Amour secret von Angel
Durchschnittliche Wertung: 4.5, basierend auf 8 BewertungenKapitel In Tränen
Er trat aus dem Kabinett des Priesters, mit dem er einen theologischen Bericht durchgegangen war, und erblickte eine zusammengekauerte Dame auf der letzten Kirchbank sitzend. Ihm war allzu bewusst, dass die Menschen an diesen Ort kamen um allein zu sein und ihre Sorgen, Probleme und Fehler zu beichten. Doch irgendetwas ihn ihm widerstrebte der Gedanke, die Kirche zu verlassen und dieses arme Geschöpf dort sitzen zu lassen. Im Schutz einer der Strebpfeiler beobachtete Aramis diese Dame. Sie war, soweit er das von seinem Standort aus beurteilen konnte, noch jung und hübsch. Ihre lockigen, fast blonden Haare hingen ihr halb in das Gesicht, dennoch bemerkte er die Tränen, welche unaufhaltsam an ihren Wangen herunter liefen. Für einen winzigen Moment erinnerte sie ihn an Milady de Winter, doch als er näher trat, verschwand seine Überlegung, sie könne die Tochter sein, augenblicklich. Auch wenn er nicht wusste, warum. „Madame, kann ich etwas für Euch tun?“, sprach er die junge Dame leise an. „Seid Ihr der Priester hier?“, fragte sie ihn etwas schroff zurück. Ihre Augen waren blaugrün, als würde sich der Himmel in einem See spiegeln. Aramis biss sich kurz auf die Unterlippe, sei es aus Gewohnheit oder um nicht in ihren Augen zu versinken. „Nein Madame, nicht direkt. Möchtet ihr denn den Priester sprechen?“ „Nein!“, erwiderte sie ihm sofort. Nun runzelte er die Stirn und die Dame richtete ihren Blick auf den Altar. „Würdet Ihr mir erlauben mich zu Euch zu setzten?“, fragte er sie, innerlich darauf hoffend, dass sich ein Gespräch entwickeln würde. Aramis konnte sich selbst kaum erklären, was gerade in ihm vorging. Doch sicher war, dass nicht nur ihre Augen ihn anzogen. Sie blickte ihn kurz an, nickte und rutsche ein Stück weiter auf der Bank. Aramis ließ sich neben der Dame nieder und teilte mit ihr die Stille und Ruhe der Kirche.
Nach einer Weile wurde Aramis von ihr angesprochen. „Monsieur, wer seid ihr?“ „Man nennt mich Aramis.“, antwortete er ihr ruhig. Ihre noch immer mit Tränen gefüllten Augen schauten ihn fragend an. „Ich bin Musketier, kein Priester – noch nicht.“ Sie nickte. „Aber ihr habt vor Euer Musketierwams durch das eines Priester zu ersetzten?“, fragte sie ihn etwas erstaunt. Aramis nickte zustimmend. „Ja, ich trage nur vorläufig die Musketiersuniform, zu der mich meine Freunde überredet haben.“ Er dachte schon fast, sie von ihrem Kummer abgelenkt zu haben, doch sobald er geendet hatte, wurde ihr Blick wieder leer und sie wirkte so verloren wie zuvor. „Madame, würdet Ihr mir die Ehre geben, mich auf einem Spaziergang zu begleiten?“ Verwirrt sah die Dame ihn an. Das Wetter draußen war stürmisch, nass, kalt und er forderte sie zu einem Spaziergang auf? Im selben Moment erinnerte auch er sich an das Wetter und hätte sich für diesen Vorschlag ohrfeigen können. Trotzdem bekam er eine Antwort, die ihn einigermaßen überraschte. „Monsieur ... Aramis,“ er nickte, „ich werde Euch begleiten.“ Ohne weiter über diese Antwort nachzudenken, stand er auf und reichte ihr den Arm. Gemeinsam verließen sie die Kirche, gingen durch die Straßen, ohne viele Worte zu verlieren, bis sie zu dem Jardin du Luxembourg kamen.
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