Artagnan.de - Fanfiction zu Dumas' drei Musketieren

Was im Winter geschah


14. Ma petite

von AlienorDartagnan


Gestern habe ich geheiratet, aber ich war keine glücklich lächelnde Braut, die ihrem Mann verliebt in die Augen blickt und sich darauf freut, gemeinsam mit ihm alt zu werden. Ich habe den Vicomte Olivier de La Fére nur geheiratet, um nie wieder so leben zu müssen wie in meiner Kindheit, um nie wieder Angst davor haben zu müssen, zu verhungern oder zu erfrieren. Oliviers Vater, der alte Comte Raoul, verhält sich mir gegenüber äußerst feindselig und abweisend, er hält mich, wie er sich ausdrückt, für ein berechnendes eiskaltes Weibsstück, und er scheint genau zu wissen, dass ich seinen Sohn nicht liebe. Aber ich bin keineswegs ein gewissenloser, berechnender Mensch, ich bin nur das, was das Schicksal aus mir gemacht hat. Da ich mit niemandem über meine Vergangenheit reden kann, was mich manchmal doch sehr belastet, will ich nun hier niederschreiben, wie ich zu dem Mensch wurde, der ich heute bin. Ich werde diese Zeilen danach direkt verbrennen müssen, aber zumindest hoffe ich, dass ich mich etwas besser fühle, wenn ich mir alles von der Seele geschrieben habe.
Olivier habe ich erzählt, meine Eltern wären Adelige gewesen, ich machte meinen Vater, William Backson, zu einem englischen Lord, der bei einem Jagdunfall starb, als ich elf Jahre alt war. Das einzige, was daran wahr ist, ist dass mein Vater aus England stammte, und dass er starb als ich elf Jahre alt war, doch er starb nicht so, wie ich es Olivier geschildert habe. Er war kein Lord, sondern er schlug sich mit Gelegenheitsarbeiten und Diebstählen durch. Meine Mutter, Charlotte de Breuil hieß in Wirklichkeit nur Charlotte Breuil und war keineswegs adelig, sondern, bevor sie meinen Vater kennenlernte, eine Prostituierte. Als ich noch klein war, habe ich meine Eltern oft streiten hören, und danach, wenn mein Vater mit einem lauten Türenknallen unsere Wohnung in der Rue Latiné in Lillé verließ, strich sie mir liebevoll durchs Haar, und schärfte mir mit eindringlichem Blick ein, ich solle auf keinen Fall einen armen Mann heiraten wenn ich erwachsen wäre.
“Du musste es besser machen als ich wenn du erwachsen bist, Anne…sonst wirst du dein Leben lang so leben müssen wie wir es jetzt tun, und niemals wissen, ob du den nächsten Monat überleben wirst.”
Ja, ich glaube dass mich das entscheidend geprägt hat…ich wollte es besser haben. Ich liebe Olivier nicht, im Gegenteil, er ist mir nicht einmal sympathisch…ich finde er ist ein Langweiler mit seiner Vorliebe für das Landleben und seinem Sinn für Romantik, aber zumindest kann ich nun ein Leben führen, von dem ich als kleines Mädchen, wenn ich hungrig und frierend, mit Tränen in den Augen einschlief, nur träumen konnte. Und wer könnte mich dafür verurteilen? Jeder, der als Kind in so bitterer Armut leben musste wie ich, hätte es genauso gemacht. Ich hatte Glück dass ich mit mit solcher Schönheit gesegnet bin, sonst wäre eine solche Eheschließung für mich nicht möglich gewesen. Olivier hat mir alles geglaubt…er hält mich für die Schwester des Pfarres mit dem ich in das kleine Dorf La Fére kam. Ich bin noch immer seine Geliebte, und er ist keineswegs mit mir verwandt, aber Olivier hält ihn für meinen Bruder Georges.
Ich hatte wirklich einmal einen kleinen Bruder der Georges hieß, doch er starb als ich neun Jahre alt war an einer schweren Lungenentzündung. Mutter hat danach viel geweint und immer gesagt, er hätte überleben können, wenn wir nicht so wenig zu essen und ein warmes Zimmer gehabt hätten.

Ich will nun berichten, wie es dazu kam, dass ich im Kloster von Templemar aufwuchs, wo ich sehr unglücklich war. Ich erinnere mich noch an die kleine Wohnung in der Rue Latiné in Lillé, in der ich mit meinen Eltern und meinem kleinen Bruder Georges lebte. Vater, der als kleiner Junge mit seinen Eltern aus England nach Frankreich gekommen war, arbeitete als Tagelöhner, und wenn es keine Arbeit gab, dann stahl er. Wir lebten alle vier in einem kleinen Zimmer, in dem es außer einem kleinen Kamin, einem großen Bett, einem wurmstichigen Schrank und einem klapprigen Tisch mit vier Stühlen keinerlei Möbel gab. Nachts schliefen wir alle vier in diesem großen Bett, und ich weiss noch, dass ich als Kind nicht verstanden habe, warum meine Eltern uns damals manchmal zum Spielen nach draußen schickten. Heute weiss ich, was sie in dieser Zeit in dem großen Bett getan haben, aber als Kind habe ich mich oft gefragt, warum sie unbedingt alleine sein wollten. Mein Bruder Georges war fünf Jahre jünger als ich, ein kränkliches, blasses Kind von Anfang an, und wie ich hatte er das englische Aussehen meines Vaters geerbt, hellblondes Haar und blassblaue Augen. Ich war seine große Schwester, seine Beschützerin, seine wichtigste Bezugsperson. Ich habe ihn so sehr geliebt, denn er war alles was ich hatte. Wir waren die ärmste Familie in dem Viertel und deswegen wollten die anderen Kinder nicht mit uns spielen und wir hatten nur einander.
Unsere Hauswirtin, eine alternde Matrone namens Mademoiselle Blancharde, lauerte uns regelmässig im Treppenhaus auf um die Miete zu kassieren, die mein Vater ihr schon häufiger schuldig geblieben war. Wenn mein Vater keine Arbeit und beim Stehlen keinen Erfolg gehabt hatte, dann hatten wir oft nicht einmal etwas zu essen und kein Feuerholz und mussten hungern und frieren, und regelmässig drohte Madeomoiselle Blancharde uns damit, uns auf die Straße zu setzen, wenn wir nicht bald bezahlen würden. Ihre bösen Sprüche sind mir bis heute in Erinnernung geblieben, sind wie ein Stachel in meinem Fleisch. Verlaustes Gesindel, Faules Pack, so hat sie uns genannt, und das machte mich damals sehr traurig, ebenso wie ihre verächtlichen Blicke, die sie uns immer zuwarf.
Als ich neun Jahre alt war, hatte mein Vater wieder einmal keine Arbeit in Lillé und Umgebung finden können, und wir hatten überhaupt kein Geld mehr. Gar nichts war zum Essen im Haus, und Georges schmiegte sich schluchzend an mich.
“Anne..ich hab Hunger…mein Bauch tut so weh…”
Wie bleich er war, und viel dünner als ich, obwohl ich ihm regelmässig etwas von dem Anteil an dem wenigen Essen das wir uns leisten konnten, abgab. Ich war auch dünn und blass, aber da Georges ein kränkliches Kind war, litt er noch mehr als ich unter der Mangelernährung. Solange ich zurückdenken kann, war er fast immer erkältet, auch im Sommer, und bekam schlecht Luft. Doch einen Arzt konnten wir uns nicht leisten, obwohl meine Eltern wussten, dass er unbedingt medizinische Hilfe gebraucht hätte.

An jenem Abend Anfang Januar, kurz nach meinem 9. Geburtstag klopfte erneut Mademoiselle Blancharde an unsere Tür, und meine Mutter zuckte erschrocken zusammen, als sie ihre laute, energische Stimme hörte.
“Faules Lumpenpack! Die Miete war schon vor zwei Tagen fällig! Wenn ihr bis morgen nicht bezahlt dann fliegt ihr raus!”
Mutter machte die Tür nicht auf und befahl Georges und mir ganz ruhig zu sein. Als die alte Frau endlich den Rückzug antrat fing Mutter an bitterlich zu weinen.
“Was sollen wir jetzt nur tun? Sie wird uns auf die Straße setzen, diese Frau kennt kein Erbarmen, soviel ist gewiss. Meine armen Kleinen…was soll jetzt nur aus euch werden?”
Nie habe ich das vergessen, was kurz darauf geschah, denn es war etwas, womit niemand in unserer Familie gerechnet hätte. Wenig später kam Vater heim, so heiter und fröhlich, wie ich ihn schon lange nicht mehr gesehen hatte. Ich erinnere mich an meinen Vater nur als an einem durch Mangelernährung und harte Arbeit frühzeitig gealterten Mann, der so gut wie niemals lachte. Mein Vater war damals erst dreißig, sah aber schon aus wie ein alter Mann, ja, seine Haare begannen bereits grau zu werden.
Doch an diesem kalten Winterabend war alles anders. Als er hereinkam, hielt er einen dicken, rosigen Schinken, Brot, Käse, Eierkuchen, Früchtebrot und eine Flasche Wein in den Armen, seine sonst so trüben Augen leuchteten und er strahlte übers ganze Gesicht. An seinem Gürtel hing ein prall gefüllter Beutel in dem Münzen klimperten.
“Kinder, Charlotte…heute können wir uns einmal richtig satt essen…und nicht nur heute..das Geld reicht für die Miete des ganzen Winters und noch für einiges mehr..neue Kleidung für uns alle und neue Schuhe für die Kinder…ja, nun sind war richtig reich.”
Mich und Georges hat es damals nicht interessiert wo dieses verführerisch duftende Essen herkam, wir waren einfach nur froh, dass wir etwas bekommen würden. Schinken hatte ich noch nie zuvor gegessen, bei uns gab es meistens nur Haferbrei oder Brotsuppe.
Meine Mutter jedoch hatte ihre Bedenken.
“Will….ich habe dir doch gesagt, du sollst aufhören zu stehlen. Das letzte Mal hätten sie dich fast erwischt und an den Galgen gebracht…und was wird dann aus mir und den Kindern. Meine Schönheit ist dahin..ich kann nicht mehr wie früher mein Geld im Bordell verdienen. Wir sind auf dich angewiesen, also sei nicht so leichtsinnig.”
“Die Kinder sind kurz vor dem Verhungern, Charlotte..sieh dir doch nur Georges an, der arme Kleine ist nur noch Haut und Knochen und er hustet ständig. Wenn er richtiges, gutes Essen bekommt, und das regelmässig, dann wird er bald wieder zu Kräften kommen. Und Anne, sie ist auch schon so dünn, dass man bei ihr die Rippenknochen sieht. Ich will dass es meinen Kindern gut geht, und wenn ich dafür stehlen muss. Ich hab die Geldbörse einem ganz vornehmen feisten Herrn abgeschnitten, der wird nicht verhungern nur weil ich sie genommen habe. Solche Leute haben doch alles und wir nichts, da ist es nur gerecht wenn wir uns etwas davon nehmen. Bevor ich meine Kinder sterben lasse, werde ich lieber zum Dieb. Und keine Sorge, die erwischen mich nicht..ich bin viel zu schlau für die…”
Während meine Mutter noch schimpfte, schnitt Vater für mich und Georges zwei dicke Scheiben Brot ab, dann schnitt er Schinken ab und legte ihn darauf, dazu gab es für jeden eine dicke Scheibe Käse, und als besondere Überraschung hatte Vater für uns Kinder auch noch mit Honig beträufelte Eierkuchen und Früchtebrot mitgebracht.
Ich war so hungrig, dass ich das Brot mit wenigen Bissen verschlang. Es schmeckte herrlich, es war frisch und knusprig, nicht so altbacken wie das Brot das wir sonst bekamen, und der Schinken schmeckte einfach unbeschreiblich gut.
“Schmeckt es, mon petite?”; fragte Vater und blickte mich stolz lächelnd an, “wenn du genug zu essen bekommst, dann wirst du einmal eine Schönheit werden, und kannst eine gute Partie machen und dann für uns alle sorgen. Deine Schönheit ist ein Geschenk, das uns eines Tages ein besseres Leben ermöglichen wird.”
Ich liebte meinen Vater, der mich immer mon petite nannte, und damals war mir gar nicht klar, dass er mich als eine Art Absicherung für die Zukunft betrachtete, denn er war davon überzeugt, dass ein außergewöhnlich schönes Mädchen wie ich mit Leichtigkeit einen vermögenden Gatten finden würde.
Nach einer Weile beruhigte sich auch Mutter, sie konnte Vater ohnehin nie lange böse sein. Sie wärmte den Wein für uns an der Feuerstelle des Kamins auf, und an diesem Abend ging ich zum ersten Mal in meinem Leben satt und zufrieden ins Bett, leicht benommen von dem heißen Wein und rundum zufrieden. Damals ahnte ich nicht, dass unser Glück nur von kurzer Dauer sein würde. Schon am nächsten Tag begann das Verhängnis, das mich am Ende ins Kloster von Templemar führen sollte.

Am nächsten Morgen zog Mutter mir und meinem Bruder unsere mehrfach ausgebesserten alten Wintermäntel und unsere alten, abgelaufenen Stiefel an, und wir verließen unser kleines Zimmer um in die Stadt zum Einkaufen zu gehen. Auf der Treppe begegnete uns Mademoiselle Blancharde, die sofort wieder lautstark zu zetern begann.
“Her mit der Miete oder ich setzte euch alle noch heute auf die Straße! Verfluchtes faules Pack! Hätte ich gewusst dass ihr nicht pünktlich zahlt, hätte ich euch niemals hier wohnen lassen! Aber das hat jetzt ein Ende!
Mein Vater grinste spöttisch, holte die Börse heraus und legte der alten Frau eine Goldmünze in die Hand. In der Börse waren tatsächlich Goldmünzen, ein kleines Vermögen.
“Hier, die Miete für die nächsten Monate. Und jetzt lass uns in Ruhe, alte verbitterte Vettel!”
Da ahnte Vater noch nicht, dass er in diesem Moment einen fatalen Fehler begangen hatte, der unsere Familie für immer zerstören und unser aller Leben auf tragische Weise verändern würde.
Er war guter Dinge, als wir uns auf den Weg in die Stadt machten, kaufte für uns alle auf dem Marktplatz vor der Kathedrale heiße süsse Krapfen. An diesem Nachmittag bekamen Goerges, der noch immer stark hustete, und ich neue Mäntel und Stiefel, außerdem kaufte Vater für uns Holzspielzeug und kandierte Mandeln, für Mutter kaufte er schöne, hellblaue Handschuhe und für sich selbst einen neuen Hut, denn sein alter war bereits an manchen Stellen durchlöchert. Außerdem kaufte er Decken für uns alle, denn die hatten wir ebenfalls dringend nötig, und in einer Boulangerie kaufte er noch frisches Brot, später in einer Metzgerei Schinken und Fleischpastete und außerdem noch kandierte Früchte für Georges und mich. Auf dem Heimweg blieben wir noch auf dem Markt stehen und lachten herzlich über die Späße mehrerer Gaukler, die an diesem Tag dort auftraten. Und dann gingen wir auch noch in ein Gasthaus und aßen Gänsebraten mit Rotkohl und Klößen, es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich so etwas gegessen habe. Dazu bestellte Vater einen teuren Bordeaux, denn die Geldbörse mit den Goldmünzen war noch längst nicht aufgebraucht. Ich glaube, dass das einer der glücklichsten Momente in meiner Kindheit war, als Vater uns zum Einkaufen mitnahm, und ich das Gefühl hatte, dass nun alles gut werden würde, und wir nie wieder hungern und frieren müsste. Doch dieser Tag, der so schön begonnen hatte, sollte für uns alle ein schlimmes Ende finden.

Als wir am frühen Abend, es dämmerte gerade, nach Hause kamen, stand vor unserer Tür die alternde Mademoiselle Blancharde, und sie war nicht alleine. Drei Gendarmen waren bei ihr, und nun sahen die Polizisten unglücklicherweise die prall gefühllte Geldbörse an Vaters Gürtel, den dicken Schicken, das Brot und all die anderen Dinge die wir gekauft hatten. Und bei einem so armen Mann wie Vater musste sich jeder denken können, dass da etwas nicht stimmte.
Unsere Hauswirtin hatte, als sie die Goldmünze von Vater bekommen hatte, sofort den Verdacht gehabt, dass da etwas nicht stimmen konnte, und da einer ihrer Neffen in der Gendarmerie von Lillé arbeitete, hatte sie sich sofort an diesen gewandt.
“Woher habt Ihr das Geld?”; fragte einer der Gendarmen, während er Vater die Geldbörse vom Gürtel riss, “das habt Ihr doch gestohlen, oder?”
“Da auf der Börse..ist das nicht das Wappen des Herzogs von Mortain?”
Auf der Geldbörse war ein goldener Löwe abgebildet, der eine Lilie im Maul hielt, und auf dem Rücken des Löwen hockte ein Falke…eindeutig ein Adelswappen. Wie hatte Vater nur so ein Risiko eingehen können?
“Ja, dieser Mann hat den Herzog bestohlen! Er muss gestohlen haben..denn woher sollte einer wie er sonst eine Goldmünze haben?”; rief die Wirtin schadenfroh aus, “ich bin eine ehrbare Frau und möchte solches Diebesgesindel nicht in meinem Haus haben! Sonst hat er nie seine Miete pünktlich bezahlt, und schon gar nicht in Goldmünzen!”
Da fing meine Mutter an zu schluchzen und fiel vor den Gendarmen auf die Knie.
“Ich flehe Euch an, Monsieur, bitte lasst Gnade walten! Wenn Ihr meinen Mann verhaftet, weiss ich nicht, wie ich für mich und unsere Kinder sorgen soll…ich flehe Euch an…habt Erbarmen..meine Kinder sind doch noch so klein und mein Sohn Georges ist ein kränkliches Kind solange er auf der Welt ist.”
“Das ist nicht unser Problem, Weib”; erwiderte der Gendarm unfreundlich, “er hat gestohlen und deswegen müssen wir ihn verhaften. Wenn wir jeden verschonen würden der Weib und Kinder hat, würden wir niemanden mehr verhaften können. Eure Kinder sind nicht unser Problem.”
Trotz der heftigen Gegenwehr meiner Mutter nahmen die Gendarmen meinen Vater mit, und damals wusste ich noch nicht, dass ich ihn danach nie wiedersehen würde. Nie wieder würde er mich mon petite nehmen, nie wieder würde ich auf seinem Schoss sitzen, und mir von ihm Geschichten erzählen lassen, nie wieder würde er mir und Georges ein Schlaflied singen. Während meine Mutter noch immer mit den Gendarmen stritt, nahm ich Georges in den Arm, der wieder heftig zu husten begonnen hatte. Er war ganz blass im Gesicht, und in seinen Augen war ein trüber Glanz, der nichts gutes verhieß, außerdem hatte er dunkle Ringe unter den Augen. Er war erst vier, und verstand noch gar nicht so richtig was da vorging.
Als einer der Gendarmen nicht hinschaute, ließ ich heimlich das Brot und den Schinken unter meinem und Georges Mantel verschwinden, denn mir war klar, dass wir nun nichts mehr hatten und ganz auf uns alleine gestellt waren.
Nachdem die Gendarmen meinen Vater fortgebracht hatten, fiel meine Mutter vor der Hauswirtin auf die Knie.
“Mademoiselle Blancharde…ich flehe Euch an, lasst mich und meine Kinder weiterhin hier wohnen. Ich werde mir eine Arbeit suchen, und die Miete immer pünktlich zahlen, das verspreche ich Euch.”
Die Hauswirtin lachte daraufhin jedoch nur hämisch.
“Ihr und Eure Kinder werdet gefälligst jetzt gleich verschwinden..ich gebe euch noch Zeit eure Sachen aus der Wohnung zu holen, und in einer halben Stunde seid Ihr verschwunden. Diebesgesindel hier im Haus, das dulde ich nicht…wahrscheinlich werden Eure Kinder später auch Diebe oder Mörder…ich bin sicher, beide werden am Galgen enden, das Mädchen und der Junge..denen sieht man schon heute an, dass sie Verbrecher werden.”
Während ich das niederschreibe, frage ich mich, ob die Wirtin mich wohl heute wiedererkennen würde, wenn sie mich sähe. Zu gerne würde ich ihr als Comtesse de La Fére in meinem teuersten Kleid gegenübertreten und ihr sagen dass ich jenes kleine Mädchen war, dessen Familie sie damals davongejagt hat, doch wahrscheinlich ist sie mitterweile schon tot. Ich werde nicht am Galgen enden, so wie sie es mir prophezeit hat, sondern als ehrbare adelige Frau. Ich weiss nicht, ob ich bei Olivier bleiben werde…wenn beispielsweise irgendwann einmal ein Marquis um mich werben sollte, dann würde ich ihn verlassen, da ein Marquis eine viel bessere Partie ist als ein Comte. Ich habe große Pläne…ich möchte so hoch hinaus, dass ich nie wieder tief fallen kann. Wer weiss..vielleicht ist nicht einmal ein Marquis genug. Ich muss Olivier unbedingt überreden, mit mir nach Paris zu reisen und mich dem König vorzustellen. Bei meiner Schönheit bin ich mir sicher, dass ich durchaus Chancen hätte, seine Mätresse zu werden und dann brauche ich Olivier nicht mehr. Weil ich nicht weiss wohin das Leben mich noch führen wird, nehme ich im Moment Kräuter, die eine Schwangerschaft verhindern sollen, denn ich möchte kein Kind von Olivier. Nein, ich glaube nicht, dass ich den Rest meines Lebens mit ihm verbringen werde. Und ich weiss, dass ich ständig Angst haben muss, dass er die Lilie auf meiner Schulter erblickt, und so wie ich ihn einschätze würde er mich dann davonjagen und ich stünde erneut vor dem Nichts. Ich habe versucht, die Lilie mit verschiedenen Salben zu bleichen, bisher leider ohne Erfolg. Ich wandele auf dünnem Eis, das ist mir bewusst…ach, diese verfluchte Lilie, sie könnte mich wieder an den Punkt bringen, an dem ich einst stand.

Aber nun will ich erzählen was weiter geschah, auch wenn es mir schwerfällt, mich in jene traurigen Tage zurückzuversetzen. Mutter versuchte alles um die Hauswirtin umzustimmen, aber es half nichts. An jenem Abend, an dem es wirklich eisig kalt draußen war, musste sie mit mir und Georges und unseren wenigen Habseligkeiten das Haus verlassen. Sie wickelte meinen hustenden Bruder in gleich drei Decken ein, und trug ihn auf dem Arm, ich musste, ein Bündel mit unserer wenigen Kleidung über der Schulter, hinterherlaufen. Als ich ihr sagte, dass ich den Schinken und das Brot heimlich mitgenommen hatte, strich sie mir liebevoll durchs Haar.
“Du bist ein kluges Kind, Anne…ich weiss, du wirst einmal mehr aus deinem Leben machen können, als ich es einst tat, du wirst es einmal besser haben.”
Noch heute erinnere ich mich an jene erste bitterkalte Nacht auf der Straße, in der wir in einem Hauseingang vor der beißenden Kälte Schutz suchten und vom Brot und vom Schinken aßen. Georges wollte nicht essen, er hustete ständig und hing apathisch in Mutters Armen. Als ich einmal an seine Stirn fasste, merkte ich dass sie förmlich glühte, und da wurde mir ganz elend zumute, denn ich ahnte, dass mein geliebter kleiner Bruder sterben würde, wenn nicht bald ein Wunder geschah. Und damals hatte ich mit meinen erst neun Jahren bereits genug Schlimmes erlebt, um längst nicht mehr an Wunder zu glauben. Mutter und ich schliefen beide in dieser Nacht sehr wenig, wir taten alles um Georges warm zu halten, und versuchten immer wieder, ihm etwas Brot und Schinken zu füttern, aber er verzog nur das Gesichtchen und weinte oder hustete. Noch heute kommen mir die Tränen wenn ich das bleiche Gesichtchen meines Bruders vor mir sehe, seine trüben Augen, und mich daran erinnere, dass wir nichts für ihn tun konnten.
Auf der Straße lebten in diesen Tagen viele Menschen, die hart um ihr Überleben kämpfen mussten, und so bekam Mutter in den nächsten zwei Tagen keine Almosen, als sie vor der Kathedrale um eine milde Gabe betteln wollte. Die anderen Bettler und Bettlerinnen stießen sie und uns Kinder einfach weg, denn hier hatte jeder seinen eigenen Stammplatz, den er mit allen Mitteln zu behaupten versuchte. Georges hing schlaff in Mutters Armen und gab kaum noch einen Ton von sich, nur gelegentlich ein lautes Husten, und Mutter fing an zu weinen, als sie sah, dass der Schleim den er hustete mit Blutschlieren durchsetzt war. Wer Blut hustete war dem Tod geweiht, das wusste auch ich mit meinen neun Jahren schon. Am Morgen war Mutter mit uns zum Gefängnis gegangen, um herauszufinden, was aus meinem Vater geworden war, und sie erfuhr, dass er zu fünf Jahren Kerkerhaft verurteilt wurde, und man ließ uns nicht zu ihm. Fünf Jahre ohne Vater…wir würden ab jetzt für uns selbst sorgen müssen. Ich weiss noch, dass ich damals große Angst hatte, Angst, verhungern oder erfrieren zu müssen.
An diesem Tag schlich ich mich heimlich davon, streunte auf dem Marktplatz herum, in der Hoffnung, dass ich irgendwo etwas zu essen finden würde, das die reichen Leute weggeworfen hatten. Und dann sah ich, wie einer in einen Pelzmantel gehüllte vornehme Dame, die einen braunen Hut mit einer großen Pfauenfeder trug, ein Armreif, dessen Verschluss sich gelöst hatte, zu Boden fiel, und sie bemerkte es nicht einmal und ging einfach weiter. So schnell ich konnte rannte ich zu der Stelle und hob den kostbaren Reif auf, betrachtete ihn eingehend. Er war mit Diamanten und Rubinen besetzt, nur wusste ich das damals noch nicht, weil es die Worte Diamant und Rubin in meinem Wortschatz gar nicht gab, weil ich diese Dinge nicht kannte. Aber so schön wie der Reif im Sonnenlicht funkelte, musste er doch sehr kostbar sein, sagte ich mir, und lief damit zu Mutter zurück, hielt ihn ihr lächelnd hin.
“Hier, Mutter, für dich. Damit können wir für Georges einen Arzt holen und vielleicht auch ein Zimmer für uns alle, und dann wird er wieder gesund.”
Mutter blickte mich an und begann zu weinen.
“Ach Anne…das ist zwar nett gemeint, aber du sollst auf keinen Fall stehlen, sonst kommst du wie dein Vater ins Gefängnis…sie verhaften auch schon kleine KInder wie dich, wenn sie stehlen. Meinem Bruder wurde die Hand abgehackt als er kaum älter war als du, weil er einem Bauern eine Gans gestohlen hatte. Ich werde nicht zulassen, dass du noch einmal stehlen gehst….das ist viel zu gefährlich. Und wir können mit dem Reif sowieso nichts anfangen, wenn wir damit zu einem Arzt gehen, wird er die Gendarmen rufen, denn wir sehen nicht gerade wie Herzoginnen oder Comtessen aus.”
Doch obwohl Mutter wusste, dass es gefährlich war, wollte sie versuchen, einen Arzt zu finden, der Georges behandelte und den Armreif als Zahlung akzeptierte ohne Fragen zu stellen. Als sie an die Tür eines stadtbekannten Arztes klopfte, und diesen um Hilfe bat, erklärte er sich einverstanden den Reif als Zahlung anzunehmen und bat Mutter kurz zu warten. Die Haushälterin des Arztes brachte uns in ein Zimmer, in dem wir warten sollten, und als ich aus dem Fenster blickte, sah ich, wie der Mann das Haus verließ.
“Mutter, wir sollten gehen, der Arzt ist gerade rausgegangen, der ruft bestimmt die Gendarmen.”
Den Armreif hatte der Arzt bereits mitgenommen, und so hatten wir nun wieder nichts womit wir woanders vielleicht Georrges Behandlung hätten bezahlen können. Und so verließen wir das Haus des Arztes, ohne jede Hoffnung. Am selben Abend starb mein Bruder Georges in Mutters Armen, als wir uns wieder in einen Hauseingang geflüchtet und uns unter der Treppe ein provisorisches Nachtlager errichtet hatte.
Er hatte hohes Fieber und erkannte Mutter und mich nicht mehr, murmelte nur unzusammenhängendes Zeug. Ich strich ihm liebevoll über den Kopf und flehte Gott an, ihn wieder gesund werden zu lassen. Ich kniete mich in eine Ecke und betete.

“Lieber Gott, bitte mach meinen kleinen Bruder wieder gesund. Er ist doch erst vier Jahre alt und ich habe ihn so lieb. Bitte nimm ihn uns nicht. Wenn du ihn leben lässt, dann will ich auch Nonne werden wenn ich groß bin, und mein ganzes Leben lang dir dienen. Georges hat in seinem Leben nie was Böses getan, er hat es verdient zu leben. Er wird ein guter Mann werden und kein Galgenvogel wie die böse Hauswirtin gesagt hat. Und bitte mach, dass mein Vater aus dem Gefängnis rauskommt, und eine richtige Arbeit kriegt, und wir wieder eine Wohnung bekommen, ich mag nicht länger auf der Straße sein.”

Meine Gebete wurden nicht erhört, mein kleiner Bruder starb nur eine halbe Stunde später. Mutter und ich weinten die ganze Nacht, eng aneinandergeschmiegt.
Am Morgen, nachdem sie sich etwas gefasst hatte, nahm Mutter meine Hand und zog mich hoch.
“Komm, Anne, wir müssen jetzt gehen. Wir werden deinen Bruder begraben.”
Sie trug Georges und ich unsere wenigen Kleidungsstücke, und die ganze Zeit weinten wir beide.
Ich konnte einfach nicht glauben, dass Georges, mein geliebter kleiner Bruder, der sich nachts im Bett immer an mich geschmiegt und mich gebeten hatte, ihm noch eine Geschichte zu erzählen, jetzt nicht mehr da war, nie mehr da sein würde. Für mich war das mit meinen neun Jahren ein schwerer Schock, den ich niemals ganz überwunden habe. In jener Zeit endete meine Kindheit und ich verlor alle Menschen die ich liebte…seitdem ist mein Herz wie erstarrt und ich bin nicht mehr fähig zu lieben…weder Olivier noch sonst jemanden…ich bin der Meinung, dass jene, die niemanden lieben besser dran sind, weil sie auch niemals einen geliebten Menschen verlieren können.
Die Erde war zu hart, und so konnten wir für Georges kein Grab ausheben, wir waren beide von Hunger und Kälte viel zu geschwächt. Mutter blieb schließlich keine andere Wahl, als die kleine Leiche einfach in einer Kirche liegenzulassen, in der Hoffnung, dass die Priester ihn beerdigen würden. An diesem Tag starb ein Teil von mir, und darüber bin ich niemals hinweggekommen.
Nach dem Tod meines Bruders versuchte Mutter Geld zu verdienen, indem sie ihren Körpern Männern auf der Straße anbot, doch da die Jahre es nicht gut mit ihr gemeint waren, fand sie niemandem, bei dem sie auf diese Weise Geld verdienen konnte. Einmal stand ich neben ihr im hohen Schnee und fror trotz des Mantels entsetzlich, als ein Edelmann neben uns stehen blieb und mich eingehend musterte, dann wandte er sich an meine Mutter.
“Was kostet das Mädchen, Weib? Ist sie noch Jungfrau?”
Mutter hatte mir da bereits erklärt was es bedeutete noch Jungfrau zu sein, und dass es ganz wichtig wäre, seine Unschuld noch zu besitzen wenn man heiratete.
Und so schüttelte Mutter nun energisch den Kopf.
“Nein, das Mädchen ist nicht zu haben….sie ist erst neun Jahre. Aber ich kann Euch auch ein paar schöne Stunden verschaffen…zwei Sous macht das.”
“Nein, ich möchte keine hässliche alte Vettel”; meinte der Mann und ging, verächtlich naserümpfend weiter.
Wir hatten seit einem Tag nichts mehr gegessen und ich hatte kaum noch genug Kraft um aufrecht zu stehen.

Da nahm Mutter, die selbst kaum noch laufen konnte, mich bei der Hand und zog mich mit sich. Wir gingen bis zum Stadttor, ohne dass sie auch nur ein Wort zu mir sagte. Tränen liefen über ihre Wangen, und sie konnte mir nicht in die Augen sehen.
“Mutter, wohin gehen wir?”; fragte ich und trotz meines Kummers und Elends blickte ich mich verwundert an, als ich vor mir eine weite, offene weisse Landschaft sah. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich Lillé verließ. Für mich war es merkwürdig, dass meine Mutter und ich die einzigen Menschen waren, die auf der Landstraße unterwegs waren. In der Stadt waren immer so viele Menschen gewesen, ich kannte es gar nicht anders.
Mir kam es so vor, als ob wir stundenlang unterwegs wären, und Mutters Schweigen machte mir Angst.
“Mutter..wohin gehen wir?”; fragte ich nach langem Schweigen erneut.
Ich war am Ende meiner Kräfte, und wir waren, so schätzte ich, schon mindestens zwei Wochen unterwegs.
“Du sollst nicht wie dein Bruder enden, Anne…du sollst es einmal besser haben. Ich bringe dich zum Kloster von Templemar..sie werden dich aufnehmen. Dort hast du genug zu essen und zu trinken, und vielleicht kannst du, wenn du dich gut anstellst, später Nonne werden, obwohl du nicht aus einem vornehmen Haus kommst. Dein Vater sitzt im Gefängnis, und ich spüre, dass ich nicht mehr lange zu leben habe..das Kloster ist deine einzige Hoffnung, mein Kind. Wir können nicht warten, bis du alt genug bist, um eine gute Partie zu machen. Und vielleicht ist das Kloster ohnehin die bessere Alternative, denn Schönheit garantiert keine gute Partie, wenn man ein Straßenkind ist. Als Nonne hast du es dein Leben lang warm und genug zu essen und musst dir um nichts Sorgen machen.
“Bitte, Mutter, ich will nicht Nonne werden, ich will bei dir bleiben!”; protestierte ich, so energisch, wie es mir in meinem geschwächten Zustand noch möglich war, “du bist doch alles, was ich jetzt noch habe! Und wir schaffen das schon, bis Vater aus dem Gefängnis kommt. Ich könnte doch in einer Weberei arbeiten, die nehmen schon kleine Mädchen wie mich!”
“Anne, es tut mir leid, es geht nicht anders…wenn ich dich nicht zu den Nonnen bringe, dann wirst du verhungern oder erfrieren..ich kann nicht für dich sorgen, ich habe keine Kraft mehr..und ich bin krank, ich habe schon sehr lange Schmerzen im Unterleib, die immer schlimmer werden, und ich spüre, dass mir nicht mehr viel Zeit bleibt. Versprich mir, nicht davonzulaufen wenn du im Kloster bist, bleibe dort…auch dann, wenn dein Vater in fünf Jahren entlassen wird..er ist nicht gut für dich, er kann nicht für dich sorgen. Im Kloster wirst du es gut haben, und darfst vielleicht sogar das Lesen und Schreiben lernen.”

Als wir das Kloster erreichten, habe ich es vom ersten Moment an verabscheut..ein von hohen Mauern umgebenes düster wirkendes Steingebäude mit einem hohen Glockenturm…nein, ich fühlte mich in den sechs Jahren, die ich im Kloster verbracht habe, dort niemals richtig heimisch.
Mutter läutete, und eine Nonne kam an die Pforte. Die Klosterfrauen nahmen uns bei sich auf und brachten uns auf ihrer Krankenstation unter. Zwei Wochen später starb Mutter, sie wachte morgens einfach nicht mehr auf. Ich weinte einen ganzen Tag lang und schmiegte mich an ihre Leiche, wollte nicht, dass man sie wegbrachte, weil sie der letzte geliebte Mensch war, der mir noch geblieben war. Die Nonnen mussten mich schließlich mit Gewalt von ihr fortreißen, und ich erinnere mich noch, dass ich dabei gekratzt, gebissen und wild um mich geschlagen habe. Meine Mutter wurde auf dem Klosterfriedhof begraben, was, wie die Äbtissin von Templemar mir erklärte, eine besondere Gnade wäre, die mittelosen Menschen normalerweise nicht zuteil wurde.
Meine Mutter war gerade zwei Tage tot, als die Äbtissin mich zu sich rufen ließ.
Mir ging es schlecht, ich hatte die wichtigsten Menschen in meinem Leben verloren, und im Grunde war es mir völlig gleichgültig, was weiterhin mit mir geschehen würde. Die Äbtissin, eine alte Frau von gut siebzig Jahren, tunkte eine Nuss in Honig, während sie mich eingehend betrachtete.
“Hast du noch Verwandte, Mädchen?”, wollte sie von mir wissen, “Verwandte, die dich aufnehmen können?”
Weder Mutter noch Vater hatten mir jemals etwas über ihre Familien erzählt, und so ging ich davon aus, dass es keine Angehörigen gab.
“Nein, es gibt da niemanden mehr. Mein Vater ist tot, und außer ihm und Mutter hatte ich niemanden.”
Mutter hatte mir in ihren letzten Tagen, wenn wir alleine im Krankensaal waren, eingeschärft, zu sagen, dass mein Vater tot wäre, da man mich sonst vielleicht nicht aufnehmen würde, obwohl er im Gefängnis saß. Aber Mutter war davon überzeugt gewesen, dass man im Kloster ein Waisenmädchen nicht einfach auf die Straße setzen würde.
“Ihr könnt hierbleiben, wenn auch nicht als Novizin”; erklärte die Äbtissin mir, während sie einen großen grünen Weinkelch nahm und genüsslich seufzend einen Schluck trank, “hier können nur vermögende Mädchen, die dem Kloster eine Mitgift bringen, zuerst Novizinnen und später Nonnen werden. Ich kann dich nur als Magd hier aufnehmen, das heisst, du wirst hier im Kloster in der Küche arbeiten und putzen und ähnliche Tätigkeiten verrichten. Und du solltest dem Herrn danken, dass ich dir diese Chance gebe, Mädchen.”

Ich war wütend und hätte der Äbtissin am liebsten ins Gesicht geschlagen. Ich wollte nicht hierbleiben, wollte nicht in diesem grässlichen Kloster leben und das Dienstmädchen der Nonnen spielen. An Gott glaubte ich nicht mehr, weil er meine Gebete nicht erhört und meinen kleinen Bruder getötet hatte. Aber ich wusste, dass mein Überleben davon abhing, mich jetzt möglichst demütig und unterwürfig zu geben, um ein Dach über dem Kopf und jeden Tag etwas zu essen zu haben. Und so nickte ich nur und dankte der Äbtissin, und von jenem Tag an war ich Magd im Kloster. Obwohl ich erst neun Jahre alt war, hatte ich einen harten Arbeitstag und musste von morgens bis abends schuften. Und ich musste nett und höflich bleiben, selbst wenn eine der verwöhnten adeligen Novizinnen mich als Lumpenweib oder Hungerleiderin beschimpfte. Ich glaube, in diesen Jahren im Kloster habe ich die Kunst der Verstellung erlernt…eine Fähigkeit, die ich später noch oft benötigen sollte. In diesen sechs Jahren, die ich im Kloster von Templemar verbrachte, war ich nur drei Jahre lang Magd. Dann starb die alte Äbtissin, und das Kloster bekam eine neue, Mutter Serafina, die aus Bordeaux zu uns kam. Sie stammte aus einer sehr einflussreichen, uralten und vermögenden Adelsfamilie, und so hatte ihr Vater der erst Achtzehnjährigen einen Posten als Äbtissin durch Bestechung erkauft. Mutter Serafina hatte gewisse Neigungen, sie interessierte sich eher für ihr eigenes Geschlecht. Ich war damals zwölf, bekam gerade meine Brüste und meine Schönheit begann gerade zu erblühen, und das entging auch der neuen Äbtissin nicht, und sie wollte mich von da an ständig um sich haben, und um das möglich zu machen, machte sie mich, obwohl ich keine Mitgift hatte, zur Novizin. Was dann kam, will ich hier nur am Rande erwähnen, weil es für mich traumatisch war. Ich musste fast jede Nacht mit ihr in ihr Gemach gehen, und dann tat sie Dinge mit mir, an die ich mich lieber heute nicht erinnern möchte. Nach drei Jahren ertrug ich es nicht mehr, so von ihr benutzt zu werden, und floh mit Jeannot, unserem neuen Beichtvater, der mir die Flucht ermöglichte, indem er dem Kloster mehrere Kronleuchter stahl.
Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt. Wir flohen aus dem Kloster und es gelang Jeannot, obwohl er der Sohn des Henkers von Lillé war, einen Pfarrersposten in dem Dorf La Fére zu ergattern. Nur ich wusste, dass die Unterlagen über seine Priesterweihe gefälscht waren, dass er niemals die Weihe erhalten hatte. Wie er an die Unterlagen gekommen ist, das habe ich nie erfahren, er hat es mir nie erzählt. Nun habe ich Olivier geheiratet, und ich gehe nur noch selten zu Jeannot, weil ich meine neue Posision als Comtesse nicht gefährden will. Ich kann Olivier nicht ausstehen, aber an seiner Seite kann ich ein gesichertes, ja prunkvolles Leben führen, jetzt bin ich eine Gräfin und kein in Lumpen gehülltes Bettelmädchen mehr. Den Vicomte für mich zu gewinnen war nicht schwierig…schon als er mich das erste Mal sah, habe ich erkannt, dass er mir mit Haut und Haaren verfallen würde, und so geschah es auch. Ich hielt ihn eine Weile hin um sein Verlangen nach mir zu schüren, und er war schließlich so verrückt nach mir, dass er der Meinung war, als Ehrenmann müsse er um meine Hand anhalten..genau das, was ich geplant hatte. Falls er und sein Vater sterben sollten, gehört das Vermögen der Familie de La Fére mir ganz alleine, und ich würde nicht einmal um die beiden trauern, weil Olivier und mein Vater mir nie etwas bedeutet haben, sie waren für mich nur ein Mittel zum Zweck. Olivier ist so ein Narr, ein verträumter Romantiker der an die wahre Liebe glaubt, der bereits von gemeinsamen Kindern spricht, und davon zusammen alt zu werden. Wie töricht er doch ist…solche Narreteien können sich wirklich nur Adelige, die niemals Not leiden mussten und im Überfluß aufgewachsen sind, leisten. Wenn er Abends neben mir am Kamin sitzt, eng an mich geschmiegt, muss ich mindestens zwei Gläser Wein trinken, um ihn überhaupt in meiner Nähe ertragen zu können. Der Vicomte ist ein wirklich schöner Mann, aber mein Herz vermag er nicht zu berühren, und wenn ich ihn ansehe, empfinde ich eher Abscheu als Liebe. Meiner Meinung nach ist Olivier ein Mann, der sich mit seinem Ehrgefühl, das ihm viel bedeutet, ständig selbst im Weg steht. Ehre…für mich ist das nur ein leeres Wort, mit dem ich nicht viel anfangen kann. Ich habe in meiner Kindheit gelernt, das nur das Recht des Stärkeren gilt, egal ob beim Adel oder in den Straßen von LilIé, da ist für Ehrgefühl einfach kein Platz.
Nein, ich glaube nicht, dass ich mein ganzes Leben hier auf dem Landgut mit dem Vicomte verbringen und seine Kinder zur Welt bringen werde. Er ist nur mein Sprungbrett in ein besseres Leben…und wenn ich eine bessere Partie finde und ihn nicht mehr brauche….ja…er könnte einen Unfall haben..er reitet gerne mit seinem Lieblingsfalken zur Jagd..und viele Adelige starben bei einem Jagdunfall…
Im Kloster gab es eine Novizin, die mir das Leben jahrelang zur Hölle machte und mich ständig drangsalierte. Wenn ich ihre Zelle putzen musste, hat sie immer das Putzwasser danach umgekippt, so dass ich alles noch einmal sauber machen musste, außerdem tat sie mir Käfer in meinen Brei und beschmutzte mein Bett mit Schlamm und Würmern. Als sie eines Tages auf den Glockenturm hochstieg um die schöne Aussicht zu genießen, fiel sie herunter und brach sich das Genick. Niemand ist jemals auf den Gedanken gekommen, dass ihr Tod kein Unfall gewesen sein könnte, man fragte sich nur, warum sie überhaupt dort hinaufgestiegen war.
Und ich erinnere mich noch an das, was mein Vater mir damals, als ich ein Kind war, gesagt hat:
“Du kannst alles tun, mon petite, du darfst dich nur nicht dabei erwischen lassen.”
Er wurde erwischt und das zerstörte unser aller Leben. Mir wird es nicht so ergehen, ich werde das Leben führen, das ich mir immer gewünscht habe. Wer eine Kindheit wie die meine überlebt, den kann im Leben nichts mehr erschüttern.
Auch wenn meine Geschichten von Silvia als nicht gut genug für den Fanfictionbereich eingestuft werden, den Spaß am Schreiben lasse ich mir nicht nehmen. :)

Ich habe dies hier niedergeschrieben um mein Herz zu erleichtern, dieses Herz, das allmählich zu Eis zu gefrieren scheint, und nun muss ich diese beschriebenen Blätter in den Kamin werfen, damit nichts davon übrigbleibt, denn wenn der Comte das liest, wäre das mein Ende. Ich weiss nicht, wie es weitergehen wird, aber ich habe das Gefühl, dass es weiter aufwärts und nicht abwärts gehen wird. Und die Hauswirtin, Madame Blancharde, hat nicht Recht behalten…mir ist nicht der Galgen bestimmt…mich wird man nicht hinrichten, dessen bin ich mir sicher, mich erwartet ein Leben mit Gold, prunkvollen Bällen und Comtes, Marquis und vielleicht sogar Königen. Das ist vermutlich mehr, als meine Eltern sich damals jemals für mich erhofft haben. Später, nachdem ich aus dem Kloster geflohen war, erfuhr ich, dass mein Vater gestorben war als ich elf Jahre alt war, er hätte im Gefängnis einen Aufseher, der ihn ständig demütigte, erstochen und war dafür zum Tode verurteilt worden. Ich habe damals nicht geweint als ich davon hörte, es war mir gleichgültig. Ich habe alle Menschen, die mir etwas bedeuteten verloren, und nun kann ich nie wieder jemanden verlieren den ich liebe, weil es niemanden mehr gibt. Ich kann nichts mehr fühlen, mein Herz scheint zu Eis erstarrt zu sein, doch ich werde nie wieder hungern und frieren müssen, und das ist viel mehr wert, als von Gefühlen gepeinigt zu werden. Ich bin jetzt die Comtesse de La Fére und ich glaube, dass ich eine große Zukunft vor mir, und das hungernde und frierende kleine Mädchen von damals, das sich so oft in den Schlaf weinen musste, weit hinter mir gelassen habe


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