Artagnan.de - Fanfiction zu Dumas' drei Musketieren

Was im Winter geschah


13. Die alte Mühle

von AlienorDartagnan


Bragélonne, 31. Dezember 1639

In diesem Jahr war es ein besonders harter, eisig kalter Winter, für Justine die reinste Hölle auf Erden. Seit ihrem siebten Lebensjahr, als ihre Amme sie nach dem mysteriösen spurlosen Verschwinden ihrer Mutter einfach so vor die Tür gesetzt hatte, weil für sie kein Geld mehr bezahlt worden war, musste sie für sich selbst sorgen. Wer ihr Vater war, das wusste sie nicht, denn ihre Mutter hatte ihr damals, als sie noch ganz klein gewesen war, immer gesagt, dass ihr Vater ein sehr böser Mensch wäre, der sie nicht haben wollte. Justine war davon überzeugt, dass ihre Mutter tot war, denn sie hätte sie niemals einfach so im Stich gelassen. Seit elf Jahren lebte sie nun schon auf der Straße, und ihr Dasein war nichts als ein einziger harter Überlebenskampf. Die ersten Jahre hatte sie in Paris bei einer Bande von Straßenkindern gelebt, bei einem Mann der sich Monsieur Bijoux nannte, und sie und die anderen Kinder zum Stehlen ausgebildet hatte. Als sie elf Jahre alt gewesen war, hatten die Büttel den Mann verhaftet, und die Kinderbande hatte sich zerschlagen. Seitdem schlug sie sich mehr schlecht  als recht mit Diebstählen und Betteln durchs Leben, und war in den letzten Jahren erst zweimal ertappt worden. Die Männer, die sie erwischt hatten, hatten sie wieder laufen lassen, nachdem sie ihnen eine gemeinsame Nacht versprochen hatte. Doch bevor es dazu kommen konnte, hatte sie immer die erstbeste Gelegenheit zur Flucht ergriffen.
Im Winter war es in den Städten schwer einen Schlafplatz zu ergattern, weil es dort von Bettlern nur so wimmelte, und so zog sie es vor, im Winter über Land zu ziehen, wo sie in den meist nicht verschlossenen Scheunen der Bauern und Gutsherren immer ein Nachtlager fand.
Sie wusste nicht, dass es der letzte Tag des Jahres war, denn bei ihrem harten Überlebenskampf hatte sie längst jedes Zeitgefühl verloren. Am heiligen Abend hatte sie nirgendwo etwas zu essen auftreiben können, und sich dann mit knurrendem Magen in einer Scheune zum Schlafen gelegt, ohne zu wissen, dass es der Heilige Abend war.

Vor zwei Wochen hatte sie in einem Kloster eine Mönchskutte gestohlen, weil sie so entsetzlich fror, und nun stapfte sie mit kaputten Stiefeln und in die dicke, mittlerweile an manchen Stellen löchrige Kutte gehüllt durch die verschneite Landschaft. Sie brauchte unbedingt für die Nacht ein Dach über dem Kopf, und bisher hatte sie kein Glück gehabt, sie war zwar bereits an einer Scheune vorbeigekommen, aber diese war von dem Bauern, dem sie gehörte, mit einem dicken Vorhängeschloss gesichert worden.
Ihr war so kalt..so entsetzlich kalt, und sie war nach dem langen Fußmarsch so hundemüde, dass sie sich am liebsten in den Schnee gelegt und geschlafen hätte. Mühsam setzte sie einen Fuß vor den anderen, und sie spürte, dass ihr magerer Körper dieser Belastung nicht mehr lange gewachsen sein würde. Sie ahnte, dass in ihrem geschwächten Zustand die Wahrscheinlichkeit, dass sie diesen Winter überlebte, äußerst gering war. Wenn es ihr tatsächlich einmal gelang, etwas zum Essen zu stehlen oder zu erbetteln, dann reichte das meist nicht zum Sattwerden, und so wurde sie, die immer schon recht mager gewesen war, zunehmend dünner, war mittlerweile nur noch Haut und Knochen.
“Nein, ich will nicht sterben”; rief sie, so laut sie es in ihrem geschwächten Zustand vermochte, in die einsame, winterkalte Landschaft hinaus, “ich will leben!”
Sie ging vorbei an schneebedeckten Wiesen und Feldern, dann kam sie in den Wald, und sie hoffte darauf, in diesem Wald vielleicht eine Höhle, oder eine leerstehende Köhlerhütte zu finden, in der sie Zuflucht für die nächsten Nächte suchen könnte. Der Wald hatte ihr schon häufig Zuflucht und Nahrung geboten, im Sommer hatte sie Beeren gepflückt, im Herbst Pilze, Nüsse und Kastanien, und im Frühjahr Kräuter, und oft hatte sie mit ausgelegten Schlingen Kaninchen, Marder und Eichhörnchen gefangen. Aber jetzt im Winter würde sie hier nichts zu essen finden.
Ach, wenn ich doch nur eine Pistole oder Pfeil und Bogen hätte, dann könnte ich mir einen Hirsch oder ein Wildschwein erlegen, dachte sie beim Anblick der vielen Wildwechselspuren im verschneiten Wald.
Zumindest glaubte sie, sich im Winter hier im Wald vor Räuberbanden sicher fühlen zu können, denn bei einem solchen Wetter würden diese Gesetzlosen sich sicherlich in ihrem Unterschlupf aufhalten. Es war so schneidend kalt, dass Justine ihre eigene Atemluft sehen konnte. Die Mönchskutte bot nur unzureichend Schutz, da die Kälte ihr bis unter die Kleidung ging.
Ihre Hände waren längst bläulich-rötlich angelaufen, und sie konnte ihre Finger kaum noch bewegen, sie hatte große Angst, dass ihre Hände absterben könnten, denn dann würde sie verhungern müssen, weil sie dann nicht mehr stehlen konnte. Sie konnte sich noch gut erinnern, wie manchen der Straßenkinder in Paris in extrem kalten Winter Hände und Füße abstarben, und die meisten hatten das nicht überlebt. Selbst in den Katakomben, wo sie in den kalten Nächten Schutz gesucht hatten, hatten sie entsetzlich gefroren.
Die schneebedeckten kahlen Äste der Bäume erinnerten sie irgendwie an geisterhafte Skeletthände, und erneut liefen ihr eisig kalte Schauder über den Rücken. Sie war so geschwächt, so abgemagert, dass sie den nahenden Tod bereits zu spüren glaubte. Aber nein, sie wollte nicht sterben…sie war doch erst siebzehn Jahre alt..hatte noch ihr ganzes Leben vor sich. Auch wenn sie sich oft voller Angst fragte, was für ein Leben das wohl sein würde, da es für sie keine Hoffnung zu geben schien, wollte sie auf keinen Fall sterben, sie wollte bis zum letzten Atemzug um ihr Überleben kämpfen. Seit elf Jahren lebte sie nun schon auf der Straße, doch sie erinnerte sich noch daran, wie ihr Leben vorher gewesen war, als sie jeden Tag genug zu essen, ein warmes Bett und eine liebevolle Mutter, die sie besuchte so oft sie konnte, gehabt hatte. Ihr kamen jedes Mal die Tränen, wenn sie daran dachte, wie ihre Mutter sie in den Arm genommen und für sie ein Schlaflied gesungen, und ihr, wenn sie zu Besuch gewesen war, jeden Abend heiße Milch mit Honig gemacht hatte. Es tat weh daran zu denken…ihr war klar, dass ihr Leben nie wieder so schön sein würde wie damals. Sie war ganz alleine auf der Welt, es gab niemanden zu dem sie gehörte, dabei sehnte sie sich so sehr danach, zu einer Familie zu gehören, sich geborgen fühlen zu können. Aber nachdem die Mutter verschwunden war, war da niemand mehr, den es kümmerte was aus ihr wurde, und nach elf Jahren auf der Straße wusste sie auch, dass sich daran nichts mehr ändern würde.

In trübe Grübeleien versunken, schleppte sie sich mühsam vorwärts durch den verschneiten Wald. Es hatte erneut zu schneien begonnen, und es wehte ein eisig kalter Wind. Sie verspürte ein unangenehmes Kratzen im Hals, und ihr war klar, dass daraus erst eine Erkältung, und dann womöglich eine Lungenentzündung werden konnte, wenn sie nicht bald einen warmen, trockenen Unterschlupf fand.
Und dann, als sie schon gar nicht mehr mit einer glücklichen Fügung des Schicksals rechnete, lichtete sich der Wald, und sie erblickte eine alte Mühle, die am Rande eines Baches stand, genau der richtige Unterschlupf für die nächsten Nächte. Dass die Mühle leerstand, erkannte sie daran, dass das Mühlrad in zwei Teile zerbrochen war, und ein Teil des Rades im gefrorenen Fluss feststeckte.
Ich könnte mir drinnen ein Feuer anmachen..so nahe beim Wald gibt es Brennholz genug, und bestimmt sind drinnen noch alte Dielenböden oder Möbel, die ich verbrennen kann, sagte die geschwächte Justine sich, nun etwas zuversichtlicher gestimmt, und morgen kann ich bestimmt auch irgendwo in der Umgebung etwas zum Essen auftreiben.
Das Fachwerkhaus mit dem roten Dach und dem zerstörten Mühlrad machte einen heruntergekommenen Eindruck, als Justine näherkam, konnte sie sehen, dass das Mauerwerk bereits zu bröckeln begann, und das Dach an zwei Stellen Löcher hatte. Sie blieb stehen, und zuckte erschrocken zusammen, als sie ein glockenhell klingendes Lachen und Kinderstimmen hörte, die ganz offensichtlich aus dem Haus kamen. Es dämmerte bereits…in einer halben Stunde würde es dunkel sein. Außerdem war es bitterkalt..wie konnte es sein, dass bei dieser Kälte um diese Zeit Kinder hier in diesem düsteren, unheimlich wirkenden Gemäuer spielten? Oder spukte es womöglich in der alten Mühle? Sie erinnerte sich an die Gruselgeschichten, die ihr die Amme immer erzählt hatte, als sie noch klein gewesen waren, in einer davon hatten sogenannte kleine Mühlinge, bleiche Geisterkinder, die in einer alten Mühlenruine hausten, Besitz von den Körpern der Menschen ergriffen, die die Mühle betraten.

Nach so vielen Jahren harten Überlebenskampfes in den Straßen von Paris und den Landstraßen Frankreichs erschien ihr eine Mühle, in der es spukte als das kleinere Übel, denn sie wusste, dass sie womöglich schon heute Nacht sterben und womöglich selbst zum Geist werden würde, wenn sie nicht schleunigst einen Unterschlupf bekam.
Und so betrat sie die alte Mühle, und kam hinein in einen Raum, der wohl früher einmal eine Art Wohnraum gewesen sein musste..Tische und Stühle standen noch immer, mit Staub und Spinnweben bedeckt, im Zimmer, an der Wand hingen noch verschiedene, ebenfalls verstaubte Kochgeschirre und ein Schürhaken. Der nächste Raum, der direkt an den ersten angrenzte, war, nach der längst erkalteten Feuerstelle, in der noch alte Asche lag, zu urteilen, einst die Küche des Müllerhaushaltes gewesen. Als Justine weiterging, kam sie in den angrenzenden Raum, in dem früher das Korn gemahlen worden war. Von dort aus konnte man bis auf den Dachboden blicken, denn ein großer Teil der Bodenbretter waren im Laufe der Jahre verwittert und herausgebrochen. Und dort oben auf dem Dachboden trieb sich eine Gruppe Kinder im Alter von ungefähr fünf bis neun Jahren herum. Es waren sechs Knaben, und fünf davon trugen einfache Bauernkleidung, während das sechste, ein etwa vier bis fünfjähriger dunkelhaariger Junge, eine schwarze Samthose, ein weißes Hemd und ein aus schwarzem Brokatstoff gefertigtes Justeaucorps trug, und darüber einen Mantel. Einer der Bauernjungen balancierte über einen Balken hoch oben auf dem Dachboden..wo einst ein ganzer Boden gewesen war, hing nun an dieser Stelle nur noch ein einziger Balken in der Luft. Der Knabe balancierte konzentriert auf dem schmalen Balken, und als er an dessen Ende ankam, drehte er um und ging genauso langsam, geschickt balancierend auf dem gleichen Weg wieder zurück. Die anderen Kinder standen weiter hinten auf einem noch gut erhaltenen Teil des Dachbodens, und schauten wie gebannt zu, einige feuerten den Jungen, der diese Mutprobe machte, lautstark an.
“Ja, Geoffrey..gut so, gleich hast dus geschafft…nur noch ein kleines Stück…sehr gut..”
Als der Junge namens Geoffrey endlich auf der anderen Seite ankam, atmete er tief durch, und klopfte dem vornehm gekleideten Jungen grinsend auf die Schulter.
“So, Raoul…jetzt haben wir fünf es alle gemacht…und nun seid Ihr dran…bis zum Ende des Balkens und zurück..”
Obwohl Justine eine Etage tiefer stand, konnte sie deutlich die Angst in den Augen des Jungen namens Raoul erkennen.
“Aber..aber ich hab so etwas noch nie gemacht..ich könnte fallen”; antwortete der Kleine schließlich und blickte die anderen zaghaft an, “ich muss jetzt nach Hause, Vater hat gesagt, ich soll vor Anbruch der Dunkelheit zurück sein, dann gibt es bei uns Abendessen.”
“Was seid Ihr doch für ein Feigling, Raoul! Wir anderen haben es alle gemacht! Ihr glaubt doch nicht etwa, dass Ihr, wenn Ihr so ein Angsthase seid, später unser Comte werden könnt? Das dürfen nur sehr mutige Männer..mein Vater hat mir erzählt, dass Euer Vater einst ein tapferer Soldat war…ein Musketier. Wollt Ihr nicht genauso tapfer sein wie Euer Vater? Er wäre dann gewiss sehr stolz auf Euch, und dann gar nicht verärgert, wenn Ihr zu spät kommt”, erklärte einer der Jungen, ein rotblondes, hageres Kind mit unzähligen Sommersprossen im Gesicht dem kleinen Adeligen.
Justine tat der kleine Junge sehr leid, denn ihm blieben nur zwei Optionen, die beide nicht sehr verlockend erschienen. Wenn er sich weigerte die Mutprobe zu vollziehen, dann würden die anderen Kinder ihn als Feigling verspotten…wenn er es aber tat, konnte ihn das das Leben kosten, falls er aus dieser Höhe heraus abstürzte.
“Ich bin kein Feigling, und wenn ich groß bin, werde ich auch ein Musketier!”; rief der kleine Raoul empört aus, “jetzt werd ichs euch zeigen, was ihr könnt, kann ich schon lange!”

Und mit diesen Worten machte der höchstens vier bis fünfjährige Junge seinen ersten Schritt auf den Balken..ein zweiter, ein dritter, ein vierter Schritt folgten..und dann ging es immer weiter..nur voran. Von unten konnte Justine deutlich die Angst in den Augen des Kleinen sehen, und sie befürchtete sogleich das Schlimmste.
“Los, Raoul, macht schon, Ihr schafft das..wir konnten es schließlich auch!”; feuerten die anderen Jungen ihn an, “und vergesst nicht..Ihr dürft auf keinen Fall nach unten sehen!”
Nach ein paar weiteren Schritten blieb der kleine Vicomte auf einmal stehen, und tat unglücklicherweise genau das, wovon die anderen ihm abgeraten hatten…er blickte nach unten, und erst jetzt schien ihm richtig bewusst zu werden, in welch enormer Höhe er sich befand, und vor lauter Schreck verlor er das Gleichgewicht, und drohte vom Balken zu fallen. Beinahe wäre er in die Tiefe gestürzt, doch im letzten Augenblick gelang es ihm, sich mit beiden Händen am Balken festzuklammern.
Nun hing er mit beiden Füßen in der Luft, und seine Hände krallten sich verzweifelt am Balken fest. So sehr er es auch versuchte, es gelang ihm nicht, zurück auf dem Balken zu klettern, und ihm war klar, dass er sich nicht mehr lange würde halten können.
“Bitte helft mir!”; flehte er seine gleichaltrigen Freunde an, “ich falle sonst..bitte holt mich! Helft mir!”
“Kommt, lasst uns schnell verschwinden!”; rief der Junge namens Geoffrey, “wir können ihm doch nicht helfen, und wenn der Comte de La Fére rauskriegt, dass wir sein Mündel zu dieser Mutprobe angestiftet haben, dann bekommen wir einen Riesenärger. Wenn jemand fragt, sagen wir einfach, wir waren noch nie zuvor hier in der Mühle…”
Justine war zutiefst entsetzt, als sie sah, wie die Kinder einfach das Weite suchten, und vom Dachboden herunterkletterten. Sie rannten so schnell, dass sie die junge Frau gar nicht bemerkten, die in der unteren Etage der Mühle stand. Als die Kaben fort waren, fasste Justine einen Entschluss. Sie musste diesem armen, verängstigten Jungen helfen, denn einen Stürz aus dieser Höhe auf den harten Boden würde der Kleine mit Sicherheit nicht überleben. 
So schnell sie konnte, und so schnell wie ihr geschwächter Körper es zuließ, rannte sie nach oben auf den Dachboden.
“Habt keine Angst, Raoul..ich hole Euch dort herunter. Haltet euch gut am Balken fest..und ganz gleich wie weh Eure Arme tun…lasst auf keinen Fall los!”
Der Junge, der nun halb in der Luft hing, und sich nur noch mit Mühe am Balken festhalten konnte, blickte sie ängstlich an.
“Woher kennt Ihr meinen Namen? Sagt, seid Ihr ein Engel? Muss ich jetzt sterben? Grimaud sagt, dass, wenn ein Mensch stirbt, ihm vorher ein Engel erscheint. Ich will aber nicht sterben! Ich habe Angst!”
“Nein, ich bin kein Engel..ich kenne Euren Namen nur, weil ich hörte, wie Eure Freunde Euch so genannt haben. Ich bitte Euch, haltet Euch gut fest!”
Als Raoul nickte, krabbelte sie auf den Balken, und sie hatte große Angst, obwohl sie bereits als Kind auf den Dächern von Paris herumgeklettert war, wenn es nach einem Diebstahl galt die Flucht zu ergreifen.
Nicht nach unten sehen, sagte sie sich und krabbelte weiter, am ganzen Körper zitternd. Als sie bei dem kleinen Raoul angelangt war, ergriff sie seine noch immer an den Balken geklammerte rechte Hand, anschließend die Linke.
“Haltet Euch gut fest…ich werde Euch jetzt hochziehen!”; rief sie, dann zog sie den Kleinen nach oben, zu sich auf den Balken. Es knirschte bereits bedenklich…das alte, morsche Holz des Balkens hielt eine solche Belastung nicht aus.
“Ich habe Angst”; schluchzte der Junge, “jetzt müssen wir bestimmt beide sterben!”
Auch Justine hatte große Angst, doch sie wollte nicht, dass der Kleine etwas von ihrer Furcht mitbekam.
“Nein, Raoul, wir werden nicht sterben. Alles wird gut, das verspreche ich Euch”; sagte sie, obwohl sie sich keinesweges sicher war, dieses Versprechen halten zu können. Auf den Balken zu krabbeln, und den kleinen Raoul nach oben zu ziehen, hatte sie ihre letzten Kräfte gekostet, und sie spürte, wie ihr schwindelig wurde.
Bitte, nicht gerade jetzt, sagte sie sich, ich darf jetzt nicht ohnmächtig werden..ich muss es schaffen, Raoul und mich heil zurückzubringen. Immerhin, es war ihr trotz ihres geschwächten Zustandes gelungen, den Jungen zurück auf den Balken zu ziehen. 
“Hört mir gut zu, Raoul”; meinte sie schließlich und atmete tief durch, “Ihr müsst jetzt genau das tun, was ich sage…krabbelt einfach ganz langsam hinter mir her, und haltet Euch gut fest. Wir müssen unbedingt sofort hier herunter..wir schaffen das, nur Mut!”
Und so krabbelten sie beide langsam los, und Justine machte dem verängstigten Kind immer wieder Mut, obwohl sie selbst große Angst hatte. Doch als es erneut bedenklich knirschte, war es mit ihrer Fassung vorbei, und sie schrie erschrocken auf. Da fing der kleine Raoul zu weinen an.
Als Justine ihn leise schluchzen hörte, versuchte sie sich zu beherrschen und krabbelte weiter.
“Nur noch ein paar Schritte, dann haben wir es geschafft”; versuchte sie dem Kind Mut zu machen, und krabbelte weiter, der kleine Raoul folgte ihr. Und dann hatte sie es tatsächlich geschafft, sie hatte wieder festen Boden unter den Füßen. Als es erneut knirschte, zog sie den Kleinen rasch vom Balken herunter, und genau in diesem Moment gab der Balken krachend nach und stürzte in die Tiefe.

“Ich danke Euch, Madame, Ihr habt mir das Leben gerettet”; meinte Raoul, nachdem er sich wieder etwas beruhigt hatte, “ich danke Euch. Sagt, wer seid Ihr..seid Ihr mein Schutzengel?”
“Nein, Kleiner, ich bin nicht Euer Schutzengel..ich bin einfach nur Justine de Winter, und war glücklicherweise zur richtigen Zeit am richtigen Ort”; erwiderte sie und blickte ihn streng an, “wisst Ihr, Ihr solltet solche Mutproben besser bleiben lassen, denn solche Dummheiten könnten Euch sonst irgendwann das Leben kosten!”
“Aber die anderen haben doch gesagt, ich bin ein Feigling, wenn ich es nicht mache, und sie sind doch vor mir auch alle auf dem Balken balanciert. Da musste ich doch auch…”
“Nein, Raoul, das stimmt nicht, Ihr braucht so etwas nicht zu tun, um Euren Mut zu beweisen. Wirklichen Mut und Charakterstärke beweist Ihr eher dadurch, dass Ihr zu solchen Mutproben Nein sagen könnt. Ihr solltet so etwas nicht wieder versuchen, beim nächsten Mal habt Ihr vielleicht nicht so viel Glück. Und was Eure sogenannten Freunde betrifft..bedenkt, dass sie Euch einfach im Stich gelassen haben…da kann es Euch doch gleich sein, ob sie Euch für einen Feigling halten oder nicht..auf solche Freunde kann man doch verzichten. Ihr seid ein sehr mutiger kleiner Junge und braucht gewiss niemandem etwas zu beweisen. Das habt Ihr nun wirklich nicht nötig, Raoul. Es wird bald dunkel, Kleiner, Ihr solltet jetzt nach Hause gehen. Ihr wohnt doch hier in der Nähe?”
“Ja, ich wohne auf Bragélonne, das sind von hier nur zehn Minuten zu Fuß. Ich muss jetzt wirklich heim….und Ihr solltet auch heimgehen…Grimaud sagt nämlich immer, dass hier in der Nacht die kleinen Mühlinge ihr Unwesen treiben”; meinte der Junge.
“Ich werde hier übernachten”; erklärte Justine dem Kind, “die Mühle wird für ein paar Tage mein neues Zuhause sein.”
“Wo ist den Euer richtiges Zuhause?”; wollte der Kleine wissen, “hier in der Mühle ists doch gar nicht schön so dunkel und kalt, warum geht Ihr nicht heim? Hier ists doch ganz grässlich, und Ratten gibt es hier auch!”
“Ich habe kein Zuhause”, erwiderte Justine und blickte den Kleinen traurig an, “ich lebe auf der Straße, seitdem ich acht Jahre alt bin. Ich weiss kaum noch, wie das ist, ein richtiges Zuhause und eine Familie zu haben.”
“Wo ist denn Eure Familie? Wieso seid Ihr nicht bei ihnen geblieben?”
“Meine Mutter ist damals spurlos verschwunden, wahrscheinlich tot, und meinen Vater habe ich nie kennengelernt, weil er mich nicht haben wollte. Ich bin ganz alleine, ich habe niemandem mehr”; meinte Justine, und brach nun, obwohl sie es zu verhindern versuchte, in Tränen aus. Mit einem Mal wurde ihr wieder bewusst, wie schrecklich einsam sie war, und sie beneidete den kleinen Jungen um das gemütliche Zuhause das auf ihn wartete.
Da spürte sie, wie eine kleine Hand ihre rechte Hand nahm und sie ganz sanft drückte.
“Ihr könnt doch mit zu mir nach Bragélonne kommen und bei uns wohnen. Dann habt Ihr ein richtiges Zuhause”; meinte der Junge, und schenkte ihr ein freundliches Lächeln.
“Nein, Kleiner, das geht leider nicht”; meinte sie traurig, “Euren Eltern wird das sicherlich überhaupt nicht recht sein.”
“Ich habe keine Mutter, ich bin ein Waisenkind, und mein Vater hat mich adoptiert, als ich ein winziger Säugling war”, erklärte der kleine Raoul ihr, “er wird gewiss erlauben dass Ihr bleibt, wenn ich ihm erzähle, dass Ihr mir das Leben gerettet habt. Es wird Euch bestimmt bei uns gefallen, und wir beide können dann immer zusammen Musketier und Edeldame spielen. Wenn ich groß bin, dann werde ich ein Musketier, genau wie mein Vater.”
Schließlich sagte Justine sich, dass sie ja nichts zu verlieren hatte, indem sie den Knaben begleitete, sondern womöglich tatsächlich für ein paar Tage ein Dach über dem Kopf und ein paar kräftigende Mahlzeiten bekommen könnte, denn dieser Comte würde ihr womöglich tatsächlich dankbar für die Rettung seines Sohnes sein.
“Also gut, ich komme mit Euch, Raoul”; meinte sie, nachdem sie kurz darüber nachgedacht hatte, “ich würde mich freuen, wenn ich für eine Nacht oder vielleicht auch für ein paar Tage bei Euch unterkommen könnte.”
Aber sie rechnete nicht wirklich damit, in dem adeligen Haushalt länger als eine Nacht bleiben zu dürfen, wenn überhaupt, denn die meisten Adeligen, bei denen sie in ihrer Not schon einmal nach Obdach gefragt hatte, hatten sie beschimpft und davongejagt.

Und so folgte sie dem Knaben, gemeinsam gingen sie an mehreren verschneiten Wiesen und Äckern vorbei, und bogen schließlich in eine von hohen, kahlen, schneebedeckten Linden gesäumte Allee ein. Währenddessen plapperte der kleine Junge unaufhörlich, erzählte ihr von seinen Jagdhunden, seinem Pony, seinen Freunden und von seinem Vater.
Am Ende der Allee war ein großes Gutshaus, das von seiner Größe her beinahe wie ein Schloß wirkte, zu erkennen.
“Da wohne ich”; erklärte der Junge ihr stolz, “und wenn Vater erlaubt, dass Ihr bleibt, dann können wir morgen eine Schneeballschlacht zusammen machen.”
“Falls ich morgen noch bei euch sein sollte, können wir das gerne machen, Raoul”, meinte Justine, während sie den Jungen traurig anblickte.
Wenn sie Glück hatte, würde Raouls Vater sie vielleicht eine Nacht in der Scheune schlafen lassen, aber morgen früh würde sie bestimmt weiterziehen müssen.
“Ihr könnt bleiben so lange Ihr wollt, Ihr habt mir doch das Leben gerettet, Vater wird Euch dafür sehr dankbar sein”; meinte der Kleine, während sie sich dem prachtvollen Anwesen näherten.
Das weißgetünchte Gutshaus bestand aus mehreren Gebäudeteilen, deren Dächer mit roten Ziegeln gedeckt waren, und hatte zwei Türme, die vermutlich erst später an das ursprüngliche Gebäude angebaut worden waren. Ja, dieses Anwesen wäre selbst eines Königs würdig gewesen.
Vor dem Haus stand ein großer, dunkelhaariger Mann, und als der kleine Raoul ihn von weitem sah, winkte er ihm zu und der Mann, der Kleidung nach zu urteilen ein Edelmann, winkte zurück.
“Das ist mein Vater”; erklärte Raoul ihr, und dieser Erklärung hätte es gar nicht bedurft, denn als sie näherkamen, erkannte Justine, dass der Kleine dem Comte wie aus dem Gesicht geschnitten war. Merkwürdig..hatte Raoul ihr nicht eben erst erzählt, dass er adoptiert worden war? Der Comte musste entweder sein leiblicher Vater, oder ein Onkel oder anderer Verwandter des Knaben sein, anders ließ sich diese Ähnlichkeit nicht erklären.

Als sie dann vor dem Gutshaus ankamen, und der Comte de La Fére sie erblickte, verfinsterte seine Miene sich, und er zog den kleinen Raoul, der neben ihr ging, rasch von ihr fort.
“Was habt Ihr hier zu suchen?”; fragte er sie, während seine braunen Augen böse funkelten, “genügt es denn nicht, dass Ihr mich in meinen Träumen heimsucht?”
Justine verstand nicht, was der Mann meinte, sein Verhalten irritierte sie. Wieso glaube er sie zu kennen?
“Vater, das ist Justine de Winter, sie hat mir das Leben gerettet. Bitte seid mir nicht böse, Vater…ich..ich bin in der alten Mühle auf dem Balken balanciert, weil die andereren das auch gemacht haben, und ich ihnen beweisen wollte, dass ich nicht feige bin. Ich bin fast runtergefallen und Geoffrey und die anderen sind weggelaufen, dann kam Justine, sie hat mich gerettet, ich wär sonst runtergefallen.”
Athos gefror regelrecht das Blut in den Adern, als er das hörte. Wie hatte Raoul sich nur so leichtfertig in solche Gefahr begeben können? Das hätte ihn das Leben kosten können, ein schrecklicher Gedanke für den Comte.
Die Kleidung der jungen Frau war verschmutzt, das blonde Haar verfilzt, aber dennoch konnte er ganz deutlich Myladys Gesichtszüge erkennen…wie konnte das sein? Der Henker von Lille hatte sie doch damals enthauptet?
Aber..dachte er sich voller Entsetzen, während er sie eingehend betrachtete, war sie nicht schon einmal von den Toten zurückgekehrt, damals, als er sie erhängt hatte?
Sie hatte viele Namen getragen…Anne, Charlotte…und nun nannte sie sich also Justine. Aber wie war es möglich, dass sie seinem Sohn das Leben gerettet hatte? Mylady war kein Mensch, der half, wenn er ein kleines Kind in einer Notlage erblickte, dessen war er sich sicher.
“Wer…wer..wer seid Ihr?”; fragte er, während er sie noch immer zutiefst erschüttert musterte.
“Ich..ich bin Justine de Winter, Monsieur”; antwortete sie und blickte schüchtern zu Boden, “ich gehe jetzt wohl besser…ich sehe schon, ich bin hier nicht erwünscht.”
Für sie war das nichts Neues, sie war schon häufiger von Adeligen davongejagt worden, wenn sie sich in eine Scheune oder die Stallungen schleichen wollte, um dort zu übernachten. Und irgendwie war ihr Raouls Vater nicht ganz geheuer, seine Reaktion auf ihr Erscheinen war sehr merkwürdig gewesen.
Justine wollte dem kleinen Jungen die Hand geben, um sich von ihm zu verabschieden, aber sein Vater zog Raoul sofort wieder von ihr weg.
“Haltet Euch gefälligst von meinem Sohn fern! Und jetzt seht zu, dass Ihr verschwindet!”, fuhr Athos die junge Frau gereizt an, “und ich will Euch auf meinen Ländereien nicht mehr sehen! Geht gefälligst in die Hölle zurück, aus der Ihr gekommen seid!”
“Aber..ich habe Euch doch gar nichts getan…”; meinte Justine und blickte den Comte traurig an, “warum beschimpft Ihr mich? Ich kann doch nichts dafür, dass ich auf der Straße leben muss..”
“Vater, sie hat mir das Leben gerettet! Ihr könnt sie nicht einfach fortschicken”; rief der kleine Raoul empört aus, “sie hat Hunger und ihr ist kalt, seht doch, ihre Lippen sind schon ganz blau. Und Ihr sagt mir doch immer, dass man einer Dame in Not helfen muss!”
“Raoul, das ist keine Dame in Not, sie ist der Teufel höchstpersönlich”; erwiderte Athos, “sie ist ein Dämon, der niemals stirbt, und sie ist in den letzten zwanzig Jahren um keinen Tag gealtert.”
“Spart Euch die Mühe, Raoul, ich bin es gewohnt, dass man mich fortschickt. Ich lebe auf der Straße, seitdem meine Mutter vor elf Jahren spurlos verschwand, und meine Amme mich vor die Tür gesetzt hat. Ich habe die elf letzten Winter überlebt, ich werde auch diesen überstehen. Bitte, Kleiner, versprecht mir, dass Ihr Euch nie wieder auf so eine törichte Mutprobe einlasst…denn so etwas könnte Euch das Leben kosten, und das würde Eurem Vater gewiss das Herz brechen.”
Sie war so schwach, dass sie sich kaum noch auf den Beinen halten konnte, für sie bedeutete jeder Schritt eine große Anstrengung. Ihre Hände waren mittlerweile so kalt, dass sie ihre Finger kaum noch bewegen konnte.

Nachdenklich blickte Athos die junge Frau an. Es war jetzt genau elf Jahre her, dass der Henker von Lille Mylady den Kopf abgeschlagen hatte, und ihre Leiche in den Fluss geworfen hatte. Konnte es sein, dass Mylady eine Tochter gehabt hatte, diese junge Frau namens Justine, die jetzt völlig durchgefroren vor ihm stand?
“Eure Mutter, wie hieß sie?”; wollte er wissen und blickte sie eindringlich an.
“Charlotte de Winter war ihr Name”; antwortete sie, “aber warum wollt Ihr das wissen?”
“Der Mädchenname Eurer Mutter, lautetet er Backson oder de Breuil?”, hakte Athos weiter nach.
“Sie hieß Charlotte Backson. Warum interessiert Euch das? Und woher wisst Ihr das überhaupt?”, wunderte die junge Frau sich.
“Eure Mutter, wann genau verschwand sie?”; wollte der Comte wissen, während er sie erneut einer eingehenden Musterung unterzog.
“Das war Ende August 1628, das weiss ich noch ganz genau. Von da ab hat man nie wieder etwas von ihr gehört. Ich bin sicher, dass sie tot ist, denn sie hätte mich niemals im Stich gelassen.”
Athos wusste nun, dass er es hier keineswegs mit Mylady selbst, sondern mit ihrer Tochter zu tun hatte, und nun schämte er sich dafür, das abgemagerte, völlig durchgefrorene Mädchen so beschimpft zu haben. Immerhin trug er die Schuld daran, dass die arme Justine auf der Straße leben und hungern und frieren musste, denn wenn sie über Mylady nicht das Todesurteil gesprochen hätten, wäre ihrer Tochter dieses schreckliche Schicksal erspart geblieben.
“Wie alt seid Ihr, Justine?”, fragte er sie schließlich.
“Im Februar bin ich siebzehn geworden”, erklärte sie ihm, “aber warum wollt Ihr das wissen?”
Als Athos das hörte, bekam er ganz weiche Knie, und sein Herz begann heftig zu pochen. Er hatte Mylady im November 1620 geheiratet, und mit ihr bis Juli 1621, als er die Lilie auf ihrer Schulter entdeckt hatte, zusammengelebt, und somit war es durchaus möglich, dass dieses Mädchen seine Tochter war.
Aber Mylady hatte auch mit diesem Pfarrer, den sie ihm gegenüber als ihren Bruder ausgegeben hatte, das Lager geteilt, somit könnte die junge Justine auch dessen Tochter sein.
Athos wollte es nun ganz genau wissen.
“Sagt, Justine, hat Eure Mutter Euch eigentlich gesagt, wer Euer Vater ist?”
“Nein, sie hat mir nur gesagt, dass er ein böser Mensch ist, der sie aufzuhängen versucht hat. Und wenn das wirklich stimmt, ist es mir lieber, gar keinen Vater zu haben.”
Nachdenklich blickte Athos die junge Frau an. Nein, er konnte sie nicht einfach wegschicken, immerhin hatte sie Raoul das Leben gerettet, und war womöglich seine Tochter. Aber würde er das jemals mit Sicherheit wissen? Schließlich gab es keine Möglichkeit, das so einfach herauszufinden.
“Kommt erst einmal mit hinein, Justine, Ihr müsst ja ganz durchgefroren sein. Ich bin Euch sehr dankbar, dass Ihr meinem Sohn das Leben gerettet habt”; meinte Athos freundlich lächlend und reichte ihr die Hand. Die junge Frau blickte ihn überrascht an, folgte dann aber ihm und Raoul in das Gutshaus.
“Zieht erst einmal Euren Mantel aus, Justine, er ist ja völlig durchlöchert. Ihr bekommt einen neuen Mantel und neue Kleidung, das ist das mindeste, was ich für Euch tun kann, nachdem Ihr Raoul das Leben gerettet habt.”
Noch wollte er ihr nicht sagen, dass sie seine Tochter sein könnte, er brauchte selbst noch etwas Zeit, um diese Nachricht zu verdauen. Es war sehr gut möglich, denn er hatte jede Nacht mit Mylady das Lager geteilt, genau in jener Zeit als Justine gezeugt worden war. Und selbst wenn sie nicht seine Tochter war….er wusste genau, dass er es nicht fertigbringen würde, sie wieder hinaus in die Kälte zu schicken, denn man sah der jungen Frau deutlich an, dass sie den Winter in diesem Fall nicht überleben würde.
Sie sah Mylady so verdammt ähnlich, dass er sich ihr gegenüber irgendwie befangen fühlte, der Gedanke, dass sie seine Tochter sein könnte, machte ihm irgendwie Angst. Aber, soweit er das im Moment einschätzen konnte…sie schien nicht den schlechten Charakter und die Boshaftigkeit ihrer Mutter geerbt zu haben….sonst hätte sie Raoul sicherlich nicht das Leben gerettet.
“Meine Diener werden Euch Badewasser hohlen, dann könnt Ihr ein Bad nehmen, danach bekommt Ihr frische Kleidung und etwas zu essen.”; meinte Athos, der nicht so recht wusste, wie er sich der jungen Frau gegenüber verhalten sollte, schließlich.
“Ich danke Euch, Monsieur de Bragélonne. Draußen ist es so kalt, und ich hätte diese Nacht sicherlich nicht überlebt. Ja, ich würde wirklich gerne ein Bad nehmen…ich habe mich bisher immer nur im Fluss gewaschen..das letzte richtige Bad habe ich genommen, bevor die Amme mich damals davonjagte.”
“Ihr könnt hierbleiben solange Ihr möchtet”; meinte Athos freundlich, “es ist ein harter Winter, und da wäre es nicht gut, wenn Ihr in der Kälte seid. Und ich bin übrigens nicht der Comte de Bragélonne, sondern der Comte de La Fére. Wenn Ihr wollt, nennt mich einfach Olivier.”
Justine blieb keine Zeit, sich darüber zu wundern, warum der Comte und sein ihm so ähnlich sehender Sohn unterschiedliche Familiennamen trugen, denn da rief Athos auch schon nach einer der Mägde.
“Lucille, sorgt bitte dafür, dass für Justine ein Bad eingelassen wird und danach gebt Ihr ihr etwas von Euren Sachen zum Anziehen. Wenn sie fertig ist, bringt Ihr sie hinunter in den Salon.”

Nachdem die Magd mit Justine nach oben gegangen war, wandte sich Athos an seinen Sohn.
“Raoul, was Ihr heute getan habt, das war wirklich töricht. Wenn diese junge Frau nicht zufällig dort gewesen wäre, dann wärt Ihr jetzt tot. Wenn Ihr gestorben wärt, das hätte auch ich nicht überlebt. Raoul, Ihr dürft nicht alles nachmachen, was die Jungen aus dem Dorf tun, selbst wenn sie euch einen Feigling schimpfen.”
“Aber Vater…wenn ich es nicht gemacht hätte, dann hätten sie mich auf ewig als Feigling verlacht. Und sie haben gesagt, dass ein Feigling niemals ein guter Comte sein könnte.”
“Ich kann Euch gut verstehen, mein Sohn, denn als ich in Eurem Alter war, habe ich mich auch auf so eine Mutprobe eingelassen..die Jungen aus dem Dorf sprangen alle von einem Scheunendach vier Meter in die Tiefe in einen großen Heuhaufen..und ich tat es, obwohl ich wahnsinnige Angst hatte…dabei habe ich mir ein Bein gebrochen. Zu meinem Glück ist das Bein aber gut verheilt. Danach habe ich mich nie wieder auf so eine Mutpobe eingelassen. Ihr seid kein Feigling, Raoul, selbst wenn sie das sagen…Ihr seid schon jetzt ein sehr mutiger Junge, und ich bin stolz, so einen Sohn zu haben. Ihr müsst mir versprechen, nie wieder so einen gefährlichen Unsinn mitzumachen, nur weil die anderen Jungen Euch als Feigling bezeichnen.”
“Ich verspreche es, Vater”, antwortete Raoul und senkte betreten den Kopf, “ich werde es nie wieder machen.”
Athos war viel zu froh und erleichtert um seinen Sohn zu bestrafen, er beschloss, es dabei bewenden zu lassen.
Athos und Raoul setzten sich im großen Salon an den Tisch, und der Comte befahl Grimaud, ein weiteres Gedeck aufzulegen. Beim Gedanken an Myladys Tochter, die womöglich auch die seine war, fühlte er sich noch immer seltsam befangen, aber er wollte dennoch auf jeden Fall unbedingt mehr über sie erfahren, um sich dann ein besseres Bild von ihr machen zu können.
Was, wenn sie wirklich seine Tochter wäre? Würde er sie überhaupt jemals so sehr lieben können, wie er Raoul liebte? Diese Ähnlichkeit mit Mylady…würde sie ihn da nicht jeden Tag an seine traurige Vergangenheit erinnern? Ihr Vater konnte genausogut der Pfarrer sein, den Mylady ihm gegenüber als ihren Bruder ausgegeben hatte…würde er jemals herausfinden, ob sie wirklich seine Tochter war? Und wenn sie es nicht war, was sollte dann aus ihr werden, wohin sollte sie gehen?
Nein, nicht einmal wenn sie nicht sein eigen Fleisch und Blut war, würde er es fertigbringen, sie zurück auf die Straße zu schicken, dann würde er versuchen, für sie einen Ort zu finden, an dem sie ein gutes, gesichertes Leben führen könnte.
Während die junge Frau badete, trug Grimaud die Vorspeise, eine klare Suppe mit Rindfleisch und Klößen auf.
“Vater, ich mag Justine..darf sie wirklich bleiben?”; fragte Raoul schließlich, während er seine Suppe löffelte, “ich will nicht, dass sie wieder fortgeht.”
“Sie kann erst einmal hierbleiben, und dann sehen wir im Frühjahr weiter”; meinte Athos, der innerlich so aufgewühlt war, dass er keinen Bissen hinunterbekam, und nur lustlos in seiner Suppe herumrührte.
Er hatte geglaubt, seine Vergangenheit längst hinter sich gelassen zu haben..und nun war diese junge Frau aufgetaucht, deren Anblick ihn so sehr an Mylady erinnerte, dass es für ihn kaum zu ertragen war. Wie sollte er sich ihr gegenüber bloß verhalten? Irgendwie fühlte er sich mit der ganzen Situation völlig überfordert.

In diesem Moment kam die Magd Lucille in den Salon gestürmt.
“Monsieur…ich muss Euch etwas sagen…diese junge Frau…sie…”, sammtelte sie und blickte den Comte nervös an.
“Was ist denn geschehen, Lucille?”; fragte Athos, “macht die junge Frau Euch irgendwelche Probleme?”
Was, wenn diese Justine sich nur verstellt hatte, um Einlass auf dem Gut zu finden, und sich in Wirklichkeit an ihm rächen wollte?
“Nun, Monsieur…ich habe doch früher immer Euren Sohn, als er noch ein Säugling war, gebadet, und sah, dass der Knabe dieses kleeblattförmige Muttermal am Bauch hat. Diese junge Frau..diese Justine..sie hat auch dieses Muttermal, Monsieur..ich dachte, das solltet Ihr wissen.”
Als Athos das hörte, fiel ihm der Löffel aus der Hand und landete mit einem klirrenden Geräusch auf dem Boden. Die Magd konnte nicht wissen, dass nicht nur Raoul, sondern auch er dasselbe Muttermal hatte..und somit konnte er sich ganz sicher sein, dass diese Justine sein Fleisch und Blut war, seine mit Mylady gezeugte Tochter.
Im Augenblick empfand er eher Angst als Freude, fragte sich, ob er diese junge Frau jemals genauso lieben würde wie Raoul, sie jemals als seine Tochter akzeptieren könnte. Sie sah Mylady so ähnlich, und jedes Mal wenn er sie anschaute, dann sah er Mylady vor sich, hatte das Gefühl, seiner Vergangenheit, die er bereits hinter sich gelassen zu haben glaubte, niemals mehr entrinnen zu können.
Dennoch…Justine hatte ihr Leben riskiert um Raoul zu retten, und dafür war er ihr sehr dankbar. Nein, er konnte sie nicht wieder wegschicken, sie gehörte doch zur Familie, sie war seine Tochter, und er dürfte sie nicht für die Sünden ihrer Mutter verantwortlich machen. Auch wenn er bei dem Gedanken, sie auf Bragélonne leben zu lassen, Furcht empfand, wusste er genau, dass er es nicht übers Herz brachte, sie wieder fortzuschicken. Immerhin trug er die Schuld daran, dass sie eine so traurige Kindheit gehabt hatte.

Als kurz darauf die junge Frau hereinkam, sauber gewaschen und in den Kleidern der Magd, blieb ihm vor Schreck beinahe das Herz stehen..es war, als ob er gut achtzehn Jahre jünger wäre, und Mylady wieder vor ihm stünde…Justine war das jüngere Ebenbild ihrer Mutter, für Athos keine leichte Situation.
“Verzeiht, Monsieur…habe ich Euch verärgert?”; fragte Justine und blickte ihn schüchtern an, “es tut mir leid, das wollte ich wirklich nicht. Bitte sagt mir doch, was ich falsch gemacht habe.”
Athos, der genau wusste, wie seine Miene sich immer verfinsterte, wenn er vor sich hin grübelte, schenkte ihr rasch ein freundliches Lächeln und deutete auf einen Stuhl gegenüber von Raoul.
“Nein, Ihr habt mich nicht verärgert, Justine. Kommt, setzt Euch her zu mir und Raoul, Grimaud wird gleich das Essen auftragen. Und..es gibt da noch etwas, das ich Euch nach dem Essen sagen möchte.”
Die junge Frau erwiderte zaghaft sein Lächeln und setzte sich dann auf den ihr angebotenen Platz.
Dann trug Grimaud das Essen auf, Rehbraten mit Kastanien und Pflaumen in Blätterteig, und Justines Augen begannen zu leuchten, als sie die fettglänzenden, goldgelb gebackenen Pasteten sah.
Dennoch, obwohl sie völlig ausgehungert sein musste, aß sie langsam und gesittet mit Messer und Gabel wie eine wohlerzogene Dame, was ihn sehr beeindruckte. Trotz der vielen Jahre auf der Straße schien sie ihre gute Erziehung nicht vergessen zu haben. Aber sie war sehr nervös und sichtlich angespannt, das merkte der Comte. Sie schien sich ihm gegenüber sehr unwohl zu fühlen.
“Ich bin Euch sehr dankbar, dass Ihr meinem Sohn das Leben gerettet habt, Justine, das werde ich Euch nie vergessen. Wenn Ihr wollt, könnt Ihr hier bei uns auf Bragélonne bleiben und hier leben. Wir würden uns sehr darüber freuen”; meinte Athos schließlich, und legte ihr noch eine Pastete auf den Teller, schenkte ihr etwas Wein ein.
Justine blickte ihn verwundert an.
“Ich hätte nicht damit gerechnet, dass Ihr mich einladet hier zu bleiben, Comte, und ich danke Euch dafür. Ich nehme Euer Angebot an, ich bin froh, für den Rest des Winters ein Dach über dem Kopf zu haben.”
“Oh, wie schön, Ihr bleibt bei uns, Justine!”; freute der kleine Raoul sich, “ich danke Euch, Vater, ich bin froh, dass Ihr das erlaubt! Ich hab Justine nämlich gerne!”

Nun kam der für Athos schwerste Teil, und er atmete noch einmal tief durch, bevor er mit seinem Geständnis begann.
“Nun, Justine..da ist noch etwas, das ich Euch sagen muss…Justine..ich…nun..also..ähm…ich…ich war mit Eurer Mutter verheiratet…und…Lucille, unsere Magd, hat mir etwas von einem Muttermal auf Eurem Bauch gesagt…Raoul und ich, wir haben genau das gleiche…ich..ich bin Euer Vater.”
Nun war es heraus, und er wartete angespannt ihre Reaktion ab.
Eine ganze Weile schwiegen Vater und Tochter, blickten einander nur an. Für Justine war es ebenfalls ein Schock, mit dem sie erst einmal fertigwerden musste. War das jener Comte, von dem ihre Mutter ihr immer wieder gesagt hatte, dass er sie gar nicht hatte haben wollen, weil er Kinder verabscheute? Aber wenn er Kinder verabscheute, wie kam es dann, dass er dem kleinen Raoul ein liebevoller Vater war? Für sie war das eine schwierige Situation, und sie wusste nicht so recht, was sie davon halten sollte.
“Vater…wenn Ihr auch Justines Vater seid..ist sie dann meine Schwester?”; wollte Raoul wissen und blickte den Comte aus großen Kinderaugen fragend an.
“Ja, Raoul, sie ist Eure Schwester…und sie wird ab heute bei uns leben, wenn sie das möchte. Ich hoffe, dass sie sich für ein Leben mit uns entscheidet, wir sind ja ihre Familie..aber ich kann sie zu nichts zwingen.”
“Meine Mutter hat mir erzählt, dass Ihr mich nicht haben wolltet, dass Ihr versucht habt, sie zu erhängen, als Ihr erfahren habt, dass sie schwanger ist”, brachte Justine schließlich wütend heraus, “und da wollt Ihr jetzt einen auf heile Familie machen? Das ist doch ein großer Widerspruch, Comte, oder nicht?”
“Ich habe nichts von Eurer Existenz gewusst”, beteuerte Athos und blickte sie traurig an, “hätte ich es gewusst, dann hätte ich Eurer Mutter das niemals angetan. Ich war damals so wütend und wusste nicht was ich tat, später habe ich mir das niemals verziehen. Ganz gleich was Eure Mutter auch getan hat, ich hatte kein Recht Ihr das anzutun. Ich hatte damals keine Ahnung, dass sie schwanger war.”
Und dann erzählte er Justine die ganze Geschichte von Anfang an, und fragte sich voller Anspannung, wie die junge Frau wohl darauf reagieren würde. Er war davon überzeugt, dass sie ihn nun verachten würde, und er konnte sie nur zu gut verstehen.

Justine hatte sich seine Geschichte angehört, ohne ihn auch nur einmal zu unterbrechen. Sie konnte sich noch gut an ihre Mutter erinnern, wusste noch genau, wie diese sie dreimal im Jahr besucht hatte, wie liebevoll sie zur ihr gewesen war. Wie konnte es da sein, dass sie all die schlimmen Dinge, die der Comte da schilderte getan hatte? Der Mord an Buckingham…konnte dafür wirklich ihre Mutter verantwortlich sein? Und hatte sie wirklich die Freundin dieses d´Artagnan umgebracht? Es fiel ihr schwer das zu glauben, und dennoch…sie glaubte sich auch dunkel daran zu erinnern, wie ihre Mutter bei einem ihrer Besuche einmal einen Wutanfall bekommen und sie dann mehrmals geschlagen hatte. Sie hatte sich danach zwar entschuldigt und es nie wieder getan, aber trotzdem hatte Justine das nie ganz vergessen können. Ja, es konnte durchaus sein, dass ihre Mutter eine dunkle Seite gehabt hatte, eine Seite, die sie meist vor ihrer Tochter verborgen hatte.
“Ihr versteht sicher, dass das alles für mich sehr schwierig einzuschätzen ist. Noch kann ich nicht beurteilen, ob das, was Ihr über meine Mutter sagt, die Wahrheit ist. Ich weiss nicht, ob ich Euch wirklich jemals als meinen Vater betrachten kann…aber wenn Ihr es erlaubt, würde ich gerne eine Weile bleiben, um herauszufinden, ob ich Euch vertrauen kann.”
Obwohl Athos sich ihr gegenüber immer noch sehr befangen fühlte, war er dennoch froh, dass sie bleiben und ihm die Chance, sie besser kennenzulernen geben wollte, obwohl sie nun wusste, was zwischen ihm und ihrer Mutter damals geschehen war. Nein, diese junge Frau hatte eindeutig nur Myladys Aussehen, aber nicht ihren Charakter geerbt, und darüber war er wirklich froh. Und er merkte bereits, wie er sie, obwohl er sie gerade erst kennengelernt hatte, ins Herz schloss. Nein, er würde nicht zulassen, dass sie jemals wieder auf der Straße leben und hungern und frieren musste…er schwor sich, dafür zu sorgen, dass sie sich hier bei ihm und Raoul wohlfühlte.
“Ich darf heute länger aufbleiben, Justine, weil wir nachher das neue Jahr begrüßen”,erklärte der kleine Raoul ihr sichtlich stolz, “werdet Ihr mit uns feiern? Vater hat Feuerwerkskörper bestellt, die wir nachher in den Himmel schießen…ich darf auch schon, aber er sagt, dass wir ganz vorsichtig sein müssen. Ihr werdet sehen, das wird richtig lustig.”
“Ich habe noch nie ein richtiges Feuerwerk gesehen, ich bleibe gerne”; erwiderte sie lächelnd, denn sie hatte den kleinen Raoul längst ins Herz geschlossen.
Dass er wirklich ihr Bruder, und der Comte ihr Vater sein sollte, das konnte sie noch immer kaum glauben, es erschien ihr eher wie ein ferner, unwirklicher Traum. Und doch hatte sie das Gefühl, dass es das Richtige war, erst einmal hierzubleiben…denn sie wollte dem Comte und sich die Chance geben, einander besser kennenzulernen.

“Ich bin wirklich froh, dass Ihr Euch zum Bleiben entschieden habt, Justine”; meinte Athos schließlich, “ich bin sehr dankbar, dass Ihr mir die Gelegenheit gebt, Euch zu beweisen, dass ich Euch ein guter Vater sein möchte. Wir beide haben nun genügend Zeit uns besser kennenzulernen, und ich freue mich, dass Ihr gemeinsam mit uns das neue Jahr begrüßen wollt. Ich bin sicher, es wird für uns alle ein schönes Jahr werden.”
Dann rief er seinen Diener Grimaud.
“Grimaud, hole uns bitte eine Flasche Champagner. Raoul darf heute ausnahmsweise, weil Silvester ist, auch ein kleines Glas.”
Und, nachdem Grimaud ihnen eingeschenkt hatte, stießen sie dann alle drei miteinander an, obwohl es noch etwa zwei Stunden bis zum Jahreswechsel waren. Justine fühlte sich so gut wie schon lange nicht mehr, denn nun hatte sie endlich ein richtiges Zuhause, eine richtige Familie. Auch wenn der Comte ihr noch fremd war, so fand sie ihn doch sympathisch, und war davon überzeugt, dass er kein schlechter Mensch war, und den kleinen Raoul hatte sie sehr gerne. Sie hatte noch so viele Fragen an den Comte, die sie ihm alle noch in den nächsten Tagen zu stellen gedachte.
Raoul schien sehr an seinem Vater zu hängen, und so liebevoll wie der Comte für den Jungen sorgte, konnte er kein schlechter Mensch sein, sagte Justine sich, und genoss das Zusammensein mit den beiden. Für beide, Vater und Tochter, war die neue Situation etwas, auf das sie sich erst einstellen mussten, doch glücklicherweise verstanden sie sich auf Anhieb gut, da sie rasch feststellten, dass sie sich im Charakter ähnlich waren.
Bis kurz vor Mitternacht saßen sie gemütlich zusammen, dann gingen sie hinaus um die Feuerwerkskörper anzuzünden, und Athos blickte stolz auf seinen Sohn und seine Tochter, die fröhlich lachend das Feuerwerk anzündeten und laut jubelten, als kurz darauf am Himmel leuchtende Lichterkaskaden zu sehen waren. Die junge Frau schien sich hier wohl zu fühlen, denn sie scherzte und alberte mit Raoul herum, als ob sie ihren kleinen Bruder seit Jahren kennen würde. 
Noch war Justine sehr mager, und geschwächt von der harten Zeit auf der Straße, doch er war sicher, dass sie hier auf Bragélonne schnell wieder zu Kräften kommen würde. Was für eine glückliche Fügung des Schicksals es doch war, dass ihr Weg sie zu der alten Mühle geführt hatte, denn sonst wäre Raoul nun mit Sicherheit tot, und sie wäre im selben Winter irgendwo auf einer Landstraße elendig erfroren.
Ja, dachte der Comte sich, allmählich beginne ich wieder daran zu glauben, dass es wirklich einen Gott gibt. Und ich glaube, dass es ein gutes Jahr werden wird.
Zufrieden lächelnd ging er zu seinen Kindern, um ihnen beim Anzünden der Feuerwerkskörper zu helfen.


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