Aramis von AstridB

Martini

Ich möchte Voranschicken, dass die religiösen Elemente so nicht notwendigerweise historisch Korrekt sind. Die biblischen Texte sind der Einheitsübersetzung entnommen, ihre lateinischen Pendants der online verfügbaren Vulgata.

 

Der erste Schnee des Jahres fiel vom Himmel. Doch noch war der Boden zu warm, so dass sich der Schnee in Nässe und Matsch verwandelte. Es war ein trüber Morgen im November, als sich die Priesterschülern in der Abtei-Kirche Saint-Julien in Tours auf die Prozession vorbereiteten. Den Seminaristen fiel die Ehre zu, am Festtag des hl. Martins das Martinus-Spiel vorzutragen. Missmutig zog René d’Herblay sein Gewand an. Die Rolle, die ihm bei der heutigen Prozession zufiel, wollte ihm so gar nicht gefallen. Der Novizenmeister Pater Benedikt hatte ihm nämlich, vermutlich als Übung in Demut, die Rolle des Bettlers zugewiesen. Und das ihm, der nichts so sehr hasste, wie schmutzig zu werden, na ja, außer vielleicht frieren und heute würde er beides. Die Ehre den hl. Martin darzustellen fiel Briont zu, einem einfachen Novizen, was d’Herblay als besonders ungerecht empfand.

 

Die Prozession stellte sich am Kloster La Psalette auf. Vorneweg ritt Briont als Hl. Martin auf dem Pferd, gewandet in einen langen roten Umhang und gegürtet mit einem Schwert. Direkt hinter dem Pferd schritten der Bettler und weitere Darsteller des Martinus-Spiels mit Pater Benedikt. Ihnen folgten die Diakone, gefolgt von den Priestern. Den Abschluss bildete unter einem Baldachin, getragen von vier Priesteranwärtern, Erzbischof Bertrand d'Eschaud. Die Prozession bewegte sich von der Abtei Saint-Julien durch ganz Tours zur Kathedrale Saint-Gatien an der Place Plumereau. Viele Gläubige säumten den Prozessionsweg und folgten auf dem Weg zur Kathedrale. Vor der Kathedrale war eine Tribüne für den König und seinen Hofstaat aufgebaut. Schwere Tücher schützten die sitzenden vor dem Schnee. Rund um die Tribüne war die Leibgarde des Königs die Musketiere in ihren blauen, mit dem Lilienkreuz verzierten, Waffenröcken aufgestellt.

Auf den Stufen der Kathedrale formierte sich die Prozession neu, für das Martini-Spiel. Alle am Spiel unbeteiligten Kleriker suchten in den großen Eingangs-Portalen Schutz vor dem fallenden Schnee und besangen die Legende von der Mantelteilung, die von René d’Herblay und seinen Kollegen dargestellt wurde. Vor Kälte zitternd kauerte d’Herblay auf den Stufen der Kathedrale im nassen Schnee. Um sich ein wenig von seinem Elend abzulenken, beobachtete d’Herblay die Zuschauer auf der Tribüne. In der Mitte saßen König Ludwig und Königin Anna. Die Königin war umgeben von ihren Hofdamen. Hinter dem König saßen zwei Männer. Einer davon, im roten Kardinals-Gewand, war Kardinal Richelieu, daneben, das musste dann M. de Tréville sein, Hauptmann der königlichen Musketiere. Im Hintergrund der Tribüne konnte er zwei weitere Musketiere ausmachen. Die beiden schauten eher gelangweilt dem Martini-Spiel zu. Immer wieder steckten sie die Köpfe zusammen. Offensichtlich redeten sie miteinander, denn ab und zu drehte sich Tréville um bedeutete ihnen, ruhig zu sein. Wie gern würde d’Herblay mit ihnen tauschen. Wenigstens standen sie im trockenen und mussten nicht wie er durchnässt auf den Stufen der Kathedrale ausharren.

Jetzt war d’Herblay dran. Eben kam Briont als hl. Martin geritten. Der Chor der Kleriker im Kirchenportal besang die Teilung des Mantels in einem Hymnus, an dessen Ende Briont seinen Mantel abnehmen und ihn mit dem Schwert teilen sollte. D’Herblay blickte verächtlich auf die Szene. Briont’s Pferd musste von einem Novizen geführt werden, da Briont nicht reiten konnte. Obwohl er damit beide Hände frei hatte, um die Mantelspange zu öffnen und den Mantel nach vorne zu schwingen, rutschte dieser Briont aus den Händen und fiel in den Schnee. D’Herblay fand das lächerlich, er hätte den Martin viel besser darstellen können, ohne dieses unwürdige Schauspiel zu bieten. Als gehörte das zum Spiel, trat Pater Benedikt hinzu, hob den Mantel auf und reichte ihn Briont. Das Teilen des Mantels mit einem Schwert erwies sich für einen ungeübten, wie Briont als reichlich schwierig. Ungeschickt hantierte er mit dem Schwert, M. de Tréville schaute seine beiden Musketier, welche in Gelächter auszubrechen drohten, warnend an, um dann mit Hilfe von Pater Benedikt den Mantel zu teilen. Eine Hälfte des Mantels reichte er d’Herblay, der sich schnell in den wärmenden Mantel hüllte. Den dankbaren Blick an Briont, brauchte d’Herblay nicht zu spielen. Noch ein paar Szenen musste d’Herblay ausharren, bis sich die Prozession für den Einzug in die Kathedrale formierte. Dem hl. Martin und dem Bettler war noch eine besondere Rolle im Laufe der Messfeier zugedacht. So reihten sich d’Herblay und Briont, der froh war, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben, hinter dem Prozessionskreuz ein. D’Herblay und Briont bekamen Ehrenplätze gegenüber dem König und seinem Gefolge zugewiesen. Die beiden Musketiere, die den König bereits auf die Tribüne begleitet hatten, standen nun hinter dem Hofstaat. D’Herblay zitterte immer noch, zwar hatte er den warmen Mantel um sich geschlungen, doch darunter war er bis auf die Knochen durchnässt. Wie schon auf den Stufen der Kathedrale, musterte d’Herblay die Musketiere. Der blondgelockte, schlanke Musketier konnte seine edle Herkunft nicht verhehlen. Den einfachen Rock der Musketiere trug er mit einer Eleganz, die eines Comtes würdig war. Seinem kräftiger gebauten, braunhaarigen Partner dagegen, sah man von weitem den Soldaten an. Seine Haltung und die Art, wie er seinen Degen umgeschnallt hatte, zeugten eher von Zweckmäßigkeit, als von Eleganz. Beide schenkten der Messe wenig Aufmerksamkeit. Da sie beide ja im Hintergrund standen, fiel es nicht so auf, wenn sie der Gemeinde regelmäßig mit kleiner Verspätung folgten. Die beiden Musketiere ließen ebenfalls ihre Blicke schweifen. Gelegentlich kreuzten sich ihre Blicke mit denen d’Herblays. Für einen kurzen Moment vermeinte d’Herblay einen Hauch von Mitleid in der Miene eines des blonden Musketiers zu erkennen, sah man ihm sein Elend schon so deutlich an?

Routiniert brachte d’Herblay gemeinsam mit Briont die Kännchen und Hostien für die Eucharistie-Feier zum Altar. Das Ende der Messe bekam er kaum noch mit. Vollkommen Steif vor Kälte, musste ihm Briont beim Aufstehen behilflich sein. Er stützte d’Herblay auch auf dem Weg in die Sakristei. In der Sakristei warteten schon Novizen aus dem Kloster, die ihn der nassen Kleider entledigten und ihn gründlich trocken rieben. Pater Benedikt persönlich hüllte ihn in dicke warme Kleidung und gab ihm aufgewärmten Wein zu trinken. D’Herblay ließ sich erst mal erschöpft auf einen Stuhl sinken. Er spürte, wie die Wärme langsam wieder durch seine Adern strömte. D’Herblay musste eingedöst sein, er schrak erst auf, als ihn Briont an der Schulter berührte „Komm, wir kehren zum Seminar zurück, eine warme Suppe wird dir jetzt gut tun.“ Pater Benedikt scheuchte seine Schützlinge zum Kloster zurück.

Pater Benedikt war ehrlich besorgt um René d’Herblay. Die ungewohnt kalte Witterung hatte die Rolle des Bettlers für den jungen Priesterschüler weit ungemütlicher gemacht, als üblich. Seine Blässe und die bläuliche Verfärbung der Lippen hatten auch nichts mehr mit Vornehmheit und Eitelkeit zu tun. Sie waren deutliche Zeichen für eine Unterkühlung. Kaum im Kloster angelangt, führte Pater Benedikt d’Herblay in die Küche und hieß ihn, noch vor dem Mittagsmahl, eine warme Suppe zu essen. In der Hitze der Küche schlief d’Herblay am Küchentisch ein. Rechtzeitig zum Festmahl weckte Pater Benedikt seinen Schützling, dem inzwischen wieder viel wohler zumute war. Dennoch riet der Pater, d’Herblay solle seiner abendlichen Einladung besser nicht nachkommen und sich stattdessen frühzeitig zur Ruhe legen.

An jedem anderen Tag hätte René d’Herblay den Rat seines Novizenmeisters befolgt, doch heute wollte er um nichts in der Welt auf seinen Besuch beim Comte de Creuse verzichten. Die heutige Abendgesellschaft versprach interessant zu werden. D’Herblay machte sich bereits am frühen Nachmittag auf den Weg zum Hôtel de Creuse. Als „Hauslehrer“ der Tochter Judite de Creuse gehörte er fast zur Familie und durfte sich daher vor den anderen Gästen einfinden. Ganz abgesehen davon, dass er von Judite sehnlichst erwartet wurde.

Sie liebte die Stunden mit dem eleganten, angehenden Abbé. Er war der einzige junge Mann, der Judite besuchen durfte. Trotz seiner Jugend und seines offenkundig guten und gepflegten Aussehens erweckte er in seiner Stellung als Priesterschüler Vertrauen beim Comte de Creuse.

Judite kam d’Herblay bereits aufgeregt auf der Treppe entgegen. D’Herblay entschuldigte sich höflich bei Gräfin und Comte de Creuse und begab sich mit Judite in die Bibliothek. Judite umarmte ihren Hauslehrer „Monsieur d’Herblay, habt ihr mir neue Verse mitgebracht? Ach, vor lauter Vorfreude auf Eure wunderbaren Verse hätte ich beinahe vergessen, zu fragen, wie es Euch geht? Ihr Ärmster, war es sehr kalt als Bettler?“ Lächelnd befreite sich d’Herblay aus der Umarmung. „Ja, auf jede Eurer Fragen. Ich habe neue Verse dabei und Ihr könnt Euch ja mit eigenen Augen überzeugen, wie es mir geht. Und ja, es war sehr kalt.“ Judite erwiderte „Warum nur habt Ihr euch gerade diese Rolle ausgesucht?“ „Judite, meine Liebe, Ihr wisst doch, dass der Novizenmeister die Rollen am Martini-Spiel verteilt.“ - „Ja, aber warum musstet gerade Ihr den Bettler spielen?“ – „Nun, einer musste ja der Bettler sein und vielleicht dachte sich der Novizenmeister, eine Lektion in Demut würde mir gut tun.“ – „Aber warum hat er einen bürgerlichen den hl. Martin spielen lassen? Das war ja schrecklich. Nicht mal reiten konnte der, und erst wie er das Schwert hielt.“ D’Herblay erwiderte: „Die Entscheidung trifft Pater Benedikt und er wird seine Gründe gehabt haben. Doch nun Schluß damit, sonst wird es heute nichts mehr mit unserer Übersetzung.“

D’Herblay holte sorgfältig aufgerolltes Pergament aus dem Mantel. Das Pergament war eng in seiner schönen Handschrift beschrieben. Die Verse waren in lateinischer und französischer Sprache geschrieben. D’Herblay und Judite setzten sich nebeneinander auf eine Bank am Fenster. Obwohl es noch Tag war, war es bereits so düster, dass sie zusätzlich eine Kerze auf den Tisch stellten. D’Herblay las den ersten Vers mit sanfter, im Vorlesen wohlgeübter Stimme vor:

„non est iste sermo qui misericordiam provocet sed potius qui iram excitet et furorem accendat“

Judite antwortete mit ihrer hohen, engelsgleichen Stimme:

„Wer seid ihr denn, dass ihr am heutigen Tag Gott auf die Probe stellt und euch vor allen Leuten an die Stelle Gottes setzt?“

posuistis vos tempus miserationis Domini et in arbitrium vestrum diem constituistis ei

„ Ihr wollt den Herrn, den Allmächtigen, auf die Probe stellen und kommt doch ewig zu keiner Erkenntnis. “

D’Herblay und Judite lasen so immer im Wechsel lateinisch und französisch. Sie erfreuten sich nicht nur an den Worten, auch an der Harmonie ihrer beider Stimmen.

„M. d’Herblay, Eure Verse sind wunderschön, ich möchte sie gerne nochmals lesen.“ Judite beugte sich über d’Herblay, um die Schrift im abendlichen Zwielicht besser erkennen zu können:

dicamus flentes Domino ut secundum voluntatem suam sic faciat nobiscum misericordiam suam ut sicut conturbatum est cor nostrum in superbia eorum ita etiam de nostra humilitate gloriemur

„Darum wollen wir die Rettung von ihm erwarten und ihn um Hilfe anrufen. Er wird unser Flehen erhören, wenn es seinem Willen entspricht.“

Viel zu schnell kam die Zeit für das Abendessen. Der Comte de Creuse trat persönlich in die Bibliothek um Judite und d’Herblay in den Salon zu bitten, da jeden Moment die anderen Gäste eintreffen würden. Judite und René d’Herblay begaben sich in den Salon um gemeinsam mit dem Grafen und der Gräfin die weiteren Gäste zu empfangen. Überrascht und ein wenig unbehaglich stellte d’Herblay fest, dass er fast alle Gäste am Vormittag in der Gesellschaft des Königs vor der Kathedrale gesehen hatte. Unbehaglich, weil er befürchten musste, dass ein Gast in ihm den Bettler aus dem Martini-Spiel erkennen möchte.

Der Ehrengast verblüffte noch mehr. Dieweil sie eine Freundin von Madame de Creuse war und auf einem kurzen Besuch in Tours weilte, war die Königin Höchstselbst eingeladen. Die Königin erschien lediglich in Begleitung einer Hofdame, der Schicklichkeit wegen, und zweier Musketiere als Leibwache. Es handelte sich um die gleichen Musketiere, die schon am Vormittag auf der königl. Tribüne standen.

 

Damit durfte sich die Festgesellschaft im Speisesaal zu Tische setzen. Die beiden Musketiere wurden in die Küche geschickt, sie sollten am Mahl der Dienerschaft teilnehmen. Traditionell wurde als Hauptgang an Martini eine Gans gereicht.

Nach dem Diner begab sich die Gesellschaft wieder in den Salon, wo Familienmitglieder und Gäste einander unterhielten. Madame de Garros begleitete am Spinett ihre Tochter, die mit wundervoller Sopran-Stimme einige Lieder vortrug. Dieser Vortrag fand allgemein gefallen. Madame d’Aulby, die sich selbst für eine begnadete Dichterin hielt, gab einige ihrer selbstverfassten Gedichte zum besten. Judite, die die zweifelhaften Künste Madame d’Aulbys ja kannte, zog d’Herblay zur Seite und bat ihn, doch einige seiner Verse vorzutragen. Das Buch Judit eignete sich für reines Amüsement natürlich nicht, doch d’Herblay übertrug nicht nur biblische Texte in Verse, er setzte auch eigene höchst artige Verse. Nach einigen seiner Verse, die er alleine vortrug, bat er Judite, ein Duett mit ihm zusammen zu lesen. D’Herblays und Judites Vortrag erntete frenetischen Applaus. Zu den Zuhörern gehörten auch unsere beiden Musketiere, die sich der Gesellschaft im Salon unauffällig beigesellt hatten. Während der blonde Musketier sich angeregt mit anderen Gästen unterhielt und wirkte, als sei gehörter er als Gast in diese Gesellschaft, fühlte sich der stärker der beiden sichtlich unwohl in dieser Gesellschaft.

 

D’Herblay nahm die Komplimente der versammelten Weiblichkeit für seine Verse entgegen. So langsam hatte er das Gefühl, dass der Rat Pater Benedikts, sich frühzeitig zur Ruhe zu legen, gar nicht so falsch war. Obwohl er sich kaum mehr auf die Gespräche konzentrieren konnte, riss er sich zusammen und plauderte mit jeder Dame ein wenig. Mitten im Gespräch mit Madame de Chevreuse war seine Kraft dann am Ende. D’Herblay brach zusammen. Die erschrockene Madame de Chevreuse fackelte nicht lange und beugte sich zu ihm hinab: „Er glüht ja regelrecht. Er hat Fieber. Legt ihn hier auf das Kanapee.“ Die Gäste beratschlagten, was nun zu tun sei. Da er ein Seminarist des Priesterseminars war, wäre es nicht schicklich gewesen, in dazubehalten und Gesund zu pflegen. Andererseits war das Kloster nicht so weit weg und verfügte über eine eigene Krankenstation. Doch wer sollte den Kranken dorthin bringen? Die Rettung nahte in Form der Königin, die einen ihrer Musketiere zu sich rief: „Monsieur Porthos, würdet ihr bitte diesen jungen Mann ins Kloster La Psalette begleiten, damit seine Brüder sich um ihn kümmern können?“ Schnell war der Angesprochene zur Stelle, es handelte sich um den stämmigeren der beiden Musketiere, mit den braunen Haaren. Porthos zog sich einen Arm d’Herblay’s über die Schulter und führte ihn hinaus.