Arbeitstitel - Grammont von Nefaes

Kapitel 1

Erlaubt mir, werter Freund, dass ich dir das Wort entreiße und deine Aufmerksamkeit auf mich lenke, damit ich dir von jenen Begebenheiten schildere, die mir angesichts der Belagerung von Maastricht, anno 1673, auf sehr sonderbare Weise widerfahren sind (Kaum das ich die Spitze meiner Feder vom leeren Blatte weg, weiß und ungebraucht, erheben kann, um einzutauchen in ein bereits, halb genutztes Tintenfässchen). Übt euch in Geduld, wenn ich zu anfangs, in irgendeiner Weise, euer Gemüt strapazieren sollte, ehe ich den Kern meiner Geschichte erreiche. Jedoch empfiehlt es sich mit gewissen Umständen den Ausgang zu suchen, um überhaupt begreifen zu können, was tatsächlich in jenen Tagen geschah.

Wir schrieben den vierundzwanzigsten Juni. Die Belagerung der holländischen Stadt zog sich nun schon über mehrere Wochen. Alle Anstürme waren bisher zu unserem Nachteil verlaufen. Nichts deutete darauf, dass ein rascher Sieg in greifbare Nähe rückte. Die Moral der Soldaten, sank mit jedem neuen Tag. Ich muss zweifelsfrei gestehen, dass es mit unserem Vorrücken nicht zum Besten stand. Doch erst die Eroberung der Stadt versprach auf Dauer den Erfolg dieses Feldzuges. Würde sie fallen, kämen auch die anderen Städte in Bedrängnis oder würden sich von vornherein unserer Sache anschließen.
Mein Freund, verzeiht mir das uneingeschränkte Bedauern, das Wehklagen über diese unausgesprochene Wahrheit. Leider drängt es mich förmlich dazu, die daniederliegende Stärke unserer Armee zu beschreiben, bin ich doch ein Teil von ihr. Stolz waren wir von Paris aus aufgebrochen, hatten uns die Bewunderung des Königs zugezogen, nachdem wir seinen Plänen zunächst in allen Punkten folge leisteten. Alles verwies auf ein schnelles Ende, eine schnelle Heimkehr, ein schnelles Wiedersehen unserer Liebsten. Denn vor Leidenschaft sicherlich wüst verzehrenden Bekanntschaften, weiblichen Ursprungs.
Wie gnädig muss Gott sein, dass er mich zum Mann auserkoren. Ausgestattet mit der Tugend, den süsslichen Verlockungen dieser Welt mit gänzlicher Hingabe nachzustellen. In Verzückung dieser Genüsse ein Leben auszurichten, dass mich bis zum Tode hin unwiderruflich erfüllt. Lieblich erfüllt. Siehe Freund, das ist mein Schicksal, zu welchem ich berufen bin. Nicht zum Kriege führen. Tue ich dies doch nur, um meiner Familie zu gefallen und ihre Ehre zu bewahren.
Dabei stand einem Dasein als Soldat, wie du weißt die Berufung zum Priester im Wege. Kannst du erahnen, wie sehr ich diesem Vorhaben mit weinendem Herzen gegenüberstand? Dennoch verlangte man von mir die Einhaltung der Keuschheit, die Monogamie. Werter Freund, ich darf dir versichern, dass dies einem Todesurteil gleichkam. Nur mit großer Kraftanstrengung vermochte ich meiner Familie ein Rad zu schlagen. Eine Szene die ich dir nicht unterschlagen will. Den als Knabe, der ich war, vermag man sich noch zu unterwerfen, nicht aber als junger Mann, Jahre später.
In Anbetracht dieser für mich prekären Lage, tat ich das einzig sinnvolle. Indem ich das Bett sämtlicher Damen aufsuchte, ihnen unter die Reifröcke kroch und in geradezu genüsslicher Manier den Beischlaf vollzog, befleckte ich meinen Leib auf solcherlei Weise, dass es mir geschickt unmöglich wurde, mich dieses Amtes, als würdig zu erweisen. Du verstehst, dass mir ein ganzer Berg vom Herzen fiel nach jener Befreiung. Und so trat ich in die Armee seiner Majestät. Unverdrossen mir meine Sporen, als untertänigster Abenteurer zu verdienen. Die schönste aller Zeiten, wie ich finde. Viele Schlachten focht ich für unseren Herrn, dem Bewahrer unserer Macht, was mir nicht zuletzt, erhebliche Verletzungen einbrachte, die ich schweigend ertrug.
Nun im Hinblick dieser zermürbenden Belagerung, muss ich zum ersten Mal erkennen, dass ich auch hier vielen Entbehrungen ausgesetzt bin, welche mich langsam in die Kirche, ihren Wahnsinn zurücktreiben, da ich ebenso wie damals der Einsiedelei, der Ärmlichkeit anhänge. So als hätte sich zu keinem Zeitpunkt eine Änderung ergeben, die mich des Priesterseins entzog. Denn an Frauen scheint es in diesen flachen Landen zu mangeln. Und jene, welche man zum Weiblichen zählt, widersprechen meiner ausgewogenen Vorstellungskraft. Bräuchte man wohl schon eine Maske, um ihre Schönheit zu verstecken. Ihre Gegenwart erträglicher zu machen. Für den einfachen Soldaten mag dieses vielleicht ein Ansporn sein, nicht aber für einen Grafen seiner Majestät. Bei allen Vorzügen ihrer Art, ihrer Üppigkeit. Zuviel ist zuviel. O meine kleine Houdancourt. Wie sehr vermisse ich dagegen deine Nähe. Deine zärtliche Umarmung. Das Streicheln deiner Finger. Jahre sind vergangen, da wir uns aus den Augen verloren. Nicht allein die Schuld Ludwigs, der dich wie ich, mit innigster Zuneigung, begehrte. O mein liebes Comtesschen. Wärst du nur bei mir. Es schaudert mich in dem Gedanken, deiner zurückgelassen zu haben. Verzeih mir Comtesschen, verzeih mir.
Wundere dich nicht, Freund, wenn du diese Zeilen liest. Verzweiflung ist, die mich ins Überschwängliche abgeleiten lässt, ohne dass ich mir selbst helfen könnte. Aber sei dir dessen gewiss, solltest du jemals das Gleiche für eine Frau empfinden, wie ich, siehe dann wirst du mir vergeben, auf der Stelle vergeben. Du wirst begreifen und verstehen, welcher Schmerz mein Zaudern, mein ganzes Sehnen, unumstößlich auslöste.
Doch will ich dich nicht länger auf die Folter spannen oder gar lästig erscheinen mit meinen Weibergeschichten und zuende führen, was ich eingehendst so trefflich zu berichten wusste. Müde vom Kampf suchte ich gegen Ende des Tages mein Nachtlager auf. Es bereitete mir fühlbar Freude, meine erschöpften Glieder zu allen Seiten hin, auszustrecken und endlich der Schläfrigkeit ihren angestammten Platz einzuräumen. Eine Wohltat mit Sicherheit. Kaum das ich mit meinen Augen weiter hätte sehen können, schwer wie sie waren.
Da umschloss mich kalter Rauch. Weiß und zart wie jungenhafter Schnee im Winter. Trotz der Dicke meiner Kleidung drängte sich in entsetzlicher Heftigkeit das Eis auf meine Haut, sodass ich fror. Schon suchte ich nach einer Decke, tappend in der Dunkelheit, die mich in ihre selige Wärme aufnahm und zu neuen Träumereien verführen würde.
»Seid mir gegrüßt, ehrenwerter Gramont!« Ich erschrak, obgleich dieser mir unbekannten Stimme. Aufgeschreckt blickte ich umher. Doch fand sich nichts, inmitten der Düsterkeit um mich herum. Auch verwischte dieser Nebel meine Sicht.
»Wer bist du?« entgegnete ich.
»Mein Name ist Vinck«
»Vinck?«
»Pater Vinck. Einst war ich Priester in Maastricht, bevor man mich …« Er stockte.
»Was meint ihr mit einst?« Der Fremde blieb mir eine Antwort schuldig.
»Sprich, Unglückseliger.«
»Es war vor fünfunddreißig Jahren. Da beschuldigte man mich des Hochverrats.«
»Bei Gott, wie ist das möglich?« fragte ich schlaftrunken.
»Man hat mich geköpft und meinen Kopf zur allgemeinen Abschreckung aufgespießt, müsst ihr wissen.«
»Haltet ihr mich zum Narren. Könnte den ein Geist, seine Gedanken mit Worten schmücken?«
»Wenn es ein trauriger Geist ist, werter Gramont.«
»Wieso glaube ich euch nicht?«
»Denkt nichts Schlechtes über mich, Herr. Einst war ich beliebt in meiner Stadt. Das Volk von Maastricht vertraute mir. Bis zu jenem Tag, an dem ein Mann zu mir kam und mir in der Beichte die Konspiration mit den Spaniern gestand, welche nahe der Stadt bei Navagne lagerten.«
»Und?«
»Er befürchtete das Falsche zu tun.«
»Das Falsche? Pater, bitte. Den Ketzern mit Argwohn zu begegnen, ist eine Tugend. Stände ich sonst, im Dienste seiner Majestät? Ihr seid doch Katholik?«
»Ein Minorit, um es genau zu deuten.«
»Eben.« Plötzlich wieder hellwach, schüttelte ich den Kopf und wischte mir mit der Hand über das Gesicht, um auch die letzten Reste meiner Erschöpfung, fürs erste abzulegen. Mit Sichtung der Dinge, sammelte sich auch die Vernunft. Vordringlich begriff ich erst in diesem Augenblick, dass es ein Geist war, der mit mir sprach. Eine Unmöglichkeit wie sie nur einem Schlaftrunkenen unterlaufen konnte. Schon verleugnete ich dieses Gespräch, erklärte mich selbst für übermüdet und sank abermals rücklings auf mein Bett.
»Du schweigst?«
»Ich bin nur übermüdet. Meine Vernunft, spielt mir einen Streich. Tatsächlich rede ich mit mir selbst. Ich sollte jetzt schlafen oder wenigstens versuchen. Ein neuer Tag verspricht viel neues Blut. Neue Anstrengung, die meiner, unser aller Kraft bedürfen, um die Belagerung siegreich zu vollenden.«
»Es ist nicht dein Verstand oder deine Müdigkeit der du verfallen bist. Dieses passiert in der Tat.«
»Und warum sehe ich euch nicht?«
»Beim heiligen Stephanus gebraucht es denn immer zu den sichtlichen Beweisen?«
»Ich bin ein Mann des Praktischen. Ohne etwas gesehen, ohne etwas mit meinen eigenen Händen erfasst oder festgehalten zu haben, fehlt es mir schwer, der Glaubwürdigkeit, meine Zustimmung zu geben. Habt ihr verstanden?«
»So seht her, Ungläubiger!« Postum erstrahlte mein Lager in gelblich schimmerndem Licht. Die Nacht wich dem Tag und ich erkannte eine menschenähnliche Erscheinung, bereitwillig mir ihre Hand reichend.
»Wovor fürchtet ihr euch?« Das Wesen hatte zu meiner Überraschung bemerkt, dass ich im Zuge dieser unerwarteten Darbietung, leise zurückgewichen war, meinen Arm schützend vor das Gesicht haltend.
»Ich fürchte mich nicht vor euch. Zu viele Tode habe ich in meinem Leben bereits mitangesehen, Soldaten die im Trommelfeuer der Musketen, im schonungslosen Kampf Mann gegen Mann, regelrecht zerfleischt worden sind, dass es mir wahrlich nicht an Mut fehlen würde, einem Verstorbenen entgegenzutreten.«
»Was hindert dich?«
»Das Licht, es ist euer Licht!« schrie ich lauthals. »Es blendet und verurteilt mich – zur Untätigkeit.«
»Wie sehr muss ich mich über euch doch wundern, Monsieur Gramont. Ist denn die Gnade des Herrn so dermaßen schmerzhaft für euch? Vergesst nicht, es ist der Weg, der einzige Weg für einen Menschen, sofern er nach dem Guten trachtet.«
»Sagt schon wonach es euch gelüstet? Und woher kennt ihr überhaupt meinen Namen?« Meine Benommenheit hatte sich in Jähzorn verwandelt. Mir war es leid zu reden. Plumpe Fragen zu beantworten. Denn zu kostbar schien mir hierfür die Nacht.
»Monsieur Gramont. Seid euch dessen gewiss, dass ich es weiß. Erduldet es. Standhaft wie ihr sein wollt. Der Grund meines Besuches besteht in der Angst, es könnte ein Abschlachten geschehen, wenn Maastricht fällt.«
»Wenn, Monsieur, wenn« durchlief es mich, nachdenklich geworden.
»Skeptisch? Denkt ihr etwa zu scheitern?«
»Ich denke an gar nichts, Monsieur« gab ich ihm verärgert zu verstehen. Der Geist lächelte hörbar. Offenkundig hatte er mich durchschaut. Bewiesenermaßen kein allzu heikles Unterfangen. Jedermann, der ein klein wenig häuslichen Verstand übrig gehabt hätte, hätte sich dieses Wunders bemächtigen können. Eine Kleinigkeit meines Erachtens.
»O werter Gramont. Wie gern würde ich wieder Sterblich sein. Und sei es nur für einen Tag« seufzte der Geist leicht melancholisch.
»Wir könnten freudig einen Wechsel verrichten, wenn ihr dieses wünscht.«
»Ihr scherzt.«
»Keineswegs, Monsieur. Wenn ihr statt meiner morgen in den Kampf ziehen möchtet, bitte. Wer hält euch? Ich mit nichten.«
»Dann würden Maastrichter durch meine Hand sterben.«
»Das Handwerk des Krieges, in der Tat, mein Herr.«
»Kein Einwohner der Stadt ist als Opfer mehr auserkoren. Jeder der den Tod eines Gläubigen verschuldet, sei verflucht. Für alle Zeiten verflucht. Kinder und Kindeskinder der Mörder werden verachtungswürdige, armselige Nichtsnutze sein, die ihren Familien mehr Schande als denn Namhaftigkeit und Ehre bereiten. Sie werden in Vergessenheit geraten und nichts weiter zurück lassen, als ihren eigenen Staub. Bei Gott, das Böse wird gesät, kommt es zum Äußersten.« Seine sanftmütigen Allüren hatten sich ins teuflische verkehrt. Nicht minder sorgte er bei mir für Missbehagen. Ein Geist, der es beherrscht, sein Gemüt ohne Ankündigung blitzschnell zu ändern.
»Ihr seid kein Geistlicher, Monsieur?« schoss es aus meinem Mund.
»Mein Name ist Vinck« antwortete er wieder lieblich.
»Das hattet ihr erwähnt, ja. Doch kannte ich diesen Mann nicht zu seinen Lebzeiten, weshalb ihr mir auch eine Komödie vorzuspielen gedachtet. Nicht wahr? Bin ich denn so überaus fehl in meiner Annahme?« stocherte ich weiter.
»Niemand wird das Schicksal herausfordern.«
»Schicksal?« Seine Vermutungen sorgten für eine kurzweilige, possenhafte Anspannung, meiner ansonsten stets abfallenden Lippen.
»Ihr nennt euch doch katholisch?«
Mein geschätzter Dämon schwieg. Fortweg getraute ich mich nicht sein Anlitz zu erspähen, dass, je länger unsere Konversation dauerte, an Leuchtkraft gewann.
»Spott«, setzte er schließlich mit makelloser Strenge ein, »Spott ist es, denn ich abscheulich finde, sodass ich ihn regelrecht hasse. Wählt eure Fragen weise, Monsieur Gramont. Und bedenkt: Mors certa, hora incerta.«1
»Ist das eine Drohung?«
»Kämpft morgen und besiegelt euren Untergang. Ich hatte euch gewarnt.«
»Ihr langweilt mich, Monsieur.« Zwar wusste ich indessen, seine Reaktionen auf meine gekonnt inszenierte Ignoranz abzuschätzen, eine merkbar unwesentliche Geringfügigkeit, doch übersah ich am Rande ein nicht minder wichtiges Detail: Sein launenhaftes Verhalten. War er eingangs noch höflich gesittet, entsprach er augenblicklich mehr einem zänkerischen Bauernjungen. Ungehobelt und tölpelhaft. Wie konnte ich nur davon ausgehen, einen vom Teufel Besessenen tadellos zu kennen? Blieb mir denn selbst sein Gesicht, ein fremdartiges Rätsel. Wut bepackt grollte nun sein ganzer Zorn, mit anhaltend lautem Getöse auf mich herab. In meiner fälschlichen Einbildung hatte ich den Bogen redlich überspannt. Einschüchtert zuckte ich zusammen.
»Die Folter habe ich erlitten«, zischelte er mit verändertem Ton, »Ahnst du welche?« Wiederum nahm er die Sprache eines verarmten Geistes an.
»Den Daumen hat man mir gedrückt, bis der Nagel in zwei Hälften zerbarst und das blutrote Fleisch meines Leibes hervorquoll. Kein schöner Anblick, sag ich euch. Kein schöner Anblick. Doch wenn ihr meint, ich hätte das Beichtgeheimnis verraten, hinter dem sie so wissbegierig her waren. Diese gottlosen Ketzer. Möge Gott sie strafen, wie sie mich bestraft haben. Wenn ihr meint ich hätte Verrat geübt an meiner Kirche, an dem was mir wichtig und heilig erschien, dann täuscht ihr euch und bewegt euch im Abseits. Nichts habe ich gesagt, nichts. Selbst als sie mir die Fußsohlen ansengten und ein süsslicher Geruch, Weihrauch gleich, in ihre verkrümmten Nasen kroch. So frage ich euch, Monsieur kennt ihr den Geruch verkohlten Fleisches? Kennt ihr ihn?« Er lachte.
»Natürlich kennt ihr ihn, Monsieur Gramont. Natürlich welch eine Frage«, grinste er weiter, »Dann flößten sie mir das Wasser in den Bauch. Ich vermochte mich nicht zu wehren, denn zu sorgsam war ihre Vorbereitung.« Er schluckte.
»Gefesselt an Armen und Beinen lag ich da. Und ich darf ihnen beteuern, Monsieur, es schmeckte in seiner Beschaffenheit abscheulich. Keinem Getier könnte ich diese Marter aufbürden. Keinem. Bräunlich fein, glänzte seine Farbe im Lichte der Fackel. Bräunlich und fein. Die reinste Kloake gaben sie mir zu trinken, wie wahr.« Wieder überkam ihn jenes seltsam anmutende Lächeln, dass ihn zuvor schon, befremdlich zugleich aber verstörend wirken ließ (Mein Freund, bete dafür, dass du dessen niemals erleben musst).
»Schließlich zogen sie mich auf«, setzte er fort, »Wie ein Pendel kreiste ich unterhalb der Kerkerdecke. Sie fingen an mich zu schlagen, zu schlagen und immerfort zu schlagen.« Merklich ergriffen, stockte er abermals.
* * *
Sodann breitete sich eine unerträgliche Stille aus. Sein beharrliches Schweigen verriet deutlich die Schwermütigkeit, mit der er nachhaltig zu kämpfen hatte und die ihm jedes Mal von neuem die Kehle schnürte, sofern er sich auch nur im leisesten der Vergangenheit zuwandte. Erst sein jäh losbrechendes Winseln verstand es die zu Stein erstarrte Befangenheit schlagartig zu durchbrechen.
»Mein schwächlich kleiner Körper. Zerschunden und entstellt wurdest du mit brachialer Gewalt. Weh mir o Herr weh mir. Siehe, hier steht dein Jünger, ein Märtyrer der wie du einst zu Jerusalem, sein Urteil geduldig erträgt, dass man ihm aufgebürdet und der deinem Wunsche in glänzender Manier entspricht - Erhöre mich o Herr!«
Nur wenig konnte ich seinen hochgestochenen Thesen abgewinnen, wusste ich doch mehr als reichlich darüber zu philosophieren.
»Als sie fertig waren mit ihrem Werk«, bekundete er mitgenommen, »hing meine Haut an mancherlei Stelle nur noch in Fetzen herab. Der beißende Schmerz lähmte meinen Verstand, sodass ich die Besinnung verlor. Jemand riss mich an den Haaren, schüttete mir Gallensaft ins Gesicht, um mich zurückzuholen. Alles brannte und stach. Gerne hätte ich mich der Reste meiner klaffenden Hülle entledigt, kaum dass es mir dazu am nötigen Schneid gefehlt hätte. Nein, ich kann und will Jan nicht tadeln dafür. Hat er es nicht gut gemeint? O armer kleiner Schelm. Man hat gleichfalls deinen Kopf gefordert. Ja, er wurde dir abgeschlagen. Sein Lebenssaft umschloss wie meiner die Pike die ihn trug. Sahen deine Augen noch die Sonne untergehen? Aber ihr ward, wie jedem bekannt, nicht unbedingt dem Spärlichen zuzuschreiben. Zeigt mir einen Braumeister der weniger Besitz sein Eigen nennt. Nein, es trieb die Gier euch zum Verrat. Die Gier nach fürstlicher Belohnung. Rechtens, dass euer Zimmer dem Höllentor am Nächsten war. Denn Luzifer persönlich hat euch der Achtung bestohlen, sich an eurem bis dahin lobenswerten Ansehen zügellos gelabt und euch zum Judas verlottern lassen. Nicht besser als Monsieur de la Court, ein Abenteurer und Draufgänger, der sich kaufen ließ und sein Maul zu weit aufriss beim Kartenspiel. Er brüstete sich den Spaniern das Gold aus den Taschen zu ziehen, ohne sich konkret angestrengt zu haben. Wie schwebend heute sein Haupt wohl sein muss. Verbirgt sich doch nichts weiter mehr denn Luft in ihm. Gehässige Luft. Mit Überzeugung kann ich sagen, dass kein guter Katholik in ihm schlummerte. Mehr noch ähnelte er einem Freudenmädchen. Gutwillig sich dem Meistbietenden herschenkend. Ein Atheist demgemäß. Kein Bruder des Glaubens. Bann dem, der meine Minoriten im selben Zuge nennt. Wagt dieses ja nicht. Allerdings«, fügt er schmunzelnd hinzu, »hat ihm seine verleumderische Zunge diesmal durchaus geschadet, als geholfen. Man hätte sie ihm rechtzeitig herausschneiden sollen, diesem Dummkopf. Durch seine Simplizität brachte er das Geröll erst in Bewegung. Derer fünfzehn oder mehr, mich eingeschlossen, wurden seinetwegen verhaftet. Bereits Monate zuvor kursierten die wildesten Gerüchte und Spekulationen, welche aber erst mit seiner Aussage zu einem unwiderlegbaren Beweisstück verkamen, dass uns sprunghaft in den Ruin trieb. Mit uns, also Jan, Monsieur de la Court und meine Wenigkeit, traf es auch de la Courts Frau, die eigentlich unbeteiligte Agnes de la Court-Bourien, den Maurer Caters - sein Zunftgefährte Rompen hatte de la Court vom Höllentor erzählt - meinen Mitbruder Sylvius, seines Zeichens Kaplan, eingerechnet die Jesuiten Rektor Boddens, Pasman und Nottin. Aber entschuldigt, Monsieur Gramont, wenn ich es verschmähte, euch vom Höllentor aufzutischen. Dem kleinen zugemauerten Eingang in der Stadtbefestigung. Abgelenkt wegen eines Scheinangriffs zur anderen Seite der Stadt hin, hätten durch diese Öffnung die spanischen Soldaten in Maastricht einfallen können. Ungeniert, im Leisen. Noch ehe man es gemerkt, hätte längst wieder das Banner Philips über der Stadt geweht. Wäre der Katholizismus wieder zur einflussreichsten Macht avanciert. Hab Mut, Jan, es wird gelingen, ermutigte ich den Beichtenden, hab Mut. Zweifel taten sich seiner auf. Er fürchtete plötzlich um das Gelingen.« An dieser Stelle ächzte er besorgt, um wohlwissend der Welt seinen Unmut kund zu tun. »Wie recht er behalten sollte in seiner Not, der gute Mann. Wir haben viel riskiert, vielleicht zuviel, um letztlich alles zu verlieren. Wie etwa die Freiheit unserer Konfession. Ja, sie verblasste. Sie verblasste so ungemein zügig, ähnlich einem flüchtigen Traum, der uns zur Mittagsstund, in heißer Sonnenglut begegnet.«
Nach wie vor wagte ich es nicht, meinen Arm zu senken, wenngleich die Taubheit ihn bereits durchzog. Getreu dem Versprechen, jegliches Licht zu vermeiden, welches in stetem Wachstum, mein Gesicht einzuschließen drohte.
»Es brach der Tag unserer Hinrichtung an« überkam es ihn brüsk. Ein deutliches Indiz dafür, dass wir uns unweit des Höhepunkts befanden.
»Ein Wolkengrau säumte den getrübten Himmel, während der Wind in rasender Erbostheit über den Dächern der Stadt hinwegpfiff. Wahrhaftig war es die Fülle eines Sees, der sich sodann auf das neugierige Volk ergoss, als es herbeiströmend, dicht gedrängt, sich um den Richtplatz scharte. Der vermeidliche Abschied stand mir ins Haus. Innerlich befriedet legte ich meinen Kopf auf des Henkers Holzpflock. Ich hatte ihn von sämtlicher Schuld freigesprochen, ihm vergeben für das was seine Pflicht er nannte. Mit klarer Zuversicht musterte ich, aus gar unsittlichem Winkel heraus, ein letztes Mal die versammelte Menge. Erkannte in ihren Mienen und Gesten das stumme Zeugnis einer stummen Zurückhaltung, ihr verängstigtes Gemüt, dass sie mir forsch entgegenwarfen. Übt ich denn Verrat an ihren Werten? Viele derer die sich Protestanten riefen, waren früher päpstlich geprägt. Konvertierten also nur zum Schutze ihres Heils. Und ich weiß, in ihren Herzen tief sind sie es noch heute. Ja, Monsieur. Tief im Herzen sind sie alle brave Katholiken geblieben.« Nochmals schickte er sich an, zu schlucken, kurz durchzuatmen und neu zu sammeln, um seinem Ausdruck besagte Markantheit wiederzugeben.
»Andächtig betete ich ein stilles Vaterunser, schloss meine Augen und erwartete den Tod. Der Henker, der sein Handwerk zu verstehen wusste, zögerte nicht einen Moment, mir mein Haupt, in gezieltem Streiche, vom Rumpf zu trennen. Natürlich erwirkte von alledem, nur noch der entsetzliche Aufschrei meiner Maastrichter, die Fürsprache meiner Ohren. Deren Abneigung für dieserlei Grausamkeit bekannt sein dürfte. Auch hatte ich absichtlich auf eine Augenbinde verzichtet, die man mir bot. So etwas liegt nicht in meinem Ermessen, Monsieur. Denn was hätte es zurückgenommen?«
»Nichts?« entgegnete ich vorsichtig.
Seine Gedanken schwelgten. »Getragen von endloser Leichtigkeit, fröstelte mir, als mich der Weg, in pechschwarzer Nacht, wie ich sie unstrittig nie zuvor erblicken durfte, weder vor noch zurückführte. Ein bescheidenes, kleines Lämmlein, dem der Anschluss an seine Herde abhanden gekommen war und nun verirrt im Walde der Ungewissheit stand. Ja dieses pflegte ich zu sein in der Tat, Monsieur – bis …« Den Faden verloren, stammelte er. »… bis … bis mir, nach einer Weile die Quelle der Sonne, weit hinten in der Ferne, funkelnd entgegensprang und ich, ohne zu überlegen, ohne nachzudenken auf diese Quelle losmarschierte …«
»Und dieser Maurer?« fiel ich ihm unverschämt ins Wort.
»Caters?«
»Nein, dieser Rompen. Trägt nicht er an allem die Schuld?«
»Rompen«, räusperte er sich, »Rompen, befand sich einige Tage schon in sichtlichem Abstand zur Gefahr – weit außerhalb der Stadt.«
»Eine ungeheuerliche Geschichte.«
»Ja, das ist sie« erwiderte mein Dämon, schnellte herbei, packte mich am Hals und presste meinen Körper kaltblütig gegen das Lager.
»Ich durchschaue euch, Monsieur. Ihr verhöhnt mich insgeheim, ihr spöttelt mir.« Seine Laute veränderten sich. »Nichts hat sich geändert. Die Menschen sind immer noch Menschen. Jeder der in seiner Leichtgläubigkeit meint, ein Krieg würde etwas ändern, der irrt, der irrt gewaltig. Warum sollte es auch anders sein. Dem Reichtum huldig, schänden und brandschatzen sie, soweit wie es ihnen nur irgendwie möglich ist. Ihr schwummrigen Aasgeier. Auftun wird sich die Erde und alles verschlingen. Die Herrschaft des gefallenen Engels, wird ein neues Zeitalter hervorbringen. Ein Zeitalter der Düsternis. Keine Wiesen, keine Bäume, kein vierbeiniges Getier darin, Mutter Natur wird verdörren – kränkelnd am Hungertuch nagen und den abertausenden Kadavern nicht mehr als ein platzspendender Friedhof sein, ihre letzte Ruhestätte. Wobei das Tote noch zufrieden sein kann, wartet denn auf die Übriggebliebenen, die Menschheit selbst – der Frondienst. Schwerste Misshandlungen in einem Heer von Sklaven. Beugsam dem schönsten aller Engel dienend – Luzifer. Es ist das Ende allen Jubels, wenn der jüngste unserer Tage schmählich die Niederlage des Lichts verkündet.«
»Das ist nicht wahr!« schrie ich nach Luft ringend.
»Glaubt mir, ich kenne eure Pestilenz nur zu gut. Eure Seele ist es nicht wert dem Sterblichen anzugehören. Über Gliedmaßen, ungeschoren zu verfügen, wie es beliebt. Sie ist es nicht wert. Darum werde ich euch von dieser Aufgabe endgültig entbinden.«
Werter Freund, erschrecke nicht, alsbald du diese Zeilen gelesen. Denn kaum das draußen schon der Morgen graute, entzog sich der Dämon meiner Kenntnis, so flink wie er herbeigehetzt. Vielmehr höre was weiter dann geschah.