendessen.”
“Was seid Ihr doch für ein Feigling, Raoul! Wir anderen haben es alle gemacht! Ihr glaubt doch nicht etwa, dass Ihr, wenn Ihr so ein Angsthase seid, später unser Comte werden könnt? Das dürfen nur sehr mutige Männer..mein Vater hat mir erzählt, dass Euer Vater einst ein tapferer Soldat war…ein Musketier. Wollt Ihr nicht genauso tapfer sein wie Euer Vater? Er wäre dann gewiss sehr stolz auf Euch, und dann gar nicht verärgert, wenn Ihr zu spät kommt”, erklärte einer der Jungen, ein rotblondes, hageres Kind mit unzähligen Sommersprossen im Gesicht dem kleinen Adeligen.
Justine tat der kleine Junge sehr leid, denn ihm blieben nur zwei Optionen, die beide nicht sehr verlockend erschienen. Wenn er sich weigerte die Mutprobe zu vollziehen, dann würden die anderen Kinder ihn als Feigling verspotten…wenn er es aber tat, konnte ihn das das Leben kosten, falls er aus dieser Höhe heraus abstürzte.
“Ich bin kein Feigling, und wenn ich groß bin, werde ich auch ein Musketier!”; rief der kleine Raoul empört aus, “jetzt werd ichs euch zeigen, was ihr könnt, kann ich schon lange!”

Und mit diesen Worten machte der höchstens vier bis fünfjährige Junge seinen ersten Schritt auf den Balken..ein zweiter, ein dritter, ein vierter Schritt folgten..und dann ging es immer weiter..nur voran. Von unten konnte Justine deutlich die Angst in den Augen des Kleinen sehen, und sie befürchtete sogleich das Schlimmste.
“Los, Raoul, macht schon, Ihr schafft das..wir konnten es schließlich auch!”; feuerten die anderen Jungen ihn an, “und vergesst nicht..Ihr dürft auf keinen Fall nach unten sehen!”
Nach ein paar weiteren Schritten blieb der kleine Vicomte auf einmal stehen, und tat unglücklicherweise genau das, wovon die anderen ihm abgeraten hatten…er blickte nach unten, und erst jetzt schien ihm richtig bewusst zu werden, in welch enormer Höhe er sich befand, und vor lauter Schreck verlor er das Gleichgewicht, und drohte vom Balken zu fallen. Beinahe wäre er in die Tiefe gestürzt, doch im letzten Augenblick gelang es ihm, sich mit beiden Händen am Balken festzuklammern.
Nun hing er mit beiden Füßen in der Luft, und seine Hände krallten sich verzweifelt am Balken fest. So sehr er es auch versuchte, es gelang ihm nicht, zurück auf dem Balken zu klettern, und ihm war klar, dass er sich nicht mehr lange würde halten können.
“Bitte helft mir!”; flehte er seine gleichaltrigen Freunde an, “ich falle sonst..bitte holt mich! Helft mir!”
“Kommt, lasst uns schnell verschwinden!”; rief der Junge namens Geoffrey, “wir können ihm doch nicht helfen, und wenn der Comte de La Fére rauskriegt, dass wir sein Mündel zu dieser Mutprobe angestiftet haben, dann bekommen wir einen Riesenärger. Wenn jemand fragt, sagen wir einfach, wir waren noch nie zuvor hier in der Mühle…”
Justine war zutiefst entsetzt, als sie sah, wie die Kinder einfach das Weite suchten, und vom Dachboden herunterkletterten. Sie rannten so schnell, dass sie die junge Frau gar nicht bemerkten, die in der unteren Etage der Mühle stand. Als die Kaben fort waren, fasste Justine einen Entschluss. Sie musste diesem armen, verängstigten Jungen helfen, denn einen Stürz aus dieser Höhe auf den harten Boden würde der Kleine mit Sicherheit nicht überleben. 
So schnell sie konnte, und so schnell wie ihr geschwächter Körper es zuließ, rannte sie nach oben auf den Dachboden.
“Habt keine Angst, Raoul..ich hole Euch dort herunter. Haltet euch gut am Balken fest..und ganz gleich wie weh Eure Arme tun…lasst auf keinen Fall los!”
Der Junge, der nun halb in der Luft hing, und sich nur noch mit Mühe am Balken festhalten konnte, blickte sie ängstlich an.
“Woher kennt Ihr meinen Namen? Sagt, seid Ihr ein Engel? Muss ich jetzt sterben? Grimaud sagt, dass, wenn ein Mensch stirbt, ihm vorher ein Engel erscheint. Ich will aber nicht sterben! Ich habe Angst!”
“Nein, ich bin kein Engel..ich kenne Euren Namen nur, weil ich hörte, wie Eure Freunde Euch so genannt haben. Ich bitte Euch, haltet Euch gut fest!”
Als Raoul nickte, krabbelte sie auf den Balken, und sie hatte große Angst, obwohl sie bereits als Kind auf den Dächern von Paris herumgeklettert war, wenn es nach einem Diebstahl galt die Flucht zu ergreifen.
Nicht nach unten sehen, sagte sie sich und krabbelte weiter, am ganzen Körper zitternd. Als sie bei dem kleinen Raoul angelangt war, ergriff sie seine noch immer an den Balken geklammerte rechte Hand, anschließend die Linke.
“Haltet Euch gut fest…ich werde Euch jetzt hochziehen!”; rief sie, dann zog sie den Kleinen nach oben, zu sich auf den Balken. Es knirschte bereits bedenklich…das alte, morsche Holz des Balkens hielt eine solche Belastung nicht aus.
“Ich habe Angst”; schluchzte der Junge, “jetzt müssen wir bestimmt beide sterben!”
Auch Justine hatte große Angst, doch sie wollte nicht, dass der Kleine etwas von ihrer Furcht mitbekam.
“Nein, Raoul, wir werden nicht sterben. Alles wird gut, das verspreche ich Euch”; sagte sie, obwohl sie sich keinesweges sicher war, dieses Versprechen halten zu können. Auf den Balken zu krabbeln, und den kleinen Raoul nach oben zu ziehen, hatte sie ihre letzten Kräfte gekostet, und sie spürte, wie ihr schwindelig wurde.
Bitte, nicht gerade jetzt, sagte sie sich, ich darf jetzt nicht ohnmächtig werden..ich muss es schaffen, Raoul und mich heil zurückzubringen. Immerhin, es war ihr trotz ihres geschwächten Zustandes gelungen, den Jungen zurück auf den Balken zu ziehen. 
“Hört mir gut zu, Raoul”; meinte sie schließlich und atmete tief durch, “Ihr müsst jetzt genau das tun, was ich sage…krabbelt einfach ganz langsam hinter mir her, und haltet Euch gut fest. Wir müssen unbedingt sofort hier herunter..wir schaffen das, nur Mut!”
Und so krabbelten sie beide langsam los, und Justine machte dem verängstigten Kind immer wieder Mut, obwohl sie selbst große Angst hatte. Doch als es erneut bedenklich knirschte, war es mit ihrer Fassung vorbei, und sie schrie erschrocken auf. Da fing der kleine Raoul zu weinen an.
Als Justine ihn leise schluchzen hörte, versuchte sie sich zu beherrschen und krabbelte weiter.
“Nur noch ein paar Schritte, dann haben wir es geschafft”; versuchte sie dem Kind Mut zu machen, und krabbelte weiter, der kleine Raoul folgte ihr. Und dann hatte sie es tatsächlich geschafft, sie hatte wieder festen Boden unter den Füßen. Als es erneut knirschte, zog sie den Kleinen rasch vom Balken herunter, und genau in diesem Moment gab der Balken krachend nach und stürzte in die Tiefe.

“Ich danke Euch, Madame, Ihr habt mir das Leben gerettet”; meinte Raoul, nachdem er sich wieder etwas beruhigt hatte, “ich danke Euch. Sagt, wer seid Ihr..seid Ihr mein Schutzengel?”
“Nein, Kleiner, ich bin nicht Euer Schutzengel..ich bin einfach nur Justine de Winter, und war glücklicherweise zur richtigen Zeit am richtigen Ort”; erwiderte sie und blickte ihn streng an, “wisst Ihr, Ihr solltet solche Mutproben besser bleiben lassen, denn solche Dummheiten könnten Euch sonst irgendwann das Leben kosten!”
“Aber die anderen haben doch gesagt, ich bin ein Feigling, wenn ich es nicht mache, und sie sind doch vor mir auch alle auf dem Balken balanciert. Da musste ich doch auch…”
“Nein, Raoul, das stimmt nicht, Ihr braucht so etwas nicht zu tun, um Euren Mut zu beweisen. Wirklichen Mut und Charakterstärke beweist Ihr eher dadurch, dass Ihr zu solchen Mutproben Nein sagen könnt. Ihr solltet so etwas nicht wieder versuchen, beim nächsten Mal habt Ihr vielleicht nicht so viel Glück. Und was Eure sogenannten Freunde betrifft..bedenkt, dass sie Euch einfach im Stich gelassen haben…da kann es Euch doch gleich sein, ob sie Euch für einen Feigling halten oder nicht..auf solche Freunde kann man doch verzichten. Ihr seid ein sehr mutiger kleiner Junge und braucht gewiss niemandem etwas zu beweisen. Das habt Ihr nun wirklich nicht nötig, Raoul. Es wird bald dunkel, Kleiner, Ihr solltet jetzt nach Hause gehen. Ihr wohnt doch hier in der Nähe?”
“Ja, ich wohne auf Bragélonne, das sind von hier nur zehn Minuten zu Fuß. Ich muss jetzt wirklich heim….und Ihr solltet auch heimgehen…Grimaud sagt nämlich immer, dass hier in der Nacht die kleinen Mühlinge ihr Unwesen treiben”; meinte der Junge.
“Ich werde hier übernachten”; erklärte Justine dem Kind, “die Mühle wird für ein paar Tage mein neues Zuhause sein.”
“Wo ist den Euer richtiges Zuhause?”; wollte der Kleine wissen, “hier in der Mühle ists doch gar nicht schön so dunkel und kalt, warum geht Ihr nicht heim? Hier ists doch ganz grässlich, und Ratten gibt es hier auch!”
“Ich habe kein Zuhause”, erwiderte Justine und blickte den Kleinen traurig an, “ich lebe auf der Straße, seitdem ich acht Jahre alt bin. Ich weiss kaum noch, wie das ist, ein richtiges Zuhause und eine Familie zu haben.”
“Wo ist denn Eure Familie? Wieso seid Ihr nicht bei ihnen geblieben?”
“Meine Mutter ist damals spurlos verschwunden, wahrscheinlich tot, und meinen Vater habe ich nie kennengelernt, weil er mich nicht haben wollte. Ich bin ganz alleine, ich habe niemandem mehr”; meinte Justine, und brach nun, obwohl sie es zu verhindern versuchte, in Tränen aus. Mit einem Mal wurde ihr wieder bewusst, wie schrecklich einsam sie war, und sie beneidete den kleinen Jungen um das gemütliche Zuhause das auf ihn wartete.
Da spürte sie, wie eine kleine Hand ihre rechte Hand nahm und sie ganz sanft drückte.
“Ihr könnt doch mit zu mir nach Bragélonne kommen und bei uns wohnen. Dann habt Ihr ein richtiges Zuhause”; meinte der Junge, und schenkte ihr ein freundliches Lächeln.
“Nein, Kleiner, das geht leider nicht”; meinte sie traurig, “Euren Eltern wird das sicherlich überhaupt nicht recht sein.”
“Ich habe keine Mutter, ich bin ein Waisenkind, und mein Vater hat mich adoptiert, als ich ein winziger Säugling war”, erklärte der kleine Raoul ihr, “er wird gewiss erlauben dass Ihr bleibt, wenn ich ihm erzähle, dass Ihr mir das Leben gerettet habt. Es wird Euch bestimmt bei uns gefallen, und wir beide können dann immer zusammen Musketier und Edeldame spielen. Wenn ich groß bin, dann werde ich ein Musketier, genau wie mein Vater.”
Schließlich sagte Justine sich, dass sie ja nichts zu verlieren hatte, indem sie den Knaben begleitete, sondern womöglich tatsächlich für ein paar Tage ein Dach über dem Kopf und ein paar kräftigende Mahlzeiten bekommen könnte, denn dieser Comte würde ihr womöglich tatsächlich dankbar für die Rettung seines Sohnes sein.
“Also gut, ich komme mit Euch, Raoul”; meinte sie, nachdem sie kurz darüber nachgedacht hatte, “ich würde mich freuen, wenn ich für eine Nacht oder vielleicht auch für ein paar Tage bei Euch unterkommen könnte.”
Aber sie rechnete nicht wirklich damit, in dem adeligen Haushalt länger als eine Nacht bleiben zu dürfen, wenn überhaupt, denn die meisten Adeligen, bei denen sie in ihrer Not schon einmal nach Obdach gefragt hatte, hatten sie beschimpft und davongejagt.

Und so folgte sie dem Knaben, gemeinsam gingen sie an mehreren verschneiten Wiesen und Äckern vorbei, und bogen schließlich in eine von hohen, kahlen, schneebedeckten Linden gesäumte Allee ein. Währenddessen plapperte der kleine Junge unaufhörlich, erzählte ihr von seinen Jagdhunden, seinem Pony, seinen Freunden und von seinem Vater.
Am Ende der Allee war ein großes Gutshaus, das von seiner Größe her beinahe wie ein Schloß wirkte, zu erkennen.
“Da wohne ich”; erklärte der Junge ihr stolz, “und wenn Vater erlaubt, dass Ihr bleibt, dann können wir morgen eine Schneeballschlacht zusammen machen.”
“Falls ich morgen noch bei euch sein sollte, können wir das gerne machen, Raoul”, meinte Justine, während sie den Jungen traurig anblickte.
Wenn sie Glück hatte, würde Raouls Vater sie vielleicht eine Nacht in der Scheune schlafen lassen, aber morgen früh würde sie bestimmt weiterziehen müssen.
“Ihr könnt bleiben so lange Ihr wollt, Ihr habt mir doch das Leben gerettet, Vater wird Euch dafür sehr dankbar sein”; meinte der Kleine, während sie sich dem prachtvollen Anwesen näherten.
Das weißgetünchte Gutshaus bestand aus mehreren Gebäudeteilen, deren Dächer mit roten Ziegeln gedeckt waren, und hatte zwei Türme, die vermutlich erst später an das ursprüngliche Gebäude angebaut worden waren. Ja, dieses Anwesen wäre selbst eines Königs würdig gewesen.
Vor dem Haus stand ein großer, dunkelhaariger Mann, und als der kleine Raoul ihn von weitem sah, winkte er ihm zu und der Mann, der Kleidung nach zu urteilen ein Edelmann, winkte zurück.
“Das ist mein Vater”; erklärte Raoul ihr, und dieser Erklärung hätte es gar nicht bedurft, denn als sie näherkamen, erkannte Justine, dass der Kleine dem Comte wie aus dem Gesicht geschnitten war. Merkwürdig..hatte Raoul ihr nicht eben erst erzählt, dass er adoptiert worden war? Der Comte musste entweder sein leiblicher Vater, oder ein Onkel oder anderer Verwandter des Knaben sein, anders ließ sich diese Ähnlichkeit nicht erklären.

Als sie dann vor dem Gutshaus ankamen, und der Comte de La Fére sie erblickte, verfinsterte seine Miene sich, und er zog den kleinen Raoul, der neben ihr ging, rasch von ihr fort.
“Was habt Ihr hier zu suchen?”; fragte er sie, während seine braunen Augen böse funkelten, “genügt es denn nicht, dass Ihr mich in meinen Träumen heimsucht?”
Justine verstand nicht, was der Mann meinte, sein Verhalten irritierte sie. Wieso glaube er sie zu kennen?
“Vater, das ist Justine de Winter, sie hat mir das Leben gerettet. Bitte seid mir nicht böse, Vater…ich..ich bin in der alten Mühle auf dem Balken balanciert, weil die andereren das auch gemacht haben, und ich ihnen beweisen wollte, dass ich nicht feige bin. Ich bin fast runtergefallen und Geoffrey und die anderen sind weggelaufen, dann kam Justine, sie hat mich gerettet, ich wär sonst runtergefallen.”
Athos gefror regelrecht das Blut in den Adern, als er das hörte. Wie hatte Raoul sich nur so leichtfertig in solche Gefahr begeben können? Das hätte ihn das Leben kosten können, ein schrecklicher Gedanke für den Comte.
Die Kleidung der jungen Frau war verschmutzt, das blonde Haar verfilzt, aber dennoch konnte er ganz deutlich Myladys Gesichtszüge erkennen…wie konnte das sein? Der Henker von Lille hatte sie doch damals enthauptet?
Aber..dachte er sich voller Entsetzen, während er sie eingehend betrachtete, war sie nicht schon einmal von den Toten zurückgekehrt, damals, als er sie erhängt hatte?
Sie hatte viele Namen getragen…Anne, Charlotte…und nun nannte sie sich also Justine. Aber wie war es möglich, dass sie seinem Sohn das Leben gerettet hatte? Mylady war kein Mensch, der half, wenn er ein kleines Kind in einer Notlage erblickte, dessen war er sich sicher.
“Wer…wer..wer seid Ihr?”; fragte er, während er sie noch immer zutiefst erschüttert musterte.
“Ich..ich bin Justine de Winter, Monsieur”; antwortete sie und blickte schüchtern zu Boden, “ich gehe jetzt wohl besser…ich sehe schon, ich bin hier nicht erwünscht.”
Für sie war das nichts Neues, sie war schon häufiger von Adeligen davongejagt worden, wenn sie sich in eine Scheune oder die Stallungen schleichen wollte, um dort zu übernachten. Und irgendwie war ihr Raouls Vater nicht ganz geheuer, seine Reaktion auf ihr Erscheinen war sehr merkwürdig gewesen.
Justine wollte dem kleinen Jungen die Hand geben, um sich von ihm zu verabschieden, aber sein Vater zog Raoul sofort wieder von ihr weg.
“Haltet Euch gefälligst von meinem Sohn fern! Und jetzt seht zu, dass Ihr verschwindet!”, fuhr Athos die junge Frau gereizt an, “und ich will Euch auf meinen Ländereien nicht mehr sehen! Geht gefälligst in die Hölle zurück, aus der Ihr gekommen seid!”
“Aber..ich habe Euch doch gar nichts getan…”; meinte Justine und blickte den Comte traurig an, “warum beschimpft Ihr mich? Ich kann doch nichts dafür, dass ich auf der Straße leben muss..”
“Vater, sie hat mir das Leben gerettet! Ihr könnt sie nicht einfach fortschicken”; rief der kleine Raoul empört aus, “sie hat Hunger und ihr ist kalt, seht doch, ihre Lippen sind schon ganz blau. Und Ihr sagt mir doch immer, dass man einer Dame in Not helfen muss!”
“Raoul, das ist keine Dame in Not, sie ist der Teufel höchstpersönlich”; erwiderte Athos, “sie ist ein Dämon, der niemals stirbt, und sie ist in den letzten zwanzig Jahren um keinen Tag gealtert.”
“Spart Euch die Mühe, Raoul, ich bin es gewohnt, dass man mich fortschickt. Ich lebe auf der Straße, seitdem meine Mutter vor elf Jahren spurlos verschwand, und meine Amme mich vor die Tür gesetzt hat. Ich habe die elf letzten Winter überlebt, ich werde auch diesen überstehen. Bitte, Kleiner, versprecht mir, dass Ihr Euch nie wieder auf so eine törichte Mutprobe einlasst…denn so etwas könnte Euch das Leben kosten, und das würde Eurem Vater gewiss das Herz brechen.”
Sie war so schwach, dass sie sich kaum noch auf den Beinen halten konnte, für sie bedeutete jeder Schritt eine große Anstrengung. Ihre Hände waren mittlerweile so kalt, dass sie ihre Finger kaum noch bewegen konnte.

Nachdenklich blickte Athos die junge Frau an. Es war jetzt genau elf Jahre her, dass der Henker von Lille Mylady den Kopf abgeschlagen hatte, und ihre Leiche in den Fluss geworfen hatte. Konnte es sein, dass Mylady eine Tochter gehabt hatte, diese junge Frau namens Justine, die jetzt völlig durchgefroren vor ihm stand?
“Eure Mutter, wie hieß sie?”; wollte er wissen und blickte sie eindringlich an.
“Charlotte de Winter war ihr Name”; antwortete sie, “aber warum wollt Ihr das wissen?”
“Der Mädchenname Eurer Mutter, lautetet er Backson oder de Breuil?”, hakte Athos weiter nach.
“Sie hieß Charlotte Backson. Warum interessiert Euch das? Und woher wisst Ihr das überhaupt?”, wunderte die junge Frau sich.
“Eure Mutter, wann genau verschwand sie?”; wollte der Comte wissen, während er sie erneut einer eingehenden Musterung unterzog.
“Das war Ende August 1628, das weiss ich noch ganz genau. Von da ab hat man nie wieder etwas von ihr gehört. Ich bin sicher, dass sie tot ist, denn sie hätte mich niemals im Stich gelassen.”
Athos wusste nun, dass er es hier keineswegs mit Mylady selbst, sondern mit ihrer Tochter zu tun hatte, und nun schämte er sich dafür, das abgemagerte, völlig durchgefrorene Mädchen so beschimpft zu haben. Immerhin trug er die Schuld daran, dass die arme Justine auf der Straße leben und hungern und frieren musste, denn wenn sie über Mylady nicht das Todesurteil gesprochen hätten, wäre ihrer Tochter dieses schreckliche Schicksal erspart geblieben.
“Wie alt seid Ihr, Justine?”, fragte er sie schließlich.
“Im Februar bin ich siebzehn geworden”, erklärte sie ihm, “aber warum wollt Ihr das wissen?”
Als Athos das hörte, bekam er ganz weiche Knie, und sein Herz begann heftig zu pochen. Er hatte Mylady im November 1620 geheiratet, und mit ihr bis Juli 1621, als er die Lilie auf ihrer Schulter entdeckt hatte, zusammengelebt, und somit war es durchaus möglich, dass dieses Mädchen seine Tochter war.
Aber Mylady hatte auch mit diesem Pfarrer, den sie ihm gegenüber als ihren Bruder ausgegeben hatte, das Lager geteilt, somit könnte die junge Justine auch dessen Tochter sein.
Athos wollte es nun ganz genau wissen.
“Sagt, Justine, hat Eure Mutter Euch eigentlich gesagt, wer Euer Vater ist?”
“Nein, sie hat mir nur gesagt, dass er ein böser Mensch ist, der sie aufzuhängen versucht hat. Und wenn das wirklich stimmt, ist es mir lieber, gar keinen Vater zu haben.”
Nachdenklich blickte Athos die junge Frau an. Nein, er konnte sie nicht einfach wegschicken, immerhin hatte sie Raoul das Leben gerettet, und war womöglich seine Tochter. Aber würde er das jemals mit Sicherheit wissen? Schließlich gab es keine Möglichkeit, das so einfach herauszufinden.
“Kommt erst einmal mit hinein, Justine, Ihr müsst ja ganz durchgefroren sein. Ich bin Euch sehr dankbar, dass Ihr meinem Sohn das Leben gerettet habt”; meinte Athos freundlich lächlend und reichte ihr die Hand. Die junge Frau blickte ihn überrascht an, folgte dann aber ihm und Raoul in das Gutshaus.
“Zieht erst einmal Euren Mantel aus, Justine, er ist ja völlig durchlöchert. Ihr bekommt einen neuen Mantel und neue Kleidung, das ist das mindeste, was ich für Euch tun kann, nachdem Ihr Raoul das Leben gerettet habt.”
Noch wollte er ihr nicht sagen, dass sie seine Tochter sein könnte, er brauchte selbst noch etwas Zeit, um diese Nachricht zu verdauen. Es war sehr gut möglich, denn er hatte jede Nacht mit Mylady das Lager geteilt, genau in jener Zeit als Justine gezeugt worden war. Und selbst wenn sie nicht seine Tochter war….er wusste genau, dass er es nicht fertigbringen würde, sie wieder hinaus in die Kälte zu schicken, denn man sah der jungen Frau deutlich an, dass sie den Winter in diesem Fall nicht überleben würde.
Sie sah Mylady so verdammt ähnlich, dass er sich ihr gegenüber irgendwie befangen fühlte, der Gedanke, dass sie seine Tochter sein könnte, machte ihm irgendwie Angst. Aber, soweit er das im Moment einschätzen konnte…sie schien nicht den schlechten Charakter und die Boshaftigkeit ihrer Mutter geerbt zu haben….sonst hätte sie Raoul sicherlich nicht das Leben gerettet.
“Meine Diener werden Euch Badewasser hohlen, dann könnt Ihr ein Bad nehmen, danach bekommt Ihr frische Kleidung und etwas zu essen.”; meinte Athos, der nicht so recht wusste, wie er sich der jungen Frau gegenüber verhalten sollte, schließlich.
“Ich danke Euch, Monsieur de Bragélonne. Draußen ist es so kalt, und ich hätte diese Nacht sicherlich nicht überlebt. Ja, ich würde wirklich gerne ein Bad nehmen…ich habe mich bisher immer nur im Fluss gewaschen..das letzte richtige Bad habe ich genommen, bevor die Amme mich damals davonjagte.”
“Ihr könnt hierbleiben solange Ihr möchtet”; meinte Athos freundlich, “es ist ein harter Winter, und da wäre es nicht gut, wenn Ihr in der Kälte seid. Und ich bin übrigens nicht der Comte de Bragélonne, sondern der Comte de La Fére. Wenn Ihr wollt, nennt mich einfach Olivier.”
Justine blieb keine Zeit, sich darüber zu wundern, warum der Comte und sein ihm so ähnlich sehender Sohn unterschiedliche Familiennamen trugen, denn da rief Athos auch schon nach einer der Mägde.
“Lucille, sorgt bitte dafür, dass für Justine ein Bad eingelassen wird und danach gebt Ihr ihr etwas von Euren Sachen zum Anziehen. Wenn sie fertig ist, bringt Ihr sie hinunter in den Salon.”

Nachdem die Magd mit Justine nach oben gegangen war, wandte sich Athos an seinen Sohn.
“Raoul, was Ihr heute getan habt, das war wirklich töricht. Wenn diese junge Frau nicht zufällig dort gewesen wäre, dann wärt Ihr jetzt tot. Wenn Ihr gestorben wärt, das hätte auch ich nicht überlebt. Raoul, Ihr dürft nicht alles nachmachen, was die Jungen aus dem Dorf tun, selbst wenn sie euch einen Feigling schimpfen.”
“Aber Vater…wenn ich es nicht gemacht hätte, dann hätten sie mich auf ewig als Feigling verlacht. Und sie haben gesagt, dass ein Feigling niemals ein guter Comte sein könnte.”
“Ich kann Euch gut verstehen, mein Sohn, denn als ich in Eurem Alter war, habe ich mich auch auf so eine Mutprobe eingelassen..die Jungen aus dem Dorf sprangen alle von einem Scheunendach vier Meter in die Tiefe in einen großen Heuhaufen..und ich tat es, obwohl ich wahnsinnige Angst hatte…dabei habe ich mir ein Bein gebrochen. Zu meinem Glück ist das Bein aber gut verheilt. Danach habe ich mich nie wieder auf so eine Mutpobe eingelassen. Ihr seid kein Feigling, Raoul, selbst wenn sie das sagen…Ihr seid schon jetzt ein sehr mutiger Junge, und ich bin stolz, so einen Sohn zu haben. Ihr müsst mir versprechen, nie wieder so einen gefährlichen Unsinn mitzumachen, nur weil die anderen Jungen Euch als Feigling bezeichnen.”
“Ich verspreche es, Vater”, antwortete Raoul und senkte betreten den Kopf, “ich werde es nie wieder machen.”
Athos war viel zu froh und erleichtert um seinen Sohn zu bestrafen, er beschloss, es dabei bewenden zu lassen.
Athos und Raoul setzten sich im großen Salon an den Tisch, und der Comte befahl Grimaud, ein weiteres Gedeck aufzulegen. Beim Gedanken an Myladys Tochter, die womöglich auch die seine war, fühlte er sich noch immer seltsam befangen, aber er wollte dennoch auf jeden Fall unbedingt mehr über sie erfahren, um sich dann ein besseres Bild von ihr machen zu können.
Was, wenn sie wirklich seine Tochter wäre? Würde er sie überhaupt jemals so sehr lieben können, wie er Raoul liebte? Diese Ähnlichkeit mit Mylady…würde sie ihn da nicht jeden Tag an seine traurige Vergangenheit erinnern? Ihr Vater konnte genausogut der Pfarrer sein, den Mylady ihm gegenüber als ihren Bruder ausgegeben hatte…würde er jemals herausfinden, ob sie wirklich seine Tochter war? Und wenn sie es nicht war, was sollte dann aus ihr werden, wohin sollte sie gehen?
Nein, nicht einmal wenn sie nicht sein eigen Fleisch und Blut war, würde er es fertigbringen, sie zurück auf die Straße zu schicken, dann würde er versuchen, für sie einen Ort zu finden, an dem sie ein gutes, gesichertes Leben führen könnte.
Während die junge Frau badete, trug Grimaud die Vorspeise, eine klare Suppe mit Rindfleisch und Klößen auf.
“Vater, ich mag Justine..darf sie wirklich bleiben?”; fragte Raoul schließlich, während er seine Suppe löffelte, “ich will nicht, dass sie wieder fortgeht.”
“Sie kann erst einmal hierbleiben, und dann sehen wir im Frühjahr weiter”; meinte Athos, der innerlich so aufgewühlt war, dass er keinen Bissen hinunterbekam, und nur lustlos in seiner Suppe herumrührte.
Er hatte geglaubt, seine Vergangenheit längst hinter sich gelassen zu haben..und nun war diese junge Frau aufgetaucht, deren Anblick ihn so sehr an Mylady erinnerte, dass es für ihn kaum zu ertragen war. Wie sollte er sich ihr gegenüber bloß verhalten? Irgendwie fühlte er sich mit der ganzen Situation völlig überfordert.

In diesem Moment kam die Magd Lucille in den Salon gestürmt.
“Monsieur…ich muss Euch etwas sagen…diese junge Frau…sie…”, sammtelte sie und blickte den Comte nervös an.
“Was ist denn geschehen, Lucille?”; fragte Athos, “macht die junge Frau Euch irgendwelche Probleme?”
Was, wenn diese Justine sich nur verstellt hatte, um Einlass auf dem Gut zu finden, und sich in Wirklichkeit an ihm rächen wollte?
“Nun, Monsieur…ich habe doch früher immer Euren Sohn, als er noch ein Säugling war, gebadet, und sah, dass der Knabe dieses kleeblattförmige Muttermal am Bauch hat. Diese junge Frau..diese Justine..sie hat auch dieses Muttermal, Monsieur..ich dachte, das solltet Ihr wissen.”
Als Athos das hörte, fiel ihm der Löffel aus der Hand und landete mit einem klirrenden Geräusch auf dem Boden. Die Magd konnte nicht wissen, dass nicht nur Raoul, sondern auch er dasselbe Muttermal hatte..und somit konnte er sich ganz sicher sein, dass diese Justine sein Fleisch und Blut war, seine mit Mylady gezeugte Tochter.
Im Augenblick empfand er eher Angst als Freude, fragte sich, ob er diese junge Frau jemals genauso lieben würde wie Raoul, sie jemals als seine Tochter akzeptieren könnte. Sie sah Mylady so ähnlich, und jedes Mal wenn er sie anschaute, dann sah er Mylady vor sich, hatte das Gefühl, seiner Vergangenheit, die er bereits hinter sich gelassen zu haben glaubte, niemals mehr entrinnen zu können.
Dennoch…Justine hatte ihr Leben riskiert um Raoul zu retten, und dafür war er ihr sehr dankbar. Nein, er konnte sie nicht wieder wegschicken, sie gehörte doch zur Familie, sie war seine Tochter, und er dürfte sie nicht für die Sünden ihrer Mutter verantwortlich machen. Auch wenn er bei dem Gedanken, sie auf Bragélonne leben zu lassen, Furcht empfand, wusste er genau, dass er es nicht übers Herz brachte, sie wieder fortzuschicken. Immerhin trug er die Schuld daran, dass sie eine so traurige Kindheit gehabt hatte.

Als kurz darauf die junge Frau hereinkam, sauber gewaschen und in den Kleidern der Magd, blieb ihm vor Schreck beinahe das Herz stehen..es war, als ob er gut achtzehn Jahre jünger wäre, und Mylady wieder vor ihm stünde…Justine war das jüngere Ebenbild ihrer Mutter, für Athos keine leichte Situation.
“Verzeiht, Monsieur…habe ich Euch verärgert?”; fragte Justine und blickte ihn schüchtern an, “es tut mir leid, das wollte ich wirklich nicht. Bitte sagt mir doch, was ich falsch gemacht habe.”
Athos, der genau wusste, wie seine Miene sich immer verfinsterte, wenn er vor sich hin grübelte, schenkte ihr rasch ein freundliches Lächeln und deutete auf einen Stuhl gegenüber von Raoul.
“Nein, Ihr habt mich nicht verärgert, Justine. Kommt, setzt Euch her zu mir und Raoul, Grimaud wird gleich das Essen auftragen. Und..es gibt da noch etwas, das ich Euch nach dem Essen sagen möchte.”
Die junge Frau erwiderte zaghaft sein Lächeln und setzte sich dann auf den ihr angebotenen Platz.
Dann trug Grimaud das Essen auf, Rehbraten mit Kastanien und Pflaumen in Blätterteig, und Justines Augen begannen zu leuchten, als sie die fettglänzenden, goldgelb gebackenen Pasteten sah.
Dennoch, obwohl sie völlig ausgehungert sein musste, aß sie langsam und gesittet mit Messer und Gabel wie eine wohlerzogene Dame, was ihn sehr beeindruckte. Trotz der vielen Jahre auf der Straße schien sie ihre gute Erziehung nicht vergessen zu haben. Aber sie war sehr nervös und sichtlich angespannt, das merkte der Comte. Sie schien sich ihm gegenüber sehr unwohl zu fühlen.
“Ich bin Euch sehr dankbar, dass Ihr meinem Sohn das Leben gerettet habt, Justine, das werde ich Euch nie vergessen. Wenn Ihr wollt, könnt Ihr hier bei uns auf Bragélonne bleiben und hier leben. Wir würden uns sehr darüber freuen”; meinte Athos schließlich, und legte ihr noch eine Pastete auf den Teller, schenkte ihr etwas Wein ein.
Justine blickte ihn verwundert an.
“Ich hätte nicht damit gerechnet, dass Ihr mich einladet hier zu bleiben, Comte, und ich danke Euch dafür. Ich nehme Euer Angebot an, ich bin froh, für den Rest des Winters ein Dach über dem Kopf zu haben.”
“Oh, wie schön, Ihr bleibt bei uns, Justine!”; freute der kleine Raoul sich, “ich danke Euch, Vater, ich bin froh, dass Ihr das erlaubt! Ich hab Justine nämlich gerne!”

Nun kam der für Athos schwerste Teil, und er atmete noch einmal tief durch, bevor er mit seinem Geständnis begann.
“Nun, Justine..da ist noch etwas, das ich Euch sagen muss…Justine..ich…nun..also..ähm…ich…ich war mit Eurer Mutter verheiratet…und…Lucille, unsere Magd, hat mir etwas von einem Muttermal auf Eurem Bauch gesagt…Raoul und ich, wir haben genau das gleiche…ich..ich bin Euer Vater.”
Nun war es heraus, und er wartete angespannt ihre Reaktion ab.
Eine ganze Weile schwiegen Vater und Tochter, blickten einander nur an. Für Justine war es ebenfalls ein Schock, mit dem sie erst einmal fertigwerden musste. War das jener Comte, von dem ihre Mutter ihr immer wieder gesagt hatte, dass er sie gar nicht hatte haben wollen, weil er Kinder verabscheute? Aber wenn er Kinder verabscheute, wie kam es dann, dass er dem kleinen Raoul ein liebevoller Vater war? Für sie war das eine schwierige Situation, und sie wusste nicht so recht, was sie davon halten sollte.
“Vater…wenn Ihr auch Justines Vater seid..ist sie dann meine Schwester?”; wollte Raoul wissen und blickte den Comte aus großen Kinderaugen fragend an.
“Ja, Raoul, sie ist Eure Schwester…und sie wird ab heute bei uns leben, wenn sie das möchte. Ich hoffe, dass sie sich für ein Leben mit uns entscheidet, wir sind ja ihre Familie..aber ich kann sie zu nichts zwingen.”
“Meine Mutter hat mir erzählt, dass Ihr mich nicht haben wolltet, dass Ihr versucht habt, sie zu erhängen, als Ihr erfahren habt, dass sie schwanger ist”, brachte Justine schließlich wütend heraus, “und da wollt Ihr jetzt einen auf heile Familie machen? Das ist doch ein großer Widerspruch, Comte, oder nicht?”
“Ich habe nichts von Eurer Existenz gewusst”, beteuerte Athos und blickte sie traurig an, “hätte ich es gewusst, dann hätte ich Eurer Mutter das niemals angetan. Ich war damals so wütend und wusste nicht was ich tat, später habe ich mir das niemals verziehen. Ganz gleich was Eure Mutter auch getan hat, ich hatte kein Recht Ihr das anzutun. Ich hatte damals keine Ahnung, dass sie schwanger war.”
Und dann erzählte er Justine die ganze Geschichte von Anfang an, und fragte sich voller Anspannung, wie die junge Frau wohl darauf reagieren würde. Er war davon überzeugt, dass sie ihn nun verachten würde, und er konnte sie nur zu gut verstehen.

Justine hatte sich seine Geschichte angehört, ohne ihn auch nur einmal zu unterbrechen. Sie konnte sich noch gut an ihre Mutter erinnern, wusste noch genau, wie diese sie dreimal im Jahr besucht hatte, wie liebevoll sie zur ihr gewesen war. Wie konnte es da sein, dass sie all die schlimmen Dinge, die der Comte da schilderte getan hatte? Der Mord an Buckingham…konnte dafür wirklich ihre Mutter verantwortlich sein? Und hatte sie wirklich die Freundin dieses d´Artagnan umgebracht? Es fiel ihr schwer das zu glauben, und dennoch…sie glaubte sich auch dunkel daran zu erinnern, wie ihre Mutter bei einem ihrer Besuche einmal einen Wutanfall bekommen und sie dann mehrmals geschlagen hatte. Sie hatte sich danach zwar entschuldigt und es nie wieder getan, aber trotzdem hatte Justine das nie ganz vergessen können. Ja, es konnte durchaus sein, dass ihre Mutter eine dunkle Seite gehabt hatte, eine Seite, die sie meist vor ihrer Tochter verborgen hatte.
“Ihr versteht sicher, dass das alles für mich sehr schwierig einzuschätzen ist. Noch kann ich nicht beurteilen, ob das, was Ihr über meine Mutter sagt, die Wahrheit ist. Ich weiss nicht, ob ich Euch wirklich jemals als meinen Vater betrachten kann…aber wenn Ihr es erlaubt, würde ich gerne eine Weile bleiben, um herauszufinden, ob ich Euch vertrauen kann.”
Obwohl Athos sich ihr gegenüber immer noch sehr befangen fühlte, war er dennoch froh, dass sie bleiben und ihm die Chance, sie besser kennenzulernen geben wollte, obwohl sie nun wusste, was zwischen ihm und ihrer Mutter damals geschehen war. Nein, diese junge Frau hatte eindeutig nur Myladys Aussehen, aber nicht ihren Charakter geerbt, und darüber war er wirklich froh. Und er merkte bereits, wie er sie, obwohl er sie gerade erst kennengelernt hatte, ins Herz schloss. Nein, er würde nicht zulassen, dass sie jemals wieder auf der Straße leben und hungern und frieren musste…er schwor sich, dafür zu sorgen, dass sie sich hier bei ihm und Raoul wohlfühlte.
“Ich darf heute länger aufbleiben, Justine, weil wir nachher das neue Jahr begrüßen”,erklärte der kleine Raoul ihr sichtlich stolz, “werdet Ihr mit uns feiern? Vater hat Feuerwerkskörper bestellt, die wir nachher in den Himmel schießen…ich darf auch schon, aber er sagt, dass wir ganz vorsichtig sein müssen. Ihr werdet sehen, das wird richtig lustig.”
“Ich habe noch nie ein richtiges Feuerwerk gesehen, ich bleibe gerne”; erwiderte sie lächelnd, denn sie hatte den kleinen Raoul längst ins Herz geschlossen.
Dass er wirklich ihr Bruder, und der Comte ihr Vater sein sollte, das konnte sie noch immer kaum glauben, es erschien ihr eher wie ein ferner, unwirklicher Traum. Und doch hatte sie das Gefühl, dass es das Richtige war, erst einmal hierzubleiben…denn sie wollte dem Comte und sich die Chance geben, einander besser kennenzulernen.

“Ich bin wirklich froh, dass Ihr Euch zum Bleiben entschieden habt, Justine”; meinte Athos schließlich, “ich bin sehr dankbar, dass Ihr mir die Gelegenheit gebt, Euch zu beweisen, dass ich Euch ein guter Vater sein möchte. Wir beide haben nun genügend Zeit uns besser kennenzulernen, und ich freue mich, dass Ihr gemeinsam mit uns das neue Jahr begrüßen wollt. Ich bin sicher, es wird für uns alle ein schönes Jahr werden.”
Dann rief er seinen Diener Grimaud.
“Grimaud, hole uns bitte eine Flasche Champagner. Raoul darf heute ausnahmsweise, weil Silvester ist, auch ein kleines Glas.”
Und, nachdem Grimaud ihnen eingeschenkt hatte, stießen sie dann alle drei miteinander an, obwohl es noch etwa zwei Stunden bis zum Jahreswechsel waren. Justine fühlte sich so gut wie schon lange nicht mehr, denn nun hatte sie endlich ein richtiges Zuhause, eine richtige Familie. Auch wenn der Comte ihr noch fremd war, so fand sie ihn doch sympathisch, und war davon überzeugt, dass er kein schlechter Mensch war, und den kleinen Raoul hatte sie sehr gerne. Sie hatte noch so viele Fragen an den Comte, die sie ihm alle noch in den nächsten Tagen zu stellen gedachte.
Raoul schien sehr an seinem Vater zu hängen, und so liebevoll wie der Comte für den Jungen sorgte, konnte er kein schlechter Mensch sein, sagte Justine sich, und genoss das Zusammensein mit den beiden. Für beide, Vater und Tochter, war die neue Situation etwas, auf das sie sich erst einstellen mussten, doch glücklicherweise verstanden sie sich auf Anhieb gut, da sie rasch feststellten, dass sie sich im Charakter ähnlich waren.
Bis kurz vor Mitternacht saßen sie gemütlich zusammen, dann gingen sie hinaus um die Feuerwerkskörper anzuzünden, und Athos blickte stolz auf seinen Sohn und seine Tochter, die fröhlich lachend das Feuerwerk anzündeten und laut jubelten, als kurz darauf am Himmel leuchtende Lichterkaskaden zu sehen waren. Die junge Frau schien sich hier wohl zu fühlen, denn sie scherzte und alberte mit Raoul herum, als ob sie ihren kleinen Bruder seit Jahren kennen würde. 
Noch war Justine sehr mager, und geschwächt von der harten Zeit auf der Straße, doch er war sicher, dass sie hier auf Bragélonne schnell wieder zu Kräften kommen würde. Was für eine glückliche Fügung des Schicksals es doch war, dass ihr Weg sie zu der alten Mühle geführt hatte, denn sonst wäre Raoul nun mit Sicherheit tot, und sie wäre im selben Winter irgendwo auf einer Landstraße elendig erfroren.
Ja, dachte der Comte sich, allmählich beginne ich wieder daran zu glauben, dass es wirklich einen Gott gibt. Und ich glaube, dass es ein gutes Jahr werden wird.
Zufrieden lächelnd ging er zu seinen Kindern, um ihnen beim Anzünden der Feuerwerkskörper zu helfen.

14. Ma petite

Gestern habe ich geheiratet, aber ich war keine glücklich lächelnde Braut, die ihrem Mann verliebt in die Augen blickt und sich darauf freut, gemeinsam mit ihm alt zu werden. Ich habe den Vicomte Olivier de La Fére nur geheiratet, um nie wieder so leben zu müssen wie in meiner Kindheit, um nie wieder Angst davor haben zu müssen, zu verhungern oder zu erfrieren. Oliviers Vater, der alte Comte Raoul, verhält sich mir gegenüber äußerst feindselig und abweisend, er hält mich, wie er sich ausdrückt, für ein berechnendes eiskaltes Weibsstück, und er scheint genau zu wissen, dass ich seinen Sohn nicht liebe. Aber ich bin keineswegs ein gewissenloser, berechnender Mensch, ich bin nur das, was das Schicksal aus mir gemacht hat. Da ich mit niemandem über meine Vergangenheit reden kann, was mich manchmal doch sehr belastet, will ich nun hier niederschreiben, wie ich zu dem Mensch wurde, der ich heute bin. Ich werde diese Zeilen danach direkt verbrennen müssen, aber zumindest hoffe ich, dass ich mich etwas besser fühle, wenn ich mir alles von der Seele geschrieben habe.
Olivier habe ich erzählt, meine Eltern wären Adelige gewesen, ich machte meinen Vater, William Backson, zu einem englischen Lord, der bei einem Jagdunfall starb, als ich elf Jahre alt war. Das einzige, was daran wahr ist, ist dass mein Vater aus England stammte, und dass er starb als ich elf Jahre alt war, doch er starb nicht so, wie ich es Olivier geschildert habe. Er war kein Lord, sondern er schlug sich mit Gelegenheitsarbeiten und Diebstählen durch. Meine Mutter, Charlotte de Breuil hieß in Wirklichkeit nur Charlotte Breuil und war keineswegs adelig, sondern, bevor sie meinen Vater kennenlernte, eine Prostituierte. Als ich noch klein war, habe ich meine Eltern oft streiten hören, und danach, wenn mein Vater mit einem lauten Türenknallen unsere Wohnung in der Rue Latiné in Lillé verließ, strich sie mir liebevoll durchs Haar, und schärfte mir mit eindringlichem Blick ein, ich solle auf keinen Fall einen armen Mann heiraten wenn ich erwachsen wäre.
“Du musste es besser machen als ich wenn du erwachsen bist, Anne…sonst wirst du dein Leben lang so leben müssen wie wir es jetzt tun, und niemals wissen, ob du den nächsten Monat überleben wirst.”
Ja, ich glaube dass mich das entscheidend geprägt hat…ich wollte es besser haben. Ich liebe Olivier nicht, im Gegenteil, er ist mir nicht einmal sympathisch…ich finde er ist ein Langweiler mit seiner Vorliebe für das Landleben und seinem Sinn für Romantik, aber zumindest kann ich nun ein Leben führen, von dem ich als kleines Mädchen, wenn ich hungrig und frierend, mit Tränen in den Augen einschlief, nur träumen konnte. Und wer könnte mich dafür verurteilen? Jeder, der als Kind in so bitterer Armut leben musste wie ich, hätte es genauso gemacht. Ich hatte Glück dass ich mit mit solcher Schönheit gesegnet bin, sonst wäre eine solche Eheschließung für mich nicht möglich gewesen. Olivier hat mir alles geglaubt…er hält mich für die Schwester des Pfarres mit dem ich in das kleine Dorf La Fére kam. Ich bin noch immer seine Geliebte, und er ist keineswegs mit mir verwandt, aber Olivier hält ihn für meinen Bruder Georges.
Ich hatte wirklich einmal einen kleinen Bruder der Georges hieß, doch er starb als ich neun Jahre alt war an einer schweren Lungenentzündung. Mutter hat danach viel geweint und immer gesagt, er hätte überleben können, wenn wir nicht so wenig zu essen und ein warmes Zimmer gehabt hätten.

Ich will nun berichten, wie es dazu kam, dass ich im Kloster von Templemar aufwuchs, wo ich sehr unglücklich war. Ich erinnere mich noch an die kleine Wohnung in der Rue Latiné in Lillé, in der ich mit meinen Eltern und meinem kleinen Bruder Georges lebte. Vater, der als kleiner Junge mit seinen Eltern aus England nach Frankreich gekommen war, arbeitete als Tagelöhner, und wenn es keine Arbeit gab, dann stahl er. Wir lebten alle vier in einem kleinen Zimmer, in dem es außer einem kleinen Kamin, einem großen Bett, einem wurmstichigen Schrank und einem klapprigen Tisch mit vier Stühlen keinerlei Möbel gab. Nachts schliefen wir alle vier in diesem großen Bett, und ich weiss noch, dass ich als Kind nicht verstanden habe, warum meine Eltern uns damals manchmal zum Spielen nach draußen schickten. Heute weiss ich, was sie in dieser Zeit in dem großen Bett getan haben, aber als Kind habe ich mich oft gefragt, warum sie unbedingt alleine sein wollten. Mein Bruder Georges war fünf Jahre jünger als ich, ein kränkliches, blasses Kind von Anfang an, und wie ich hatte er das englische Aussehen meines Vaters geerbt, hellblondes Haar und blassblaue Augen. Ich war seine große Schwester, seine Beschützerin, seine wichtigste Bezugsperson. Ich habe ihn so sehr geliebt, denn er war alles was ich hatte. Wir waren die ärmste Familie in dem Viertel und deswegen wollten die anderen Kinder nicht mit uns spielen und wir hatten nur einander.
Unsere Hauswirtin, eine alternde Matrone namens Mademoiselle Blancharde, lauerte uns regelmässig im Treppenhaus auf um die Miete zu kassieren, die mein Vater ihr schon häufiger schuldig geblieben war. Wenn mein Vater keine Arbeit und beim Stehlen keinen Erfolg gehabt hatte, dann hatten wir oft nicht einmal etwas zu essen und kein Feuerholz und mussten hungern und frieren, und regelmässig drohte Madeomoiselle Blancharde uns damit, uns auf die Straße zu setzen, wenn wir nicht bald bezahlen würden. Ihre bösen Sprüche sind mir bis heute in Erinnernung geblieben, sind wie ein Stachel in meinem Fleisch. Verlaustes Gesindel, Faules Pack, so hat sie uns genannt, und das machte mich damals sehr traurig, ebenso wie ihre verächtlichen Blicke, die sie uns immer zuwarf.
Als ich neun Jahre alt war, hatte mein Vater wieder einmal keine Arbeit in Lillé und Umgebung finden können, und wir hatten überhaupt kein Geld mehr. Gar nichts war zum Essen im Haus, und Georges schmiegte sich schluchzend an mich.
“Anne..ich hab Hunger…mein Bauch tut so weh…”
Wie bleich er war, und viel dünner als ich, obwohl ich ihm regelmässig etwas von dem Anteil an dem wenigen Essen das wir uns leisten konnten, abgab. Ich war auch dünn und blass, aber da Georges ein kränkliches Kind war, litt er noch mehr als ich unter der Mangelernährung. Solange ich zurückdenken kann, war er fast immer erkältet, auch im Sommer, und bekam schlecht Luft. Doch einen Arzt konnten wir uns nicht leisten, obwohl meine Eltern wussten, dass er unbedingt medizinische Hilfe gebraucht hätte.

An jenem Abend Anfang Januar, kurz nach meinem 9. Geburtstag klopfte erneut Mademoiselle Blancharde an unsere Tür, und meine Mutter zuckte erschrocken zusammen, als sie ihre laute, energische Stimme hörte.
“Faules Lumpenpack! Die Miete war schon vor zwei Tagen fällig! Wenn ihr bis morgen nicht bezahlt dann fliegt ihr raus!”
Mutter machte die Tür nicht auf und befahl Georges und mir ganz ruhig zu sein. Als die alte Frau endlich den Rückzug antrat fing Mutter an bitterlich zu weinen.
“Was sollen wir jetzt nur tun? Sie wird uns auf die Straße setzen, diese Frau kennt kein Erbarmen, soviel ist gewiss. Meine armen Kleinen…was soll jetzt nur aus euch werden?”
Nie habe ich das vergessen, was kurz darauf geschah, denn es war etwas, womit niemand in unserer Familie gerechnet hätte. Wenig später kam Vater heim, so heiter und fröhlich, wie ich ihn schon lange nicht mehr gesehen hatte. Ich erinnere mich an meinen Vater nur als an einem durch Mangelernährung und harte Arbeit frühzeitig gealterten Mann, der so gut wie niemals lachte. Mein Vater war damals erst dreißig, sah aber schon aus wie ein alter Mann, ja, seine Haare begannen bereits grau zu werden.
Doch an diesem kalten Winterabend war alles anders. Als er hereinkam, hielt er einen dicken, rosigen Schinken, Brot, Käse, Eierkuchen, Früchtebrot und eine Flasche Wein in den Armen, seine sonst so trüben Augen leuchteten und er strahlte übers ganze Gesicht. An seinem Gürtel hing ein prall gefüllter Beutel in dem Münzen klimperten.
“Kinder, Charlotte…heute können wir uns einmal richtig satt essen…und nicht nur heute..das Geld reicht für die Miete des ganzen Winters und noch für einiges mehr..neue Kleidung für uns alle und neue Schuhe für die Kinder…ja, nun sind war richtig reich.”
Mich und Georges hat es damals nicht interessiert wo dieses verführerisch duftende Essen herkam, wir waren einfach nur froh, dass wir etwas bekommen würden. Schinken hatte ich noch nie zuvor gegessen, bei uns gab es meistens nur Haferbrei oder Brotsuppe.
Meine Mutter jedoch hatte ihre Bedenken.
“Will….ich habe dir doch gesagt, du sollst aufhören zu stehlen. Das letzte Mal hätten sie dich fast erwischt und an den Galgen gebracht…und was wird dann aus mir und den Kindern. Meine Schönheit ist dahin..ich kann nicht mehr wie früher mein Geld im Bordell verdienen. Wir sind auf dich angewiesen, also sei nicht so leichtsinnig.”
“Die Kinder sind kurz vor dem Verhungern, Charlotte..sieh dir doch nur Georges an, der arme Kleine ist nur noch Haut und Knochen und er hustet ständig. Wenn er richtiges, gutes Essen bekommt, und das regelmässig, dann wird er bald wieder zu Kräften kommen. Und Anne, sie ist auch schon so dünn, dass man bei ihr die Rippenknochen sieht. Ich will dass es meinen Kindern gut geht, und wenn ich dafür stehlen muss. Ich hab die Geldbörse einem ganz vornehmen feisten Herrn abgeschnitten, der wird nicht verhungern nur weil ich sie genommen habe. Solche Leute haben doch alles und wir nichts, da ist es nur gerecht wenn wir uns etwas davon nehmen. Bevor ich meine Kinder sterben lasse, werde ich lieber zum Dieb. Und keine Sorge, die erwischen mich nicht..ich bin viel zu schlau für die…”
Während meine Mutter noch schimpfte, schnitt Vater für mich und Georges zwei dicke Scheiben Brot ab, dann schnitt er Schinken ab und legte ihn darauf, dazu gab es für jeden eine dicke Scheibe Käse, und als besondere Überraschung hatte Vater für uns Kinder auch noch mit Honig beträufelte Eierkuchen und Früchtebrot mitgebracht.
Ich war so hungrig, dass ich das Brot mit wenigen Bissen verschlang. Es schmeckte herrlich, es war frisch und knusprig, nicht so altbacken wie das Brot das wir sonst bekamen, und der Schinken schmeckte einfach unbeschreiblich gut.
“Schmeckt es, mon petite?”; fragte Vater und blickte mich stolz lächelnd an, “wenn du genug zu essen bekommst, dann wirst du einmal eine Schönheit werden, und kannst eine gute Partie machen und dann für uns alle sorgen. Deine Schönheit ist ein Geschenk, das uns eines Tages ein besseres Leben ermöglichen wird.”
Ich liebte meinen Vater, der mich immer mon petite nannte, und damals war mir gar nicht klar, dass er mich als eine Art Absicherung für die Zukunft betrachtete, denn er war davon überzeugt, dass ein außergewöhnlich schönes Mädchen wie ich mit Leichtigkeit einen vermögenden Gatten finden würde.
Nach einer Weile beruhigte sich auch Mutter, sie konnte Vater ohnehin nie lange böse sein. Sie wärmte den Wein für uns an der Feuerstelle des Kamins auf, und an diesem Abend ging ich zum ersten Mal in meinem Leben satt und zufrieden ins Bett, leicht benommen von dem heißen Wein und rundum zufrieden. Damals ahnte ich nicht, dass unser Glück nur von kurzer Dauer sein würde. Schon am nächsten Tag begann das Verhängnis, das mich am Ende ins Kloster von Templemar führen sollte.

Am nächsten Morgen zog Mutter mir und meinem Bruder unsere mehrfach ausgebesserten alten Wintermäntel und unsere alten, abgelaufenen Stiefel an, und wir verließen unser kleines Zimmer um in die Stadt zum Einkaufen zu gehen. Auf der Treppe begegnete uns Mademoiselle Blancharde, die sofort wieder lautstark zu zetern begann.
“Her mit der Miete oder ich setzte euch alle noch heute auf die Straße! Verfluchtes faules Pack! Hätte ich gewusst dass ihr nicht pünktlich zahlt, hätte ich euch niemals hier wohnen lassen! Aber das hat jetzt ein Ende!
Mein Vater grinste spöttisch, holte die Börse heraus und legte der alten Frau eine Goldmünze in die Hand. In der Börse waren tatsächlich Goldmünzen, ein kleines Vermögen.
“Hier, die Miete für die nächsten Monate. Und jetzt lass uns in Ruhe, alte verbitterte Vettel!”
Da ahnte Vater noch nicht, dass er in diesem Moment einen fatalen Fehler begangen hatte, der unsere Familie für immer zerstören und unser aller Leben auf tragische Weise verändern würde.
Er war guter Dinge, als wir uns auf den Weg in die Stadt machten, kaufte für uns alle auf dem Marktplatz vor der Kathedrale heiße süsse Krapfen. An diesem Nachmittag bekamen Goerges, der noch immer stark hustete, und ich neue Mäntel und Stiefel, außerdem kaufte Vater für uns Holzspielzeug und kandierte Mandeln, für Mutter kaufte er schöne, hellblaue Handschuhe und für sich selbst einen neuen Hut, denn sein alter war bereits an manchen Stellen durchlöchert. Außerdem kaufte er Decken für uns alle, denn die hatten wir ebenfalls dringend nötig, und in einer Boulangerie kaufte er noch frisches Brot, später in einer Metzgerei Schinken und Fleischpastete und außerdem noch kandierte Früchte für Georges und mich. Auf dem Heimweg blieben wir noch auf dem Markt stehen und lachten herzlich über die Späße mehrerer Gaukler, die an diesem Tag dort auftraten. Und dann gingen wir auch noch in ein Gasthaus und aßen Gänsebraten mit Rotkohl und Klößen, es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich so etwas gegessen habe. Dazu bestellte Vater einen teuren Bordeaux, denn die Geldbörse mit den Goldmünzen war noch längst nicht aufgebraucht. Ich glaube, dass das einer der glücklichsten Momente in meiner Kindheit war, als Vater uns zum Einkaufen mitnahm, und ich das Gefühl hatte, dass nun alles gut werden würde, und wir nie wieder hungern und frieren müsste. Doch dieser Tag, der so schön begonnen hatte, sollte für uns alle ein schlimmes Ende finden.

Als wir am frühen Abend, es dämmerte gerade, nach Hause kamen, stand vor unserer Tür die alternde Mademoiselle Blancharde, und sie war nicht alleine. Drei Gendarmen waren bei ihr, und nun sahen die Polizisten unglücklicherweise die prall gefühllte Geldbörse an Vaters Gürtel, den dicken Schicken, das Brot und all die anderen Dinge die wir gekauft hatten. Und bei einem so armen Mann wie Vater musste sich jeder denken können, dass da etwas nicht stimmte.
Unsere Hauswirtin hatte, als sie die Goldmünze von Vater bekommen hatte, sofort den Verdacht gehabt, dass da etwas nicht stimmen konnte, und da einer ihrer Neffen in der Gendarmerie von Lillé arbeitete, hatte sie sich sofort an diesen gewandt.
“Woher habt Ihr das Geld?”; fragte einer der Gendarmen, während er Vater die Geldbörse vom Gürtel riss, “das habt Ihr doch gestohlen, oder?”
“Da auf der Börse..ist das nicht das Wappen des Herzogs von Mortain?”
Auf der Geldbörse war ein goldener Löwe abgebildet, der eine Lilie im Maul hielt, und auf dem Rücken des Löwen hockte ein Falke…eindeutig ein Adelswappen. Wie hatte Vater nur so ein Risiko eingehen können?
“Ja, dieser Mann hat den Herzog bestohlen! Er muss gestohlen haben..denn woher sollte einer wie er sonst eine Goldmünze haben?”; rief die Wirtin schadenfroh aus, “ich bin eine ehrbare Frau und möchte solches Diebesgesindel nicht in meinem Haus haben! Sonst hat er nie seine Miete pünktlich bezahlt, und schon gar nicht in Goldmünzen!”
Da fing meine Mutter an zu schluchzen und fiel vor den Gendarmen auf die Knie.
“Ich flehe Euch an, Monsieur, bitte lasst Gnade walten! Wenn Ihr meinen Mann verhaftet, weiss ich nicht, wie ich für mich und unsere Kinder sorgen soll…ich flehe Euch an…habt Erbarmen..meine Kinder sind doch noch so klein und mein Sohn Georges ist ein kränkliches Kind solange er auf der Welt ist.”
“Das ist nicht unser Problem, Weib”; erwiderte der Gendarm unfreundlich, “er hat gestohlen und deswegen müssen wir ihn verhaften. Wenn wir jeden verschonen würden der Weib und Kinder hat, würden wir niemanden mehr verhaften können. Eure Kinder sind nicht unser Problem.”
Trotz der heftigen Gegenwehr meiner Mutter nahmen die Gendarmen meinen Vater mit, und damals wusste ich noch nicht, dass ich ihn danach nie wiedersehen würde. Nie wieder würde er mich mon petite nehmen, nie wieder würde ich auf seinem Schoss sitzen, und mir von ihm Geschichten erzählen lassen, nie wieder würde er mir und Georges ein Schlaflied singen. Während meine Mutter noch immer mit den Gendarmen stritt, nahm ich Georges in den Arm, der wieder heftig zu husten begonnen hatte. Er war ganz blass im Gesicht, und in seinen Augen war ein trüber Glanz, der nichts gutes verhieß, außerdem hatte er dunkle Ringe unter den Augen. Er war erst vier, und verstand noch gar nicht so richtig was da vorging.
Als einer der Gendarmen nicht hinschaute, ließ ich heimlich das Brot und den Schinken unter meinem und Georges Mantel verschwinden, denn mir war klar, dass wir nun nichts mehr hatten und ganz auf uns alleine gestellt waren.
Nachdem die Gendarmen meinen Vater fortgebracht hatten, fiel meine Mutter vor der Hauswirtin auf die Knie.
“Mademoiselle Blancharde…ich flehe Euch an, lasst mich und meine Kinder weiterhin hier wohnen. Ich werde mir eine Arbeit suchen, und die Miete immer pünktlich zahlen, das verspreche ich Euch.”
Die Hauswirtin lachte daraufhin jedoch nur hämisch.
“Ihr und Eure Kinder werdet gefälligst jetzt gleich verschwinden..ich gebe euch noch Zeit eure Sachen aus der Wohnung zu holen, und in einer halben Stunde seid Ihr verschwunden. Diebesgesindel hier im Haus, das dulde ich nicht…wahrscheinlich werden Eure Kinder später auch Diebe oder Mörder…ich bin sicher, beide werden am Galgen enden, das Mädchen und der Junge..denen sieht man schon heute an, dass sie Verbrecher werden.”
Während ich das niederschreibe, frage ich mich, ob die Wirtin mich wohl heute wiedererkennen würde, wenn sie mich sähe. Zu gerne würde ich ihr als Comtesse de La Fére in meinem teuersten Kleid gegenübertreten und ihr sagen dass ich jenes kleine Mädchen war, dessen Familie sie damals davongejagt hat, doch wahrscheinlich ist sie mitterweile schon tot. Ich werde nicht am Galgen enden, so wie sie es mir prophezeit hat, sondern als ehrbare adelige Frau. Ich weiss nicht, ob ich bei Olivier bleiben werde…wenn beispielsweise irgendwann einmal ein Marquis um mich werben sollte, dann würde ich ihn verlassen, da ein Marquis eine viel bessere Partie ist als ein Comte. Ich habe große Pläne…ich möchte so hoch hinaus, dass ich nie wieder tief fallen kann. Wer weiss..vielleicht ist nicht einmal ein Marquis genug. Ich muss Olivier unbedingt überreden, mit mir nach Paris zu reisen und mich dem König vorzustellen. Bei meiner Schönheit bin ich mir sicher, dass ich durchaus Chancen hätte, seine Mätresse zu werden und dann brauche ich Olivier nicht mehr. Weil ich nicht weiss wohin das Leben mich noch führen wird, nehme ich im Moment Kräuter, die eine Schwangerschaft verhindern sollen, denn ich möchte kein Kind von Olivier. Nein, ich glaube nicht, dass ich den Rest meines Lebens mit ihm verbringen werde. Und ich weiss, dass ich ständig Angst haben muss, dass er die Lilie auf meiner Schulter erblickt, und so wie ich ihn einschätze würde er mich dann davonjagen und ich stünde erneut vor dem Nichts. Ich habe versucht, die Lilie mit verschiedenen Salben zu bleichen, bisher leider ohne Erfolg. Ich wandele auf dünnem Eis, das ist mir bewusst…ach, diese verfluchte Lilie, sie könnte mich wieder an den Punkt bringen, an dem ich einst stand.

Aber nun will ich erzählen was weiter geschah, auch wenn es mir schwerfällt, mich in jene traurigen Tage zurückzuversetzen. Mutter versuchte alles um die Hauswirtin umzustimmen, aber es half nichts. An jenem Abend, an dem es wirklich eisig kalt draußen war, musste sie mit mir und Georges und unseren wenigen Habseligkeiten das Haus verlassen. Sie wickelte meinen hustenden Bruder in gleich drei Decken ein, und trug ihn auf dem Arm, ich musste, ein Bündel mit unserer wenigen Kleidung über der Schulter, hinterherlaufen. Als ich ihr sagte, dass ich den Schinken und das Brot heimlich mitgenommen hatte, strich sie mir liebevoll durchs Haar.
“Du bist ein kluges Kind, Anne…ich weiss, du wirst einmal mehr aus deinem Leben machen können, als ich es einst tat, du wirst es einmal besser haben.”
Noch heute erinnere ich mich an jene erste bitterkalte Nacht auf der Straße, in der wir in einem Hauseingang vor der beißenden Kälte Schutz suchten und vom Brot und vom Schinken aßen. Georges wollte nicht essen, er hustete ständig und hing apathisch in Mutters Armen. Als ich einmal an seine Stirn fasste, merkte ich dass sie förmlich glühte, und da wurde mir ganz elend zumute, denn ich ahnte, dass mein geliebter kleiner Bruder sterben würde, wenn nicht bald ein Wunder geschah. Und damals hatte ich mit meinen erst neun Jahren bereits genug Schlimmes erlebt, um längst nicht mehr an Wunder zu glauben. Mutter und ich schliefen beide in dieser Nacht sehr wenig, wir taten alles um Georges warm zu halten, und versuchten immer wieder, ihm etwas Brot und Schinken zu füttern, aber er verzog nur das Gesichtchen und weinte oder hustete. Noch heute kommen mir die Tränen wenn ich das bleiche Gesichtchen meines Bruders vor mir sehe, seine trüben Augen, und mich daran erinnere, dass wir nichts für ihn tun konnten.
Auf der Straße lebten in diesen Tagen viele Menschen, die hart um ihr Überleben kämpfen mussten, und so bekam Mutter in den nächsten zwei Tagen keine Almosen, als sie vor der Kathedrale um eine milde Gabe betteln wollte. Die anderen Bettler und Bettlerinnen stießen sie und uns Kinder einfach weg, denn hier hatte jeder seinen eigenen Stammplatz, den er mit allen Mitteln zu behaupten versuchte. Georges hing schlaff in Mutters Armen und gab kaum noch einen Ton von sich, nur gelegentlich ein lautes Husten, und Mutter fing an zu weinen, als sie sah, dass der Schleim den er hustete mit Blutschlieren durchsetzt war. Wer Blut hustete war dem Tod geweiht, das wusste auch ich mit meinen neun Jahren schon. Am Morgen war Mutter mit uns zum Gefängnis gegangen, um herauszufinden, was aus meinem Vater geworden war, und sie erfuhr, dass er zu fünf Jahren Kerkerhaft verurteilt wurde, und man ließ uns nicht zu ihm. Fünf Jahre ohne Vater…wir würden ab jetzt für uns selbst sorgen müssen. Ich weiss noch, dass ich damals große Angst hatte, Angst, verhungern oder erfrieren zu müssen.
An diesem Tag schlich ich mich heimlich davon, streunte auf dem Marktplatz herum, in der Hoffnung, dass ich irgendwo etwas zu essen finden würde, das die reichen Leute weggeworfen hatten. Und dann sah ich, wie einer in einen Pelzmantel gehüllte vornehme Dame, die einen braunen Hut mit einer großen Pfauenfeder trug, ein Armreif, dessen Verschluss sich gelöst hatte, zu Boden fiel, und sie bemerkte es nicht einmal und ging einfach weiter. So schnell ich konnte rannte ich zu der Stelle und hob den kostbaren Reif auf, betrachtete ihn eingehend. Er war mit Diamanten und Rubinen besetzt, nur wusste ich das damals noch nicht, weil es die Worte Diamant und Rubin in meinem Wortschatz gar nicht gab, weil ich diese Dinge nicht kannte. Aber so schön wie der Reif im Sonnenlicht funkelte, musste er doch sehr kostbar sein, sagte ich mir, und lief damit zu Mutter zurück, hielt ihn ihr lächelnd hin.
“Hier, Mutter, für dich. Damit können wir für Georges einen Arzt holen und vielleicht auch ein Zimmer für uns alle, und dann wird er wieder gesund.”
Mutter blickte mich an und begann zu weinen.
“Ach Anne…das ist zwar nett gemeint, aber du sollst auf keinen Fall stehlen, sonst kommst du wie dein Vater ins Gefängnis…sie verhaften auch schon kleine KInder wie dich, wenn sie stehlen. Meinem Bruder wurde die Hand abgehackt als er kaum älter war als du, weil er einem Bauern eine Gans gestohlen hatte. Ich werde nicht zulassen, dass du noch einmal stehlen gehst….das ist viel zu gefährlich. Und wir können mit dem Reif sowieso nichts anfangen, wenn wir damit zu einem Arzt gehen, wird er die Gendarmen rufen, denn wir sehen nicht gerade wie Herzoginnen oder Comtessen aus.”
Doch obwohl Mutter wusste, dass es gefährlich war, wollte sie versuchen, einen Arzt zu finden, der Georges behandelte und den Armreif als Zahlung akzeptierte ohne Fragen zu stellen. Als sie an die Tür eines stadtbekannten Arztes klopfte, und diesen um Hilfe bat, erklärte er sich einverstanden den Reif als Zahlung anzunehmen und bat Mutter kurz zu warten. Die Haushälterin des Arztes brachte uns in ein Zimmer, in dem wir warten sollten, und als ich aus dem Fenster blickte, sah ich, wie der Mann das Haus verließ.
“Mutter, wir sollten gehen, der Arzt ist gerade rausgegangen, der ruft bestimmt die Gendarmen.”
Den Armreif hatte der Arzt bereits mitgenommen, und so hatten wir nun wieder nichts womit wir woanders vielleicht Georrges Behandlung hätten bezahlen können. Und so verließen wir das Haus des Arztes, ohne jede Hoffnung. Am selben Abend starb mein Bruder Georges in Mutters Armen, als wir uns wieder in einen Hauseingang geflüchtet und uns unter der Treppe ein provisorisches Nachtlager errichtet hatte.
Er hatte hohes Fieber und erkannte Mutter und mich nicht mehr, murmelte nur unzusammenhängendes Zeug. Ich strich ihm liebevoll über den Kopf und flehte Gott an, ihn wieder gesund werden zu lassen. Ich kniete mich in eine Ecke und betete.

“Lieber Gott, bitte mach meinen kleinen Bruder wieder gesund. Er ist doch erst vier Jahre alt und ich habe ihn so lieb. Bitte nimm ihn uns nicht. Wenn du ihn leben lässt, dann will ich auch Nonne werden wenn ich groß bin, und mein ganzes Leben lang dir dienen. Georges hat in seinem Leben nie was Böses getan, er hat es verdient zu leben. Er wird ein guter Mann werden und kein Galgenvogel wie die böse Hauswirtin gesagt hat. Und bitte mach, dass mein Vater aus dem Gefängnis rauskommt, und eine richtige Arbeit kriegt, und wir wieder eine Wohnung bekommen, ich mag nicht länger auf der Straße sein.”

Meine Gebete wurden nicht erhört, mein kleiner Bruder starb nur eine halbe Stunde später. Mutter und ich weinten die ganze Nacht, eng aneinandergeschmiegt.
Am Morgen, nachdem sie sich etwas gefasst hatte, nahm Mutter meine Hand und zog mich hoch.
“Komm, Anne, wir müssen jetzt gehen. Wir werden deinen Bruder begraben.”
Sie trug Georges und ich unsere wenigen Kleidungsstücke, und die ganze Zeit weinten wir beide.
Ich konnte einfach nicht glauben, dass Georges, mein geliebter kleiner Bruder, der sich nachts im Bett immer an mich geschmiegt und mich gebeten hatte, ihm noch eine Geschichte zu erzählen, jetzt nicht mehr da war, nie mehr da sein würde. Für mich war das mit meinen neun Jahren ein schwerer Schock, den ich niemals ganz überwunden habe. In jener Zeit endete meine Kindheit und ich verlor alle Menschen die ich liebte…seitdem ist mein Herz wie erstarrt und ich bin nicht mehr fähig zu lieben…weder Olivier noch sonst jemanden…ich bin der Meinung, dass jene, die niemanden lieben besser dran sind, weil sie auch niemals einen geliebten Menschen verlieren können.
Die Erde war zu hart, und so konnten wir für Georges kein Grab ausheben, wir waren beide von Hunger und Kälte viel zu geschwächt. Mutter blieb schließlich keine andere Wahl, als die kleine Leiche einfach in einer Kirche liegenzulassen, in der Hoffnung, dass die Priester ihn beerdigen würden. An diesem Tag starb ein Teil von mir, und darüber bin ich niemals hinweggekommen.
Nach dem Tod meines Bruders versuchte Mutter Geld zu verdienen, indem sie ihren Körpern Männern auf der Straße anbot, doch da die Jahre es nicht gut mit ihr gemeint waren, fand sie niemandem, bei dem sie auf diese Weise Geld verdienen konnte. Einmal stand ich neben ihr im hohen Schnee und fror trotz des Mantels entsetzlich, als ein Edelmann neben uns stehen blieb und mich eingehend musterte, dann wandte er sich an meine Mutter.
“Was kostet das Mädchen, Weib? Ist sie noch Jungfrau?”
Mutter hatte mir da bereits erklärt was es bedeutete noch Jungfrau zu sein, und dass es ganz wichtig wäre, seine Unschuld noch zu besitzen wenn man heiratete.
Und so schüttelte Mutter nun energisch den Kopf.
“Nein, das Mädchen ist nicht zu haben….sie ist erst neun Jahre. Aber ich kann Euch auch ein paar schöne Stunden verschaffen…zwei Sous macht das.”
“Nein, ich möchte keine hässliche alte Vettel”; meinte der Mann und ging, verächtlich naserümpfend weiter.
Wir hatten seit einem Tag nichts mehr gegessen und ich hatte kaum noch genug Kraft um aufrecht zu stehen.

Da nahm Mutter, die selbst kaum noch laufen konnte, mich bei der Hand und zog mich mit sich. Wir gingen bis zum Stadttor, ohne dass sie auch nur ein Wort zu mir sagte. Tränen liefen über ihre Wangen, und sie konnte mir nicht in die Augen sehen.
“Mutter, wohin gehen wir?”; fragte ich und trotz meines Kummers und Elends blickte ich mich verwundert an, als ich vor mir eine weite, offene weisse Landschaft sah. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich Lillé verließ. Für mich war es merkwürdig, dass meine Mutter und ich die einzigen Menschen waren, die auf der Landstraße unterwegs waren. In der Stadt waren immer so viele Menschen gewesen, ich kannte es gar nicht anders.
Mir kam es so vor, als ob wir stundenlang unterwegs wären, und Mutters Schweigen machte mir Angst.
“Mutter..wohin gehen wir?”; fragte ich nach langem Schweigen erneut.
Ich war am Ende meiner Kräfte, und wir waren, so schätzte ich, schon mindestens zwei Wochen unterwegs.
“Du sollst nicht wie dein Bruder enden, Anne…du sollst es einmal besser haben. Ich bringe dich zum Kloster von Templemar..sie werden dich aufnehmen. Dort hast du genug zu essen und zu trinken, und vielleicht kannst du, wenn du dich gut anstellst, später Nonne werden, obwohl du nicht aus einem vornehmen Haus kommst. Dein Vater sitzt im Gefängnis, und ich spüre, dass ich nicht mehr lange zu leben habe..das Kloster ist deine einzige Hoffnung, mein Kind. Wir können nicht warten, bis du alt genug bist, um eine gute Partie zu machen. Und vielleicht ist das Kloster ohnehin die bessere Alternative, denn Schönheit garantiert keine gute Partie, wenn man ein Straßenkind ist. Als Nonne hast du es dein Leben lang warm und genug zu essen und musst dir um nichts Sorgen machen.
“Bitte, Mutter, ich will nicht Nonne werden, ich will bei dir bleiben!”; protestierte ich, so energisch, wie es mir in meinem geschwächten Zustand noch möglich war, “du bist doch alles, was ich jetzt noch habe! Und wir schaffen das schon, bis Vater aus dem Gefängnis kommt. Ich könnte doch in einer Weberei arbeiten, die nehmen schon kleine Mädchen wie mich!”
“Anne, es tut mir leid, es geht nicht anders…wenn ich dich nicht zu den Nonnen bringe, dann wirst du verhungern oder erfrieren..ich kann nicht für dich sorgen, ich habe keine Kraft mehr..und ich bin krank, ich habe schon sehr lange Schmerzen im Unterleib, die immer schlimmer werden, und ich spüre, dass mir nicht mehr viel Zeit bleibt. Versprich mir, nicht davonzulaufen wenn du im Kloster bist, bleibe dort…auch dann, wenn dein Vater in fünf Jahren entlassen wird..er ist nicht gut für dich, er kann nicht für dich sorgen. Im Kloster wirst du es gut haben, und darfst vielleicht sogar das Lesen und Schreiben lernen.”

Als wir das Kloster erreichten, habe ich es vom ersten Moment an verabscheut..ein von hohen Mauern umgebenes düster wirkendes Steingebäude mit einem hohen Glockenturm…nein, ich fühlte mich in den sechs Jahren, die ich im Kloster verbracht habe, dort niemals richtig heimisch.
Mutter läutete, und eine Nonne kam an die Pforte. Die Klosterfrauen nahmen uns bei sich auf und brachten uns auf ihrer Krankenstation unter. Zwei Wochen später starb Mutter, sie wachte morgens einfach nicht mehr auf. Ich weinte einen ganzen Tag lang und schmiegte mich an ihre Leiche, wollte nicht, dass man sie wegbrachte, weil sie der letzte geliebte Mensch war, der mir noch geblieben war. Die Nonnen mussten mich schließlich mit Gewalt von ihr fortreißen, und ich erinnere mich noch, dass ich dabei gekratzt, gebissen und wild um mich geschlagen habe. Meine Mutter wurde auf dem Klosterfriedhof begraben, was, wie die Äbtissin von Templemar mir erklärte, eine besondere Gnade wäre, die mittelosen Menschen normalerweise nicht zuteil wurde.
Meine Mutter war gerade zwei Tage tot, als die Äbtissin mich zu sich rufen ließ.
Mir ging es schlecht, ich hatte die wichtigsten Menschen in meinem Leben verloren, und im Grunde war es mir völlig gleichgültig, was weiterhin mit mir geschehen würde. Die Äbtissin, eine alte Frau von gut siebzig Jahren, tunkte eine Nuss in Honig, während sie mich eingehend betrachtete.
“Hast du noch Verwandte, Mädchen?”, wollte sie von mir wissen, “Verwandte, die dich aufnehmen können?”
Weder Mutter noch Vater hatten mir jemals etwas über ihre Familien erzählt, und so ging ich davon aus, dass es keine Angehörigen gab.
“Nein, es gibt da niemanden mehr. Mein Vater ist tot, und außer ihm und Mutter hatte ich niemanden.”
Mutter hatte mir in ihren letzten Tagen, wenn wir alleine im Krankensaal waren, eingeschärft, zu sagen, dass mein Vater tot wäre, da man mich sonst vielleicht nicht aufnehmen würde, obwohl er im Gefängnis saß. Aber Mutter war davon überzeugt gewesen, dass man im Kloster ein Waisenmädchen nicht einfach auf die Straße setzen würde.
“Ihr könnt hierbleiben, wenn auch nicht als Novizin”; erklärte die Äbtissin mir, während sie einen großen grünen Weinkelch nahm und genüsslich seufzend einen Schluck trank, “hier können nur vermögende Mädchen, die dem Kloster eine Mitgift bringen, zuerst Novizinnen und später Nonnen werden. Ich kann dich nur als Magd hier aufnehmen, das heisst, du wirst hier im Kloster in der Küche arbeiten und putzen und ähnliche Tätigkeiten verrichten. Und du solltest dem Herrn danken, dass ich dir diese Chance gebe, Mädchen.”

Ich war wütend und hätte der Äbtissin am liebsten ins Gesicht geschlagen. Ich wollte nicht hierbleiben, wollte nicht in diesem grässlichen Kloster leben und das Dienstmädchen der Nonnen spielen. An Gott glaubte ich nicht mehr, weil er meine Gebete nicht erhört und meinen kleinen Bruder getötet hatte. Aber ich wusste, dass mein Überleben davon abhing, mich jetzt möglichst demütig und unterwürfig zu geben, um ein Dach über dem Kopf und jeden Tag etwas zu essen zu haben. Und so nickte ich nur und dankte der Äbtissin, und von jenem Tag an war ich Magd im Kloster. Obwohl ich erst neun Jahre alt war, hatte ich einen harten Arbeitstag und musste von morgens bis abends schuften. Und ich musste nett und höflich bleiben, selbst wenn eine der verwöhnten adeligen Novizinnen mich als Lumpenweib oder Hungerleiderin beschimpfte. Ich glaube, in diesen Jahren im Kloster habe ich die Kunst der Verstellung erlernt…eine Fähigkeit, die ich später noch oft benötigen sollte. In diesen sechs Jahren, die ich im Kloster von Templemar verbrachte, war ich nur drei Jahre lang Magd. Dann starb die alte Äbtissin, und das Kloster bekam eine neue, Mutter Serafina, die aus Bordeaux zu uns kam. Sie stammte aus einer sehr einflussreichen, uralten und vermögenden Adelsfamilie, und so hatte ihr Vater der erst Achtzehnjährigen einen Posten als Äbtissin durch Bestechung erkauft. Mutter Serafina hatte gewisse Neigungen, sie interessierte sich eher für ihr eigenes Geschlecht. Ich war damals zwölf, bekam gerade meine Brüste und meine Schönheit begann gerade zu erblühen, und das entging auch der neuen Äbtissin nicht, und sie wollte mich von da an ständig um sich haben, und um das möglich zu machen, machte sie mich, obwohl ich keine Mitgift hatte, zur Novizin. Was dann kam, will ich hier nur am Rande erwähnen, weil es für mich traumatisch war. Ich musste fast jede Nacht mit ihr in ihr Gemach gehen, und dann tat sie Dinge mit mir, an die ich mich lieber heute nicht erinnern möchte. Nach drei Jahren ertrug ich es nicht mehr, so von ihr benutzt zu werden, und floh mit Jeannot, unserem neuen Beichtvater, der mir die Flucht ermöglichte, indem er dem Kloster mehrere Kronleuchter stahl.
Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt. Wir flohen aus dem Kloster und es gelang Jeannot, obwohl er der Sohn des Henkers von Lillé war, einen Pfarrersposten in dem Dorf La Fére zu ergattern. Nur ich wusste, dass die Unterlagen über seine Priesterweihe gefälscht waren, dass er niemals die Weihe erhalten hatte. Wie er an die Unterlagen gekommen ist, das habe ich nie erfahren, er hat es mir nie erzählt. Nun habe ich Olivier geheiratet, und ich gehe nur noch selten zu Jeannot, weil ich meine neue Posision als Comtesse nicht gefährden will. Ich kann Olivier nicht ausstehen, aber an seiner Seite kann ich ein gesichertes, ja prunkvolles Leben führen, jetzt bin ich eine Gräfin und kein in Lumpen gehülltes Bettelmädchen mehr. Den Vicomte für mich zu gewinnen war nicht schwierig…schon als er mich das erste Mal sah, habe ich erkannt, dass er mir mit Haut und Haaren verfallen würde, und so geschah es auch. Ich hielt ihn eine Weile hin um sein Verlangen nach mir zu schüren, und er war schließlich so verrückt nach mir, dass er der Meinung war, als Ehrenmann müsse er um meine Hand anhalten..genau das, was ich geplant hatte. Falls er und sein Vater sterben sollten, gehört das Vermögen der Familie de La Fére mir ganz alleine, und ich würde nicht einmal um die beiden trauern, weil Olivier und mein Vater mir nie etwas bedeutet haben, sie waren für mich nur ein Mittel zum Zweck. Olivier ist so ein Narr, ein verträumter Romantiker der an die wahre Liebe glaubt, der bereits von gemeinsamen Kindern spricht, und davon zusammen alt zu werden. Wie töricht er doch ist…solche Narreteien können sich wirklich nur Adelige, die niemals Not leiden mussten und im Überfluß aufgewachsen sind, leisten. Wenn er Abends neben mir am Kamin sitzt, eng an mich geschmiegt, muss ich mindestens zwei Gläser Wein trinken, um ihn überhaupt in meiner Nähe ertragen zu können. Der Vicomte ist ein wirklich schöner Mann, aber mein Herz vermag er nicht zu berühren, und wenn ich ihn ansehe, empfinde ich eher Abscheu als Liebe. Meiner Meinung nach ist Olivier ein Mann, der sich mit seinem Ehrgefühl, das ihm viel bedeutet, ständig selbst im Weg steht. Ehre…für mich ist das nur ein leeres Wort, mit dem ich nicht viel anfangen kann. Ich habe in meiner Kindheit gelernt, das nur das Recht des Stärkeren gilt, egal ob beim Adel oder in den Straßen von LilIé, da ist für Ehrgefühl einfach kein Platz.
Nein, ich glaube nicht, dass ich mein ganzes Leben hier auf dem Landgut mit dem Vicomte verbringen und seine Kinder zur Welt bringen werde. Er ist nur mein Sprungbrett in ein besseres Leben…und wenn ich eine bessere Partie finde und ihn nicht mehr brauche….ja…er könnte einen Unfall haben..er reitet gerne mit seinem Lieblingsfalken zur Jagd..und viele Adelige starben bei einem Jagdunfall…
Im Kloster gab es eine Novizin, die mir das Leben jahrelang zur Hölle machte und mich ständig drangsalierte. Wenn ich ihre Zelle putzen musste, hat sie immer das Putzwasser danach umgekippt, so dass ich alles noch einmal sauber machen musste, außerdem tat sie mir Käfer in meinen Brei und beschmutzte mein Bett mit Schlamm und Würmern. Als sie eines Tages auf den Glockenturm hochstieg um die schöne Aussicht zu genießen, fiel sie herunter und brach sich das Genick. Niemand ist jemals auf den Gedanken gekommen, dass ihr Tod kein Unfall gewesen sein könnte, man fragte sich nur, warum sie überhaupt dort hinaufgestiegen war.
Und ich erinnere mich noch an das, was mein Vater mir damals, als ich ein Kind war, gesagt hat:
“Du kannst alles tun, mon petite, du darfst dich nur nicht dabei erwischen lassen.”
Er wurde erwischt und das zerstörte unser aller Leben. Mir wird es nicht so ergehen, ich werde das Leben führen, das ich mir immer gewünscht habe. Wer eine Kindheit wie die meine überlebt, den kann im Leben nichts mehr erschüttern.
Auch wenn meine Geschichten von Silvia als nicht gut genug für den Fanfictionbereich eingestuft werden, den Spaß am Schreiben lasse ich mir nicht nehmen. :)

Ich habe dies hier niedergeschrieben um mein Herz zu erleichtern, dieses Herz, das allmählich zu Eis zu gefrieren scheint, und nun muss ich diese beschriebenen Blätter in den Kamin werfen, damit nichts davon übrigbleibt, denn wenn der Comte das liest, wäre das mein Ende. Ich weiss nicht, wie es weitergehen wird, aber ich habe das Gefühl, dass es weiter aufwärts und nicht abwärts gehen wird. Und die Hauswirtin, Madame Blancharde, hat nicht Recht behalten…mir ist nicht der Galgen bestimmt…mich wird man nicht hinrichten, dessen bin ich mir sicher, mich erwartet ein Leben mit Gold, prunkvollen Bällen und Comtes, Marquis und vielleicht sogar Königen. Das ist vermutlich mehr, als meine Eltern sich damals jemals für mich erhofft haben. Später, nachdem ich aus dem Kloster geflohen war, erfuhr ich, dass mein Vater gestorben war als ich elf Jahre alt war, er hätte im Gefängnis einen Aufseher, der ihn ständig demütigte, erstochen und war dafür zum Tode verurteilt worden. Ich habe damals nicht geweint als ich davon hörte, es war mir gleichgültig. Ich habe alle Menschen, die mir etwas bedeuteten verloren, und nun kann ich nie wieder jemanden verlieren den ich liebe, weil es niemanden mehr gibt. Ich kann nichts mehr fühlen, mein Herz scheint zu Eis erstarrt zu sein, doch ich werde nie wieder hungern und frieren müssen, und das ist viel mehr wert, als von Gefühlen gepeinigt zu werden. Ich bin jetzt die Comtesse de La Fére und ich glaube, dass ich eine große Zukunft vor mir, und das hungernde und frierende kleine Mädchen von damals, das sich so oft in den Schlaf weinen musste, weit hinter mir gelassen habe

15. Familienangelegenheiten - Athos

Mir kam kürzlich, beim Lesen von “Die Jugend der Musketiere” die Idee zu dieser Geschichte, in der ich Myladys und Athos erstes und einziges gemeinsames Weihnachtsfest jeweils aus der Sicht der beiden beschreibe.
Athos zu schreiben fiel mir leicht, aber Mylady war eine Herauforderung, da ich mich mit bösen Charakteren immer etwas schwer tue, ich hoffe es ist mir dennoch gelungen, ihren Charakter entsprechend skrupellos darzustellen.
Im VAA steht, dass Athos Bragelonne von einem sehr nahen Verwandten geerbt hat, und ich habe mir dann gedacht, dass er ja einen Bruder namens Raoul gehabt haben könnte. Dass Athos Familie mit der Heirat nicht einverstanden war, hat Dumas ja erwähnt, und so kam mir die Idee zu dieser Geschichte. Ich dachte mir, dass ein Weihnachtsfest, das kurz nach der Hochzeit stattfindet, sicherlich zu familiären Konflikten führen würde.

 Weihnachten 1620, La Fére

“Olivier, mein Sohn, ich befürchte, dass dieses Weib Euch eines Tages ins Unglück stürzen und unsere Familie zerstören wird. Ich bin davon überzeugt, dass sie Euch nur wegen Eures Vermögens und Eures Titels geheiratet hat. Ach, warum habt Ihr nicht auf mich gehört und Alais de Lussaie geheiratet? Mit ihr wärt Ihr gewiss sehr glücklich geworden!”; wirft mein Vater mir vor, während er eine silberne Kugel an den Christbaum hängt.
“Vater hat Recht. Anne ist nicht die Richtige für Euch, diese Heirat war ein Fehler, den Ihr noch sehr bereuen werdet”; fügt mein Bruder Raoul hinzu, “irgendetwas stimmt nicht mit dieser Frau, und ihr Bruder, das ist auch so ein merkwürdiger Kauz. Wie lüstern der sie immer betrachtet, sehr geschwisterlich wirkt das auf mich nicht gerade.”
So sehr ich Vater und Raoul auch liebe…im Moment bin ich wütend auf sie und enttäuscht. Es ist mein erstes Weihnachten mit Anne, und ich möchte, dass es für sie beonders schön wird. Immer diese Sticheleien, nicht einmal am Heiligen Abend können sie damit aufhören. Warum tun sie das? Anne hat ihnen nie einen Anlass dazu gegeben. Zum Glück ist sie gerade oben und nimmt ein Bad. Ich weiß dass sie unter der Ablehnung der beiden leidet, neulich hat sie deswegen sogar geweint.
Eigentlich wollten wir alle zusammen den Baum schmücken, so wie wir das immer gemacht haben, doch nun ist mir die Lust vergangen.
“Ihr solltet euch wirklich schämen! Ständig zieht ihr über sie her, dabei hat sie euch gar nichts getan! Ihr beide seid doch nur grantig, weil ich Alais keinen Antrag gemacht habe, und lasst Eure Enttäuschung darüber an der armen Anne aus. Wenn Euch Alais so gut gefällt, dann heiratet Ihr sie doch, und nehmt sie mit nach Bragelonne, Raoul!”

Mein Bruder blickt mich kopfschüttelnd an, seine Miene drückt eine tiefe Besorgnis aus.
“Glaubt mir, Olivier, ich will nur Euer Bestes, und das ist Anne ganz gewiss nicht. Sie ist ein hinterhältiges Biest, dem Ihr nicht vertrauen dürft. Erst gestern war sie wieder den ganzen Nachmittag im Pfarrhaus bei Abbé Georges.”
“Der Abbé ist ihr Bruder, das ist doch normal, dass Geschwister einander besuchen.”
“Wenn sie überhaupt Geschwister sind. Ich bezweifle das mittlerweile..sie sehen sich ja nicht einmal ähnlich, und wie er sie immer anschaut….”
“Jetzt reicht es aber endgültig, Raoul! Wir beide sehen uns auch nicht ähnlich, Ihr kommt nach Mutter, ich nach Vater…und doch sind wir Brüder. Ihr wollt ihr keine Chance geben und sucht deshalb immer wieder nach fadenscheinigen Vorwänden um mir meine Liebe madig zu machen. Aber das wird Euch nicht gelingen, mein Herz wird auf ewig ihr gehören!”
“Was fällt Euch ein, Euren Bruder so anzuschreien? Raoul hat doch Recht, irgendetwas ist da faul. Ich glaube auch nicht, dass der Abbé ihr Bruder ist. Dieses Biest macht Euch zum Hahnrei, und Ihr merkt es noch nicht einmal! Stattdessen ladet Ihr Ihren Liebhaber auch noch zum Weihnachtsfest zu uns ein. Bruder…pah..dass ich nicht lache!”

Warum tun sie mir das an? Warum können wir denn nicht endlich alle eine Familie sein, Vater, Raoul, Anne und ich?
“Ist euch beiden eigentlich klar, was ihr meiner Frau damit antut? Wisst ihr eigentlich, wie sehr sie unter eurem abweisenden Verhalten leidet?
Sie ist jetzt eine La Fére, ein Teil unserer Familie, und das müsst ihr akzeptieren.”
“Sie hat das schon genau richtig erkannt…sie ist hier in der Tat nicht willkommen”, erwiderte Raoul und blickt mich trotzig an, “denn ich ahne bereits, dass sie Euch ins Unglück stürzen und unsere Familie zerstören wird. Ihr seid blind vor Liebe, Bruder, so blind, dass Euch ihr wahrer Charakter leider verborgen bleibt.”

In diesem Moment kommt Anne die Treppe herunter in den Salon. Sie trägt ein Kleid aus changierender blauer Seide, auf dem mit Silberfäden Schneekristalle eingestickt sind. An ihrem Hals funkelt der Rubinanhänger, den ich ihr zu unserer Hochzeit geschenkt habe. Ihr hellblondes Haar schimmert im Schein des Kaminfeuers golden, ihre sanften blauen Augen leuchten. Wie ein Engel sieht sie aus. Bei ihrem Anblick geht in meinem Herzen die Sonne auf, und der Familienstreit ist erst einmal vergessen. Sie macht mich glücklich, sie ist die Frau, mit der zusammen ich alt werden möchte. Hoffentlich werden die beiden das irgendwann akzeptieren können und aufhören uns mit ihren gehässigen Bemerkungen das Leben schwer zu machen.
Als Anne sich zu uns gesellt, verdüstern sich ihre Mienen und sie verfallen in ein eisiges Schweigen.
Ich bin mir sicher, dass ihr das nicht entgangen ist, doch sie tut so, als ob es ihr nichts ausmachen würde. Sie schenkt mir ihr strahlendstes Lächeln und küsst mich zärtlich auf die Wange. Sie duftet nach dem Lavendelöl in dem sie immer badet. In diesem Augenblick verspüre ich ein unbändiges Verlangen, und ich kann es kaum erwarten, mich nach dem Fest mit ihr in unsere Gemächer zurückzuziehen.
“Ich bin früher als ich dachte mit meinem Bad und meiner Toilette fertig geworden, und da dachte ich, ich könnte euch doch beim Schmücken helfen. Es ist eine so schöne Tradition, die mich an meine Kindheit erinnert”; meint sie und küsst mich erneut, während sie mir tief in die Augen blickt, “und ich freue mich schon darauf, wenn wir das in ein paar Jahren mit unseren Kindern machen können. Ach, ich hoffe so sehr, dass ich bald in guter Hoffnung sein werde.”
Ich liebe Kinder, und genau wie Anne freue ich mich schon sehr darauf, mit ihr welche zu bekommen. Wer weiß, vielleicht werden wir im nächsten Jahr Weihnachten schon mit unserem Sohn oder unserer Tochter feiern. Und ich bin sicher, dass Vater Anne in ganz anderem Licht betrachten wird, wenn er erst einmal sein erstes Enkelkind in den Armen hält.
Anne ist genau wie ich, sie liebt das Leben auf dem Land und La Fére ist für sie längst zur Heimat geworden. Alais war da ganz anders, sie sprach immer davon, dass sie das Landleben langweilig fände, und lieber in Paris bei Hofe leben würde.

Seitdem ich klein war, haben wir den Baum immer alle zusammen geschmückt, doch in diesem Jahr ist alles anders. Kaum ist Anne da, ziehen Vater und Raoul sich in die nahe beim Kamin stehenden Sessel zurück und überlassen uns den Christbaum. Anne tut so, als ob ihr das nichts ausmachen würde, aber mir wird ganz weh ums Herz, als ich die Traurigkeit in ihren Augen sehe. Während wir also den Baum schmücken, versuche ich sie aufzuheitern, indem ich ein wenig herumalbere, und es gelingt mir tatsächlich, sie damit zum Lachen zu bringen.
Danach wird es Zeit zur Christmette ins Dorf zu fahren, doch auch das müssen wir alleine tun. Vater war kürzlich schwer erkältet, und will sich, nachdem er gerade erst wieder genesen ist, nicht der kalten Winterluft aussetzen. Früher versäumte er jedoch nie die Mette, einmal hat er sogar gefiebert und bestand trotzdem energisch darauf mitzukommen. Raoul weigert sich uns zu begleiten, weil er die Meinung vertritt, dass Abbé Georges ein gottloser Lügner und Betrüger ist. Ich koche innerlich vor Wut weil mir die eigene Familie so in den Rücken fällt, doch ich zügele mein Temperament und unterdrücke die Emotionen die gerade in mir hochkommen. Anne soll schließlich ein schönes Fest haben, ohne einen lautstarken Familienstreit.

Und so sitzen wir beide kurz darauf alleine in der offenen Kutsche, die von meinem Diener Grimaud gefahren wird. Während wir durch die verschneite Landschaft fahren und im Dorf die Glocken zu läuten beginnen, rückt sie näher heran und schmiegt ihren Kopf an meine Schulter.
“Ich liebe Euch, Olivier, mehr als alles andere auf der Welt”, flüstert sie mir leise ins Ohr, “Ihr seid so ein wunderbarer Mensch. Ach manchmal wünschte ich, Ihr hättet kein Vermögen und keinen Titel, dann würde Eure Familie endlich merken, dass ich Euch nur um Euretwillen liebe.”
In diesem Moment weiss ich, dass ich das Richtige getan habe, als ich auf mein Herz gehört und sie geheiratet habe. Während ich sie zärtlich küsse, denke ich mir, dass dieser Augenblick einer der schönsten meines Lebens ist.
“Seid nicht traurig, Liebste, ich bin mir sicher, dass Vater und Raoul bald Euren wahren Charakter erkennen und Euch dann endlich akzeptieren werden.”
In der Kirche sitzen wir in der ersten Bankreihe vor dem Altar, ein Ehrenplatz, den die Comtes von La Fére seit den Zeiten von Philippe Auguste innehaben. Trotz der vielen brennenden Kerzen ist es eiskalt, und so bin ich froh, als Abbé Georges endlich mit der Predigt fertig ist.
Wieder draußen auf dem Dorfplatz, schütteln Anne und ich den Dorfbewohnern die Hände und wünschten ihnen ein gesegnetes Fest. Viele bedanken sich bei mir, weil Vater und ich ihnen in diesem Jahr, weil es ein besonders harter Winter war, die Hälfte aller Abgaben erlassen, und ihnen außerdem erlaubt hatten, sich soviel Holz aus unseren Wäldern zu nehmen wie sie benötigten.
Während ich noch mit den Leuten plaudere, geht Anne zu ihrem Bruder herüber, die beiden reden eine Weile, dann geht der Abbé ins Pfarrhaus zurück.
“Mein Bruder fühlt sich nicht wohl”, erklärt sie mir schließlich, “er wird heute Abend bei unserem Festmahl leider nicht dabeisein können.”
Seltsam..eben in der Kirche sah er gar nicht kränklich aus, doch ich hake nicht weiter nach, weil ich im Grunde froh bin, dass er uns nicht begleitet, denn ich weiss genau, dass er dann in einen Streit mit Vater und Raoul geraten würde.
Grimaud fährt uns zurück und ich freue mich auf den Abend, das erste Weihnachtsfest mit meiner Frau.

Schon damals, als ich noch klein war, habe ich diesen Moment geliebt, wenn wir alle aus der Mette nach Hause kamen und uns um die festlich gedeckte Tafel versammelten. Danach haben wir Weihnachtslieder gesungen und anschließend beschert. Selbst nach Mutters Tod behielten wir diese Tradition bei, doch als wir auf La Fére ankommen, muss ich schmerzlich erkennen, dass Vater und Raoul alles daran setzen, Anne und mir das Fest zu verderben. Zwar ist die Tafel, genau wie jedes Jahr, festlich geschmückt und das übliche üppige Festmahl aufgetischt, doch in diesem Jahr wird nicht geplaudert, gescherzt und gelacht, stattdessen liegt eine unangenehme Spannung in der Luft.
“Wo ist denn Euer Liebhaber, Madame?”; fragt Raoul in gehässigem Tonfall, während er lustlos auf seinem Teller herumstochert, auf dem sich die mit einer Farce aus Maronen und Pflaumen gefüllte Gänsebrust allmählich in eine breiartige Masse verwandelt, “der Abbé ist wohl so eifersüchtig auf Oliviér, dass er es nicht ertragen kann, an unserer Feier teilzunehmen.”
“Ich dulde nicht, dass Ihr meine Frau so respektlos behandelt, Bruder! Ihr seid doch nur neidisch, weil ich so eine wundervolle Frau gefunden habe, Ihr jedoch immer noch alleine seid!”, fahre ich ihn an, während ich mit der Faust so fest auf den Tisch schlage, dass in den halbvollen Weingläsern die leuchtend rote Flüssigkeit beinahe überschwappt.
“Neidisch? Nein..Ihr tut mir einfach nur leid, weil Ihr in den Fängen dieser Teufelin feststeckt! Irgendwann wird es Euch gewiss leidtun, dass Ihr nicht auf mich und Vater gehört habt”, erwidert Raoul und blickt mich traurig an.
Obwohl das Festessen gerade erst beginnt, hat Vater bereits sein zweites Glas Bordeaux hinuntergekippt.
“Euer Bruder hat Recht, Oliviér, Ihr rennt in Euer Unglück und es bricht mir das Herz, dabei hilflos zusehen zu müssen ohne etwas dagegen tun zu können.”
Anne lässt die gehässigen Bemerkungen einfach an sich abprallen, sie widmet sich dem Essen und kaut genüßlich auf einer knusprigen Gänsekeule herum, danach lässt sie sich von Grimaud Gänsebrust mit Farce und Serviettenknödeln auf den Teller geben und Wein nachschenken. Aber ich bin mir sicher, dass sie unter den bösen, gehässigen Worten leidet und es nur nach außen hin nicht zeigen möchte.

“Vater..wisst Ihr denn nicht mehr…Ihr hattet mir doch davon erzählt, wie Ihr meine Mutter am Pariser Hof zum ersten Mal getroffen habt und gleich wusstet, dass sie die Frau ist mit der Ihr den Rest Eures Lebens verbringen wollt. Großvater war gegen diese Beziehung, weil Mutter aus zwar altem, aber verarmtem Adel stammte, aber Ihr habt gegen alle Widerstände für Eure Liebe gekämpft. Und nun werft Ihr mir vor, dass ich das Gleiche für Anne tue? Verdammt, warum gebt Ihr ihr keine Chance? Was hat sie Euch denn getan?”
“Das ist doch damals etwas ganz anderes gewesen”, hält Vater verärgert dagegen, “wie könnt Ihr es wagen, dieses Miststück mit Eurer Mutter zu vergleichen? Sie war ein wundervoller Mensch, Anne dagegen ist eine Teufelin in Menschengestalt.”
“Ihr solltet euch wirklich schämen! Sie ist meine große Liebe, sie ist ein Engel auf Erden, und ich werde immer zu ihr stehen, ganz gleich wie schlecht Ihr beide auch über sie redet. Und wenn Ihr Anne nicht um Euch haben wollt, Vater, warum zieht Ihr dann nicht erst einmal zu Raoul nach Bragelonne?”
“Soweit ist es also schon gekommen”; seufzt Vater und blickt mich vorwurfsvoll an, “sie ist schon längst dabei, unsere Familie zu zerstören.”
“Sie zerstört gar nichts, Ihr seid es doch, der unsere Liebe nicht akzeptieren kann!”; halte ich empört dagegen.
“Sie liebt Euch überhaupt nicht, mein Sohn, sie spielt Euch nur etwas vor, und wenn Ihr nicht blind vor Liebe wärt, würdet Ihr das auch merken”, antwortet er und steht auf, “ich fühle mich sehr erschöpft, ich gehe schlafen.”
“Aber Vater, Ihr habt doch noch gar nichts gegessen!”
Es erschreckt mich, zu sehen wie bleich sein Gesicht ist, und die dunklen Ringe unter seinen Augen zeigen mir, dass er in letzter Zeit einige schlaflose Nächte gehabt hat.
“Mir ist der Appetit vergangen und die Lust auf das Fest ebenfalls.”
Mit diesen Worten zieht er sich zurück, und da wird mir klar, dass dieser Heilige Abend ruiniert ist, bevor er richtig begonnen hat.

“Soweit ist es also schon gekommen”; schimpft Raoul, “Eure Frau hat uns das ganze Fest verdorben. Ich wünschte, Ihr hättet dieses verschlagene Biest niemals kennengelernt! Der Tag, an dem sie in Euer Leben trat, war der Beginn Eures Untergangs!”
“Haltet den Mund, Raoul, es reicht!”, brülle ich ihn an, “noch ein Wort und mir rutscht die Hand aus!”
Der Rest der Mahlzeit verläuft in bedrückendem Schweigen, ein trauriger Gegensatz zu den Weihnachtsfesten die wir sonst gefeiert haben. Obwohl das Essen ausgezeichnet schmeckt, bekomme ich keinen Bissen hinunter und auch Raoul rührt kaum etwas an und stochert immer noch auf seinem Teller herum. Die einzige die ordentlich zulangt ist Anne. Was für ein wundervoller Mensch sie doch ist..selbst wenn Raoul und Vater wieder einmal schlecht über sie reden, verliert sie nie ein böses Wort über die beiden.

Danach ist es Zeit zur Bescherung und es macht mich traurig, dass Vater nicht dabei ist. Seit meiner heimlichen Hochzeit ist unser früher so inniges Verhältnis getrübt. Dabei wünsche ich mir nichts sehnlicher, als eine normale Familie in der alle zusammenhalten, so wie früher.
Hoffentlich reißt Raoul sich für den Rest des Abends zusammen, sonst raste ich wirklich noch aus.
Ich mache also gute Miene zum bösen Spiel und gebe ihm sein Geschenk, ein Jagdgewehr mit einem mit Schnitzereien verzierten Griff, ich bekomme von ihm braune Lederstiefel. Für Anne hat er kein Geschenk. Das ärgert mich zwar, doch ich beherrsche mich und sage nichts dazu. Vaters Geschenke liegen unter dem Baum für den nächsten Morgen.
Anne schenkt meinem Bruder ein schönes, burgunderrotes, samtenes Wams. Er bedankt sich in kühlem Ton und legt es dann achtlos beiseite, sein flammender Blick zeigt deutlich, dass er von ihr kein Geschenk möchte.
Mir schenkt sie mehrere Flaschen Portwein und ein weißes Seidenhemd.
Dann gebe ich ihr mein Geschenk, einen wunderschönen mit Saphiren besetzten Ring, den mir einst meine Mutter auf dem Sterbebett gab.
“Ich habe diesen Ring von meiner Mutter bekommen. Königin Maria hat ihn ihr geschenkt als sie bei ihr als Hofdame diente. Mutter hat mir gesagt, dass ich diesen Ring eines Tages der Frau schenken soll, mit der zusammen ich alt werden möchte.”
“Ich danke Euch, Olivier, ich werde ihn immer in Ehren halten und ihn, wenn irgendwann meine Stunde gekommen ist, an eines unserer Kinder weitergeben.”
Sie zieht mich näher zu sich heran und küsst mich leidenschaftlich. Ich versinke in ihrem Kuss, spüre ihre weichen, zarten Lippen auf den meinen, vergesse alles um mich herum.

“Olivier! Wie könnt Ihr es wagen, Mutters Ring dieser Hure zu geben! Sie würde sich im Grab umdrehen, wenn sie Euch jetzt sehen könnte!”
Raouls böse Worte holen mich unsanft in die Realität zurück.
In mir kommt die Wut auf ihn hoch, die ich eben noch so mühsam unterdrückt habe, und ich versetze ihm eine schallende Ohrfeige, die einen roten Abdruck auf seiner Wange hinterlässt.
“Ich dulde es nicht, dass Ihr so über meine Frau redet, Bruder! Wenn Ihr so weitermacht, werden wir noch irgendwann zu Feinden!”
Mich macht das sehr traurig, denn Raoul und ich sind seit unserer Kindheit ein Herz und eine Seele. Er ist nur ein Jahr jünger als ich und wir haben damals immer alles zusammen gemacht.
Nun blickt er mich dermaßen traurig an, dass mir ganz weh ums Herz wird, dann wendet er sich zum Gehen.
“Was hat sie nur aus Euch gemacht? Einen liebeskranken Narren wie es scheint!”
Als er den Salon verlassen hat, kann ich meine Tränen nicht länger zurückhalten und Anne nimmt mich tröstend in den Arm. Eine ganze Weile verharren wir so.
“Es tut mir so leid, Liebling, das ist doch alles nur wegen mir”, bricht sie schließlich das Schweigen, “ich frage mich, warum sie mich so verabscheuen. Was mache ich denn falsch?”
“Ihr macht gar nichts falsch, Anne, sie sind es, die sich Euch gegenüber falsch verhalten. Ich hoffe wirklich dass sie irgendwann erkennen, wie Ihr wirklich seid. Auch mich macht es traurig wie schlecht sie Euch behandeln.”
Auch wenn ich von meiner Familie enttäuscht und deswegen traurig bin, will ich ihr den Rest des Abends so schön wie möglich machen. Wir setzen uns an den Kamin, trinken Bordeaux und füttern uns gegenseitig mit Käse und kandierten Früchten. Ihre leidenschaftlichen Küsse und zärtlichen Berührungen lassen mich den leidigen Familienstreit rasch vergessen.
Draußen hat es wieder zu schneien begonnen und es ist längst dunkel. Wir ziehen unsere Mäntel an, laufen hinaus und liefern uns übermütig lachend eine wilde Schneeballschlacht.
Anschließend wärmen wir uns vor dem Kamin auf und lassen uns von Grimaud heißen Würzwein bringen.
Später liegen wir, nachdem wir uns stürmisch geliebt haben, eng aneinandergeschmiegt in unserem Gemach im Bett und ich habe das Gefühl, der glücklichste Mann auf Erden zu sein.
Trotz des Streites mit Vater und Raoul erscheint mir dieses Weihnachtsfest nun als das Schönste, das ich jemals erlebt habe. Mein ganzes Leben mit Anne liegt noch vor mir, und ich weiß es wird wundervoll sein. Mit einem seligen Lächeln auf den Lippen schlafe ich schließlich ein.

16. Familienangelegenheiten - Mylady

 

La Fére, 24. Dezember 1620

Seitdem ich Olivier geheiratet habe und auf La Fére lebe, nehme ich jeden Tag ein Bad mit Lavendelöl. Seine Familie gehört zu den reichsten in der gesamten Grafschaft Berry, während ich aus verarmtem Landadel stamme.
Auf dem Gut meiner Eltern in der Nähe von Armentiéres lebten wir eher wie eine Bauernfamilie und ein Bad war dort ein seltener Luxus, den es nur an hohen Feiertagen wie Weihnachten und Ostern gab. Zudem musste ich immer die Kleider meiner älteren Schwester auftragen. Zu essen gab es meistens nur Haferbrei und Gemüse, das mein Vater hinter dem heruntergekommenen Gutshaus selbst anbaute. Umso mehr genieße ich den Luxus der mich jetzt umgibt, ein Leben wie ich es mir niemals zu erträumen gewagt hätte.
Wie herrlich das doch ist, das angenehm warme Wasser und der cremig duftende Schaum. Hier im Badezuber kann ich mich ganz und gar fallen lassen und mich meinen Träumen hingeben. In meinem Tagtraum nimmt Olivier mich mit nach Paris und bei Hofe verliebt sich der König in mich und macht mich zu seiner ersten Mätresse. Ich liebe den Vicomte nicht, in meinen Augen ist er ein sentimentaler Langweiler.
Ihm wäre es am liebsten immer mit mir hier auf dem Land zu leben und eine ganze Horde Kinder großzuziehen. Mir graust es bei diesem Gedanken, ein solches Leben, das wäre für mich als ob man mich lebendig begraben würde. Und es muss ja nicht der König sein, ich wäre auch mit einem steinreichen Herzog, der das ganze Jahr in Paris lebt zufrieden. Dort gibt es fast jeden Abend einen Ball, hier dagegen hat man kaum Abwechslung und sieht tagaus tagein nur dieselben Gesichter.

Ich bade ohne die Hilfe einer Magd und schließe immer die Tür ab, wofür ich gute Gründe habe. Diese verdammte Lilie auf meiner Schulter, dieses verfluchte Schandmal, mit dem mich Georgés Bruder, der Henker von Lillé gebrandmarkt hat. Wenn jemand es irgendwann entdecken sollte bin ich verloren, denn ich bin sicher, dass Olivier, der sehr viel auf Ehre und Gewissen gibt, mir das niemals verzeihen würde. Er würde mich sofort davonjagen und ich stünde wieder völlig mittellos da.
Durch die Salben die ich angewendet habe ist das Mal zwar etwas verblasst, aber leider immer noch gut zu erkennen. Als das Wasser allmählich kalt zu werden beginnt, klettere ich aus dem Zuber, trockne mich ab und ziehe mein dünnes Unterkleid an. Dann rufe ich meine Zofe und begebe mich mit ihr in mein Ankleidezimmer. Ich wähle ein blaues Seidenkleid, auf dem mit feinen Silberfäden Schneekristalle eingestickt sind. Die Zofe hilft mir beim Überziehen des Fischbeinkorsetts und des Kleides. Anschließend steckt sie einen Teil meines Haares hinten zu einem Knoten zusammen und dreht den Rest mit einem Brenneisen zu Korkenzieherlocken.

Nachdem Rouge und Schminke aufgetragen sind, gehe ich nach unten in den Salon, wo Olivier mit seinem Vater und seinem Bruder den Baum schmückt. Schon auf der Treppe höre ich das böse Gekeife von Comte Enguerrand und Raoul de Bragelonne. Die beiden bezeichnen mich als hinterhältiges Miststück und Biest und äußern den Verdacht, dass Georges gar nicht mein Bruder sondern mein Liebhaber sei.
Erschrocken frage ich mich, wieso in ihnen wohl dieser Verdacht aufgekeimt ist. Habe ich den Abbé nach der Hochzeit vielleicht doch zu oft besucht?
Ach, wie froh ich doch darüber bin, dass Oliviers Bruder nicht auf La Fére lebt und uns nach Neujahr wieder verlassen wird.
Was den alten Comte betrifft…darüber werde ich mir Gedanken machen müssen. Vielleicht eine Kastanie unter dem Sattel seines Araberhengstes, wie ich es bei meiner Schwester Charlotte gemacht habe, oder doch lieber Schierling wie bei dieser unverschämten Nonne im Kloster von Templemar?
Der Gedanke an sein baldiges Ableben bringt meine Augen zum Leuchten und zaubert ein seliges Lächeln auf meine Lippen.

Unten angekommen küsste ich Olivier zärtlich auf die Wange, weil ich genau weiss, dass der Comte und Raoul sich darüber ärgern.
“Ich bin doch früher mit meinem Bad und meiner Toilette fertig geworden als ich dachte. Ich habe das immer gerne gemacht, es ist so eine schöne Tradition, es erinnert mich an meine Kindheit”, sage ich zu meinem Mann, blicke ihm dabei tief in die Augen und küsse ihn noch einmal, “und ich freue mich schon darauf, wenn wir das in ein paar Jahren auch mit unseren Kindern machen können.”
In Wirklichkeit verabscheue ich diese kleinen Quälgeister und kann gar nicht verstehen, warum er sich so sehnlich welche wünscht. Deswegen nehme ich regelmäßig Kräuter ein, die eine Empfängnis verhindern sollen. Ich weiss jedoch, wie gerne er so bald wie möglich ein Kind von mir hätte, und so sage ich genau das was er hören will, weil ich weiss, dass er mich dann noch mehr vergöttert und noch großzügiger sein wird.
Mittlerweile habe ich ihn schon soweit gebracht, dass er mir jeden Wunsch erfüllt, ganz gleich ob es sich um Stoff für ein neues Kleid, Parfüm, Badeöle, Schmuck oder Schuhe handelt.
Weil ich eine Meisterin der Verstellung bin, merkt dieser naive, liebeskranke Narr gar nicht, dass er mir überhaupt nichts bedeutet. Er ist eine Augenweide und ein guter Liebhaber, aber wenn er morgen tot umfallen würde, würde ich ihm keine Träne nachweinen.
Der Comte und Raoul ziehen sich demonstrativ in die Sessel vor dem Kamin zurück, und so schmücken Olivier und ich den Baum alleine. Ich bin ganz froh, dass ich von den beiden eine Weile nichts hören und sehen muss.
Das Baumschmücken langweilt mich, genauso wie dieses alberne, kitschige Weihnachtsfest, für das ich noch nie etwas übrig hatte. Um meinen Mann zu täuschen tue ich so, als ob es mir Freude machen würde.
Als es Zeit ist zur Messe zu fahren, redet Oliviers Vater sich mit seiner wegen einer erst kürzlich überstandenen Erklältung noch etwas angeschlagenen Gesundheit heraus, während sein Bruder ganz offen zugibt, dass er nicht mitkommt, weil er den Abbé für einen gottlosen Sünder und Betrüger hält.
Mir ist es gleich. Je weniger Zeit ich mit den beiden verbringen muss, desto besser fühle ich mich.

Wenig später sitzen wir beide in der offenen Kutsche, die von Oliviers Diener Grimaud gefahren wird. Während wir, in dicke Pelzmäntel gehüllt durch die verschneite Landschaft fahren und im Dorf die Glocken zu läuten beginnen, kommt mir der Gedanke, dass dies genau der richtige Zeitpunkt ist, um meine entwaffnende Weiblichkeit gezielt einzusetzen. Ich schmiege mich ganz eng an ihn und lehne meinen Kopf an seine Schulter.

Wieso kann er nicht etwas ehrgeiziger sein, und sich mehr vom Leben erhoffen als den eintönigen Alltag eines Landadeligen? Er sieht gut aus und verfügt über ein beachtliches Vermögen…warum hat er kein Interesse daran, an den Pariser Hof zu gehen? Wenn es ihm gelänge die Gunst des Königs zu erlangen, könnte er irgendwann sogar einen Herzogstitel verliehen bekommen.
Statt ihm das jedoch zu sagen, flüstere ich ihm leise ins Ohr, dass ich mir wünschte, er hätte kein Vermögen und keinen Titel, da seine Familie dann endlich merken würde, dass ich ihn wirklich liebe. Ja, ich weiss, das dies genau die Worte sind, mit denen ich sein Herz berühren kann. Der Comte und Raoul sollen keine Gelegenheit bekommen ihn gegen mich aufzuhetzen.
Und meine Worte zeigen Wirkung, er schmiegt sich noch enger an mich und küsst mich zärtlich.
“Seid nicht traurig, Liebste, ich bin sicher, dass mein Vater und Raoul irgendwann erkennen werden, was für ein wundervoller, herzensguter Mensch Ihr seid.”

Als wir durch das Kirchenschiff nach vorne zum Ehrenplatz der Comtes von La Fére schreiten, genieße ich die Bewunderung, mit der diese Bauerntrampel aus dem Dorf mich betrachten. Eine so schöne Frau wie mich bekommen sie nur selten zu sehen, und ich liebe es im Mittelpunkt zu stehen, selbst wenn es nur tumbe Bauern sind, die mich bewundern.
Als wir dann in unserer Bank, die wir an diesem Abend für uns alleine haben, sitzen und Georges die Messe hält, fühle ich mich mit einem Mal nicht mehr so wohl. Dieser Narr, wie kann er mich nur so schmachtend anblicken? Was, wenn das dem Vicomte auffällt? Olivier mag ja blind vor Liebe sein, aber gewiss nicht so blind, dass er das nicht bemerkt. Ich habe das Gefühl, dass die Predigt gar kein Ende nehmen will. Mir ist längst klar geworden, dass der Abbe ein Problem ist, dass er meinen Status als Comtesse gefährdet.
Letzten Monat hat er mir damit gedroht, dem Vicomte zu verraten dass ich nicht seine Schwester bin, wenn ich nicht jeden MIttag zu ihm ins Pfarrhaus komme. Dieser Dummkopf, warum musste er sich auch in mich verlieben? Ich habe mich noch nie in jemanden verliebt und werde es auch niemals tun, denn ich bin der Meinung, dass die Liebe uns zu Sklaven unserer eigenen Gefühle macht und unser Urteilsvermögen trübt. Liebe ist nur dann gut, wenn man seinen Nutzen aus der Verliebtheit der anderen ziehen kann.

Nach der Messe verschwendet Olivier auf dem Kirchplatz seine Zeit damit, diesen Bauern die Hände zu schütteln und mit ihnen zu plaudern. Ich zwinge mich zu einem freundlichen Lächeln und schüttele ebenfalls Hände, tätschele kleinen Kindern die rosigen Wangen, obwohl ich innerlich vor Wut koche, als die Bauern sich bei Olivier bedanken. Ich frage mich, wie er und sein Vater nur so töricht sein können, diesem Bauernpack einen Teil der Abgaben zu erlassen und ihnen auch noch zu erlauben, sich in unseren Wäldern Feuerholz zu holen.
Diese Abgaben stehen uns als Adelige doch zu, und wenn ein paar Bauern den Winter nicht überleben ist das doch nicht so tragisch, denn meistens sterben ja die Alten und Kinder, die sowieso nicht zur Feldarbeit taugen. Wenn man dieses Pack zu gut behandelt, dann werden sie übermütig und erkennen uns irgendwann nicht mehr als ihre rechtmäßigen Herren an. Außerdem stört es mich, dass Olivier ihnen ab und zu Wildbret und Medikamente bringt und mit ihnen in ihren ärmlichen Hütten sitzt und warme Kuhmilch trinkt. Ein Vicomte von La Fére sollte sich nicht mit diesem Gesindel gleichmachen, sich nicht so erniedrigen. Wenn ich irgendwann einmal auf La Fére das alleinige Sagen haben werde, wird jeder, der seine Abgaben nicht zahlen kann, oder beim Holzholen im Wald erwischt wird, ausgepeitscht.

Georges steht vor dem Kirchenportal und winkt mich zu sich herüber.
“Ihr wart heute Nachmittag gar nicht bei mir!”, sagt er und blickt mich vorwurfsvoll an.
“Ich kann nicht jeden Tag zu Euch kommen. Der Comte und der Vicomte de Bragelonne ahnen bereits dass wir keine Geschwister sind. Vielleicht wäre es besser, wenn wir uns eine Weile nicht mehr sehen.”
“Das kann nicht Euer Ernst sein, Anne, Liebste! Mein Herz verzehrt sich nach Euch, ich hätte diese Heirat niemals zulassen dürfen. Ihr gehört zu mir!”
Der irre Glanz in seinen Augen bereitet mir Sorge. Wie lange kann ich ihn noch hinhalten, mir sein Schweigen erkaufen?
“Wir sollten zusammen von hier fortgehen und irgendwo ganz neu anfangen”, fleht er mich an, “und diesmal nicht als Bruder und Schwester.”
“Nein, Georges, ich werde hierbleiben. Ich bin jetzt die Comtesse von La Fére, und das gebe ich nicht einfach so auf. Endlich bin ich jemand!”
“Liebt Ihr ihn?”, fragt er mich, während er mich wie ein geprügelter Hund anschaut.
“Nein, natürlich nicht, ich liebe nur sein Vermögen und seinen Titel. Mein Herz wird immer Euch gehören.”
“Wenn Ihr mich wirklich liebt, wie könnt Ihr dann erwarten, dass ich mich einfach so damit abfinde, dass Ihr jede Nacht bei ihm liegt und nicht bei mir? Dass ich, wenn Ihr eines Tages ein Kind zur Welt bringt, niemals wissen werde, ob es meines oder seines ist? Das ist wirklich grausam von Euch! Ich möchte Euch nicht ein Leben lang mit dem Vicomte de La Fére teilen müssen!”
“Das verlange ich doch gar nicht von Euch. Glaubt mir, ich werde dafür sorgen, dass ich bald Witwe bin und dann habt Ihr mich ganz für Euch alleine. Und im Moment nehme ich noch Kräuter, die eine Schwangerschaft verhindern.”
Ich hoffe, dass ich ihn damit noch eine Weile hinhalten kann.

“Kommt Ihr denn heute Nacht, wenn der Vicomte eingeschlafen ist, zu mir ins Gästezimmer?”
Ich bin entsetzt. Glaubt er etwa ernsthaft, ich wäre so dumm, meinen Status als Comtesse dermaßen leichtfertig aufs Spiel zu setzen?
“Ihr könnt uns heute nicht zur Feier begleiten, Georges. Der Comte und Raoul ahnen längst dass wir keine Geschwister sind, und wenn Ihr heute bei uns auf dem Gut erscheint, wird ihr Verdacht nur noch weiter genährt. Es ist wirklich besser, wenn sie Euch heute Abend nicht zu Gesicht bekommen.”
Er blickt mich traurig an und seufzt leise.
“Ach, was würde ich nicht alles dafür geben, jede Nacht eng an Euch geschmiegt einschlafen zu können. Ich liebe Euch so sehr dass es wehtut..Ihr könnt mich doch am Heiligen Abend nicht alleine lassen.”
Der Abbé wird immer mehr zu einem Problem für mich, für das ich so bald wie möglich eine Lösung finden sollte. Es muss etwas sein das wie ein Unfall aussieht.
“Das nächste Weihnachten werden wir gemeinsam feiern, das verspreche ich Euch”, vertröste ich ihn, “denn dann werde ich längst Witwe sein und kann tun und lassen was ich will. Bitte habt noch etwas Geduld. Ich muss alles sorgfältig planen, jeder noch so kleine Fehler könnte mich den Kopf kosten.”
Olivier schüttelt gerade den letzten Bauern die Hände und ich muss mich beeilen.
Doch Georges ist noch nicht zufriedengestellt.
“Wenn ich heute schon so einen einsamen Heiligen Abend habe, kommt Ihr dann wenigstens morgen Mittag zu mir?”
“Ich weiß nicht ob das geht. Ich sagte Euch doch, dass der Comte und Raoul äußerst misstrauisch sind. Nach Neujahr könnte ich wieder zu Euch kommen, dann fährt der Vicomte zurück nach Bragelonne.”

“Also gut, aber sobald dieser Bragelonne abgereist ist, werdet Ihr mich jeden Tag besuchen. Ich kann nicht mehr länger ohne Euch sein, und wenn Ihr nicht zu mir kommt, kann ich auch nicht länger schweigen. Mir wäre es lieber Euch an meiner Seite zu sehen, ganz gleich ob Ihr Comtesse seid oder nicht.”
“Ich verspreche Euch, dass ich Euch ab Neujahr jeden Tag besuchen werde. Nur, ich bitte Euch, habt bis dahin Geduld. Ihr müsst bedenken, dass das Vermögen der de La Féres uns ein sorgloses Leben ermöglichen wird.”
“Gut, dann verbringe ich die Feiertage eben alleine”, lenkt er schließlich mit finsterer Miene ein, “aber Gnade Euch Gott, wenn Ihr Euer Wort nicht haltet.”
Ich atme erleichtert auf, als er mir den Rücken zuwendet und zum Pfarrhaus geht. Ich gehe zu Olivier zurück, der gerade den letzten Bauern ein gesegnetes Fest gewünscht hat, und erkläre ihm, dass mein Bruder sich nicht wohlfühlt und uns deswegen heute nicht begleiten wird. Er fragt nicht weiter nach, und ich bin mir sicher, dass er erleichtert ist, weil es so nicht zu einem heftigen Streit zwischen dem Abbé und seiner Familie kommen kann.
Wir fahren zurück zum Gutshaus, das man wegen seiner Größe und der imposanten Türme eher als Schloß bezeichnen könnte. Ich habe keine Lust auf das Fest, so etwas Kitschiges und Albernes wie Weihnachten kann wirklich nur ein naiver Romantiker wie Olivier lieben. Ach, wie schön es doch wäre, wenn Titel, Vermögen und Ländereien mir ganz alleine gehören würden. Bei der Vorstellung, in einem Jahr alle drei de La Féres in der Gruft der Familienkapelle liegen zu sehen, wird mir ganz warm ums Herz. Wer würde schon mich, die trauernde Hinterbliebene mit dem sanften Madonnengesicht verdächtigen?

Als wir auf dem Gut eintreffen, ist die Tafel festlich gedeckt und es duftet so verführerisch nach Gänsebraten, dass mir das Wasser im Mund zusammenläuft.
Nun sitzen wir zu viert am Tisch, während die Diener unsere Teller füllen und uns Wein einschenken.
“Wo ist denn Euer Liebhaber, Madame?”, fragt Raoul, während seine Augen mich regelrecht zu durchbohren scheinen. Wenn Blicke töten könnten, würde ich jetzt gewiss entseelt vom Stuhl kippen.
Lustlos stochert er auf seinem Teller herum, die mit Maronen und Pflaumen gefüllte Gänsebrust verwandelt sich in eine breiartige Masse. Ich weiss genau, dass Olivier mich verteidigen wird, und widme mich schweigend meinem gut gefüllten Teller.
“Ich dulde es nicht, dass Ihr so über meine Frau redet, Bruder! Ihr seid doch nur neidisch auf mich, weil Ihr immer noch alleine seid!”, brüllt mein Mann Raoul an, und schlägt so fest mit der Faust auf den Tisch, dass die Weingläser beinahe umkippen.
“Neidisch? Nein..Ihr tut mir einfach nur leid, weil Ihr in den Fängen dieser Teufelin feststeckt! Irgendwann werdet Ihr es gewiss bedauern, dass Ihr nicht auf Vater und mich gehört habt!”
Comte Engurrand leert bereits sein zweites Glas Wein. Wenn er so weitermacht wird er in einer Stunde völlig betrunken sein. Kaum hat er das Glas bis zur Neige geleert, maßt auch er sich an, seinen Sohn Vorwürfe zu machen.
“Euer Bruder hat Recht, Olivier. Ihr rennt in Euer Unglück,und es bricht mir das Herz, dabei hilflos zusehen zu müssen, ohne etwas dagegen tun zu können.”

Schadenfroh verfolge ich den Streit, denn mir ist klar, dass Olivier zu mir halten und den Alten und Raoul in ihre Schranken weisen wird. Während ich zufrieden lausche, lasse ich mir eine knusprige, gut gewürzte Gänsekeule schmecken, und mir anschließend den Teller von Grimaud noch einmal füllen. So gutes Essen gab es für mich bis zu meiner Hochzeit nie, und ich finde es steht mir zu, das jetzt umso intensiver zu genießen.
Olivier versucht den Comte umzustimmen, indem er ihn daran erinnert, dass er früher selbst Probleme mit seinem Vater hatte, weil dieser seine Frau, die aus verarmtem Landadel stammte, nicht akzeptieren wollte.
“Das ist doch etwas ganz anderes gewesen!”; hält Enguerrand energisch dagegen, “Eure Mutter war ein wundervoller Mensch, Anne ist jedoch eine Teufelin in Menschengestalt.”
“Ihr beide solltet euch wirklich schämen! Anne ist meine große Liebe und ich werde immer zu ihr stehen, ganz gleich wie schlecht ihr über sie redet. Und wenn Ihr sie nicht um Euch haben wollt, Vater, könntet Ihr ja zu Raoul nach Bragelonne ziehen!”
Ach, wenn der Alte das doch nur täte, nichts könnte mir lieber sein als ihn nicht mehr jeden Tag ertragen zu müssen.
“Soweit ist es also schon gekommen”, klagt er, “sie ist schon dabei unsere Familie zu zerstören.”
“Sie zerstört gar nichts. Ihr seid es doch, der unsere Liebe nicht akzeptieren kann”; verteidigt Olivier mich.

“Sie liebt Euch nicht, sie spielt Euch doch nur etwas vor, und wenn Ihr nicht blind vor Liebe wärt, würdet Ihr da auch merken”, antwortet der Alte und steht auf, “ich bin sehr erschöpft, ich gehe schlafen.”
“Aber Vater, Ihr habt doch fast gar nichts gegessen”, wendet Olivier ein.
“Mir ist der Appetit vergangen, und die Lust auf das Fest ebenfalls.”
Mit diesen Worten zieht er sich zurück, und ich bin sehr froh, ihn nun nicht den ganzen Abend ertragen zu müssen.
“Soweit ist es also schon gekommen”; schimpft Raoul, “Eure Frau hat uns das ganze Fest verdorben. Ich wünschte, Ihr hättet dieses verschlagene Biest niemals kennengelernt!”
Ich bemühe mich meinem Gesicht einen traurigen Ausdruck zu geben, weil ich genau weiß, dass Olivier dann mit seinem Bruder einen Streit anfängt. Ich möchte, dass er Raoul so richtig die Meinung sagt, damit dieser unverschämte Bursche endlich einsieht, dass ich jetzt hier das Sagen habe.
“Halt den Mund, Raoul, es reicht!”, fährt Olivier ihn wütend an, “noch ein Wort und mir rutscht die Hand aus!”
Schweigend beenden wir unser Mahl und ich genieße jeden Bissen, freue mich darüber, wie bedrückt Bragelonne jetzt aussieht.

Nun ist es Zeit zur Bescherung und wie ich meinen Mann kenne, wird er mich großzügig beschenken. Olivier hat für seinen Bruder ein Jagdgewehr und bekommt von ihm braune Lederstiefel. Mir schenkt Raoul nichts, aber das freut mich eher, weil ich weiss, dass es zu weiterem Streit zwischen den Brüdern führen könnte. Als ich Raoul ein burgunderrotes Wams aus bestem Samt schenke, demonstriert er mir seine Ablehnung, indem er sich betont kühl bedankt. Olivier freut sich sehr über mein Geschenk, sechs Flaschen Burgunder und ein Hemd aus feiner weißer Seide.
Er hat für mich einen mit Saphiren besetzten Ring, der bestimmt ein kleines Vermögen gekostet hat.
“Ich habe diesen Ring von meiner Mutter bekommen, Königin Maria hat ihn ihr einst geschenkt, als sie ihr als Hofdame diente. Sie sagte mir, dass ich diesen Ring irgendwann der Frau schenken soll, mit der ich den Rest meines Lebens verbringen will.”
Als er mir den Ring an den Finger steckt, lächle ich, denn ich bin sehr zufrieden. Falls irgendwann einmal jemand die Lilie entdeckt und ich schnell fliehen muss, wird mir der Verkauf dieses Ringes genug Geld einbringen, um eine Weile meinem Stand angemessen leben zu können.
“Ich danke Euch, Olivier, ich werde diesen Ring immer in Ehren halten und ihn, wenn irgendwann meine Stunde gekommen ist, an eines unserer Kinder weitergeben.”
Ich ziehe ihn näher zu mir heran und küsste ihn leidenschaftlich.
“Olivier! Wie könnt Ihr es wagen, Mutters Ring dieser Hure zu geben? Sie würde sich im Grab umdrehen, wenn sie Euch jetzt sehen könnte!”
Gut, macht nur weiter so, Raoul, denke ich mir, dann seid Ihr bei Eurem Bruder bald unten durch.
Nur mit Mühe kann ich mir ein schadenfrohes Grinsen verkneifen, als Raoul von Olivier eine Ohrfeige verpasst bekommt.
“Ich dulde es nicht, dass Ihr so über meine Frau redet, Bruder! Wenn ihr so weitermacht, werden wir irgendwann zu Feinden!”
Die beiden Brüder als Todfeinde, ach wie wundervoll mir dieser Gedanke erscheint.
Raoul wird kreidebleich und wendet sich zum Gehen.
“Was hat sie nur aus Euch gemacht? Einen liebeskranken Narren!”

Kaum hat er den Salon verlassen, da fängt mein Mann zu weinen an. Ich nehme ihn in den Arm und tröste ihn, während ich innerlich jubiliere.
“Es tut mir so leid, Liebling, das ist doch alles nur wegen mir!”; breche ich schließlich das Schweigen, “ich frage mich warum sie mich so verabscheuen. Was mache ich denn falsch?”
“Ihr macht gar nichts falsch, Anne, sie sind es, die sich Euch gegenüber falsch verhalten. Ich hoffe wirklich, dass sie irgendwann erkennen, wie Ihr wirklich seid. Ach mich macht es traurig wie sie Euch behandeln.”
Ich bin an diesem Abend sehr zufrieden. Olivier ist mir völlig hörig und wenn ich so weitermache, wird er seinen Vater und Raoul wirklich bald als seine Feinde betrachten.
Wenig später sitzen wir am Kamin, trinken Wein und füttern uns gegenseitig mit Käse und kandierten Früchten. Während ich Olivier küsse und mich an ihn schmiege, denke ich an Georges. Er ist ein guter Liebhaber, etwas feuriger als mein Mann, aber nicht so schön wie er.

Ein Mann mit Georges Feurigkeit, Oliviers gutem Aussehen und einem Herzogstitel..ja, ich glaube das wäre die ideale Partie für mich. Ich bin sicher, dass ich in Paris einen Mann finden werde, der alle diese Anforderungen erfüllt.
Als es draußen wieder zu schneien beginnt, ziehen wir unsere Mäntel an und liefern uns draußen eine wilde Schneeballschlacht. Danach setzen wir uns wieder vor den Kamin und lassen uns von Grimaud heißen Würzwein bringen.
Später liegen wir, nachdem wir miteinander geschlafen haben, eng aneinandergeschmiegt im Bett und ich male mir aus, wie mein Leben als reiche Witwe aussehen wird. Mein ganzes Leben liegt noch vor mir, und ich weiß, dass mich etwas Bedeutenderes als das langweilige Leben einer Landadeligen erwartet.
Nach Oliviers Tod wird mir die ganze Welt offenstehen. Mit einem seligen Lächeln auf den Lippen schlafe ich schließlich ein.

17. Neubeginn

Diese Geschichte habe ich zusammen mit Kaloubet geschrieben, sie hat Athos geschrieben, und ich Raoul, Mary haben wir abwechselnd geschrieben.

Mary Grafftons Gut Blackmores Manor, 24. Dezember 1661

Während der gesamten Reise nach England hatte Raoul darüber nachgedacht, wieso Mary Graffton ihn und seinen Vater über die Feiertage auf ihr Landgut eingeladen hatte. Wäre es nicht doch besser gewesen, auf Bragelonne zu bleiben und ihren Brief einfach zu vergessen?
Während ihrer gemeinsamen Zeit in Hampton Court hatte sie ihm erzählt, dass sie Weihnachten, Ostern und andere Feiertage seit dem Tod ihres verwitweten Vaters vor zwei  Jahren immer mit der königlichen Familie und dem Hofstaat auf Windsor Castle verbrachte. Was hatte sie dazu bewogen, sich auf ihr Gut zurückzuziehen?
Eine Allee winterkahler Linden säumte zu beiden Seiten den Weg, der zu dem aus grauem Sandstein erbauten Gutshof führte.
Nun, da sie ihr Ziel fast erreicht hatten, wurde Raoul nervös. Gleich würde er Mary wiedersehen und er wusste noch nicht so recht, wie er sich ihr gegenüber verhalten sollte. Sein Herz gehörte, trotz allem was in den letzten Wochen geschehen war, noch immer Louise. Doch warum musste er dann so oft an Mary denken, seit ihr Brief auf Bragelonne eingetroffen war? Auf einer Anhöhe, von der aus man die Allee und Marys Gut sehen konnte, brachte der Vicomte sein Pferd zum Stehen und blickte zu seinem Vater hinüber, der neben ihm ritt.
“Wisst Ihr, Vater, ich frage mich gerade, warum Mary uns hierher eingeladen hat, ihr Brief gibt mir wirklich Rätsel auf. Sie hat geschrieben, dass sie mir zum Fest etwas ganz Besonderes schenken möchte, und ich frage mich was das sein könnte. Irgendwie bin ich mir nicht sicher, ob es richtig war, diese Einladung anzunehmen.”
Wollte sie ihm womöglich den königlichen Diamanten, den er ihr damals überlassen hatte, zurückgeben? Aber er hatte ihr doch gesagt, dass sie das Schmuckstück behalten könnte, falls er Louise nicht heiratete.
Irgendwie hatte er das Gefühl, dass in diesem Brief noch irgendetwas zwischen den Zeilen stand, etwas das er einfach nicht richtig deuten konnte.

Athos blickte gedankenverloren zu dem kleinen Gut, das vor ihnen lag. Es erinnerte ihn ein wenig an sein eigenes Anwesen, flankierten es doch auch zwei kleine Türme, außerdem war es von der Größe her recht ähnlich. Es lag in einer Senke, die im Sommer grün und grasbewachsen sein mochte, heute jedoch tief verschneit vor ihnen lag, auf beiden Seiten von Wald umrahmt. Die Einladung Marys war hatte die Monotonie ihres zurückgezogenen Lebens derart unerwartet unterbrochen, dass er immer noch Mühe hatte zu glauben, dass sie sich nun wirklich in England befanden, dass Raoul wirklich in diese Reise eingewilligt hatte, er, der sich in der letzten Zeit ganz seiner Trauer um Louise hingegeben hatte. Athos kam sich vor wie ein Blinder, den man auf einen unbekannten Weg geschickt hatte, tastend, wankend, unsicher. Vielleicht, vielleicht bestand ja ein ganz klein wenig Hoffnung. Doch er verbot seinem Herz auch den kleinsten Gedanken daran, er wusste, die Enttäuschung wäre zu groß - würde dieser Lichtblick sich auch zerschlagen, würde das Nichts, aus dem seine Zukunft bestand, ihn zerbrechen. Deswegen gab er sich scheinbar gleichgültig, als er nun seinem Sohn antwortete:

„ Wir werden sehen, Raoul. Es wird ganz bestimmt eine gewisse Wichtigkeit haben, sonst hätte sie uns nicht hierher gebeten. Die beste Möglichkeit, um das herauszufinden, wird sein, dort hinunter zu reiten.“

Raul seufzte leise und blickte auf die lange Lindenallee.
“Ihr habt wohl Recht, Vater, sie wird uns nicht ohne Grund einladen. Ich habe jedoch Angst, dass Mary enttäuscht sein wird, denn ich weiß, dass sie etwas für mich empfindet. Ich möchte nicht, dass sie wegen mir leiden muss ...”
Er erinnerte sich noch genau an diesen Blick, mit dem Mary ihn immer angeschaut hatte ... den Blick einer Verliebten. Auch er empfand etwas für sie, aber in seinem Herzen hatte noch immer Louise einen besonderen Platz, den seiner Meinung nach niemand anderes einnehmen durfte.
Er trieb sein Pferd wieder an, um mit seinem Vater zu dem Gut zu reiten. An einem großen Tor läuteten sie, woraufhin ein Diener erschien, der ihnen öffnete und sie zu Mary brachte, während ihre Pferde von zwei Stallburschen weggebracht wurden. Raoul atmete noch einmal tief durch und raunte seinem Vater leise zu:
“Wie seltsam ... ich freue mich wirklich darauf Mary zu sehen, es ist das erste Mal seit Wochen, dass ich wieder Freude empfinden kann.”

Der Diener führte sie in das Gutshaus hinein, durch eine große Halle in einen kleinen, elegant eingerichteten Salon, in dessen großen Kamin ein Feuer gemächlich vor sich hin flackerte.
Mary saß auf einem mit blauem Samt bezogenen Sessel am Kamin. Als sie ihre beiden Gäste sah, stand sie auf und kam ihnen lächelnd entgegen.
“Ich freue mich sehr, dass Ihr gekommen seid”, begrüßte sie die beiden mit leuchtenden Augen, “ich hoffe ihr hattet trotz der im Winter stürmischen See eine gute Reise.”
Zuerst gab sie Raouls Vater die Hand und meinte freundlich:
“Es freut mich, Euch kennenzulernen, Monsieur, Raoul hatte mir schon viel von Euch erzählt. Ihr könnt ruhig Euren Mantel schon einmal ablegen. Der Tisch ist schon gedeckt und vor dem Essen lasse ich noch Tee und Gebäck servieren.”
Dann schüttelte sie dem Vicomte die Hand und blickte ihm tief in die Augen, wobei sie verträumt lächelte.
“Wie schön, dass Ihr gekommen seid, Raoul. Ich hoffe, dass wir eine genauso schöne Zeit haben werden wie damals in Hampton Court.”
Dieses Leuchten in ihren Augen ... es war der Blick einer Verliebten, das erkannte Raoul sofort. Und er hatte große Angst davor, Mary womöglich enttäuschen zu müssen.
“Ich freue mich auch, Euch wiederzusehen, Mary. Und ich hoffe auch, dass es ein schönes Fest wird.”
Wenn er in ihre Augen blickte, spürte er ein unbeschreibliches Kribbeln in der Magengegend und sein Herz schlug schneller, genau so hatte er sich früher immer gefühlt wenn er Louise gesehen hatte.
Nein, ich liebe Mary nicht, ich habe mir geschworen, ein Leben lang nur Louise zu lieben, sagte er sich immer wieder. Und ein Edelmann musste seine Schwüre immer ernst nehmen, das hatte er von klein auf von seinem Vater gelernt. Und er war davon überzeugt, Louise noch immer zu lieben.

Athos sah von seinem Sohn zu dieser Frau, der er heute zum ersten Mal begegnete, und hatte das seltsame Gefühl, hier völlig überflüssig zu sein. Irgendetwas war zwischen den beiden vorgefallen, die Blicke, mit denen sie sich betrachteten, sprachen Bände, nur war er sich noch nicht sicher, ob Raoul Mary dasselbe Wohlwollen entgegenbrachte, wie sie ihm. Denn eines war sicher, Raoul war dazu erzogen worden, höflich und zuvorkommend zu sein, und seine Jahre am Königshof hatten seine Allüren derart verfeinert, dass selbst sein Vater nicht mehr als Freundlichkeit in seinen Zügen lesen konnte, wenn er seine wahren Gefühle verschleiern wollte.

Doch die Dame des Hauses forderte sie beide gerade auf, Platz zu nehmen, und Athos legte gehorsam seinen Mantel in die Hände des Dieners und kam der Aufforderung nach. Während Mary mit Raoul angeregt Erinnerungen an Hampton Court austauschte – der Brunnen mit den Bronzestatuen, die kleinen Separées im Garten, die Leichtigkeit der Gesellschaft dort – ließ er seinen Blick durch den Raum wandern.  Er war elegant und sehr weiblich eingerichtet, mit blütenbestickten Tischtüchern und feinen Vorhängen, mehrere Kerzen verbreiteten ein warmes Licht und Athos fühlte sich unwillkürlich an die Räume von Marie de Chevreuse erinnert, auch sie hatte gewusst, einem Zimmer diese leichte, feine Eleganz zu geben. Sein Blick kehrte diskret zu der Herrin dieser Räume zurück, sie war eine schöne Frau und hatte etwas an sich, das Athos berührte, ohne dass er hätte sagen können, was es war. Etwas Weiches, Warmes, Mütterliches, doch gepaart mit Eleganz und Selbstbewusstsein. Auch die Blicke, die sie seinem Sohn zuwarf, waren seltsam zweischneidig, es lag Liebe in ihnen, aber auch eine Art von Frage, als ob sie sich nicht sicher sei, ja als ob sie sich vergewissern müsse, dass Raoul ihren Ansprüchen genüge. Er ertappte sich bei dem Gedanken, dass ihm Mary gefiel, ja, dass die Vorstellung, sie als Schwiegertochter zu akzeptieren durchaus einen gewissen Reiz hatte, denn vor ihnen saß eine Frau, die nicht nur schön, klug und von hoher Geburt war,  sondern die auch wusste, was sie wollte, sonst hätte sie sie kaum derart dezidiert hierher eingeladen. Wenn jemand seinen Sohn von seinem selbstgewählten Weg in den Abgrund abbringen konnte, dann war es eine solche Frau. Er schüttelte leise über sich selbst den Kopf, in welch abwegige Betrachtungen verlor er sich denn da?

„Monsieur le comte“, sagte da eine Stimme und als er aufsah, blickte er in die braunen Augen von Miss Graffton, die ihn amüsiert musterten. Er errötete leicht und fühlte sich ein wenig durchschaut. „Madame?“, entgegnete er.

„Entschuldigt doch unsere Unverschämtheit“, fuhr sie fort, „wir schwelgen in Erinnerungen und Ihr langweilt Euch, verzeiht.“

„Nicht doch, ma chère. Es ist das Vorrecht der Jugend auf kurzweilige Ereignisse zurückzublicken und das Vorrecht des Alters, unangenehme Erlebnisse zu vergessen und einfach nur einen weichen Sessel und ein warmes Zimmer zu genießen.“

„Ihr macht Euch älter, als Ihr seid“, erwiderte sie lächelnd, „ich bin mir sicher, es mangelt Euch nicht an kurzweiligen Erinnerungen. Doch nun lasst Euch Eure Räume zeigen, Ihr werdet Euch ein wenig erfrischen wollen.“

Raoul fühlte sich noch immer hin und hergerissen. So sehr er die angeregte Unterhaltung mit Mary auch genoss, so war er nicht ganz sicher, was er denn nun eigentlich für sie empfand.

Bei Hofe hatte er gelernt, seine wahren Gefühle hinter einer freundlichen, neutralen Miene zu verschleiern, hinter die niemand blicken konnte. Genau das tat er im Moment auch, ohne dass es ihm bewusst war. Es war ihm in seinen Jahren in Paris in Fleisch und Blut übergegangen. Eine ganze Weile vergaß er alles um sich herum und schwelgte mit ihr in Erinnerungen an die Zeit in Hampton Court. Doch sein Gewissen quälte ihn, weil er damals bei ihr Trost gesucht, mit ihr mehrere Nächte verbracht hatte. Hatte er ihr damit nicht falsche Hoffnungen gemacht?

Einen Moment lang ertappte er sich tatsächlich dabei, wie er sich vorstellte, mit ihr gemeinsam sein Leben zu verbringen, doch dann sagte er sich, dass sein Herz trotz allem was geschehen war, noch immer Louise gehören musste, weil er es ihr doch einst geschworen hatte.

Er war innerlich so aufgewühlt, dass er keinen einzigen Bissen von den Keksen die ein Diener aufgetragen hatte, hinunterbekam und nur ein paar kleine Schlucke Tee trank. Marys Blick war nicht nur verliebt, sondern es schien auch eine Art Frage darin zu liegen…womöglich erwartete sie, noch heute Abend zu erfahren, wie er zu ihr stand.

 

Und ihm fiel auf, dass sie sich seit dem Frühling verändert hatte, sie wirkte jetzt nicht mehr so mädchenhaft verträumt wie früher, sondern wie eine selbstbewusste junge Frau, die genau wusste was sie wollte. Wie schön sie doch war…sie erschien ihm jetzt sogar noch schöner als damals. Wie hatte sie sich in dieser kurzen Zeit nur so verändern können?

“Werdet Ihr eigentlich nach den Feiertagen wieder an den Hof zurückkehren?”, fragte er sie schließlich.

“Nein, Raoul, ich werde nicht mehr dorthin zurückgehen”; erklärte sie ihm, während sie ihm tief in die Augen blickte, „das Leben bei Hofe hat mir nie wirklich zugesagt und ich habe mich entschlossen, in Zukunft hier auf Blackmores Manor zu bleiben. Meine Eltern haben mir dreihunderttausend Franken Rente hinterlassen, und vielleicht werde ich irgendwann auch nach Frankreich übersiedeln. Meine Mutter war Französin, und irgendwie habe ich mich in Frankreich immer heimischer gefühlt als in England.”

Raoul wusste, dass sie bis zum sechsten Lebensjahr auf einem Gut bei Avignon aufgewachsen, aber nach dem Tod der Mutter mit dem Vater zurück nach England gegangen war, sich jedoch nie als richtige Engländerin gefühlt hatte.

“Ich schätze das Leben bei Hofe auch nicht sonderlich”,  erwiderte er lächelnd, „ich ziehe auch ein ruhiges Leben auf Bragelonne dem höfischen Geplänkel vor. Wenn Ihr möchtet, und wenn mein Vater nichts dagegen hat, könnt Ihr uns im nächsten Jahr besuchen.”

“Ja, ich werde Euch gerne auf Bragelonne besuchen”, erwiderte sie und lächelte versonnen, „aber jetzt freue ich mich erst einmal darauf, die Feiertage mit Euch und Eurem Vater zu verbringen. Ich bin sicher, dass es ein ganz besonderes Fest werden wird.”

Dann wandte sie sich wieder seinem Vater zu, und er musste schmunzeln, als er sah wie der Comte leicht errötete. Die einzige Frau, bei der er seinen Vater jemals hatte rot werden sehen, war die Herzogin von Chevreuse gewesen. Er hatte den Eindruck, dass sein Vater Mary sympathisch fand, und wunderte sich, wieso er sich darüber so freute. Louise gegenüber war er stets ein wenig kühl gewesen, ja manchmal beinahe abweisend.

Nun führte Mary ihn und seinen Vater ins obere Stockwerk, um ihnen ihre Räume zu zeigen. Sie brachte sie zu einem Zimmer am Ende des langen Flurs und öffnete die Tür.

“Dieses Zimmer ist für Euch, Comte, hier habt Ihr einen schönen Blick auf die Lindenallee und die umliegenden Wiesen. Und ich habe einen meiner Diener angewiesen, Euch heute Abend den Kamin anzuzünden. Ich hoffe, das Zimmer trifft Euren Geschmack.”

Der Raum war geschmackvoll eingerichtet und neben einem großen Bett mit blauen Samtvorhängen gab es dort auch noch eine Sitzecke am Fenster und an den Wänden hingen Gemälde englischer Landschaften. Dann ging sie ein paar Türen weiter und zeigte Raoul sein Gemach. Es war ähnlich eingerichtet wie das seines Vaters und vom Fenster konnte man den weitläufigen Garten hinter dem Gutshaus sehen.

“Gefällt Euch das Zimmer, Raoul?”, fragte sie ihn lächelnd.

Dass es direkt neben ihrem eigenen lag, erwähnte sie erst einmal nicht, weil sie ihn zu nichts drängen wollte. “Es ist wirklich schön, Mary”, antwortete er und blickte ihr tief in die Augen, “ich glaube, dass ich mich hier sehr wohlfühlen werde.”

Der Blick aus dem Fenster war wirklich sehr schön, aber Athos widmete ihm nicht die Aufmerksamkeit, die er verdient hätte. Außerdem wurde es allmählich dunkel, hätte ein aufmerksamer Beobachter aus dem Fenster gesehen, hätte er die Lindenbäume bald nur noch als Silhouetten erkannt. Der Comte jedoch öffnete den Mantelsack, den ein umsichtiger Diener bereits auf das Zimmer gebracht hatte, und zog ein frisches weißes, Hemd hervor. Er wusste nicht, was sie heute Abend erwartete, aber er hatte ein seltsames Gefühl, ganz so, als ob mehr hinter dieser Einladung steckte als Mary zugeben wollte. Immerhin hatte er der Tatsache Beachtung geschenkt, dass es Heilig Abend war und Grimaud angewiesen, ihm angemessene Kleidung einzupacken – sollte der Anlass ein wichtiger sein, wäre er zumindest korrekt angezogen. Was mochte wohl zwischen Mary und seinem Sohn vorgefallen sein? Raoul war gelöst wie lange nicht mehr, er lächelte, ja zuweilen hatte Athos sogar den Eindruck gehabt, er mache der Hausherrin den Hof – war das möglich? Konnte er Louise tatsächlich vergessen, und wenn es nur für einen Abend war? Nichts hätte sich der Comte mehr gewünscht und er gab sich zu, dass er bereit war, dafür Eingeständnisse zu machen, die ihm früher nicht in den Sinn gekommen wären.

Er griff zu der Karaffe mit warmem Wasser und goss ein wenig in das danebenstehende Bassin. Die Seife roch gut, nach Lavendel, und er merkte, wie er sich an diesen kleinen Dingen freute, an diesen kleinen Nebensächlichkeiten, die ihm in der letzten Zeit so schrecklich gleichgültig gewesen waren, weil nichts zählte, außer Raouls Trauer. Er hatte das Gefühl, das Eis, in das er eingesponnen war, bekäme leichte Risse, doch noch war es zu früh, um zu hoffen. Dennoch, dieses Haus, die warme Atmosphäre, die hier herrschte, das Lächeln auf dem Gesicht seines Sohnes taten ihm unendlich gut. Doch was mochte Mary nur vorhaben? Zwischen den beiden musste etwas gewesen sein, sie schienen sich nahe gekommen zu sein, und Athos erlaubte seinen Gedanken einen Moment lang zu schweifen, sich Mary anstelle von Louise vorzustellen. Mein Gott, könnte es doch nur sein. Selbst ein Dienstmädchen wäre ihm inzwischen willkommen, wenn es nur Raoul von diesem selbstzerstörerischen Schmerz befreien könnte, der ihm das Leben in den letzten Monaten zur Hölle gemacht hatte. Über all die Grübeleien hatte er sich inzwischen angezogen und musterte sich in dem großen Spiegel, der neben der Tür angebracht war. Sein schwarzes Wams und die gleichfarbene Hose waren mit silbernen Broderien verziert, der Spitzenkragen seines Hemdes fiel elegant auf seine Schultern und wären da nicht die zwar vollen, aber fast weißen, nur noch wenig mit schwarzen Strähnen durchzogenen Haare gewesen, so hätte ihm niemand sein Alter angesehen. Er zuckte über sich selbst die Schultern, anscheinend heilte das Alter nicht die Eitelkeit, Porthos wäre stolz auf ihn gewesen. Dann öffnete er die Tür und ging nach unten, wo Raoul und Mary zu seinem Erstaunen schon wieder in regem Gespräch beisammen saßen. Sein Sohn hatte sich nicht lange mit seiner Toilette aufgehalten, doch er sah gut aus, er hatte genauso viel Wert auf seine Kleidung gelegt, wie sein Vater.

**

Raoul hatte große Sorgfalt auf sein Äußeres gelegt, sich aber beeilt, um schnell wieder bei Mary sein zu können. Bevor er hinunterging, betrachtete er sich ausgiebig im Spiegel und kämmte sorgfältig sein langes schwarzes Haar. Er hatte sein bestes bordeauxrotes Wams, sein schönstes weißes Seidenhemd und dazu eine schwarze Samthose angezogen. Während er sich für den Abend zurechtmachte, ging ihm so vieles durch den Kopf. Er war sich seiner Gefühle für Mary noch immer nicht sicher, aber allmählich musste er sich eingestehen, dass der Gedanke an Louise und der Kummer, den er wegen ihr empfunden hatte, ihm nur noch wie ein ferner Traum erschien. Wenn er jedoch an Mary dachte, begann sein Herz heftig zu pochen und er sehnte sich danach in ihrer Nähe zu sein. Er hatte dem Herzog von Beaufort angekündigt, mit ihm zu Beginn des neuen Jahres nach Algerien zu gehen, doch nun begann er an dieser Entscheidung zu zweifeln. Nein, er konnte sich nicht mehr vorstellen, wegen Louise sein Leben zu beenden. Zum ersten Mal seit Monaten konnte er wieder Freude empfinden und es fühlte sich wirklich gut an.

Nachdem er sich zurechtgemacht hatte, ging er zurück zu Mary. Als sie ihn sah, lächelte sie und blickte ihm tief in die Augen. “Wollt Ihr ein Glas Bordeaux, Raoul? Wir können uns ja an den Kamin setzen.” - “Gerne, Bordeaux ist einer meiner Lieblingsweine”; erwiderte er und schaute ihr tief in die Augen, wobei er wieder dieses unbeschreibliche Kribbeln in seiner Magengegend spürte. Schmetterlinge im Bauch ... ein Gefühl, das bis dahin nur Louise bei ihm ausgelöst hatte. Kurz darauf saßen sie in angeregter Unterhaltung beisammen und er dachte gar nicht mehr an Louise.

“Sagt, Raoul, was ist eigentlich aus dieser Louise geworden? Empfindet Ihr noch etwas für sie?”
Er war sehr überrascht, dass sie ihn so ohne Umschweife direkt darauf ansprach.
“Sie ist jetzt die erste Mätresse des Königs. Ich habe sie seitdem nicht mehr gesehen. Ich habe jetzt beschlossen, dieses Kapitel meines Lebens abzuschließen und habe endlich das Gefühl, wieder Freude am Leben zu haben.” Ja, er meinte seine Worte ernst ... konnte es sein, dass er schon länger nichts mehr für Louise empfand und es einfach nicht hatte wahrhaben wollen?
“Ich denke auch, dass es gut für Euch ist damit abzuschließen. Das Leben wird bald für Euch etwas völlig Neues bereithalten ... etwas Wunderbares”; erwiderte sie und lächelte vielsagend.
Er fragte sich, was sie damit meinen könnte, doch als er sie gerade darauf ansprechen wollte, kam sein Vater herunter.

An diesem Abend sah er trotz des fast ergrauten Haares jünger aus als zweiundsechzig, und zum ersten Mal seit Monaten war seine Miene nicht von Sorge und Kümmernis überschattet.

Ob er wohl bereits ahnt, was ich für Mary empfinde?, fragte sich der Vicomte. Erst jetzt wurde ihm klar, was er seinem Vater mit seinem Entschluss, nach Afrika zu gehen, angetan hatte. Indem er sich in seinen Schmerz, seine Liebe zu Louise hineingesteigert hatte, hatte er nicht nur sein eigenes, sondern auch das Leben des Comte überschattet.

Mary stand auf, als sie Raouls Vater bemerkte. „Ich hoffe, alles ist zu Eurer Convenance?“

„Es ist perfekt, wie Euer Empfang, wie Eure Gentillesse.“, entgegnete Athos.

Mary errötete ein wenig, doch das Kompliment erfreute sie. „Nun“, sagte sie dann, „bitte ich Euch zu Tisch, Ihr müsst hungrig sein.“ Sie stand mit einer eleganten Bewegung auf und ging ihren Gästen voran in Speisezimmer, das, festlich geschmückt, in nichts der Eleganz des Salons nachstand.

Athos blieb am Tisch stehen und betrachtete die vor ihnen ausgebreitete Opulenz. „Madame“, sagte er nachdenklich, „mir will scheinen, Ihr ludet uns zu mehr als einem einfachen Weihnachtsmahl und ich bin äußerst neugierig, den Grund für unsere Anwesenheit hier zu erfahren.“

Auch Raoul spürte eine seltsame Anspannung, wie sein Vater hatte auch er das Gefühl, dass ihn an diesem Abend etwas Besonderes erwartete. Mary wirkte nun doch etwas nervös, aber sie bemühte sich die Ruhe zu bewahren.

„Es gibt in der Tat einen triftigen Grund für meine Einladung, Comte. Ich habe ein besonderes Geschenk für Euren Sohn und auch für Euch, und ich werde es jetzt holen, damit Ihr wisst, warum ich Euch hierhergebeten habe.” Mit diesen Worten verließ sie den Raum und Raoul und Athos warteten gespannt.
“Ach Vater, ich frage mich wirklich, was für eine Überraschung sie wohl für mich und für Euch haben könnte. Es muss etwas sehr Wichtiges sein, etwas das ihr viel bedeutet. Und…wisst Ihr, ich glaube ich würde mich über jedes Geschenk von ihr freuen. Ich ...ich ...ach Vater, ich liebe sie…das ist mir jetzt klar geworden. Ich habe das nur nicht erkannt, weil ich wie besessen von Louise gewesen bin.”

Athos sah seinen Sohn überaus überrascht an, ein solches Geständnis hatte er nicht erwartet, doch noch bevor er antworten konnte, kam Mary zurück, einen großen Korb in den Händen haltend. Als sie hereinkam, konnten sie nicht sehen was in dem Korb war, sie hörten nur ein leises, maunzendes Geräusch. Wollte sie ihnen womöglich eine Katze schenken?

Dann, als sie näherkam, und den Korb vor ihm auf den Tisch stellte, erkannte Raoul, dass ein Säugling darin lag, höchstens zwei Wochen alt. Ein wunderschönes Kind mit dunklem Haarflaum. Es hatte die Augen geöffnet und Raul blickte in ein kleines, braunes Augenpaar, das seinen eigenen und denen seines Vaters auffallend glich. Der Säugling gab glucksende Laute von sich und streckte seine kleinen Händchen in die Luft.

Raul war so tief berührt, dass ihm Tränen über die Wangen liefen. Zunächst war er unfähig zu reagieren. Er konnte nicht fassen, dass er jetzt wirklich Vater war, dass Mary ihm dieses wundervolle kleine Wesen geschenkt hatte.

Mary blickte angespannt auf den Vicomte, sie befürchtete, dass er das Kind womöglich nicht wollte.
Doch dann streckte Raoul seine Hand aus, berührte ganz behutsam die Wange des Neugeborenen und lächelte. Eine ganze Weile sagte er nichts und betrachtete fasziniert und tief berührt sein Kind.
“Ich danke Euch Mary ... Ihr ... Ihr habt mir das schönste Geschenk gemacht, das eine Frau einem Mann machen kann”, stammelte er schließlich, noch immer völlig überwältigt. Mary war erleichtert, denn sie hatte befürchtet, dass Raul sein Kind ablehnen würde. Doch wie würde der Comte reagieren? Dieses kleine, zarte Gesichtchen, noch so unschuldig, so schön, so rein…der Vicomte konnte den Blick gar nicht mehr von dem Säugling wenden. Dann blickte er lächelnd zu seinem Vater hinüber.
“Jetzt bin ich Vater ... ist das nicht merkwürdig? Ich kann es gar nicht fassen, dass das mein Kind ist.
Vielleicht ist das ja nur ein schöner Traum und ich wache gleich auf.”
Liebevoll strich er dem kleinen Wesen über den dunklen Schopf. Der Kummer, der die letzten Monate überschattet hatte, erschien ihm nun seltsam unwirklich. Nun waren in seinem Herzen nicht mehr Schmerz und Trauer, sondern sein Kind…und, er war sich dessen mittlerweile sicher ...auch Mary.

Verblüfft, erschüttert, perplex starrte Athos von dieser Frau, die er heute zum ersten Mal sah und die ihm hier sein Enkelkind präsentierte, zu Raoul, der von seinen Gefühlen überwältigt schien. Dann blickte er auf dieses kleine, wunderbare Wesen, das ihn so sehr an Raoul erinnerte, nur dass sein Sohn damals schon etwas älter gewesen war. Doch die Ähnlichkeit war unverkennbar und Athos zweifelte keine Sekunde daran, dass das Kleine wirklich Raouls Sprössling war. Er hob den Blick und sah direkt in die Augen von Mary, sie schien den Atem anzuhalten, und ihm wurde bewusst, dass die Eltern des Kindes auf seine Reaktion warteten. „Mon Dieu!“, stammelte er und sein Mund war trocken. „Ich glaube, ich brauche einen Branntwein!“

Zwischen den Brauen seines Sohnes erschien eine kleine, steile Falte und er beeilte sich fortzufahren: „Nein! Keinen Branntwein, Champagner. Madame, habt Ihr so etwas im Haus?“ Sie nickte und machte einem Diener ein Zeichen, das Gewünschte zu  bringen. Athos war inzwischen an das Körbchen getreten und betrachtete  das Kind, fuhr ihm dann leicht über die samtige Wange. Mein Gott, wie klein es war. Er blickte zu Mary: „Verzeiht, aber habe ich nun einen Enkelsohn oder eine Enkeltochter?“

Ihr Gesicht erhellte sich in einem erleichterten Lächeln und sie trat neben ihn. „Einen Enkelsohn, monsieur le comte.“ Sie beugte sich vor, hob das Kind sachte hoch und streckte es Athos hin. „Oh“, entgegnete dieser, „das ist lange her.“ Er nahm den Kleinen vorsichtig, überrascht, wie schwer er war, während sich gleichzeitig die Erinnerung einstellte: Auch bei Raoul war er überrascht gewesen. Freude durchfloss ihn, wie ihn einst Freude durchflossen hatte, heute war ihm sein Leben und das seines Sohnes wiedergeschenkt worden. Er genoss einen Moment den Geruch des Kindes, diesen unbeschreiblichen, wunderbaren Duft, den nur kleine Kinder an sich haben, dann reichte er es seinem Sohn weiter und musste über dessen ängstliche Mine grinsen. „Nur keine Angst, Raoul, sie sind robuster, als sie aussehen.“ Dann hakte er sich bei Mary unter: „Was meint Ihr, meine liebe Schwiegertochter, wenn wir diesen neuen Erdenbürger, dieses ganz besondere Christkind nun gebührend mit einem Glas Champagner feiern würden?“

„Aber gern, monsieur le comte,“ erwiderte sie. „Wisst Ihr, ich war mir nicht sicher, wie Ihr diese Neuigkeit aufnehmen würdet, noch dazu, wenn ich sie Euch derart … unverblümt präsentierte. Ich haderte lange mit mir, entschied mich aber dann für diesen Weg.“

„Womit Ihr zumindest mich völlig überrumpeltet, ich gebe es zu“, erklärte Athos lächelnd. „Mein Sohn mag etwas geahnt haben, immerhin muss es zu diesem Kind ja auch eine Vorgeschichte gegeben haben, doch ich wusste von nichts.“ Er nahm eine Champagnerflasche, öffnete sie und schenkte den Schaumwein in drei Gläser: „Wisst Ihr“, erklärte er dann, „ich war gefasst darauf, Elend und Trauer zu erleben, doch Ihr führt uns ins Leben zurück, gebt uns Liebe und Hoffnung, das ist, bei Gott, das schönste Geschenk, das mir je an einem Weihnachtsabend gemacht wurde. Dafür, liebe Mary, habt Ihr meinen innigsten Dank.“ Sie tranken sich zu, dann fragte Athos: „Aber sagt, hat dieses Kind schon einen Namen?“

“Ich habe ihn Olivier Robert genannt, nach Euch und nach meinem verstorbenen Vater. Ich dachte mir, dass das auch in Raouls Sinn sein würde, denn er hat mir damals in Hampton Court erzählt, dass er, wenn er eines Tages einen Sohn haben sollte, ihn nach Euch nennen wird.”, entgegnete Mary.

Beide sahen nun Raoul an, der sich an das Gewicht in seinen Armen gewöhnt zu haben schien. Er lächelte sie an: „Vermutlich habt Ihr Recht, Vater, und sie sind robuster als man denkt. Aber es wird eine Weile dauern, bis ich mich daran gewöhnt habe, und ihn nicht mehr wie ein rohes Ei behandele…mit etwas Übung werde ich ihn bald genauso sicher halten wie Ihr.”
Der Säugling lag ganz still und zusammengekauert, er spürte die Körperwärme seines Vaters und ein friedlicher Ausdruck lag auf seinem kleinen Gesichtchen. Raoul wiegte sein kleines Christkind sanft in den Armen hin und her, betrachtete es mit einem Ausdruck inniger Liebe. Zum ersten Mal seit Monaten strahlte er wieder übers ganze Gesicht und seine Augen leuchteten.

“Es freut mich sehr, dass unser kleines Christkind hier Euch und Raoul neuen Lebensmut gegeben hat, Monsieur”; erwiderte Mary tief berührt, ” genauso war es bei mir auch, als ich ihn nach der Geburt zum ersten Mal in den Armen hielt, da waren Kummer und Sorgen, die ich während der Schwangerschaft durchlebte mit einem Mal vergessen. Dieses Weihnachten wird uns wohl allen immer als ein ganz besonderes Fest in Erinnerung bleiben.”
Auch sie hatte die letzten Monate von der Welt abgeschieden auf ihrem Gut gelebt. Als ihre Schwangerschaft sich nicht mehr verbergen ließ, hatte man sie bei Hofe nicht mehr geduldet, denn Hofdamen die guter Hoffnung, aber unverheiratet waren, galten dort als Persona non Grata. Und so hatte sie die letzten fünf Monate sehr einsam auf Blackmores Manor verbringen müssen, ohne zu wissen wie ihre Zukunft aussehen würde. Immer wieder hatte sie sich gefragt, was wohl aus ihrem Kind werden würde, wenn Vater und Großvater es nicht akzeptierten, denn uneheliche Kinder wurden in England gesellschaftlich geächtet. Dass alles so glücklich enden würde, damit hatte sie gar nicht gerechnet, es erschien ihr wie ein Wunder.
Der Comte schenkte ihnen Champagner in drei Gläser ein, und sie stieß gemeinsam mit ihm und Raoul auf den neuen Erdenbürger an.

Schließlich legte der Vicomte den Säugling zurück in den Korb und deckte ihn liebevoll zu.
Wieso hatte er nicht schon vor ein paar Monaten erkannt, was er für Mary empfand? Er hatte sich wohl so sehr in seine vermeintliche Liebe zu Louise verrannt, dass er seine wahren Gefühle nicht erkannte.
“Mary, ich wollte Euch etwas fragen”; meinte er schließlich, nahm ihre Hand und blickte ihr tief in die Augen, “wollt Ihr meine Frau werden?”
“Ja, ich will, Raoul”, erwiderte sie, zog ihn näher zu sich heran und küsste ihn leidenschaftlich.
Als Raoul ihre zarten, weichen Lippen auf den seinen spürte, hatte er das Gefühl auf Wolken zu schweben und sein Herz pochte heftig.
Mary griff in ihre Tasche und holte einen wunderschönen Diamanten heraus, der im Kerzenschein funkelte.
“Wisst Ihr noch, wie Ihr mir auf Hampton Court diesen Diamanten gegeben habt? Damals hätte ich nicht mehr zu hoffen gewagt, dass er eines Tages unser Hochzeitsgeschmeide zieren würde.”
“Ich glaube, ich war schon damals in Euch verliebt, Mary”, gestand er ihr, “aber leider war ich zu töricht um es zu erkennen. Ich bin ja so froh, dass Ihr uns eingeladen habt, sonst hätten wir beide womöglich nie zueinander gefunden, und ich hätte niemals von unserem wundervollen kleinen Christkind erfahren.”

 

18. Porthos und Athos

Kürzlich, als ich wieder einmal in den Musketieren las, kam mir die Idee zu dieser Weihnachtsgeschichte. Im Roman stand ja, dass Porthos am Anfang immer neidisch auf Athos gewesen wäre, und deswegen am Anfang oft ungerecht gegen diesen gewesen war, und da kam mir der Einfall, darüber einmal eine Weihnachtsgeschichte zu schreiben.
Eine kleine Abweichung vom Roman habe ich mir allerdings erlaubt:
Im Roman ist Porthos noch nie bei der Coquenard zu Hause gewesen, ich habe das für meine Geschichte abgeändert, ich hoffe, dass niemand mir diese kleine Abweichung übel nimmt.

24. Dezember 1621

Heute ist Weihnachten und normalerweise sollte das ein Tag der Freude sein. Doch für mich ist heute alles ein einziger Verdruß. Treville hat mich über die Feiertage zum Wachdienst eingeteilt und das auch noch ausgerechnet zusammen mit diesem Athos. Seit fünf Monaten ist er jetzt in Paris und hat in dieser Zeit mit niemandem aus unserer Kompanie Freundschaft geschlossen. Es ist mir ein Rätsel wieso die anderen ihn alle mögen, obwohl er meistens kaum ein Wort spricht.
Seit zwei Stunden steht er mir gegenüber auf seinem Posten vor dem Haupttor des Louvre, ohne in dieser Zeit auch nur einmal mit mir geredet zu haben. Wenn ich mit einem der anderen Kameraden Dienst habe, unterhalten wir uns über alles Mögliche, und dabei vergeht die Zeit wie im Flug. Doch jetzt kriecht sie langsam wie eine Schnecke dahin. Wenn man Athos anspricht antwortet er zwar, verfällt aber hinterher sofort wieder in sein gewohntes Schweigen. Ich frage mich, warum er so wenig mit uns anderen Musketieren spricht. Ich glaube dass er arrogant ist, sich für etwas Besseres hält. Er erzählt nicht viel über sich, wir wissen nur dass er aus dem Berry stammt und vermuten dass er dem Hochadel angehört.

Während ich meinen Gedanken nachhänge, sehe ich zwei gutaussehende junge Hofdamen, die sich in Begleitung zweier Diener, die ihre Einkäufe tragen, dem Tor nähern. Ich zwirbele meinen Schnurrbart zurecht, nehme Haltung an und schenke den beiden Schönen mein einnehmendstes Lächeln. Sie lächeln nun ebenfalls, doch ihr Lächeln gilt nicht mir, ihre Blicke ruhen auf Athos, der mir gegenüber auf der anderen Seite des Tores steht.
Mich beachten sie gar nicht, obwohl ich über meiner Kasacke den prachtvollen neuen Samtmantel trage, den Madame Coquenard mir trotz ihres Geizes geschenkt hat. Dieser Mantel hat mich viele zärtliche Küsse und Liebesschwüre gekostet, ebenso wie der schwarze Hut, der mit einer vergoldeten Pfauenfeder verziert ist.
Athos trägt nur einen schlichten Mantel und einen ebenso schlichten Hut und wirkt dennoch vornehmer als ich. Einer meiner Kameraden hat ihn einmal als vollendeten Edelmann bezeichnet, dessen Adel man selbst dann noch erkennen könnte, wenn er in Lumpen daherkäme.
Ich fühle mich ihm unterlegen und es gefällt mir gar nicht, meinen Rang als vornehmster Musketier an ihn abtreten zu müssen. Bevor er kam blickten die anderen bewundernd zu mir auf, doch jetzt habe ich das Gefühl, dass ihre Bewunderung nur noch ihm gilt.

Ich fasse es nicht…er erwidert das Lächeln der Frauen nicht und blickt nur gleichgültig geradeaus. Wenn wir anderen mit unseren Frauengeschichten prahlen, sitzt er immer ruhig dabei und verzieht keine Miene.
Noch nie hat einer von uns ihn mit einer Frau gesehen. Ist er vielleicht ein Sodomit? Ich beneide ihn darum, dass die meisten Frauen sich von ihm geradezu magisch angezogen fühlen, ohne dass er viel dafür tun muss.
Ich bin froh, als die Glocken von Notre Dame vier Uhr schlagen und mein Dienst zu Ende ist. Nun übernehmen Louis de Bourdain und Philippe de Giouli die Wache und ich freue mich auf ein paar Becher heißen Würzwein und Gänsebraten im Tannenzapfen, wo sich am Heiligen Abend fast alle unverheirateten Soldaten treffen. Bevor ich mich auf den Weg zum Gasthaus mache, gehe ich noch zu Madame Coquenard, die mich zum Nachmittagstee eingeladen hat, weil Ihr Gatte heute den ganzen Mittag lang außer Haus ist.
Der geizige alte Anwalt Ebenezer Coquenard berät seine Klienten sogar an Weihnachten, solange er nur gut daran verdient.
Ich wünsche Athos einen schönen Abend, dann mache ich mich auf den Weg zu Madame. Sie bewirtet mich mit einem dünnen Tee, der mehr nach Wasser als nach Beerenfrüchten schmeckt, und ihrem selbstgebackenen, klebrigen Mandelkuchen. Ihre bewundernden Blicke sind Balsam für meine Seele, und ich denke kaum noch daran, dass die Frauen vor dem Louvre nur Athos Beachtung geschenkt haben. Der kurze Besuch hat sich gelohnt, sie schenkt mir prachtvolle schwarze Lederstiefel, die perfekt zu meinem Mantel und meinem Hut passen werden. Ich ziehe sie gleich an, und Madame schmeichelt mir, dass ich der schönste, eleganteste Edelmann sei, den sie jemals zu Gesicht bekommen hat. Aber würde sie dasselbe auch sagen, wenn Athos jetzt neben mir stünde?

Als ich mich schließlich auf den Weg zum Tannenzapfen mache, ist es längst dunkel geworden und die Straßen sind voller Menschen, die auf dem Weg in die Christmetten sind. Eine junge Frau, deren Wangen von der Kälte gerötet sind, lächelt mich im Vorbeigehen an, ich lächle zurück. Es hat wieder zu schneien begonnen, die Glocken der Kathedrale und mehrerer Kirchen läuten, und aus den Fenstern der Häuser dringt der Duft von Würzwein, Gänsebraten, Fleischpasteten und anderen Köstlichkeiten.
Ich freue mich schon auf den Abend im Gasthaus..ich werde Wein trinken, mir einen knusprigen Gänsebraten schmecken lassen und die anderen werden meine neuen Stiefel bewundern, da außer mir kaum ein Musketier so prachtvolle teure Stiefel besitzt.
Und Athos wird bestimmt nicht dort sein, denn er leistet uns nur selten Gesellschaft und verbringt den Abend wohl wie sonst auch alleine in seiner Wohnung in der Rue Ferrou. Ach, wenn er doch nur wieder dahin zurückgehen würde, wo er hergekommen ist. Er gehört nicht hierher, er ist keiner von uns und wird es auch nie sein.

Als ich das Gasthaus betrete, ist es schon bis fast auf den letzten Platz besetzt, und Stimmengewirr, Gelächter und zotige Gesänge erfüllen den großen Raum. Viele in unserer Kompanie sind ledig und wollen den Abend nicht alleine verbringen.
Ich steuere einen Tisch in einer dunklen Ecke in der Nähe des Kamins an, wo Jaques d´Aillant und Jeannot de Maillot sitzen, Freunde von mir. Fast jeden Abend sitzen wir drei an diesem Tisch bei einem guten Glas Wein zusammen und unterhalten uns oder widmen uns dem Karten-oder Würfelspiel.
Als ich dann sehe dass noch jemand bei ihnen sitzt, verziehe ich missmutig das Gesicht, denn es ist Athos.
Ich frage mich was er hier zu suchen hat, und wieso er ausgerechnet bei meinen Freunden am Tisch sitzt. Ich kann ihn einfach nicht leiden und ich möchte nicht dass er den Abend mit uns verbringt. Was, wenn er mit Jaques und Jeannot Freundschaft schließt? Dann müsste ich seine Anwesenheit ja noch häufiger ertragen, ein Gedanke der mir ganz und gar nicht gefällt.
Allerdings kann ich das nicht sagen, meine Freunde würden es nicht verstehen, sie finden ihn sympathisch, und, was mich besonders ärgert, sie bewundern ihn auch, betrachten ihn, warum auch immer, als eine Art Vorbild. Also reiße ich mich zusammen, grüße alle und setze mich dann dazu.
“Heute spendiere ich Gänsebraten und Würzwein für alle hier am Tisch. Meine Herzogin hat sich mir gegenüber heute nämlich besonders großzügig gezeigt”; verkünde ich und zwirbele wichtigtuerisch meinen Schnurrbart, “und sie hat mir außerdem gesagt, dass ich der eleganteste, schönste Edelmann bin, denn sie jemals kennenlernen durfte, und glaubt mir, sie hatte es schon mit vielen Männern aus dem Hochadel zu tun.”

Ja, dieser Athos soll ruhig sehen, dass er mir meinen Rang als vornehmster Musketier nicht einfach so streitig machen kann, dass es immer noch auch Frauen gibt, die mich bewundern.
“Ich danke Euch für Eure Einladung, Porthos und ich nehme sie gerne an”, meldet sich der sonst so schweigsame Athos zu Wort, “ich werde dann ein anderes Mal für Euch mitbezahlen.”
Ich nicke nur und ärgere mich, denn ich habe nicht vor, noch öfters mit ihm die Abende hier zu verbringen. Hoffentlich kommt er jetzt nicht häufiger hierher.
Wir unterhalten uns über unser Lieblingsthema, die Frauen. Jaques erzählt von der bildschönen Hofdame Juliette de La Bourge, in die er sich unsterblich verliebt hat, und die er gerne eines Tages heiraten würde, und Jeannot, der sich nie für eine Frau entscheiden kann, plaudert mit stolzgeschwellter Brust über seine zahlreichen Affären, bei denen von der Zofe bis zur Herzogin wirklich alles dabei ist. Ich trage meinen Teil dazu bei, indem ich wieder einmal von meiner Herzogin spreche. Dass es sich in Wahrheit um eine alternde Anwaltsgattin handelt, brauchen meine Freunde ja nicht zu wissen.

Athos sitzt die ganze Zeit schweigend dabei und trinkt schon seinen dritten Becher Wein. Frauengeschichten, das scheint also etwas zu sein bei dem er mit mir trotz seiner besonderen Ausstrahlung nicht mithalten kann, und das möchte ich ihm nun auch deutlich machen.
“Wie ist das eigentlich bei Euch, Athos?”; frage ich ihn betont freundlich, “Euch müssten die Comtessas und die Herzoginnen doch reihenweise zu Füßen liegen.”
Irgendwie bin ich mir sicher, dass er zu dem Thema Frauen nichts beitragen kann, und es freut mich ihn endlich einmal übertrumpfen zu können.
Athos sieht mich ganz ruhig an und trinkt gelassen einen Schluck Wein bevor er antwortet.
“Porthos, Euch wird das Leben gewiss eines Tages auch noch lehren, dass Frauen einem Mann nicht nur Freude, sondern auch großes Leid bringen können.”
Mit diesen Worten trinkt er seinen Becher leer und ordert bei der Schankmagd neuen Wein. Die Magd, eine schöne blonde Frau von etwa zwanzig Jahren, bringt den Wein und schenkt Athos ein verführerisches Lächeln. Seine Miene verdüstert sich und in seine Augen tritt ein tief melancholischer Ausdruck. Kaum ist die Magd fort, trinkt er einen Schluck Wein und meint dann leise seufzend:
“Ich kann Euch nur eines raten, Freunde, nehmt euch besonders vor den Blonden in Acht.”

Wenig später bringt dieselbe Magd den Gänsebraten und er blickt zur Seite um ihr nicht in die Augen schauen zu müssen. Ich frage mich, warum er den Frauen gegenüber so negativ eingestellt ist. Steckt dahinter vielleicht eine unglückliche Liebe?
Während Jaques, Jeannot und ich uns den knusprigen Gänsebraten, der mit Rotkohl und Serviettenknödeln serviert wird, schmecken lassen, stochert Athos nur lustlos in seinem Essen herum, leert seinen Becher und ordert sich schließlich weiteren Wein. Wieso ist mir vorher eigentlich noch nie aufgefallen wie melancholisch er wirkt, wie konnte mir diese tiefe Traurigkeit in seinen Augen entgehen? Was für ein Schicksal wohl dahinterstecken mag?
In den nächsten Stunden redet er kaum ein Wort und trinkt noch mehr Wein. Andere würden bei der Menge die er bereits getrunken hat, längst schnarchend unter dem Tisch liegen, doch ihm merkt man kaum etwas an.
Und er scheint noch immer nicht genug zu haben, denn als Jaques und Jeannot sich kurz nach Mitternacht verabschieden, bestellt er sich einen weiteren Becher Wein. Ich überlege ob ich auch gehen soll, entscheide mich aber dann dagegen. Ich kann Athos in diesem Zustand nicht alleine lassen. Noch ist er nicht betrunken, doch er tut alles, um sich genau dahin zu bringen. Und für einen Mann, der nicht mehr Herr seiner Sinne ist, ist es lebensgefährlich, alleine durch die nachts von Dieben und Mördern wimmelnden Gassen nach Hause zu gehen.

So wütend ich auch auf ihn bin, weil er mir bei den anderen Musketieren und den Frauen immer die Schau stiehlt, jetzt tut er mir einfach nur leid und ich möchte ihn nicht alleine lassen.
Ich habe ihn um seine Ausstrahlung beneidet, um den Eindruck, den er bei anderen hinterlässt ohne sich groß anstrengen zu müssen so wie ich. Niemals hätte ich es für möglich gehalten, dass ein Mensch, der eine solch nachhaltige Wirkung auf andere Menschen hat, so unglücklich sein könnte. Nun schäme ich mich für meinen Neid, für den Groll den ich gegen ihn gehegt habe, ohne mir auch nur einmal die Mühe gemacht zu haben, ihn besser kennenzulernen.
Er leert seinen Becher und ordert sofort einen weiteren. Allmählich wird sein Blick glasig und ich befürchte dass er umkippt, wenn er weitertrinkt.
“Meint Ihr nicht, dass es langsam genug ist, Athos? Ihr hattet gewiss schon mehr als drei Flaschen Wein heute Abend.”

“Nein, ich habe noch nicht genug”, erwidert er und blickt mich traurig an, “ich brauche noch viel mehr um den Schmerz zu betäuben. Letztes Jahr war sie noch bei mir und hat mir ewige Liebe geschworen und ich habe geglaubt, ein langes, glückliches Leben vor mir zu haben. Aber sie hat mich getäuscht, meine Liebe zu ihr war eine einzige Schimäre, weiter nichts. Nur der Wein vermag den Schmerz den ich empfinde zu betäuben.”
Er lallt ein wenig und an seinem Blick sehe ich, dass er langsam aber sicher den Zustand völliger Trunkenheit erreicht.
In diesem Moment betrachte ich ihn nicht als Konkurrenten, sondern als einen Menschen der jemanden braucht, der ihm ein wenig Mut zuspricht.
“Wisst Ihr, Athos, auch ich habe unglückliche Liebschaften hinter mir. Wenn man von einer Frau enttäuscht und betrogen wird, hat man das Gefühl, dass die ganze Welt über einem zusammenbricht, aber glaubt mir, das geht wieder vorbei. Irgendwann wird Euch eine andere begegnen, die Euch die Liebe geben kann, nach der Ihr Euch sehnt.”
Er tut mir leid, denn auch ich habe das schon durchmachen müssen, nachdem meine Jugendliebe mir das Herz gebrochen hat, das war auch der Grund, warum ich damals zu den Musketieren ging. Sie hat einen anderen geheiratet, und das nur deswegen, weil mein Vater einen großen Teil unseres Vermögens durch seine Spielsucht verloren hat. Solche Frauen wird es immer geben, und auch genügend Männer die auf sie hereinfallen. Aber die Zeit heilt alle Wunden, auch bei Athos wird das so sein.

“Nein, ich werde nie wieder einer Frau vertrauen können. Anne hat mein Herz auf ewig vergiftet, mir mein Zuhause, meine Zukunft genommen”, erwidert er und wischt sich verstohlen eine Träne von der Wange, “nichts in meinem Leben wird jemals wieder so sein wie es vorher war. Sie hat meinen Glauben an die wahre Liebe zerstört.”
“Irgendwann werdet Ihr wieder lieben können, nämlich dann, wenn Euch die Richtige begegnet, eine Frau, die nicht mit Euren Gefühlen spielen und Euch wahrhaftig lieben wird”, versuche ich ihn aufzumuntern, “Ihr dürft nur die Hoffnung nicht verlieren.”
Er winkt der Schankmagd, ihm einen weiteren Becher Wein zu bringen, dann wendet er sich wieder an mich.
“Hoffnung…das ist doch nur eine leere Phrase, mit der man jene zu trösten versucht, die längst keine Hoffnung mehr haben. Ich werde auf ewig mit dem leben müssen was ich getan habe.”
“Wie meint Ihr das…was habt Ihr getan?”, frage ich, denn ich kann mir nicht vorstellen was er damit meint.
Er geht gar nicht auf meine Frage ein, seufzt stattdessen nur leise und meint dann:
“Ach Porthos, wisst Ihr, ich beneide Euch.”
Verwundert blicke ich ihn an.
“Ihr beneidet mich, Athos? Aber warum denn das?”

“Ich beneide Euch darum, wie Ihr das Leben genießen könnt, ohne von Schuldgefühlen und Trauer gequält zu werden. Und darum, dass Ihr eines Tages gewiss das Glück erleben werdet, dass die Hebamme Euch Euer neugeborenes Kind in die Arme legt. Und dass Ihr als alter Mann, an der Seite Eurer Frau auf einer Bank sitzen und Euren Enkelkindern beim Spielen zusehen werdet. Ich dagegen, ich werde im Alter nur ein einsamer Trunkenbold sein.”
Seine Worte machen mich sehr betroffen, niemals hätte ich gedacht, dass ein Mann wie Athos mich beneiden könnte. Ich war von Anfang an neidisch auf ihn, seitdem er in unsere Garde kam, und dachte mir, dass ich alles dafür geben würde, so sein zu können wie er. Doch nun wird mir klar, dass mein Neid mein Urteilsvermögen so sehr getrübt hat, dass mir nicht einmal aufgefallen ist, dass Athos alles andere als glücklich und zufrieden ist.
“So etwas solltet Ihr nicht sagen. Wenn der Kummer noch so frisch ist wie bei Euch, dann glaubt man nie wieder lieben zu können. Aber eines Tages werdet Ihr es wieder können, da bin ich mir sicher. Und ganz bestimmt werdet Ihr auch irgendwann Kinder haben.”
“Es ist nett von Euch, dass Ihr mir Mut machen wollt, Porthos. Aber in meinem Fall wird es nicht sein wie bei anderen Männern die Liebeskummer hatten. Nie wieder werde ich eine Frau so lieben können wie meine Anne.”

Nein, ich kann ihn jetzt nicht mehr als Konkurrenten betrachten, denn nun würde ich für kein Geld der Welt mehr mit ihm tauschen wollen. Diese verfluchte Eitelkeit, die mich immer dazu treibt so eifersüchtig zu sein…nur weil ich gerne der vornehmste Musketier im ganzen Regiment sein möchte. Mir wird klar, dass ich Athos völlig falsch eingeschätzt habe, dass ich vor lauter Neid nicht gesehen habe, wie schlecht es ihm eigentlich ging. Nur wegen seines Kummers spricht er so wenig und nicht etwa weil er arrogant ist.
Athos könnte einen Freund, der ihm hilft neuen Lebensmut zu fassen und ihm zeigt, dass das Leben auch für ihn noch schöne Seiten haben kann, gut gebrauchen. Ja, wir könnten Freunde werden, ich brauche ihn gar nicht als Konkurrenten zu sehen, da es in ganz Paris mehr als genug Frauen für uns beide gibt.
Statt ihn zu beneiden, werde ich ihn in Zukunft ein wenig unter meine Fittiche nehmen und dafür sorgen, dass er etwas mehr unter die Leute geht und nicht immer nur wie ein Einsiedler in seiner Wohnung in der Rue Ferrou hockt. Vielleicht ergibt sich ja dann für ihn, wenn es ihm etwas besser geht, auch eine neue Damenbekanntschaft. Verehrerinnen werden sich jedenfalls genug finden.
“Kommt, Athos, ich bringe Euch nach Hause”; biete ich ihm an, als das Schankmädchen uns sagt, dass wir jetzt gehen müssen, weil sie schließen.
Er schwankt ein wenig und legt seinen Arm um meine Schultern um nicht hinzufallen. Wahrscheinlich wird er sich morgen gar nicht daran erinnern, mir von seiner unglücklichen Liebe erzählt zu haben. Viel war es ja nicht was er offenbart hat, jedoch genug um zu erahnen, was er gerade durchmacht. Diese Anne, wo auch immer sie jetzt sein mag, hat ihm das Herz gebrochen.
Dieser wortkarge Mann will bestimmt nicht, dass jemand seine Vergangenheit kennt, also ist es vielleicht besser, wenn er morgen nicht mehr weiss, dass er mir gegenüber diese Anne erwähnt hat.
Jetzt schäme ich mich für meinen Neid und den Groll den ich gegen ihn hegte, und ich bin sicher, dass wir Freunde werden und dass auch für ihn wieder bessere Tage kommen.
Und an diesem Heiligen Abend ist mir auch klar geworden, dass ich die Menschen nicht immer nach ihrem Äußeren beurteilen darf und mich bemühen muss, auch das zu sehen was dahinter steckt. Als ich noch auf unserem Gut in der Bretagne lebte, hat meine Mutter immer gesagt, dass meine größte Schwäche die Eitelkeit wäre, und ich glaube sie hatte damit Recht.
Jetzt weiss ich, dass auch Athos, den ich vorher für ach so perfekt hielt, ein Mensch wie jeder andere ist, der auch seine Schwächen und Fehler hat, und genau das ist es, was ihn mir jetzt so sympathisch erscheinen lässt. Ich bin sicher, an diesem Abend in ihm einen neuen Freund gewonnen zu haben.

19. Porthos und Athos

Kürzlich, als ich wieder einmal in den Musketieren las, kam mir die Idee zu dieser Weihnachtsgeschichte. Im Roman stand ja, dass Porthos am Anfang immer neidisch auf Athos gewesen wäre, und deswegen am Anfang oft ungerecht gegen diesen gewesen war, und da kam mir der Einfall, darüber einmal eine Weihnachtsgeschichte zu schreiben.
Eine kleine Abweichung vom Roman habe ich mir allerdings erlaubt:
Im Roman ist Porthos noch nie bei der Coquenard zu Hause gewesen, ich habe das für meine Geschichte abgeändert, ich hoffe, dass niemand mir diese kleine Abweichung übel nimmt. Und auch was das Motto “Einer für alle, alle für einen”, das erst d´Artagnan zum Motto bei den Freunden macht, habe ich mir eine kleine Abweichung erlaubt, so dass Porthos es in meiner Geschichte bereits kennt.

24. Dezember 1621

Heute ist Weihnachten und normalerweise sollte das ein Tag der Freude sein. Doch für mich ist heute alles ein einziger Verdruß. Treville hat mich über die Feiertage zum Wachdienst eingeteilt und das auch noch ausgerechnet zusammen mit diesem Athos. Seit fünf Monaten ist er jetzt in Paris und hat in dieser Zeit mit niemandem aus unserer Kompanie Freundschaft geschlossen. Es ist mir ein Rätsel wieso die anderen ihn alle mögen, obwohl er meistens kaum ein Wort spricht.
Seit zwei Stunden steht er mir gegenüber auf seinem Posten vor dem Haupttor des Louvre, ohne in dieser Zeit auch nur einmal mit mir geredet zu haben. Wenn ich mit einem der anderen Kameraden Dienst habe, unterhalten wir uns über alles Mögliche, und dabei vergeht die Zeit wie im Flug. Doch jetzt kriecht sie langsam wie eine Schnecke dahin. Wenn man Athos anspricht antwortet er zwar, verfällt aber hinterher sofort wieder in sein gewohntes Schweigen. Ich frage mich, warum er so wenig mit uns anderen Musketieren spricht. Ich glaube dass er arrogant ist, sich für etwas Besseres hält. Er erzählt nicht viel über sich, wir wissen nur dass er aus dem Berry stammt und vermuten dass er dem Hochadel angehört.

Während ich meinen Gedanken nachhänge, sehe ich zwei gutaussehende junge Hofdamen, die sich in Begleitung zweier Diener, die ihre Einkäufe tragen, dem Tor nähern. Ich zwirbele meinen Schnurrbart zurecht, nehme Haltung an und schenke den beiden Schönen mein einnehmendstes Lächeln. Sie lächeln nun ebenfalls, doch ihr Lächeln gilt nicht mir, ihre Blicke ruhen auf Athos, der mir gegenüber auf der anderen Seite des Tores steht.
Mich beachten sie gar nicht, obwohl ich über meiner Kasacke den prachtvollen neuen Samtmantel trage, den Madame Coquenard mir trotz ihres Geizes geschenkt hat. Dieser Mantel hat mich viele zärtliche Küsse und Liebesschwüre gekostet, ebenso wie der schwarze Hut, der mit einer vergoldeten Pfauenfeder verziert ist.
Athos trägt nur einen schlichten Mantel und einen ebenso schlichten Hut und wirkt dennoch vornehmer als ich. Einer meiner Kameraden hat ihn einmal als vollendeten Edelmann bezeichnet, dessen Adel man selbst dann noch erkennen könnte, wenn er in Lumpen daherkäme.
Ich fühle mich ihm unterlegen und es gefällt mir gar nicht, meinen Rang als vornehmster Musketier an ihn abtreten zu müssen. Bevor er kam blickten die anderen bewundernd zu mir auf, doch jetzt habe ich das Gefühl, dass ihre Bewunderung nur noch ihm gilt.

Ich fasse es nicht…er erwidert das Lächeln der Frauen nicht und blickt nur gleichgültig geradeaus. Wenn wir anderen mit unseren Frauengeschichten prahlen, sitzt er immer ruhig dabei und verzieht keine Miene.
Noch nie hat einer von uns ihn mit einer Frau gesehen. Ist er vielleicht ein Sodomit? Ich beneide ihn darum, dass die meisten Frauen sich von ihm geradezu magisch angezogen fühlen, ohne dass er viel dafür tun muss.
Ich bin froh, als die Glocken von Notre Dame vier Uhr schlagen und mein Dienst zu Ende ist. Nun übernehmen Louis de Bourdain und Philippe de Giouli die Wache und ich freue mich auf ein paar Becher heißen Würzwein und Gänsebraten im Tannenzapfen, wo sich am Heiligen Abend fast alle unverheirateten Soldaten treffen. Bevor ich mich auf den Weg zum Gasthaus mache, gehe ich noch zu Madame Coquenard, die mich zum Nachmittagstee eingeladen hat, weil Ihr Gatte heute den ganzen Mittag lang außer Haus ist.
Der geizige alte Anwalt Ebenezer Coquenard berät seine Klienten sogar an Weihnachten, solange er nur gut daran verdient.
Ich wünsche Athos einen schönen Abend, dann mache ich mich auf den Weg zu Madame. Sie bewirtet mich mit einem dünnen Tee, der mehr nach Wasser als nach Beerenfrüchten schmeckt, und ihrem selbstgebackenen, klebrigen Mandelkuchen. Ihre bewundernden Blicke sind Balsam für meine Seele, und ich denke kaum noch daran, dass die Frauen vor dem Louvre nur Athos Beachtung geschenkt haben. Der kurze Besuch hat sich gelohnt, sie schenkt mir prachtvolle schwarze Lederstiefel, die perfekt zu meinem Mantel und meinem Hut passen werden. Ich ziehe sie gleich an, und Madame schmeichelt mir, dass ich der schönste, eleganteste Edelmann sei, den sie jemals zu Gesicht bekommen hat. Aber würde sie dasselbe auch sagen, wenn Athos jetzt neben mir stünde?

Als ich mich schließlich auf den Weg zum Tannenzapfen mache, ist es längst dunkel geworden und die Straßen sind voller Menschen, die auf dem Weg in die Christmetten sind. Eine junge Frau, deren Wangen von der Kälte gerötet sind, lächelt mich im Vorbeigehen an, ich lächle zurück. Es hat wieder zu schneien begonnen, die Glocken der Kathedrale und mehrerer Kirchen läuten, und aus den Fenstern der festlich geschmückten Häuser dringt der Duft von Würzwein, Gänsebraten, Fleischpasteten und anderen Köstlichkeiten.
Ich freue mich schon auf den Abend im Gasthaus..ich werde Wein trinken, mir einen knusprigen Gänsebraten schmecken lassen und die anderen werden meine neuen Stiefel bewundern, da außer mir kaum ein Musketier so prachtvolle teure Stiefel besitzt.
Und Athos wird bestimmt nicht dort sein, denn er leistet uns nur selten Gesellschaft und verbringt den Abend wohl wie sonst auch alleine in seiner Wohnung in der Rue Ferrou. Ach, wenn er doch nur wieder dahin zurückgehen würde, wo er hergekommen ist. Er gehört nicht hierher, er ist keiner von uns und wird es auch nie sein.

Als ich das Gasthaus betrete, ist es schon bis fast auf den letzten Platz besetzt, und Stimmengewirr, Gelächter und zotige Gesänge erfüllen den großen Raum. Viele in unserer Kompanie sind ledig und wollen den Abend nicht alleine verbringen.
Ich steuere einen Tisch in einer dunklen Ecke in der Nähe des Kamins an, wo Jaques d´Aillant und Jeannot de Maillot sitzen, Freunde von mir. Fast jeden Abend sitzen wir drei an diesem Tisch bei einem guten Glas Wein zusammen und unterhalten uns oder widmen uns dem Karten-oder Würfelspiel.
Als ich dann sehe dass noch jemand bei ihnen sitzt, verziehe ich missmutig das Gesicht, denn es ist Athos.
Ich frage mich was er hier zu suchen hat, und wieso er ausgerechnet bei meinen Freunden am Tisch sitzt. Ich kann ihn einfach nicht leiden und ich möchte nicht dass er den Abend mit uns verbringt. Was, wenn er mit Jaques und Jeannot Freundschaft schließt? Dann müsste ich seine Anwesenheit ja noch häufiger ertragen, ein Gedanke der mir ganz und gar nicht gefällt.
Allerdings kann ich das nicht sagen, meine Freunde würden es nicht verstehen, sie finden ihn sympathisch, und, was mich besonders ärgert, sie bewundern ihn auch, betrachten ihn, warum auch immer, als eine Art Vorbild. Also reiße ich mich zusammen, grüße alle und setze mich dann dazu.
“Heute spendiere ich Gänsebraten und Würzwein für alle hier am Tisch. Meine Herzogin hat sich mir gegenüber heute nämlich besonders großzügig gezeigt”; verkünde ich und zwirbele wichtigtuerisch meinen Schnurrbart, “und sie hat mir außerdem gesagt, dass ich der eleganteste, schönste Edelmann bin, denn sie jemals kennenlernen durfte, und glaubt mir, sie hatte es schon mit vielen Männern aus dem Hochadel zu tun.”

Ja, dieser Athos soll ruhig sehen, dass er mir meinen Rang als vornehmster Musketier nicht einfach so streitig machen kann, dass es immer noch auch Frauen gibt, die mich bewundern.
“Ich danke Euch für Eure Einladung, Porthos und ich nehme sie gerne an”, meldet sich der sonst so schweigsame Athos zu Wort, “ich werde dann ein anderes Mal für Euch mitbezahlen.”
Ich nicke nur und ärgere mich, denn ich habe nicht vor, noch öfters mit ihm die Abende hier zu verbringen.
Wir unterhalten uns über unser Lieblingsthema, die Frauen. Jaques erzählt von der bildschönen Hofdame Juliette de La Bourge, in die er sich unsterblich verliebt hat, und die er gerne eines Tages heiraten würde, und Jeannot, der sich nie für eine Frau entscheiden kann, plaudert mit stolzgeschwellter Brust über seine zahlreichen Affären, bei denen von der Zofe bis zur Herzogin wirklich alles dabei ist. Ich trage meinen Teil dazu bei, indem ich wieder einmal von meiner Herzogin spreche. Dass es sich in Wahrheit um eine alternde Anwaltsgattin handelt, brauchen meine Freunde ja nicht zu wissen.

Athos sitzt die ganze Zeit schweigend dabei und trinkt schon seinen dritten Becher Wein. Frauengeschichten, das scheint also etwas zu sein bei dem er mit mir trotz seiner besonderen Ausstrahlung nicht mithalten kann, und das möchte ich ihm nun auch deutlich machen.
“Wie ist das eigentlich bei Euch, Athos?”; frage ich ihn betont freundlich, “Euch müssten die Comtessas und die Herzoginnen doch reihenweise zu Füßen liegen.”
Irgendwie bin ich mir sicher, dass er zu dem Thema Frauen nichts beitragen kann, und es freut mich ihn endlich einmal übertrumpfen zu können.
Athos sieht mich ganz ruhig an und trinkt gelassen einen Schluck Wein bevor er antwortet.
“Porthos, Euch wird das Leben gewiss eines Tages auch noch lehren, dass Frauen einem Mann nicht nur Freude, sondern auch großes Leid bringen können.”
Mit diesen Worten trinkt er seinen Becher leer und ordert bei der Schankmagd neuen Wein. Die Magd, eine schöne blonde Frau von etwa zwanzig Jahren, bringt den Wein und schenkt Athos ein verführerisches Lächeln. Seine Miene verdüstert sich und in seine Augen tritt ein tief melancholischer Ausdruck. Kaum ist die Magd fort, trinkt er einen Schluck Wein und meint dann leise seufzend:
“Ich kann Euch nur eines raten, Freunde, nehmt euch besonders vor den Blonden in Acht.”

Wenig später bringt dieselbe Magd den Gänsebraten und er blickt zur Seite um ihr nicht in die Augen schauen zu müssen. Ich frage mich, warum er den Frauen gegenüber so negativ eingestellt ist. Steckt dahinter vielleicht eine unglückliche Liebe?
Während Jaques, Jeannot und ich uns den knusprigen Gänsebraten, der mit Rotkohl und Serviettenknödeln serviert wird, schmecken lassen, stochert Athos nur lustlos in seinem Essen herum, leert seinen Becher und ordert sich schließlich weiteren Wein. Wieso ist mir vorher eigentlich noch nie aufgefallen wie melancholisch er wirkt? War ich etwa so sehr damit beschäftigt, mit ihm zu konkurrieren?
In den nächsten Stunden redet er kaum ein Wort und trinkt noch mehr Wein. Andere würden bei der Menge die er bereits intus hat, längst schnarchend unter dem Tisch liegen, doch ihm merkt man kaum etwas an.
Und er scheint noch immer nicht genug zu haben, denn als Jaques und Jeannot sich kurz nach Mitternacht verabschieden, bestellt er sich einen weiteren Becher Wein. Ich überlege ob ich auch gehen soll, entscheide mich aber dann dagegen. Ich kann Athos in diesem Zustand nicht alleine lassen. Noch ist er nicht betrunken, doch er tut alles, um sich genau dahin zu bringen. Und für einen Mann, der nicht mehr Herr seiner Sinne ist, ist es lebensgefährlich, alleine durch die nachts von Dieben und Mördern wimmelnden Gassen nach Hause zu gehen.

So wütend ich auch auf ihn bin, weil er mir bei den anderen Musketieren und den Frauen immer die Schau stiehlt, jetzt tut er mir einfach nur leid und ich möchte ihn nicht alleine lassen.
Ich habe ihn um seine Ausstrahlung beneidet, um den Eindruck, den er bei anderen hinterlässt ohne sich groß anstrengen zu müssen so wie ich. Niemals hätte ich es für möglich gehalten, dass ein Mensch, der eine solch nachhaltige Wirkung auf andere Menschen hat, so unglücklich sein könnte. Nun schäme ich mich für meinen Neid, für den Groll den ich gegen ihn gehegt habe, ohne mir auch nur einmal die Mühe gemacht zu haben, ihn besser kennenzulernen.
Er leert seinen Becher und ordert sofort einen weiteren. Allmählich wird sein Blick glasig und ich befürchte dass er umkippt, wenn er weitertrinkt.
“Meint Ihr nicht, dass es langsam genug ist, Athos? Ihr hattet gewiss schon mehr als drei Flaschen Wein heute Abend.”

“Nein, ich habe noch nicht genug”, erwidert er und blickt mich traurig an, “ich brauche noch viel mehr um den Schmerz zu betäuben. Letztes Jahr war sie noch bei mir und hat mir ewige Liebe geschworen und ich habe geglaubt, ein langes, glückliches Leben vor mir zu haben. Aber sie hat mich getäuscht, meine Liebe zu ihr war eine einzige Schimäre, weiter nichts. Nur der Wein vermag den Schmerz den ich empfinde zu betäuben.”
Er lallt ein wenig und an seinem Blick sehe ich, dass er langsam aber sicher den Zustand völliger Trunkenheit erreicht.
In diesem Moment betrachte ich ihn nicht als Konkurrenten, sondern als einen Menschen der jemanden braucht, der ihm ein wenig Mut zuspricht.
“Wisst Ihr, Athos, auch ich habe unglückliche Liebschaften hinter mir. Wenn man von einer Frau enttäuscht und betrogen wird, hat man das Gefühl, dass die ganze Welt über einem zusammenbricht, aber glaubt mir, das geht wieder vorbei. Irgendwann wird Euch eine andere begegnen, die Euch die Liebe geben kann, nach der Ihr Euch sehnt.”
Er tut mir leid, denn auch ich habe das schon durchmachen müssen, nachdem meine Jugendliebe mir das Herz gebrochen hat, das war auch der Grund, warum ich damals zu den Musketieren ging. Sie hat einen anderen geheiratet, und das nur deswegen, weil mein Vater einen großen Teil unseres Vermögens durch seine Spielsucht verloren hat. Solche Frauen wird es immer geben, und auch genügend Männer die auf sie hereinfallen. Aber die Zeit heilt alle Wunden, auch bei Athos wird das so sein.

“Nein, ich werde nie wieder einer Frau vertrauen können. Anne hat mein Herz auf ewig vergiftet, mir mein Zuhause, meine Zukunft genommen”, erwidert er und wischt sich verstohlen eine Träne von der Wange, “nichts in meinem Leben wird jemals wieder so sein wie es vorher war. Sie hat meinen Glauben an die wahre Liebe zerstört.”
“Irgendwann werdet Ihr wieder lieben können, nämlich dann, wenn Euch die Richtige begegnet, eine Frau, die nicht mit Euren Gefühlen spielen und Euch wahrhaftig lieben wird”, versuche ich ihn aufzumuntern, “Ihr dürft nur die Hoffnung nicht verlieren.”
Er winkt der Schankmagd, ihm einen weiteren Becher Wein zu bringen, dann wendet er sich wieder an mich.
“Hoffnung…das ist doch nur eine leere Phrase, mit der man jene zu trösten versucht, die längst keine Hoffnung mehr haben. Ich werde auf ewig mit dem leben müssen was ich getan habe.”
“Wie meint Ihr das…was habt Ihr getan?”, frage ich, denn ich kann mir nicht vorstellen was er damit meint.
Er geht gar nicht auf meine Frage ein, seufzt stattdessen nur leise und meint dann:
“Ach Porthos, wisst Ihr, ich beneide Euch.”
Verwundert blicke ich ihn an.
“Ihr beneidet mich, Athos? Aber warum denn das?”

“Ich beneide Euch darum, wie Ihr das Leben genießen könnt, ohne von Schuldgefühlen und Trauer gequält zu werden. Und darum, dass Ihr eines Tages gewiss das Glück erleben werdet, dass die Hebamme Euch Euer neugeborenes Kind in die Arme legt. Und dass Ihr als alter Mann, an der Seite Eurer Frau auf einer Bank sitzen und Euren Enkelkindern beim Spielen zusehen werdet. Ich dagegen, ich werde im Alter nur ein einsamer Trunkenbold sein.”
Seine Worte machen mich sehr betroffen, niemals hätte ich gedacht, dass ein Mann wie Athos mich beneiden könnte. Ich war von Anfang an neidisch auf ihn, seitdem er in unsere Garde kam, und dachte mir, dass ich alles dafür geben würde, so sein zu können wie er. Doch nun wird mir klar, dass mein Neid mein Urteilsvermögen so sehr getrübt hat, dass mir nicht einmal aufgefallen ist, dass Athos alles andere als glücklich und zufrieden ist.
“So etwas solltet Ihr nicht sagen. Wenn der Kummer noch so frisch ist wie bei Euch, dann glaubt man nie wieder lieben zu können. Aber eines Tages werdet Ihr es wieder können, da bin ich mir sicher. Und ganz bestimmt werdet Ihr auch irgendwann Kinder haben.”
“Es ist nett von Euch, dass Ihr mir Mut machen wollt, Porthos. Aber in meinem Fall wird es nicht sein wie bei anderen Männern die Liebeskummer hatten. Nie wieder werde ich eine Frau so lieben können wie meine Anne.”

Nein, ich kann ihn jetzt nicht mehr als Konkurrenten betrachten, denn nun würde ich für kein Geld der Welt mehr mit ihm tauschen wollen. Diese verfluchte Eitelkeit, die mich immer dazu treibt so eifersüchtig zu sein…nur weil ich gerne der vornehmste Musketier im ganzen Regiment sein möchte. Mir wird klar, dass ich Athos völlig falsch eingeschätzt habe, dass ich vor lauter Neid nicht gesehen habe, wie schlecht es ihm eigentlich ging. Nur wegen seines Kummers spricht er so wenig und nicht etwa weil er arrogant ist.
Athos könnte einen Freund, der ihm hilft neuen Lebensmut zu fassen und ihm zeigt, dass das Leben auch für ihn noch schöne Seiten haben kann, gut gebrauchen. Ja, wir könnten Freunde werden, ich brauche ihn gar nicht als Konkurrenten zu sehen, da es in ganz Paris mehr als genug Frauen für uns beide gibt.
Statt ihn zu beneiden, werde ich ihn in Zukunft ein wenig unter meine Fittiche nehmen und dafür sorgen, dass er etwas mehr unter die Leute geht und nicht immer nur wie ein Einsiedler in seiner Wohnung in der Rue Ferrou hockt. Vielleicht ergibt sich ja dann für ihn, wenn es ihm etwas besser geht, auch eine neue Damenbekanntschaft. Verehrerinnen werden sich jedenfalls genug finden.
“Kommt, Athos, ich bringe Euch nach Hause”; biete ich ihm an, als das Schankmädchen uns sagt, dass wir jetzt gehen müssen, weil sie schließen.
Er schwankt ein wenig und legt seinen Arm um meine Schultern um nicht hinzufallen. Wahrscheinlich wird er sich morgen gar nicht daran erinnern, mir von seiner unglücklichen Liebe erzählt zu haben. Viel war es ja nicht was er offenbart hat, jedoch genug um zu erahnen, was er gerade durchmacht. Diese Anne, wo auch immer sie jetzt sein mag, hat ihm das Herz gebrochen.
Dieser wortkarge Mann will bestimmt nicht, dass jemand seine Vergangenheit kennt, also ist es vielleicht besser, wenn er morgen nicht mehr weiss, dass er sie mir gegenüber erwähnt hat.
Jetzt schäme ich mich für meinen Neid und den Groll den ich gegen ihn hegte, und ich bin sicher, dass wir Freunde werden und dass auch für ihn wieder bessere Tage kommen.
Und an diesem Heiligen Abend ist mir auch klar geworden, dass ich die Menschen nicht immer nach ihrem Äußeren beurteilen darf und mich bemühen muss, auch das zu sehen was dahinter steckt. Als ich noch auf unserem Gut in der Bretagne lebte, hat meine Mutter immer gesagt, dass meine größte Schwäche die Eitelkeit wäre, und ich glaube sie hatte damit Recht.
Jetzt weiss ich, dass auch Athos, den ich vorher für ach so perfekt hielt, ein Mensch wie jeder andere ist, der auch seine Schwächen und Fehler hat, und genau das ist es, was ihn mir jetzt so sympathisch erscheinen lässt. Ich bin sicher, an diesem Abend in ihm einen neuen Freund gewonnen zu haben. Das Motto der Musketiere lautet “Einer für alle, alle für einen”, und heute ist mir die Bedeutung dieser Worte wieder einmal richtig klar geworden.

20. Die Gräfin von Mortain

Hier noch eine Weihnachtsgeschichte von mir. Wer den VAA gelesen hat, kann bestimmt schnell erraten, um wen es sich bei diesem Bettler handelt ;)

Rouen, 24. Dezember 1649

Weihnachten, das Fest der Liebe. Für mich ist es eher das Fest der Einsamkeit, denn seit dem Tod meines Vaters lebe ich alleine auf unserem Schloß in der Nähe von Rouen. Ich war das einzige Kind meiner Eltern und habe nie geheiratet. Ich bin die Gräfin von Mortain und könnte mit meinem Reichtum und meinem alten Adel, der sich bis zu den Tagen Karls des Großen zurückverfolgen lässt, auch mit fünfundzwanzig noch eine gute Partie machen, aber das möchte ich gar nicht. Ich glaube nicht dass ich einen Gatten finden würde der mit meinen Gewohnheiten einverstanden wäre.
Jedes Jahr am Heiligen Abend lud mein Vater einen Bettler oder eine Bettlerin an unsere Festtafel ein und ich führe diese Tradition fort. Vater sagte immer, dass es die heilige Pflicht von uns Adeligen sei, den Armen ihr schweres Los etwas zu erleichtern, und ich sehe das genauso. Die arme Seele die ich heute an meine Tafel einladen werde soll ein schönes Fest haben und sich endlich einmal so richtig sattessen können. Vater wäre gewiss stolz auf mich, wenn er sehen könnte, wie ich jetzt in den Straßen von Rouen nach einem dieser bedürftigen Menschen suche.
An diesem Nachmittag weht ein schneidend kalter Wind durch die belebten Straßen und Gassen der Stadt. Ich lenke meine Schritte zum großen Marktplatz vor der Kathedrale, wo verschiedene Händler ihre Buden aufgebaut haben und heißen Würzwein, Schmalzgebäck, Fleischpasteten, gebrannte Mandeln und ähnliche Köstlichkeiten feilbieten. Ein Bauer verkauft lebende Gänse, die dicht an dicht in Holzkisten gedrängt, laut schnattern. Ein kleiner magerer Junge, der viel zu große Schuhe und ein für ihn viel zu weites, mehrfach geflicktes Wams trägt, verkauft kleine, geschnitzte Krippenfiguren, die er in einer Lade mit sich herumträgt. Ein paar Mönche trinken heißen Würzwein und werfen den vorübergehenden Mägden, die für ihre Herrschaft die letzten Weihnachtseinkäufe machen, begehrliche Blicke zu. Ein paar Kinder singen Weihnachtslieder, während eines von ihnen mit einem Hut in der Hand die Passanten um eine kleine Spende bittet. Als ich dem Kind eine Münze in den Hut werfe, schenkt es mir ein dankbares Lächeln.
Ein Büttel jagt einem wieselflinken Straßenkind hinterher, das einen Honigkringel gestohlen hat.

Es ist so schneidend kalt, dass ich trotz des dicken Mantels friere und es hat wieder zu schneien begonnen. Der zwischen den Buden liegende Schneematsch verschwindet unter einer dünnen weißen Decke.
Ohne den Verkaufsbuden weitere Beachtung zu schenken gehe ich über den Markt zur Kathedrale, wo sich vor dem Portal die Bettler der Stadt drängen, lauter arme Seelen, um die sich niemand kümmert. Eine Schande ist das.
Nur die Stärksten unter ihnen können sich einen Platz an einer der Feuerstellen sichern, die anderen werden einfach beiseite gedrängt. Für die Feuer haben sie alles Holz verwendet, das sie stehlen oder erbetteln konnten. Frauen, Kinder und Männer aller Altersstufen hocken hier im Schatten der Kathedrale, alle abgemagert bis auf die Knochen und mit stumpfen, leeren Augen, in denen schon lange jede Hoffnung erloschen ist. Ach, wie weh es mir im Herzen tut, diese armen Geschöpfe so leiden zu sehen.
Als ich meine Geldkatze heraushole und ihnen ein paar Münzen hinwerfe, stürzen sie sich sogleich darauf und balgen sich darum wie die wilden Tiere. Es erschüttert mich jedes Jahr aufs Neue, zu sehen, wie tief Hunger und Verzweiflung einen Menschen sinken lassen.
Zwei Frauen, deren Körper nur noch Haut und Knochen sind, prügeln sich um die Münzen, und die eine reißt der anderen dabei ein Büschel Haare aus.
“Ihr braucht euch nicht darum zu prügeln, es ist genug für alle da!”, rufe ich und verteile weitere Münzen unter den bedauernswerten Kreaturen.
Lächelnd denke ich an Vater, der früher zusammen mit mir Münzen verteilt hat. Mutter habe ich nie kennengelernt, sie starb bei meiner Geburt.

Da fällt mir ein Bettler auf, der sich als einziger nicht am verzweifelten Gerangel um die Münzen beteiligt. Mit apathischem Blick hockt er an der Mauer der Kathedrale, sein abgemagerter Körper ist in einen zerschlissenen, verdreckten schwarzen Mantel gehüllt.
Mit seinem blonden Haar und den blassblauen Augen sieht er wie ein Ausländer aus, ein Engländer, Schwede oder Deutscher vielleicht, den irgendwelche unglücklichen Umstände hierher verschlagen haben. Sein Haar ist fettig, seine Haut totenbleich. Als ich näher herankomme, sehe ich dass er weint. Der arme Mann kann kaum älter als ich sein, und hier auf der Straße wird er höchstens noch ein, zwei oder drei Jahre überleben, jeder Tag davon eine einzige Hölle auf Erden.
Ich beschließe, dass er es sein soll, der heute Abend ein Bad, ein gutes Essen und ein warmes weiches Bett bekommt. Als ich mich zu ihm herunterbeuge und ihn behutsam an der hageren Schulter berühre, blickt er erschrocken zu mir auf.

Er stinkt so entsetzlich dass sich mir beinahe der Magen umdreht. Wie kann Gott nur zulassen, dass es Menschen gibt, die so vor sich hinvegetieren müssen, warum hilft er ihnen nicht? Wenn ich dieses Elend hier sehe, Menschen die am Heiligen Abend Hunger leiden und frieren müssen, die nicht wissen ob sie den Frühling noch erleben werden, dann frage ich mich manchmal, warum es auf der Welt so ungerecht zugeht. Und selbst wenn diese Menschen den Frühling erleben, so wird auch dann ihr Leben nur von Hunger und Leid bestimmt sein.
“Alles wird gut!”; sage ich zu ihm, “ich werde dich mit auf mein Schloß nehmen und ab heute wirst du nie wieder hungern müssen. Du wirst auf einer weichen Matratze schlafen und die erlesensten Leckereien genießen dürfen.”
Vater und ich haben immer für die Bettler gesorgt die wir zum Christfest an unsere Tafel luden, wir können uns das ja leisten. Keiner von ihnen muss jemals zurück auf die Straße.
In den blassblauen Augen des jungen blonden Bettlers schimmert ein Funke von Hoffnung auf, vermischt mit Ungläubigkeit und Argwohn.
“Warum sollte eine Frau wie Ihr sich um das Wohl eines Bettlers sorgen? Ich kann Euch nichts für Eure Hilfe bieten!”
“Weil Jesus einst gesagt hat, was ihr dem geringsten meiner Brüder tut, das habt ihr auch mir getan. Meine Wohltätigkeit wird mir irgendwann einmal einen Platz im Himmelreich sichern.”
Der Bettler lacht, ein galliges, bitteres Lachen.
Genau das Gleiche sagte mir damals der Schiffsarzt, der meine Stichwunde versorgt hat. Selbst jene, die scheinbar selbstlos handeln, sind nur um ihr Seelenheil besorgt.”

Obwohl er ziemlich abgemagert ist, habe ich den Eindruck dass er noch nicht allzu lange auf der Straße lebt. Ich kann erkennen, dass sein verdreckter, durchlöcherter Mantel aus bestem Samt gefertigt wurde, womöglich ist dieser Mantel das Einzige, was ihm aus seinem Leben geblieben ist. Bei mir waren schon viele Bettler zu Gast, darunter auch solche, die einst angesehene Kaufleute waren und sich dann verspekuliert hatten, oder verarmter Adel. Die meisten Menschen denken, wenn sie diese armen Kreaturen sehen, gar nicht daran, dass es ihnen eines Tages auch selbst so ergehen könnte.
“Wie heißt du, und was hat dich hierher verschlagen? Du bist doch gewiss nicht immer Bettler gewesen?”
Er seufzt leise auf und blickt mich traurig an.
“Ich habe keinen Namen mehr. Ende Januar wurde ich von der Besatzung eines vorüberfahrenden Schiffes aus dem Ärmelkanal gefischt, halb erfroren, an einem Stück Treibholz festgeklammert, mit einer Stichwunde am Bauch. An jenem Tag wurde ich vermutlich von einem Stück Treibgut am Kopf getroffen und verlor so mein Gedächtnis. Meine Vergangenheit liegt für mich gänzlich im Dunkeln und meine Zukunft sieht düster aus.”
Der arme Mann. Womöglich wurde er Opfer eines Piratenangriffs auf hoher See und hat vorher ein ganz normales, glückliches Leben in Wohlstand geführt. Wer seine Erinnerung verliert und dann niemanden hat, der sich seiner annimmt, der ist verloren. Und er scheint niemanden gehabt zu haben, sonst säße er jetzt nicht hier. Ich muss ihm einfach helfen.

“Komm mit, ich kann dafür sorgen, dass deine Zukunft rosiger aussieht. So bekomme ich meinen Platz im Himmel und du ein gutes Leben. Ein gerechter Tausch, meinst du nicht auch?”
Wer völlig ausgehungert und durchgefroren ist wie er, der kann es sich nicht leisten, misstrauisch zu sein. Die Aussicht auf Nahrung und ein Obdach bewegt ihn zu einem schwachen Nicken.
Mein Diener Nicolas hilft ihm auf und stützt ihm beim Gehen, denn er ist sichtlich geschwächt. In einer Seitengasse in der Nähe der Kathedrale wartet meine Kutsche auf uns.
Als wir in der Kutsche sitzen, halte ich mir ein parfümiertes Taschentuch vor die Nase, weil der Mann bestialisch stinkt.
“Ich bin die Gräfin von Mortain”; erkläre ich ihm, “und auf dem Schloß wirst du gleich ein Bad nehmen, danach wird das Festmahl aufgetragen.”
Ein zaghaftes Lächeln huscht über sein hageres, ausgezehrtes Gesicht, seine vorher so traurigen Augen, in denen sich seine ganze Resignation abzeichnete, leuchten nun.
“Ich kann gar nicht sagen, wie dankbar ich Euch bin, Gräfin. Wisst Ihr, irgendwie erinnert Ihr mich an meine Mutter. Sie war wie Ihr…blond und schön, ein Gesicht wie eine Madonna.”
“Du hast doch gesagt, dass du dich an nichts mehr erinnerst, weil du dein Gedächtnis verloren hast?”
“Das stimmt auch, ich weiß weder wie ich heiße, noch woher ich komme. Das einzige Bild, das in meiner Erinnerung auftaucht, ist jenes dieser engelsgleichen Frau, die mich auf ihrem Schoß sitzen ließ, mich liebkoste und mit Süßigkeiten fütterte. Ich glaube, dass das meine Mutter sein muss. Der Gedanke, dass sie jetzt vielleicht irgendwo um ihren Sohn, den sie bei einem Schiffsunglück ertrunken wähnt, weint, tut mir im Herzen weh. Aber bisher haben sich leider keine weiteren Erinnerungen eingestellt die mich zu ihr und dem Rest meiner Familie führen könnten, ich weiß ja nicht einmal ob ich Frau und Kinder habe.”

“Irgendwann werdet Ihr Euch gewiss erinnern können”, versuche ich ihm Mut zu machen, “glaubt mir, es wird alles wieder gut.”
Der völlig entkräftete namenlose Mann erzählt mir, dass er, nachdem er sein Gedächtnis verlor und aus dem Meer gefischt wurde, seine wahre Identität nicht herausfinden konnte und dann niemanden hatte der ihm half eine Arbeit oder Obdach zu finden, und so endete er auf der Straße. Ein trauriges Schicksal, dem ich nun gerne eine glückliche Wendung geben möchte. Sein Gedächtnis kann ich ihm nicht zurückgeben, aber ich kann ihm eine Heimat bieten.

Als wir dann bei meinem auf einem bewaldeten Hügel liegenden Schloß ankommen befehle ich meiner Magd, ein Bad für den Mann vorzubereiten und ihm danach etwas von den alten Sachen meines Vaters zum Anziehen zu geben.
Als Celeste ihn eine halbe Stunde später in den Salon bringt, ist er kaum wiederzuerkennen. Sein vorher fettiges, glanzloses Haar schimmert jetzt golden im Schein des Kaminfeuers, und das weiße Seidenhemd und Hose und Wams aus schwarzem Samt lassen ihn, obwohl die Sachen für seinen abgemagerten Körper etwas zu weit sind, wie einen Edelmann erscheinen. Er ist nicht unbedingt ein schöner Mann, sein Gesicht wirkt verkniffen, seine Haltung etwas steif, aber er hat etwas an sich das mir gefällt.
Mein Diener Nicolas legt neue Holzscheite ins Feuer, während seine Frau, die Magd Celeste, das Festmahl aufträgt. Gänsebraten mit einer Farce aus Kastanien und Pflaumen, Klöße die aus diesen neuartigen Knollen aus der neuen Welt gemacht werden, mit Zimt gesüßter gekochter Reis, Fleischpasteten, eine Platte mit verschiedenen Käsesorten, Wildragout, das in Blätterteigpasteten serviert wird, und noch so einige andere Köstlichkeiten stehen nun auf dem mit Mistelzweigen festlich geschmückten Tisch. Ein verführerischer Duft erfüllt nun den Raum, Nicolas schenkt uns Wein ein.
Die Augen des Bettlers leuchten beim Anblick der erlesenen Speisen und ich sehe ihm deutlich an, dass er sich jetzt am liebsten sofort darauf stürzen möchte.

Wir setzen uns einander gegenüber an den Tisch.
“So, nun lass es dir schmecken und lange ordentlich zu!”; fordere ich ihn auf, während ich mir von Nicolas meinen Teller füllen lasse. Den anderen Dienern habe ich heute freigegeben, damit sie mit ihren Familien im Dorf Weihnachten feiern können, nur die alte Bertha und zwei Küchenjungen und Nicolas und Celeste arbeiten heute, wie jedes Jahr am Heiligen Abend. Ich bezahle sie dafür gut, und bis jetzt hat keiner von ihnen für Urlaub an Weihnachten gebeten.
Die meisten Bettler die bisher hier im Schloß speisen durften, haben das Essen gierig mit den Händen in ihren Mund geschaufelt und fast ohne zu kauen heruntergeschluckt, doch er ißt ganz gesittet mit Messer und Gabel, obwohl er doch völlig ausgehungert sein muss. Er kann nur aus gutem Hause stammen, wo man von Kindesbeinen an mit guten Tischsitten vertraut gemacht wird.
Es macht mir Freude zu sehen wie gut es ihm schmeckt.
“Ich kann gar nicht beschreiben wie dankbar ich Euch bin, Gräfin”, sagt er, während er sich von Nicolas seinen Teller ein zweites Mal füllen lässt, “in den letzten Monaten habe ich außer trockenem Brot, Küchenabfällen und den Ratten die ich fangen konnte nicht viel zu essen bekommen. Ihr habt mir das Gefühl zurückgegeben, ein richtiger Mensch zu sein.”

Als ich seine Hände genauer betrachte, fällt mir auf dass sie zart und schneeweiß sind und keinerlei Schwielen aufweisen. Das bestärkt mich in meiner Vermutung, dass er nicht aus einer armen Familie stammen kann, in der schon die Kleinsten hart arbeiten müssen.
Mit sichtlichem Behagen leert er seinen zweiten Teller und ich wundere mich darüber, dass ein Mensch der so lange hungern musste, jetzt so viel essen kann ohne sich übergeben zu müssen.
Als die Kerzen heruntergebrannt sind kommt Nicolas an den Tisch und ersetzt sie durch neue.
“Wie wird es nach dem Heiligen Abend mit mir weitergehen, Gräfin?”, will er wissen und blickt mich mit seinen großen blassblauen Augen fragend an, “muss ich wieder zurück auf die Straße?”
Ich nehme seine Hand und drücke sie sanft, schenke ihm ein aufmunterndes Lächeln.
“Was hätte es für einen Sinn, einem armen Menschen wie Euch für eine Nacht gutes Essen und ein Obdach zu geben, wenn man ihn hinterher wieder in Not und Elend zurückstoßen würde? Danach würde ihm seine Lage doch nur noch umso hoffnungsloser erscheinen. Ich werde dafür sorgen, dass Ihr nie wieder hungern und frieren müsst.”
Er atmet erleichtert auf und erwidert meinen Händedruck.
“Ihr seid ein guter Mensch, was Ihr für mich tut, das würde nicht jeder machen. Bis ich Euch traf hätte ich niemals zu hoffen gewagt, dass es für mich wieder aufwärts gehen könnte, ich dachte ich wäre ein Mann ohne Vergangenheit und Zukunft.”

Mir geht richtig das Herz auf als ich sehe wie glücklich er gerade ist, wie ein Lächeln sein vorher so verkniffenes, verhärmtes Gesicht erhellt. Eine ganze Weile sitzen wir gemütlich beisammen und ich erzähle ihm von meiner Kindheit und Jugend. Nicolas schenkt uns Wein nach, diesmal ist es Portwein.
Der Bettler probiert und schnalzt dabei mit der Zunge.
“Das ist Portwein, der Geschmack kommt mir so bekannt vor. Ach, wenn ich doch nur wüsste, wo ich den schon getrunken habe.”
Er trinkt einen weiteren Schluck und grübelt dabei vor sich hin.
“Seltsam…wieso sehe ich mich, wenn ich den Geschmack dieses Weines auf der Zunge spüre, vor meinem inneren Auge auf einem Schiff mitten auf hoher See? Ob ich wohl ein Seemann gewesen bin? Ein Marineoffizier vielleicht? Oder doch ein Kaufmann, der mit seinen Waren den Ärmelkanal überqueren wollte? Ob ich das jemals erfahren werde?”
“Der Portwein löst bei dir eine Erinnerng aus, das ist doch ein gutes Zeichen. Deine Erinnerung wird gewiss nach und nach zurückkehren, und dann wirst du endlich wissen wer du bist.”

Draußen ist es mittlerweile längst dunkel und es hat wieder zu schneien begonnen. Mir ist gerade richtig feierlich zumute.
“Komm, wir setzen uns an den Kamin. Nicoolas wird uns Eierpunsch und Maccarons bringen.”
Schon als Kind habe ich diesen abschließenden Teil des Festes, wenn ich unserem jeweiligen Gast den Teller mit dem bunten Gebäck reichen durfte, geliebt. Zwei Farben, grüne mit Pistaziengeschmack und rote, die nach Himbeeren schmecken. Kein Bettler, der sich von Ratten ernähren musste, kann einer solchen Köstlichkeit widerstehen.
Ich habe sie selbst gebacken, denn trotz meines Standes werkele ich gerne in der Küche herum. Gestern hatte meine Köchin Bertha ihren freien Tag, und da habe ich Maccarons gebacken, so wie jedes Jahr.
Wir sitzen gemütlich in den mit rotem Samt gepolsterten Sesseln am Kamin, als Nicolas uns zwei dampfende Becher mit Eierpunsch bringt, und Celeste folgt ihm mit dem Teller mit den Maccarons.
“In unserer Familie ist es immer schon Tradition gewesen, dass es nach dem Fest Maccarons und Eierpunsch gibt. Lass es dir schmecken..und danach wartet ein schönes weiches Bett auf dich.”
Wir stoßen mit dem Eierpunsch an, und dann halte ich ihm den Teller mit dem Gebäck hin.

Die roten schmecken am besten. Maccarons sind mein Lieblingsgebäck, probier doch mal und sag mir dann, wie du sie findest. Ich habe sie selbst gebacken.”
Er blickt mich lächelnd an. “Ich hätte niemals gedacht, dass eine Gräfin gerne backen würde…Ihr seid wirklich eine außergewöhnliche Frau. Wisst Ihr…ich finde Euch sehr sympathisch und es ist mir eine Ehre Euer Gast zu sein.”
Er nimmt einen roten Maccaron, während ich mir einen grünen aussuche.
“Die sind köstlich”, schwärmt er, nachdem das Gebäckstück in seinem Mund verschwunden ist und er genüsslich kaut, “ich darf mir doch noch einen nehmen?”
“Nimm ruhig soviel du möchtest, es ist genug da.”
Er nimmt sich noch einen roten und meint dann:
“Die grünen werde ich gleich auch noch probieren. Wonach schmecken die denn?”
“Nach Himbeere!”; antworte ich ihm, während ich ihn wie gebannt anblicke.
Während er den zweiten Maccaron kaut, meint er lächelnd:
“Irgendwie erscheint mir das alles hier zu schön um wahr zu sein..so viel Glück kann ich doch gar nicht haben. Gewiss werde ich gleich in eisiger Kälte an die Mauer der Kathedrale gelehnt aufwachen und feststellen, dass das alles hier nur ein schöner Traum war. So gut kann es das Schicksal doch gar nicht mit mir meinen.”

Bevor ich ihm antworten kann, beginnt er plötzlich zu röcheln und fällt vom Sessel, windet sich in Krämpfen am Boden, seine Lippen laufen blau an.
“Was..was ist mit mir? Ich sehe nichts mehr und ich kann meine Beine nicht spüren….was zum Teufel habt Ihr mit mir gemacht?”
Als ich mit drei Jahren zum ersten Mal dabei war, als ein Gast uns verließ, da habe ich geweint, weil es mir Angst gemacht hat, aber Vater sagte mir damals, dass die arme Kreatur nun im Himmel bei Gott wäre und es besser haben würde, und dass wir ein gutes Werk täten. Beim nächsten Weihnachtsfest fand ich es dann schon gar nicht mehr so schlimm und beim vierten oder fünften Mal begann ich mich für die arme Seele, die nun ins Himmelreich durfte, zu freuen.
Die grünen Maccarons sind nicht vergiftet, in den roten ist ein aus getrockneten, hochgiftigen Fingerhutblüten gemahlenes Pulver, das man einfach dem Mandelmehl beimengt.
“Ich will nicht sterben!”; ruft er mit schwächer werdender Stimme aus und ringt ein letztes Mal verzweifelt nach Luft. Dann bleibt er reglos liegen. Nachher werden Nicolas und Celeste ihn im Schloßpark begraben, noch bevor die anderen Diener aus dem Dorf zurückkehren.
Ich habe mein Versprechen gehalten, der arme Mann ist nun von seinem elenden Dasein auf der Straße erlöst und im Himmel wird es für ihn ein warmes weiches Bett und immer genug zu essen geben.
Vater sagte immer, dass wir diesen Menschen helfen und damit ein gottgefälliges Werk tun, und genauso sehe ich das auch. An diesem Heiligen Abend habe ich einer weiteren armen Seele geholfen zu Gott zu gelangen und sie von Hunger und Kälte erlöst. Dafür wird mir ein Platz im Himmelreich sicher sein, wenn eines Tages meine Zeit gekommen ist.
Aber bis dahin werde ich noch viele arme Kreaturen von ihrem Leid erlösen können. Ja, vielleicht sollte ich nicht nur an Weihnachten, sondern auch an Ostern jemanden hierher einladen.

21. Die Gräfin von Mortain

Hier noch eine Weihnachtsgeschichte von mir. Wer den VAA gelesen hat, kann bestimmt schnell erraten, um wen es sich bei diesem Bettler handelt ;)

Rouen, 24. Dezember 1649

Weihnachten,, das Fest der Liebe. Für mich ist es eher das Fest der Einsamkeit, denn seit dem Tod meines Vaters lebe ich alleine auf unserem Schloß in der Nähe von Rouen. Ich war das einzige Kind meiner Eltern und habe nie geheiratet. Ich bin die Gräfin von Mortain und könnte mit meinem Reichtum und meinem alten Adel, der sich bis zu den Tagen Karls des Großen zurückverfolgen lässt, auch mit fünfundzwanzig noch eine gute Partie machen, aber das möchte ich gar nicht. Ich glaube nicht dass ich einen Gatten finden würde der mit meinen Gewohnheiten einverstanden wäre.
Jedes Jahr am Heiligen Abend lud mein Vater einen Bettler oder eine Bettlerin an unsere Festtafel ein und ich führe diese Tradition fort. Vater sagte immer, dass es die heilige Pflicht von uns Adeligen sei, den Armen ihr schweres Los etwas zu erleichtern, und ich sehe das genauso. Die arme Seele die ich heute an meine Tafel einladen werde soll ein schönes Fest haben und sich endlich einmal so richtig sattessen können. Vater wäre gewiss stolz auf mich, wenn er sehen könnte, wie ich jetzt in den Straßen von Rouen nach einem dieser bedürftigen Menschen suche.
An diesem Nachmittag weht ein schneidend kalter Wind durch die belebten Straßen und Gassen der Stadt. Ich lenke meine Schritte zum großen Marktplatz vor der Kathedrale, wo verschiedene Händler ihre Buden aufgebaut haben und heißen Würzwein, Schmalzgebäck, Fleischpasteten, gebrannte Mandeln und ähnliche Köstlichkeiten feilbieten. Ein Bauer verkauft lebende Gänse, die dicht an dicht in Holzkisten gedrängt, laut schnattern. Ein kleiner magerer Junge, der viel zu große Schuhe und ein für ihn viel zu weites, mehrfach geflicktes Wams trägt, verkauft kleine, geschnitzte Krippenfiguren, die er in einer Lade mit sich herumträgt. Ein paar Mönche trinken heißen Würzwein und werfen den vorübergehenden Mägden, die für ihre Herrschaft die letzten Weihnachtseinkäufe machen, begehrliche Blicke zu. Ein paar Kinder singen Weihnachtslieder, während eines von ihnen mit einem Hut in der Hand die Passanten um eine kleine Spende bittet. Als ich dem Kind eine Münze in den Hut werfe, schenkt es mir ein dankbares Lächeln.
Ein Büttel jagt einem wieselflinken Straßenkind hinterher, das einen Honigkringel gestohlen hat.

Es ist so eisig kalt, dass ich trotz des dicken Mantels friere und es hat wieder zu schneien begonnen. Der zwischen den Buden liegende Schneematsch verschwindet unter einer dünnen weißen Decke.
Ohne den Verkaufsbuden weitere Beachtung zu schenken gehe ich über den Markt zur Kathedrale, wo sich vor dem Portal die Bettler der Stadt drängen, lauter arme Seelen, um die sich niemand kümmert. Eine Schande ist das.
Nur die Stärksten unter ihnen können sich einen Platz an einer der Feuerstellen sichern, die anderen werden einfach beiseite gedrängt. Für die Feuer haben sie alles Holz verwendet, das sie stehlen oder erbetteln konnten. Frauen, Kinder und Männer aller Altersstufen hocken hier im Schatten der Kathedrale, alle abgemagert bis auf die Knochen und mit stumpfen, leeren Augen, in denen schon lange jede Hoffnung erloschen ist. Ach, wie weh es mir im Herzen tut, diese armen Geschöpfe so leiden zu sehen.
Als ich meine Geldkatze heraushole und ihnen ein paar Münzen hinwerfe, stürzen sie sich sogleich darauf und balgen sich darum wie die wilden Tiere. Es erschüttert mich jedes Jahr aufs Neue, zu sehen, wie tief Hunger und Verzweiflung einen Menschen sinken lassen.
Zwei Frauen, deren Körper nur noch Haut und Knochen sind, prügeln sich um die Münzen, und die eine reißt der anderen dabei ein Büschel Haare aus.
“Ihr braucht euch nicht darum zu prügeln, es ist genug für alle da!”, rufe ich und verteile weitere Münzen unter den bedauernswerten Kreaturen.
Lächelnd denke ich an Vater, der früher zusammen mit mir Münzen verteilt hat. Mutter habe ich nie kennengelernt, sie starb bei meiner Geburt.

Da fällt mir ein Bettler auf, der sich als einziger nicht am verzweifelten Gerangel um die Münzen beteiligt. Mit apathischem Blick hockt er an der Mauer der Kathedrale, sein abgemagerter Körper ist in einen zerschlissenen, verdreckten schwarzen Mantel gehüllt.
Mit seinem blonden Haar und den blassblauen Augen sieht er wie ein Ausländer aus, ein Engländer, Schwede oder Deutscher vielleicht, den irgendwelche unglücklichen Umstände hierher verschlagen haben. Sein Haar ist fettig, seine Haut totenbleich. Als ich näher herankomme, sehe ich dass er weint. Der arme Mann kann kaum älter als ich sein, und hier auf der Straße wird er höchstens noch ein, zwei oder drei Jahre überleben, jeder Tag davon eine einzige Hölle auf Erden.
Ich beschließe, dass er es sein soll, der heute Abend ein Bad, ein gutes Essen und ein warmes weiches Bett bekommt. Als ich mich zu ihm herunterbeuge und ihn behutsam an der hageren Schulter berühre, blickt er erschrocken zu mir auf.

Er stinkt so entsetzlich dass sich mir beinahe der Magen umdreht. Wie kann Gott nur zulassen, dass es Menschen gibt, die so vor sich hinvegetieren müssen, warum hilft er ihnen nicht? Wenn ich dieses Elend hier sehe, Menschen die am Heiligen Abend Hunger leiden und frieren müssen, die nicht wissen ob sie den Frühling noch erleben werden, dann frage ich mich manchmal, warum es auf der Welt so ungerecht zugeht. Und selbst wenn diese Menschen den Frühling erleben, so wird auch dann ihr Leben nur von Hunger und Leid bestimmt sein.
“Alles wird gut!”; sage ich zu ihm, “ich werde dich mit auf mein Schloß nehmen und ab heute wirst du nie wieder hungern müssen. Du wirst auf einer weichen Matratze schlafen und die erlesensten Leckereien genießen dürfen.”
Vater und ich haben immer für die Bettler gesorgt die wir zum Christfest an unsere Tafel luden, wir können uns das ja leisten. Keiner von ihnen muss jemals zurück auf die Straße.
In den blassblauen Augen des jungen blonden Bettlers schimmert ein Funke von Hoffnung auf, vermischt mit Ungläubigkeit und Argwohn.
“Warum sollte eine Frau wie Ihr sich um das Wohl eines Bettlers sorgen? Ich kann Euch nichts für Eure Hilfe bieten!”
“Weil Jesus einst gesagt hat, was ihr dem geringsten meiner Brüder tut, das habt ihr auch mir getan. Meine Wohltätigkeit wird mir irgendwann einmal einen Platz im Himmelreich sichern.”
Der Bettler lacht, ein galliges, bitteres Lachen.
Genau das Gleiche sagte mir damals der Schiffsarzt, der meine Stichwunde versorgt hat. Selbst jene, die scheinbar selbstlos handeln, sind nur um ihr Seelenheil besorgt.”

Obwohl er ziemlich abgemagert ist, habe ich den Eindruck dass er noch nicht allzu lange auf der Straße lebt. Ich kann erkennen, dass sein verdreckter, durchlöcherter Mantel aus bestem Samt gefertigt wurde, womöglich ist dieser Mantel das Einzige, was ihm aus seinem alten Leben geblieben ist. Bei mir waren schon viele Bettler zu Gast, darunter auch solche, die einst angesehene Kaufleute waren und sich dann verspekuliert hatten, oder verarmter Adel. Die meisten Menschen denken, wenn sie diese armen Kreaturen sehen, gar nicht daran, dass es ihnen eines Tages auch selbst so ergehen könnte.
“Wie heißt du, und was hat dich hierher verschlagen? Du bist doch gewiss nicht immer Bettler gewesen?”
Er seufzt leise auf und blickt mich traurig an.
“Ich habe keinen Namen mehr. Ende Januar wurde ich von der Besatzung eines vorüberfahrenden Schiffes aus dem Ärmelkanal gefischt, halb erfroren, an einem Stück Treibholz festgeklammert, mit einer Stichwunde am Bauch. An jenem Tag wurde ich vermutlich von einem Stück Treibgut am Kopf getroffen und verlor so mein Gedächtnis. Meine Vergangenheit liegt für mich gänzlich im Dunkeln und meine Zukunft sieht düster aus.”
Der arme Mann. Womöglich wurde er Opfer eines Piratenangriffs auf hoher See und hat vorher ein ganz normales, glückliches Leben in Wohlstand geführt. Wer seine Erinnerung verliert und dann niemanden hat, der sich seiner annimmt, der ist verloren. Und er scheint niemanden gehabt zu haben, sonst säße er jetzt nicht hier. Ich muss ihm einfach helfen.

“Komm mit, ich kann dafür sorgen, dass deine Zukunft rosiger aussieht. So bekomme ich meinen Platz im Himmel und du ein gutes Leben. Ein gerechter Tausch, meinst du nicht auch?”
Wer völlig ausgehungert und durchgefroren ist wie er, der kann es sich nicht leisten, misstrauisch zu sein. Die Aussicht auf Nahrung und ein Obdach bewegt ihn zu einem schwachen Nicken.
Mein Diener Nicolas hilft ihm auf und stützt ihm beim Gehen, denn er ist sichtlich geschwächt. In einer Seitengasse in der Nähe der Kathedrale wartet meine Kutsche auf uns.
Als wir in der Kutsche sitzen, halte ich mir ein parfümiertes Taschentuch vor die Nase, weil der Mann bestialisch stinkt.
“Ich bin die Gräfin von Mortain”; erkläre ich ihm, “und auf dem Schloß wirst du gleich ein Bad nehmen, danach wird das Festmahl aufgetragen.”
Ein zaghaftes Lächeln huscht über sein hageres, ausgezehrtes Gesicht, seine vorher so traurigen Augen, in denen sich seine ganze Resignation abzeichnete, leuchten nun.
“Ich kann gar nicht sagen, wie dankbar ich Euch bin, Gräfin. Wisst Ihr, irgendwie erinnert Ihr mich an meine Mutter. Sie war wie Ihr…blond und schön, ein Gesicht wie eine Madonna.”
“Du hast doch gesagt, dass du dich an nichts mehr erinnerst, weil du dein Gedächtnis verloren hast?”
“Das stimmt auch, ich weiß weder wie ich heiße, noch woher ich komme. Das einzige Bild, das in meiner Erinnerung auftaucht, ist jenes dieser engelsgleichen Frau, die mich auf ihrem Schoß sitzen ließ, mich liebkoste und mit Süßigkeiten fütterte. Ich glaube, dass das meine Mutter sein muss. Der Gedanke, dass sie jetzt vielleicht irgendwo um ihren Sohn, den sie bei einem Schiffsunglück ertrunken wähnt, weint, tut mir im Herzen weh. Aber bisher haben sich leider keine weiteren Erinnerungen eingestellt die mich zu ihr und dem Rest meiner Familie führen könnten, ich weiß ja nicht einmal ob ich Frau und Kinder habe.”

“Irgendwann wirst du dich gewiss erinnern können”, versuche ich ihm Mut zu machen, “glaub mir, es wird alles wieder gut.”
Der völlig entkräftete namenlose Mann erzählt mir, dass er, nachdem er sein Gedächtnis verlor und aus dem Meer gefischt wurde, seine wahre Identität nicht herausfinden konnte und dann niemanden hatte der ihm half eine Arbeit oder Obdach zu finden, und so endete er auf der Straße. Ein trauriges Schicksal, dem ich nun gerne eine glückliche Wendung geben möchte. Sein Gedächtnis kann ich ihm nicht zurückgeben, aber ich kann ihm eine Heimat bieten.

Als wir dann bei meinem auf einem bewaldeten Hügel liegenden Schloß ankommen befehle ich meiner Magd, ein Bad für den Mann vorzubereiten und ihm danach etwas von den alten Sachen meines Vaters zum Anziehen zu geben.
Als Celeste ihn eine halbe Stunde später in den Salon bringt, ist er kaum wiederzuerkennen. Sein vorher fettiges, glanzloses Haar schimmert jetzt golden im Schein des Kaminfeuers, und das weiße Seidenhemd und Hose und Wams aus schwarzem Samt lassen ihn, obwohl die Sachen für seinen abgemagerten Körper etwas zu weit sind, wie einen Edelmann erscheinen. Er ist nicht unbedingt ein schöner Mann, sein Gesicht wirkt verkniffen, seine Haltung etwas steif, aber er hat etwas an sich das mir gefällt.
Mein Diener Nicolas legt neue Holzscheite ins Feuer, während seine Frau, die Magd Celeste, das Festmahl aufträgt. Gänsebraten mit einer Farce aus Kastanien und Pflaumen, Klöße die aus diesen neuartigen Knollen aus der neuen Welt gemacht werden, mit Zimt gesüßter gekochter Reis, Fleischpasteten, eine Platte mit verschiedenen Käsesorten, Wildragout, das in Blätterteigpasteten serviert wird, und noch so einige andere Köstlichkeiten stehen nun auf dem mit Mistelzweigen festlich geschmückten Tisch. Ein verführerischer Duft erfüllt nun den Raum, Nicolas schenkt uns Wein ein.
Die Augen des Bettlers leuchten beim Anblick der erlesenen Speisen und ich sehe ihm deutlich an, dass er sich jetzt am liebsten sofort darauf stürzen möchte.

Wir setzen uns einander gegenüber an den Tisch.
“So, nun lass es dir schmecken und lange ordentlich zu!”; fordere ich ihn auf, während ich mir von Nicolas meinen Teller füllen lasse. Den anderen Dienern habe ich heute freigegeben, damit sie mit ihren Familien im Dorf Weihnachten feiern können, nur die alte Bertha und zwei Küchenjungen und Nicolas und Celeste arbeiten heute, wie jedes Jahr am Heiligen Abend. Ich bezahle sie dafür gut, und bis jetzt hat keiner von ihnen für Urlaub an Weihnachten gebeten.
Die meisten Bettler die bisher hier im Schloß speisen durften, haben das Essen gierig mit den Händen in ihren Mund geschaufelt und fast ohne zu kauen heruntergeschluckt, doch er ißt ganz gesittet mit Messer und Gabel, obwohl er doch völlig ausgehungert sein muss. Er kann nur aus gutem Hause stammen, wo man von Kindesbeinen an mit guten Tischsitten vertraut gemacht wird.
Es macht mir Freude zu sehen wie gut es ihm schmeckt.
“Ich kann gar nicht beschreiben wie dankbar ich Euch bin, Gräfin”, sagt er, während er sich von Nicolas seinen Teller ein zweites Mal füllen lässt, “in den letzten Monaten habe ich außer trockenem Brot, Küchenabfällen und den Ratten die ich fangen konnte nicht viel zu essen bekommen. Ihr habt mir das Gefühl zurückgegeben, ein richtiger Mensch zu sein.”

Als ich seine Hände genauer betrachte, fällt mir auf dass sie zart und schneeweiß sind und keinerlei Schwielen aufweisen. Das bestärkt mich in meiner Vermutung, dass er nicht aus einer armen Familie stammen kann, in der schon die Kleinsten hart arbeiten müssen.
Mit sichtlichem Behagen leert er seinen zweiten Teller und ich wundere mich darüber, dass ein Mensch der so lange hungern musste, jetzt so viel essen kann ohne sich übergeben zu müssen.
Als die Kerzen heruntergebrannt sind kommt Nicolas an den Tisch und ersetzt sie durch neue.
“Wie wird es nach dem Heiligen Abend mit mir weitergehen, Gräfin?”, will er wissen und blickt mich mit seinen großen blassblauen Augen fragend an, “muss ich wieder zurück auf die Straße?”
Ich nehme seine Hand und drücke sie sanft, schenke ihm ein aufmunterndes Lächeln.
“Was hätte es für einen Sinn, einem armen Menschen wie dich für eine Nacht gutes Essen und ein Obdach zu geben, wenn man dich hinterher wieder in Not und Elend zurückstoßen würde? Danach würde dir deine Lage doch nur noch umso hoffnungsloser erscheinen. Ich werde dafür sorgen, dass du nie wieder hungern und frieren müsst.”
Er atmet erleichtert auf und erwidert meinen Händedruck.
“Ihr seid ein guter Mensch, was Ihr für mich tut, das würde nicht jeder machen. Bis ich Euch traf hätte ich niemals zu hoffen gewagt, dass es für mich wieder aufwärts gehen könnte, ich dachte ich wäre ein Mann ohne Vergangenheit und Zukunft.”

Mir geht richtig das Herz auf als ich sehe wie glücklich er gerade ist, wie ein Lächeln sein vorher so verkniffenes, verhärmtes Gesicht erhellt. Eine ganze Weile sitzen wir gemütlich beisammen und ich erzähle ihm von meiner Kindheit und Jugend. Nicolas schenkt uns Wein nach, diesmal ist es Portwein.
Der Bettler probiert und schnalzt dabei mit der Zunge.
“Das ist Portwein, der Geschmack kommt mir so bekannt vor. Ach, wenn ich doch nur wüsste, wo ich den schon getrunken habe.”
Er trinkt einen weiteren Schluck und grübelt dabei vor sich hin.
“Seltsam…wieso sehe ich mich, wenn ich den Geschmack dieses Weines auf der Zunge spüre, vor meinem inneren Auge auf einem Schiff mitten auf hoher See? Ob ich wohl ein Seemann gewesen bin? Ein Marineoffizier vielleicht? Oder doch ein Kaufmann, der mit seinen Waren den Ärmelkanal überqueren wollte? Ob ich das jemals erfahren werde?”
“Der Portwein löst bei dir eine Erinnerng aus, das ist doch ein gutes Zeichen. Deine Erinnerung wird gewiss nach und nach zurückkehren, und dann wirst du endlich wissen wer du bist.”

Draußen ist es mittlerweile längst dunkel und es hat wieder zu schneien begonnen. Mir ist gerade richtig feierlich zumute.
“Komm, wir setzen uns an den Kamin. Nicoolas wird uns Eierpunsch und Maccarons bringen.”
Schon als Kind habe ich diesen abschließenden Teil des Festes, wenn ich unserem jeweiligen Gast den Teller mit dem bunten Gebäck reichen durfte, geliebt. Zwei Farben, grüne mit Pistaziengeschmack und rote, die nach Himbeeren schmecken. Kein Bettler, der sich von Ratten ernähren musste, kann einer solchen Köstlichkeit widerstehen.
Ich habe sie selbst gebacken, denn trotz meines Standes werkele ich gerne in der Küche herum. Gestern hatte meine Köchin Bertha ihren freien Tag, und da habe ich Maccarons gebacken, so wie jedes Jahr.
Wir sitzen gemütlich in den mit rotem Samt gepolsterten Sesseln am Kamin, als Nicolas uns zwei dampfende Becher mit Eierpunsch bringt, und Celeste folgt ihm mit dem Teller mit den Maccarons.
“In unserer Familie ist es immer schon Tradition gewesen, dass es nach dem Fest Maccarons und Eierpunsch gibt. Lass es dir schmecken..und danach wartet ein schönes weiches Bett auf dich.”
Wir stoßen mit dem Eierpunsch an, und dann halte ich ihm den Teller mit dem Gebäck hin.

“Die roten schmecken am besten. Maccarons sind mein Lieblingsgebäck, probier doch mal und sag mir dann, wie du sie findest. Ich habe sie selbst gebacken.”
Er blickt mich lächelnd an. “Ich hätte niemals gedacht, dass eine Gräfin gerne backen würde…Ihr seid wirklich eine außergewöhnliche Frau. Wisst Ihr…ich finde Euch sehr sympathisch und es ist mir eine Ehre Euer Gast zu sein.”
Er nimmt einen roten Maccaron, während ich mir einen grünen aussuche.
“Die sind köstlich”, schwärmt er, nachdem das Gebäckstück in seinem Mund verschwunden ist und er genüsslich kaut, “ich darf mir doch noch einen nehmen?”
“Nimm ruhig soviel du möchtest, es ist genug da.”
Er nimmt sich noch einen roten und meint dann:
“Die grünen werde ich gleich auch noch probieren. Wonach schmecken die denn?”
“Nach Pistazie!”; antworte ich ihm, während ich ihn wie gebannt anblicke.
Während er den zweiten Maccaron kaut, meint er lächelnd:
“Irgendwie erscheint mir das alles hier zu schön um wahr zu sein..so viel Glück kann ich doch gar nicht haben. Gewiss werde ich gleich in eisiger Kälte an die Mauer der Kathedrale gelehnt aufwachen und feststellen, dass das alles hier nur ein wundervoller Traum war. So gut kann es das Schicksal doch gar nicht mit mir meinen.”

Bevor ich ihm antworten kann, beginnt er plötzlich zu röcheln und fällt vom Sessel, windet sich in Krämpfen am Boden, seine Lippen laufen blau an.
“Was..was ist mit mir? Ich sehe nichts mehr und ich kann meine Beine nicht spüren….was zum Teufel habt Ihr mit mir gemacht?”
Als ich mit drei Jahren zum ersten Mal dabei war, als ein Gast uns verließ, da habe ich geweint, weil es mir Angst gemacht hat, aber Vater sagte mir damals, dass die arme Kreatur nun im Himmel bei Gott wäre und es besser haben würde, und dass wir ein gutes Werk täten. Beim nächsten Weihnachtsfest fand ich es dann schon gar nicht mehr so schlimm und beim vierten oder fünften Mal begann ich mich für die arme Seele, die nun ins Himmelreich durfte, zu freuen.
Die grünen Maccarons sind nicht vergiftet, in den roten ist ein aus getrockneten, hochgiftigen Fingerhutblüten gemahlenes Pulver, das man einfach dem Mandelmehl beimengt.
“Ich will nicht sterben!”; ruft er mit schwächer werdender Stimme aus und ringt ein letztes Mal verzweifelt nach Luft. Dann bleibt er reglos liegen. Nachher werden Nicolas und Celeste ihn im Schloßpark begraben, noch bevor die anderen Diener aus dem Dorf zurückkehren. Die beiden sehen gerne über meine Familientradition hinweg, solange ich sie Jahr für Jahr mit einem größeren Obulus bedenke. Und Bertha und die Küchenjungen werden nichts davon mitbekommen, weil sie längst, erschöpft nach dem langen Arbeitstag in der Küche, in ihren Betten liegen und tief und fest schlafen.
Ich habe mein Versprechen gehalten, der arme Mann ist nun von seinem elenden Dasein auf der Straße erlöst und im Himmel wird es für ihn ein warmes weiches Bett und immer genug zu essen geben.
Vater sagte immer, dass wir diesen Menschen helfen und damit ein gottgefälliges Werk tun, und genauso sehe ich das auch. An diesem Heiligen Abend habe ich einer weiteren bedauernswerten Seele geholfen zu Gott zu gelangen und sie von Hunger und Kälte erlöst. Dafür wird mir ein Platz im Himmelreich sicher sein, wenn eines Tages meine Zeit gekommen ist.
Aber bis dahin werde ich noch viele arme Kreaturen von ihrem Leid erlösen können. Ja, vielleicht sollte ich nicht nur an Weihnachten, sondern auch an Ostern jemanden hierher einladen.

22. Nochebuena



Die Idee und die Initiative zu dieser gemeinsam verfassten Weihnachtsgeschichte stammen von meiner Co-Autorin Alienor - vielen Dank dafür! Sie hat beim Schreiben Charles`Rolle übernommen, und ich die des Duque d`Alameda.


***
 

Es war das erste Weihnachtsfest, das Charles bei Hofe feierte. In den Jahren zuvor war er immer zum Landgut seiner Eltern gereist. Doch in diesem Jahr hatte das Leben seiner Familie sich dramatisch verändert. Seit dem Frühling litt sein Bruder Jean-Louis unter einem immer weiter fortschreitenden geistigen Verfall, ein Wahnsinn, der in der Familie lag.
Charles wusste, dass der Großvater seines Vaters und einer seiner Onkeln ebenfalls darunter gelitten hatten und früh gestorben waren. Verwandte, die weggesperrt wurden und über die man in der Familie nicht sprechen durfte. Jean-Louis musste mittlerweile zu seiner eigenen Sicherheit eingesperrt werden, weil er unter Wutanfällen litt, während derer er wild um sich schlug und wirres Zeug vor sich hin brüllte, stets hatte er dabei Schaum vor dem Mund und wälzte sich am Boden wie ein wildes Tier.
Seitdem der Bruder, der immer der Liebling des Vaters gewesen war, unter dieser Krankheit litt, herrschte auf dem Familiengut eine bedrückende Atmosphäre. Mutter und Vater sprachen kaum noch und weinten andauernd. Irgendwann hatte Charles es einfach nicht mehr ausgehalten und sich nach Paris an den Hof begeben, denn entsprechend seines Ranges als Angehöriger des hohen Adels stand ihm ein Platz an der königlichen Tafel zu.

Früher als Kind hatte Charles Weihnachten geliebt, doch nun hatte das Fest für ihn einen bitteren Beigeschmack. Er vermisste seine Familie und trauerte um seinen Bruder, von dem nicht mehr geblieben war, als eine sabbernde, wimmernde, seelenlose Hülle. Seine Eltern hatten mehrere Ärzte auf ihr Gut kommen lassen, doch alle hatten ihnen bestätigen müssen, dass Jean-Louis` Wahnsinn nicht zu heilen sei.
 
Zusammen mit anderen Edelmännern und unzähligen Hofdamen saß Charles nun in einem großen, festlich geschmückten Saal an der Tafel des Königs.
Die Tische bogen sich nur so von den besten und edelsten Speisen die man sich denken konnte, das Silbergeschirr funkelte im Kerzenschein, und fast alle blickten wie gebannt zur Tür, in der Hoffnung, einen Blick auf den König zu erhaschen, wenn dieser die lange Tafel entlang zu seinem Platz schritt. Der junge de Longueville gehörte zu den wenigen Höflingen, die nicht hierher kamen, um dem König nahe sein zu können. Auch die Tatsache, dass einige der jungen Hofdamen, die ihm an der Tafel gegenübersaßen, begehrliche Blicke zuwarfen, kümmerte ihn im Moment wenig.

Man hatte ihm den Platz neben dem spanischen Botschafter, dem Duque d`Alameda, gegeben. Der Mann, den Charles auf ungefähr sechzig Jahre schätzte, trug die spanische Hoftracht, einen eleganten Anzug aus schwarzem Brokat, einen schwarzen Mantel und eine goldene Ehrenkette. Charles konnte nicht sagen, warum, aber irgendwie fand er den Spanier auf Anhieb sympathisch -  und er verspürte unweigerlich den Wunsch, mit ihm ein Gespräch zu beginnen.

„Sagt, Monsieur, feiert man die Weihnachtsfeste am spanischen Hofe auch mit solchem Prunk wie hier in Paris?“, fragte er also höflich. Er hoffte, in diesem Mann einen interessanten Gesprächspartner zu finden, denn die Unterhaltungen der Höflinge, die sich meistens nur um die neueste Mode, die Hofdamen und die Jagd drehten, langweilten ihn zusehends.

Der Duque wandte den wohlgeformten Kopf, sein Blick aus schönen, dunklen Augen kreuzte den des jungen Mannes zu seiner Rechten: „Monsieur, mitnichten!“ erwiderte er sanft, in ausgezeichnetem, akzentfreiem Französisch, „in Spanien begeht man das Weihnachtsfest mit Gebet und andächtiger Verehrung in der Kirche. Doch Ihr braucht Euch nicht zu sorgen,“ fuhr er mit leisem Lächeln fort, als er Charles` gelinde Verblüffung sah, „man schätzt auch durchaus die leiblichen Freuden einer guten und wohlverdienten Weihnachtstafel. Kennt Ihr Turron, Monsieur? Eine Süßspeise aus Mandeln, Zucker und Honig, aus dem Maurenlande eingebürgert, welche nun gerne an den Weihnachtstagen bei uns in Spanien genossen wird. Kein Konfekt kommt diesem gleich!“ Und er betrachtete mit süffisanter Miene die üppige, ausladende Pracht der prunkvollen, hoch aufragenden Tafelaufsätze, die die damastgedeckten Tischreihen in schier unübersehbarer Anzahl zierten.

Charles wunderte sich darüber, dass der Gesandte aus Spanien akzentfrei sprach.„Ihr beherrscht das Französische wirklich ausnehmend gut, Monsieur! Seid Ihr öfters hier, in Frankreich? Chapeau, ich kenne nur wenige Ausländer, die diese Sprache so hervorragend zu meistern wissen wie Ihr. Doch ich muss zugeben, dass mir das Weihnachtsfest in Spanien wohl kaum zusagen würde…ich bin nicht gerade ein eifriger Kirchgänger, an der Messe heute Mittag habe ich gar nicht teilgenommen.“ Als der Duque Turron erwähnte, lächelte der junge Mann, denn mit dieser Süßigkeit verband er schöne Kindheitserinnerungen: „Zu Hause auf meinem väterlichen Gut gab es an den Weihnachtstagen Turron, weil meine Mutter dieses Konfekt liebt. Schon als Kind konnte ich davon gar nicht genug bekommen. Ich finde es schade, dass diese Süßigkeit hier bei Hofe noch nicht bekannt zu sein scheint.“ Ihm fiel die süffisante Miene des Spaniers auf, und er musste schmunzeln. „Wisst Ihr, Monsieur, hier bei Hofe ist alles mehr Schein als Sein. Hier hat man eher das Gefühl, als ob alle Seine Majestät den König und nicht die Geburt Jesu Christi feiern würden. Sagt, verkleidet Euer König sich auch gerne als goldene Sonne und tanzt vor seinen Höflingen? Und stimmt es, dass man in Spanien einmal im Jahr in Pamplona einen Stier freilässt, der dann die Menschen durch die Straßen jagt?“ Charles hatte außer Paris und dem Gut seiner Eltern noch nichts von der Welt gesehen und brannte darauf, mehr über das ihm fremde Land und die dortigen Gepflogenheiten zu erfahren. Er hatte sich vorgenommen, irgendwann einmal durch Europa zu reisen, denn das ereignisarme, eintönige Leben bei Hofe langweilte ihn, und nach Hause zurückzukehren, nein, danach stand ihm keineswegs der Sinn.

Der Duque lächelte angesichts der Wissbegier des jungen Mannes. „Nein,“ antwortete er freundlich, „dem spanischen Herrscher fällt es mitnichten ein, sich in höchsteigener Person auf der Theaterbühne zu exaltieren. Das überlässt er lieber professionellen Leuten, unseren Schauspielern und Komödianten. Doch was den Stierkampf anbelangt, so habt Ihr recht, er ist in Spanien ein oft geübter Zeitvertreib. Leider Gottes!, muss man sagen! Denn nichts dauert mich mehr als das stumme Leiden unschuldiger Kreatur, ohne allen tieferen Sinn, bloß zur Belustigung des rohen Volkes. Doch lassen wir dies blutige Thema lieber, an einem Festtag wie dem heutigen. Monsieur, Euch wundert mein Französisch? Nun, diese Sprache ist mir von Kindesbeinen an vertraut, denn ich habe meine Jugend hier in diesem Land verbracht.“ Er hielt inne, unwillkürlich stieg die Erinnerung an längst vergangene, frohe Tage in ihm hoch -  wie fern lagen diese nun, wie lang begraben, in der Tiefe seines Herzens!

Als der Botschafter ihm eröffnete, dass er in Frankreich aufgewachsen war, wunderte sich Charles doch ein wenig, und er fragte sich, wie dieser als Franzose zu einem spanischen Adelstitel gekommen war. „Ihr habt Eure Jugend hier verbracht? Verzeiht meine Neugierde, aber…was hat Euch denn dann nach Spanien geführt? War es wie bei mir der Wunsch, etwas von der Welt zu sehen?“

Der Duque hob den Kopf, sein dunkler Blick kehrte zurück in die Gegenwart, er wandte sich Charles zu: „Nun, wohl jeder Jüngling träumt vom Reisen, vom weiten Ritt durch fremde Länder! Dies war bei mir nicht anders, und diese Lust am Abenteuer, am kühnen Wagnis, hat mich nach Spanien verschlagen. Und so bin ich auch letztlich dort geblieben, nachdem man mir Stand und Titel zuerkannte, aufgrund politischer Verdienste. Doch diese hier vor Euch zu erläutern, verbietet mir die Bescheidenheit, erlaubt mir daher gütigst, davon zu schweigen. Wenden wir uns, statt in der Vergangenheit zu wühlen, doch lieber dem Hier und Heute zu, Monsieur! Ihr sagtet vorhin, hier bei Hofe wäre Vieles Schein statt Sein. Ihr fühlt Euch demnach nicht sehr glücklich?“

„Nein, ich schätze das Leben bei Hofe nicht sonderlich,“ gestand Charles dem Herrn Botschafter, „ich habe hier immer das Gefühl, dass alle ihre wahren Empfindungen hinter einer Art Maske verstecken und niemand der ist, der er zu sein vorgibt. Nun, um ehrlich zu sein, ich möchte mein Leben nicht damit verbringen, mit anderen Edelmännern über die neueste Mode, meine Jagderfolge und die neuesten Liebschaften der Höflinge zu diskutieren. Abgesehen davon, dass ich die Jagd überhaupt nicht schätze…so ein Leben würde mich ganz und gar nicht ausfüllen. Und die Hofdamen hier sind zwar nett anzusehen, aber ich wünsche mir eine Gefährtin, mit der man auch interessante Gespräche führen kann. Ich habe irgendwie das Gefühl, hier nicht wirklich hinzugehören, und deshalb habe ich mir vorgenommen, nächstes Jahr ein wenig zu reisen. Mein Vater ist damit einverstanden, es könne in seinen Augen ja nichts schaden, wenn ich etwas von der Welt sehe, bevor ich irgendwann unser Gut übernehme.“ Es gefiel ihm, dass der Duque offenbar, genau wie er selbst, in jungen Jahren sehr abenteuerlustig gewesen war, und er spielte bereits mit einem plötzlichen Gedanken -

Die Worte des jungen Mannes ließen in dem Ambassadeur Spaniens ein seltsam vertrautes Gefühl hochsteigen - er spürte in ihnen ein verborgenes Sehnen, den Wunsch nach Erfüllung, nach höheren Dingen als bloß den oberflächlichen, eitlen Freuden, mit welchen junge Leute seines Alters oft achtlos ihre Zeit vergeudeten. Unwillkürlich betrachtete er ihn genauer, sein sanftes Antlitz, umrahmt von schimmerndem, blondem Haar, seine feinen, ebenmäßigen Züge, seine anmutige, grazile Gestalt. Eine vage Erinnerung stieg in ihm hoch, als wäre dieser Jüngling ihm schon einmal begegnet. Doch er konnte sich beim besten Willen nicht daran erinnern, ihn je im Leben gesehen zu haben -  merkwürdig! Narrte ihn eine zufällige Ähnlichkeit? Oder verbarg sich mehr hinter dieser dunklen Ahnung? „Monsieur“, wandte er sich an den jungen Mann, in plötzlich aufkeimendem Entschluss, „ich gestehe, Eure Empfindungen sind mir durchaus nicht fremd. Und ich bin hocherfreut, in Euch einer verwandten Seele zu begegnen, hier an diesem prächtigen Hof, der, wie Ihr sagtet, bloß seichtes Geplänkel schätzt und sich in prunkvollem Schein nur ergeht. Mein Herr, gestattet Ihr mir, nach Eurem Namen zu fragen?“

„Ich bin Charles-Paris de Longueville, Monsieur,“ erwiderte der junge Mann errötend, „und ich schulde Euch innigsten Dank für Euer wohlwollendes Verständnis! Solches war mir bisher nie vergönnt,“ setzte er leise hinzu und schlug die Augen nieder, wie gut tat es doch, so offen zu sprechen!

Der Duque erbleichte - mit einem Mal wusste er, wer dieser junge Mann war, wen er da vor sich sah, leibhaftig und klar! Sein eigener Sohn war`s, mit dem er hier sprach, von Angesicht zu Angesicht, nichtsahnend bisher - oder insgeheim etwa doch? Seine Rechte fuhr ihm an die Brust, zu seinem wild pochenden Herzen - bei Gott, wie hatte er nur so blind sein können?! Hatte sich seine Seele denn nicht geregt, bei dessen unverhofftem Anblick? Hatte er sie so sehr vergessen, sie, die sein Herz besaß, damals in den kühnen, wilden Tagen der Fronde? Er holte tief Atem, krampfhaft und scharf, und erhob sich brüsk von seinem Stuhl. „Monsieur, bitte verzeiht!“, stieß er rau und gepresst hervor, „doch ich muss Euch nun verlassen. Adieu et bonne nuit!“ Und damit wandte er sich ab und verließ raschen Schrittes den Saal, als könne er es nicht ertragen, noch länger in diesem weihnachtlich leuchtenden Glanz zu verweilen.

Charles blickte dem Duque verblüfft hinterher. Er konnte sich nicht erklären, warum der Herr Botschafter, der sich eben noch so angeregt mit ihm unterhalten hatte, nun so abrupt die Tafel verließ. Er hatte plötzlich wie verstört gewirkt und den Blick seines jungen Nachbarn gemieden. Hatte Charles womöglich etwas Falsches gesagt und den Duque damit beleidigt?
 
In diesem Moment wurden mehrere gebratene und mit Zuckerguss verzierte Gänse aufgetragen, doch Charles hatte dafür keinen Blick. Er stand auf, verließ den Saal und erkundigte sich bei einem der Diener, wo sich das Quartier des spanischen Botschafters befand. Er musste unbedingt in Erfahrung bringen, ob er den Herrn etwa durch ein unbedachtes Wort verletzt hatte! Und er nahm sich vor, sich bei ihm zu entschuldigen. Zaghaft klopfte er an die Tür und wartete -

Der Duque d`Alameda saß am Fenster und starrte hinaus in die Dunkelheit. Keine Kerzen brannten, nur das glosende Kaminfeuer erhellte das prunkvolle, von tiefen Schatten verdüsterte Gemach. Er senkte den Blick, stützte die Stirne in die feingliedrige, weiße Hand und bedeckte seine Augen. So hatte ihn die Vergangenheit nun eingeholt, unbarmherzig und beharrlich, ihn, der vor vielen Jahren geflohen war, um sein Vaterland nie wieder zu betreten. Doch nun war er zurückgekehrt, unter neuem Stand und Namen - und dies einzig, um der verlorenen Frucht seiner Liebe zu begegnen, seinem Sohn, den er niemals im Leben in seine Arme schließen durfte! Wie seltsam, wie rätselvoll waren doch die Wege des Schicksals!

Ein leises Pochen an der Türe riss den Botschafter aus seinen Gedanken, jemand begehrte offenbar Einlass. Wer mochte dies sein? Der Duque erhob sich aus seinem Lehnstuhl am Fenster, mit vernehmlicher Stimme rief er: „Entrez!“

Charles trat ein. Er konnte zunächst nur vage Umrisse erkennen, im Schein des gemächlich vor sich hin glimmenden Feuers im Kamin. Der Duque wandte sich seinem Besucher zu, und als der junge Mann nähertrat, bemerkte er dessen betroffene Miene. „Monsieur, bitte verzeiht diese Störung! Aber Ihr habt die Tafel so überaus rasch verlassen und einen sehr bedrückten Eindruck erweckt…es tut mir leid, wenn ich etwas Falsches sagte, Euch mit meinen Worten verletzt haben sollte! Bitte verzeiht mir, ich wollte Euch nicht beleidigen!“ Er schlug die Augen nieder, in der Hoffnung, der Herr Botschafter möge seine Entschuldigung annehmen. Doch dieser schwieg, reglos und mit gesenktem Blick - 

Endlich, nach einer schieren Ewigkeit beklemmender Stille, ergriff der Duque das Wort. „Monsieur,“ sprach er leise, mit bebender Stimme, „seid ohne Sorge. Ihr habt Euch nicht das Geringste vorzuwerfen. Nein, meine unsägliche Verblüffung, mein Erschrecken, das Ihr vorhin an mir bemerktet, liegen zutiefst in mir selbst begründet. Ihr müsst wissen, ich kannte Eure Mutter.” Er hielt inne und trat einen Schritt zurück, nun im heftigsten Aufruhr seiner Gefühle. Am liebsten hätte er seinen Sohn umarmt, umfangen, ihn liebevoll an sein Herz gedrückt! Ihm offen eingestanden, wer er war - sein Vater, der Geliebte seiner Mutter, der Chevalier d` Herblay, dit Aramis! Doch dies durfte nimmermehr geschehen! Er würde das Leben seines Sohnes vernichten, ihn unweigerlich zum Bastard stempeln, aller herzoglichen Rechte berauben, ihn für immer mit seiner Familie entzweien! Der Duque schloss die Augen, krampfhaft und in unterdrücktem Stöhnen, wilder Schmerz wühlte in seiner Brust - warum, o Schicksal, musstest du ihn zu mir senden, ihn meine Wege kreuzen lassen! Warum ihn mir entgegenführen, wenn ich ihm doch nicht sagen darf, wer ich bin!

„Monsieur le duc, Ihr kanntet meine Mutter?“, fragte Charles leise und erstaunt, „wie seltsam -  sie hat nie von von Euch gesprochen, ich kann mich nicht erinnern, dass je Euer Name fiel!“

„Nein,“ flüsterte der Duque heiser und gepresst, „davon könnt Ihr nichts wissen, denn dies geschah in einem andern Leben. In jenen Jahren, als die Fronde Frankreich spaltete und Eure Mutter sich ihr anschloss - damals habe ich sie gekannt und sie - “ Er brach ab, nun kein Wort mehr! Hatte er nicht schon zu viel gesagt? Konnte sein Sohn sich nicht bereits alles klar zusammenreimen? O Götter! Haltet die Erkenntnis von ihm fern, damit die Ruhe seiner Seele nicht grausam und unwiederbringlich erschüttert werde!

„Meine Mutter hatte sich damals der Fronde angeschlossen?“, fragte Charles und blickte den Duque verwundert an, „Davon hat sie mir nie etwas erzählt. Sagt, wie gut habt Ihr sie eigentlich gekannt?“ Er vermutete, dass der Duque einer der vielen Verehrer gewesen war, die seine Mutter damals hofierten. Sein Vater war schon fast sechzig Jahre alt gewesen, als sie ihn ehelichte, und sie eine lebenshungrige Frau in den Zwanzigern. Seine Eltern hatten sich nie wirklich geliebt, das wusste er, und so konnte er sich gut vorstellen, dass sie es genossen hatte, von anderen Männern umschwärmt zu werden. Konnte es sein dass…..? Nein, sagte er sich…das war unmöglich…seine Mutter hätte doch niemals…oder vielleicht doch? „Monsieur le duc,“ fragte er leise und zögernd, als sähe er den Botschafter plötzlich in ganz anderem Licht, „ist meine Mutter Euch - nahegestanden?“

Der Duque hielt inne, in stummem Kampf mit sich selbst - sollte er seinem Sohn die Wahrheit bekennen? Er holte tief Atem. „Ja,“ flüsterte er mit ersterbender Stimme, „ich habe sie geliebt, ich gestehe es Euch. Und sie mich. Doch ist unsere Liebe nicht folgenlos geblieben.“

„Wie meint Ihr das?“, fragte Charles beklommen - sollte seine Mutter etwa Geheimnisse hüten?

Der Duque d`Alameda sah ihn an, ernst und schweigend - die Glut des Kaminfeuers spiegelte sich in seinen  Augen. „Monsieur,“ erwiderte er endlich gefasst, „dies ist ein Mysterium, das ich mich zutiefst scheue, Euch anzuvertrauen. Zu groß wäre die Last, zu schrecklich die Folgen, die Ihr durch die Wahrheit zu tragen hättet! Lasst sie in der Vergangenheit ruhen! Sie erfordert zu viel Kraft, zu großes Opfer - “

„Monsieur le duc!“, fiel Charles dem Botschafter erregt ins Wort, doch zugleich bestimmt, während er unwillkürlich einen Schritt auf ihn zutrat, „ich bin kein Schwächling! Was auch immer es ist, worin das Geheimnis meiner Mutter auch bestehen mag, sagt es mir! Um Christi willen, der in dieser heiligen Nacht heut` geboren ist! Ich bitte Euch!“

Der Duque erbleichte. Nun denn, so sei es! „Monsieur, wisst also, der Duc de Longueville ist nicht Euer Vater. Ich bin es.“, sprach er leise und mit bebender Stimme.

Charles fehlten die Worte - er starrte den Duque mit offenem Mund ins Gesicht. Dieses Geständnis brachte sein gesamtes Leben ins Wanken! Er liebte seinen vermeintlichen Vater, den trotz seines hohen Alters noch sehr rüstigen Herzog von Longueville, und ihm wäre nie in den Sinn gekommen, dass er nicht dessen leiblicher Sohn sein könnte. In diesem Moment kamen ihm viele schöne Erlebnisse mit ihm in den Sinn…gemeinsame Ausritte, Schneeballschlachten, und wie dieser ihm und seinem Bruder Fechten und Schwimmen beigebracht hatte. Die furchtbare Erkenntnis, dass sein Familienglück auf einer Lüge aufgebaut war, entsetzte ihn, ließ ihn nach Atem ringen - wie gerne hätte er nun gesprochen! Doch er fühlte sich zutiefst befangen, suchte vergebens nach den richtigen Worten. Mit einem Mal war er wütend auf seine Mutter, die ihm nichts über seinen leiblichen Vater erzählt hatte. Sie schien entschlossen zu sein, dies für den Rest ihres Lebens strengstens für sich zu behalten.

Der Duque spürte Charles` tiefe Erregung, sah den heftigen Kampf seiner Gefühle - Furcht stieg in ihm hoch, und schwere, abgrundtiefe Reue. Warum seinen Sohn mit solcher Last bedrücken! Doch nun war`s zu spät, das Geheimnis gelüftet! Wie würde Charles es ertragen? „Mein Sohn,“ flüsterte er, im Innersten betroffen „ich bitte Euch, verzeiht mir! Ach, hätte ich doch besser geschwiegen! Ich kann es mir denken, was Ihr nun fühlt! Aber ich schwöre, Eure Mutter trifft keine Schuld! Ich nehme sie auf mich, auf meine Schultern allein, und wenn Ihr mich nun hasst, so sei dies meine Strafe.“

„Mein Vater, warum sollte ich Euch hassen?“, fragte Charles und lächelte zaghaft, “nein, ich bin froh, dass Ihr nicht geschwiegen habt. Gewiss, es ist nicht leicht für mich - aber ich fühle mich Euch seit dem ersten Augenblick unserer Begegnung an innig verbunden, und nun ist mir, dank Eurer Worte, auch klar geworden, warum!“ Nein, er hasste ihn nicht, im Gegenteil! Doch er bangte um den Herzog von Longueville, den er bisher für seinen Vater gehalten hatte. Und so fuhr er fort, leise und zögernd: „Ich möchte Euch nur bitten, unser Geheimnis zu bewahren. Mein Ziehvater, der Herzog, ist schon sehr alt und hat ein schwaches Herz, er würde die Tatsache, dass ich nicht sein leiblicher Sohn bin, nicht verkraften. Ich liebe ihn und wünsche daher nichts weniger, als dass er darunter leidet. Mein Bruder ist krank, und ich bin somit seine einzige Stütze.“ Er hielt inne und lächelte dem Duque zu: „Doch ich würde, mon cher père, auch Euch gern besser kennenlernen! Wir haben ja schließlich zwanzig Jahre nachzuholen. Und Ihr braucht Euch keine Vorwürfe zu machen. Ihr habt meine Mutter geliebt, und daran ist nichts Schlechtes.“

Der Duque blickte Charles ins Gesicht, zutiefst bewegt. Vor Rührung keines Wortes mächtig, trat er auf ihn zu und schloss ihn sanft in seine Arme. „Mein Sohn!“, flüsterte er endlich mit Tränen in den Augen, „dies wünsch` auch ich! Ich habe Euch vor langer Zeit verloren - doch heute, in dieser heiligen Nacht, finde ich Euch wie durch ein Wunder wieder! Und wonach Ihr Euch sehnt, dies soll sich ebenso erfüllen: Reist mit mir nach Spanien! Lernt Land und Leute kennen und kehrt an Erfahrung reich auf Euer Gut zurück, als mein geliebtes Patenkind und Sohn des Duc de Longueville!“

Tief berührt erwiderte Charles die Umarmung, und auch ihm liefen Tränen über die Wangen. „Wie herrlich, dass das Schicksal uns auf solch wundersame Weise zusammengeführt hat!“, erwiderte er leise, mit sanftem Lächeln, „ich war sehr traurig, als ich hierher an den Hof kam, an diesem Fest ohne meine Familie zu sein und einsame Tage verleben zu müssen. Doch nun glaube ich wirklich, dass Weihnachten ein Fest ist, an dem Wunder geschehen können! Ich werde Euch  mit Freuden nach Spanien begleiten und eine Weile bei Euch in diesem Land bleiben. Und wenn ich zu guter Letzt wieder heimgereist bin, so seid mir als mein Pate allzeit auf meinem Gut willkommen! Dieses Weihnachten ist eines der schönsten, die ich jemals erleben durfte - ein kostbareres Geschenk als unsere Begegnung hätte mir niemand gewähren können!“ Und er drückte den Duque d`Alameda innig ans Herz.

 

23. Henri

 OT: Ich stelle meine Weihnachtsgeschichten in diesem Jahr schon rein, sobald ich sie fertig geschrieben habe, da mein alter Laptop jeden Tag den Geist aufgeben könnte und die Geschichten dann verloren wären, da sie auf einen neuen Laptop nicht übertragen werden könnten, weil das alte Word nicht  mit dem neuen kompatibel ist.Ihr müsst die Geschichten aber jetzt noch nicht lesen wenn es euch noch etwas zu früh ist für Weihnachtsgeschichten, ist ja noch etwas Zeit bis Weihnachten. Ich stelle sie alle im Laufe der nächsten zwei Monate rein, jeweils dann wenn ich wieder eine fertiggeschrieben habe. Meine erste für dieses Jahr handelt von Athos, und es wird noch eine weitere über Athos geben, eine weitere Weihnachtsgeschichte ist Aramis gewidmet und eine andere handelt von Lord Winter, eine weitere von Mordaunt.

 

Paris, Heiligabend 1621

Früher hatte Athos Weihnachten geliebt, doch nun bedeutete ihm das Fest nichts mehr. Er hätte sich Urlaub nehmen und zu seinem Bruder Raoul auf dessen Gut Bragelonne fahren können, doch ihm war nicht nach Feiern zumute. Am Nachmittag hatte er Wachdienst im Louvre gehabt und nun, als die Sonne gerade unterging, machte er sich durch die verschneiten Straßen auf den Weg zum Tannenzapfen um so viel Wein zu trinken, dass er in jenen benebelten Zustand kam, in dem er für eine Weile Vergessen finden würde. In seine Wohnung in der Rue Ferrou wollte er jetzt noch nicht gehen. Grimaud hatte heute frei und besuchte seine Schwester, die als Magd in einem Kaufmannshaushalt arbeitete. Athos wollte so lange wie möglich im Gasthaus in der Gesellschaft seiner Kameraden bleiben, da er Angst hatte, dass in der stillen Wohnung wieder die schrecklichen Bilder auf ihn einstürmen würden. Er würde einen Becher Wein nach dem anderen trinken, um nicht mehr an Anne und an das was er ihr angetan hatte, denken zu müssen. Sie hatte ihn schmählich getäuscht, ihn sogar betrogen, doch diese Tatsache machte seine Schuld nicht geringer. Er hatte Angst vor den langen Nächten, vor dem Dunkel, dass sich dann immer um ihn senkte, denn in jeder Nacht wenn er im Bett lag und keinen Schlaf fand, sah er sie vor sich, sah ihren nackten, erschlafften Körper an dem Baum, an den er sie geknüpft hatte hängen, sah wie ihr Gesicht rötlich-violett anlief.
Völlig benebelt vor Grauen war er an jenem verhängnisvollen Sommertag auf sein Pferd gestiegen und davongeritten, doch die schrecklichen Bilder verfolgten ihn bis heute. Er bereute diese Tat sehr und fragte sich voller Entsetzen, wie er zu einer solchen Grausamkeit fähig gewesen war. Er hatte Frauen immer mit großem Respekt und Höflichkeit behandelt und Männer die ihre Frauen misshandelten verabscheut. An jenem Tag im Juli war er nicht Herr seiner Sinne gewesen, als er das Brandmal der Lilie auf ihrer Schulter entdeckt hatte, war er in eine wilde Raserei verfallen und erst hinterher, als er sie tot am Baum hängen sah, war ihm klar geworden, was er da Schreckliches getan hatte.
Die Glocken von Notre Dame, Saint Gervaise und Saint Sulpice läuteten feierlich und die sonst um diese Uhrzeit fast leeren Straßen waren voller Menschen die sich auf den Weg zu den Christmetten machten. Ein junges, gut gekleidetes Ehepaar, das einen kleinen Jungen von drei Jahren an jeweils einer Hand hielt, hob das Kind immer wieder hoch, wenn dieses sprang und der Kleine quietschte jedes Mal vor Vergnügen wenn seine Eltern ihn fliegen ließen.
Dieser Anblick machte Athos traurig, denn er musste dabei an das letzte Weihnachtsfest denken, als er sich vorstellte, dass er und Anne im nächsten Jahr womöglich bereits Eltern sein würden. Doch nun war alles ganz anders gekommen, sie war tot und er würde niemals Vater werden und niemals so glücklich sein können wie dieses Ehepaar mit seinem Sohn. Nie wieder würde er eine Frau lieben, einer Frau vertrauen können, Anne hatte alles Gute in ihm für immer vergiftet. Und er sagte sich, dass er ein schlechter Mensch war, der es gar nicht verdiente von einer Frau geliebt zu werden, er war ein Mörder und Mörder verdienten keine Liebe, verdienten keine eigene Familie.

Um zum Tannenzapfen zu kommen musste er den Platz vor der Kirche von Saint Gervaise überqueren, wo an den Feiertagen ein weihnachtlicher Markt abgehalten wurde. Und weil er trotz des dicken Mantels den er über seiner Kasacke trug fror, und außerdem seine trüben Gedanken betäuben wollte, kaufte er sich an einem der Stände einen Becher mit heißem Würzwein. Dieser duftete intensiv nach Nelken und Zimt, was ihn nur noch melancholischer machte und ihn wehmütig werden ließ, weil es ihn daran erinnerte, wie er am letzten heiligen Abend eng an Anne geschmiegt vor dem Kamin gesessen und eben solchen Wein getrunken hatte. Der Markt war gut besucht, weil viele Menschen die Gelegenheit nutzten um noch ein paar Geschenke oder Zutaten für ihr Festmahl einzukaufen, einen Becher Wein zu trinken oder einen Krapfen zu essen. Bei dieser Kälte blieb der Wein nicht lange heiß und als er lauwarm geworden war, trank der traurige Musketier ihn mit wenigen Schlucken leer, während er das Geschehen auf dem Markt beobachtete. Heiligabend war eindeutig ein Fest der Familie, an diesem Abend waren viele Eltern mit Kindern unterwegs, und der Gedanke, dass Weihnachten für ihn nie wieder ein Fest der Freude, ein Fest der Familie sein würde, stimmte ihn sehr traurig.
Da sah er auf einmal seinen Kameraden Porthos, der, ein blaues Bündel in den Armen haltend, über den Platz ging. Ob er wohl ein Geschenk für eine seiner Herzoginnen gekauft hatte, ein Büdel blaue Seide vielleicht? Porthos und er waren in den letzten Monaten gute Freunde geworden, am Anfang war Porthos zwar neidisch auf ihn gewesen, weil er eine besondere Ausstrahlung besaß, eine Art natürlichen Adel, der die Frauen geradezu magisch anzog. Doch als Porthos merkte, dass er den Frauen aus dem Weg ging und in dieser Hinsicht kein Konkurrent für ihn war, schlossen sie schnell Freundschaft und waren mittlerweile unzertrennlich.
“Habt Ihr Lust, einen Becher Wein mit mir zu trinken, Porthos? Ich la…”
Er hatte eigentlich “Ich lade Euch ein” sagen wollen, doch als er nun sah, was der Freund da in den Armen hielt, verschlug es ihm die Sprache.
Es war ein winziger Säugling, den Porthos in eine blaue Kasacke eingewickelt hatte. Das kleine Wesen, von dem nur das Gesicht zu sehen war, schlief friedlich, man hörte seine gleichmäßigen leisen Atemzüge.
Athos stand der Mund offen und er blickte den Freund nur an ohne ein Wort zu sagen.
“Das ist nicht so wie Ihr vielleicht denkt”, versuchte Porthos ihm zu erklären, während er ihn lächelnd anblickte.
“Ach Porthos, ich habe Euch ja schon immer gesagt, dass Ihr Ärger bekommen könnt, wenn Ihr immer mit all den verheirateten Herzoginnen herumtändelt. Da hat wohl einer der Gatten Verdacht geschöpft und wollte das arme kleine Würmchen nicht anerkennen. Aber wie wollt Ihr denn als Musketier für ein Kind sorgen?”

“Das ist nicht mein Kind. Ich ging vor etwa zwei Stunden am Seineufer entlang als ich eine vornehm gekleidete junge Frau sah, die einen Säugling in den Armen hielt. Sie war bildschön und hatte feine, sanfte Gesichtszüge wie man sie von den Madonnenbildern italienischer Maler kennt. Umso entsetzter war ich über das was dann geschah. Sie blickte sich nach allen Seiten um, wobei sie mich nicht sah, weil hinter einem Baum stand, dann, als sie sich alleine wähnte, wickelte sie das Kind, das laut zu greinen begann, aus seinen Tüchern und warf es in den Fluss. Dann ging sie ihrer Wege, wobei sie so eiskalt lächelte, dass mir das Blut regelrecht in den Adern gefror. Ich zögerte nicht einen Augenblick, ich sprang in die Seine und schwamm zu der Stelle, an der der Säugling untergegangen war. Ich tauchte unter und bekam beim zweiten Versuch den kleinen Körper zu fassen, zog ihn nach oben. Er war bewusstlos und seine Lippen waren blau angelaufen. Ich drückte ihn an mich und lief so schnell ich konnte in den Tannenzapfen, wo Courtivron mir seine Kasacke gab, damit ich das Kind darin einwickeln konnte. Ich setzte mich an den Kamin, trank einen Becher Wein und ließ meine Kleider trocknen, und während ich den Kleinen warmhielt, erzählte ich unseren Kameraden wie ich zu diesem Kind gekommen bin. Bald wurde die Haut des Säuglings wieder rosig, die Lippen wieder rot und dann schlug er die Augen auf und als ich diese Augen sah, bin ich beinahe vom Stuhl gefallen, es war als ob mich eine kleinere Version von Euch anblicken würde, Athos. So verrückt das für Euch auch klingen mag, dieser Säugling ist Euer winziges Ebenbild. Er hat gebrüllt, ich vermute dass er Hunger hat, und deswegen bin ich jetzt auf dem Weg zu Trévilles Haus. Seine Frau und er haben ja vor drei Monaten den kleinen Emeric bekommen und ich wollte sie fragen, ob ihre Amme diesen Miniaturathos hier stillen kann. Er gleicht Euch bis aufs Haar, er ist Euer Sohn. Ich finde es schrecklich was diese Frau getan hat, wie kann jemand nur so grausam sein und so ein hilfloses Wesen in der Seine ertränken!”
Athos war ebenfalls zutiefst erschüttert über diese grausame Tat. Er beugte sich herab um das kleine schlafende Gesicht eingehend zu betrachten. Genau in diesem Moment öffnete der Säugling die Augen und blickte ihn an. Diese Augen, die Gesichtszüge, das Kind war tatsächlich ein kleines Ebenbild von ihm. Wie konnte das sein? Der Anblick dieses zarten, zerbrechlichen Wesens berührte Athos tief und er bat Porthos, ihm den Säugling zu geben, damit er ihn in seinen Mantel einwickeln konnte. Wenig später hielt er den Kleinen in den Armen, das Kind war in seinen Mantel eingehüllt, das kleine Köpfchen, auf dem erster schwarzer Haarflaum zu sehen war, schmiegte sich an Athos Brust, in diesem neuen warmen Nest schlief es rasch wieder ein.
“Hatte die Frau die Ihr da gesehen habt hellblondes Haar?”, fragte er Porthos, nachdem sie eine Weile schweigend nebeneinander hergegangen waren.
“Ja, sie hatte hellblondes Haar”; antwortete dieser und blickte den Freund nachdenklich an, “Ihr kennt sie, oder nicht? Ihr seid der Vater des Kleinen, ist es nicht so?”
“Bitte, Porthos, stellt mir jetzt keine Fragen. Ich weiß nicht ob das mein Kind ist, und ich möchte jetzt auch nicht mit Euch über diese Frau reden.”

Er war innerlich total aufgewühlt und fragte sich, ob Anne vielleicht doch überlebt haben könnte. Als er sie am Strick baumeln sah, hatte er sofort, zutiefst entsetzt von seiner Tat, die Flucht ergriffen. Dieser Säugling konnte, wenn man nach seiner Größe ging, nicht älter als zwei bis vier Tage sein, demnach wäre Anne damals bereits beinahe im vierten Monat gewesen. Bei den Kleidern die Frauen trugen, war eine Schwangerschaft in den ersten Monaten kaum zu erkennen, und viele ließen ihr Korsett so eng schnüren, dass man nichts davon sah. Doch wenn sie wirklich schwanger gewesen war, warum hatte sie ihm nichts davon erzählt? Hatte sie womöglich Angst gehabt, das Kind könnte von diesem Priester, ihrem Liebhaber, den sie ihm gegenüber als ihren Bruder ausgegeben hatte, sein? Athos konnte kaum glauben, dass dieses zerbrechliche Wesen sein Fleisch und Blut sein könnte, zu überwältigend war dieser Gedanke.
“Wenn wir bei Treville angekommen sind, muss ich Euch noch etwas zeigen, Athos”, erklärte Porthos ihm, “und dann werdet Ihr sehen, dass es nur Euer Kind sein kann. So ein Säugling auf dem Arm, das steht Euch richtig gut.”
Athos spürte die Wärme des kleinen Körpers in seinen Armen und er konnte diesen Duft riechen, wie ihn nur Säuglinge an sich haben. Wie konnte eine Frau nur dazu fähig sein, so ein hilfloses kleines Wesen in die Seine zu werfen? Konnte diese blonde Frau wirklich Anne gewesen sein? Obwohl er nicht sicher sein konnte, dass der Knabe sein Sohn war, empfand er ihm gegenüber einen starken Beschützerinstinkt und außerdem begann er bereits jetzt, nachdem er ihn nur ein paar Minuten in den Armen hielt, den Kleinen ins Herz zu schließen. Und spielte es überhaupt eine Rolle, ob es sein leiblicher Sohn war? Er hatte sich immer Kinder gewünscht und dieses Kind hatte niemanden mehr und brauchte einen Vater. Falls es tatsächlich Annes und sein Kind war, trug er dann die Schuld an ihrer grausamen Tat? Hatte dieser Knabe, der ihm so ähnlich sah, sie zu sehr an ihn, der sie hatte töten wollen, erinnert? Wenn Porthos nicht zufällig dort am Seineufer vorbeigekommen wäre, wäre das Kind jetzt tot….was für ein schrecklicher Gedanke.
Als sie schon fast beim Hôtel Tréville angekommen waren, wachte der Knabe auf und begann zu greinen.
“Er hat Hunger”, vermutete Porthos, “wie gut dass wir gleich da sind. Hoffentlich wird der Hauptmann uns helfen.”
Athos wiegte den Säugling behutsam in den Armen, doch er ließ sich nicht mehr beruhigen und weinte ununterbrochen.

Als sie dann bei Trévilles Haus ankamen und an die Tür klopften, öffnete ihnen ein Diener, den sie darum baten, sie zum Hauptmann zu führen. Der Diener verschwand und als er kurz darauf zurückkehrte, führte er sie in das Schreibzimmer des Hauptmannes.
Tréville war sehr überrascht sie zu sehen, denn normalerweise suchten seine Soldaten ihn am heiligen Abend niemals auf.
“Was tut ihr beide hier? Hat es im Louvre irgendeinen Vorfall gegeben, den ihr mir melden müsst? Und was ist das für ein Kind, das da unter Eurem Mantel schreit, Athos?”
Er war gerade mit seiner Familie bei der Bescherung gewesen und wollte möglichst schnell zu Frau und Kindern zurück.
“Porthos wird Euch das erklären”; antwortete dieser, während er das schreiende Kind behutsam in den Armen wiegte, “er hat ihm schließlich das Leben gerettet.”
Und so erzählte Porthos dem Hauptmann was geschehen war und beendete seine Geschichte mit einer Bitte:
“Wir haben keine Milch für den Kleinen und wollten Euch bitten, ihn bei der Amme Eurer Frau trinken zu lassen.”
“Das Kind unserer Amme starb bei der Geburt und sie hat genug Milch für zwei Kinder, er kann gerne bei ihr trinken. Und ich werde euch dabei helfen, eine Familie zu finden, die den Kleinen als Mündel bei sich aufnimmt.”
“Ich nehme ihn”; sagte Athos mit fester, entschlossener Stimme, und dann holte er das zarte, noch so zerbrechlich wirkende Wesen aus dem Mantel um es dem Hauptmann zu zeigen.
Dieser musste schmunzeln als er sah, worin der Knabe eingewickelt worden war.
“Kaum auf der Welt und schon in einer Musketierkasacke, na der fängt aber früh an”; lachte er.
Mit großen, neugierigen Augen blickte der Säugling sich im Raum um.
“Der sieht ja aus wie Ihr, Athos, wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, das kann nur Eurer sein”; rief der Hauptmann schließlich verwundert aus, als er die Ähnlichkeit bemerkte.
“Ich habe Grund zu der Annahme dass genau das der Fall ist”; erwiderte Athos stolz lächelnd, “Ihr kennt ja meine Geschichte, und ich werde Euch das nach den Feiertagen in aller Ruhe erklären.”
Mit seiner üblichen Gelassenheit, die ihn niemals verließ, wiegte er das Kind in den Armen, als habe er nie etwas anderes getan.
“Es ist Athos Sohn, ganz eindeutig”, sagte Porthos und bat den Freund ihm den Kleinen zu reichen, was dieser auch sogleich tat.
Behutsam wickelte er ihn aus der Kasacke aus und zeigte Athos und Tréville ein sichelförmiges Muttermal, das der Knabe auf dem Bauch hatte.
“Das Gleiche habt Ihr auch, Athos, ich habe es gesehen, als ich nach unserer letzten Schlacht vor zwei Monaten Eure Wunden verband. Dass ihr beide das gleiche Mal an der selben Stelle habt, das kann kein Zufall sein.”
Als Athos das Mal auf dem Bauch des Kindes sah, wurde ihm klar, dass es sein leiblicher Sohn sein musste, dass Anne wohl schwanger gewesen war und ihm die Schwangerschaft aus irgendeinem Grund verheimlicht hatte. Es gab einige Frauen, denen man ihre Schwangerschaft auch im vierten Monat noch nicht ansah, und bei Anne war das wohl so gewesen. Ein seltsamer Gedanke, dass er und Anne tatsächlich ein Kind zusammen hatten. Obwohl er zutiefst bereute was er ihr angetan hatte, kam in ihm die Wut auf sie hoch, als er daran dachte, dass sie den Säugling in die Seine geworfen hatte. Der Kleine hatte jetzt nur noch ihn, und er wollte nicht, dass er jemals Kontakt mit seiner Mutter hatte, sie sollte gar nicht erfahren, dass der Knabe noch am Leben war. Athos hatte Angst vor der großen Aufgabe die jetzt vor ihm lag, er war nun nicht mehr nur für sich selbst, sondern auch für dieses winzige Wesen verantwortlich. Er schwor sich, alles dafür zu tun, dass sein Sohn eine glückliche Kindheit hatte, dass er niemals erfahren würde was seine Mutter ihm angetan hatte. Und er wollte ihm auch niemals erzählen, dass er versucht hatte seine Mutter zu erhängen. Dieses Kind sollte nicht unter seiner Vergangenheit zu leiden haben.
“Das ist also tatsächlich Euer Kind”, meinte der Hauptmann erstaunt, während er Athos eingehend musterte, “sagt, was habt Ihr jetzt eigentlich vor, Athos? Werdet Ihr mein Regiment verlassen und auf Euer Schloss zurückkehren?”
Tréville wusste von der tragischen Geschichte mit Mylady, Athos hatte ihm davon erzählt, als er um Aufnahme bei den Musketieren bat.
Nein, nach La Fère wollte er nie wieder zurück, denn sein Schloss war für ihn auf ewig mit düsteren Erinnerungen verbunden.
“Ich möchte gerne in Eurem Regiment bleiben und ich werde mit dem Kleinen und meinem Diener in der Rue Ferrou leben. Wenn ich Dienst habe, wird Grimaud sich um meinen Sohn kümmern. Und wir werden versuchen, ihn an Ziegenmilch zu gewöhnen, damit er keine Amme benötigt.”
Athos konnte sich einfach nicht vorstellen, eine Frau in seiner Wohnung beherbergen zu müssen, da er sich in Gegenwart von Frauen unwohl fühlte und ihnen nicht mehr vertraute. Doch falls der Kleine die Ziegenmilch nicht vertrug, war dazu bereit, für eine Weile eine Amme dort zu dulden, nur ihm zuliebe. Er hoffte jedoch, dass das nicht nötig sein würde.
“Seid Ihr Euch da wirklich so sicher?”; hakte der Hauptmann nach, “es ist nicht gerade so leicht, als Soldat ein Kind großzuziehen. Und was soll mit dem Knaben geschehen, wenn Ihr in eine Schlacht ziehen müsst?”
“In diesem Falle wird Grimaud mit ihm in Paris bleiben und sich um ihn kümmern.”
“Wartet es nur einmal ab, wenn Ihr den Kleinen ein paar Tage bei Euch hattet, werdet Ihr gar nicht mehr ohne ihn sein können, dann ist es für Euch undenkbar, ihn für längere Zeit in Paris zurückzulassen. So ging es mir bei meinen Kindern auch. Aber da Ihr einer meiner besten Männer seid, bin ich bereit, Euch für die nächsten Jahre hauptsächlich in Paris einzusetzen, denn selbst wenn wir in die Schlacht ziehen, müssen wir immer ein paar Männer in der Stadt zurücklassen, die den Louvre bewachen. Und natürlich erwarte ich, dass Ihr mir nach den Feiertagen sofort erzählt, wie ihr zu dem niedlichen kleinen Kerl da gekommen seid.”

Athos war erleichtert dass der Hauptmann so viel Verständnis für seine Situation hatte. Er konnte noch immer kaum glauben dass er jetzt Vater war, es erschien ihm so seltsam unwirklich, wie ein Traum.
Wenn sein Sohn ihm in die Augen blickte, fühlte er, wie Sorge und Schmerz aus seinen Gedanken verschwanden und er verspürte ein Glücksgefühl, das so schön war, dass er es kaum beschreiben konnte.
Und da Anne nicht tot war, konnte er nun endlich auch seine Schuldgefühle hinter sich lassen und wieder zu leben anfangen.
Noch vor ein paar Stunden hatte er geglaubt, er würde nie wieder ein schönes Weihnachtsfest haben und eines Tages als einsamer alter Mann, der von seinen Schuldgefühlen innerlich aufgefressen wurde, enden, doch nun schien es ihm eines der schönsten Feste seines Lebens zu sein.
Der Säugling wurde zur Amme der Familie Tréville gebracht und nachdem er sich satt getrunken hatte, legte man ihn in die Wiege neben den kleinen Emeric. Währenddessen feierten Athos und Porthos mit der Familie des Hauptmanns in dessen großem Salon vor einem gemütlichen Kaminfeuer.
Zum ersten Mal seit fünf Monaten konnte Athos ein Essen wieder richtig genießen, und trank Wein des Genusses wegen und nicht um seine Sinne völlig zu benebeln. Es war ein schönes Fest mit Ente in Orangensauce, Portwein und Zimtplätzchen und Athos und Porthos waren die einzigen Musketiere die jemals ein Fest mit der Familie des Hauptmanns feiern durften.
“Wie wollt Ihr ihn eigentlich nennen?”, fragte Porthos, als sie alle nach einem üppigen Essen am Kamin beisammensaßen.
“Er soll Henri heißen, nach meinem Vater, den ich über alles geliebt habe.”
Er vermisste seinen im Mai verstorbenen Vater noch immer sehr und nahm sich vor, seinem Sohn später sehr viel von dem Großvater, den er niemals kennenlernen würde zu erzählen.

Porthos machte sich nach dem Fest auf den Heimweg, doch Athos durfte in Treviles Haus schlafen, da sein Sohn satt und warm eingepackt neben dem Sohn des Hauptmannes in dessen Wiege schlief.
Als Athos in seine Wohnung kam, machte der meistens stumme Grimaud ganz große Augen, als er den Säugling sah.
Eigentlich hatte Athos seinem Diener beigebracht, nur dann zu sprechen wenn er es ihm gestattete, doch nun konnte Grimaud nicht den Mund halten:
“Monsieur, woher habt Ihr dieses Kind? Das sieht ja aus wie Ihr!”

Und noch erstaunter war Grimaud, dass Athos ihn gar nicht zurechtwies weil er gesprochen hatte ohne um Erlaubnis zu fragen, anstatt sich mit seinem Herrn durch Handzeichen zu verständigen.
Mit sichtlichem Vaterstolz erklärte er seinem Diener, mit dem er sonst so gut wie nie sprach, wie er zu diesem Kind gekommen war.
Und von da an änderte sich vieles in der Rue Ferrou und Athos sprach häufiger mit seinem Diener, anstatt sich nur durch Handzeichen mit ihm zu verständigen. Der kleine Henri brachte Glück und Freude in sein Leben zurück und er ging ganz und gar in seiner Vaterrolle auf und wurde ein strenger aber sehr liebevoller Vater.
Als er nach einer Weile begann, Nachforschungen über Annes Verbleib anzustellen, stellte sich zu seiner Erleichterung heraus, dass sie auf einem Ball einen englischen Lord kennengelernt hatte, der sie nach nur einem Monat geheiratet und mit nach England genommen hatte. Auch wenn Athos dieser Lord sehr leid tat, war froh dass Anne, die sich nun Mylady de Winter nannte, das Land verlassen hatte, denn nun musste er keine Angst mehr haben, dass sie jemals ihm und dem Kind zufällig über den Weg laufen könnte.
Und so konnte Athos endlich seine Vergangenheit hinter sich lassen und wurde nicht mehr von Schuldgefühlen gequält.

24. Der Weihnachtsfrieden

OT: Ich spielte schon länger mit dem Gedanken, unsere Musketiere einmal in die Zeit des ersten Weltkriegs zu versetzen, und ich bin gespannt wie ihr diese Geschichte findet. Ich habe vor, irgendwann, wenn eine meiner anderen Geschichten beendet ist, daraus eine längere Fanfic zu machen.  
So einen Weihnachtsfrieden gab es tatsächlich, allerdings nicht in Verdun, sondern am heiligen Abend des Jahres 1914 an der Westfrond zwischen Deutschen und Engländern.
In Verdun hat es so einen Weihnachtsfrieden nie gegeben, dort wurde von März 1916 bis zum 16. Dezember 1916 gekämpft, ich bin für meine Geschichte von der historischen Wahrheit ein wenig abgewichen, hoffe ihr nehmt mir das nicht übel.
Athos Vergangenheit habe ich ein wenig verändert, da im frühen 20. Jahrhundert sicherlich niemand mehr mit einer Lilie auf der Schulter gebrandmarkt wurde.
In dieser Geschichte duzen sich die Musketiere, weil die Anredeform “Ihr” und “Euch” ja im 20. Jahrhundert nicht mehr im Gebrauch war.
Und ein wenig bin ich auch von Dumas Roman abgewichen, in meiner Version ist der Gascogner kein Einzelkind sondern hat mehrere jüngere Brüder

 

Verdun, 24. Dezember 1916

“Ist ja gut, d´Artagnan, ich bin bei dir. Heute kann dir nichts mehr geschehen, bis morgen früh wurde ein Waffenstillstand vereinbart. Und ich werde weiter auf dich aufpassen, bleib im Schützengraben immer an meiner Seite, ich werde dir alles beibringen was du wissen musst. Alles wird gut, du wirst diese Hölle überleben, und schon bald ist der Krieg zu Ende”, sagte Athos zu dem leise vor sich hin wimmernden sichtlich verstörten Jungen aus der Gascogne.
Er wollte dem erst Achtzehnjährigen Mut machen , obwohl er selbst daran zweifelte, dass einer von ihnen die Hölle von Verdun überleben würde. Seit zwei Jahren war er jetzt schon als Musketier in diesem Krieg dabei und hatte in dieser Zeit unzählige seiner Kameraden fallen sehen. Diese schrecklichen Bilder würde er nie wieder aus dem Kopf bekommen, sie verfolgten ihn Nacht für Nacht bis in seine Träume.
Von den Männern, mit denen er sich zu Beginn des Krieges in seinem Regiment angefreundet hatte, lebten nur noch ein gutmütiger Hüne namens Porthos und ein ehemaliger Priesterschüler namens Aramis, der immer ein Notizbuch mit sich herumtrug, um jederzeit seine Gedanken in Form von Gedichten zu Papier bringen zu können. Aramis hieß in Wirklichkeit Rene d´Herblay und Porthos Isaac de Portheau. Beide hatten, genau wie er, falsche Namen angenommen, weil sie ihre Vergangenheit hinter sich lassen wollten oder mussten. Athos, Aramis und Porthos wurden von ihren Kameraden “die drei Unzertrennlichen” genannt, weil man sicher sein konnte, die drei fast immer zusammen anzutreffen. Nachts schliefen sie Seite an Seite, sie teilten ihren Proviant miteinander und kämpften im Schützengraben stets alle drei nebeneinander. d´Artagnan war erst seit einer Woche im Regiment, er gehörte zu jenen jungen Männern, die kaum dem Kindesalter entwachsen waren und sich freiwillig als Soldaten gemeldet hatten. Übermütig und voller Tatendrang hatte er am ersten Tag kurz nach seinem Eintreffen damit geprahlt, dass er ein meisterhafter Schütze sei, der die Deutschen erlegen würde wie ein Jäger die Hasen. Doch schon am zweiten Tag hatte er sein erstes Gefecht mitmachen müssen und gesehen wie seine Kameraden von Maschinengewehren niedergemäht wurden und wie manche, die nicht sofort tot waren, sich schwer verwundet unter schrecklichen Qualen am Boden wanden und verzweifelt nach ihren Müttern oder Frauen schrieen, bis ihre Schreie schließlich leiser wurden und dann gänzlich verstummten. 10.000 Granaten und Minen gingen stündlich vor Verdun nieder und erzeugten eine ohrenbetäubende Geräuschkulisse, die viele Männer an den Rand des Wahnsinns trieb. Innerhalb weniger Wochen hatte sich das Schlachtfeld in eine Kraterlandschaft verwandelt, von den Wäldern um Verdun waren nur Baumstümpfe geblieben. Und in der Luft lag ständig der Gestank von Blut, Schweiß, Urin und Verwesung. Täglich kamen bis zu siebentausend Pferde auf dem Schlachtfeld um und ebenso wie viele der getöteten Männer mussten sie liegen gelassen werden. Im Sommer war der Gestank schlimmer gewesen, doch auch jetzt, im Winter lag er in der Luft. Der vorher so großspurige d´Artagnan hatte sich dadurch in ein zitterndes Nervenbündel verwandelt, und Athos hatte sich seiner angenommen, da der Junge ihm sehr leid tat und irgendwie väterliche Gefühle bei ihm weckte. Es war ihm völlig gleichgültig ob er selbst diesen Krieg überlebte oder nicht, doch er wollte versuchen den Gascogner durchzubringen, da der Junge noch sein ganzes Leben vor sich hatte. Athos hatte in den letzten Monaten hier in Verdun mit ansehen müssen, wie Männer gestorben waren, weil sie verseuchtes Regenwasser aus Granattrichtern oder ihren eigenen Urin tranken, weil sie nichts anderes mehr zu trinken hatten. Er hatte mehrere Tage ohne Nahrung auskommen müssen und oft tagelang seine Gasmaske tragen müssen, wenn die Deutschen wieder einmal Gas einsetzten. Ein Junge, der aus dem selben Dorf wie der Gascogner stammte, war gestern gefallen und seine Leiche lag noch irgendwo dort draußen. Athos machte sich Sorgen um d´Artagnan, befürchtete, dass dieser den Verstand verlieren könnte. Das war hier schon mehrmals vorgekommen, dass junge Männer ins Lazarett gebracht werden mussten, weil sie sich in sabbernde, stammelnde Wesen verwandelt hatten, die nicht einmal mehr ihren eigenen Namen aussprechen konnten, die ständig zitterten und deren Blicke immer ins Leere gingen.

Für Athos war es bereits das dritte Weihnachten im Felde, doch der arme Gascogner hatte im letzten Jahr das Fest im Kreise seiner Familie, sicher und geborgen an einem warmen Kamin, gefeiert.
Der Junge schniefte leise und blickte mit Augen, die wie die eines verängstigten Rehs wirkten, zu ihm auf.
“Ich will nach Hause! Ich hätte nicht gedacht, dass der Krieg so brutal ist, so grausam und so blutig! Ich dachte es ist wie in den Abenteuerromanen die ich immer gelesen habe, ein bisschen Scharmützel und dann kann man nach Hause gehen und ist ein Held. Ach, warum habe ich nicht auf Vater und Mutter gehört…..ich bitte dich, Athos, rede mit unserem Hauptmann und sage ihm, ich hätte mich geirrt und will nach Hause gehen. Ich halte das nicht mehr aus, ich werd hier noch verrückt! Ich will nicht sterben! Ich habe Angst! Ich will nicht so sterben wie mein Freund Gaston, dem die Eingeweide aus dem Bauch quollen, während er sich die Seele aus dem Leib schrie! Ich bin doch freiwillig hier, da muss man mich doch gehen lassen!”
Er schüttelte traurig den Kopf, weil er genau wusste, dass er nichts für den Jungen tun konnte. Dieser hatte sich zwar freiwillig gemeldet, doch wer das tat, konnte das Regiment nicht einfach so wieder verlassen.
Porthos schenkte dem Jungen ein aufmunterndes Lächeln und klopfte ihm auf die Schulter.
“Bald kannst du wieder nach Hause, d´Artagnan. Die Deutschen können Verdun niemals einnehmen, es sind schon so viele gefallen und hier wird es genauso laufen wie vor zwei Monaten bei unseren Kameraden in Fort Dounaumont…schon in ein paar Tagen können wir gewiss als Sieger nach Hause zurückkehren.”
“Im Krieg gibt es keine Sieger, sondern auf beiden Seiten nur Verlierer”, erwiderte Athos mit düsterer Miene.
“Da kann ich Athos nur zustimmmen”, meinte Aramis, der an die stollenartige Wand des Schützengrabens gelehnt saß und an einem Gedicht schrieb, “dieser Krieg ist so sinnlos wie alle Kriege und wir sind nichts weiter als Schachfiguren der Mächtigen, Lämmer die man zur Schlachtbank führt. Diejenigen die diesen Krieg angezettelt haben, müssen jetzt nicht im Schützengraben frieren und hungern, die feiern mit ihren Familien am warmen Kamin Weihnachten, schlagen sich den Bauch mit gutem Essen voll und trinken Rotwein. Wenn die einmal die Schrecken des Schlachtfeldes am eigenen Leib erfahren müssten, hätte ihre Kriegstreiberei gewiss ein Ende.”
“Ja, und das Schlimmste ist, dass sie uns gegen unseren Willen in diesen Krieg zwingen”, meldete sich Jean-Baptiste Soleil, ein breitschultriger Mann, in dessen braunem Haar sich erste graue Strähnen zeigten, zu Wort “bei der Musterung haben sie mich als kriegstauglich eingestuft und ich konnte nichts dagegen tun. Ich hätte lieber weiter als Lehrer in Paris gearbeitet, als mir diesen Wahnsinn, dieses sinnlose Morden anzutun. Die wenigsten von uns sind aus freiem Willen hier.”
Der Mann hatte einen schlimmen Husten und sein Atem klang rasselnd, seine Chancen, lebend aus Verdun herauszukommen wurden mit jedem Tag geringer. Und er war nicht der Einzige, vielen machte die Kälte und Nässe in den Schützengräben schwer zu schaffen. Wenigstens hatten sie gestern neuen Proviant bekommen, Wein und altbackenes Baguette mit Wurst und Käse, doch schon nach Weihnachten würden die Rationen wieder kleiner ausfallen und vor allem aus Trockenfleisch und dünner Brühe bestehen. Es hatte zu schneien begonnen und ein schneidend kalter Wind wehte, in dicke Mäntel gehüllt suchten die Männer Schutz an den Feuerstellen im Schützengraben, die sie heute auch nur deswegen anzünden konnten, weil an diesem Tag die Gefechte ruhten. Viele schrieben Briefe an ihre Familien, andere saßen einfach nur da, starrten ins Leere und wischten sich gelegentlich verstohlen eine Träne von den Wangen.

Vor drei Jahren habe ich noch gemeinsam mit Anne gefeiert und mich für den glücklichsten Menschen der Welt gehalten, dachte Athos traurig. Damals hatte er noch nicht gewusst, dass ihre Liebe nur eine Chimäre war und er ihr gar nichts bedeutete. Sie hatte ihn mit dem Dorfpfarrer, den sie ihm gegenüber als ihren Bruder ausgegeben hatte, betrogen, und als er dahinterkam, hatte der Pfarrer rasch das Weite gesucht, und Athos hatte, nicht Herr seiner Sinne, von Wut und Enttäuschung beherrscht, seine Frau an einem Baum auf der Waldlichtung, auf der er die beiden ertappt hatte, erhängt. Das war in jenem Sommer gewesen, als Frankreich als Verbündeter Russlands in den Krieg eingetreten war. Er hatte sich unter falschem Namen als Freiwilliger gemeldet, nur wenige Tage nach Kriegsbeginn, und seitdem wurde er von Reue und Schuldgefühlen gequält. War es richtig gewesen, einfach davonzulaufen? Hätte er sich nicht stellen und die Strafe für seine grausame Tat verbüßen sollen?
Schneeflocken segelten sanft wie Federn zu Boden, wo sie eine dünne weiße Decke bildeten, die die Spuren des Blutes der am Vortag Gefallenen verdeckte.
“Wenn es an Weihnachten schneit, geht Vater immer mit mir und meinen jüngeren Brüdern nach draußen und wir machen eine Schneeballschlacht”, schniefte d´Artagnan, dem jetzt dicke Tränen über die Wangen liefen, “und wenn wir wieder hereinkommen wartet Mutter mit Bratäpfeln und heißem Punsch auf uns. Ach ich wünschte ich könnte jetzt bei ihnen sein, sie fehlen mir so sehr. Wahrscheinlich sehe ich sie niemals wieder.”
“Du wirst bald wieder bei ihnen sein”; versuchte der ehemalige Comte de La Fère dem Jungen Mut zu machen, “und das nächste Weihnachtsfest feiert ihr wieder alle zusammen.”
“So ein Unsinn, Athos, wir sind alle dem Tod geweiht”; mischte sich Marc Chablis, ein hagerer, stets missmutiger und gehässiger Kamerad ein, “früher oder später enden wir doch hier alle als Kanonenfutter. Erst recht solche Küken wie der Gascogner da, die kaum ihren ersten Bartflaum bekommen haben.”
“Halt den Mund”, fuhr Athos ihn verärgert an, “siehst du denn nicht, wie verängstigt er ist? Warum musst du es für ihn noch schlimmer machen?”
“Aber ich habe doch Recht”; beharrte Chablis, “damals, im Sommer vor zwei Jahren wurde uns gesagt, dass wir bis Weihnachten längst den Krieg gewonnen hätten und wieder zu Hause wären. Alles Lügen…hätte mir damals jemand gesagt, dass ich drei Weihnachten hintereinander in irgendwelchen Schützengräben hockend und um mein Leben bangend verbringen muss, hätte ich mich sofort, nachdem ich meinen Einberufungsbefehl erhielt, nach Amerika abgesetzt.”
Athos hielt den weinenden Gascogner fest in den Armen, wie ein Vater der seinen Sohn tröstet, und es tat ihm im Herzen weh, dass er dem armen Jungen nicht helfen konnte den Schrecken des Krieges zu entkommen und zu seiner Familie zurückzukehren. Er war der Meinung, dass es eine Schande war, dass man solche Jungen, die noch halbe Kinder waren, überhaupt als Freiwillige aufnahm.

Allmählich wurde es dunkel und zwei Feuerstellen und ein paar tragbare Petroleumlampen bildeten die einzige Lichtquelle in den Schützengräben. In der Ferne konnte man in den Gräben der Feinde ebenfalls das Flackern mehrerer Lichter erkennen und außerdem hörte man festliche Gesänge.

“Stille Nacht, Heilige Nacht,
Alles schläft, Einsam wacht
Nur das traute hochheilge Paar,
holder Knabe im lockigen Haar,
schlaf in himmlischer Ruh”,
schlaf in himmlicher Ruh”

Die deutschen Soldaten sangen ein weltbekanntes Weihnachtslied, ihren Gesang konnte man bis zu den Schützengräben der Franzosen hören, die zwar fast alle den deutschen Text nicht verstanden, denen die Melodie jedoch geläufig war, eine Melodie, mit der sie die Erinnerung an glücklichere Weihnachtsfeste im Kreis ihrer Familien und Freunde verbanden. Vielen liefen Tränen über die Wangen, so sehr bewegte das Lied sie, in diesem Moment schienen Krieg und Leid vergessen zu sein, wenn auch nur für wenige Augenblicke. Einige begannen nun ihrerseits den Text auf französisch zu singen und immer mehr Soldaten fielen in den Chor mit ein. Für viele bedeutete dieser Moment, das Singen dieses Weihnachtsliedes einen inneren Frieden, den sie schon lange nicht mehr empfunden hatte. An Kämpfen dachte an diesem Abend niemand.
Behutsam löste Athos sich aus der Umarmung des Gascogners.
“Kann ich diese geschmückten Tannenzweige haben, die deine Mutter dir geschickt hat?”; fragte er den Jungen, “ich gebe sie dir später zurück.”
d´Artagnans Mutter hatte ihm neben den Zweigen, bei denen schon ein paar Nadeln ausgefallen waren, auch noch einige Süßigkeiten geschickt, die er mit seinen Kameraden geteilt hatte.
Der Gascogner nickte nur, er befand sich noch immer in einer Schockstarre, so dass ihm gleichgültig war, was mit den Zweigen geschah.
Mit einer brennenden Kerze in der einen und den Zweigen in der anderen Hand kletterte er aus dem Schützengraben heraus, seine Schritte knirschten im frisch gefallenen Schnee als er in Richtung der Schützengräben in denen die Deutschen lagerten ging.
“Athos, was tust du denn da? Die werdern dich abknallen wie einen räudigen Hund!”, rief Aramis, “wirf dein Leben nicht so weg!”
Als der ehemalige Comte unbeirrt weiterging, folgten Porthos und Aramis trotz ihrer Angst ihrem Freund um ihn zurückzuholen.
Auf halbem Weg zwischen den Schützengräben der Deutschen und dem der Franzosen blieb dieser schließlich stehen und rief laut auf Deutsch:
“Ich komme als Freund zu euch, zumindest am heutigen Abend. Ich bin der Meinung, dass wir in der heiligen Nacht ein Zeichen der Versöhnung setzen und zusammen feiern sollten. Heute stehen wir uns nich als Feinde gegenüber, sondern als verängstigte, traurige Männer die einfach nur heim zu ihren Familien wollen und die sich nach dem Ende des Krieges sehnen.”
Als die Deutschen diese Worte vernommen hatten, hörten sie auf zu singen und es herrschte eine ganze Weile lang beklemmendes Schweigen. Mittlerweile hatten Aramis und Porthos ihren Freund erreicht und versuchten ihn zum Schützengraben zurückzuzerren.

Doch genau in diesem Moment kamen drei deutsche Soldaten, die in dicke Uniformmäntel gehüllt waren und die für die deutsche Armee typischen Pickelhauben auf dem Kopf trugen, mit zaghaften Schritten auf die drei französischen Musketiere zu, ihre tief in den Höhlen liegenden Augen schweiften misstrauisch über die Umgebung, fast so als ob sie einen Hinterhalt vermuten würden. Eine ganze Weile standen sich Deutsche und Franzosen gegenüber und niemand sagte ein Wort.
Der Comte begann sich zu fragen, ob er nicht etwas voreilig gehandelt hatte. War es überhaupt möglich, dass Männer, die noch am Vortag aufeinander geschossen hatten, jetzt gemeinsam den heiligen Abend feierten?
“Unsere Offiziere haben für heute Waffenstillstand angeordnet, und wenn das hier eine Falle ist wird es euch Franzmänner teuer zu stehen kommen”, meinte einer der Deutschen, während er die Musketiere argwöhnisch musterte.
“Beruhige dich Heinrich”; meinte einer seiner Kameraden und legte ihm beschwichtigend die Hand auf die Schulter, “ich glaube dieser Franzose meint das wirklich ernst. Zumindest heute scheinen sie nicht als Feinde zu uns kommen. Ein Mann der uns erschießen will, kommt wohl kaum mit Tannenzweigen und Kerzen zu uns.”
Der dritte Deutsche stand nun direkt vor Athos und betrachtete wehmütig die festlich geschmückten Tannenzweige in dessen Hand.
“Können Sie mir einen Zweig geben?”, bat er ihn, “der Geruch von Tannenzweigen erinnert mich an glücklichere Weihnachtsfeste, die ich im Kreis meiner Familie verbracht habe. Ach, könnte ich jetzt nur in Berlin sein.”
Der Comte nickte verständnisvoll und reichte ihm einen der Zweige, daraufhin rieb der Mann mit den Fingerkuppen an den Nadeln, dann schnupperte er an dem Zweig und seufzte wehmütig.
Auf beiden Seiten lugten jetzt die Soldaten aus ihren Schützengräben, alle waren angespannt und fragten sich, was diese sechs Männer beider Nationen dort gerade taten. Ein paar Soldaten kletterten jetzt aus ihren Gräben heraus, schulterten ihre Gewehre und kamen vorsichtig näher. Alle hatten Angst, dass jemand die Waffenruhe brechen könnte und sie am heiligen Abend, an dem alle sich ausruhen und an ihre Familien denken wollten, doch noch kämpfen mussten.
“Wie wäre es, wenn wir hier ein Feuer machen und etwas essen?”; schlug der stets hungrige Porthos vor, “diese Stelle ist gut, hier ist nirgendwo eine Granate eingeschlagen und Tote liegen hier auch keine.”
“Ich hoffe nur wir bekommen keine Schwierigkeiten mit Treville”, gab einer der französischen Soldaten, die sich inzwischen zu den drei Unzertrennlichen gesellt hatten, zu bedenken, “gewiss wird er es uns als Verrat auslegen wenn wir mit den Preußen feiern, und ihr wisst ja, dass Verräter genau wie Deserteure mit dem Tod bestraft werden.”
“Der Hauptmann ist ein vernünftiger Mann, er selbst hat die Waffenruhe für heute mit den deutschen Offizieren vereinbart”, erwiderte Athos, “sicherlich wird er uns nicht alle erschießen lassen, nur weil wir für eine Nacht die alte Erbfeindschaft vergessen und gemeinsam feiern.”
Unter den deutschen Soldaten, die sich vorsichtig und argwöhnisch der Gruppe näherten, waren auch einige Jungen wie der Gascogner, halbe Kinder noch, mit verstörten Gesichtern, deren Augen das Grauen widerspiegelten, das sie hier schon durchlebt hatten. Einer der Jungen, ein dünner Blondschopf, trug einen Verband am Kopf, und er zitterte am ganzen Körper.

Allmählich begannen die Soldaten beider Seiten, die zu der Gruppe kamen, zu begreifen, dass sich hier kein weiteres Gefecht sondern eine Art Frieden auf Zeit anbahnte. Männer beider Länder schüttelten einander die Hände wie alte Freunde. Einige, darunter auch Athos, gingen zurück in ihre Gräben um etwas Essbares und Feuerholz zu besorgen.
“Was geht hier eigentlich vor, Athos?”, wollte d´Artagnan wissen, der sich noch nicht aus dem Graben herausgewagt hatte, “was hast du da eben bei den Deutschen gemacht? Denen darf man nicht trauen, das sind alles grausame Kriegstreiber und hassen uns Franzosen. Die sind hinterhältig und bösartig und gemeingefährlich. In Tarbes hat einer meiner Lehrer immer gesagt, dass die Deutschen nichts lieber tun als französische Männer zu töten und französischen Frauen Gewalt anzutun.”
“Du solltest nicht alles glauben was deine Lehrer dir so erzählen. Heute haben wir Waffenstillstand und werden zusammen feiern und ich bin davon überzeugt, dass dieser Abend dir eine wertvolle Lektion bescheren wird die du niemals vergisst.”
“Was ist wenn das eine Falle ist und sie uns alle draußen in einen Hinterhalt locken um uns zu erschießen? Oder uns etwas Vergiftetes zu essen geben?”
“Das tun sie gewiss nicht, genau wie wir sehnen sie sich einfach nur nach etwas Ruhe und Frieden.”
Der Gascogner schmollte zwar noch, weil ihm diese Verbrüderung mit dem Feind ganz und gar nicht geheuer war, doch weil er vor Athos großen Respekt hatte und in ihm eine Art Ersatzvater sah, fügte er sich und half ihm und den anderen, Feuerholz, Baguettes, Trockenfleisch und Käse nach draußen zu bringen. Doch sein finsterer Blick verriet deutlich die Verachtung die er für die gegnerischen Soldaten empfand.
Die Deutschen steuerten Trockenfrüchte, altbackenes Schwarzbrot, ein paar Konserven mit Bohnen und Pfirsischen und ein Fass Bier bei. Wenig später saßen sie alle um ein wärmendes Feuer inmitten der Kraterlandschaft zwischen den beiden Schützengräben und ließen sich diese Sachen schmecken. Es war für keinen der Männer viel, dennoch beklagte sich niemand, da die meisten an solche Entbehrungen schon gewöhnt waren. Alle merkten nun, wie ähnlich sie und ihre Schicksale einander waren, dass es zwischen ihnen und ihren Ländern mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede gab. Neben Athos saß ein Mann namens Eugen Schwickerath, der aus Frankfurt kam, wo er eine eigene Schneiderei besaß. Nachdem er und Athos gemeinsam mit Wein angestoßen und getrunken hatten, zeigte der Mann ihm stolz lächelnd ein Bild von seiner Frau und seinen Töchtern. “Ich kann es kaum erwarten die drei wiederzusehen. Nächsten Monat wird meine Erna sechs Jahre alt und ich hoffe, dass ich dann Heimaturlaub erhalte. Sind Sie eigentlich verheiratet, Monsieur Athos?”
“Nein, ich lebe alleine”; erwiderte Athos, während er an seinem Wein nippte, “ich bin der Meinung dass Frauen sowieso nur Unglück bringen, besonders die Blonden. Nein, das ist nichts für mich.”
“Warten Sie nur ab, bis Ihnen die Richtige begegnet”, meinte Eugen versonnen lächelnd, “dann werden Sie die Sache mit Sicherheit ganz anders sehen.”
Porthos plauderte mit einem Deutschen der in München als Koch arbeitete, während Aramis sich mit einem Jungen aus Münster unterhielt, der genau wie er eine große Leidenschaft für die Dichtkunst hegte. Ein paar Männer beider Nationen hatten sich zu einem Würfelspiel zusammengesetzt und wieder andere unterhielten sich voller Stolz über ihre Familien. Da ein Teil der Deutschen ein Gymnasium besucht und dort Französisch gelernt hatte, konnten die Soldaten sich ohne Probleme miteinander verständigen. Treville und die deutschen Offiziere duldeten diese kleine Feier, gesellten sich jedoch nicht dazu sondern blieben in ihren jeweiligen Schützengräben.

“Ist das nicht absurd, dass wir morgen schon wieder gegeneinander kämpfen sollen?”; sagte Eugen Schwickerath nach einer Weile zu Athos, “nach diesem Abend wird mir der Krieg noch sinnloser erscheinen als zuvor.”
Vor zwei Jahren hätte niemand, weder Deutscher noch Franzose etwas derartiges geäußert, und eine friedliche Zusammenkunft beider Nationen wäre nicht möglich gewesen, da sie damals noch alle von Kampfeswillen erfüllt gewesen waren und beseelt vom Hass auf die Gegner. Aber nach fast zweieinhalb harten, entbehrungsreichen von Leid und Tod erfüllten Jahren waren beide Seiten kriegesmüde und sahen die Dinge aus einem etwas anderen Blickwinkel.
“Ja, mir wird das Töten jetzt auch noch schwerer fallen”, stimmte Athos traurig zu, “ich wünschte es gäbe endlich Frieden.”
Doch leider konnten die Soldaten gegen diesen Wahnsinn nichts tun, denn wer sich weigerte zu kämpfen oder desertierte der wurde erschossen.
“Ich werde mich immer an diesen Abend erinnern”, meinte Schwickerath sichtlich nachdenklich, “noch vor zwei Jahren hielt ich euch Franzosen für brutale grobe Monster, doch jetzt sehe ich die Dinge anders. Genau wie wir wollt ihr einfach nur in Frieden mit euren Familien leben.”
“Frieden wünschen wir uns doch alle”, antwortete Athos, der genau wusste, dass er diesen Frieden nach Annes Tod niemals finden würde. Trotzdem wünschte er sich für all diese Männer beider Nationen, dass sie bald zu ihren Familien zurückkehren konnten.
Währenddessen schrieben Aramis und der junge Deutsche namens Martin Berger zusammen ein Gedicht in französischer Sprache und Porthos und der Koch entwickelten ein gemeinsames Rezept für eine delikate Pastete.
Nur der Gascogner sprach mit niemandem, doch er wirkte nicht mehr ganz so grimmig wie zuvor sondern eher nachdenklich. Nach all den Schauergeschichten die seine Lehrer in Tarbes ihm über die Deutschen erzählt haben, war es für ihn seltsam, sie jetzt dermaßen menschlich zu erleben.
Bier und Wein machten bei Deutschen und Franzosen die Runde, und nachdem alle ihre Rationen aufgegessen hatten, sagen sie noch einmal zusammen “Stille Nacht-Heilige Nacht”, sowohl auf Deutsch als auch auf Französisch. Die Männer teilten die Pakte mit Süßigkeiten die sie von ihren Familien bekommen hatten, untereinander auf, und so kam es, dass manch ein Deutscher zum ersten Mal in seinem Leben Macarons aß, und manch ein Franzose seine erste Nussecke.
Nach zwei Stunden brannte das Feuer allmählich herunter und die Männer begannen trotz ihrer dicken Mäntel zu frieren. Deutsche und Franzosen umarmten einander oder schüttelten die Hände, bevor sie zu ihren jeweiligen Schützengräben zurückkehrten, sogar der Gascogner schüttelte zaghaft einem jungen Deutschen zum Abschied die Hand.

Als sie wieder im Stollen des Schützengrabens waren und sich hinlegten um noch ein paar Stunden Schlaf zu finden, wandte sich der Gascogner an seinen väterlichen Freund.
“Du hattest Recht, Athos, ich habe heute wirklich eine wertvolle Lektion erhalten. Ich war ganz überrascht wie freundlich diese Deutschen waren, ich hatte sie mir eher wie Raubtiere vorgestellt, gefährlich und durch und durch böse. Ich will nicht mehr gegen sie kämpfen und es macht mich traurig, dass ich das ab morgen wieder tun muss. Wir feiern zusammen Weihnachten, nur um dann am nächsten Tag einander wieder erschießen zu müssen, das ist doch absurd.”
“Ja, da hast du Recht, das ist wirklich absurd. Ich wünschte auch, wir müssten es nicht tun. Aber ich glaube daran, dass der Krieg nächstes Weihnachten zu Ende sein wird. Es sind jetzt fast zweieinhalb Jahre, da müsste es jeden Tag vorbei sein.”
“Ich hoffe auch, dass es bald vorbei ist”; sagte Porthos, “Paul Michels hat mich nämlich nach München eingeladen sobald der Krieg vorbei ist, dann will er mir ein vorzügliches Menü kochen. Nach der ganzen faden Konservenkost der letzten Jahre wird das eine wahre Wohltat sein.”
“Und ich werde nach dem Krieg wieder in den Jesuitenorden eintreten”, meinte Aramis, “nachdem ich fast zwei Jahre an der Front war, kann ich gar nicht mehr verstehen, warum ich mich über das Leben im Orden immer so beklagt habe. Alles ist besser als hier im Schützengraben zu liegen.”
“Ich bin froh, dass du jetzt weißt, dass sie Menschen sind wie wir auch, d´Artagnan, “nach dem heutigen Abend will ich mir den Glauben daran bewahren, dass Deutsche und Franzosen eines Tages einander die Hände reichen und in Frieden leben werden.”
“Diese Erbfeindschaft wird mit Sicherheit irgendwann ein Ende haben”; meinte Aramis und blickte nachdenklich seine Freunde an, “aber bis dahin muss wohl leider noch viel Wasser die Seine hinunterfließen.”
Der Gascogner blickte zaghaft zu den drei Unzertrennlichen.
“Ich bin euch dreien so dankbar, dass ihr euch um mich gekümmert habt, als ich verrückt zu werden glaubte, ich hoffe, ich kann mich dafür irgendwann bei euch revangieren. Einer für alle und alle für einen, das soll ab heute unser Motto sein, was meint ihr?”
“Einer für alle, alle für einen, ein wirklich guter Wahlspruch”; meinte Athos lächelnd, “unsere Freundschaft ist in diesem Krieg das Einzige das uns Halt bieten kann, uns Kraft gibt wenn wir verzweifelt sind, und deswegen ist dieser Spruch wohl ganz zutreffend.”
Porthos und Aramis nickten. “Ja, einer für alle, alle für einen, das klingt sehr ermutigend, zeigt, dass wir einander haben und nicht alleine sind.”
Und von dieser Nacht an waren es nicht mehr drei Unzertrennliche sondern vier Unzertrennliche, die stets füreinander einstanden und in ihrer Freundschaft ein Bollwerk gegen die Schrecken des Krieges sahen. Und keiner der vier vergaß jemals die Nacht jenes Weihnachtsfriedens, noch Jahre später erinnerten sie sich oft daran und fragen sich, was wohl aus jenen deutschen Soldaten, mit denen sie damals gefeiert hatten geworden war.

 

25. Frére Jaques

Blois, 23. Dezember 1649

Seit zwei Tagen schneit es nun schon fast ununterbrochen, selbst der dicke, mit Flicken ausgebesserte Mantel, den mir eine barmherzige alte Frau vor drei Wochen geschenkt hat, bietet keinen ausreichenden Schutz vor der schneidenden Kälte. Ich habe es so satt, heimat-und namenlos durchs Land zu irren, ohne ein Ziel oder Hoffnung auf ein besseres Leben zu haben. Meine letzte, recht kärgliche Mahlzeit liegt anderthalb Tage zurück und mein leerer Magen verlangt mit lautem Knurren Nahrung. Ich bin erleichtert als ich endlich die Stadt Blois erreiche, denn meine Knie sind ganz weich und ich habe das Gefühl, keinen Schritt mehr gehen zu können und jeden Moment in Ohnmacht zu fallen. Morgen ist Weihnachten und dann sind die Menschen meistens mildtätiger als sonst, da wird mir bestimmt irgendjemand ein Geldstück oder eine Scheibe Brot schenken. Ach, was gäbe ich nicht alles dafür zu erfahren wie ich im letzten Jahr den Heiligen Abend verbracht habe. Womöglich im Kreis meiner Familie, die mich jetzt schmerzlich vermisst und sich fragt was aus mir geworden ist? Ob ich wohl Kinder habe? Eine Frau die um mich weint? Ich kann mich an nichts erinnern, dennoch habe ich das vage Gefühl, dass es irgendein Geheimnis in meinem Leben geben muss, das für mich nun völlig im Dunkeln liegt.
Ich bin davon überzeugt ein Adeliger zu sein, denn als mich am ersten Februar ein Fischer aus dem Meer gezogen hat, trug ich Kleidung aus bestem Samt. Ich war schwerverletzt, ein Dolch steckte in meinem Bauch, die Familie des Fischers hat mich gesundgepflegt. Heute frage ich mich manchmal, ob es nicht besser für mich gewesen wäre, wenn ich nicht überlebt hätte. Ich weiß nicht einmal meinen Namen, weiß nicht wie alt ich bin, oder wo ich geboren wurde und wer meine Eltern waren. Und mir ist klar, dass meine Chancen, jemals auf jemanden zu treffen, der mich in meinem früheren Leben kannte, sehr gering stehen. Ich habe keine Vergangenheit mehr und vermutlich auch keine Zukunft. Nach meiner Genesung musste ich die Familie des Fischers verlassen und bin seitdem völlig auf mich alleine gestellt. Ich habe versucht Arbeit zu finden, aber niemand wollte mir welche geben, auf dem Land wurde ich als Ortsfremder überall misstrauisch beäugt und später wegen meines abgerissenen Äußeren verjagt, und in den Städten suchen so viele nach Arbeit, dass ich keine Chance bekam, da ich mittlerweile wie ein Landstreicher aussehe. Wie soll ich jemals wieder aus diesem Dilemma herausfinden? Vor ein paar Tagen habe ich in einer Scheune übernachtet und hatte einen seltsamen Traum. Ich stand auf einem Richtblock auf einem großen, von Fachwerkhäusern gesäumten Platz, auf dem sich eine gaffende Menge versammelt hatte und enthauptete einen Mann, nachdem er das Wort “Remember” gesagt hatte. War ich womöglich ein englischer Henker, der beschlossen hatte, seinem Leben als Geächteter den Rücken zu kehren? Falls dem so ist war es wohl ein Fehler, denn ein Geächteter bin ich immer noch, und außerdem leide ich Hunger und friere. Doch mir fehlt der Mut, meinem Elend ein Ende zu machen, so schrecklich dieses Leben auch sein mag, ich fürchte mich vor dem Tod, weil ich meine Vergangenheit nicht kenne. Habe ich womöglich Sünden begangen, die mich in die Hölle bringen werden?

Endlich habe ich Blois erreicht und befinde mich auf dem Markplatz vor der Kathedrale, auf dem an diesem Tag vor Weihnachten ein reges Treiben herrscht. Der Duft von Glühwein, Fleischpasteten, Schmalzgebackenem und gebrannten Mandeln liegt in der Luft. Die verheißungsvollen Düfte die mir in die Nase steigen sind für mich eine Tortur, und ich würde alles dafür geben, jetzt einen heißen, vor Fett triefenden Krafen oder ein Stück Fleischpastete zu essen, ja ich wäre selbst mit einem Stück Brot zufrieden. Ein Greis kauft für sich und seine zwei kleinen Enkelsöhne, wie ich aufgrund der Ähnlichkeit die die Kinder mit ihm haben vermute, süße Krapfen, und ich gehe rasch weiter, als ich sehe, wie die Kinder in das herrlich duftende Gebäck beißen. Beim nächsten Stand riecht es verführerisch nach heißem ‘Würzwein, am nächsten werden Mandeln geröstet und am nächsten gibt es glasierte Maronen zu kaufen. Ob ich wohl letztes Jahr auch mit Freunden oder Familie über so einen Markt geschlendert bin und mir Wein und Gebäck schmecken ließ? Wie auch immer mein Leben vor meinem Gedächtnisverlust gewesen sein mag, schlimmer als mein jetziges war es sicherlich nicht.
Lachende Menschen gehen an mir vorüber, satte, zufriedene Menschen, die auf dem Weg zu einem gemütlichen Zuhause mit einem wärmenden Ofen oder Kamin sind. Mühsam schleppe ich mich in Richtung Kathedrale, wo nur diejenigen Bettler, die sich die besten Plätze sichern, milde Gaben erhaschen können. Ich hoffe, dass noch nicht so viele da sind, denn ich bin zu schwach um mich um einen der Plätze zu prügeln. Es wäre fatal, wenn es mir heute wieder so ergeht wie so häufig in den letzten Monaten…wenn ich wieder von den anderen Bettlern verjagt werde, weil ich mich nicht wehren kann. Aber wie soll man sich wehren, wenn man seit Tagen nichts gegessen hat und nicht einmal ordentlich Schläge austeilen kann?
Mir wird ganz weh ums Herz, als ich sehe, wie eine Mutter, eine schöne blonde Frau, kaum älter als zwanzig, mit einem kleinen Jungen an der Hand über den Markt schlendert, hinter ihnen laufen zwei Diener hier, die ihre Einkäufe tragen. Der Knabe, ein wohlgenährtes Kind mit rosigen Wangen, hält einen leuchtend roten Liebesapfel, dessen Zuckerüberzug im fahlen Licht der Wintersonne glänzt, in der Hand, der kleine Mund ist mit Zucker verschmiert. Bei diesem Anblick entsteht vor meinem inneren Auge ein Bild, von dem ich nicht sagen kann, ob es eine Erinnerung oder nur ein Wunschtraum ist. Ich sehe mich selbst auf dem Schoß einer blonden Frau sitzen, die mich liebevoll mit kandierten Früchten füttert und mir immer sagt wie lieb sie mich hat. Aber dieses Bild widerspricht ganz und gar einem anderen, das ich ständig vor Augen habe. Dem eines kleinen Jungen, der weinend auf einem belebten Marktplatz steht, ganz alleine und in zerfetzter Kleidung, ein mageres Kind, das niemanden hat der es liebt, keinen der für es sorgt. Daraus schließe ich, dass entweder keines der beiden Bilder eine Erinnerung ist, oder nur eines davon. Werde ich das jemals herausfinden? Doch selbst wenn es nur ein Wunschtraum ist, ich will dieses Bild von der blonden, liebevollen Frau, deren Namen ich nicht kenne, in meinem Herzen bewahren, ganz gleich ob sie jemals real war oder nicht.
Obwohl ich mich mittlerweile einer Ohnmacht nahe fühle, kämpfe ich mich durch Schnee und Menschenmassen bis zu den Stufen der Kathedrale durch, doch an diesem Tag ist mir, wie immer, kein Glück beschieden. Die besten Plätze sind längst besetzt und mehrere Bettler haben sich Feuer angezündet, um die sie sich dicht an dicht drängen und ihre Hände und Füße wärmen. Viele von ihnen tragen völlig durchlöcherte Kleidung und haben keine Mäntel, was bei dieser Kälte natürlich fatal ist. Ich habe längst bittere Erfahrungen mit anderen Bettlern hinter mir und weiß deswegen, dass es mich teuer zu stehen käme, wenn ich mich einer der Feuerstellen zu nähern versuche. Mein Mantel ist für diese Bettler ein heiß begehrtes Gut, und ich weiß, dass sie sich zusammenrotten und ihn mir wegnehmen würden, wenn ich mich ihnen nähere. Die meisten Bettler sieht man immer nur in Gruppen, weil das Leben auf der Straße alleine viel zu gefährlich ist, und weil ich keiner Gruppe angehöre, bin ich für sie ein leichtes Opfer. Also suche ich mir einen der entlegenen Plätze, die schon ein Stück vom Marktpatz entfernt liegen, in der Hoffnung, dass dort eine barmherzige Seele vorbeikommt und mir eine milde Gabe gibt. Und selbst dann muss ich vorsichtig sein, denn wenn die anderen sehen, dass ich etwas bekommen habe, dann werden sie versuchen es mir abzunehmen. Die Gesetze der Straße sind hart und nur die Stärksten überleben. Wenn mein Schicksal nicht bald eine positive Wendung nimmt, werde ich das neue Jahr nicht mehr erleben. Ich brauche dringend neue Stiefel, nahrhafte Mahlzeiten und ein Dach über dem Kopf, für einen Bettler wie mich, ein Mann ohne Vergangenheit, ein schwieriges, wenn nicht gar ummögliches Unterfangen.
Tränen steigen mir in die Augen, als ich höre, wie irgendwo auf dem Markt ein paar Kinder das Weihnachtslied “Gloria in Exelsius Deo” anstimmen. Weihnachten…für die meisten ist es ein schönes Fest, das sie im Kreise von Freunden und Familie feiern können, doch für mich ist es genau wie jeder andere Tag, ein harter Kampf ums Überleben. Falls ich eine Familie habe…wie werden sie wohl das erste Fest ohne mich verbringen? Werde sie auf meinen Platz ein Gedeck stellen obwohl ich nicht da bin und im Gedenken an mich eine Kerze anzünden? Doch irgendwie bin ich mir nicht sicher, ob ich eine Familie habe…manchmal habe ich schlimme Alpträume in denen ich schreckliche Dinge tue….was, wenn das nicht nur Träume sind, sondern ich diese Dinge wirklich getan habe? Manche meiner Träume deuten darauf hin, dass ich ein Wandermönch war, in anderen bin ich ein Offizier, in wieder anderen ein Henker…wie kann das sein? Das können unmöglich alles Erinnerungen sein, das kann ich ummöglich alles gewesen sein. Diese Träume helfen meinem Gedächtnis keineswegs auf die Sprünge, sie irritieren mich nur noch mehr. Wer bin ich früher gewesen? Und will ich das überhaupt wissen? Oder würde dieses Wissen mich mit schauderhaftem Entsetzen erfüllen?

Nach einer Weile kommt endlich jemand an der abgelegenen Stelle, an der ich mich positioniert habe, vorbei und ich strecke meine Hand aus und blicke flehend zu den Leuten, ein, der Kleidung nach zu urteilen, gut betuchtes älteres Ehepaar, auf.
“Bitte, Monsieur, Madame…ich habe Hunger, ich habe Durst, ich bitte euch, gebt mir eine milde Gabe, damit ich mir etwas zu essen kaufen kann. Gott wird es euch vergelten.”
Der Mann blickt mürrisch auf mich herab und ich kann in seinen Augen deutlich die Verachtung sehen, die er für mich und andere Bettler empfindet.
“Faules Bettlerpack, wenn du essen willst, dann arbeite gefälligst!”
Mit diesen Worten geht er, seine Frau am Arm eingehakt, einfach weiter und weder er noch sie blicken noch einmal zurück.
War ich früher möglich genauso mitleidlos, wenn ich Bettler gesehen habe? Ich bin sicher, dass ich nicht immer ein Bettler gewesen bin, dass auch ich einmal der besseren Gesellschaft angehörte. Doch davon ist längst nichts mehr zu sehen, meine einst so schönen und zarten Hände sind jetzt voller Schwielen.
Nach einer gefühlten Ewigkeit, während der mehrere Menschen an mir vorbeigegangen sind und keine milde Gabe hatten(manche haben mich sogar noch beschimpft) gebe ich es auf. Selbst an Weihnachten scheinen die Bürger von Blois kein Herz für die Armen zu haben. Als ich aufstehe, beginnt sich alles vor meinen Augen zu drehen und ich muss mich an der steinernen Wand der Kathedrale festhalten um nicht in Ohnmacht zu fallen. Es dauert eine ganze Weile, bis ich mich endlich etwas sicherer auf dein Beinen fühle und der Schwindel nachlässt. Langsam, mit ganz kleinen Schritten, gehe ich auf den Markplatz zurück. Mir wird klar dass ich stehlen muss, wenn ich heute noch etwas zwischen die Zähne bekommen will. Das habe ich schon häufiger getan, und einmal wäre ich fast erwischt worden. Für Diebstahl kommt man in vielen Städten und Dörfern an den Galgen, doch wenn ich nicht stehle, werde ich sowieso sterben müssen, also kann ich das Risiko auch genausogut eingehen. Der Tod am Galgen geht wenigstens schnell, während Verhungern oder Erfrieren ein sehr qualvoller Tod ist.

Ich lasse mir Zeit, schaue mir die Menschen auf dem Markt genau an. Und schließlich entdecke ich zwei sehr vornehm gekleidete Edelmänner, die am Stand mit dem Würzwein stehen und miteinander anstoßen. Der ältere, in dessen schulterlangem schwarzen Haar sich die ersten grauen Strähnen zeigen, ist, der Ähnlichkeit nach zu urteilen, vermutlich der Vater des Jüngeren. Beide tragen gut gefüllte Geldkatzen am Gürtel, wenn ich nur eine davon erbeuten könnte, hätte ich für mehrere Wochen ausgesorgt. Zum Glück beachten die beiden mich gar nicht, als ich mich näher heranschleiche, sie sind in ein Gespräch vertieft, bei dem der junge Mann dem älteren gegenüber von einer Frau oder einem Mädchen namens Louise schwärmt, und seine Augen haben dabei einen dermaßen verklärten Glanz, dass er seine Umgebung kaum noch wahrnimmt und der andere, der Vater, steht mit dem Rücken zu mir. Es ist riskant, aber ich muss es einfach wagen, hierbei kommt es vor allem auf Schnelligkeit an. Ich gehe ganz langsam, dank meines dicken Mantels wirke ich wie ein ganz normaler Marktbesucher und nur wer genauer hinschaut erkennt dass ich ein Bettler bin. Langsam gehen, sich unauffällig verhalten, darauf kommt es jetzt an…und dann dem Älteren, der mit dem Rücken zu mir steht, die Geldkatze vom Gürtel zerren und dann so schnell ich nur kann davonrennen. Ich bin zwar sehr geschwächt, aber die Aussicht, mich danach in einem Gasthaus aufwärmen und mir ein richtig gutes Essen leisten zu können, belebt mich wieder ein wenig. Coqu au Vin oder Gänsebraten mit Rotkohl und Klößen…oder einen knusprig gebratenen Kapaun, gefüllt mit Pflaumen und Kastanien..und danach ein warmes Bett im Gasthaus…ja, das ist genau das was ich jetzt brauche.
Doch es geht alles schief, nichts läuft so wie ich es geplant hatte. Als ich den Älteren schon fast erreicht habe, bemerkt der Jüngere mich und wird ganz blass um die Nase. Dabei habe ich noch gar nichts getan, noch gar nicht nach der Geldkatze gegriffen.
“Da…Vater…seht…dort…er…”
Als der Ältere sich umdreht, wird er ebenso blass, als er mich sieht. Die beiden kennen mich, soviel ist eindeutig, und anhand ihrer Blicke kann ich erkennen, dass es keine angenehme Bekanntschaft ist. Aber sei es drum…anscheinend wissen sie wer ich bin, und selbst wenn sie mir nicht wohl gesonnen sind, so muss ich versuchen, sie irgendwie dazu zu bringen, mir zu sagen wer ich bin.

Also nehme ich meinen ganzen Mut zusammen, atme tief durch und bleibe bei den beiden stehen.
“Monsieurs, kennen wir uns womöglich? Ihr müsst wissen, dass ich das Gedächtnis verloren habe und alles dafür geben würde, wenn mir jemand helfen könnte, meine Identität wieder zu finden. Und als ihr mich so angesehen hattet, hatte ich gleich das Gefühl, dass ihr beide mich kennt.”
“Nein, wir kennen Euch gewiss nicht, Monsieur”; erwiderte der Ältere der beiden mit ernster Miene, “mein Sohn hat Euch nur mit jemandem verwechselt, jemanden der schon lange tot ist.”
Wenn das wirklich so ist, warum wirken die beiden bei meinem Anblick so erschüttert?”
“Ich bitte Euch, Monsieur, wenn Ihr etwas wisst, dann sagt es mir. Es ist schrecklich, nicht zu wissen wer man ist und woher man kommt. Ich weiß nicht, ob ich irgendwo eine Familie habe die auf mich wartet. Falls Ihr etwas wisst, dann sagt es mir, ich muss es einfach wissen.”
Vater und Sohn tauschen ratlos wirkende Blicke miteinander und als ich das sehe bin ich mir sicher, dass sie etwas über meine wahre Herkunft wissen. Aber ich spüre auch, dass es da irgendetwas Schlimmes gibt, etwas, das sie zurückhält mir die Wahrheit zu sagen. Ist die Wahrheit denn wirklich so bitter, dass man sie vor mir verschweigen muss? Diese Dinge, die ich nachts in meinen Alpträumen gesehen habe, was davon ist wahr?
“Wie habt Ihr denn das Gedächtnis verloren?”, fragt der ältere Mann mich, während er mich eingehend mustert.
Ich erzähle ihn und seinem Sohn davon, wie ich von einem Fischer aus dem Meer gezogen wurde, schwer verletzt, mehr tot als lebendig, und wie dessen Familie mich gesund pflegte, und wie ich seitdem ohne Ziel und ohne Zuhause oder Geld durchs Land ziehe, in der Hoffnung, dass mich irgendwann irgendwo jemand erkennt.
Und als ich den älteren Mann näher betrachte, beschleicht auch mich irgendwie das Gefühl, dass ich ihn schon gesehen habe, aber ich kann nicht sagen, wann und wo das gewesen ist.
Vater und Sohn stecken die Köpfe zusammen und tuscheln miteinander, nach einer ganzen Weile, die mir wie eine Ewigkeit erscheint, wendet der ältere Edelmann sich mir wieder zu.
“Ja, wir kennen Euch, das habt Ihr schon richtig erkannt. Ihr seid ein Wandermönch, Euer Name ist Jaques Picard, und Ihr seid uns vor einem Jahr in Calais begegnet, um ein Schiff zu betreten, das Euch in die neue Welt bringen wird.”

Als ich das höre fällt mir ein Stein vom Herzen. Ich war also ein harmloser Wandermönch und nicht ein Henker oder ein Serienmörder?
“Ja, das ergibt Sinn”, rufe ich aufgeregt aus, “ich hatte auch in der Nacht oft Träume, in denen ich als Mönch auf einem Esel durch die Lande geritten bin. Ach, ich bin froh, dass die anderen Träume die ich hatte, die ganz schrecklichen, offenbar doch nur Albträume waren und nicht mehr. Aber wie genau haben wir uns kennengelernt?”
“Wir haben in einem Gasthaus in Calais zusammen gegessen. Mein Vater und ich haben Verwandte in der Umgebung besucht und da bei Euch am Tisch noch Platz war, saßen wir im Gasthaus neben Euch und haben zusammen ein Glas Wein getrunken.”
“Aha, deswegen kommt ihr beide mir also so bekannt vor, Monsieur le Comte”; erwidere ich freundlich lächelnd, ach, wie froh ich doch bin, endlich jemanden zu treffen der mich kannte.
“Habe ich Euch vielleicht etwas darüber erzählt, ob ich noch irgendwo Familie habe?”, will ich von den beiden wissen.
Insgeheim hoffe ich, dass da noch irgendjemand ist, Frau und Kinder kann ich ja nicht haben, aber vielleicht leben meine Eltern ja noch oder ich habe Geschwister.
“Frére Jaques, Ihr habt uns gesagt, dass Eure Eltern schon lange tot sind und Ihr keine Geschwister habt. Ihr sagtet, dass Ihr gerade aus diesem Grund in die neue Welt gehen wollt, um dort als Priester in einer der neuen Gemeinden in Amerika tätig zu sein.”
Ja, es muss wohl etwas Wahres daran sein, ich hatte häufiger diesen Traum, in dem ich mich als Mönch auf einem Maulesel sah..aber warum werde ich das Gefühl nicht los, dass diese beiden Männer etwas vor mir verheimlichen? Dass es da noch etwas anderes gibt, das sie lieber nicht ansprechen wollen?
“Wißt ihr sonst noch etwas über mich?”, frage ich die beiden Edelmänner.
“Nein, mehr wissen wir nicht, wir hatten ja nur kurz miteinander geplaudert, Ihr hattet nicht viel Zeit, Frére Jaques, da Ihr Euer Schiff erreichen musstet. Das war am 31. Januar.”
Etwas gibt mir da aber doch noch zu denken.
“Aber wenn ich ein Wandermönch bin, wieso hatte ich dann die Kleidung eines Edelmannes an, als ich aus dem Wasser gefischt wurde? Das ergibt irgendwie keinen Sinn.”

“Eure Kutte war völlig verdreckt, weil Ihr im Hafen in den Schneematsch gefallen seid, und mein Sohn hatte Euch eine Hose aus schwarzes Seide, ein Hemd und ein Wams geschenkt, damit Ihr Eure Reise antreten könnt”; erklärte der ältere Edelmann mir.
Er wirkt nervös, obwohl er sich mir gegenüber gelassen zu geben versucht, kann er seine innere Unruhe doch nicht ganz übertünchen. Ich frage mich, ob er mich wohl anlügen würde. Er wirkt auf mich wie jemand der eine ehrliche Haut ist…doch ich kenne ihn nicht gut genug um das beurteilen zu können.
“Ich wollte also wirklich in die neue Welt reisen? Habe ich Euch vielleicht auch erzählt, aus welchem Orden ich komme?”
“Ihr habt gesagt, Ihr hättet vor drei Monaten ein Kloster des Benediktinerordens verlassen, weil Ihr mit dem streng reglementierten Leben dort nicht zurechtkamt. Und Ihr wolltet Frankreich verlassen, weil Ihr sonst befürchten müsst, irgendwann ins Kloster zurückgebracht und eingesperrt zu werden, weil es bei Strafe verboten ist, das Kloster zu verlassen wenn man noch Novize ist”; erzählte der Jüngere mir.
Der Gedanke, in ein Kloster gebracht werden zu können gefällt mir ganz und gar nicht. Ich glaube nicht, dass ich für das Leben hinter Klostermauern geschaffen bin, ich kann mich zwar nicht an meine Vergangenheit erinnern, aber alleine bei der Vorstellung, immer in einem Kloster leben zu müssen, läuft es mir eisig kalt über den Rücken.
Der ältere Edelmann schenkt mir ein freundliches Lächeln und reicht mir eine gut gefüllte Geldkatze.
“Hier, das ist für Euch, damit Ihr in der neuen Welt ein neues Leben anfangen könnt. Dort gibt es viele Menschen, die sich darüber freuen, wenn ein neuer Pfarrer aus Europa zu ihnen kommt. Möge Gott Euch schützen.”
Ja, ich sollte wirklich in die neue Welt gehen, denn hier in Frankreich gibt es für mich nichts mehr und ich müsste ständig Angst haben, wieder in mein Kloster zurüdckgebracht zu werden.
In der neuen Welt kann ich als Priester anderen Menschen helfen und außerdem ein neues Leben anfangen.
Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass die beiden Fremden mir noch etwas verheimlichen, aber ich habe Angst, noch einmal nachfragen, weil ich befürchte, dass ich dann Dinge erfahren würde, mit denen ich nicht fertig werden kann. Ich weiß jetzt, dass ich Frére Jaques bin, und daraus werde ich das Beste machen. Endlich habe ich meinen Namen zurück, und weiß wer ich gewesen bin, das genügt mir.
“Das ist sehr viel Geld…das kann ich nicht annehmen”, erkläre ich dem älteren Edelmann, “es ist viel zuviel.”
“Für die Reise in die neue Welt und Eure Neuanfang dort werdet Ihr viel Geld brauchen”; erwiderte der Mann freundlich lächelnd, “Ihr könnt das Geld also gut annehmen, betrachtet es einfach als Spende für die Kirche.”
“Danke, das werde ich Euch niemals vergessen. Sagt, wie ist eigentlich Euer Name?”
“Ich bin der Comte de La Fére und das ist mein Sohn Raoul”, erklärt er mir höflich.
Ich bin ihm und seinem Sohn sehr dankbar, denn ohne dieses Geld hätte ich niemals die Reise in die neue Welt antreten können. Sobald ich drüben bin, werde ich mir eine Soutane schneidern lassen und mir eine Gemeinde suchen, und die Bibel werde ich mir auch noch durchlesen müssen, da ich mich an früher nicht erinnern kann.
Jetzt im Winter fahren keine Schiffe, aber das Geld wird reichen, damit ich bis zum Frühjahr in einem Gasthaus Quartier nehmen kann, dann bleibt immer noch genug Geld für die Schiffsreise übrig. Ich verabschiede mich von meinen beiden Wohltätern, froh darüber, endlich wieder meinen Platz im Leben gefunden zu haben. Ich habe gerade festgestellt, dass ich sehr gut Latain kann, also muss ich wirklich ein Mönch gewesen sein. Ab jetzt beginnt für mich ein ganz neues Leben, davon bin ich überzeugt.

“Vater, warum habt Ihr ihm Geld gegeben? Nach allem was er Euch angetan hat?”; fragt Raoul seinen Vater, nachdem Mordaunt seiner Wege gegangen ist.
“Er hat eine Chance auf ein besseres Leben verdient”; erwiderte Athos, “ich hätte es nicht übers Herz gebracht ihm nichts zu geben, denn das wäre früher oder später sein sicherer Tod gewesen, im Winter überlebt niemand lange auf der Straße. Und es ist gut dass er sein Gedächtnis verloren hat, so kann er nun als Priester in der neuen Welt ein neues Leben anfangen. Und die neue Welt ist so weit entfernt, dass wir ihn mit Sicherheit nie wieder sehen werden. Vielleicht wird er ja dort glücklich….zumindest wenn niemals seine Erinnerung zurückkehrt.”
“Ja, zum Glück scheint er ja mit seinem Gedächtnis auch seine schlechten Charaktereigenschaften verloren zu haben, und auch nichts mehr von seinen furchtbaren Racheschwüren zu wissen”; meinte Raoul nachdenklich, “hoffentlich wird er sich niemals erinnern.”
Wenig später machten Athos und Raoul sich auf den Weg zu den Läden, in denen sie immer ihre Weihnachtseinkäufe erledigten, und Athos ging es an diesem Tag richtig gut, er war der Meinung, genau das Richtige getan zu haben und war froh, dass Mordaunt noch am Leben war. Vielleicht konnte dieser nun das Böse hinter sich lassen und noch etwas Gutes aus seinem Leben machen.

Ein paar Jahre später las Athos in einer Zeitung, dass in Louisiana ein Frére Jaques bei einem Indianerangriff mehreren Menschen seiner Gemeinde das Leben gerettet hatte.

26. Geisterkinder Teil I

Athos hatte Weihnachten, das Fest der Liebe, immer schon sehr gerne gehabt. Schon als Kind hatte er den besonderen Zauber dieser Zeit gespürt und sich auf den magischen Moment, in dem er und sein Bruder in das festlich geschmückte Zimmer mit dem großen Tannenbaum unter dem die Geschenke lagen durften, sehr gefreut. Als junger Mann hatte er immer gedacht, er würde eines Tages mit einer großen Familie, einer Frau die ihn über alles liebte und mehreren Kindern, Weihnachten feiern. Nicht immer war Weihnachten für ihn schön gewesen, es hatte mehrere Feste gegeben, die er betrunken in seiner Wohnung in der Roue Ferrou verschlafen hatte.
Doch seitdem er Vater geworden war, besaß Weihnachten für ihn wieder die alte Magie und er genoss das Fest jedes Mal ganz intensiv.
Auch jetzt, als Raoul längst zu einem jungen Mann herangewachsen war, genoss er es, mit seinem Sohn das Fest zu feiern, und er glaubte fest daran, dass eines Tages eine Schwiegertochter und Enkelkinder hinzukommen würden. Die Schatten der Vergangenheit hatte er längst hinter sich gelassen.

An diesem Weihnachtsmorgen fiel Schnee in dichten Flocken und es war so neblig, dass man kaum die Hand vor Augen sehen konnte. Gestern war Grimaud mit zwei anderen Dienern in den Wald gegangen um eine Tanne zu schlagen, diese stand nun im großen Salon und wartete darauf geschmückt zu werden.
Athos und Raoul saßen beim Frühstück. Eine der neuen Dienerinnen hatte die vier Kerzen am Adventskranz angezündet, und ihnen außerdem eine Schale frisch gebackener Plätzchen auf den Tisch gestellt.
Athos fiel auf, dass sein Sohn sehr übernächtigt aussah, und wieder einmal machte er sich Sorgen um ihn. Er war immer noch nicht über Louise hinweg, seitdem er erfahren hatte, dass seine Jugendliebe die Mätresse des Königs geworden war, war er nicht mehr derselbe.
“Ist alles in Ordnung, Raoul? Du siehst sehr blass und müde aus.”
“Nein, es ist nichts, Vater”; meinte Raoul, während er sich ein Brötchen schmierte, “ich bin nur sehr müde, weil ich fast kein Auge zugetan habe.”
“Ist es wegen Louise?”, wollte Athos wissen.
“Nein, mit Louise hat es nichts zu tun”, erwiderte Raoul, “in meinem Gemach geht es nicht mit rechten Dingen zu. Ich habe Kinderlachen gehört, und Kinderstimmen, und das mehrfach in dieser Nacht. Sag, Vater, ist jemals ein Kind hier im Schloss gestorben?”
“Mehrere Kinder, unter anderem zwei kleine Geschwister deines Großvaters. Etienne ertrank mit vier Jahren im Schlossteich, Charlotte starb mit drei Jahren an Lungenentzündung.  Aber so etwas wie Geister gibt es nicht. Kann es nicht sein, dass du dir das nur eingebildet hast, Raoul? Du hast in letzter Zeit sehr viel durchgemacht.”
“Nein, das war keine Einbildung, ich konnte die Stimmen deutlich hören, so intensiv, dass es mir kalt über den Rücken lief. Es war lautes Kinderlachen und auch Stimmen waren zu hören, fast so als ob da Kinder Fangen oder Verstecken oder Kissenschlacht spielten.”
“Du bist bestimmt nur etwas übermüdet, Raoul”; versuchte er seinen Sohn zu beruhigen, “das ging mir auch so als ich ein junger Mann war und unter Liebeskummer litt, damals glaubte ich oft auch noch, sie zu sehen, obwohl sie gar nicht da war. Mit der Zeit geht das vorbei.”
“Nein, diese Stimmen waren wirklich da. Ich bilde mir das nicht ein.”

Schweigend beendeten die beiden Männer ihr Frühstück und setzten sich dann im großen Salon vor den Kamin um zu lesen und einen heißen Würzwein zu trinken.
“Vater, es gibt da noch etwas, worüber ich mit dir sprechen möchte”; sagte Raoul, “etwas das mir aufgefallen ist.”
“Worum geht es denn?”
” Um die neuen Diener die du eingestellt hast. Die sind irgendwie merkwürdig.”
“Was meinst du damit?”, wollte Athos wissen.
“Sie verlassen niemals das Gut, und obwohl sie nie einkaufen gehen, haben wir immer etwas zu essen. Wie erklärst du dir das?”
“Wie kommst du darauf, dass sie niemals einkaufen gehen? Nur weil du sie nich dabei gesehen hast, heißt das nicht, dass sie nicht einkaufen gehen. Soweit ich weiß fahren Thea und Pauline und Martin und Bastian und Lud immer am frühen Abend in die Stadt und zwar jeden Donnerstag. Ich hatte ihnen aufgetragen mir Wein und einen ganz bestimmten Käse mitzubringen und sie haben beides besorgt. Glaub mir, mit den neuen Dienern ist alles in Ordnung. Wenn ich bei ihnen ein ungutes Gefühl gehabt hätte, hätte ich sie nicht eingestellt.”
“Und du findest es gar nicht merkwürdig, dass sie alle fünf am gleichen Tag bei uns vor der Tür standen und fragten ob hier eine Stellung frei wäre?”
Nun, Athos hatte das gar nicht merkwürdig gefunden,Thea, Pauline, Martin, Bastian und Lud hatten ihm erzählt, dass ihre Herrin im Alter von 80 Jahren gestorben war und sie damit ihre Stellung von einem Tag auf den anderen verloren hatten. Und in dem halben Jahr, in dem die Diener jetzt schon für ihn arbeiteten, hatte es niemals Probleme gegeben. Einer von ihnen, Martin, erinnerte ihn an einen Diener gleichen Namens, der auf La Fére gearbeitet hatte, als er noch ein Kind gewesen war und für ihn und seinen Bruder Pferde und Musketiere aus Holz geschnitzt hatte. Es stellte sich heraus, dass dieser Martin der Sohn des anderen Martins war und mit seiner Mutter nach dem Tod des Vaters La Fére verlassen hatte um im Haushalt einer Tante zu leben, die Hilfe bei der Hausarbeit brauchte.
Athos, der sich daran erinnerte, wie viel Freude ihm damals die Schnitzereien machten, hatte alle fünf Diener erst einmal auf Probe eingestellt, und ihnen dann, als sich herausstellte, dass sie ihre Arbeit gut machten, eine feste Anstellung gegeben.
“Wenn es dich beruhigt, kannst du sie ja, wenn sie das nächste Mal zum Einkaufen in die Stadt fahren, begleiten”, schlug er Raoul vor.
“Gut, das werde ich tun, denn hier ist irgendetwas faul, das spüre ich”; erwiderte der junge Mann und nippte missmutig an seinem Würzwein.

Dann geschah etwas, das dem Grafen von La Fére das Blut in den Adern gefrieren ließ.
Auf einmal hörte er ein glockenhelles Kinderlachen mitten im großen Salon und trippelnde Schritte auf dem Parkett, es war jedoch kein Kind zu sehen.
Und, als ob das noch nicht unheimlich genug wäre, fragte eine Kinderstimme:
“Wann ist es endlich Zeit für die Bescherung? Dauert es noch sehr lange?”
Athos und Raoul blickten einander schreckensstarr an.
“Es tut mir leid dass ich dir nicht geglaubt habe, Raoul”; meinte Athos, dem eisige Schauder über den Rücken krochen.
“Schon gut, ich weiß ja auch nicht, ob ich dir das geglaubt hätte, wenn du es mir erzählt hättest.”
Nun hörten sie auch noch die Stimme eines Erwachsenen.
“Erst schmücken wir den Baum, Etienne, dann essen wir und dann gibt es die Geschenke.”
Beide Stimmen waren so laut und deutlich zu hören, als ob sich diese Menschen bei Athos und Raoul im Salon aufhalten würden.
“Vater, ich muss hier raus”; meinte Raoul, “komm, lass uns in den Schlosspark gehen.”
Athos, dem das alles auch nicht geheuer war, folgte seinem Sohn nach draußen.
In dem dichten Nebel  konnte man kaum die Hand vor Augen erkennen und es war schneidend kalt. Beide hatten ihre Mäntel angezogen, um nicht sofort ins Schloss zurückkehren zu müssen.
Zunächst schwiegen beide, weil beide unter Schock standen.
Nach einer Weile fragte Raoul schließlich:
“Vater, glaubst du, dass das Kind, das da spukt der Bruder von Großvater ist?”
Athos Vater hatte einen kleinen Bruder gehabt, Etienne war mit vier Jahren im Teich im Schlosspark ertrunken, weil die Amme einen Moment lang nicht aufgepasst hatte, während sie dem Kutscher schöne Augen machte.
“Möglich wäre es”, meinte Athos, noch immer unter Schock stehend, “allerdings stellt sich dann die Frage, warum es vorher niemals zu solchem Spuk gekommen ist. Etienne ist seit über siebzig Jahren tot und bisher hat niemand mysteriöse Kinderstimmen im Schloss gehört.”
Etiennes Vater war niemals über den Tod seines Sohnes hinweggekommen und gab sich die Schuld dafür, ihn einer Amme überlassen zu haben, die nicht auf ihn achtgab. Einen Monat nach dem Tod des Jungen hatte er sich auf dem Dachboden des Schlosses erhängt. War es wirklich möglich, dass Vater und Sohn hier als Geister umherwandelten und glaubten, Weihnachten zu feiern?
“Ich möchte da nicht mehr reingehen, können wir nicht einfach in unser Stadthaus in Blois fahren und dort eine Weile bleiben?”, fragte Raoul.
“Bei diesem dichten Nebel und dem Schneetreiben kämen wir nicht weit. Mir gefällt das auch nicht, aber wir haben keine andere Wahl und müssen erst einmal hier bleiben.”
Athos seufzte leise, allmählich kroch ihm die Kälte unter den dicken Mantel, aber er verspürte nicht das Bedürfnis wieder hineinzugehen.
Und kurz darauf stellte sich heraus, dass sie nicht einmal draußen sicher waren.
Vor den Augen der beiden  Männer formten sich mehrere dickeKugeln aus Schnee, und setzten sich dann  wie von Geisterhand übereinander, und dann tauchten wie aus dem Nichts heraus Augen aus Haselnüssen und eine Nase aus Möhren auf.
Athos und Raoul standen wie zu Salzsäulen erstarrt da und beobachteten fassungslos wie ein Schneemann entstand, und sie sachen auch Fußspuren im Schnee, eine gehörte einem Kind, eine einem Erwachsenen, aber außer den Fußspuren war nichts gesehen.
“Vater, schau, ich habe einen Schneemann gebaut!”; rief die Kinderstimme, die sie vorhin im Salon vernommen hatten, “mein Schneemann ist der schönste und größte weit und breit!”
“Das hast du schön gemacht, mein Sohn”; ertönte nun wieder die Stimme des Erwachsenen, und wie aus dem Nichts tauchte ein breitkrempiger Federhut auf, “komm, den setzen wir ihm noch auf, dann ist er perfekt.”
Und dann schwebte der Federhut durch die Luft, landete auf dem Kopf des Schneemannes.


“Mir wird kalt, Vater, wenn wir hier draußen auch nicht sicher sind, können wir genausogut wieder reingehen”, schlug Raoul vor.
Und so gingen sie wieder hinein, beide standen immer noch unter Schock und konnten kaum fassen, was ihnen da gerade widerfahren war.
Als sie in den Salon zurückkamen, fanden sie Grimaud vor, der sich verwundert über einen Haufen bunt bemalter Holzklötze, die auf dem Boden beim Kamin lagen, beugte.
“Monsieur Athos, ich habe den Salon heute morgen saubermachen lassen, da waren diese Klötze noch nicht da. Ist das Monsieur Raouls altes Spielzeug?”
“Nein, Raoul hatte niemals solche Klötze. Bitte räum sie weg, Grimaud, ich möchte sie nicht hier im Salon haben.”
Grimaud nahm sich die Klötze und wollte sie wegtragen, dann ertönte auf einmal lautes Kindergeschrei, diesmal ein Mädchen.
“Vater, meine Klötze…..”
Das weinerliche Stimmchen gehörte zu einem höchstens dreijährigen Mädchen, doch es war wieder nichts zu sehen.
Grimaud, dem die Sache nicht geheuer war, warf die Klötze ins Feuer.
“Vater, ist das nicht unheimlich? Großvater hatte doch neben Etienne auch noch eine kleine Schwester, die mit drei Jahren an Lungenentzündung starb. Was ist, wenn die alle hier herumspuken?”
Nein, so hatte Athos sich das Weihnachtsfest nicht vorgestellt. Er, der als Musketier so viele Gefahren gemeistert, so viele Schlachten überlebt hatte, sah sich nun mit etwas konfrontiert, das er niemals für möglich gehalten hätte. Geister, so hatte er immer geglaubt, waren etwas, das nur erfunden wurde, um Kindern Angst zu machen, etwas, das sich auch Erwachsene beim Lagerfeuer gerne erzählten um sich zu gruseln. Aber das hier, das war keine erfundene Geistergeschichte, das hier war die Realität, die ihm mit einem Mal erschreckend surreal erschien.
“Komm, Kleines, wir gehen raus zu Vater und Etienne und schauen nach, wie weit sie mit dem Schneemann sind. Danach schmücken wir zusammen den Baum. Keine Angst, es ist alles gut.”
Diesmal eine Frauenstimme, die der von Mylady so erschreckend ähnlich war, dass Athos beinahe vor Schreck das Herz stehen blieb.
Dann war das Tappen von Schritten zu hören,die Tür ging auf, schloss sich wieder.
“Ich dachte immer, Geister gehen durch Wände?”; meinte Raoul, dessen Hand so sehr zitterte, dass er seinen Becher mit Würzwein beinahe fallen ließ, “als Louise sich in den König verliebte, dachte ich, das sei das Schlimmste was ich jemals erleben würde, aber das hier….das übertrifft alles. Ich hätte nie gedacht, dass es Geister wirklich gibt.”
Obwohl auch Athos innerlich total aufgewählt war und Angst hatte, versuchte er, wie er es als Musketier immer getan hatte, die Ruhe zu bewahren.
“Am besten wir beachten die Geister gar nicht, womöglich gehen sie dann wieder.”
In diesem Moment kam die Dienerin Thea mit einem Tablett Plätzchen herein.
“Sie werden nicht gehen, Von Zeit zu Zeit kann man sie hören, aber nicht sehen. Wir müssen damit leben, denn dieses Schloss ist auch ihr Schloss.”
“Wie meint Ihr das?”; fragte Athos gereizt
“Das müsst Ihr selbst herausfinden, Monsieur. Früher oder später werdet Ihr es begreifen und klarer sehen als jetzt.”


So, das war der erste Teil meiner Weihnachtsgeschichte, der zweite folgt in den nächsten Tagen.”

 



 

 

 

27. Geisterkinder Teil II

Bis zum Abend gab es keine weiteren Vorfälle und Athos hoffte, dass der Spuk, der ihn, Raoul und Grimaud so verstört hatte, bald ein Ende haben würde.
Als es draußen dunkel geworden war, schmückten sie wie jedes Jahr den großen Tannenbaum mit Kerzen und bunten Glaskugeln.
“Womöglich haben wir uns das doch alles nur eingebildet”; meinte Athos nachdenklich, “es war kein gutes Jahr für uns, wir hatten viel Kummer und Leid zu ertragen, da können einem schon einmal die Nerven durchgehen.”
Raoul deutete mit finsterer Miene nach draußen, wo im Mondlicht die Umrisse des Schneemannes vage zu erkenenn waren.
“Nein, Vater, wir haben uns das nicht eingebildet, wir waren beide dabei, während dieses Ding da draußen wie von Geisterhand gebaut worden ist”; meinte Raoul, der mit finsterer Miene aus dem Fenster schaute, “irgendetwas stimmt hier auf dem Gut nicht, ich habe schon länget das Gefühl. Schon bevor ich die Kinderstimmen zu hören begann, hatte ich den Eindruck, dass wir nicht mehr alleine im Schloss sind. Ich hatte schon länger das Gefühl, dass mich ständig jemand beobachtet, habe das aber stets als Einbildung abgetan”
Und dann geschah wieder etwas, das auch Athos davon überzeugte, dass er sich das nicht nur alles eingebildet hatte.
Plötzlich war glockenheller Gesang, der von Erwachsenen und Kindern kam, zu hören:

“Oh Tannenbaum, Oh Tannenbaum,
Wie treu sind deine Blätter
Du grünst nicht nur zur Sommerzeit
nein auch im Winter wenn es schneit.
Oh Tannenbaum, Oh Tannenbaum,
Wie treu sind deine Blätter

Oh Tannenbaum, Oh Tannenbaum,
Du kannst mir sehr gefallen
Wie oft hat mich zur Weihnachtszeit
Ein Baum von dir hoch erfreut
Oh Tannenbaum, Oh Tannenbaum,
Du kannst mir sehr gefallen

Oh Tannenbaum, Oh Tannenbaum,
Das Kind will mich was lehren,
Die Hoffnung und Beständigkeit
Gibt Trost und Kraft zu jeder Zeit
Oh Tannenbaum, Oh Tannenbaum,
Dein Kleid will mich was lehren

Der mehrstimmige Gesang war so laut und intensiv, als ob mehrere Personen sich bei Athos und Raoul im Salon aufhalten und für sie singen würden.
Es erinnerte Athos an seine eigene Kindheit, als er und sein Bruder an jedem Heiligabend nach der Bescherung mit den Eltern gemeinsam dieses Weihnachtslied gesungen hatten.
Nach dem Lied herrschte eine bedrückende Stille und Vater und Sohn fragten sich voller Furcht, was dieser Abend noch an unheimlichen Überraschungen für sie bereithalten würde.
“Jetzt machen wir Bescherung, nicht wahr, es ist jetzt soweit!”;rief eine Jungenstimme laut durch das ganze Zimmer.
“Nein, Etienne, jetzt wird erst gegessen, danach ist Bescherung. So machen wir das doch jedes Jahr.”
“Ob das Christkind mir wohl meine Puppe gebracht hat?”
Das kam von einer Mädchenstimme, die, genau wie die des Jungen, klang, als ob die Kinder sich im Salon aufhalten und Weihnachten feiern würden.

Der von den Dienern festlich mit Mistelzweigen und Kerzen geschmückte Tisch hielt für den Grafen und seinen Sohn alle Köstlichkeiten, die das Herz nur begehren konnte, bereit, doch beiden krampfte sich der Magen jetzt regelrecht zusammen.
“Ich glaube nicht, dass ich heute Abend noch etwas essen kann”; sagte Raoul, während er lustlos seinen Blick über den reichlich gedeckten Tisch schweifen ließ, “
“Ich habe auch keinen Hunger. Das alles hier…es ist so unheimlich…ich frage mich, wie wir weiterhin hier im Schloss leben sollen.”
“Nun, vielleicht sollten wir ja nach Weihnachten wieder nach Bragelonne zurückkehren und in Zukunft dort leben”, schlug Raoul vor, “es ist zwar nicht so groß wie dieses Schloss  hier, aber zumindest sind wir dann diesen ganzen Spuk hier los.”
Athos hing sehr an La Fére, doch auch er spielte angesichts der heutigen unheimlichen Ereignisse mit dem Gedanken, dem Schloss für eine Weile den Rücken zu kehren.
“Ja, wir sollten wirklich erst einmal umziehen, zumindest für ein paar Monate. Womöglich sind die Geister ja dann bei unserer Rückkehr verschwunden.”
Raoul holte eine Glaskugel aus der Schachtel und wollte sie an den Baum hängen, doch seine Hände zitterten so sehr, dass er sie fallen ließ.
“Nein, die Geister werden nicht wieder verschwinden. Du hast doch gehört, was diese seltsame Dienerin gesagt hat. Sie meinte, die Geister würden bleiben, weil das Schloss auch ihnen gehören würde. Was mag sie nur damit gemeint haben.”
An diesem Heiligen Abend schien es für Vater und Sohn keine Ruhe zu geben.
“Vater, was hat da so geklirrt? Da ist doch was auf den Boden gefallen?”
Wieder die Stimme des kleinen Mädchens, die erschrocken, ja fast ein wenig weinerlich klang.
“Da war nichts, Kleines, du brauchst wirklich keine Angst zu haben, es ist alles in Ordnung. Schau nur, ich schneide jetzt den Gänsebraten an und du bekommst ein schönes Bruststück mit Maronen und Preiselbeeren.”
Das war wieder die Stimme des männlichen Erwachsenen gewesen.
“Seltsam, Geister können doch nicht essen”; meinte Raoul, der, obwohl die Tanne erst halb geschmückt war, keine weitere Kugel in die Hand nahm.
Athos erinnerte sich an eine Gruselgeschichte, die seine Amme ihm erzählt hatte, als er sieben Jahre alt war.
“Womöglich wissen sie gar nicht, dass sie schon tot sind und glauben deswegen, sie könnten noch essen. Meine Amme hat immer gesagt, dass Seelen die nicht ins Licht gehen, denken sie seien weiterhin am Leben. Oft wäre das bei Menschen, die bei Unfällen sterben oder sich selbst das Leben nehmen, der Fall”
Raoul bekreuzigte sich erschaudernd.
“Eine grausige Vorstellung. Das muss schrecklich sein, wenn man tot ist und es nicht merkt. Aber wie kommt es, dass wir sie bisher nicht gehört haben, obwohl sie vermutlich hier schon seit 70 Jahren herumspukten?”
“Das weiß ich auch nicht”, antwortete Athos nachdenklich, “wahrscheinlich waren sie schon die ganze Zeit hier und wir konnten sie nur nicht hören. Warum wir es jetzt auf einmal können weiß ich leider auch nicht. Für meinen Vater war das wirklich sehr schlimm, als seine Schwester, und dann noch sein Bruder und sein Vater starben. Und wenige Jahre später, kurz nachdem mein Vater volljährig war, beging auch noch seine Mutter Selbstmord. Und es sind genau vier, die hier herumspuken, Vater, Mutter, Sohn, Tochter. Das müssen sie sein, Armand und Lucille de La Fére und ihre Kinder Lucienne und Charlotte. Die Kinder starben durch Unfälle, die Kinder durch Selbstmord, nur so lässt es sich erklären, dass sie nicht ins Licht gehen konnten.”
“Glaubst du dass sie uns auch wahrnehmen können, Vater?”
“Ja, das halte ich durchaus für möglich, das Mädchen hat sich erschrocken, als du eine der Kugeln hast fallen lassen. Ich glaube, sie können uns auch hören, aber nicht sehen. Ich vermute, dass sie in ihrer eigenen Zeit, in der sie so tragisch starben, gedanklich immer noch feststecken und deswegen nicht wahrnehmen können, dass das Schloss sich seitdem verändert hat, jetzt andere Menschen dort leben als damals. Für sie ist es wirklich das Schloss des Jahres 1583, das Jahr, in dem sie alle ihr letztes Weihnachten glücklich vereint feiern konnten. Wir sind für sie also praktisch gar nicht vorhanden.”

Nach einer Stunde kam die Dienerin Thea herein und blickte missbilligend auf die nicht angerührten Köstlichkeiten auf dem Tisch.
“Ihr könnt jetzt abräumen”, sagte Athos zu ihr.
“Aber Monsieur, Ihr habt ja gar nichts gegessen. Martin hat extra heute Morgen eine Gans geschlachtet, und es hat Stunden gedauert, sie zuzubereiten. Jetzt ist sie leider kalt. Ich kann sie Euch aber gerne morgen noch einmal aufwärmen. Irgendwann werdet Ihr wieder essen müssen. Sie werden uns nicht mehr verlassen, sie sind hier zu Hause, genau wie Ihr und Monsieur Raoul. Ihr müsst eben lernen, das Schloss mit ihnen zu teilen. Von Zeit zu Zeit werdet Ihr sie hören können, aber sie werden Euch nichts tun.”
Sie drückte sich erneut so vage aus wie am Morgen.
“Was meint Ihr damit, das Schloss würde auch ihnen gehören?”, wollte Athos wissen.
“Nun, sie leben auf ihrer Ebene und Ihr auf der Euren. Ich kann Euch das nicht so einfach erklären, aber mit der Zeit werdet Ihr das verstehen. Wenn Ihr soweit seid, werdet Ihr es sehen können, und dann werdet Ihr keine Angst mehr vor ihnen haben.”
Raoul ärgerte sich über ihre vage Ausdrucksweise, die ihm kein bisschen weiter half.
“Versucht wenigstens, es uns zu erklären, Thea.”
“Das kann ich nicht, Monsieur Raoul, das ist zu kompliziert um es zu erklären. Ich habe selbst lange gebraucht um es zu verstehen. Ich kann sie schon hören, seitdem ich hier bin, und am Anfang habe ich es nicht begriffen und hatte Angst vor ihnen. Doch dann, eines Tages, wurde mir klar, was die Stimmen zu bedeuten haben, und seitdem fürchte ich mich nicht mehr vor ihnen”
Mehr konnten sie aus Thea nicht herausbekommen, die Dienerin beharrte darauf, dass sie ihnen das nicht genauer erklären könne und sie von selbst darauf kommen müssten.

Als sie abgeräumt hatte, blieben Vater und Sohn ratlos zurück.
“Was meinte sie damit bloß? Auf was sollen wir von selbst kommen?”, rätselte Raoul, “und warum erklärt sie es uns nicht einfach?”
“Ich weiß es nicht. Ich bin genauso verwirrt wie du. Wenn sie dahintergekommen ist, was es mit den Stimmen auf sich hat, wieso gelingt uns das dann nicht? Oder werden wir es nach einer Weile auch verstehen? MIr ist das alles nicht geheuer, ich habe ja schon viel im Leben durchmachen müssen, aber das hier…das geht zu weit.”
An diesem Abend kehrte keine Ruhe im Salon ein. Mehrmals trippelten Schritte über das Parkett und Kinderlachen erklang.
Hin und wieder hörte man auch die Stimmen der Erwachsenen.
Dann, als die große Standuhr elf schlug, sagte der unsichtbare Mann:
“Kinder, es wird Zeit zu Bett zu gehen. Ihr könnt ja morgen noch mit euren Geschenken spielen. Kommt, gebt mir und eurer Mutter noch einen Gutenachtkuss.”
Für Raoul und Athos war das ein sehr bedrückender Weihnachtsabend gewesen.
Zum ersten Mal seit Monaten dachte Raoul wieder an Louise und spürte den alten, reißenden Schmerz. Vermutlich befand sie sich jetzt in den Gemächern des Königs und schmiegte ihren warmen Körper an den von Louis. Meistens verdrängte er seinen Kummer erfolgreich, doch manchmal kam alles wieder hoch und er trauerte um alles, was niemals sein würde.
Einst hatte er davon geträumt, eines Tages zusammen mit Louise auf La Fére inmitten einer lebhaften Kinderschar glücklich alt zu werden, doch nun wusste er, dass das nur ein Traum bleiben würde.
“Ach Vater, wenn ich das Lachen der Geisterkinder höre, werde ich richtig traurig, weil ich niemals eigene Kinder haben werde.”
“Wer sagt denn, dass du keine Kinder haben wirst? Louise war eben nicht die Richtige für dich, sie verdiente deine Liebe nicht. Eines Tages wirst du eine Frau kennenlernen, die bei dir die gleiche Liebe entfachen wird wie Louise, und glaub mir, dann wird auf dich die schönste Zeit deines Lebens warten. Du musst versuchen, Louise zu vergessen, damit dein Herz wieder offen für eine neue Liebe ist. Ich weiß, es ist schwer, aber mit der Zeit werden deine Wunden heilen und du wirst Louise hinter dir lassen können.”
“Ich hoffe, du hast Recht, Vater. Ich habe oft das Gefühl, dass eine traurige, einsame Zukunft vor mir liegt und das Leben für mich nichts mehr bereithält. Es mag dir merkwürdig erscheinen, aber oft habe ich das Gefühl, mein ganzes Leben leichtfertig weggeworfen zu haben. Ich habe so viele Jahre an Louise verschwendet, ohne zu merken, dass sie mich gar nicht liebte und ich für sie eher wie ein Bruder war”
“Raoul, du bist erst 27, so alt wie ich, als ich als liebeskummerkranker Musketier in Paris lebte. Damals hätte ich auch niemals gedacht, dass das Leben für mich noch etwas zu bieten hätte. Fast jeden Abend war ich betrunken, und ohne meine drei Freunde Porthos, Athos und Aramis hätte ich diese schweren Jahre niemals überstanden. Nur wenn ich trank konnte ich meinem Schmerz, meinen Schuldgefühlen entkommen. Dass ich jemals Vater werden würde, hätte ich zu dieser Zeit nicht für möglich gehalten, ich dachte immer, ich ende als alter, einsamer Mann in der Roue Ferrou. Das Leben hält noch so vieles bereit für dich, mein Sohn, du musst nur Geduld haben.”
Der gutaussehende junge Mann blickte seinen Vater traurig an.
“Weißt du, manchmal habe ich das Gefühl, dass da nichts mehr auf mich wartet. Tag ein, Tag aus sehe ich nur La Fére. Und oft fühle ich mich zu müde und traurig um einmal nach Blois oder Paris zu fahren. Dabei würde ich gerne einmal Mutter besuchen. Aber nach Paris zu reisen ist mir nicht möglich….weil ich dort Louise begegnen könnte.”
“Was hälst du davon, wenn wir deine Mutter für eine Weile  zu uns aufs Schloss einladen?”
Raouls ernste Miene klärte sich etwas auf.
“Meinst du wirklich, wir sollten sie auf dieses Geisterschloss hier einladen?”
“So wie ich deine Mutter kenne, können Geister sie nicht schrecken”; meinte Athos lachend, “sie würde sicherlich über uns spotten, weil wir uns vor Angst fast in die Hose machen.”

Eine Stunde später gingen Raoul und Athos schlafen.
Raoul wälzte sich unruhig in seinem Bett hin und her, er fand einfach keine Ruhe, weil er das Gefühl nicht los wurde, nicht alleine im Raum zu sein.
Leise flüsternde Kinderstimmen, ein Junge und ein Mädchen, beide für Raoul unsichtbar.
“Ich mag dieses Zimmer nicht, Etienne”; sagte das Mädchen, hier ist einer, ich höre ihn atmen.”
“Da ist keiner, du dumme Gans”, schimpfte der Junge, und dann hörte Raoul das Knacken von Bettfedern, so nahe und deutlich als ob sich jemand in einem Bett das gleich neben seinem stand, umdrehen würde.
“Doch, ich höre es, ich höre ihn immer atmen und schnarchen und wie sein Bett knarzt”; klagte das Mädchen, “ich will hier nicht schlafen. Hier ist es gruselig.”
“Unsinn, das bildest du dir nur ein, du Angsthase”, erwiderte der Junge, “ich kann nichts hören.”
“Doch, hier spukt es, so wie in der Gespenstergeschichte die Hodierna uns neulich erzählt hat.”
“Das war aber doch nur eine dumme Geschichte.  Hodierna wollte uns nur ein wenig erschrecken. Es gibt keine Gespenster. Hier sind nur wir und sonst niemand.”
“Ach ja? Mutter und Vater haben auch Angst, deswegen haben sie ja auch diese L…”
Den Rest konnte Raoul nicht verstehen, weil das Mädchen flüsterte.
“Unsinn, das bildest du dir alles nur ein. Die Eltern hätten uns gesagt, wenn es hier spuken würde. Eltern belügen doch ihre Kinder nicht”; empörte der Junge sich.

Raoul lag wie erstarrt in seinem Bett, wagte nicht sich zu bewegen.
Konnte das wirklich sein, dass diese Gespensterkinder glaubten, sie wären noch am Leben und es würde in ihrem Schloss spuken?
Diese Kinder waren seit 70 Jahren tot und nachdem ihre Eltern Selbstmord begangen hatten, spukten sie alle vier hier herum und glaubten ernsthaft, noch am Leben zu sein.
Das hier waren die Geschwister seines Großvaters Armand und womöglich war das hier früher ihr gemeinsames Gemach gewesen und sie waren schon immer hier gewesen, ohne dass er sie bemerkt hatte. Doch wieso könnte er sie jetzt auf einmal hören?
Und wieso gingen die Kinder nicht mit ihren Eltern ins Licht, wo sie doch wieder vereint waren? Warum begriffen sie nicht endlich dass sie tot waren?
Würde er von nun an jede Nacht ihre Stimmen hören müssen und auch tagsüber nicht von ihnen in Ruhe gelassen werden? Und wieso hatte Thea keine Angst vor den Geistern? Gab es einen Weg, die Geister ins Licht zu schicken, in das sie schon damals hätten gehen sollen? Wie konnte man ihnen klarmachen, dass sie seit sieben Jahrzehnten tot waren? Waren sie womöglich gefährlich? Und war es nicht seltsam, dass die Geisterkinder die Lebenden für Gespenster hielten?
In dieser Nacht tat er kein Auge zu, nicht nur, weil er die ganze Nacht die gleichmäßigen Atemzüge der anscheinend schlafenden Geisterkinder hörte, sondern auch, weil ihm diese Fragen nicht aus dem Kopf gingen.
So fragte er sich, wieso die Geisterkinder schliefen Er hatte immer geglaubt, Geister müssten nicht schlafen.
Der letzte Satz dessen zweiten Teil das Mädchen so leise geflüstert hatte, dass er den Rest nicht verstand “Die Eltern haben auch Angst, deswegen haben sie ja auch diese L***” ging ihm nicht mehr aus dem Kopf.
Was hatte das Mädchen gesagt? Was hatten die Geistereltern getan?
All das wurde immer mysteriöser und unheimlicher.

 


Noch vor Sonnenaufgang stand Raoul auf und ging hinunter in den großen Saal, wo er sich in einen der Plüschsessel setzte.
Keine Geisterstimmen, keine trippelnden Schritte auf dem Parkett, nur das gleichmässige Ticken der Standuhr
Ja, hier würde er bis zum Morgen blieben um auf seinen Vater zu warten, sagte er sich, besser, als mit den Geisterkindern in einem Raum sein zu müssen.
Wenig später hatte er sich völlig entspannt und war eingeschlafen.
Aber es war kein ruhiger Schlaf, er hatte einen entsetzlichen Albtraum. Als er schließlich schreiend aus diesem hochschreckte, war die Sonne bereits aufgegangen und die Dienerin Thea deckte bereits den Frühstückstisch.
“Alles in Ordnung mit Euch, Monsieur Raoul?”, fragte sie besorgt, “ich habe gar nicht gemerkt, dass Ihr hier seid.”
Der Sessel stand in Richtung des Kamins und weil er eine hohe Lehne hatte, konnte man, wenn man beim Tisch stand, nicht sehen, ob jemand darin saß.
“Ich habe nur schlecht geträumt, das ist alles, Thea.”
Er hatte keine Lust, sich mit der Dienerin, die ihm immer ein wenig unheimlich gewesen war, zu unterhalten.
“Ihr werdet sehen, schon bald wird alles besser, es dauert nicht mehr lange, bis Ihr verstehen werdet”; sagte sie und schenkte ihm ein freundliches Lächeln, “und dann wird das Leben hier viel einfacher für Euch sein.”
Nach der schlimmen Nacht die hinter ihm lag war er ohnehin gereizt und regierte agressiv.
“Lasst mich in Ruhe mit Euren vagen Andeutungen. Entweder Ihr erzählt mir was Sache ist, oder Ihr sagt gar nichts mehr. Ich habe wirklich genug von dieser ganzen Geistergeschichte.”
Sie blickte ihn mit ernster Miene an.
“Ihr müsst von selbst darauf kommen, ich kann Euch da leider nicht helfen. Aber es wird der Tag kommen, an dem Ihr verstehen werdet.”
“Was verstehen? Warum sprecht Ihr in Rätseln zu mir und sagt es mir nicht einfach?”
“Weil Ihr selbst darauf kommen müsst, ich darf es Euch nicht sagen: Ich werde Euch dabei helfen, aber mehr kann ich nicht für Euch tun”
Raoul traute der Dienerin nicht und nahm sich vor, mehr über sie herauszufinden. Er wollte ihre Verweigerung, ihm die Wahrheit zu sagen, nicht einfach hinnehmen und versuchen, herauszufinden was hier vorging. .
Dass alle fünf Diener gleichzeitig vor dem Schloss aufgetaucht waren um um eine Anstellung zu bitten, machte ihn stutzig.
Irgendwie erschien es ihm, als ob diese Diener erst seit wenigen Tagen auf dem Schloss wären, dabei mussten es mindestens drei Monate sein. Und er hatte die fünf neuen Diener schon mehrfach gesehen, wie sie beieinander standen und tuschelten, als ob sie irgendetwas aushecken würden.
Sein Vater hatten ihnen von Anfang an vertraut und war mit ihrer Arbeit sehr zufrieden, doch Raoul wurde das Gefühl nicht los, dass mit diesen Leuten irgendetwas nicht stimmte.

 

Fortzsetzung folgt


 



28. Weihnachtliche Freuden

 

„Hier, d`Artagnan!“ Porthos angelte vier Weinflaschen aus dem Korb und reichte sie an seinen jungen Kameraden weiter, „füllt unseren Kessel damit auf und hängt ihn übers Feuer! Warmer Wein ist das einzige, was einen diese verfluchte Kälte vergessen lässt! Und lasst die Hühnchen nicht verkokeln, seht, die werden schon braun.“

Der Gascogner gehorchte seufzend – als frischgebackener Neuling unter den königlichen Musketieren hier im Feldlager vor La Rochelle wagte er es nicht, solch unfreiwilligen Küchendienst kurzerhand zu verweigern. „Wo stecken denn die Diener?“, knurrte er stattdessen, während er den Bratspieß rotieren ließ, „ich dachte, Kochen wäre ihre Aufgabe?“

„Sie requirieren Feuerholz.“, erklärte Aramis vernehmlich und sah mit vorwurfsvollem Blick von seinem Buch auf, „oder wollt Ihr dieses etwa selber schleppen, mon cher d`Artagnan?“

„Bewahre!“, brummte der junge Gascogner unwirsch zurück, nun ja, wenigstens bewegten die Kerle ihren Hintern! Und bei dieser winterlichen Kälte war ein ordentlicher Stapel Holz nur anzuraten!

„Hier, d`Artagnan!“, wiederholte Porthos seinen Befehl und zog ein leinernes Säckchen aus seiner geräumigen Hosentasche hervor, „tut noch ein wenig Gewürz in den Wein! Wenn unser Freund Athos von der Wache kommt, braucht er was ordentlich Erwärmendes  zu trinken!“

„Parbleu, wo habt Ihr denn solch exquisite Spezereien aufgestöbert?“, fragte Aramis wie beiläufig , ohne von seiner Lektüre aufzublicken, „man kann ihren Duft ja bis hierher riechen!“

„Mein famoser Mousqueton hat sie für mich ins Lager geschmuggelt!“ erklärte Porthos stolz. „Und dazu noch das hier!“ Er langte in seinen riesenhaften Mantelsack und zog ein dickes, mit einer grünen Kordel verschnürtes Paket daraus hervor. „Mes amis, greift zu!“

„Mon Dieu! Früchtebrot und Kuchen!“, murmelte d`Artagnan ehrfürchtig und schnupperte an seinem duftenden Gebäckstück. „Oh, das erinnert mich an zu Hause! In den Tagen vor Weihnachten hat meine Frau Mutter auch immer Honigkuchen gebacken!“ Und er biss herzhaft hinein und kaute mit verklärtem Blick.

„Hier, Aramis, ich bin sicher, Ihr wollt auch ein Stück?“, erkundigte sich der Hüne unter jovialem Zwinkern und reichte seinem jungen Kameraden eine Scheibe Früchtebrot, die dieser freudig und dankend annahm. „Wusst` ich`s doch! Unser Herr Abbé liebt Süßes, in jedweder Gestalt!“

„Mon cher Porthos, was wollt Ihr damit sagen?“, gab Aramis mit funkelndem Blick zurück, ehe er genüsslich in das saftige Gebäckstück biss, „habt Ihr etwa in meinem Mantelsack rumgestöbert?“

„O nein, mein Freund, niemals! Ich werde mich hüten!“  Porthos hob beschwichtigend die Hand, „das würde mir nie einfallen!  Doch mir scheint, mon cher Monsieur l`abbé,“ setzte er mit faunischem Grinsen hinzu, „Eure geistliche Lektüre enthält seit kurzem auch durchaus nahrhafte Alimente! Ist diese meine Beobachtung korrekt?“

Aramis seufzte schwer und klappte sein Buch zu, dann erhob er sich von seinem Feldstuhl, wandte sich hinüber zu seiner Lagerstatt und zog einen dicken Wälzer mit dem deutlich erkennbaren Titel Sprüche Salomonis, zur nutzbringenden Verwendung neu herausgegeben und kommentiert von Pater Hyacinthe de Bellefleur SJ unter der Wolldecke hervor. Er seufzte abermals, hob den ledernen Buchdeckel und hielt den geöffneten Band seinen beiden Kameraden hin.

„Oooh! Feinste Makronen und Marzipan mit Nüssen!“, hauchte der junge Gascogner hingerissen und griff auch schon in die scheinheilig als geistliches Buch maskierte Konfektschachtel, „sowas Köstliches bekam ich als Kind nie!“ Und er langte abermals mit raschen Fingern zu, ehe Aramis den Deckel wieder schließen konnte.

„Da sieht man`s, wer hier die besten Beziehungen hat!“, kommentierte Porthos süffisant und schob sich ebenfalls eine der hauchzarten Makronen in den Mund, „wie kommt denn diese wahrhaft exquisite Bäckerei in Euren Besitz, mon cher Abbé?“

„Bazin hat sie heimlich für mich eingeschleust,“ gab Aramis widerstrebend zu. „Es ist eine Geschenksendung, müsst Ihr wissen - “

„Oho!“, lachte der Hüne und zwirbelte seinen Schnurrbart, „ich glaube, ich weiß von wem! Wohnt sie in Tours?“ Und er hob ungeniert den Deckel der Konfektschachtel und langte abermals mit seiner riesenhaften Hand hinein.

„Porthos, Ihr seid indiskret!“ Aramis gab ihm prompt eins auf die Finger, doch der Hüne ließ sich nicht beirren und schob seinen Raub genüsslich in den Mund. „Herrlich!“, versetzte er augenzwinkernd, „wie tief und innig muss doch diese Liebe sein, wenn sie solch köstliche Leckerbissen hervorbringt! Obwohl – auch das saftige Früchtebrot meiner Herzogin ist beileibe nicht zu verachten!“

„Ah, Messieurs! Was sehe ich denn da?!“, erklang im selben Augenblick eine wohlbekannte Stimme vom Zelteingang her, und ein großer, stattlicher Musketier trat ein, „man delektiert sich hier heimlich an weihnachtlichem Gebäck? Da komm ich ja gerade richtig!“

„Tür zu, Chavigny, es zieht!“, knurrte Porthos stirnrunzelnd. „Und Hände weg von unseren Bäckereien! Es sei denn, Ihr habt ebenfalls welche mitgebracht! A propos, d`Artagnan, die Hühnchen! Nehmt sie vom Bratspieß, jetzt sind sie knusprig genug! Ich kümmere mich um den Wein!“

„Mein lieber Herr Kamerad, denkt Ihr etwa, meine Freunde und ich kommen mit leeren Händen?“, verwahrte de Chavigny sich indigniert. „Hier, Messieurs, was sagt Ihr dazu?!“ Und er schlug die Plane vorm Zelteingang zurück und ließ seine Freunde de Brissart und de Barray eintreten, einen riesigen Korb voller Weinflaschen und eine große zinnerne Platte voll betörend duftendem Gänsebraten in Händen.

„Ah!“ Porthos` Miene erhellte sich prompt, und er grinste den dreien süffisant zu, „wo erlegt man denn hier solch prachtvolles Geflügel? Meine Herren, Ihr habt doch hoffentlich nicht draußen in der Nachbarschaft in fremden Stallungen gewildert?“

Chavigny zwinkerte ebenso anzüglich zurück: „Fremde Ställe? Mon cher Porthos, in feinen Häusern gibt es beileibe bessere Räumlichkeiten!“

„Parbleu, wo denkt Ihr hin, Kamerad!“, knurrte de Barray ungehalten, während er schnaufend seine Last absetzte, und de Brissart erklärte trocken: „Der Gutsverwalter meiner hochverehrten Frau Mutter betreibt eine florierende Geflügelzucht, und mein Diener Jacques, ein bekannt findiger Bursche, hat sie uns heimlich hier eingeschleust. Die Gänse, meine ich.“

„Hervorragend! Das lob ich mir!“ Porthos grinste abermals und rieb sich die Hände, „damit sind unsere Hühnchen in bester Gesellschaft! Jawohl, ich muss sagen, auch Mousqueton ist als Proviantlieferant wirklich erstklassig. Hier, meine Herren, kostet nur diesen formidablen Würzwein!“ Und damit stellte er den dampfenden Weinkrug auf den Tisch.

„Nun, mit weihnachtlichem Gebäck seid Ihr, meine verehrten Kameraden, ebenfalls gut bestückt, wie man sieht!“, rief de Chavigny hochgemut, während er ein sorgfältig verschnürtes Paket unterm Mantel hervorzog und es sich zusammen mit seinen beiden Gefährten am gemeinschaftlichen Tisch bequem machte, „aber ich will dennoch ein paar würzige Lebzelten meiner liebenswürdigen Frau Base beisteuern, die Gute verwöhnt mich, es ist nicht zu glauben!“ Er zwinkerte Aramis vielsagend zu, „doch kommt, meine Herren, rücken wir ein wenig näher zusammen, hier auf der Bank, damit unser geschätzter Herr Abbé und unser junger Novize ebenfalls genügend Platz finden!“

Da flog das Zelttuch vorm Eingang resolut auseinander, ein hochgewachsener Musketier stapfte herein und schüttelte brüsk den Schnee von seinem Mantel.

„Athos!“, entfuhr es hocherfreut der um den Tisch versammelten Gesellschaft, und Porthos rief triumphierend: „Ha, mein Freund, Ihr kommt gerade recht! Unser Mahl steht auf dem Tisch, der Wein ist heiß, und wenn unsere Kehlen ordentlich geschmiert sind, dann singen wir wohl gar noch zusammen In dulci jubilo!“

„Den Wein genieße ich gerne, und das Essen ebenso!“, gab der Musketier mit rauer Stimme zurück und klopfte die letzten Schneeflocken von seinen Kleidern. Dann legte er Hut und Waffen ab und ließ sich aufatmend am gedeckten Tisch nieder. „Doch was Euren vielstimmigen weihnachtlichen Gesang betrifft, so bedenkt bitte, meine Herren, man sollte erfahrungsgemäß in nüchternem Zustand nicht singen. Enthalten wir uns daher vorerst aller musikalischen Eskapaden und sorgen stattdessen lieber für unser leibliches Wohl!“ Und damit hielt er Porthos seinen Weinbecher hin.

  

 

29. Alle Jahre wieder


„Aaah!“, stieß der Baron du Vallon erleichtert hervor, während er sich aufatmend auf dem Sofa niederließ und seine durchnässten Stiefel von den Beinen streifte. Ha, heute hatte er endlich den kapitalen Rehbock erlegt, auf den er seit Tagen scharf war! Und dies weidgerecht zum richtigen Zeitpunkt, denn nach Weihnachten begann bekanntlich die Schonzeit, und damit war es mit der Bockjagd bis zum Mai wieder vorbei! Und so lange auf die exquisiten zarten Rehmedaillons in Cognacsauce zu verzichten, das war schon ein wenig traurig, wie er sich eingestand. Musste er sich doch den gesamten Winter über mit der Jagd auf Hasen und Wildschweine zufriedengeben, wenn das edle Rotwild nicht bejagt werden durfte! Und deren Fleisch war beileibe nicht mit besagten Rehmedaillons oder einem köstlich zubereiteten gespickten Hirschbraten vergleichbar! Jawohl, der kapitale Sechzehnender, den er letztens in seinem Revier erspäht hatte, der sollte auch noch dran, ehe das Jahr um war! „Nicht wahr, meine Buben?“, brummte er seinen beiden riesenhaften Jagdhunden zu, die sich ihm sofort schweifwedelnd zuwandten und ihre nassen Pfoten auf die seidenbezogenen Polster stemmten, „was meint ihr dazu?“ Die Hunde gaben prompt und begeistert ein lautes winselndes Japsen von sich, was bewies, dass Porthos` Vorhaben ihren natürlichen Jagdtrieb spornte, und der Hüne kraulte ihnen sanft das feuchte Fell, dessen strenger Geruch sich nun immer deutlicher im Salon verbreitete. Und da öffente sich auch schon resolut die Türe, ein Seidenkleid rauschte über die Schwelle, und eine scharfe Frauenstimme rief ärgerlich aus: „O nein! Mon Dieu, mein Herr Gemahl, nicht schon wieder!“

Die Hunde ließen sogleich vom Sofa ab, duckten sich und kniffen unterwürfig die Rute ein, und Porthos warf seiner Gemahlin einen zwar bloß gespielten doch nichtsdestoweniger ebenso schuldbewussten Blick zu. Aber das nützte ihm nichts, schon fuhr Madame du Vallon mit zorngerötetem Antlitz auf ihn los. „Mon cher mari!“, fauchte sie und wies entrüstet auf Teppich und Sofa, „wie oft muss ich Euch noch sagen, dass Ihr Eure beiden Köter nicht hier hereinlassen sollt! Seht Euch nur diese Flecken auf den Seidenbezügen an! Feuchter Kot und Schneematsch! Glaubt Ihr denn, das bekommt man wieder heraus?! Und erst der Teppich! Da, schaut, nichts als Dreck! Meint Ihr etwa, dies wäre ein Fußabstreifer?!“

„Mon Dieu, Madame, nun ereifert Euch doch nicht so!“, gab der Hüne seufzend zurück, „Ihr seid nicht mehr die Jüngste, wie Ihr wisst, und Aufregung kann dem Herzen schaden - “

„Wie - ?!“ Die Dame des Hauses erbleichte und starrte ihrem Gatten sprachlos ins Gesicht. Beim Allmächtigen! Das war ja wohl der Gipfel! Schon wollte sie wutentbrannt zu einer saftigen Replik ansetzen, da sprang Porthos bereits vom Sofa auf und trat raschen Schrittes auf sie zu. „Meine Liebe,“ gurrte er sanft und legte seiner Gemahlin begütigend den herkulischen Arm um die füllige Taille, „bitte verzeiht! Ich wollte Euch doch nicht beleidigen! Aber Ihr müsst zugeben, dass solcher Ärger sich unheilvoll auf Eure Gesundheit auswirken kann!“

„Mein lieber Herr Gemahl!“, zischte seine Angetraute zurück, „wenn mich etwas meine Gesundheit kostet, dann sind`s Eure fortwährenden schmutzigen Eskapaden! Bitte nehmt endlich ein für alle Mal zur Kenntnis, dass mein Salon kein Hundezwinger ist! Und ebensowenig eine schmierige Taverne!“ Sie wies auf den exquisiten, zierlich geschnitzen Tisch, auf dem ein gebrauchtes Weinglas, einige leere Weinflaschen und ein silberner Teller mit abgenagten Hühnerknochen standen. „Wenn Ihr schon hier an meinem Teetisch Euren Gelagen frönen müsst, so befehlt wenigstens Charles oder Eurem geschätzten Monsieur Mouston, er soll die unappetitlichen Überreste hinterher gefälligst entsorgen!“ Sie ergriff die silberne Tischglocke und schwang sie resolut, worauf sich zaghaft die Türe öffnete und ein kleiner hagerer Dienstbote schüchtern durch den Spalt lugte. „Nur herein, Charles!“, rief die Herrin des Hauses unwirsch, „mach dich an die Arbeit und walte deines Amtes! Und das nächste Mal möchte ich dies erleben, ohne dass ich es dir ausdrücklich befehlen muss! Ist das klar?!“

„Jawohl, Madame!“, murmelte der Diener mit unterwürfigem Bückling, mon Dieu, die Gnädige hatte heute wieder ausnehmend schlechte Laune! Stumm und mit gesenktem Kopf machte er sich daran, das schmutzige Geschirr wie befohlen abzuräumen, während Porthos ihm verstohlen einen teilnahmsvollen Blick zuwarf. Endlich war`s getan, Charles verschwand samt Weinglas, Teller und Flaschen, und Madame du Vallon ließ sich aufstöhnend in einen Lehnstuhl sinken, die eheberingte Hand an die schmerzende Stirn gepresst. „Mon Dieu! Ich werde hier in diesem Hause noch verrückt!“

Ihrem Gatten schoss prompt eine entsprechende Replik durch den Kopf, doch er hielt wohlweislich an sich und begab sich stattdessen auf bloßen Strümpfen hinüber zur Türe, um seine beiden vierbeinigen Gefährten zu entlassen. Diese verließen auch sofort und offensichtlich nur zu gerne den ungemütlichen, gewitterschwangeren Salon.

„Doch nun, mon cher mari, zu etwas weit Wichtigerem!“, erklärte die Dame des Hauses entschlossen und richtete sich kerzengerade in ihrem Stuhl auf. „Wie Ihr wisst, nahen die Festtage heran, Weihnachten steht vor der Tür, und ich habe diesbezüglich noch einiges mit Euch zu erörtern!“

Erörtern!, sagte sie, und beim Klang dieses Wortes zuckte Porthos unwillkürlich zusammen. Morbleu, ihm schwante Übles! „Ma chère, tragt Ihr Euch etwa mit dem Gedanken, unsere lieben Nachbarn, die Boisrenards, zum weihnachtlichen Festmahl einzuladen?“, erkundigte er sich vorsichtig.

„In der Tat!“, bestätigte Madame du Vallon kühl. „Mon cher mari, habt Ihr etwa was dagegen einzuwenden?“

„Nun…“, setzte ihr Gatte an, doch die Worte wollten ihm partout nicht über die Lippen kommen, und wahrhaftig, hätte er seiner Gemahlin denn offen gestehen können, was er von seiner verehrten Nachbarschaft hielt? Madame de Boisrenard war nichts weniger als eine unliebenswürdige, scharfzüngige alte Schlange, die ihren Geifer nur zu gern verspritzte, ihr dürrer, betagter Ehegemahl dagegen ein Bild des Jammers, und der schmalbrüstige pickelige Herr Sohn ein hoffnungsloser Dummkopf, dem es bis heute nicht gelungen war, sich den scharfen Fängen der Frau Mama erfolgreich zu entwinden. Und mit diesen überaus unerfreulichen Herrschaften sollte er also am Weihnachtsabend zu Tisch sitzen und mühevoll Konversation machen! Pfui Teufel! Wie ihm bei diesem Gedanken grauste!

„Was, nun?!“, wiederholte seine streitbare Gemahlin auch schon wie vorhergesehen, „behagt Euch, mon cher mari, mein Vorschlag etwa nicht? Doch Ihr vergesst dabei, dass wir gesellschaftlich dazu verpflichtet sind, unsere Nachbarn vice versa zu den heurigen Festtagen einzuladen, nachdem wir letztes Jahr an Weihnachten zu Gast bei ihnen waren!“

Allerdings!, dachte der Baron und schüttelte sich innerlich, als er an dieses grandiose Ereignis zurückdachte. Sacrédieu! Selten hatte er sich dermaßen entsetzlich gelangweilt! Und als er daher beschloss, seinen Missmut im Wein zu ertränken, erntete er dafür prompt zutiefst vorwurfvolle, naserümpfende Blicke sowohl von der Hausherrin als auch von seiner Gattin. Morbleu! Was zum Teufel hätte er denn sonst tun sollen?! Mit den beiden Damen über den neuesten Dorfklatsch räsonnieren?! Oder mit dem alten, schwerhörigen Herrn Pfarrer, der ebenfalls mit an der Tafel saß, zwar bemühte, doch mehrenteils eingleisige Gespräche über die letztens stattgehabten Begräbnisse führen?! Gar nicht zu reden von Monsieur le fils, diesem hohlköpfigen Taugenichts, der ebenso wenig Mumm in den Knochen hatte wie ein verschrecktes Huhn! Parbleu, wenn er da an Raoul dachte! Zwischen Athos` Sohn und diesem lahmen Kretin lagen wahrhaftig unendliche Welten! Und ha!, da kam ihm auch schon mit einem Mal ein Gedanke -

„Meine Liebe,“ begann er zögernd und verdächtig sanft, „ich finde, wir sollten, was weihnachtliche Einladungen anbelangt, doch ein wenig mehr ausgleichende Gerechtigkeit walten lassen - “

Seine Gemahlin hob sofort stirnrunzelnd die Brauen. „Ach ja? Wie, mon cher mari, darf ich dies verstehen?“

„Nun,“ fuhr Porthos sachte und behutsam fort, „voriges Jahr habt ja Ihr bestimmt, wie und bei wem wir die Weihnachtsfeiertage verbringen. Daher ist es nur recht und billig, wenn heuer ich zur Abwechslung diese Entscheidung übernehme. Nicht wahr, ma chère?“

Madame du Vallon sah ihrem Gatten stumm ins Gesicht, im ersten Augenblick verblüfft, doch im nächsten sprang sie wütend von ihrem Stuhl auf. „O nein, mein Herr Gemahl!“, rief sie zornblitzenden Auges und drohte ihrem Ehemann mit erhobenem Zeigefinger, „ich weiß, worauf Ihr hinauswollt! Und ich sage Euch gleich, das ist ganz unmöglich!“

„Und warum, bitte, soll das unmöglich sein?!“

„Weil wir, wie ich Euch vorhin schon sagte, gesellschaftliche Verpflichtungen haben!“, fauchte sie zurück. „Wir dürfen es uns doch nicht mit unseren Nachbarn verscherzen! Es gibt nun einmal Regeln! Konventionen! Auch, wenn diese Euch, mein Lieber, durchaus nicht behagen wollen!“

„Gut!“, erklärte Porthos unerwartet fest. „Wenn dem so ist, meine Liebe, dann ladet die Boisrenards nur unbekümmert ein! Ich tue desgleichen mit meinen guten Freunden!“

„Mein verehrter Herr Gemahl, ich sagte schon, dies ist unmöglich!“, zischte die Herrin des Hauses mit zornfunkelnden Augen. „Glaubt Ihr etwa, Madame de Boisrenard verspürt brennende Lust darauf, Euren ungehobelten Musketierfreunden zu begegnen?! Da sei Gott vor!“

„Also wirklich!“, schwoll Porthos nun der Kamm, und er richtete sich drohend zu voller Größe auf, „wie könnt Ihr, meine Liebe, so etwas sagen! Der Comte de la Fère gehört, wie Ihr doch wisst, zu den edelsten Männern dieses Landes, und sein Sohn, der Vicomte de Bragelonne, ist ein überaus gesitteter und wohlerzogener Jüngling! Und was den Chevalier d`Herblay betrifft, so ist niemand auf dieser Welt kultivierter und feinsinniger als er, wozu wäre er denn sonst Priester! Keiner von meinen Freunden ist also ein ungehobelter Musketier!“

„Und was ist mit Monsieur d`Artagnan?“, fragte seine Angetraute spitz und verschränkte die Arme vor der Brust. „Ist etwa auch aus ihm mittlerweile ein erlauchtes Mitglied der Haute Noblesse oder ein schöngeistiger Herr Abbé geworden?“

„Mein Freund gehört zwar nach wie vor den königlichen Musketieren an,“ gab Porthos grollend zu, „aber er bekleidet immerhin den Rang eines Leutnants! Und das wird man nicht einfach so, dazu braucht es Verdienst! Zudem ist er ein äußerst mutiger und scharfsinniger Mann, der unserem Haus einzig und allein zur Ehre gereicht! Also?!“

Madame du Vallon kniff wortlos die Augen zusammen und musterte ihren Gatten mit abschätzendem Blick. Doch dann senkte sie, wider Erwarten, resigniert die Lider und erklärte seufzend: „Nun gut, um der Gerechtigkeit und des lieben Friedens willen will ich Euch gestatten, Eure Freunde zum weihnachtlichen Festmahl einzuladen. Doch seid gewarnt!“, setzte sie drohend hinzu, „ich habe mitnichten vor, den Boisrenards damit einen Korb zu geben! Eure Herren Kameraden werden sich also mit meinen Gästen vertragen müssen!“

„Oh, habt keine Sorge, meine Liebe, das werden sie, das werden sie!“, versetzte Porthos mit füchsischem Lächeln und hob beteuernd beide Hände, „seid gewiss, ma chère, sie werden ein Herz und eine Seele sein!“
 

 

 

30. Weihnachten auf Gut Bracieux

Lieber Rochefort,

ich hab deine Anregung aufgegriffen und versucht, eine Fortsetzung zu meinem Kapitel “Alle Jahre wieder” zu basteln - ich hoff, sie entspricht einigermaßen deiner Erwartung…

Liebe Grüße
Aramis


***


„Hm!“, murmelte d`Artagnan und richtete sich gespannt im Sattel auf, als er in einiger Entfernung drei Reiter vor sich auf der schneebedeckten Landstraße erblickte, „Reisende? Wer mag das sein?“ Irgendwie wollten ihm ihre Silhouetten bekannt vorkommen, und so spornte er sein Pferd zu einem frischen Galopp. Doch als er näher an die drei Männer herankam, die in flottem Trab Seite an Seite die Straße entlangritten, da erhellte sich seine Miene, und sein Antlitz strahlte vor Freude. „Athos! Raoul! Aramis!“, rief er laut und schwenkte seinen Hut, „hola, meine Freunde!“

„D`Artagnan!“ Die drei Reisenden parierten prompt zum Halt, wandten ihre Pferde und begrüßten in hellem Jubel ihren alten Freund. „Parbleu!“, rief Athos und schüttelte dem Leutnant vom Sattel aus die Hand, „so hat Porthos uns alle vier eingeladen! Ha, das hat er mir verschwiegen!“

„Mir auch!“, erklärte Aramis lachend. „Ah, ich verstehe! Das soll wohl seine Weihnachtsüberraschung für uns sein, dass wir uns nun, wie in alten Zeiten, beim gemeinsamen Festmahl zusammenfinden!“

„Und in der Tat, er hat mit dieser Idee einen wahren Treffer gelandet!“, rief d`Artagnan, und ein glückliches Lächeln breitete sich über sein braunes Antlitz, „so sehe ich nun Euch, meine Freunde, endlich wieder! Und nicht zuletzt den jungen Herrn Vicomte!“ Mit diesen Worten reichte er Raoul vom Sattel aus die Hand, die dieser sogleich mit ehrerbietigem Gruß ergriff.

„Oh, mein lieber Raoul, doch nicht so förmlich!“, lachte der Gascogner und legte dem Jüngling freundschaftlich die Hand auf den Arm, „und nun kommt, mes amis! Gut Bracieux ist nicht mehr fern, lassen wir Porthos` Gänsebraten nicht kalt werden!“ Damit warf er seinen Kameraden einen funkelnden Blick zu, drückte den Hut in die Stirn und gab seinem Pferd die Sporen. Seine Gefährten taten es ihm sogleich freudig nach, und so galoppierten alle vier im stiebenden Schnee die Straße entlang, Seite an Seite, wie in alten Tagen, während allmählich die Abenddämmerung hereinbrach und es aus lichtem, wolkenverhangenem Himmel ganz leise und sachte zu schneien begann -


***


„Nun,“ erklärte Madame de Boisrenard mit strenger Miene, an ihre drei Mitreisenden gewandt, „nur noch eine kleine Weile, dann sind wir da!“

„Jawohl, meine Liebe!“, murmelte ihr Gatte, der Baron de Boisrenard, zerstreut und umklammerte mit knochigen Fingern seinen Gehstock. „Ziemlich rutschig, bei all dem Schnee, wie? Da muss man höllisch aufpassen, dass man nicht unversehens ausgleitet!“ Er hustete, holte umständlich sein Sacktuch hervor und schneuzte sich die Nase. „Ich habe Jean, unserm Kutscher, vor der Abfahrt noch eingeschärft, er soll ja langsam fahren!“

„Keine Sorge, mein Herr Gemahl!“, versetzte Madame de Boisrenard hochgemut, “wir bringen Euch wohlbehalten nach Bracieux und wieder retour! Seht, dort vorne erhebt sich schon das Tor!“

Mademoiselle Hélène, ein blühendes junges Mädchen mit schwarzlockigem Haar, keckem Stupsnäschen und rosigen Wangen, stieß innerlich einen schweren Seufzer aus. Parbleu! Was in aller Welt war ihrer Frau Mama bloß eingefallen, sie über Weihnachten zu Onkel Alphonse und Tante Gundolphine zu schicken! Die beiden waren doch todlangweilig! Oder vielmehr, der Onkel war sterbenslangweilig, die Tante dagegen eine argwöhnische, besserwisserische alte Ziege, die ihr sofort und bei jeder Gelegenheit mit einer strengen Rüge kam! Ja, es schien wahrhaftig, als freue es sie, zu schimpfen! Kein bisschen Spaß durfte man haben, nicht einmal ein wenig Schlittschuhlaufen auf dem zugeeisten Schlossweiher wollte sie gestatten! Huch, wie gefährlich! Dabei könne man doch einbrechen und ertrinken! Pah! Das Eis brach wohl prompt bei der beleibten Tante, doch nicht bei ihr, Mademoiselle Hélène! Und bei Gott, wie hatte Jean Jacques, ihr Herr Cousin, den sie erfolgreich dazu verführt hatte, sich aufs Eis zu wagen, sofort zutiefst beschämt die Ohren angelegt und schuldbewusst gestottert: „Jawohl, Frau Mutter!“, als die Tante ihn dabei erwischte! Oh, dieser Dummkopf war schlicht unmöglich! Sein unterwürfiger Gehorsam war schon richtig peinlich! Und wie er sie, Hélène, eben wieder ansah, rot bis über die Ohren und mit breitem Lächeln auf dem Pickelgesicht, das seine unebenen Zähne voll entblößte! Glaubte dieser Tropf etwa tatsächlich, sie machte sich was aus ihm?!

Das imposante steinerne Tor war glücklich passiert, eine tiefverschneite Allee tat sich auf, mündete schließlich in ein weites Rondell, und die Kutsche hielt vorm Schlossgebäude, aus dem auch schon mehrere Bedienstete eilten, um Wagen und Pferde zu versorgen, während der Hausherr in eigener Person an den Kutschenschlag trat, um seinen Gästen beim Aussteigen zu helfen. Madame de Boisrenards füllige, pelzummäntelte Gestalt erschien, gefolgt von ihrem bejahrten Herrn Gemahl, der sich bang an seinen Stock klammerte und sich, auf den schmächtigen Arm seines Sohnes gestützt, mit dessen Hilfe seinen Weg über die gefährlich rutschigen Steinplatten hinein ins Schloss bahnte.

„Oh, Mademoiselle, welch freudige Überraschung!“ Porthos zwirbelte blitzenden Auges seinen Schnurrbart und half Mademoiselle Hélène galant beim Aussteigen, ein strahlendes Lächeln auf dem kühnen Antlitz.

Madame du Vallon erwartete die Ankömmlinge in der prächtigen, von hellem Kerzenlicht weihnachtlich erleuchteten Halle und bat ihre Gäste nach umständlicher, wortreicher Begrüßung hinein in den vom knisternden Kaminfeuer behaglich erwärmten Salon, wo eine Kanne heiß duftenden Tees und ein großes silbernes Tablett saftigen Kuchens die winterliche Kälte glücklich vergessen ließen.


***


„Ah, meine Freunde, da seid Ihr ja endlich!“, rief Porthos erleichtert und breitete die riesenhaften Arme aus, „willkommen auf Gut Bracieux! Hattet Ihr eine gute Reise?“

„Jawohl!“, rief d`Artagnan lachend und schwang sich aus dem Sattel, „keine Sorge, mon cher Porthos, sie konnte angenehmer nicht sein!“

Auch Athos und Aramis stiegen hochgemut von ihren Pferden, warfen den herbeieilenden Stallburschen die Zügel zu und umarmten ihren großen Freund, der ihrer Ankunft schon seit Stunden entgegenharrte.

„Parbleu, Raoul, aus Euch ist ja ein richtiger Mann geworden! Ihr wart ein kleiner Junge, als ich Euch das letzte Mal sah!“, rief der Hüne und drückte dem Jüngling die Hand, „immer fleißig beim Reiten und Fechten, nicht wahr?“ Und auf Raouls Nicken setzte er fest und bestimmt fort: „Recht habt Ihr! Und mit Eurem verehrten Herrn Vater könnt Ihr keinen besseren Lehrmeister haben! Einen hervorragenden Degen braucht man in jeder Armee!“

Er bat seine Gefährten mit einladender Geste ins Haus, eine Schar von Dienern unterm Befehl Mousquetons kümmerte sich sofort um Reisegepäck und Mäntel, und nachdem alle notwendigen Dinge glücklich erledigt waren, nahm Porthos seine Freunde mit leisem Wink beiseite. „Mes amis, es tut mir aufrichtig leid, aber Ihr müsst wissen, wir sind bedauerlicherweise nicht alleine!“, erklärte er betreten, „meine liebe Frau Gemahlin hat nämlich ebenfalls Gäste eingeladen.“

„Ja, und?“ D`Artagnan zuckte die Achseln und hob fragend die Brauen, „mon cher Porthos, wo liegt das Problem?“

„Nun ja, um es kurz zu machen: Die Boisrenards sind etwas, hm!, seltsam.“, fuhr Porthos unter leisem Räuspern fort, „und die Frau Baronin besitzt zudem eine äußerst scharfe Zunge. Bitte lasst Euch davon nicht irritieren! Dafür sind ihr Herr Gemahl und ihr Sohn vollkommen harmlos. Um nicht zu sagen, zum Einschlafen langweilig. Doch scheint mir Mademoiselle Hélène, Madame de Boisrenards Nichte, zumindest über Weihnachten endlich ein wenig frischen Wind in diese triste Familie zu bringen! Immerhin hat Monsieur Jean Jacques schon weit gesündere Farbe im Gesicht!“ Er grinste maliziös und zwinkerte seinen Gefährten zu.

„Ah, Mademoiselle Hélène ist demnach eine äußerst hübsche junge Dame?“, entgegnete d`Artagnan ebenso augenzwinkernd und warf Aramis einen anzüglichen Blick zu: „Mon cher ami, ich glaube, Ihr als Mann der Kirche kümmert Euch besser um die Frau Tante, während ich das Fräulein Nichte übernehme!“

„Untersteht Euch!“, versetzte Aramis in gespieltem Ärger, „die Betreuung junger hübscher Demoisellen ist mein Spezialgebiet! Parbleu, wozu bin ich Priester?“

„Sagt bloß, meine Freunde, Ihr wollt Euch um sie duellieren?“, erwiderte Athos süffisant und schüttelte indigniert den Kopf. „Immer dieser Zwist unter Männern wegen eines jungen Weibes! Nein, meine Herren, das ist wahrlich abgeschmackt!“

„Meint Ihr, Athos?“, gab d`Artagnan schuldbewusst zurück, „nun gut, mon cher Aramis, dann überlasse ich sie Euch!“

„Nicht doch, mein lieber d`Artagnan! Nachdem sie ja ein blutjunges, blühendes Mädchen ist, so vertrauen wir sie doch lieber unserem Herrn Vicomte an! Raoul wird die junge Dame sicher bestens zu unterhalten wissen!“

„Mon cher Aramis!“, murmelte Porthos in süffisanter Ehrfurcht und faltete ergriffen die Hände, „Ihr seid ein wahrhaft weiser Mann!“


***


„Ach, meine Liebe, es kommen also noch andere Gäste?“, bemerkte Madame de Boisrenard stirnrunzelnd und setzte klirrend ihre Teetasse ab. „Darf ich fragen, um wen es sich handelt?“

„Oh, bloß ein paar alte Jugendfreunde meines Herrn Gemahls.“, wehrte Madame du Vallon mit nervösem Lächeln ab, „und dazu ein junger Mann, Sohn eines jener Herrn. Doch habt keine Sorge, meine Liebe - “

„Mon Dieu!“, stieß Madame de Boisrenard im selben Moment hervor und griff sich schockiert an ihren fülligen Busen, „handelt es sich etwa um diese gewissen - Musketiere, von denen Ihr mir bereits erzählt habt?“

„Äh, also… jawohl, diese sind es, ich gebe es zu. Ich konnte meinem Herrn Gemahl ihre Einladung nicht verweigern! Doch seid beruhigt, er hat mir auf Ehre versprochen, sie werden sich zu benehmen wissen! Und mittlerweile haben sie ja auch glücklich das Soldatenhandwerk niedergelegt. Das heißt, bis auf einen,“ setzte Madame du Vallon enerviert hinzu, „und dieser wird sich, das verspreche ich Euch in die Hand, ma chère, hier unter meinem Dach keinerlei Frechheiten erlauben!“

„Euer Wort in Gottes Ohr!“, knurrte Madame de Boisrenard grimmig und griff nach ihrer Teetasse. „Man weiß ja, Soldaten sind gewöhnlich Rüpel. Und überdies,“ sie senkte geflissentlich ihre Stimme zu einem Wispern und neigte sich verschwörerisch ihrer Nachbarin zu, „sind sie die reinsten Schürzenjäger, sobald sie ein frisches junges Mädchen zu Gesicht bekommen! Dem muss unsereins sofort einen Riegel vorschieben!“

„Ihr sagt es, meine Liebe!“, stimmte Madame du Vallon seufzend in ebensolchem Flüsterton zu. „Doch fürchtet nichts!“, fuhr sie mit erhobener Stimme fort, „in meinem Hause herrschen Anstand und gute Sitte! Selbst meinem Herrn Gemahl habe ich seine ungehobelten Soldatenmanieren, bis auf ein paar unbedeutende Kleinigkeiten, bereits mit Erfolg ausgetrieben!“ Und sie setzte zur Bekräftigung ihre Teetasse an die Lippen und nahm einen kräftigen Schluck.

Madame de Boisrenard nickte beifällig und nippte ebenfalls am heißen Tee, ihre Nichte jedoch lauschte prompt mit roten Backen. Wie? Man erwartete weiteren Besuch? Enge Freunde des Hausherrn, und dazu gar königliche Musketiere? Oh, wie aufregend! Und sie hatte schon befürchtet, Weihnachten bloß in Gesellschaft ihrer schrecklichen Verwandten und deren vermutlich ebenso öden Nachbarn verbringen zu müssen! Doch welch angenehme Überraschung, der Baron du Vallon entsprach beileibe nicht dem tristen Bild, das sie sich im Geiste von ihm gemacht hatte! Im Gegenteil, er erwies sich als ein überaus stattlicher Mann, heiter und lebensfroh! Und er wirkte so jugendlich, trotz seiner Jahre! Wer mochten wohl seine Freunde sein?

Wie zur Antwort klopfte es im selben Moment vernehmlich an der Türe, auf Madame du Vallons scharfe Aufforderung erschien Mousqueton mit erstaunlich graziöser Verbeugung auf der Schwelle und verkündete stolz: „Mesdames et Messieurs, die hochverehrten Gäste des wohledlen Herrn Barons!“

Die Flügeltüre öffnete sich in voller Breite, Mousqueton wich ehrerbietig und mit tiefem Bückling zur Seite, und drei imposante Herren in nobler Festtagstracht traten gemessenen Schrittes über die Schwelle, gefolgt von einem ebenso elegant gekleideten, auffallend hübschen Jüngling. Zuletzt erschien der Hausherr, ein breites, zufriedenes Lächeln auf dem superben Antlitz - ha, seine Freunde waren allesamt gekommen! Mochte das weihnachtliche Festmahl nun getrost seinen Lauf nehmen!

Die beiden Damen erhoben sich majestätisch von ihren Stühlen, flankiert vom gebrechlichen Herrn Baron und seinem Sohn, die den eindrucksvollen Ankömmlingen stumm und überrascht entgegenblickten. Mademoiselle Hélène jedoch musterte die Eingetroffenen sofort aufs Höchste interessiert, und ihre rosigen Wangen überzog dabei prompt eine tiefe Röte. Heiliger Himmel, sahen diese Herren allesamt gut aus! Einer wie der andere, und besonders dieser junge Mann! Unwillkürlich trafen einander ihre Blicke, und auch Raoul errötete sanft. Sie lächelte ihm zu, und er lächelte zurück, während Porthos und seine Gattin nun wortreich die förmliche Begrüßung und gegenseitige Vorstellung übernahmen.

Endlich waren die Honneurs vollzogen, alle Reverenzen und Handküsse absolviert, ein silberheller Glockenschlag ertönte, und so schritt man nun gemessen und wohlgeordnet in den mit grünem, von goldfarbenen Schleifen umwundenem Tannenreisig geschmückten und im hellen Schein unzähliger Kerzen prangenden Speisesaal, wo die weihnachtliche Tafel gedeckt war. Blütenweißer Damast und schimmerndes Silber zierten den mächtigen Tisch, kristallene Gläser funkelten und blitzten, und die Diener standen allesamt in Reih und Glied, um Mousquetons Befehle zu erwarten. Leise Musik schwebte durch den Saal, ein Cembalo rauschte, eine Laute zirpte, und zwei Flöten hauchten mit süßem, warmem Klang weihnachtliche Melodien und Weisen. Jawohl, Monsieur und Madame du Vallon hatten keine Kosten und Mühen gescheut, um dieses weihnachtliche Festmahl musikalisch zu krönen!

Stühle wurden gerückt, Seide raschelte, aufatmend setzten sich die Gäste an die Tafel, und schon wurde der erste Gang aufgetragen, würzig duftende Bouillon mit feinsten flaumigen Klößchen.

„Monsieur l`abbé, wir bitten um das Tischgebet!“, ließ sich die Hausherrin mit strenger Stimme vernehmen, und aller Augen richteten sich auf den Chevalier d`Herblay, der sich dieser heiligen Pflicht, wie er wusste, naturgemäß nicht entziehen durfte. „So bitten wir Dich, Gottvater den Allmächtigen,“ hub er also mit klarer, sanfter Stimme an und breitete die Hände aus, „zum Fest der Geburt Deines göttlichen Sohns, Unseres Herrn Jesu Christi, unser gemeinsames Mahl zu segnen, auf dass es nicht bloß unseren Leib nähre und stärke sondern ebenso unsere Seelen! Lass Wohlwollen und Güte alle Zwietracht vertreiben, wecke Freude und Lebenslust in unserer Brust, und lass die Liebe in unseren Herzen entflammen, die Unser Heiland selbst uns mit Seinem heiligen Wort und Seinem Beispiel gelehrt hat. Weder Streit noch Hader, nicht Eifersucht und schnöde Missgunst, nein, das himmlische Paradies selbst soll nun auf Erden herrschen, und Friede sei mit allen Menschen, die guten, liebenden Willens sind!“

„Amen!“, antworteten die Gastgeber wie die Schar der Gäste, und leises Löffelklappern setzte ein.

„Nun, Monsieur l`abbé,“ bemerkte Madame de Boisrenard spitz und runzelte die Brauen, „Eure schönen Worte in allen Ehren, doch seht Ihr die Dinge nicht ein wenig zu rosenrot? Die Welt ist kein Paradies und wird nie eines werden! Der Teufel legt seine Fallstricke aus, überall herrschen tiefste Verdorbenheit und Sünde, und ich fürchte, da wird auch alle bemühte Liebe nichts dran ändern!“

„Oh, Madame, da wäre ich an Eurer Stelle nicht so pessimistisch.“, gab der Abbé mit leisem Lächeln zurück und setzte seine unschuldigste Miene auf, „die Liebe ist bekanntliche eine Himmelsmacht! Und wo sie hinfällt, dort erblüht Gottes Segen. War Euch dies etwa bisher nicht bewusst?“

„Nun, solange sie nicht der Unkeuschheit Tür und Tor öffnet, mag die Liebe ja durchaus nützlich sein!“, konterte Madame de Boisrenard und blickte Aramis streng ins Gesicht. „Vor allem an dem Spruch, der besagt: Wer sein Kind liebt, der züchtigt es ist viel Wahres! Ihr seht, Liebe muss also mit Strenge Hand in Hand gehen, sonst fällt diese Welt unaufhaltsam ihrem Untergang anheim!“ Sie schob mit spitzen Fingern den leeren Suppenteller von sich und griff nach der Serviette. „Nicht wahr, meine liebe Adèle? Ihr stimmt mir sicher darin bei!“

„Jawohl, Strenge muss sein!“, pflichtete die Hausherrin ihrer Nachbarin entschieden bei und winkte Mousqueton, die warme Wildpastete mit Sauce Mornay, die Foie gras und die Schweinsbäckchen vom jungen Wildschwein mit Pilzen in Gelee auftragen zu lassen, „sonst versinkt dieses Haus hier - pardon!, ich wollte sagen, die Welt im Chaos! Ordnung und Disziplin sind`s, was uns an erster Stelle nottut! Nicht wahr, mein Herr Gemahl?“

Doch ehe Porthos antworten konnte, ergriff bereits d`Artagnan mit liebenswürdigem Lächeln das Wort: „Oh, Madame la baronesse, als Soldat stimme ich Euch hier voll und ganz zu! Gerade in der Armee stehen Ordnung und Disziplin an allererster Stelle! Daran kann man sehen, wie heilsam der Waffendienst auf Frankreichs männliche Jugend wirkt! Auch der Herr Vicomte will Soldat werden, wie er mir unlängst sagte! Nicht wahr, Raoul?“

„Jawohl!“, erklärte dieser stolz, zwischen zwei Bissen von der hervorragenden Wildpastete, „ich will meinen Degen unserem Vaterlande weihen, wie es schon mein hochverehrter Herr Vater tat!“

Mademoiselle Hélène warf dem kämpferischen Jüngling prompt einen schmachtenden Blick zu – mon Dieu, welch ein großartiger junger Mann! Jawohl, aus ihm würde sicher ein berühmter Feldherr werden! Ein wahrer Heros, wie er in den Heldenepen und Romanen stand!

Jean Jacques jedoch schluckte stirnrunzelnd seinen Bissen Foie gras mit bewegtem Adamsapfel hinunter, nahm allen Mut zusammen und antwortete krächzend, deutliche Röte auf den vormals fahlen Wangen: „Nun, Monsieur le lieutenant, ich denke, als Gelehrter bedarf es weit mehr an Strenge und eiserner Selbstbeherrschung! Seine Schlussfolgerungen und Erkenntnisse in zwingend verständliche Worte zu fassen kann ja nicht das Werk eines chaotischen Ungeists sein! - Nicht wahr, Monsieur l`abbé?“

Aramis hielt im Essen inne und lächelte dem nervösen jungen Mann liebenswürdig zu. „Nun, zu einem wissenschaftlichen Werk gehören Fleiß und Disziplin, da gebe ich Euch recht. Doch um es, darüber hinaus, auch in der Kunst zu etwas Hervorragendem zu bringen, braucht man zusätzlich Kreativität. Und diese darf nicht in den Fesseln strenger formaler Regeln ersticken, denn das Genie braucht Freiheit, wenn es seine Flügel entfalten soll, die den Geist über alle Grenzen hinweg in die Unsterblichkeit tragen!“

Mademoiselle Hélène lauschte hingerissen – mon Dieu, welch hehre Worte aus solch schönem Mund! Und sie konnte sich nicht enthalten, leise dabei zu seufzen. Doch ihrer Frau Tante behagte Aramis` Rede weit weniger: „Im Gegenteil, Monsieur l`abbé, Freiheit ist höchstem Maß gefährlich! Sah man dies nicht am Beispiel La Rochelles?! Nein, man muss schon die kleinen Kinder konsequent und mit aller Strenge lehren: Strikter Gehorsam ist die allererste Pflicht! Denn dieser hält das Gemüt in Zucht und Demut und erstickt sogleich alle rebellischen Gedanken!“ Und damit warf sie ihrem Sohn aus dem Augenwinkel einen prüfend scharfen Blick zu.

„Madame,“ ergriff Athos nun mit Würde das Wort, während er seinen leergegessenen Teller von sich schob und nach seinem Weinglas langte, „Gehorsam und Strenge in allen Ehren, doch ich denke, man sollte seinen Kindern in erster Linie ein gutes Vorbild sein. Tugend und Moral entwickeln sich nicht aus der bloßen Befolgung strenger Regeln sondern wollen leibhaftig gezeigt und vorgelebt werden. Glaubt mir, aus der freudigen Nachahmung eines eindrucksvollen, überzeugenden Vorbilds heraus lernen die Kinder weit mehr an verständiger Einsicht und guter Sitte als sämtliche Hofmeister dieser Welt ihnen mit dem Rohrstock einbläuen können!“

„Mein Freund, das ist wohlgesprochen!“, rief Porthos und hob zusammen mit seinen Freunden sein Glas, ehe Madame de Boisrenard antworten konnte. „Nun“, versetzte sie spitz und mit giftigem Blick, „dieses Ideal ist doch nicht mehr als ein frommer Wunsch, Monsieur le comte! Das müsst Ihr zugeben! Die Erfahrung zeigt stets, dass die Jugend ohne strenge Erziehung zwangsläufig vor die Hunde geht! Daher braucht sie eine feste Hand und entsprechende Strafen, wenn sie sich gegen den rechten Weg sträubt! Allein schon, was unseren Söhnen und Töchtern, kaum können sie lesen, diese lüsternen Dichter und Schriftsteller an gefährlichem Unsinn einblasen!“ Hierbei warf sie ihrer jungen Nichte einen überaus strengen Blick zu. „Einfach unverantwortlich! Und erst diese gottlosen Maler mit ihren frivolen sujets! Wie infam und zutiefst verderblich!“

„Oh, Madame, wollt Ihr etwa hier alle Kunst pauschal verdammen?“, ließ sich Aramis gefährlich sanft vernehmen, „durch sie erhält doch der Mensch erst seine Würde! Ohne Wissenschaft und Kunst wären wir unverständig wie die Tiere, nein, ich wage gar zu sagen, diese überträfen uns noch weit, dank ihres natürlichen Instinkts, den wir Menschen leider schon längst verloren haben. Ihr seht, Madame, wir brauchen also Kunst und Kultur, um uns aus dem Staub unseres irdischen Daseins zu erheben!“

„Pah, wir brauchen bloß unseren treuen Glauben an Gott!“, fauchte Madame de Boisrenard zurück, während die Hausherrin nervös nach der Serviette langte, „solange wir nur eisern und fest Seine Gebote befolgen, braucht`s keine Wissenschaft und Kunst! Man kann sie getrost abschaffen! Das ist meine Meinung!“

„Oh, Madame, ich glaube nicht, dass der Allmächtige von Eurer Idee begeistert wäre!“, erklärte Aramis und lächelte noch sanfter, „immerhin formte er uns nach Seinem Ebenbild und hat uns von Seinem Geist gegeben! Daher sollten wir unsern esprit auch, Seinem Willen gemäß, entsprechend gebrauchen, anstatt ihn in dumpfer Kulturlosigkeit zu vergeuden. Nicht wahr, meine Freunde?“ Und er hob sein Glas.

„Jawohl!“, rief d`Artagnan feurig, „parbleu, Aramis, ich stimme Euch voll und ganz zu! Und damit ich dies auch gebührend beweise, trinke ich auf unsere so großzügigen Gastgeber! Ein Hoch auf Monsieur und Madame du Vallon! Möge die edle Kunst der Haute Cuisine hier in ihrem Hause weiterhin blühen und gedeihen und ihre Tafel immer so herrlich bestückt sein wie heute!“

Seine Freunde fielen prompt und jubelnd mit ein, beim hellen Klang der Gläser, Porthos wischte sich, im Innersten gerührt, verstohlen eine Träne von der Wange, und auch die Herrin des Hauses hob mit bemühtem Lächeln ihr Weinglas, obwohl sie weit lieber ihrer streitbaren Frau Nachbarin beigesprungen wäre. Himmel, welch gefährlich riskante Konversation! Sie sollte schleunigst gegensteuern und die Rede auf ein harmloses Thema bringen, zum Beispiel auf die in der hiesigen Provinz jüngst stattgehabten Todesfälle…

Doch da erklang ringsum an der Tafel ein lautes, genussvolles „Aaah!“, und selbst die Augen Monsieur de Boisrenards und seines Sohnes begannen zu glänzen, als nun, prächtigst arrangiert und köstlich gefüllt, der betörend duftende weihnachtliche Gänsebraten aufgetragen wurde. Alle Münder verstummten prompt und sämtliche Blicke hingen an Mousqueton, der mit erhabener Miene und in weißen Handschuhen seines Amtes als herrschaftlicher Vorschneider waltete und die herrlich knusprigen Gänse aus eigener Zucht kunstgerecht und in höchster Perfektion tranchierte.


***


Mon Dieu!, dachte der Baron de Boisrenard, als er, auf seinen Stock und den Arm seines Sohnes gestützt, den gediegen getäfelten Flur entlangtappte, welch ein wahrhaft festliches Mahl! Ja, Monsieur und Madame du Vallons besaßen in der Tat einen mehr als begnadeten Küchenmeister, und ihn wollte bei diesem Gedanken schon ein wenig Neid anwandeln. Und dazu dieser hervorragende maître d`hôtel! Wie geschickt Monsieur Mouston bei Tisch aufzuwarten und zu tranchieren wusste! Alles lief säuberlichst und wie am Schnürchen, es war schlicht bewundernswert! Mit Genuss dachte er an die köstlich gefüllten Gänse, flankiert von glacierten Maronen und weich gedünstetem Rotkohl, duftend nach Nelken und Apfelsinen – und wie herrlich schmeckte doch der butterzart geschmorte Rehrücken in Weinsauce mit Preiselbeeren, eingelegtem Gemüse und feinsten Klößchen, der einem buchstäblich auf der Zunge zerging! Wie überaus hilfreich für sein nicht mehr allzu taugliches Gebiss! Oh, und hinterher der Karpfen! Sorgfältigst filetiert und entgrätet, serviert mit einer hellen Kräutersauce, so delikat und raffiniert, dass einem buchstäblich das Wasser im Munde zusammenlief! Gar nicht zu reden von den Desserts – ach, wenn er an diesen himmlischen Birnenflan dachte, an diesen köstlichen Bratapfel mit Sahne, duftend nach Zimt und Calvados, und an diese unvergleichliche, flaumig zarte crème brulée! Ach, es war herrlich! Hoffentlich schaffte es seine bekannt schwache Verdauung, mit all diesen Genüssen zurande zu kommen!

Wie zur Antwort erklangen mit einem Mal lachende Männerstimmen, eine Türe öffnete sich resolut, und schon erschien der Hausherr auf der Schwelle und rief über die Schulter hinweg in den Raum hinein: „Parbleu, meine Freunde, ich sage Euch, dieser Cognac hier ist noch gar nichts! Wartet, jetzt folgt der absolut ultimative Tropfen aus dem Hause Croix Maron!“ Er trat auf den Gang heraus und schrie lauthals „Mouston!!“, ehe er, im Anblick seiner beiden Gäste, mit strahlendem Lächeln innehielt: „Ah, meine Herren! Wunderbar, Ihr kommt gerade recht! Darf ich Euch ebenfalls, als willkommenen Digestif, ein Glas von meinem wahrhaft hervorragenden Cognac anbieten?“

„Äh, vielen Dank!“, krächzte Jean Jacques gelinde erbleichend, „aber mein verehrter Herr Vater fühlt sich schon ein wenig müde, und auch ich möchte lieber nicht - !“

„Müde? Pah!“, konterte Porthos lapidar und grinste süffisant, „ein gutes Glas Cognac macht Müde abends munter! Kommt, meine Herren, ich dulde keine Ausrede, Weihnachten haben wir ja schließlich nur einmal im Jahr, und dieses hehre Fest will daher mit all unserem Fleiß und sämtlicher Disziplin bis in die frühen Morgenstunden gefeiert sein!“ Und damit schob er seine beiden Gäste ungeachtet ihres hilflosen Widerstands hochgemut über die Schwelle ins hell erleuchtete Herrenzimmer hinein.


***


„Hm! Wo in aller Welt stecken denn mein Herr Gemahl und mein Sohn?“, murmelte Madame de Boisrenard stirnrunzelnd, während sie eine weitere der exquisiten, hauchzarten Mandelmakronen mit spitzen Fingern genüsslich in den Mund schob und sodann sachte an ihrem feinziselierten Likörglas nippte, „und meine junge Nichte, Mademoiselle Hélène, ist ebenfalls verschwunden! Was hat das zu bedeuten?“

„Ach, meine Liebe, seien wir doch froh, dass wir die Gesellschaft für eine Weile los sind!“, seufzte Madame du Vallon unter tiefem Aufatmen und schenkte ihrer Nachbarin und sich selbst sogleich bis zum Rand Likör nach, „so können wir beide nun endlich ungestört plaudern! Sagt, ist es wahr, was ich da unlängst hörte? Der Graf von Monchéry drüben auf Schloss Griotte soll insgeheim hoch verschuldet sein?“

„Ah!“ Madame de Boisrenards Augen begannen sofort zu funkeln, sie lächelte füchsisch, mit wissendem Blick, und schon steckten die beiden Damen die toupierten Köpfe zusammen, um diesen höchst interessanten Fall in allen Details haarklein zu besprechen.


***


„Ach, Monsieur Raoul, ist diese Nacht nicht herrlich?“, murmelte Mademoiselle Hélène mit schwärmerischem Blick durchs Fenster hinauf in den nun wolkenfreien, sternfunkelnden Himmel, während sie die Hand des jungen Vicomte wie zufällig sachte mit den Fingerspitzen berührte, „so wundersam und prachtvoll glänzen die Sterne nur zu Weihnachten, nicht wahr?“

„O ja, da habt Ihr recht, Mademoiselle!“, seufzte Raoul und dachte insgeheim an Louise - was tat sie wohl gerade? Lag sie bereits in ihrem weichen Bett und schlief?

„Oh, Monsieur, Ihr schaut ja gar nicht richtig hin!“, rügte Hélène sanft, mit scharfsichtigem Blick. „Kommt, schauen wir gemeinsam! Ich kenne einige Sternbilder! Ihr sicher auch?“

„Pardon, ich bin in der Astronomie leider nicht besonders bewandert.“, gestand Raoul errötend. „Doch ich lasse mich, Mademoiselle, gerne durch solch schönen Mund belehren!“, setzte er mit galantem Lächeln hinzu.

„Nun, so gebt acht!“, raunte Hélène ihm zu und neigte ihr hübsches Köpfchen dicht an den seinen, „seht dort den Großen Wagen! Ist er nicht prächtig? Und hier, links davon, die Corona borealis! Man sagt, sie war einst die mit Edelsteinen besetzte Krone Ariadnes, der Tochter König Minos`, die dem Helden Theseus half, den Minotauros zu bezwingen! Ist sie nicht herrlich?“

„Mademoiselle, Ihr seid in der Tat gut unterrichtet!“, versetzte Raoul in sanfter Ironie, „erspäht Ihr mit Euren scharfen Augen gar den himmlischen Weihnachtsstern?“

„Oh, das sollte mir wohl gelingen!“, gab sie in ebensolchem Ton zurück und lächelte ihm schalkhaft zu, „meint Ihr nicht?“ Sie richtete den Blick durchs Fenster und wandte sich wieder konzentriert dem nächtlichen Himmel zu. „Oh! Seht doch!“, stieß sie zutiefst erregt hervor, „eine Sternschnuppe! Wenn man eine solche erblickt, dann darf man sich etwas wünschen!“ Und sie schloss atemlos und beglückt die Augen, während ihre Finger abermals sachte Raouls Hand berührten… 

 

 

31. Weihnachtsmorgen

Liebe kaloubet,

ich hoff, diese Fortsetzung der Fortsetzung trifft einigermaßen deinen Geschmack *hüstel*...

Liebe Grüße und eine schöne, besinnliche Vorweihnachtszeit!
Aramis


***



„Beim Allmächtigen!“, murmelte Madame de Boisrenard zutiefst erregt, beugte sich übers Bett und rüttelte ihren schlafenden Ehemann an der Schulter – doch auch die immer heftigere Steigerung ihrer Bemühungen war nicht imstande, sein sonores Schnarchen zu unterbrechen. Himmel, das Frühstück! Wenn ihr Gatte nicht schleunigst erwachte, kamen sie zu spät zum gemeinschaftlichen petit déjeuner, und bei allen Heiligen, wie sah das bloß aus?! Sie durften sich doch ihren Gastgebern gegenüber keine solchen Unschicklichkeiten erlauben! Madame du Vallon würde es sicher übelnehmen, wenn man das Gastrecht so missbrauchte! „Herrschaftszeiten! So wacht doch auf!“, zischte sie Monsieur de Boisrenard wütend zu und schüttelte ihn abermals, doch ohne Erfolg – er schlief mit aller Inbrunst den Schlaf des Gerechten, und nicht einmal die Posaune des Jüngsten Gerichts schien imstande, ihn daraus zu wecken. O heiliger Gott, was sollte sie bloß tun?! Jawohl, sie wollte ihren Sohn zu Hilfe rufen! Mit vereinten Kräften musste es ihnen doch gelingen, ihren Herrn Gemahl Morpheus`Armen zu entreißen!

Sie raffte entschlossen ihre seidenen Röcke, verließ das Schlafzimmer und pochte resolut an die Türe des Nebenraums. Doch nichts rührte sich dahinter, und so drückte sie sogleich forsch die Klinke. Bei Gott dem Allmächtigen! War Jean Jacques etwa ebenfalls noch nicht aufgestanden?! Lautes, durchdringendes Schnarchen empfing sie, raschen Schrittes trat sie an das hochgetürmte Bett. Und richtig, da lag auch er, tief vergraben in den Kissen, und schnarchte sich die Seele aus dem Leib!

Madame de Boisrenard kniff die Augen zusammen, Zorn schoss in ihr hoch, und zugleich ein leiser Verdacht. Hatte sie nicht diese Nacht, noch lange nach dem Zubettgehen, wie von ferne vielstimmigen Männergesang vernommen? Hm, und wenn sie an die mitternächtliche Christmette dachte, die der Herr Abbé d`Herblay, seltsam beschwingt und zuhöchst inspiriert, in Madame du Vallons prächtig geschmückter Hauskapelle hielt, dann verdichtete sich ihr Argwohn sogleich aufs Höchste! Die geröteten Gesichter der Herren strahlten und glänzten, als erblickten sie in der Tat das Weihnachtswunder leibhaftig vor sich, und sie sangen die geistlichen Lieder mit solch ohrenbetäubender Inbrunst, dass die Wände der Kapelle erzitterten! Und dies betraf ebenso ihren Herrn Gemahl und ihren Sohn! Mon Dieu, nie hatte man die beiden so freudig erregt gesehen! Ihre vormals so blassen Wangen prangten in unnatürlichem Rot, und sie sangen beide aus vollen Kehlen, ungeachtet ihrer Unmusikalität! Was war da geschehen? Oh, sie konnte es sich denken! Ein leiser, doch deutlich erkennbarer Alkoholgeruch schwebte durch die hell erleuchtete Kapelle, und auch hier, in Jean Jacques` Zimmer, hing ein verdächtiges Odeur in der Luft! Oh! Das war schändlich! Wie konnten die beiden nur! Sie, ihre treusorgende Mutter und Gattin, dermaßen zu brüskieren und am Weihnachtsmorgen so stockbesoffen zu Bette zu liegen, dass man buchstäblich nicht imstande war, sie zu wecken!

Madame de Boisrenard knirschte mit den Zähnen und würgte ihre heißen Zornestränen mit aller Gewalt hinunter – ja, es half nichts, so musste sie eben ohne Gemahl und Sohn beim morgendlichen Frühstück erscheinen! Oh, der Skandal, wenn der Grund dafür herauskam! Das sorgte sicher wieder für jahrelangen Gesprächsstoff, hier in der Provinz!

Wütend raffte sie ihre Röcke, machte auf dem Absatz kehrt und rauschte, wie ein Kriegsschiff unter vollen Segeln, aus dem Zimmer. Sacrédieu! Na warte, wenn ihr Herr Gatte und ihr Sohn erwachten! Den beiden Kerlen würde sie die Leviten lesen!


***


„Meiner lieben Frau Gemahlin und meinen hochverehrten Gästen einen wunderschönen Weihnachtsmorgen!“, erklärte der Hausherr soeben am wohlbestellten Frühstückstisch und tauschte mit seiner Gattin einen sachten Kuss, „ich hoffe, man hat angenehm geruht? Und nun wünsche ich allerseits einen guten Appetit!“

Das brauchte er wahrhaftig nicht zweimal sagen, schon fielen seine Freunde wie die Raben über die üppigst gedeckte Tafel her, bloß Raoul und Mademoiselle Hélène aßen auffallend wenig und schienen nicht ganz bei der Sache zu sein. Porthos runzelte bei ihrem Anblick leise die Stirne. War zwischen den beiden etwas vorgefallen? Gestern Abend schienen sie doch so vergnügt und wollten gar nicht zu Bette gehen! Hm, was steckte hier wohl dahinter? Doch da öffnete sich resolut die Türe und unterbrach seine heimliche Reflexion.

„Pardon!“ Madame de Boisrenard trat, gelinde außer Atem, mit bleichem Antlitz an den Frühstückstisch und ließ sich steif und gesenkten Blickes auf ihrem Stuhl nieder. „Ich wurde leider vorhin aufgehalten. Mesdames et Messieurs, bitte entschuldigt vielmals mein verspätetes Erscheinen!“ Sie fasste mit bebenden Fingern brüsk ihre Serviette und klirrte nervös mit dem Essbesteck, doch es half nichts, schon stellte ihre Gastgeberin die unvermeidliche Frage: „Meine Liebe, wo bleiben denn Euer Herr Gemahl und Euer Sohn?“

„Sie – äh! – liegen beide noch zu Bette!“, krächzte Madame de Boisrenard aufs Höchste verlegen, doch insgeheim wütend und errötete bis unter die Wurzeln ihres hochtoupierten Haars. „Leider fühlen sie sich nicht wohl, und es scheint wahrhaftig, eine Krankheit hat sie gestern Abend überfallen!“ Und damit warf sie dem Hausherrn einen zutiefst ergrimmten Blick zu.

„Wie? Malade?!“, rief Porthos entrüstet, „ha, doch nicht hier in meinem Haus! Unter meinem Dach wird niemand so mir nichts dir nichts krank! Seid also beruhigt, Madame, und vertraut mir, ich will die beiden Herren sofort wecken, denn in solchen Dingen habe ich Erfahrung!“ Er zwinkerte bedeutungsvoll in die Runde, seine Gefährten grinsten ihm vielsagend zu, „und ich verspreche Euch hier im Angesicht meiner Freunde, innerhalb kürzester Zeit habe ich Euren Herrn Gemahl und Euren Herrn Sohn erfolgreich an diesen Tisch transferiert!“ Damit erhob er sich in all seiner imposanten Größe und schickte sich an, das Frühstückszimmer zu verlassen. Doch Athos hielt ihn zurück. „Wartet, mein Freund! Lasst mich Euch helfen!“, rief er hochgemut und stand ebenfalls von der Tafel auf, „und sagt Eurem hervorragenden Mouston, er möge eine Kanne starken Kaffee aufbrühen!“


***


„Mon Dieu!“, murmelte der alte Monsieur de Boisrenard und schüttelte hilflos den leise schmerzenden Schädel, während er, an Porthos` kraftvollem Arm, endlich hinein ins Frühstückszimmer wankte, „ich kann mich an gar nichts mehr erinnern! Mein Gedächtnis war ja schon immer nicht das beste, aber - !“

„Oh, sorgt Euch nicht, Monsieur le baron!“, erwiderte der Hausherr jovial, „es ist nichts vorgefallen, wofür Ihr oder Euer Herr Sohn Euch zu schämen bräuchtet!“ Damit führte er den alten Herrn zu seinem Platz an der Seite Madame de Boisrenards, was diese mit einem wahren Krokodilsblick, begleitet von eisigem Schweigen, kommentierte.

„Ah!“, seufzte der Alte auf, „ich muss sagen, ich schlief wahrhaftig so gut wie schon lange nicht mehr! Hättet Ihr und der Herr Graf mich nicht geweckt, ich läge wohl immer noch in den Federn!“ Er lachte spitzbübisch und langte nach seiner frisch gefüllten Tasse, schnuppernd zog er den Duft des Kaffees ein. „Oh, was ist das?“, fragte er überrascht, „das riecht ja äußerst stimulierend!“

„Kostet, mein Lieber, und Ihr werdet feststellen, dass der Geschmack dem Duft in nichts nachsteht!“, erklärte Athos mit Kennermiene. „Auch ich trinke gerne des Morgens eine Tasse Kaffee, um die Lebensgeister anzuregen.“ Er neigte sich Monsieur de Boisrenard vertraulich zu: „Gerade wir älteren Herren profitieren immens von seiner belebenden Wirkung!“

„Ah, tatsächlich?“, erwiderte der Alte grinsend und nippte lüstern an dem heißduftenden Getränk. „Oh, in der Tat! Das schmeckt vorzüglich! So süß und so – ach, ich kann es nicht beschreiben! - Meine liebe Gundolphine, habt Ihr dieses erstaunliche Gebräu schon gekostet? Das weckt wahrhaftig Tote auf!“

„Ja, das sehe ich!“, knurrte seine Angetraute grimmig zurück. Kaffee! Was zum Himmel war das wieder für Teufelszeug?!

„Ich glaube, ich brauche auch einen Schluck!“, erklärte nun Jean Jacques mit rauer Stimme, worauf der Hausherr ihm sofort beisprang und seine Tasse eigenhändig füllte: „Trinkt, junger Mann, und Ihr werdet sehen, Ihr fühlt Euch gleich wie neugeboren!“ Er wandte sich Mademoiselle Hélène zu, die die Szene stumm und mit traurigem Blick verfolgte – mon Dieu, ein wenig von diesem belebenden Göttertrank würde auch der jungen Dame nicht schaden! „Mein schönes Fräulein,“ gurrte er ihr mit vertraulich gesenkter Stimme zu, „darf ich`s wagen, Euch eine Tasse Kaffee anzutragen?“

Doch das Mädchen lächelte nur trübe und schüttelte in sanfter Abwehr den Kopf, was d`Artagnan und Aramis sofort veranlasste, all ihren männlichen Charme aufzufahren. Doch es half nichts, Mademoiselles Traurigkeit ließ sich nicht vertreiben, und d`Artagnan warf Raoul, der ebenso in sich gekehrt vor sich hin aß, einen vorwurfsvollen Blick zu. Parbleu, was sollte dieses Trübsalgeblase, noch dazu am Weihnachtsmorgen?!

„Ach!“, schluchzte sie auf, dann sprang sie unvermittelt vom Tisch auf und floh mit fliegenden Röcken aus dem Frühstückszimmer, die Treppe hinab in die prächtige Halle und schlussendlich hinaus vor die Haustüre, um ihren heißen Tränen freien Lauf zu lassen. Oh, sie war so unglücklich! Raoul hatte eine Liebste! Wie schrecklich war doch das grausame Erwachen aus ihrem schönen Traum!

Da erklang plötzlich helles, fröhliches Schellengeläut, lebhaftes Schnauben war zu hören, und ein Jagdschlitten, bespannt mit zwei herrlichen Schimmeln, glitt im strahlenden Licht der Morgensonne über den glitzernden Schnee auf das Schloss zu. Mademoiselle Hélène, zutiefst überrascht, vergaß ihre Tränen, mon Dieu, wer in aller Welt mochte das sein? Da hielt der Schlitten auch schon vor ihr an, die Pferde nickten und schnaubten mit Lust, ein junger, blondlockiger Mann in eleganter Jägertracht sprang leichtfüßig vom Bock und zog, im Angesicht der jungen Dame, mit charmantem Lächeln seinen federgeschmückten Hut: „Oh, Mademoiselle, ich wünsch Euch einen wunderschönen guten Morgen! Möge Euch ein frohes Weihnachtsfest beschieden sein! Bitte sagt, wo finde ich den Herrn Baron?“ Er wies auf den prächtigen Schlitten: „Mein Herr Vater, der Comte de Laroche-Posay, lässt ihm durch mich diesen kapitalen Rehbock hier übersenden, zum Dank für das famose Jagdgewehr, das Monsieur du Vallon ihm unlängst zu seinem Geburtstage als Präsent verehrt hat.“

„Oh!“, hauchte Mademoiselle Hélène und fühlte sich beim Anblick des jungen Grafen plötzlich wie in einen Traum entrückt. „Meine Herr, bitte folgt mir,“ stammelte sie errötend, „er sitzt mit seinen Gästen gerade beim Frühstück, ich will Euch sogleich zu ihm führen!“

„Mein schönes Fräulein, habt meinen verbindlichsten Dank!“ Der junge Mann verneigte sich abermals, unter ebensolchem Erröten – mon Dieu, das Mädchen war ausnehmend hübsch! Eine wahre Augenweide! Seit wann blühten denn hier auf Gut Bracieux solch herrliche Blumen? Und er folgte der jungen Dame wie auf rosenfarbenen Wolken hinein ins Haus -

 

 

32. Rorate

Rorate caeli desuper
Et nubes pluant iustum,
Aperiatur terra
Et germinet Salvatorem.

Die Kerzen auf dem Altar sirrten leise, und das Ewige Licht flackerte unruhig hinterm roten Glas, während der Pfarrer des kleinen Dorfes La Roche l`Abeille am frühen Morgen des vierten Adventsonntags die vorweihnachtliche Roratemesse hielt. Es waren nicht viele Gläubige gekommen, bloß ein paar alte, ausgemergelte Mütterchen, in schwarzen wollenen Umschlagtüchern, die Rosenkränze in den zittrigen Händen, und einige ebenso hochbetagte Männer, weißhaarig, krummgebeugt und taub. Die Kirche war ebenso wie das Dorf klein und ärmlich, kein goldener Schmuck zierte sie, kein silberbesticktes Parament – nein, bloß raue Holzbänke standen auf bröckeligen steinernen Fliesen, und durchs zerbrochene Kirchenfenster strich der kalte Wind.

Tauet, ihr Himmel, von oben,
Ihr Wolken, regnet den Gerechten!
Es öffne sich die Erde
Und sprosse den Heiland hervor!

Die Stimmen murmelten und raunten, leise, geduldig, ohne jede Hast – so wie schon ihre Mütter und Väter, wie ihre Voreltern taten, so beteten auch sie. Gleichmütig folgten die Menschen dem Lauf des Jahres, dem Frühling, dem Sommer, dem Herbst bis hin zur Winterszeit, und die Tage vergingen einer wie der andere, still floss die Zeit dahin als wäre sie bereits Ewigkeit.

Auch er, der Priester vorne am Altar, in geflicktem Chorhemd und Stola, hatte sich an diesen langsamen, trägen Lauf der Zeit gewöhnt, an die Abgeschiedenheit, an die Stille, und manchmal schien es ihm sogar, als läge unter der ärmlichen Schlichtheit dieses Dorfes heimlich das Paradies, der Ort der Ruhe und des Friedens.

Ja, sein Leben war beileibe nicht immer so friedvoll gewesen! Er sah gut aus, war hochbegabt und von Ehrgeiz getrieben, man hatte ihm eine glänzende Zukunft prophezeit, eine geistliche Karriere in den allerhöchsten Kreisen. Doch er war schwach, trotz seines scharfen Geists und Intellekts - geil und lüstern war er der Verlockung des Fleisches erlegen, hatte als umschwärmter junger Beichtvater bei Hofe – ah, welch ein steiler Aufstieg! - eine Prinzessin von Geblüt gar geschwängert! Welche Schande! Schmach über ihn! Er erbebte selbst noch heute, wenn er daran dachte! Und die Strafe folgte auf dem Fuß, sein kirchlicher Vorgesetzter verbannte ihn, nachdem es dem Bischof glücklich gelungen war, seine erbärmliche Sünde zu vertuschen, zur Buße hierher in die tiefste Provinz. Ja, sein Fall war tief! Von der strahlenden Höhe des königlichen Hofes hinab in die triste Einsamkeit dieses armseligen Nests, wo sich die Füchse Gute Nacht sagten und niemals etwas von Bedeutung geschah. Kein Marktflecken, keine Stadt lag in der Nähe, kein Schloss, kein hochherrschaftliches Gut, nur tiefste Ödnis umgab dieses ärmliche Dorf, und das war gut so. Ja, er wollte seine Strafe willig tragen, seine Buße ableisten, sein Leben lang, und nichts sollte ihn jemals wieder daran erinnern, welch ambitionierter und strebsamer Mensch er vordem gewesen war. Die Worte, die er nun bei der Predigt sprach, waren einfach und schlicht, keine exquisite Kunst der Formulierung, kein hochgeistiger Anspruch, keine höhere Philosophie wirkte noch in ihnen, nein, er wollte bloß diesen armen Leuten, mit denen er lebte, geistlichen Trost in ihrem harten Leben spenden. Keine Hoffnung, keine Zukunft, nichts zählte hier, die Tage glichen einer dem anderen, ruhig und eintönig flossen sie dahin, und nichts unterbrach den geruhsamen Lauf des Jahres.

Nur einmal hatten sich Reisende hierher verirrt, ein nobler Herr in mittleren Jahren und ein junger Edelmann mit seinem Diener, welche, im späten Herbst von widrigem Sturmwetter überrascht,  für die Nacht ein Obdach suchten. Die Pfarrei war das einzige Haus hier im Dorf, das imstande war, die drei Fremden zu beherbergen, es gab keinen Gasthof hier, ja nicht einmal ein passables Wirtshaus, bloß eine kleine, kümmerliche Schenke, und so verstand es sich von selbst, dass er, der Pfarrer dieses Ortes, den Reisenden seine Wohnung als Quartier überließ. Er selbst wurde an jenem Abend zu einem Schwerkranken gerufen, um ihm das heilige Sakrament zu spenden - der Alte, einer der hiesigen Bauern, war sehr übel auf, der Tod wollte ihn ereilen, und so kehrte der Pfarrer nach durchwachter Nacht erst am nächsten Morgen vom Versehgang zurück. Zu dieser Stunde hatten der junge Edelmann und sein Diener das Pfarrhaus bereits wieder verlassen, nicht ohne ein paar Münzen für das ärmliche logis samt ebenso dürftiger Kost zu hinterlegen, und auch der edle Herr stieg sogleich zu Pferd und drückte seinem Quartiergeber einen Beutel Geldes in die Hand. Der Pfarrer wollte protestieren, Monsieur, das ist zuviel!, doch der Fremde nickte nur zur Bekräftigung, lüftete grüßend seinen Hut und gab seinem Pferd die Sporen. Nun denn, wie Gott will. So würde er das Geld eben für die Armen im Dorf verwenden, es brauchte so mancher von ihnen ein Paar Hosen oder Schuh.

Das Pater noster war vorüber, die heilige Wandlung ebenso, und die paar alten Weiblein waren bei der anschließenden Kommunion rasch abgefertigt – er sprach das Segensgebet und das Ite missa est, die betagten Gläubigen bekreuzigten sich mit zittrigen Händen, beugten steif und unbeholfen das Knie und verließen, dunklen Schatten gleich, leise schlurfend die Kirche.

Er verschloss den Tabernakel und löschte die Kerzen, trug das Messbuch zurück in die Sakristei und warf sich den schwarzen wollenen Mantel über die Schultern, ehe er die nun nachtdunkle Kirche verließ. Draußen war es noch finster, doch der Morgen kündigte sich an, und überm Horizont schimmerte bereits ein heller Streif. Raschen Schrittes stapfte er durch den knöcheltiefen Schnee, vorbei an den Gräbern entlang der Kirchhofsmauer, auf deren schlichten Kreuzen kein Name stand und die kein Grablicht flackernd erhellte. Er öffnete das eiserne Gittertor und trat hinaus auf die schneebedeckte Dorfgasse - es war nicht weit, hinüber zum Pfarrhaus, doch der eisige Morgenfrost drang ihm dennoch empfindlich in alle Glieder. Ja, er wurde langsam alt, das ließ sich nicht verleugnen, die Jugend war dahin, die Blüte seiner Jahre, und nun wartete er bloß noch auf sein Sterben, hier in diesem kleinen Dorf, das ihm trotz seiner Ärmlichkeit dennoch zur Heimat wurde. Und in dieser dunklen, steinigen Erde würde man ihn begraben, unbekannt und ohne allen Pomp – ein schlichtes, einsames Leben hatte er geführt, und er wollte es ebenso beenden.

Doch dann blickte er auf, und sein Schritt stockte – sah er recht, stand dort tatsächlich ein Wagen vor seinem Haus? Er hielt inne, mit einem Mal erregt, eine dunkle Gestalt in einem langen, weiten Umhang bestieg soeben die Kutsche - eine Frau? Hatte sie den hiesigen Pfarrer aufsuchen wollen und ihn, da er ja die Roratemesse hielt, zwangsläufig nicht zu Hause angetroffen? Sein Herz begann zu pochen, und er beschleunigte seinen Schritt, doch da schloss sich bereits der Kutschenschlag, die Peitsche schnalzte, und die Pferde zogen an. Mit leisem Rasseln rollte der Wagen von dannen, verschwand schlussendlich ganz aus seiner Sicht, und nur die tiefen Radspuren im Schnee bezeugten, dass er nicht offenen Auges geträumt hatte.

Doch da, was war das? Was stand dort vor seiner Türe? Raschen Schrittes trat er darauf zu - ja, er hatte sich nicht getäuscht, ein Weidenkorb war`s, samt wollenen Decken und feinem Linnen. Was in aller Welt hatte das zu bedeuten? Aber im nächsten Augenblick durchzuckte ein Blitz alle seine Glieder, und er fühlte, wie es ihm siedendheiß den Rücken hinunterrann. Was er da erblickte, fest eingehüllt in die warmen Decken, war ein kleines Kind! Bei allen Heiligen des Himmels! Wie konnte das geschehen?! Und warum ausgerechnet hier, auf seiner Türschwelle?! Wahrhaftig, ihm schien es, als vernehme er plötzlich wie von ferne hämisches Gelächter, ein hohnvoller Gruß aus vergangener Zeit! Mon Dieu! Er hatte sich doch seitdem aller Unkeuschheit strikt enthalten, hatte Buße geleistet, streng und unbeirrt, niemals mehr hatte das Bildnis einer Frau ihn gerührt! Die einzige, zu der er in stillem Gebet aufblickte, war doch nur sie allein, Maria, die Himmelskönigin! Jungfrau und Gottesmutter, sie alleine stand ihm vor Augen, ave Maria, gratia plena, auserwählt und gesegnet unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Unser Herr Jesus Christus! Seine Ankunft stand nun bevor, das Hochfest Seiner Geburt, doch nicht dies hier - !

Reglos, die klammen Finger wie zum Gebet ineinander geschlungen, starrte er auf den Korb nieder. Das Kind darin begann, sich sachte zu regen und brabbelte leise vor sich hin. Mon Dieu! Heiliger Gott, hilf mir! Was soll ich nur tun?

Nimm es hoch und trage es ins Haus!, wisperte eine Stimme ihm ins Ohr. Es ist höllisch kalt hier! Soll das Kleine sich etwa verkühlen?

Mechanisch, wie unter unsichtbarem Befehl, tat er wie die Stimme sagte, ergriff den Korb und trug ihn klopfenden Herzens über seine Schwelle. Wie kalt es war! Er musste schleunigst Feuer machen und nachsehen, ob sich noch Milch in der Speisekammer befand. Womit nährte man kleine Kinder? Grießbrei? Hafergrütze? Er musste schauen, ob sich alles Nötige dazu fand!

Er setzte den Korb auf das zerbeulte Sofa und begann hastig, zu werken – mon Dieu, hoffentlich kam die alte Line, seine Haushälterin, bald! Doch bei Gott, wie ihr dieses unglaubliche Ereignis erklären? Ein ausgesetztes Kind auf der Türschwelle des Herrn Pfarrers! Jeder musste doch sofort glauben, dies wäre eine Frucht der Sünde! Und die Nachricht würde sich wie ein Lauffeuer überall verbreiten, zum üblen Gerücht aufgebauscht, zum schrecklichen Skandal – und Gott der Allmächtige allein war imstande zu wissen, das ihm als Priester daraus noch erwuchs!

Er nahm den Topf vom Feuer und rührte den Brei, fand noch ein wenig Honig im Küchenschrank, um ihn zu süßen – das Kind hatte sicher Hunger, denn es jammerte leise, als er es aus dem Korb hob, und wollte sogleich mit seinen Händchen nach dem hölzernen Löffel greifen. Sachte begann er, das Kleine zu füttern, ja, er hatte recht gedacht! Und während es lustvoll aß und schluckte, begann sich ein leiser, doch unmissverständlicher Geruch zu verbreiten. Mon Dieu! Sobald der Brei gegessen war, musste er das Kind wickeln! Wenigstens waren im Korb genügend frische Windeln zu finden. Verdammt, wenn nur die alte Line bald käme! Sie kannte sich in der Kinderpflege aus! Hatte sie doch in jungen Jahren zehn Kinder großgezogen und half den Bäuerinnen in ihrem Wochenbett.

Der Milchbrei war vertilgt, das Kind satt und zufrieden, es lachte fröhlich und griff spielerisch nach seines Betreuers Haar – nun gut, dann musste er das Wickelgeschäft eben selber erledigen, wenn seine Haushälterin weiterhin auf sich warten ließ! Gelinde desperat, doch grimmig entschlossen, holte er die Wasserkanne aus der Schlafkammer, breitete eine der Wolldecken aus dem Korb über den Tisch und legte das Kleine behutsam darauf. Es strampelte und quiekte vergnügt, während er es entkleidete, einen Lappen mit Wasser befeuchtete und ihm die rosigen Hinterbacken wusch. Also ein Junge. Ein strammer noch dazu! Beim heiligen Gott, wie kam dieser nur hierher? Die feinen Leintücher und Windeln, die weichen Decken und bestickten Kleider des Kleinen ließen keinen Zweifel daran, dass er von vornehmen Eltern stammen musste! Ja, jene unbekannte Frau, deren Kutsche hier vorm Pfarrhaus hielt, musste wohl seine Mutter sein! Oder vielleicht deren enge Vertraute! Mon Dieu, hatte man das Kind etwa gar entführt und wollte es auf diese Weise verschwinden lassen?! Er wusste ja aus eigener böser Erfahrung, in den erlauchten Kreisen der Haute Noblesse kam so manches vor, was das Licht des hellen Tages scheute! Unstandesgemäße Amouren, gefährliche Liebschaften - und illegitime Kinder waren nur zu oft die unglückselige Folge davon!

Er hob den nun frisch gewickelten und wieder bekleideten Jungen hoch und sah ihm forschend in das pausbäckige Gesichtchen – welch ein hübsches Kind, so lebhaft und wohlgestaltet, sicher kein Spross einer einfachen Bäuerin! Doch beim Allmächtigen, was sollte er nur mit ihm machen? Er konnte ihn doch nicht, wie der Nährvater Joseph den göttlichen Sohn Marias, an Kindes statt annehmen! Das war schlicht unmöglich! Und es hier in eins der ärmlichen Dorfkaten oder in den umliegenden Bauernhütten in Pflege zu geben, das war ausgeschlossen, widersprach seinem Gewissen, und allein bei dem bloßen Gedanken sträubte sich alles in ihm! O heiliger, allmächtiger Gott, hilf mir! Gib mir ein Zeichen, sende den Erzengel Gabriel mit Deiner Botschaft herab! Bei allen Heiligen, was soll ich bloß tun?
 
Da erklang, wie zur Antwort, ein vernehmliches Pochen, und der Pfarrer schrak aus seinen düsteren Gedanken auf. Oh, das musste die alte Line sein! Das Kind im Arm, trat er an die Türe, mon Dieu, was half es, er konnte den unerwarteten kleinen Gast vor seiner Haushälterin ja sowieso nicht verbergen! Er drückte die Klinke und wunderte sich noch, dass die Alte heute so ungewöhnlich laut klopfte, ganz anders als sonst - und seine dunkle Ahnung hatte ihn nicht getrogen: Nicht die alte Line stand draußen vor der Türe, sondern ein hochgewachsener Mann.

„Monsieur!“, stammelte er überrascht, und im selben Augenblick erkannte er den Besucher wieder, parbleu, das war doch dieser fremde Herr, der ihn damals, vor etwas mehr als einem Jahr, in jener kalten, stürmischen Herbstnacht um Quartier bat! „Bitte tretet ein! Was verschafft mir die Ehre?“ Oh, er konnte nicht anders als vor Scham zu erröten! Ein Priester mit einem Kind im Arm!

„Monsieur le curé, meine Reise führte mich in die Nähe Eures Dorfes,“ sprach der fremde Herr und lächelte dem Pfarrer freundlich zu, „und da dachte ich mir, es wäre doch schön, Euch nochmals wiederzusehen! Wir hatten ja damals, weil Ihr Eure priesterliche Pflicht tun musstet, keine Gelegenheit, uns näher miteinander zu unterhalten. Ich hoffe, mein Besuch kommt nicht allzu ungelegen?“

„Nein, nein!“, stammelte der Pfarrer, „keineswegs, Monsieur! Doch ich muss Euch gestehen, ich bin gerade ein wenig außer mir, und dies macht es mir schwer, einen klaren Gedanken zu fassen! Seht diesen Knaben hier, man hat ihn heute Morgen in aller Frühe auf meiner Türschwelle abgelegt! Und ehe ich die Frau, die dies tat, zur Rede stellen konnte, stieg sie in ihre Kutsche und fuhr auf und davon! Oh, mon Dieu, ich weiß nicht, was ich tun soll, und ich gebe zu, mich packt darüber Verzweiflung!“

Der Fremde hielt inne, sein Antlitz erbleichte – mon Dieu, was sagte der Herr Pfarrer da?! Dieses Kind in seinen Armen wurde vor seiner Türe ausgesetzt? Sein Herz pochte mit einem Mal hart gegen seine Brust, stumm und betroffen starrte er dem kleinen Jungen ins rosige Gesicht. War das ein Traum? Oder war es Wirklichkeit? Ja, du hast recht gesehen, deine Augen trügen dich nicht! Dieses Kind ist niemand anderer als dein Sohn! Jawohl, das ist so klar wie das Licht des hellen Tags, und du kennst auch seine Mutter! Parbleu, sie dachte wohl, du wärst der Priester, in dessen Haus sie zusammen mit ihrer Zofe Unterkunft fand, auf ihrer abenteuerlichen Flucht nach Spanien, und so brachte sie diesem nun die überraschende Frucht deiner Lenden!

Der fremde Herr fühlte plötzlich Schweiß auf seine Stirne treten, mit bebender Hand holte er sein Taschentuch hervor – mon Dieu! Welch eine Offenbarung! Wie vollkommen unerwartet, mahnend und herrlich zugleich! Er hatte einen Sohn! Ihm, der überzeugt war, niemals mehr im Leben einen männlichen Nachkommen zu haben, wurde in dieser Weihnachtszeit ein wahres Wunder zuteil! O Vater im Himmel, Du schicktest mich hierher! Du sandtest mich aus, um mein Kind zu retten, meinen Sohn und Erben, o allmächtiger Gott!

„Monsieur le curé!“, erklärte er leise und bestimmt, und seine Stimme bebte vor Freude, „ich will mich dieses Kindes annehmen! Ich gebe Euch mein Ehrenwort, es soll ihm an nichts fehlen, ich werde den Knaben an Sohnes statt zu mir nehmen und ihn mit all meiner Liebe und Zuneigung erziehen! Damit seid Ihr Eurer schweren Bürde ledig, und ich habe ein wahrhaft himmlisches Gut gewonnen. Ich bitte Euch um alles, überlasst mir diesen Jungen, ich schwöre bei Gott und allen Heiligen, ich will für ihn sorgen wie für meinen leiblichen Sohn!“

Der Priester sah dem fremden Herrn überrascht ins Gesicht – mon Dieu, sprach dieser im Ernst? Doch die Miene seines Besuchers ließ jeden Zweifel sofort verstummen, dieser Edelmann stand zu seinem Wort, das war gewiss! „Mein Herr, so gebe ich den Knaben hiermit in Eure Hände!“, erwiderte der Pfarrer leise und fühlte plötzlich, dass seine Augen feucht wurden. Mon Dieu, wollten ihm etwa gar die Tränen kommen? Warum schlich sich, trotz seiner unsäglichen Erleichterung, zugleich auch leise Wehmut in sein Herz?
 

 

 

33. Geisterkinder Teil III

Am zweiten Weihnachtstag frühstückte Raoul mit seinem Vater zusammen. Er hatte nicht sehr gut geschlafen, in dieser Nacht hatte ihn nicht nur ein sehr merkwürdiger Traum gequält, nein, er hatte auch noch wieder diese mysteriösen Kinderstimmen gehört.
Lustlos tunkte er seinen Crossaint in den Kaffee und biss dann ebenso lustlos davon ab. Es schmeckte irgendwie total fad, so wie ihm alles fad schmeckte, seitdem er Louise verloren hatte. Egal was er aß, er nahm den Geschmack kaum noch wahr, obwohl er sich früher, bevor er Louise mit dem König zusammen ertappt hatte, an gutem Esssen immer erfreut hatte.
“Was hast du denn, Raoul?”; wollte Athos wissen, dem nicht entgangen war, wie lustlos sein Sohn sich dem Frühstück widmete.
“Ach Vater, ich habe in der Nacht schon wieder diese unheimlichen Kinderstimmen gehört. Ich glaube, ich werde in ein anderes Gemacht ziehen, dann hört das womöglich auf. Zudem hatte ich einen sehr merkwürdigen Traum.”
“Was hast du denn geträumt?”
“In dem Traum war ich in Afrika und ich bin in der Schlacht gestorben. Und ich bin nicht im Kampf gefallen, nein, ich suchte in der Schlacht den Tod mit Absicht, wegen meines Kummers wegen Louise. Dieser Traum war so real, dass ich die Schmerzen spüren konnte, und dann starb ich im Lazarett, eine Locke von Louise in der Hand, indem ich mich vom Operationstisch stürzte. So einen realen Traum hatte ich noch nie.”
Athos verschluckte sich beinahe an seinem Milchkaffe, als er das hörte, denn er hatte in letzer Zeit schon häufiger den Eindruck gehabt, sein Sohn sei des Lebens müde und wolle nach Afrika, um es absichtlich  zu beenden. Hilflosigkeit und Angst machten ihm bereits seit Wochen zu schaffen. Schon lange fragte er sich, wie er seinen Sohn davon abbringen könnte, nach Afrika zu gehen, denn er wusste, wenn er ging, würde er nie wieder zurückkehren. Er hatte sich schon oft gefragt, ob er mit Raouls Mutter sprechen sollte, weil er sich sagte, dass sie ihm bestimmt helfen könne, über Louise hinwegzukommen. Raouls Kummer ähnelte erschreckend seinem eigenen Kummer, als er geglaubt hatte, er habe Anne ermordet, nachdem er das Mal des Henkers bei ihr entdeckt hatte.
“Da war nur ein Traum, mehr nicht. Das mit Louise ist für dich sehr schwer gewesen, du leidest immer noch darunter, deswegen hast du deinen eigenen tod geträumt. Und der Traum ist vielleicht eine Warnung, sagt dir, dass du nicht nach Afrika gehen, dein Leben nicht so wegwerfen darfst.”
“Aber der Traum ist so real”; meinte Raoul, “es fühlt sich jedes Mal an, als ob ich wirklich gestorben wäre. Was, wenn wir wirklich tot sind?”

“Wir können nicht tot sein, Raoul”; erwiderte Athos ruhig, “Geister essen keine Crossaints und trinken auch keinen Kaffee. Diese Spukgeschichte macht dir zu schaffen, Das sind die Geister, sie sind es, die man nicht sehen kann, uns dagegen kann man sehen.Wären wir beide wirklich tot, wäre Grimaud nicht hier bei uns, und wären wir wirklich tot, hätte Porthos uns an Martini nicht zum üppigen Gänseessen besuchen können. Geister bekommen keinen Besuch und Geister essen auch keinen Gänsebraten.”
Raoul ließ seinen Blick nachdenklich über den Frühstückstisch schweifen, biss erneut in seinen Crossaint.
“Wieso geht Grimaud eigentlich nicht mehr in die Stadt und schaut nach ob Briefe für uns da sind?”
“Die neuen Diener haben diese Aufgabe übernommen, sie holen jede Woche die Lebensmittel und schauen dann auch nach ob Briefe für uns da sind.”
“Es ist aber nie ein Brief für uns dabei. Findest du das gar nicht merkwürdig? Und ich habe noch nie gesehen wie sie in die Stadt fuhren und zurückkamen, ich habe sie eine Weile beobachtet und es fuhr nie einer weg.”
“Doch, sie fahren jeden Donnerstag einkaufen”; erwiderte Athos, “was du auch daran siehst, dass sie immer genau die Lebensmittel bringen, die ich ihnen aufschreibe. Du hast wahrscheinlich einfach nur nicht gesehen wie sie weggefahren sind.”
“Etwas stimmt hier nicht”; meinte Raoul melancholisch, “sagt Vater, hattest du in letzter Zeit niemals merkwürdige Träume?”
Athos erinnerte sich an einen Traum, an dem Grimaud an seinem Bett stand und d´Artagnan, beide weinten und Athos hatte irgendwie das Gefühl über ihnen zu schweben, nicht mehr in seinem Körper zu sein, ein Gefühl von tiefem Schmerz, das Gefühl, das Liebste in seinem Leben verloren zu haben, unwiderbringlich. Bevor er zu schweben begann, hatte Grimaud ihm etwas gesagt, das ihn tief erschüttert, ihn endgültig niedergeschmettert hatte…..und jetzt fiel ihm wieder ein, was das war.
“Ach was, das war nur ein Traum, nichts weiter”; murmelte er, “wir sitzen hier, trinken Kaffee und essen Crossaints, Raoul und ich sind zusammen, alles ist gut. Es war nur ein Traum, nichts weiter, und dieser Traum kam nur von de Sorgen die ich mir um Raoul machte.”
Ohne es zu merken hatte der Comte seine Gedanken laut ausgesprochen.
“Was für einen Traum hattet Ihr, Vater?”, wollte der Vicomte wissen,“bitte erzählt mir davon.”
“Es war nichts weiter, nur ein dummer Traum. Dazu gibt es nichts mehr zu sagen. Komm, lass uns fertig frühstücken und dann einen Spaziergang durch de Park machen. Das haben wir seit deiner Kindheit immer an den WEihnachtstagen gemacht, du erinnerst dich?”
“Ja, das war immer sehr schön, ach damals war das Leben noch so unbeschwert und mein Herz noch nicht von Kummer beschwert. Das war eine schöne Zeit. Ja, lass uns in den Park gehen.”

Wenig später gingen die beiden Männer schweigend durch das Labyrinth im Park.
“Raoul, erinnerst du dich noch an die wilden Schneeballschlachten die wir damals hier abgehalten haben,?”; fragte Athos nostalgisch lächelnd seinen Sohn.
“Ja, und wenn wir reinkamen, hat Grimaud uns immer Kakao gemacht”; erwiderte Raoul wehmütig, mit ganz viel Sahne drauf und Zimt drin. Noch heute kann ich den Geschmack auf der Zunge spüren”
Raoul bezog sich damit nicht nur auf seine kindheit sondern auch auf seine Jugend, mit fünfzehn Jahren hatte er dort mit Louise Schneeballschlachten gemacht, schon damals das Mädchen, obwohl es 8 Jahre jünger war als er, faszinierend gefunden und in Gedanken bereits Hochzeitspläne für die Zukunft geschmiedet. Süße Jugendträume, die denen seines Vaters glichen, der in eine Statue verliebt gewesen war, eine Chimäre, ein unbeschwerter Traum der niemals Wirklichkeit werden konnte.
Ihm wurde ganz weh ums Herz bei dem Gedanken, dass Louise nun womöglich mit dem König im Bett lag und dieser jene Liebe in ihren Augen sah, die sie für ihn niemals empfunden hatte.Es tat weh daran zu denken, und sofort wünschte er sich, nach Afrika zu gehen und allem ein Ende zu machen, so wie in seinem Traum.
“Schade, dass man die Zeit nicht zurückdrehen kann, Vater”; meinte er seufzend, “ich wäre gerne noch einmal fünfzehn, damals war das Leben noch so einfach und ich sah meine Zukunft vor Augen. Jetzt habe ich oft das Gefühl, keine Zukunft mehr zu haben.”
“Ich kann verstehen, dass du wegen Louise immer noch leidest, Raoul, aber ich bin sicher, du wirst darüber hinwegkommen und irgenwann wirst du eine Frau kennenlernen, der du am liebsten dein Herz  zu Füßen legen wirst und diese Frau wird dich genauso lieben wie du sie liebst, und dann wird Louise für dich nur noch eine ferne Erinnerung sein. Und in ein paar Jahren wirst du dann hier mit deinen Kindern im Labyrinth wilde Schneeballschlachten veranstalten und danach mit ihnen heißen Kakao trinken. Louise dagegen….die Liebe des Königs zu ihr wird nicht währen, irgendwann wird er ihrer überdrüssig werden und sich eine andere Gespielin suchen, und dann endet sie vermutlich im Kloster so wie ihre Vorgängerinnen.”
Raoul schüttelte traurig den Kopf.
“Nein, Vater, für mich wird es keine neue Liebe und keine Familie geben. Es ist alles zu Ende. Ich habe alles verdorben, für uns beide alles was hätte Gut sein können für immer zerstört. Da wartet nichts mehr auf mich, und dich habe mich mit hineingerissen.”
“Was meinst du damit? Du bist noch jung und kannst neu anfangen, das Leben hält sicherlich noch vieles für dich bereit. Dieses Jahr war für uns ein schlimmes Jahr, aber du wirst sehen, das nächste wird besser, du wirst sie vergessen, du wirst wieder lieben können, du wirst Kinder haben:”
Athos sagte das mit trotzig anmutender Verzweiflung in der Stimme.

Dann sahen die beiden Thea, die ihnen im Labyrinth entgegenkam und sie nachdenklich anblickte.
“Monsieurs, kommt Ihr bitte mit mir mit? Ich muss Euch etwas zeigen, es ist sehr wichtig”
Der Blick der Dienerin gefiel Athos ganz und gar nicht und er hatte das Gefühl, als würde gleich großes Unheil heraufziehen.
Irgendwie hatte er das Gefühl, dass es besser sei, nicht mit ihr mitzugehen, denn was immer sie ihm und Raoul zeigen wollte, er wollte es nicht sehen.
Doch Raoul nickte nur lustlos und meinte dann:
“Gut, dann zeigt uns, was Ihr uns zu zeigen habt. Ich glaube, ich weiß schon, was es ist.”
Raoul fragte sich, ob er nicht doch etwas voreilig gewesen war, als er diese neuen Diener eingestellt hatte, war es womöglich doch ein großer Fehler gewesen?

34. Broceliande Teil I

OT: für diese Fanfic habe ich Athos Herkunft etwas verändert, er kommt hier aus der Bretagne. Hoffe, ihr seht mir das nach, es ist für den weiteren Verlauf der Geschichte notwendig, da auch noch Athos Verwandtschaft eine Rolle spielen wird.

 

“Wie sollen wir Athos hier jemals finden?”, murrte Porthos, “dieser Wald ist sehr groß und wir werden Tage brauchen um alles zu durchkämmen. Außerdem wissen wir überhaupt nicht, ob er noch hier ist oder überhaupt hier war. Er könnte schon längst wieder auf dem Weg nach Paris sein.”
“Er wollte doch schon vor zwei Wochen zurücksein. Ich bin sicher, dass ihm etwas zugestoßen ist, denn er würde nicht einfach länger wegbleiben, ohne uns eine Nachricht zu schicken. Womöglich liegt er schwerverletzt hier im Wald und braucht unsere Hilfe”
Den schrecklichen Gedanken, dass sie womöglich Athos Leiche im Wald finden würden wollte der Gascogner gar nicht erst zulassen.
Vor vier Wochen, Ende November, hatte Athos Paris verlassen, um, wie er seinen Freunden sagte, in der Einsamkeit der Wälder Broceliandes zur Ruhe zu kommen.
Als Kind hatte er eine schöne Zeit in diesem sagenumwobenen Forst verbracht, war oft mit seiner Mutter und seinem Bruder zum Picknick, oder mit seinem Vater zur  Jagd dort gewesen. Die Freunde hatten ihm angeboten, ihn zu begleiten, doch er hatte ihnen gesagt, dass er für Weile alleine sein wollte, um mit sich selbst wieder ins Reine zu kommen und seinen Frieden zu machen.
“Hoffentlich hat er sich nichts angetan”; machte Aramis sich Sorgen, “Seit Myladys Hinrichtung ist er noch stiller und verschlossener als früher. Hoffentlich kommen wir noch rechtzeitig zu ihm.”
“Er würde sich niemals selbst entleiben, da bin ich mir sicher” wandte der Gascogner ein, “schon damals, als er nach dem vermeintlichen Tod Myladys La Fére verließ, zog er es nicht in Erwägung, sich selbst zu töten.”

Als Athos drei Wochen nach seinem Aufbruch immer noch nicht zurückgekehrt war, brachen die drei Musketiere in Richtung Bretagne auf, und nun, am 23. Dezember 1628 ritten sie, in dicke Mäntel und Umhänge gehüllt, in den düsteren Forst von Broceliande hinein, um den viele schaurige Legenden kursierten. Durch die dicht an dicht wachsenden schneebedeckten Tannen drang kein Lichtstrahl, irgendwo im Gehölz raschelte es leise. Der in den Wald hineinführende Pfad war so schmal, dass die Reiter sich häufig ducken mussten, damit die Tannenzweige ihnen nicht andauernd ins Gesicht peitschten.
Nach einer Weile wurde der Pfad zwar breiter, doch der Wald wirkte weiterhin düster, ja, beinahe ein wenig schaurig.
Dann, als sie etwa eine halbe Stunde geritten waren, sah der Gascogner etwas im Schnee aufblitzen. Als er vom Pferd gestiegen war, um es sich näher anzuschauen, erkannte er zu seinem Entsetzen, dass es Athos  goldener Wappenring war, den er zwar niemals am Finger, aber immer in einem Beutelchen am Gürtel mit sich herumtrug.
“Athos Ring, den hat sein Vater ihm einst vermacht, den würde er niemals einfach so wegwerfen. Ihm muss etwas Schlimmes passiert sein.”
Hatte Myladys Tod unter dem Beil des Henkers Athos Schuldgefühle womöglich so sehr verstärkt, dass er keinen Ausweg mehr für sich gesehen hatte?
Die drei Musketiere machten sich große Sorgen um ihren Freund.

Nur ein paar Meter weiter wartete die nächste besorgniserregende Entdeckung. Neben einer Tanne lag ein totes Pferd, das am Baum angebunden worden war, und, wie die vielen Hufspuren im Schnee zeigten, verzweifelt versucht hatte, sich zu befreien. Wie lange das Tier schon dort lag, konnten sie nicht sagen, da es bei dieser Eiseskälte nicht zu einer Verwesung kommen konnte. Der schwarze Hengst hatte einen herzförmigen weißen Fleck an der Flanke, es war Athos Hengst Blanche. Jenen namen hatte der adelige Musketier dem Hengst wegen des weißen Flecks gegeben, obwohl es eigentlich ein weiblicher Name war.
“Athos hätte niemals Blanche hier angebunden, und sie dann qualvoll verenden lassen. Ihm muss etwas Schlimmes zugestoßen sein”; meinte der Gascogner verzweifelt, das Ganze ist wirklich sehr mysteriös. Wäre Athos im Wald überfallen worden, hättn der odr di Räuber dann nicht seinen Hengst und den kostbaren Ring mitgenommen?”
Genau dort, wo das tote Pferd lag, begann ein sehr schmaler Pfad, der tiefer in den Wald zu führen schien, seinen Anfang. Die Musketiere entschlosen sich, diesem zu folgen, in der Hoffnung, auf weitere Spuren von Athos zu stoßen.
Sie mussten hintereinander reiten, so schmal war der Pfad. Nach wenigen Metern fanden sie einen mit Schnee bedeckten Federhut und erkannten ihn sofort als den von Athos. Ein paar Meter weiter lagen seine schwarzen Lederhandschuhe und noch weiter vorne steckte sein Degen im Boden, dann fanden sie auch noch seinen Umhang, der an einem schneebedeckten Ast hing.
“Merkwürdig, das ist ja fast schon so, als hätte jemand absichtlich diese Spuren gelegt, um uns hierher zu locken. Hätten wir Blanche nicht dort liegen sehen, hätten wir diesen schmalen Pfad einfach im Vorbeireiten übersehen”, gab Aramis zu bedenken.
“Ja, das wirkt fast so, als wollte jemand uns irgendwohin locken”, stimmte d´Artagnan nachdenklich zu, “ich hoffe wirklich, dass Athos nichts Schlimmes zugestoßen ist.”
Kurz darauf endete der Pfad auf einer kleinen, von schneebedeckten Tannen umgebenen LIchtung, auf der sie eine mit steinen umrundete Feuerstelle, von der noch verkohlte Holzreste zeugten, entdeckten. Wie alt dieses Lagerfeuer war, vermochten sie nicht zu sagen, da es in den letzten Tagen nicht geschneit hatte. Daneben lag ein mit Blutflecken beschmiertes, schmales, in Leder gebundenes kleines Buch.
Als Aramis es aufschlug und die erste Seite neugierig betrachtete, hielt er erschrocken inne.
“Das ist eindeutig Athos Handschrift, sieht aus wie eine Art Tagebuch:”
“Aramis und Tagebuch führen? Das wäre allerdings sehr seltsam”, meinte Porthos stirnrunzelnd, “Athos hat nie Tagebuch geführt. Aber es ist seine Schrift, ganz eindeutig.”
Normalerweise schloss Athos seine Gedanken tief in seinem Innersten ein, so ein TAgebuch sah ihm gar nicht ähnlich.
Die Freunde hofften, aus Athos Aufzeichnungen Hinweise über seinen Verbleib zu finden, und so las Aramis den anderen die Eintragungen vor.

 

13. Dezember 1628

Die Ruhe hier im Wald tut mir gut. Außer dem Rauschen des Windes und dem Rascheln der Tannenzweige ist nichts zu hören. Und dennoch, so beruhigend dieser Wald auf mich auch wirkt, so kann ich auch hier nicht das was geschah hinter mir lassen, es verfolgt mich beinahe in jedem Moment und ich frage mich immer wieder, wie groß meine Schuld an ihrem Tod ist. Hatten wir überhaupt das Recht, sie wegen ihrer grausamen Taten dem Henker zu überantworten? Hätte sie nicht eigentlich vor ein Gericht gehört? Warum haben wir nur das Gesetz in die eigenen Händ genommen? Mein Gewissen quält mich, wo ich auch bin, nagt es ständig an mir, der Wald schenkt mir nich die Ruhe, nach der ich gesucht habe. Hier in der Nähe ist eine Höhle, ich werde ein warmes Feuer machen und dort übernachten, in ein Gasthaus möchte ich nicht, da ich keine Lust habe, Menschen zu begegnen, ich suche bewusst die Einsamkeit um zu versuchen, mit mir ins Reine zu kommen. Ob es mir wohl gelingen wird?

 

14.  bis 15. Dezember 1628

Ich habe in der Höhle übernachtet und bin den ganzen Tag dort geblieben, habe mir einen Hasen erlegt, aber kaum etwas gegegessen, weil mir so elend zumute ist, mein Gewissen mir einfach keine Ruhe ließ.
Gestern Nacht ist dann etwas sehr Merkwürdiges geschehen, das mir keine Ruhe mehr lässt. Nach Einbruch der Dunkelheitl hörte ich draußen ein Geräusch, ein Ast knackte irgendwo, und dann stand auf einmal ein grüngekleideter, bleichgesichtiger Mann vor mir, der Kleidung nach zu urteilen eindeutig ein Jäger. Seine Kleidung war für dieses kalte Wetter viel zu dünn, und so bot ich ihm einen Platz am wärmenden Feuer an, obwohl er mir ein wenig unheimlich war. Ein Jäger in sommerlicher Kleidung? Mitten im Wald nach Einbruch der Dunkelheit? Er trug einen erlegten Hasen über der Schulter und blickte mich neugierig an:
“Monsieur, was tut Ihr mitten im Winter hier im tiefen Wald? Habt Ihr Euch verirrt?”
“Das Gleiche könnte ich Euch fragen”; entgegnete ich mit fester Stimme, “Ich bin ein Einsiedler, der im Moment die Einsamkeit sucht, mehr müsst ihr nicht wissen.”.
“Schon gut, ich wollte Euch nicht ausfragen. Ich gehe häufiger hier im Wald auf die Jagd und wurde vom Einbruch der Dunkelheit überrascht. Leider war meine Ausbeute heute recht mager, ich habe nur einen Hasen erlegt. Bei dieser Kälte suchen die Tiere sich vermutlich einen warmen Unterschlupf. Sagt, kann ich hier übernachten? Heute schaffe ich es nicht mehr bis nach Hause.”
“Wo wohnt ihr denn?”, wollte ich von ihm wissen.
“In einer Hütte am Waldrand, ungefähr eine Stunde Fußweg von hier.”
“Natürlich steht es Euch frei zu bleiben.”
“Gut, ich danke Euch, und zum Dank überlasse ich Euch den Hasen, Ihr könnt Ihn ja jetzt braten. Ich bin nicht hungrig, ich habe erst vor einer Stunde meine Wegzehrung gegesssen, die ich immer zur Jagd mitnehme.”
“Ich bin nicht besonders hungrig”; meinte ich”, bedeckt den Hasen einfach mit Schnee, dann könnt IHr ihn morgen noch essen.”
Dem Fremden gefiel mein Nein gar nicht.
“Ach kommt, ich muss Euch doch für den Platz in Eurer Höhle danken. Ich würde mich sehr freuen, wenn Ihr den Hasen essen würdet. Sozusagen als Buße.”
Ich glaubte mich verhört zu haben und blickte ihn irritiert an.
“Buße? Wie meint Ihr das?”
Der totenblasse Grüngekleidete lächelte milde.
“Ihr müsst Euch verhört haben, ich sagte nicht Buße, sondern Genusse.”
“Nein, ich habe keinen Hunger”; entgegnete ich misstrauisch und beschloss, in dieser Nacht kein Auge zuzutun, da ich das GEfühl nicht loswurde, das mit diesem geheimnisvollen Fremden etwas ganz und gar nicht stimmte. Warum wollte er unbedingt, dass ich von dem Hasen aß? War dieser vergiftet? Und ich war mir sicher, das Wort Buße deutlich gehört zu haben.
Ich lag fast die ganze Nacht wach, weil ich dem Mann nich traute, doch gegen MOrgen schlief ich ein, und als ich aufwachte, war er fort. In der Nähe des Lagerfeuers entdeckte ich einen verwesten, mit Maden durchsetzten Hasenkadaver, der eindeutig mindestens  vor einer Woche oder eher länger erlegt worden sein musste. Wäre der Hase erst in dieser Winternacht, oder überhaupt während der Eiseskälte der letzten Tage erlegt worden, wäre er nicth so verwest gewesen.
Ich war sehr erleichtert, dass der unheimliche Grüngekleidete fort war.
Ich warf den Kadaver aus der Höhle und ging gegen Mittag auf die Jagd, erlegte ein Eichhörnchen, das ich mir nach Einbruch der Dunkelheit briet. Ich wollte noch ein paar Tage in der Höhle bleiben, obwohl die letzte Nacht doch sehr unheimlich gewesen war.
Dann stand er plötzlich wieder vor mir, der immer noch totenblasse Grüngekleidete, und blickte mich an, seine Augen wirkten dermaßen kalt, dass mir eisige Schauder über den Rücken liefen.
“Ich dachte mir, wir verbringen erneut die Nacht zusammen, da draußen ist es doch recht einsam”; meinte der FRemde.
Mein Herz überschlug sich fast vor Schreck, und ich musste an die schaurigen Legenden denken, die besagten, dass es in diesem Wald viele Geister, Dämonen und andere schaurige Wesen der Dunkelheit gab. Wieso wurde ich das Gefühl nicht los, es hier nicht mit einem Mensch zu tun zu haben?
“Wie ist eigentlich Euer Name?”, wollte ich von ihm wissen und bemühte mich darum, mir meine Angst nicht anmerken zu lassen. Wie konnte ich ihn nur loswerden?
“Ich bin Gaston Esprit” erwiderte er mit ruhiger Stimme, “aber Ihr könnt mich Gaston nennen.”
Esprit dachte ich mir, das Wort für Geist…..war er womöglich tatsächlich ein Geist? Er trug noch immer das grüne Wams mit grüner Jacke und Jägerhut, das eindeutig für den Sommer und nicht für den Winter gemacht worden war. Und wie bleich er war…..wurden Menschen, wenn sie froren nicht eher rot im Gesicht?
“Was wollt Ihr von mir?”, fragte ich und bemühte mich, meine Stimme ruhig und gelassen klingen zu lassen.
“Sie wird Euch niemals verzeihen was Ihr ihr angetan habt”, erwiderte er und blickte mich hasserfüllt an, “Ihr habt sie ermordet, und das sogar zweimal, damals in La Fére, und dann später noch einmal, mit Euren Freunden und dem Henker!”
Mir wurde plötzlich eiskalt, und das nicht von der Kälte. Das konnte nur ein Geist sein, denn ein normaler Mensch, dem er irgendwo in der Einsamkeit Broceliandes begegnete, konnte das gar nicht wissen.
Die Legenden stimmten also, hier im Wald spukten böse Geister herum.
“Wer, oder besser gesagt was seid Ihr?”
“Ich war dort, auf der anderen Seite, wo wir Toten sind”; erwiderte der Grüngekleidete, “und da traf ich sie, Mylady de La Fére, und sie sagte mir, ich soll zu Euch kommen, und Euch so lange quälen, bis Ihr Euer armseliges Leben beendet habt. Ihr sollt leiden für das, was Ihr dieser armen, unschuldigen Dame angetan habt.”
Ich war so entsetzt und verstört, dass ich kein Wort herausbekam. War er wirklich ein Geist? War so etwas möglich?
“Ihr seid ab jetzt in diesem Wald gefangen, dafür habe ich gesorgt. So sehr Ihr auch versucht, aus Broceliande herauszufinden, es wird keinen Weg geben, und wenn Ihr tagelang herumirrt. So lange, bis Ihr euch selbst entleibt oder verhungert seid. Und glaubt mir, da wo Ihr dann hinkommt, ist es sehr dunkel und kalt, und sie wartet dort schon auf Euch.”
Ehe ich etwas erwidern konnte, löste er sich vor meinen Augen in einer Art dichtem Nebel auf, und fassungslos verharrte ich in der Höhle.
Nachdem ich eine Weile dort gehockt und in die Flammen gestarrt hatte, fragte ich mich, ob ich diese schaurige Gestalt wirklich gesehen hatte, oder ob ich mir das nur eingebildet hatte. Ich hatte seit zwei Tagen kaum etwas gegessen, und war es da nicht möglich, dass ich eine Halluszination hatte, weil ich so wenig gegessen hatte?
Nun, echt oder unecht….ich beschloss daraufhin den Wald schleunigst zu verlassen, wollte gar nicht herausfinden, ob Gaston Esprit, und die gemeinen Dinge, die er zu mir sagte, echt gewesen waren.
Doch als ich aus der Höhle kam, stellte ich erschrocken fest, dass mein Hengst Blanche fort war, für den ich neben der Höhle einen Unterstand aus Zweigen gebaut hatte. Was ging hier nur vor? Ich wollte nur noch raus aus diesem schaurigen Wald.
Dann fiel mir eine der Legenden über Broceliande ein, die meine Amme Hodina mir früher immer erzählt hatte: Die Legende von dem grüngekleideten Jäger, der im 12. Jahrhundert in dem Wald auf der Jagd von einem Eber getötet worden war, und seitdem irrte sein Geist ruhelos durch den Wald und suchte alle Menschen, die durch den Wald kamen, und jemals Böses getan hatten, heim, hatte laut Legende schon viele Menschen in den Tod getrieben, keiner, der ihm begegnete kam jemals wieder aus dem Wald hinaus.
Verdammt, wieso war mir diese Legende nicht schon am Abend vorher eingefallen, dann hätte ich bestimmt gleich am Morgen Broceliande verlassen. Konnte ich jetzt überhaupt noch aus dem Wald hinaus, oder war diese schaurige Legende meiner Amme Wirklichkeit?
Ich würde es wohl herausfinden, wenn ich jetzt den Wald zu verlassen versuchte.

 

Fortsetzung folgt.

35. Bazins Weihnachten


Bazin atmete tief auf, band seine Schürze ab und betrachtete mit seligem Lächeln sein Werk – eine dampfende Terrine randvoll mit würziger Fischsuppe stand auf dem Esstisch, dazu eine Schüssel mit frischem Brot, und überdies ein Teller mit weihnachtlicher Bäckerei. Ah, wie das duftete, herrlich! Und als kirchliche Fastenspeise dem Heiligen Abend in allem würdig! Jawohl, beim Backwerk hatte er sich mit Milch und Eiern wahrlich zurückgehalten! Und nun musste jeden Augenblick sein Dienstherr, Monsieur Aramis, eintreffen, der leider Gottes an diesem so sehnlichst erwarteten Tag im Louvre Wache zu schieben hatte. Verflucht sei der Militärdienst! Beim Allmächtigen, warum musste der junge Herr noch immer bei diesen verdammten Musketieren ausharren, die ihn immer mehr verdarben! Warum ließ man ihn denn nicht endlich zurückkehren, in den Schoß der Kirche! Wäre er nun Priester, wie er sollte, dann säße er zu dieser Stunde im Beichtstuhl, stünde beim abendlichen Segensgebet am Altar oder bereitete sich schon auf die mitternächtliche Christmette vor, die in allen Pariser Kirchen in strahlendem Glanze gefeiert wurde! Oder er hätte wohl gar bereits seinen Weg gemacht, empor in die erlauchten Ränge höfischen Predigertums, anstatt sich tagaus, tagein mit den Kardinalisten zu prügeln und sich spätabends in den Wirtshäusern herumzutreiben! Oh, wenn er, Bazin, bloß daran dachte, welch hehre Aufgaben sein junger maître mit diesem vermaledeiten Waffendienst schon die längste Zeit hindurch versäumte!

Doch alles Zureden half nichts, sei`s im Guten oder im Bösen, denn Monsieur Aramis schaltete sofort auf stur, wenn sein Diener es wagte, ihn an seine geistliche Bestimmung zu erinnern. Das hieß zwar beileibe nicht, dass der Herr lauthals schimpfte oder gar mit Handgreiflichkeiten drohte, aber er wusste stattdessen kalt und mit höflichen Worten seinen Ärger kundzutun. Und das war weit schlimmer, als hätte er geschrien und getobt! Denn wenn ein Mensch sich im Zorn vergaß, so war er immerhin noch zu retten, denn er schwankte innerlich! Doch gegen diese Mauer seelischer Eiseskälte, die der junge Mann in solchen Momenten um sich aufrichtete, kam kein Beichtvater an, geschweige denn sein Diener! Bazin seufzte schwer und kehrte leidend die Augen gen Himmel – ach, was gäbe er doch für das allerkleinste Weihnachtswunder! Wie wollte er frohlocken und zusammen mit allen Engelschören zum Lobpreis des Allerhöchsten aus voller Kehle singen, käme sein junger Herr nun freudestrahlend nach Hause und verkündete, er wolle den Degen endlich ein für alle Mal ablegen und die casaque für immer an den Nagel hängen!

Der Glockenschlag des nahen Kirchturms riss Bazin aus seinen lamentösen Gedanken – halb sieben! Oh, dann musste Monsieur Aramis jeden Augenblick heimkehren! Ach, wenigstens den Freudenreichen Rosenkranz wollte er, Bazin, für ihn vorbeten, und den Engel des Herrn, damit dem Heiligen Abend wenigstens mit frommem Gebet Genüge getan wurde! Und vielleicht gelang es ihm ja, seinen jungen maître hinterher zum Gang zur Christmette zu bewegen!

Horch, fiel nicht soeben das Haustor ins Schloss? Jawohl, und schon erklangen Schritte auf der Treppe! Doch seltsam, normalerweise hörte man diese nicht so laut durch die geschlossene Wohnungstüre! Ließen sich da nicht zugleich auch lachende Männerstimmen vernehmen? Herrgott, was in aller Welt - ?!

Doch weiter kam Bazin nicht, mit seinen Gedanken, denn im selben Augenblick flog die Türe mit resolutem Schwung auf, und vier Männer traten sporenklirrend ein, drei von ihnen in blauen Musketierskasacken. „Parbleu!“, schrie der Größte der Vier, ein Riese von einem Mann, „das nenn ich eine Saukälte! Ich bin ganz klamm vom Wachestehen! Hola, Bazin! Bereite auf der Stelle heißen Würzwein! Hier, ich spendier dir auch Zimtstangen und Nelken!“ Und er reichte dem Verdatterten mit großartiger Gebärde eine kleine Papiertüte, die die genannten Gewürze enthielt.

„Aber Monsieur - !“ Bazin überlief es heiß, natürlich, Monsieur Porthos! Ha, dieser Mensch hatte tatsächlich bloß Essen und Trinken im Kopf! Ein Soldat wie er im Buche stand! Raufhändel und Gelage, mehr interessierte diesen Kerl nicht!

„Seht, die Suppe steht schon auf dem Tisch!“, rief da dieser junge Gascogner mit Namen d`Artagnan und zog genießerisch den Duft ein, „und dazu frisches Brot, das ist ja schon mal ein guter Anfang!“

„Aber keine Weingläser, wie ich sehe!“, knurrte jener finstere, hochgewachsene Musketier, der sich Athos nannte. „Bazin, Wein her! Egal, ob heiß oder kalt! Bei allen Teufeln, wir verdursten!“

Gerechter Himmel! Ein gotteslästerlicher Fluch zu dieser weihevollen Stunde! Bazin erbleichte, das durfte er nicht zulassen! „Monsieur, ich bitte Euch inständig, mäßigt Euch! Es ist Heiliger Abend!“ Und er blickte dem Musketier beschwörend ins Gesicht.

Doch dieser runzelte bloß ärgerlich die Stirne und knurrte: „Bazin, ich sagte: Wein her! Soll ich dir Beine machen?!“

„Bitte geht und tut, was mein Freund wünscht!“, flüsterte ihm da sein Dienstherr, Monsieur Aramis, ins Ohr. „Bringt vier Flaschen von dem guten Roten und bereitet meinem armen Freund Porthos einen großen Krug warmen Würzweins! Der Ärmste hat sich heute Hände und Füße abgefroren, draußen vorm Louvre! Athos und ich hatten dagegen Glück, wir durften drinnen Wache schieben.“

„Der Würzwein dauert seine Zeit, gib meinem Freund Porthos daher zuallererst ein Glas Branntwein!“, befahl Athos, während er seine Waffen ablegte und seinen Federhut aufs Sofa warf, „das wärmt!“

Seine Freunde taten desgleichen, nahmen mit zufriedenem Aufseufzen am Esstisch Platz, und Porthos rief lauthals: „He, Bazin, was gibt`s denn als Hauptgericht, nach der Suppe?“

„Nichts!“, erklärte dieser würdevoll und hob kämpferisch das feiste Kinn. „Heute ist Fasttag, wie die Herren wohl wissen!“

„Wie bitte??“ Porthos machte marbelrunde Augen, und auch d`Artagnan starrte Bazin an wie den Gottseibeiuns. „Aber…das gibt`s doch nicht!“, krächzte der Gascogner und räusperte sich nervös, „es ist Weihnachten! Das muss doch gefeiert werden! Mit Essen und Trinken, dass sich die Balken biegen!“ Und sein schmales Antlitz erinnerte prompt an die sehnsüchtige Miene eines hungrigen Hundes.

„Die verehrten Herrn mögen verzeihen, doch es gibt bloß Fischsuppe. Und hinterher ein wenig Backwerk. Denn wir wollen an diesem heiligen Abend der Geburt Unseres Herrn Jesu Christi gedenken, doch uns beileibe nicht gierig den Bauch vollschlagen! Daher lasst uns nun mit einem gemeinsamen Gebet beginnen!“ Und prompt schlug Bazin in weihevoller Gebärde das Kreuzzeichen und begann mit erhobener Stimme: „Lasset uns beten! Vater unser, der Du bist im Himmel - !“

„Was?? Bloß diese Suppe?? Und noch dazu vom Fisch??“ Porthos konnte es nicht fassen, „kein saftiger Kalbsbraten? Keine knusprigen Hähnchen? Keine gebratene Gans? - Parbleu, Aramis, davon habt Ihr kein Wort gesagt!“

Der junge Mann hob bedauernd die Schultern. „Mein Freund, ich erwähnte doch, dass Bazin heute Abend kocht. Und als zutiefst gläubiger Mensch hält er sich natürlich streng an die Speisevorschriften!“

„Kreuzdonnerwetter, das ist ja furchtbar!“, fuhr Porthos auf, und auch Athos runzelte ärgerlich die Stirne. „Was zum Teufel machen wir nun? Wir brauchen doch einen Festtagsbraten! Verflucht, ich hätte Mousqueton auf den Markt schicken sollen, dort gab`s die letzten Tage zuhauf frische Gänse!“ Sein superbes Antlitz rötete sich grimmig: „Du Kerl von einem Diener, was fällt dir ein, deinen armen Herrn und uns, seine besten Freunde, am Weihnachtsabend auf Diät zu setzen?!“
 
„Wie ich schon sagte…heute ist Fasttag!“, stammelte Bazin mit hochrotem Kopf, doch da sprang Porthos schon auf und schob den Diener resolut beiseite. Der Hüne marschierte schnurstracks in die Küche, kehrte nach wenigen Augenblicken wieder und verkündete mit schallender Stimme: „In der Speisekammer waren weder Kalbfleisch noch Hähnchen zu finden, geschweige denn eine fette Gans, aber immerhin frisches Brot, eingelegte Zwiebel, eine große Portion Schinken und dazu jede Menge Eier! Los, Bazin, wenn du uns schon den wohlverdienten Braten vorenthältst, so bereite uns nun wenigstens aus all jenen Zutaten eine Riesenomelette zu! Nein, keine Widerrede! Hast du gehört?!“

„Und vergiss den Wein nicht!“, rief Athos dem Unglücklichen lautstark hinterher, der nun geschlagen und mit gesenktem Kopf leise schniefend in der Küche verschwand, und entkorkte die Branntweinflasche, die Porthos aus dem Vorratsschrank genommen hatte. „Parbleu, meine Freunde, dann lasst uns in Dreiteufelsnamen mit dieser Fischsuppe beginnen!“

D`Artagnans Augen gewannen ihren Glanz zurück - flink teilte er die Teller aus, nahm den Schöpflöffel zur Hand und hob mit genüsslich witternder Nase den Deckel von der sachte dampfenden Terrine…