Augustherausforderung 2004 von anonymer Autor

Monatsherausforderung August 2004

Hallo,

ich erlaube mir mal die Herausforderung für den Monat August zu stellen.

Folgende Elemente sollten enthalten sein:

1. Ein eigener Charakter (möglichst nicht von euch selbst) von irgendjemanden aus diesem Archiv soll eine tragende Rolle spielen

2. Zwei Degen (Rapiere oder Säbel) sollen gleichzeitig in die Brüche gehen

3. Mylady soll einmal in ihren Leben nicht wissen was sie sagen soll

4. Ein Vorhang soll verschwinden

5. Und ein Hund (wörtlich oder literarisch) soll ums leben kommen.

Viel Spaß dabei!

Athelendar

PS: Wer nicht will, dass man seine eigenen Charaktere dafür verwendet, soll dies hier in den Reviews anmerken. Wer dies nicht tut, hat seine Charas freigegeben!!!

Auf das ihr nicht gerichtet werdet von anonymer Autor

Authors Note: I hope I got everything allright. Thanks Soul for the quik translation!

Auf das ihr nicht gerichtet werdet

Kundschaftergänge durch die Reihen der französischen Armee hindurch ins Umland waren eine gewagte Angelegenheit und hatten schon ein Dutzend gute Männer das Leben gekostet. Doch sie waren notwendig und sei es nur, um eine erneute Botschaft um Hilfe ins ferne England auf den Weg zubringen. Der Mann der in jener kalten und nebligen Nacht unterwegs war, hatte seinerseits auf eben diese Weise sein Leben für die zum Untergang geweihte Stadt La Rochelle gewagt. Er war bereits auf dem Rückweg und ob er es erneut durch die Reihen der Feinde schaffen würde, wusste er nicht. Doch die Ungewissheit seines Schicksals war ihm gleichgültig. Sein Adoptivsohn Michael war in der Stadt verhungert, obwohl der Vater alles getan hatte dieses Schicksal abzuwenden. Und nun war es ihm fast gleichgültig ob er es zurückschaffte und den Bürgern sagen musste, dass sie auf keinerlei Hilfe rechnen konnten, - den der englische Premier und stärkste Unterstützer der La Rocheller Bürger, George Villiers Buckingham war ermordet worden und es bestanden keine Hoffnungen, dass England La Rochelle weiterhin helfen würde – oder ob er gefasst werden und unter der Tortur sterben würde. Für Cesár Galahed, der sich meist Jindár nannte, war dies gleichgültig.

Der geneigte Leser möge unseren Freund der sich so leise als möglich durch die Nebelbänke entlang der Lys schlich, nicht falsch verstehen. Jindár war alles andere als ein Selbstmörder, er würde alles versuchen um seine Aufgabe zu erledigen. Aber ob es ihm gelang oder nicht, ob er verhungerte oder anderweitig qualvoll starb, war ihm egal. Er hatte keine Familie mehr und auch keine Freunde, die Männer die einst seine Freunde gewesen waren, mochten zur Stunde unter den Belagerern sein, die La Rochelle bedrängten. Wenn er fiel würde niemand um ihn trauern, ihn vermissen oder auch nur Schaden erleiden. Und dieser Gedanke hatte etwas beruhigendes, auch wenn es nur eine kalte Beruhigung war.

Vorsichtig schlich er durch die Nebelbänke, die das Ufer des Flusses in dieser Nacht umgaben. Wenn es nach ihm ging, konnte das Wetter so bleiben, das würde es leichter machen durch die Postenketten zu schlüpfen. Nicht dass sie so besonders aufmerksam waren, wer erwartete schon, dass jemand in eine belagerte Stadt hinein wollte?

Ein leises Knurren schreckte ihn auf. Irgendwo unten am Flussufer knurrte ein Hund. Es war ein ärgerliches und aggressives Knurren. Dann gesellte sich das Patschen von Pfoten dazu. Jindár brauchte nicht lange zu raten, der Hund war alles andere als freundlich und schien das Ufer bewachen zu wollen oder sollen. Lautlos zog der dunkelhaarige Mann seinen Dolch, es war kein besonders langer Dolch, sondern eine schmale kurze Misericordia, aber es ihm genügen. Er sah den Hund gleich einem Gespenst aus dem Nebel auftauchen, und mit geöffnetem Rachen zum Sprung ansetzen. Jindár erwartete ihn, die Füße leicht gespreizt gestellt, in den Knien federnd, die Klinge gehoben. Der schwarzfellige Wächter, sprang genau in die Klinge hinein, fast riss er den vom wochenlangen Hunger geschwächten Mann zu Boden, aber Jindár schaffte es im letzten Moment nur den Kadaver in den Schlamm fallen zu lassen.

Ein ärgerlicher Ruf und ein angstvoller Frauenschrei zerrissen den Nebel. Innerlich nickte Jindár, also hatte der Hund tatsächlich das Ufer bewacht. Normalerweise hätte er verschwinden sollen, so lautlos wie er gekommen war, aber der Frauenschrei lies ihn nicht los. So hastete er durch den Nebel in die Richtung aus der das Geräusch gekommen war.

Gleich einem plötzlich erscheinenden Geist schälte sich die Silhouette eines Hauses aus der Nebelbank heraus. Ebenso vom wabernden Nebel umgeben sah er mehrere Gestalten. Eine davon, ein breitschultriger Mann war dabei eine hellhaarige Frau brutal an Bord eines Bootes schleifen zu wollen, während die anderen die vor dem Haus standen kalt zuschauten.

Es bedurfte nur eines Atemzuges um für Jindár abzuschätzen, dass er bei der Frau sein konnte, ehe dieser brutale Kerl sie auf dem Boot hatte und auch bevor er Hilfe erhalten konnte. Er zog seinen Rapier und sprintete los. Die kurze Strecke überwand er leicht und erreichte das Flussufer. Die Frau versuchte verzweifelt sich gegen den Mann zu wehren. Er packte den Mann an der Schulter, riss ihn herum und stieß ihm die Klinge in den Leib. Die Frau kam mit einem überraschten Ausruf frei, gleichzeitig erklang ein empörter Schrei vom Hang her und die Männer die dort gewartet hatten eilten herbei. Ihnen voran war ein Mann, der etwas kleiner war als Jindár selbst. Er zog die Klinge zuerst. Jindár betete, dass sie ihn hintereinander angehen würden, dass würde ihm so etwas wie eine vage Chance verschaffen. In seinen besten Tagen hätte er es mit ihnen gleichzeitig aufgenommen, doch nicht jetzt nach Wochen und Wochen des Hungerns.

Tatsächlich hielten die anderen Männer sich zurück, sie waren vier und bildeten so etwas wie einen weiten Halbkreis. Jindár und die Frau standen mit dem Rücken zum Fluss, ein entkommen war undenkbar. In dem dichten Nebel und der Dunkelheit konnte Jindár seinen Gegner nur undeutlich sehen, aber ihre Klingen fanden einander. In anderen Tagen hätte Jindár seinen Kontrahenten vielleicht für leicht unterlegen gehalten, doch heute musste er alles geben um hier bestehen zu können. Ein Dutzend schwerer Schlagabtausche folgten rasch aufeinander, die Klingen sangen ihr altes, schreckliches Lied und Jindár spürte dass seine Kraft nicht ewig reichen würde. Er entschloss sich alles auf eine Karte zu setzen und wagte einen mörderischen Ausfall. Die Parade kam schneller und viel präzisier als sie hätte sein sollen. Er wurde zurückgeworfen, taumelte beinahe und fing den nächsten schweren Hieb mit seiner Klinge ab, ein Knacken ging durch seine Waffe und dann brach die Klinge gleichzeitig mit der seines Gegners, die ebenfalls nachgab. Unter der Wucht des Schlages taumelnd, ging Jindár in die Knie, und spürte schon Momente später wie sich mehrere Klingen an seine Kehle legten . die Frau hatte ebenfalls keine Hoffnung zu entkommen sie stand in seinem Rücken. Sein Atem flog, er konnte sich kaum auf den Knien halten vor Erschöpfung. „Was seid ihr nur für Feiglinge, Euch an einer Frau zu vergehen?“ stieß er mühsam hervor.

Ein Ruf des Erstaunens von seinem Gegner lies ihn aufsehen. „Jindár? Mon dieu! Wie kommst du hierher ?“

Er schaute auf und sah wie jemand, einen der bewaffneten Männer, die ihre Klingen an seiner Kehle hatten, beiseite drängte. „Verzeiht Lord Winter.“ Die Stimme klang für Jindár vertraut, aber er erkannte den Mann erst, als dieser sich neben ihn hockte. Er sah ein Gesicht, dass er kaum verkennen konnte, auch wenn es fast sieben Jahre her war, dass sie sich zuletzt gesehen hatten. „Athos?“ fragte er mühsam.

Dieser nickte. „Jindár, gnädiger Himmel um ein Haar hätte ich dich umgebracht. Was tust du hier?“

„Das sieht man doch, Athos, schaut ihn euch genau an. So abgemagert aber bewaffnet, er muss ein La Rocheller sein. Nehmen wir zwei Seile und hängen Mylady und ihn gleich nebeneinander.“ Sagte einer der Männer hart.

Der Blick der anderen vier richtete sich auf den Sprecher und diesen Moment wusste die Frau, die bisher kein Wort gesagt hatte, zu nutzen. Leichtfüßig sprang sie auf das Boot, und stieß es vom Ufer ab. Schon Momente später trieb es von der Strömung getragen davon, außerhalb der Reichweite der Männer am Ufer. Gleich einem Phantom verschwanden Frau und Boot in der nebligen Nacht.

Jindár fühlte so etwas eine vage Freude, als er sah, dass sie entkam. Im nächsten Moment, packte der Mann der vorgeschlagen hatte die Frau zu hängen ihn und riss ihn brutal auf die Füße. „Dafür werdet Ihr hängen, Hugenotte!“ ein entsetzlicher Hass schlug aus seiner Stimme hervor. Er versetzte Jindár einen Stoß der ihn in den Uferschlamm beförderte. Jindár versuchte auf die Füße zu kommen, gefasst auf einen weiteren Schlag, aber Athos fiel dem Mann in den Arm. „Nein, d’Artagnan, lasst ihn.“ Sagte er ernst und mit Autorität.

„Athos! Er hat dieser Frau die flucht ermöglicht! Er ist ein Feind, er gehört gehängt.“ Fauchte der Mann ärgerlich.

„Er hat ihr die Flucht ermöglicht, und er wusste nicht was hier geschah.“ Erwiderte Athos. „Und er mag ein La Rocheller sein, aber er ist dennoch mein Freund und wer ihn töten will muss mich vorher töten.“

Ohne weitere Worte lies er die vier sprachlosen anderen Männer stehen und hockte sich neben Jindár. Sacht half er ihm sich aufzusetzen. „Es tut mir leid.“ Sagte er dabei leise.

Jindár nickte langsam. „Mir geht es gut.“ Sagte er mühsam. „Aber was tust du hier Athos? Zusammen mit diesen Männern?“ Mit den Augen deutete er hinaus auf das Wasser und auf die Nebelbänke in denen das Boot verschwunden war.

„Für Gerechtigkeit sorgen.“ Schnappte der Mann den sie d’Artagnan nannten. „Und wenn Ihr Euch nicht eingemischt hättet....“

Athos hob gebieterisch die Hand und brachte ihn zum schweigen. „Diese Dame war meine.... Frau Jindár.“ Sagte er leise.

„Die du gehängt hast.“ Natürlich erinnerte Jindár sich.

Athos nickte. „Sie entkam damals und hat viele schreckliche Dinge begangen.“

Jindár hörte den Schmerz in der Stimme seines alten Freundes. Er hockte die Beine an und kämpfte sich auf die Füße. Als sie sich beide wieder Augen in Auge gegenüber standen stellte Jindár nur eine einzige Frage: „Und du hast geglaubt sie noch einmal zu töten würde leichter sein? Du würdest es besser verkraften als das erste Mal?“

Athos sah kurz zu Boden. „Nein.“ Sagte er leise. „Das ist mir in diesen Momenten klar geworden. Ich wäre geendet... wie damals. Ich kann sie nicht töten, egal wie sehr ich es versuche.“.

Ein ärgerliches Schnauben des älteren Mannes, den Athos vorher Lord Winter genannt hatte, in der Runde unterbrach Athos. „Und nun wird sie weiter morden und unrecht begehen. Das habt ihr erreicht, Fremder, alles Blut was sie vergießt ist auch an euren Händen.“

Jindár sah ihn an, die Leeren in ihm war größer als jemals zuvor. „Mein ist die Rache, ich werde vergelten.“ Zitierte er leise. „Und wäre es um Gerechtigkeit gegangen.. dann wärt Ihr mit Ihr zu einem Gericht gekommen anstelle sie hier bei Nacht und Nebel töten zu wollen.“

Athos beendete den Streit mit einer Geste. „Was geschehen ist, ist geschehen Jindár. Die Frage ist nur: schaffst du den Weg.... wohin auch immer du gehen willst?“

D’Artagnan mischte sich erneut ein. „Er ist wahrscheinlich ein La Rocheller Spion, Athos, wir müssen ihn als Gefangenen mitnehmen.“

„Ich werde ihn nicht ausliefern d’Artagnan.“ Erwiderte Athos.

Jindár trat an ihm vorbei auf den jüngeren Mann zu. „Macht Euch keine Sorgen, Ihr verliert nichts wenn Ihr mich gehen lasst.“ Sagte er ruhig. „Die Stadt ist dem Untergang geweiht.“

Seine Worte brachten den jungen Mann dazu den Weg freizugeben. Bevor er ging, wandte Jindár sich noch einmal zu Athos um. „Glaubst du immer noch nicht an das Schicksal?“ fragte er leise.

Ein schmerzliches Lächeln erhellte die Miene des Grafen de la Fere. „Doch.“ sagte er. „An ein Schicksal, dass immer einen Boten findet um einen vor dem schlimmsten zu bewahren. Gott sei mit dir, egal wohin du gehst.“

Jindár deutete ein Kopfneigen an, bevor er gleich einem Phantom in den Nebeln verschwand, drie sehr verwirrte Männer und einen alten Freund zurücklassend. Er musste la Rochelle erreichen.

***

Viele Meilen Flussabwärts trieb das Boot mit der immer noch über ihr Schicksal sprachlosen Frau gegen einen Baumstamm im Wasser und kenterte. Nur mit Mühe schaffte es die Frau an Land. Sie war völlig durchweicht aber am Rande einer schlafenden kleinen Siedlung gestrandet. Sie schlich sich näher an das Dorf. Aus einem geöffneten Fenster sah sie einen Vorhang, den der Wind heraustrug. Sie lächelte müde, sie würde dieses elende Stück Stoff stibizen müssen, wenn sie einen trockenen Fetzen am Leib haben wollte. Doch es sollte noch Wochen dauern, ehe sie das erste Mal wagen konnte die Ereignisse der letzten Nacht in Worte zu fassen.

Ihr sollt nicht richten auf das ihr nicht gerichtet werdet, steht geschrieben.

Enfant peru von anonymer Autor

Da man seine eigene Herausforderung denke ich auch lösen sollte, habe ich hier etwas verfasst. Ich entschuldige mich bei allen deren Figuren ich geklaut habe.

„....der Welfe war geschlagen, noch wehrte sich das Nest,
die unverzagten Städter, die hielten es noch fest.
Der Hunger kam, der Hunger! Das ist ein scharfer Dorn,
und suchten sie die Gnade so fanden sie den Zorn.“

(Adalbert von Chamisso: Die Weiber von Winsperg)

Saint Martin war entweder die wichtigste Bastion von ganz La Rochelle, oder hatte einen besonders harten Kommandanten. Jedenfalls dachte Athos das als er vor einem weiteren Geschosshagel hinter einer Bodenwelle Deckung suchte. Weiter drüben sah er Aramis mit einem Treffer stürzen. Ohne an die Gefahr für sich selbst zu denken, eilte er zu ihm, um in direkt in die Arme eines neuerlichen Ausfalles zu geraten. Innerhalb eines Augenblickes begriff Athos, dass er allein mit einem verwundeten Aramis, etwa dreißig Männern entgegenstand, seine Kameraden noch zu weit entfernt, um ihn rechtzeitig erreichen zu können. So sinnlos es war, er würde Aramis nicht dem Feind überlassen. Entschlossen zog er den Rapier.

„Lasst uns sie lehren, was ein wahrer Kämpfer ist.“ Überrascht bemerkte Athos, dass er nicht völlig allein stand. Einer der Männer, die dem Geschosshagel zuerst zum Opfer gefallen waren, hatte sich wieder auf die Füße gekämpft. Seite an Seite mit einem Soldaten den er nicht kannte, stellte sich Athos der Übermacht.

Es war ein entsetzlicher Kampf, wie lange sie so eingesteckt und ausgeteilt hatten, konnte Athos nicht sagen, nur dass schließlich ihre Kameraden sie erreichten und begannen die La Rocheller zurückzutreiben. Athos stand einem harten Gegner gegenüber, gerade als er einen besonders schweren Schlag parierte brach seine Klinge, im selben Augenblick, das hörte er mehr als dass er es sah, wurde auch die seines unbekannten Gefährten zerschmettert. Doch wo Athos Gegner sofort von dem herbeigeeilten d’Artagnan gebunden wurde, wollte der andere den Moment nutzen um Athos Gefährten zu töten. „Ehrloser Hund.“ Schoss es Athos durch den Kopf, als er mit aller Wucht seine Parierwaffe warf und den Mann damit wenn schon nicht tötete doch schlimm genug verletzte. Hastig griff er sich den Degen eines gefallenen, es war noch nicht vorbei!

Der Kommandant hatte inzwischen gesehen dass etwas schief zu laufen begann und schneller reagiert als ihnen lieb sein konnte. Ein weiterer Ausfall nahm die Angreifer in die Zange, es blieb ihnen nur der Rückzug. Porthos hatte den verwundeten Aramis geborgen, D’Artagnan focht an der Seite von ihm und hielt ihm die Feinde vom Hals. Athos und sein fremder Kamerad waren die letzten die wieder das Lager erreichten. Keuchend, die blutbeschmierten Waffen noch in der Hand blieben sie stehen. Dankbar in Sicherheit zu sein. „das kann doch nicht sein...“ D’Artagnan hatte sich nach beiden umgedreht und starrte sie an. „Wie ist das möglich..?“

Eher verwundert sah Athos seinen Kameraden an. Er war hochgewachsen, hatte langes schwarzes Haar, dass ihm in schweren Locken um die Schultern fiel, was ihn recht verwegen aussehen lies. Aber sein Gesicht, ein ebenmäßiges schönes Gesicht mit ausdrucksvollen dunklen Augen, war Athos vage vertraut. Es war seinem eigenen sehr ähnlich. Und im Blick seines Gegenübers erkannte er, dass dieser das selbe dachte. „Wie ist Euer Name?“ fragte Athos schließlich.

Derjenige sah ihn immer noch verwundert an. „Etienne de Josselin.“ stellte er sich schließlich vor. Sein bretonischer Akzent war nicht zu verkennen. „Und der eure?“ fragte er.

„Bei den Musketieren nennt man mich Athos.“ Erwiderte der angesprochene. „Aber wollen wir uns nicht in ruhe dazu unterhalten? Nachdem wir uns gewaschen haben?“

De Josselin musste spüren, dass Athos nicht vor den anderen sprechen mochte und nickte. „Das Lager meiner Truppen befindet sich auf der Südseite, sagt den Wachen dass Ihr zu Etienne de Josselin wollt und sie bringen Euch zu mir.“

***
Die Bretonen waren ein Adelsaufgebot, das sah Athos sofort. Wahrscheinlich waren sie alle im Gefolge der de Josselin hierher gekommen. Jedenfalls die die in diesem Bereich des Lagers waren. Ohne Umstände führten die Wachen ihn zu einem Zelt. Athos trat ein und war sich sofort darüber im klaren, dass de Josselin der Kommandant der Bretonen sein musste. So klein das Zelt war, er hatte es für sich allein, was ungewöhnlich war in diesem Lager. De Josselin bedeutete ihm sich zu setzen. „Ich muss zugeben... eure Erscheinung hat mich überrascht.“ Sagte er dabei.

Athos setzte sich langsam. „Das gleiche könnte ich auch sagen.“

„Ihr wolltet vorhin Euren wahren Namen nicht nennen.“ Erwiderte Josselin.

„Ich habe ihn in langen Jahren nicht genannt.“ Erwiderte Athos. „Mein Name ist Henri-Nicolas de la Fere.“

Etienne de Josselin setzte sich ihm gegenüber nachdem er ihnen beiden einen Becher wein eingeschenkt hatte. „de la Fere im Loiretal?“ fragte er dabei. „Im Berry?“

Athos nickte langsam. „Eben da.“ Erwiderte er.

De Josselin sagte eine Weile nichts, dann trank er einen Schluck Wein. „Verzeiht wenn ich Unhöflich bin.“ Sagte er sehr leise. „Aber ich habe Bilder des alten Comte gesehen.... ihr seid ihm nicht sehr ähnlich.“

Athos fuhr auf. „Wenn ihr damit etwas andeutet wollt...“ im selben Moment wurde ihm klar, dass er mit seiner Reaktion bereits etwas gestanden hatte.

Etienne de Josselin, drehte den Becher in der Hand. „Vergebt mir, Athos.“ Sagte er , immer noch leise. „Aber Euer Aussehen bringt mich zu einer sehr unhöflichen Frage. Seid ihr vielleicht...adoptiert worden?“

Von jedem anderen hätte Athos barsch die Frage zurückgewiesen. Doch in dem Gesicht, dass seinem so sehr glich, las er einen Schmerz der kaum geringer war als sein eigener. Er nickte langsam. „Etwas in der Art... ich habe es selbst lange nicht gewusst.....“

Athos erzählt.....

Es war ein warmer Spätsommerabend. Im Salon von de la Fere saßen Henri-Nicolas mit seiner Verlobten Anne, seinem Bruder Olivier und dem alten Grafen de la Fere zusammen. Warmes Abendlicht fiel durch die geöffneten Fenster herein. „Wenn du wirklich zu dieser Heirat entschlossen bist, Nicolas, dann denke ich ist es Zeit für eine Eröffnung.“ Sagte de la Fere senior in seiner sehr ruhigen, würdigen Art.

Anne überging diesen kleinen Seitenhieb mit einem charmanten Lächeln. Dass sie hier nicht immer sehr willkommen war, wusste sie, und überging die Unhöflichkeiten stets aufs liebenswürdigste. Olivier, der zurückgelehnt saß, schaute seinen Stiefvater überrascht an. „Eine Eröffnung?“ fragte er verwundert.

De la Fere senior nickte ernst. „Ja. Auch wenn ich mir immer noch wünschte ich könnte diese Dinge in andere Worte kleiden. Ich habe mir geschworen die Wahrheit auszusprechen bevor Nicolas heiratet.“ Sagte er langsam. „Du bist ebenso wenig mein natürlicher Sohn, wie Olivier es ist. Noch ist Olivers Mutter die deine.“

Die Eröffnung kam für sie alle einem Schock gleich. Nicolas sah ihn entsetzt an. „Aber wieso dann immer das vorgeben, ich sei dein Erbe? Wer sind meine Eltern?“ fragte er flüsternd. Die sprachlose Anne, hatte seine Hand gefasst, als wollte sie ihm mut zusprechen.

De la Fere senior sah hinaus, der Wind wisperte in den Espen des Parks. „Das werden wir nie erfahren.“ Sagte er leise. „Niemand in dieser Welt kann dir sagen wer deine Eltern sind, Nicolas. Es begann alles 1596...“

Loiretal, Sommer 1596

Der ganze Zug musste das Opfer eines neuerlichen Überfalles gewesen sein. Das sahen Catherine und Maria sofort, als sie die Leichen und Pferdekadaver auf der Straße bemerkten. Es war ein weiterer grausamer Sommer in dem sich die Religionskriege blutig in Frankreich austobten. Bisher war die kleine Grafschaft an der Loire weitgehend von den Heimsuchungen verschont worden, obwohl sie eine stark Hugenottisch durchsetzte Bevölkerung hatte.

Maria griff geschickt nach Catherines Zügeln und brachte beide Pferde zum stehen. In ihrer Eigenschaft als Gesellschafterin , Zofe und Beste Freundin der Grafentochter musste sie diese manchmal an gefährlichen Dummheiten hindern. „Wir sollten nicht näher reiten.“ Sagte sie ernst. „vielleicht sind die Mörder noch in der Nähe.“ Sie sprach sehr leise.

Catherine schaute mit entsetzten hinunter auf die Straße. War das dort unten das Angesicht der Hölle selbst? Schon wollte sie ihr Pferd antreiben um fortzureiten, als ein leises Greinen von unweit ihrer Pferde sie innehalten lies. Es klang wie ein Kind.

Die beiden jungen Damen sahen einander an, dann nickte sie beide und saßen ab. Das Geräusch kam aus einem Gebüsch unweit der Straße. Als Maria die Zweige auseinanderbog, sah Catherine eine tote Frau, in vornehmer Kleidung, die dort lag. Sie war von einem Armbrustbolzen getroffen worden. Ihre Gewandung war die einer reisenden Adligen, in den Armen jedoch hielt sie ein Kind. Ein Baby, nicht älter als zwei Monate, dass hungrig greinte. Vorsichtig nahm Catherine das Kind aus dem Armen der Toten. „Gott hat es geschützt und entkommen lassen.“ Flüsterte sie. „Er hat uns nicht umsonst hierher geführt.“

***

Vielleicht hätten Maria und Catherine eine einfache Frau gefunden um sich des Kindes anzunehmen oder gar einen Weg gehabt herauszufinden wer die unglückliche Tote gewesen war. Aber in der folgenden Nacht sollte ihr Leben eine so schwere Wendung nehmen, dass dies unmöglich wurde.

Der Überfall war mit dem Sonnenuntergang gekommen und inzwischen brannten das Schloss und die nahe liegenden Siedlungen. Der katholische Herzog hatte so viele Männer mitgebracht, dass sie allem was in der kleinen Grafschaft kämpfen konnte, dreifach überlegen waren. Catherines Brüder kämpften mit den Resten ihrer Männer wie die Löwen um den Frauen und Kindern die Flucht an die Ufer des Flusses zu ermöglichen.

Maria schaute sich um. Das Feuer loderte gleich einem Fanal gen Himmel und die Katholiken holten viel rascher auf, als irgendjemand hatte hoffen oder fürchten können. In ihrem Rücken lag das dunkle Ufer der Loire. „Wir müssen hinüber.“ Rief sie Catherine zu. Oder eigentlich meinte sie alle. All jene Frauen und Kinder die mit ihnen den Weg aus dem brennenden Dorf geschafft hatten. „Hinüber, über den Fluss.“ Es war ein gefährliches Unterfangen und sie wusste das. Aber besser ertrunken als diesen Mordbrennern in die Hände fallen!

Während Catherine vorausritt um den Flüchtenden die Richtung zu weisen, blieb Maria zurück um den letzten ermüdeten zu helfen. Es waren nicht mehr als vierzig oder fünfzig Menschen, Frauen, Kinder, Alte und Schwache, die versuchten die Loire zu durchfurten Catherine selbst war die letzte die es wagte, nachdem sie eine schwangere junge Frau auf ihr eigenes Pferd gesetzt hatte und dieses durch den Strom führte. Erschöpft, nass und immer noch vom entsetzen gepackt, erreichte sie das andere Ufer. Drüben waren die Katholiken inzwischen am Ufer angekommen. Aber sie setzten erst einmal nicht nach. Der Fluss war die Grenze der Grafschaft und wer wusste ob sie sich mit dem Grafen, dem das Gebiet auf dieser Flussseite gehörte und der Katholik war, anlegen wollten.

Hufgetrappel lies Maria aufschauen. Aus dem Wald heraus kam eine ganze Kavalkade bewaffneter Reiter auf die kleine Schar von Flüchtlingen zugejagt. Sie waren eingekreist, verloren. Ihre Verfolger brauchten den Fluss nicht zu überqueren, sie hatten ihre Männer schon hier. Entschlossen eilte sie zu den anderen und trat dem Reiter an der Spitze der Gruppe entgegen. „Habt Erbarmen, dies sind nur Frauen und Kinder. Wenn ihr Menschen seid.... wenn ihr Christen seid... dann schlachtet sie nicht auch noch ab.“ Sie wusste nicht an wen sie diese Worte wirklich gerichtet hatte, an den Reiter, an Gott, an niemanden. Der Reiter jedenfalls saß ab, es war ein junger Mann von vielleicht zwanzig Jahren. „Wir wollen euch nichts Böses Madame. Wir haben das Feuer gesehen und sind gekommen.“ Sein zorniger Blick traf das andere Ufer, wo lodernde Flammen die Nacht erhellten. „Mordbrenner.“ Sagte er leise und bitter.

***

de la Fere senior unterbrach seine Erzählung. „Damals lernte ich Catherine kennen und als wir nur wenige Monate später heirateten beschlossen wir das Kind zu behalten und als das unsere zu erziehen. Sie starb als du noch sehr klein warst, wie du dich erinnern wirst Nicolas.“

Nicolas nickte bejahend. „Ja und Madame Maria...“

„...sorgte für dich bis ich zum zweiten Mal heiratete und zwar Oliviers Mutter. Dann ging sie fort und heiratete einen tapferen Adligen unten in der Gascogne. Ich habe dich immer als meinen und Catherines Sohn angesehen Nicolas, aber nun da du selbst eine Familie gründest, solltest du wissen, dass wir vielleicht niemals erfahren werden, wer deine Eltern wirklich waren.“

„....wir werden niemals erfahren wer meine Eltern waren.“ Schloss Athos einen Bericht von dem er nicht so recht wusste, warum er ihn ausgesprochen hatte. Er sah auf und las im Gesicht von de Josselin eine solche Trauer, dass er sie erschreckte. „Was ist?“ die Frage war unwillkürlich gestellt. „Wenn ich Euch verletzt habe...“

Etienne de Josselin schüttelte den Kopf. „Das habt ihr nicht, Athos. Meine Mutter ist 1596 gestorben, sie war mit meinem eben geborenen jüngeren Bruder auf dem Wege zu Verwandten wo es sicherer war... Sie kam im Loiretal um, wir haben immer geglaubt, dass auch mein Bruder dort umgekommen ist.“ Sagte er leise. „Dabei wurde er gerettet.“

Fassungslos sah Athos ihn an. „Ihr glaubt das ich...“

Etienne nickte. „Dass ihr Jean Phillipe seid.“ Er unterbrach sich und schüttelte den Kopf. „Ich bin mit 15 selbst ins Loiretal geritten um mehr herauszufinden. Und da war eine Geschichte von einer jungen Frau, einer Adligen die bei einer Toten – deren Beschreibung sehr genau auf meine Mutter passte, einen kleinen Jungen gefunden hatte. Alle Einzelheiten, der Ort, die Zeit, das Aussehen der Frau, die Begleitmannschaft und das Alter des Jungen passten, aber ich fand nie heraus was aus derjenigen geworden war, denn niemand nannte mir den genauen Namen der Frau... und jetzt da ich eure Geschichte kenne, bin ich mir sicher, dass Ihr derjenige seid.“

Athos sage nicht, die Gedanken wirbelten in seinem Kopf herum. Er konnte sie nicht ordnen. Nach einer Weile sprach Etienne erneut, leiser diesmal und ernster. „Ich weiß, das alles kommt für Euch wahrscheinlich überraschend und ich kann verstehen wenn Ihr es ablehnt, aber ich würde Euch gern als den Bruder betrachten dürfen, den ich vor so langer Zeit verloren habe.“

Überrascht sah Athos auf.. „Ich...ich würde Euch nie ablehnen Etienne...nur habe ich nie damit gerechnet, jemals die Familie meiner Mutter zu finden.“ Sagte er sanft.

***
Sie hatten lange in jener Nacht geredet. Etienne hatte ein wenig von sich erzählt. Er hatte auch seinen Vater jung verloren und trug den Titel des Comte de Josselin schon seit vielen Jahren. Irgendwann war Athos ebenfalls aufgetaut und hatte erst zögerlich, dann immer flüssiger die traurige Geschichte seines Lebens erzählt. Etienne hatte zugehört, und verstanden wie vielleicht niemand es jemals verstanden hatte. Als der Morgen sie beide zum Dienst rief hatten die beiden Brüder sich mit einer herzlichen Umarmung verabschiedet.

***

Ufer der Lys, später

Die Hinrichtung war in vollem Gange als zwei Reiter aus verschiedenen Richtungen das Ufer des Flusses erreichten. Der eine war Olivier den eine Nachricht von Athos hierher führte, der andere war Etienne, den eine dunkle Ahnung an die nebligen Ufer des Flusses gebracht hatte. Er hatte beim Kloster bereits alles gehört was es zu wissen gab. Nun sah er wie diese Frau, diese Anne, ihrem Henker beinahe entkam, im Uferschlamm ausrutschte und von diesem wieder eingeholt hatte. Den anderen Reiter sah er erst, als dieser heranpreschte und mit einem Hieb den Henker niederstreckte. Er kannte den Mann nicht, und hatte keine Zeit zu fragen, denn die Frau nutzte diesen Moment zur Flucht. Sie begann eilig vom Flussufer wegzulaufen. Rasch löste Etienne die am Sattel hängende Armbrust und lies sein Pferd auf die Hinterhand steigen, die Höhe verbesserte seine Schussposition. Der Bolzen flog und mit ihm gingen Etiennes gedachte Worte. Ich tue das nicht weil du deinen englischen Ehemann umgebracht hast – mache das so oft es dir Spaß macht. Und auch nicht für diese kleine Hure Constance – bring Krämersfrauen um solange es dir Freude macht. Und auch nicht für Buckingham – das war eine gute Tat von dir. Sondern weil du Athos verletzt hast. Du hast ihn betrogen, verletzt und in die Verzweiflung getrieben. Dafür stirbst du. Fahr zur Hölle! der Bolzen traf, es war ein einziger Tödlicher Schuss.

„Nein!“ der Aufschrei des anderen Reiters zerriss die Nacht. „Warum? Warum habt Ihr das getan?“

Etienne trieb sein Pferd an und ritt auf den Mann zu. „Ich hatte einen Bruder zu rächen.“ Sagte er als heran war.
Olivier sah ihn fassungslos an. Sein Gesicht, dass einem anderen – dem von Oliviers Bruder so ähnlich war. „Und ich hatte einen Bruder zu retten.“ Sagte er leise.

Ein Schutzengel von eigener Art von anonymer Autor

Da bisher alle das düstere Ufer der Lys genüsslich ausgemalt haben, habe ich es einmal anders gelöst.

1. Getauschte Ringe

Never shall a young man,
thrown into despair
By those great honey coloured
Ramparts of your ear,
Love you for yourself alone
And not your yellow hair.’

‘But I can get a hair dye,
and set such colour there,
Brown or black or carrot,
That young man in despair,
May love me for myself alone
And not my yellow hair.’

‘I heard an old religious man,
bit yesternight declare,
That he found a text to prove,
Tha only God my dear,
Could love you for yourself alone,
And not your yellow hair.’

William Butler Yeats: For Anne Gregory

Gabrielle de Ravangh galoppierte auf dem Rücken ihres nachtschwarzen Arabers über die Straße. Ihr helles Haar flog im Wind, sie genoss den wilden Ritt. Wenn sie en amazone im Sattel saß war sie eine rasante Reiterin die ihresgleichen suchte und konnte mit ihrer athletischen Gestalt und ihrer Gewohnheit zum Reiten Männerkleider zu tragen, leicht für einen jungen waghalsigen Kavalier gehalten werden. Kaum jemand ahnte dass Gabriel de Ravanagh, dem man einige durchaus abenteuerliche und mutige Stückklein zuschrieb, gar nicht existierte. In seinem geschmeidigen Galopp setzte Nachtwind über einen gefallenen Baumstamm und preschte in den Hohlweg hinein, Gabrielle lächelte. Es war ein wundervoller Junitag und ein Ritt in dieses Waldstück hinein würde ihr gefallen. In einer einzigen Sache hatte Louise wirklich recht gehabt: das Berry war wunderschön.

Allerdings wurde dieser wunderbare Eindruck, den unsere junge wilde Reiterin vom Berry hatte, jäh zerstört als sie das Ende des Hohlweges erreicht. Denn dort saß sie an einer alten Eiche eine junge blonde Frau, die soeben an ihrem eigenen Tuch aufgehängt worden war, und einen dunkelhaarigen Kavalier, der das entsetzliche Werk anscheinend eben vollendet hatte und sich nun in den Sattel seines Pferdes schwang um in entgegengesetzter Richtung davon zupreschen. Gabrielle parierte Nachtwind unter dem Baum zum stehend durch, sie aufgehängte war noch nicht tot, auch wenn ihr Gesicht bereits deutlich alle Zeichen der langsamen Strangulation aufwies.

Ein knappes Kommando brachte Nachtwind dazu, regungslos still zu stehen. Gabrielle löste die Füße aus den Steigbügeln, hockte die Beine an und stand schon einen Moment später auf dem Rücken des Pferdes. Sie zog den Dolch aus dem Gehänge das sie – völlig wider Sitte und Moral – an ihrer Seite trug, und schnitt die Tücher an denen die fremde Frau gehängt worden war durch. Der Fall den die Frau hinnehmen musste, war hart, aber besser allemal als zu ersticken. Husten und keuchend lag sie gekrümmt auf dem Boden. Gabrielle sprang aus dem Stand von Nachtlieds Rücken ab und landete geschmeidig neben ihr. Vorsichtig fasste sie Frau und half ihr sich aufzusetzen. Die Kleider der unbekannten waren zerfetzt, sie versuchte mühsam sich zu bedecken. Selbst in ihrem Zustand hatte sie noch genügend Stolz dies zu versuchen. Gabrielle richtete sich auf, nahm die hinten an den Sattel geschnallte Decke ab und reichte sie ihr. „Da.“ Sagte sie freundlich und ohne auf ihre Stimme zu achten. „Habt keine Angst, wir sind unter Damen.“

Zitternd hüllte die unbekannte sich in die Decke ein und krümmte sich erneut zusammen, doch dieses Mal weil sie anfing zu weinen. Aus ihrer geschundenen Kehle entrang sich ein jämmerliches Schluchzen als ein Weinkrampf sie schüttelte. Gabrielle konnte nur hoffen, dass besagter Kavalier nicht wiederkam, aber wenn... nun dann würde sie wohl einen kleine Spaziergang mit ihm unternehmen müssen. Sie lies sich neben der Unglücklichen Frau nieder, sie war eine wunderschöne Frau in etwa in Gabrielles Alter, Gabrielle selbst mochte ein wenig älter. Sie legte den Arm tröstend um die Umbekannte, die sich gegen ihre Schulter lehnte und noch heftiger weinte. Dazwischen verstand Gabrielle Wortfetzen. „Es ist nicht gerecht..... ich habe das nie getan.... warum...“

Sanft strich sie der Fremden über die Haare. „Kshht, ist ja gut.“ Sagte sie leise. „Ihr seid in Sicherheit, er kann Euch nichts mehr tun.“

Es dauerte fast zwei Stunden ehe die Unbekannte sich ein wenig beruhigt hatte. Dann löste sie sich von Gabrielles Schulter. „Oh Gott, was müsst ihr nur von mir denken..“ murmelte sie.

„Das ein Mann Euch übel mitgespielt hat.“ Erwiderte Gabrielle. Die Warme Nachmittagssonne schien auf sie beide herunter und lies das goldfarbene Haar der Unbekannten strahlen und schimmern. „Was ist nur passiert?“ fragte sie leiser.

Die Unbekannte sah sie an, immer noch schimmerten Tränen in ihren Augen. „Es ist so ungerecht.“ Flüsterte sie. „ich habe nie ein Verbrechen begangen, ich wurde für etwas gebrandmarkt dass meine Mutter beging...und ich hatte nie den Mut es meinem Mann zu erzählen... er dachte ich sei aus guter Familie... und dann...“ Leise und stammelnd hörte Gabrielle eine traurige und entsetzliche Geschichte.

Gabrielle deutete nur mit den Augen den Hohlweg hinunter. „Dann nehme ich an, der reizende Kavalier war Eurer Mann.“ Sagte sie.

Eine schniefendes Nicken war die Antwort. „Wir waren zur Jagd unterwegs und...“

Gabrielle hörte mit wachsendem Erstaunen die Geschichte, aber noch ein anderes Detail fing ihre Aufmerksamkeit ein. Jagd, das hieß der Mann hatte die Jagdgerechtigkeit hier, sie waren wahrscheinlich auf seinem Grund und Boden, was hieß sie waren noch in Gefahr. Geschmeidig stand sie auf und Streckte Anne, wie die Unglückliche wohl hieß, die Hand entgegen. „Kommt, sitzt auf mein Pferd auf, wir verschwinden besser von hier.“

***

Nachtlied lief nicht mehr so schnell und wild unter der Doppelten Reiterbelastung, aber er brachte sie zügig zu dem Gasthaus wo Gabrielle Quartier hatte. Es lag bereits außerhalb des Gutsbezirks von La Fere, aber dennoch führte Gabrielle Anne durch den Hintereingang hinein und auf ihr Zimmer. Der Wirt musste die Gräfin ja nicht unbedingt erkennen. Oben suchte sie einige Sachen von sich heraus, die Anne erst einmal anziehen konnte und ging zum Wirt um für Essen und Wein zu sorgen.

Als sie wieder nach oben kam, fand sie Anne umgezogen aber weinend auf dem Bett vor. Sie setzte sich neben sie, und strich sacht – wie bei einer jüngeren Schwester – über ihr Haar. „Das war ein scheußlicher Tag, ich weiß.“ Sagte sie leise. „Aber so schmerzlich es ist: du bist deinem Mann entwischt, und er glaubt dich tot.“

Anne richtete sich auf, Tränen strömten über ihr Gesicht. „Ich bin schwanger von ihm... ich wollte ihn überraschen und es ihm erst später sagen... und jetzt... was soll ich machen? Ohne eine Ehemann ist es ein Hurenkind.... Oh Gott ich weiß wie das ist wenn sie dich so nennen.“

Gabrielle nahm sie in die Arme, hielt sie sanft fest. „Wir beide haben da wohl unsere Probleme.“ Sagte sie leise. „Du hast keinen Mann mehr und ich werde bald einen haben den....“

Anne löste sich von ihr. „... den du nicht heiraten willst?“ fragte sie mitfühlenden. Das Ihr und Euch war in diesem Moment zwischen ihnen verschwunden. Sie waren einfach zwei junge Frauen die mit ihren Sorgen in einem kleinen Zimmer eines Wirtshauses unweit der Loire saßen.

Gabrielle nickte. „Ich habe ihn noch nie gesehen. Er ist Engländer und meine Eltern haben mich mit ihm verlobt, kurz bevor sie starben, da war ich acht. Er wird in sechs... nein nur noch fünf Tagen hier, das heißt auf Ravanagh eintreffen um mich zu heiraten und mit nach England zu nehmen.“ Sagte sie traurig. Diese Tage hier waren ihre letzte Flucht, morgen musste sie zurück nach Ravanagh reiten und sich diesem neuen Leben stellen.

„Du hast es besser.“ Sagte Anne leise. „Denn du wirst wenigstens ein zu Hause haben im Gegensatz zu mir.“

Gabrielle schüttelte den Kopf. „Und ich gäbe alles damit er mich tot glaubte so wie es dein Mann wohl tut.“

Sprachlos sahen sich die beiden Frauen an, beide wussten nicht was sie sagen sollten, doch sie wussten dass sie das selbe dachten. Als Anne sprach, war ihre Stimme fester, wenn auch noch sehr leise. „Und du sagst dein Mann hat dich noch nie gesehen? Und deine Familie ist tot?“

Gabrielle nickte. „Lord Winter hat mich nie gesehen und auch nie ein Portraitbildnis von mir gesehen, die Ehe ist eine Ehe des Geldes. Und meine Familie... mein Großonkel ist mein Vormund, aber er hat stets aus der Ferne für mich gesorgt....“ Sie sah Anne an. „Willst du sagen du wärst bereit an meiner Stelle....“

Anne sah sie ernst an. „Nicht ich wäre bereit... du wärst diejenige die alles aufgäbe. Die mir einen sicheren Platz ließe, die verzichten würde.....ich kann dir nichts im Gegenzug anbieten.“

Gabrielle umarmte Anne. „Doch: meine Freiheit. Wenn du das wirklich willst...“ sie sah Anne fragend an. Sie wollte der jungen Frau nichts aufdrängen.

Doch Anne lächelte. „Mein Name ist nicht gut... ich kann dir keinen anderen geben, wenn du mir deinen lässt...“

Gabrielle lachte leise. „Gabriel de Ravanagh braucht keinen anderen.“ Sie streifte einen Ring von ihrer linken Hand. Es war ein wertvoller Goldring mit Diamanten besetzt und schob ihn an Annes linke Hand. „Das ist der Verlobungsring den Lord Winter mir geschenkt hat, ab jetzt gehört er dir, und der Lord gleich dazu.“ Sagte sie.

Anne streifte langsam einen wesentlich schlichteren, aber dennoch sehr schönen Ring von ihrer Rechten und wog ihn nachdenklich in der Hand. „Bigamie...“ flüsterte sie.

„Nein.“ Erwiderte Gabrielle. „Wir tauschen die Ringe. Du hast anerkannt dass du ab jetzt für meinen Verlobten verantwortlich bist und ich akzeptiere eine Art von Verantwortung für diesen reizenden Kavalier, diesen Grafen von La Fere..“ Mit den Augen deutete sie dabei auf das Waffengehänge das an der Wand lehnte.

„Nein.“ Flüsterte Anne. „Du wirst ihn nicht töten. Versprich es mir. Du wirst – wenn du das kannst und willst – ihn schützen, auf ihn aufpassen, aus welcher Rolle heraus auch, aber du wirst ihm nichts tun.“ Sagte sie ernst.

Gabrielle verstand und nickte. „du hast mein Wort. Sollte es an mir, oder meinem Können liegen, dann wird ihm nichts passieren. Ich schwöre es dir.“

Die beiden Frauen gaben einander die Hand und Annes Ring wechselte zu Gabrielle, die ihn auf die Kette, die sie trug, fädelte und unter ihren Sachen verschwinden lies. Dort sollte er viele Jahre hängen. Am nächsten Morgen verliesen beide Frauen in aller Frühe das Wirtshaus in Richtung de Ravangh.

Eine Woche später heiratete Gabrielle Maria de Ravangh den älteren Lord Winter, Baron von Sheffield. Da ihr Vater nicht mehr lebte, wurde sie von ihrem älteren Halbbruder Gabriel de Ravangh zum Altar geführt. Die Existenz dieses jungen Mannes hatte den Lord überrascht, doch als man ihm versichert hatte, dass Gabriel nicht ehelich sei und auf Ravangh keine Erbansprüche hatte, sondern lediglich ein kleines Erbteil, dass einst seiner Mutter ausgesetzt worden war, ein kleines Gut in der äußersten Bretagne, besaß, war der Lord es zufrieden. Im übrigen war er von der wunderschönen, intelligenten jungen Frau die er zusammen mit so viel Vermögen heiratete, überaus angetan, so dass es eine glückliche Hochzeit wurde.

Als der Lord und seine junge Braut nach England aufbrachen, sehr zur Freude des Lords bestand seine Frau nicht auf einem französischen Gefolge, sondern war gern bereit sich mit einem englischen Gefolge – dessen Sprache sie recht gut verstand – anzufreunden, brach auch Gabriel de Ravangh auf um den Grafen de la Fere zu suchen.

Unverhofft kommt oft....

Nor dead nor hope attend
a dying animal;
a man awaits his end,
Dreading and hoping all,
Many times he died,
Many times rose again,
A great man in his pride,
Confronting murderous men,
Casts derision upon
Superession of breath,
He knows death to the bone,
Man has created death.

William Butler Yeats: Death

Es kostete Gabriel de Ravangh – den so wollen wir unsere Freundin ab jetzt nennen – nicht allzu viel Mühe zu erfahren, dass der Graf de la Fere tot war. Er war – zusammen mit seiner Frau – vor wenigen Tagen zu Grabe getragen worden, als Gabriel das Berry wieder erreichte. Und allein der Umstand, dass es ein Begräbnis zusammen mit der Frau war, machte sie misstrauisch. Es war recht schwierig etwas anderes herauszubekommen. Erst ein junger Diener namens Blasois erzählte – nach der dritten Flasche Wein – der Graf sei fort, zusammen mit seinem Leibdiener Grimaud, auf dem Weg nach Paris. Für Gabriel war dies eine interessante Erkenntnis, er hatte vor zu wissen was der Graf nun tat und ob für Anne – jetzt Gabrielle, eine Bedrohung bestand. Auch war da noch das Versprechen Anne gegenüber, das Gabriel durchaus zu halten gedachte. Also ritt sie ebenfalls nach Paris.

In jenem Jahr – man schrieb 1622 – geschahen viele Bedeutsame Dinge, aber dass diese Reise zweier Gardisten, der Garde des frisch zum Kardinal ernannten Staatssekretärs für Äußeres und Kriegswesen, mit dem Schicksal zweier Menschen deren Weg mit dem der ebenso neu gegründeten Musketiergarde verbunden sein würde, entscheidend beeinflussen sollte, konnte selbst der größte Intrigant nicht voraussehen.

Es war der Kampflärm der Gabriel zum weiterreiten veranlasst hatte. An sich hatte er in der kleinen Herberge absteigen wollen, aber das Waffenklirren, das irgendwo aus dem dämmrigen Juniabend vom Rande der Ortschaft kam, konnte er schwer auf sich beruhen lassen, und so ging es auch einem anderen Reisenden, der bereits in diese Richtung ritt. Gabriel gab Nachtwind die Sporen und preschte ebenfalls in die Richtung.

Der Anblick der sich ihm – und dem anderen Reiter ebenfalls – außerhalb des Ortes bot, war entsetzlich. Von vier Musketieren, die anscheinend den Kampf auf der einen Seite bestritten hatten, lagen drei in ihrem eigenen Blut am Boden, der vierte – ein Hüne, der bereits aus mehreren Wunden blutete – focht verzweifelt gegen seine zwei Gegner. Ein hellhaariger und ein dunkelhaariger Mann, die anscheinend allein die Gegenseite stellten, und für den Fall der drei anderen Musketiere verantwortlich waren. Sie hatten den Hünen in die Zange genommen, der einen verzweifelten Ausfall gegen die dunkelhaarigen wagte, doch seine Klinge schrammte nur über den Kürass des Mannes, und der hellhaarige nutzten den Moment um einen weiteren Treffer zu landen. „Ehrloses Gesindel.“ Knirschte der andere Reiter, den Gabriel in dem Moment als jenen charmanten Kavalier den er beim Hängen einer Dame gesehen hatte, erkannte. Er sah wie der Graf von La Fere absaß und seinen Degen zu und dem Hünen zu Hilfe eilte.

Eingedenk seines Versprechens zögerte Gabriel nicht lang, sprang ab, zog den Rapier und griff den hellhaarigen Mann an. Sie waren keinen Moment zu früh gekommen, denn der Hüne war neben dem Baum zusammengesackt. Gabriel griff den hellhaarigen Mann recht heftig an und war im nu in ein wildes Gefecht verwickelt. Ein Dutzend schwere Hiebe flogen hin und her, sein Gegner war sehr gut, das bemerkte Gabriel sofort, dennoch gab er nicht auf, sondern kämpfte mit höchster Konzentration und setzte dabei auf seine Hauptstärke: die Schnelligkeit. Es war ein mörderischer Kampf, mehrmals sah es für die eine oder andere Seite schlecht aus, bevor es Gabriel gelang durch die Deckung seines Gegners zu brechen und ihn mit einem direkten Brusttreffer zu Boden zu senden. Von der Seite her sah er, dass der Graf de la Fere wiederum seinen Gegner, der ein harter Brocken zu sein schien, eben mit einem nahezu brillanten Schlag schwer verwundete.

Fast zeitgleich erreichten die Kampfgefährten – und das waren sie im Moment – den verwundeten Hünen. Als Gabriel jedoch nach dessen Wunden sehen wollte, wehrte dieser ab. „Lasst mich, ich bin nicht wichtig. Der Brief... er muss durchkommen nach Paris. Nehmt den Brief und bringt ihn... zu Monsieur de Treville Capitaine der Musketiere.... er wird wissen zu wem er muss...“

Der Graf de la Fere schüttelte den Kopf. „Wenn wir ihn hier lassen stirbt er.“ Sagte er ernst und besorgt, während er sich bemühte die Blutung aus der Brustwunde des Hünen zu stillen.

Seine Besorgnis berührte Gabriel eigenartig, aber auch Anne hatte immer wieder darauf bestanden Olivier sei ein guter Mensch, stolz, aber ein guter Mensch. „Eine Kutsche.“ Schlug er vor. „In diesem Nest muss eine aufzutreiben sein. Wir legen ihn dort hinein und bringen ihn so nach Paris.“ Geschmeidig kam Gabriel auf die Füße. „Seht nach seinen Wunden, ich kümmere mich um den Rest.“ Damit war er auch schon auf seinem Pferd und preschte zurück in den Ort und zu dem Wirtshaus.

Es war nicht einfach gewesen eine Kutsche aufzutreiben, es hatte Drohungen, Schimpfens und einer kleinen Bestechung bedurft, dich dann hatte Gabriel was er gesucht hatte und kam mit dem Gefährt zurück zum Kampfplatz. Der Graf de la Fere hatte den Hünen inzwischen halbwegs versorgt. Gemeinsam verluden sie ihn in die Kutsche. „Die anderen drei Musketiere sind tot.“ Sagte der Graf leise.

Gabriel nickte. „Ich fahre, wenn ihr mein Pferd als Handpferd mitführt, sollten wir hier weg sein, bevor die beiden Räuber – wer immer sie waren – Verstärkung bekommen.“

Der Graf nickte ihm zu und nahm Nachtwind am Zügel, während Gabriel sich auf den Kutschbock schwang. Sie hatten sich weder gegenseitig vorgestellt, noch andere überflüssige Worte gewechselt, aber sie brauchten keine Worte um zu verstehen, was hier notwendig war und dass der andere das selbe dachte. Gabriel gab den Pferden die Zügel, sie trabten gehorsam an und so begann die Fahrt in die Nacht hinein, dass die beiden verwundeten Männer die sie zurück ließen, Gardisten des frisch ernannten Kardinals de Richelieu waren, wussten sie nicht, auch nicht dass der dunkelhaarige – Biscarrat mit Namen – es trotz seiner Verletzungen schaffte auf die Füße zu kommen und sich um seinen Kameraden Bernajoux zu kümmern , bevor er nach kurzer Versorgung der eigenen Wunden sich zu seinem Rappen schleppte und – so schwer er sich im Sattel halten konnte – in die Nacht hinein verschwand – ahnten sie nicht.

***

Die Kutsche rasselte durch die Nacht, ein fahler Mond schien auf die Straße herunter und lies das Sommerliche Waldstücke geheimnisvoll und angefüllt von Schatten erscheinen. Der Wind wisperte durch die Blätter der Bäume und schuf ein Konzert von kleinen Geräuschen unter dem etwas anderes zu hören, schwer war. Dennoch hatte Gabriel das Gefühl dass sie beobachtet wurden. Mit der linken Hand die Zügel weiterführend, griff er nach der geladenen Reiterpistole. Er sah zu seinem Begleiter hinüber, aber ob dieser ebenfalls misstrauisch war, das wusste er nicht.

Da passierte es schon! Am Eingang des Hohlweges sprangen ein halbes Dutzend Männer auf sie los. Der, der versuchte auf den Kutschbock zu gelangen, fasste die Ladung aus Gabriels Pistole ab und stürzte. Die Pferde waren durch den blockierten Hohlweg zum stehen gezwungen, Gabriel zog den Rapier und sprang vom Kutschbock unter die Kämpfenden. Der Graf war ebenfalls abgesessen und schlug sie allein mit ihnen herum. Den ersten von den Räubern stach Gabriel von hinten nieder – keine Ehre für gemeines Gesindel – dann wandten sich zwei von ihnen ihm zu. Nur seine Schnelligkeit half Gabriel die ersten Minuten dieses Gefechtes zu überleben. Dann hatte er ein Gefühl für seine Gegner entwickelt. Er täuschte einen Angriff auf einen der beiden vor, gab diesem jedoch mit einer fast schon wahnwitzigen Drehung im letzten Moment eine andere Richtung und traf den anderen in den Oberkörper, einen Kling schrammte über seinen Arm, nur ein Kratzer. Einen Gegner war er los, der zweite war ein starker Fechter. Gerade noch schaffte Gabriel es eine Primparade hinzulegen, alles andere als Ideal für einen langen Quartstoß aber es musste reichen, freibrechen, wechsel zur Quart, langer Stoß, Parade, noch einmal Parade und Riposte daraus hervor. Ihre Klingen krachten erneuten aufeinander, dann waren sie fast bis an die Stichblätter gebunden. Gabriel wusste, dass er nicht Armkraft hatte um freizubrechen, darum gab er nach, wich zurück, tauchte geschmeidig unter dem Stich seines Gegners hindurch und führte einen Ausfall gegen dessen Brust, der Treffer saß und schwer ging sein Gegner zu Boden. Er wandte sich um und sah dass der Graf seine Gegner ebenfalls besiegt hatte. Dieser nickte ihm zu. „Weiter. Wir sollten keine Zeit verlieren.“

Sie fuhren und fuhren. Der verwundete Musketier begann zu fiebern und sein Zustand verschlechterte sich, aber sie fuhren weiter, gaben den Pferden keine Pause. Als die Sonne wieder aufzugehen begann sahen sie vor sich im Morgenlicht Paris liegen. „jetzt müssen wir den Capitaine der Musketiere finden.“ Stellte Gabriel fest.

Der Graf nickte gelassen. „ich war auf dem Weg zu ihm, das wird nicht allzu schwer sein.“

Wieder studierte Gabriel den Mann auf dem Pferd. Er machte einen düsteren und brütenden Eindruck in unbeobachteten Momenten. Bedauerte er was er getan hatte? Warum wollte er zum Capitaine der Musketiere? Hatte er etwa vor Soldat zu werden um so zu vergessen? Gabriel schob die Gedanken beiseite und erwiderte: „Dann führt uns hin.“

***
Die Ankunft der beiden mitsamt einem schwer verwundeten Musketier erregte nicht wenig aufsehen im Hotel de Tréville. Der Hauptmann persönlich wünschte sie rasch zu sehen und hörte sich die ganze Geschichte an. Gabriel überlies das Sprechen weitgehend dem Grafen und beschränkte sich auf Antworten, wenn Monsieur le Capitaine eine Frage an ihn richteten. Der Hauptmann erkannte an der Beschreibung der beiden Kämpfer mit denen es Gabriel und der Graf zu tun gehabt hatten, zwei berüchtigte Mitglieder von Richelieus Garde. „Der eine groß, blond und ein recht agiler Kämpfer? Der andere dunkelhaarig, auch ziemlich groß, trägt meist Kürass und ein wilder Kämpfer, hart wie Stahl? Ja das sind sie. Wenn sie tot sind wird seine Eminenz auf lange Zeit vergrätzt sein.“ Sagte er nicht unzufrieden als er die Briefe entgegen nahm. Der Wundarzt kam und vermeldete dass Porthos – so hieß der verwundete Musketier – zwar in schlechter Verfassung sei aber überleben würde. Was alle drei erleichterte. Dann richtete der Hauptmann seinen Blick wieder auf seine Gäste, auf den Grafen. „Mir wurde gesagt, ihr wolltet ohnehin zu mir, weswegen?“

Gabriel schwieg und lies den Grafen reden. Er nahm es ihm nicht übel, dass er ihren kleinen Erfolg mit seiner Bitte um Aufnahme bei den Musketieren verband. Allerdings – in seiner anscheinend etwas erschütterten Verfassung die Gabriel ja schon bemerkt hatte – kam es so herüber, als spräche er für sie beide. Der Hauptmann musterte sie beide nachdenklich. „Normalerweise – selbst bei den Lücken die es in der Kompanie gibt – nehme ich keine unerprobten Männer auf.“ Sagte er ernst. „Doch bei dem was ihr beide bereits geleistet habt – ist das etwas anderes.“

Für einen einzigen Moment war Gabriel versucht den Rückzug anzutreten. Er hatte nicht unbedingt geplant Musketier zu werden, aber er sah keinen guten Weg aus der Sache heraus und so wurden Athos – den so nannte der Graf sich nun – und Gabriel de Ravanagh Musketiere. Naturgemäß hatten sie sich rasch mit Porthos angefreundet und mit einem jungen Mann der aus einem Priesterseminar geworfen worden war, und den sie daraufhin zum Kriegsdienst lotsten waren sie ebenfalls bald befreundet. Es war nicht immer einfach für Gabriel sein recht spezielles Geheimnis vor den anderen zu verbergen, doch mit der Zeit entwickelte er Geschick darin und da seine Freunde ebenfalls Geheimnisse hatten, war es leichter für ihn die seinen zu wahren.

3. Wiedersehen ohne Willkommen

Die Einsamkeit ist wie ein Regen
sie steigt vom Meer den Abenden entgegen,
von Gegenden die Fern sind und entlegen,
geht sie zum Himmel, der sie immer hat,
und erst vom Himmel fällt sie auf die Stadt.

Regnet hernieder in den Zwitterstunden,
wenn sich nach Morgen wenden alle Gassen,
und wenn die Leiber – welche nichts gefunden,
enttäuscht und traurig voneinander lassen.
Und wenn die Menschen, die einander hassen
In einem Bett zusammen schlafen müssen,
dann geht die Einsamkeit mit den Flüssen.

Rainer Maria Rilke : Einsamkeit

Das Jahr 1625 hatte viele Veränderungen gebracht. Gabriel – der sich nach drei Jahren gut an das Leben eines Soldaten gewöhnt hatte – wurde im Sommer zum Fähnrich befördert. Etwas das ihn selbst sehr erstaunte, seinen Freund Athos – der Gabriels Ruhe, sein Talent zum Organisieren und nie etwas aus dem Auge zu verlieren schon länger kannte – jedoch überhaupt nicht überraschte. Allerdings wirkte sich dies auf ihre Freundschaft aus. Nicht dass Gabriel arrogant geworden wäre, aber ihre Aufgaben waren jetzt andere und auch der Umstand dass Gabriel ihnen jetzt Befehle erteilen musste, trug einiges zur Entfernung in ihrer Freundschaft bei. Die drei Unzertrennlichen freundeten sich im Herbst des selben Jahres mit einem jungen Kadetten aus der Gascogne an und die Streiche die sie in der folgenden Zeit verübten machten Gabriel de Ravangh und Leutnant Silvanus nicht nur sehr viel Arbeit, sondern trugen ihnen auch zwei unangenehme Besuche bei Capitaine de Cavoyes, dem allgemein unbeliebten Capitaine der Garde seiner Eminenz ein.

Inzwischen war noch mehr Zeit vergangen, Fähnrich de Ravanagh war mit seinen neuen Aufgaben wohlvertraut und Leutnant Silvanus verlastete nicht wenig an Organisations und Versorgungsfragen wie sie im Vorfeld des Feldzuges von La Rochelle anfielen auf seine Schultern. So überraschte es Gabriel an jenem warmen Sommerabend an dem er über Pulvermengen und deren Verteilung auf Trosswagen gebrütet hatte, dass Leutnant Silvanus – mit dem er so etwas wie befreundet war – hereingeeilt kam, mit den Worten: „Leg das Pulver und das Blei beiseite Gabriel, unsere Unruhestifter haben eine neue Qualität erreicht.“

Gabriel legte die Feder weg, stand auf und griff sich das Waffengehänge. „Was haben sie diesmal angestellt? De Cavoyes persönlich abgestochen? Man kann es ihnen – beinahe! – nicht verdenken.“ Sagte er scherzend.

Silvanus lachte humorlos auf. „Nein. Sie haben sie mit einer Gruppe Engländer geschlagen, mit Toten als Folge – auf der Seite der Engländer um einen gewissen Lord Winter...“

Gabriel fuhr herum. „Lord Winter? Der Baron von Sheffield?“ fragte er.

Silvanus hob die Augenbrauen. „Du kennst ihn?“ fragte er überrascht. Es kam selten vor, dass Gabriel jemanden kannte oder gar so heftig darauf reagierte.

Gabriel nickte. „Meine Halbschwester ist mit ihm verheiratet.“ Erwiderte er so gelassen als möglich.

„Eine Dame war dabei, seine verwitwete Schwägerin.“ Silvanus Stimme verriet, dass er bereits eine Idee hatte. „Und wenn du de facto mit der Familie verwandt bist, dann wirst du hinüberreiten und in Erfahrung bringen wie das mit diesem Duell gewesen ist. Danach bericht an mich und eine gehörige Stauchung an die Herren Musketiere – letzteres ist meine Aufgabe.“

***

Während Gabriel zur Place Royale ritt, grübelte er. Was machte Anne hier in Paris? Wieso war sie verwitwet? War ihr Mann nach nur so wenigen Jahren gestorben? Viel zu schnell erreichte er die Place Royale Nr. 15 und sprach dort höflich bei einem Diener vor. Dieser verhielt sich sehr kühl und lies ihn nach einer Weile wissen, Mylord würden nicht wünschen irgendwelche Verwandten von Mylady zu sehen.

Gabriel lächelte innerlich. Die Familie war doch reizend und warmherzig wie immer und sagte dem Diener, dass er leider nicht nur als Verwandter sondern auch in einer dienstlichen Angelegenheit als Fähnrich der Musketiere hier anwesend sei. Erneut verschwand der Diener im Haus und kam nach mehr als Viertelstunde wieder um Gabriel einzulassen. Er führte ihn in einen kleinen Salon in dem Lord Winter ihn erwartete. Gabriel erkannte sofort, dass er es mit dem jüngeren der de Winter Brüder zu tun hatte und verbeugte sich höflich. Der Lord musterte ihn kühl, gab mit keinem Zeichen zu verstehen, dass sie einander schon einmal begegnet waren. „Man hat mir zu verstehen gegeben, dass Ihr in einer dienstlichen Angelegenheit mich zu sprechen wünschtet, Fähnrich de Ravanagh.“ Eröffnete er die Konversation. „Also tragt Euer Anliegen vor.“

„Es ist meinem Capitaine zu Ohren gekommen, dass Ihr von Mitglieder unserer Kompanie aufs unhöflichste in einen Raufhändel verwickelt worden seid, Mylord de Winter.“ Begann Gabriel. „Und er hat mich ausgeschickt um in Erfahrung zu bringen ob dies wahr ist und – gegebenenfalls – eine Entschuldigung vorzubringen.“

Das Gesicht der Engländers entspannte sich merklich, fast war da ein Lächeln. „Nicht aufs gröbste, Fähnrich und es war kein Raufhändel. Bestellt eurem Capitaine, dass seine Musketiere sich mehr als nur Hervorragend bei der Verteidigung ihrer Ehre und der Ihres Korps geschlagen haben.“ Seine Worte klangen nach ehrlicher Bewunderung. „sie haben sich als herausragende Edelleute geschlagen.“

Gabriel verbeugte sich höflich, aber beim gehen zögerte er etwas. Er wollte nach Anne, nach Gabrielle fragen. Der Lord bemerkte es und sah ihn streng und etwas kühl an. „Wenn Ihr Euch um Eure Schwester sorgt, seid versichert: Ihr wollt sie gar nicht wiedersehen.“

Die kalten Worte trafen Gabriel, er sah zu Boden, verbeugte sich hastig und trat ab. Als er die Treppen des großen Hauses hinunterging, kreisten seine Gedanken um Anne. Was war ihr passiert? War sie mit dieser Ehe nur in die nächste Falle getappt? Beinahe hätte er nicht bemerkt wie ein großer Vorhang im Flur plötzlich verschwand und sich dahinter eine Tür öffnete. Jemand zupfte ihn am Ärmel. Er fuhr herum und sah eine junge Frau – eindeutig eine Zofe – die ihn am Ärmel gefasst hatte. „Kommt bitte mit junger Herr.“ Flüsterte sie ihm zu. Gabriel gehorchte wortlos und sie gingen durch einen kurzen Gang, durch das Gemach der Zofe und dann öffnete sich eine Tapetentür für ihn und er betrat ein großes, prachtvoll ausgestattetes Gemach. In der Mitte stand Anne, nach der neuesten Mode gekleidet und schöner den je.

Gabriel blieb stehen, sie sahen einander schweigend an, dann brach der Bann und sie umarmten einander wie alte Freundinnen. Nach einem Moment löste Anne sich aus der Umarmung, hielt Gabriel auf Armlänge Abstand und musterte ihn lachend. „Gabriel de Ravanagh Fähnrich der Musketiere...“ beinahe kicherte sie. „Hat dein Capitaine eine Ahnung....?“

„Nicht die leiseste.“ Erwiderte Gabriel. „Und was ist mit dir? Ich hörte du bist Witwe? Wie ist es dir ergangen?“

Anne setzte sich und deutete auf einen bequemen Sessel für Gabriel. „Mein Mann ist tot, ja.“ Sagte sie. „Aber mache dir keine Sorgen, wir haben eine gute Ehe geführt, bis ein Mann von sehr viel Macht ihn vergiften lies.“ Sie sprach ruhig darüber, nicht ohne bedauern, aber Gabriel – der wusste das Annes Große Liebe heute den Namen Athos trug und der seit Jahren in ihrem Namen über Athos wachte – verstand dass der Schmerz über diesen Verlust nicht so tief sitzen konnte.

„Wer hat ihn vergiftet?“ fragte er daher. „und warum?“

„Es geschah im Auftrag von Lord Buckingham und die Gründe... ich möchte sie dir ehrlicherweise nicht erörtern. Es reicht zu wissen, dass Buckingham dafür eines Tages bezahlen wird.“ Erwiderte Anne. „Lass uns zu fröhlicheren Dingen kommen. Ketty, hol bitte Gabriel hierher.“
Verwirrt sah Gabriel Anne an. „Bitte....?“

Sie lachte leise. „Wart`s hab mein geliebter ‚Bruder’. Mir ist es gut ergangen, ich hatte ein Zuhause einen guten Ehemann und einen Platz in der Gesellschaft....“

Ketty kam herein und schob einen etwa fünfjährigen Jungen vor sich her. Er war schwarzhaarig, hatte wilde dunkle Locken, strahlend blaue Augen und war ein auffallend hübscher Junge. Er eilte auf Anne zu die ihn in die Arme nahm und nach einem Moment auf Gabriel aufmerksam machte. „Gabriel, das ist dein Onkel, Fähnrich Gabriel de Ravangh, dessen Namen du trägst.“ Sagte sie dabei.

Das musste jenes Kind sein mit dem Anne damals schwanger gewesen war! Gabriel lächelte und begrüßte seinen ‚Neffen’ aufs herzlichste. Nach kurzer Zeit nahm Ketty den Jungen und brachte ihn ins Bett. Anne sah ihm mit einem Lächeln nach. „er ist mein ein und alles. Nur schade... dass er seinen Vater nicht kennt.“ Ihre Stimme war leiser geworden. Sie sah Gabriel an. „Du musst mir alles über ihn erzählen... wo lebt er jetzt? Hat er... wieder geheiratet?“

In ihrer Stimme hörte Gabriel so viel Trauer und Schmerz. Er lehnte sich zurück und erzählte von Athos und den vergangenen fünf Jahren. Anne hörte zu, schien jedes Wort aufzusagen. Am Ende als Gabriel gehen musste, umarmte sie ihn erneut. „Du hast dich als wahre Freundin erwiesen.“ Sagte sie leise. „Du beschützt ihn, passt auf ihn auf... wie kann ich dir dafür danken?“ sagte sie leise.

Gabriel erwiderte die Umarmung. „Ich tue es gern. Ich mache mir vielmehr Sorgen um dich.“

Anne richtete sich auf, Entschlossenheit stand in ihren Augen. „Ich werde einen Weg finden in Paris zu bleiben. Vielleicht kann mein Sohn, ja über seinen Onkel vielleicht einmal seinen Vater kennen lernen.“ Sagte sie schließlich.

Nacht über den Wassern

Helen being chosen found her life flat and dull
and later had much trouble from a fool.
While that great Queen, that rose out of the spray,
being fatherless could have her way
yet chose a bandy- legged smith for a man.

William Butler Yeats: A prayer for my daughter

Es begann und es endete mir der Kardinalsgarde. Fähnrich de Ravanagh war mit dem wenig ersprießlichen Auftrag einige Musketiere die mit einem wiewohl königlichen, aber kriegsunwichtigen Auftrag aus dem Feldlager geschickt worden waren, zurückzuholen. Der Befehl den die Männer hatten, war auf unbestimmte Zeit ausgesetzt worden.

Als Gabriel jedoch vor dem Kloster der unbeschuhten Karmeliterinnen in Bethune vom Pferd sprang, sah er einen gänzlich unerwarteten Mann auf sich zukommen. Einen hochgewachsenen, dunkelhaarigen Mann, der einen Kürass trug und den straffen Gang eines Soldaten aufwies. Biscarrat. Innerlich seufzte Gabriel auf. „Herr Gardist, ich werde mich gern zu jedem späteren Zeitpunkte mit Euch schlagen aber...“

Biscarrat unterbrach ihn. „Vergebt mir Fähnrich wenn ich Euch unterbreche. Es geht nicht um Duelle. Vier Eurer Musketiere verfolgen eine Dame die im Dienste meines Herrn steht in der irrigen Meinung sie habe eine Novizin des Klosters vergiftet. Isabel de Rochefort ist bei fraglicher Novizin und....“

„.... und sie sagt, dass das Mädchen eine sehr kräftige Dosis eine Schlaftrunkes geschluckt hat und zudem ein recht exotisches Mittel aus dem Orient, und dass die Dosis etwas hoch war aber dass die Novizin es überstehen wird. Sie wird schwach sein und es wird ihr noch lange schlecht gehen aber sie wird leben.“ Ergänzte eine ruhige Stimme. Eine junge Frau von noch nicht ganz 20 Jahren war aus dem Klostertor getreten. „Mylady ist unschuldig.“ Fügte sie hinzu. „Wahrscheinlich war es ein versehen.“

Mylady, schlagartig begriff Gabriel was Biscarrat ihm da gesagt hatte. „ich danke Euch.“ Er schwang sich wieder in den Sattel von Nachtwind. „Wohin sind sie geritten?“

Biscarrat deutete nur in eine Richtung und Isabel de Rochefort ergänzte: „Es fiel das Wort Armentieres.“ Mehr brauchte Gabriel nicht zu hören, er trieb Nachtlied an und begann seinen Ritt den vier Verfolgern hinterher.

***

Es war längst Nacht als Gabriel die Ufer des Lys erreichte. Er wollte bereits den Fluss überqueren, als er von einem einsamen Haus Stimmen hörte. „Mörderin meiner Bruders, Mörderin Feltons, Mörderin Buckinghams...“

Er wendete sein Pferd und ritt zu dem Haus hinüber. Als er ankam, sah er wie mehrere Männer Anne aus dem Haus zerrten und zu einem Boot schleiften. Gabriel lies Nachtlied antraben, fegte mitten zwischen sie und sprang so ab, dass er seitlich von Anne mit gezogenem Rapier stand. Er musste einen Schlag blocken, heftig krachten die Klingen mit einem gegner aufeinander, so hart waren die Blätter gebunden, dass sie gleichzeitig brachen. Gabriel blieb nichts weiter als seinen langen Dolch zu ziehen. Aber der Kampf wurde unterbrochen, nicht zuletzt durch die Überraschung auf beiden seiten. Anne zitterte, und wie schon einmal vor vielen Jahren, suchte sie halt bei ihm. In ihrem Rücken stand nachtlied, während die Versammlung von Männern, die vier Unzertrennlichen, Lord Winter und ein finster Blickender Mann in rotem Mantel, fassungslos Gabriel anschauten. „Diese Mördervorstellung endet hier.“ Sagte Gabriel kalt. Er sah die vier an. „Ihr werdet Euch dafür vor dem Capitaine verantworten müssen.“ Sein Blick ging zu Lord Winter. „Ihr werdet das mit mir ausmachen, sobald das hier vorbei ist.“ Dann sah er den letzten an. „Und was habt Ihr hier zu suchen?“

„Es ist der Henker.... der Henker von Lille...“ flüsterte Anne. „Der Mann der mir wegen...meiner Mutter...“

Gabriel legte den linken Arm schützend um Annes Schulter, den Dolch in der rechten sah er den Mann an. „Ah, dann ist das also der Hund der dein Leben zum ersten Mal zerstört hat, versprochen, auch sein Kopf wird nicht mehr lange auf den Schultern sein.“

Nur dass Athos vortrat und sich so zwischen die gezogenen Klingen seiner Freunde und Gabriel brachte, verhinderte eine Attacke von fünf Männern gegen einen. „Gabriel, Ihr versteht nicht genau worum es hier geht. Ich nehme Euch Euer Eingreifen nicht übel, als Offizier handelt ihr richtig, aber diese Frau – diese Teufelin...“

Bei diesen Worten brach Anne in Tränen aus und lehnte sich fester gegen Gabriels Schulter. Gabriel atmete tief durch. „Nein Athos, Ihr seid es der nicht versteht. Nennt mir die Anklagen die Ihr gegen Anne habt und dann werde ich sie beantworten.“

D’Artagnan wollte empört auffahren, aber Athos Geste brachte ihn zum Schweigen. „Er ist unsere Offizier, er hat das Recht dazu.“ Sagte er.

„Dann sollte er aber auch erklären wo seine wirkliche Schwester Gabrielle de Ravanagh ist!“ sagte Lord Winter. „Wahrscheinlich hat Anne de Breuil sie auch vergiftet.“

Gabriel sah ihn kalt an. „Auf Gabrielle kommen wir noch. Also Athos?“ Ohne allzu viel Verwunderung hörte die Anklagen an, von Anfang bis Ende. Anne wurde etwas ruhiger während dessen und auch wenn sie schweigend an Gabriels Seite stand, strömten immer noch Tränen über ihr Gesicht.

Schließlich endete Athos mit den Worten: „Und nun Gabriel beantwortet die Anklagen, wenn Ihr könnt.“

Gabriel nickte. „Das will ich Athos.“ Er deutete auf den Henker. „dieser Mann dort hat vor Jahren geglaubt dass die Tochter eines Straßenmädchens freiwild sei. Jene Frau – Annes Mutter – mag ein Straßenmädchen gewesen sein, aber sie hat dafür gesorgt, dass Ihre Tochter nicht so wurde. Und als diese Tochter sich weigerte einem Henker zu willen zu sein, verging dieser sich an ihr und brandmarkte sie in Folge.“ Sagte Gabriel kalt. „Und dafür wird er mir Antworten.“

Er sah Athos an. „Es stimmt das Anne euch nicht die Wahrheit über sich erzählt hat, und Ihr im Gegenzug habt ihr nie die Chance gelassen sich zu verteidigen.“ Sein Blick wanderte weiter zu Lord Winter. „Euer Bruder wurde auf Geheiß von Buckingham ermordet und indem Anne Buckingham tötete, vernichtete sie einen Fein Frankreichs und rächte ihren Gemahl, dass Euer Mann Felton sich dort hineinziehen lies, lastet ihr nicht an: Jeder Mann ist Herr seiner Entscheidungen und sollte selbst die Konsequenzen seines Tuns tragen.“ Sein Blick ging weiter zu d’Artagnan. „Und Constance Bonacieux ist nicht tot, sie hat eine Überdosis eines exotischen Schlafmittels das Anne hin und wieder verwendet getrunken. Isabel de Rochefort ist im Moment bei ihr und sorgt für sie.“

Athos nickte langsam. „Das sind einige ehrliche Worte, aber zwei Punkte habt ihr umgangen: die Bigamie und Gabrielle de Ravanagh.“

Gabriel lachte leise und humorlos. „Gabrielle de Ravanagh kennt ihr seit Jahren Athos, denn ich selbst bin es.“ Die Fassungslosigkeit auf den Gesichtern der Musketiere wuchs ins unermessliche als sie begriffen was ihnen eben gesagt worden war. „Und die Bigamie... Athos vor fünfeinhalb Jahren wurde ich bei einem Ausritt im Berry zeuge wie ein Edelmann seine Frau aufhängte und davonritt.“ Gabrielle – denn so können wir sie nun wieder nennen – sah wie Athos erbleichte bei diesen Worten. „Und ich half der Unglücklichen jungen Frau und hörte so ihre Geschichte. Ich stand damals kurz vor der Hochzeit mit einem Mann den ich nicht wollte, dem älteren Lord Winter, und sie war schwanger und verstoßen von ihrem Mann.“ Athos wurde noch bleicher bei diesen Worten, aber Gabrielle sprach ungerührt weiter. „Und damals haben wir etwas beschlossen was vielleicht vor dem Recht der Menschen ungewöhnlich ist. Wir tauschte die Plätze, die Aufgaben und auch die Männer.“ Sanft fasste sie Annes Hand an der immer noch jener Ring von damals funkelte und holte Ehering von Anne, den Gabrielle immer noch an einer Kette um den Hals trug, ebenfalls hervor. Sie sah Athos ernst an. „ich hätte euch gefordert und getötet, doch Anne bat mich inständig um euer Leben, sie bat mich Euch zu beschützen soweit es in meiner Macht stand – urteilt selbst ob ich darin Wort gehalten habe – und nun sagt mir: Habt ihr ein Recht Anne anzuklagen?“

Für Momente herrschte entsetztes Schweigen am Ufer des Lys. Athos stand dort, totenbleich, sein Blick auf Anne, über deren Wangen Tränen liefen, gerichtet. Plötzlich trat er auf Anne zu und kniete vor ihr nieder. „Ich habe Euch das entsetzlichste Unrecht getan, dass ein Mann einer Frau oder ein Mensch einem anderen tun kann.“ Sagte er tonlos. „Und ich bitte Euch über mich zu richten – wie ich es heute über Euch tun wollte.“

Ein stummer Aufschrei ging durch die Reihen seiner Freunde bei diesen Worten. Anne hatte für einen Augenblick die Hände vor das Gesicht geschlagen, dann jedoch streckte sie die Hände nach Athos aus. „Bitte Olivier... steht auf..:“ sagte sie leise, ihre Stimme fast unhörbar. „ich will nicht richten.... ihr habt meine Vergebung... für alles....ich....ich habe nie einen anderen geliebt....“

Als Athos zögernd auf die Füße kam und von Anne in die Arme genommen wurde, sah Gabrielle wie der Henker von Lille das Messer zog und sich auf Anne stürzten wollte. Mit einem raschen Stoß beförderte sie Anne vielleicht etwas heftiger in Athos Arme als geplant und schnellte vor. Ein einziger sauberer Dolchstoß tötete den Henker von Lille, klatschend fiel sein Leichnam ins Wasser. ‚So starb ein Hund.’ Dachte sie.

Als Gabrielle sich umwandte sah sie Anne und Athos die einander in den Armen hielten als wollten sie einander nie wieder loslassen. Als sie sich schließlich doch voneinander lösten und zu Gabrielle sahen, nahm diese die Kette ab und lies den Ring in ihre Hand rutschen. Mit einem Lächeln gab sie ihn Anne zurück. „du hast mir vor fünf Jahren die Verantwortung für deinen Mann abgetreten.“ Sagte sie mit einem leisen Lächeln. „Und nun bekommst du ihn zurück.“

Anne wischte sich mit der Hand über die Augen. „Und du Gabrielle... du hast zum zweiten Mal alles aufgegeben wegen mir.“

Gabrielle wusste das dies wahr war, ihre Zeit als Fähnrich der Musketiere würde vorbei sein sobald der Capitaine von ihrer wahren Persona erfuhr, und es brauchte einiges an Beherrschung Anne den Ring so gelassen wiederzugeben. Aber sie bekam ein Lachen zustande. „Anne, ich habe das was ich schon damals wollte: meine Freiheit. Und egal ob es Gabriel oder Gabrielle de Ravanagh angeht: Sie haben das eine oder andere Leben das sie leben können.“
***

Nach dem Ende der Belagerung von La Rochelle quittierte Athos den Dienst und kehrte mit Anne und seinem Sohn ins Berry zurück. Constance Bonacieux hatte nichts dagegen dass ihr Mann von Richelieu in die Bastille gesteckt wurde und trat wieder in die Dienste der Königin, die der tapferen jungen Frau ihr besonderes Vertrauen schenkte, was allerdings dazu führte, dass die Beziehung zu einem gewissen Musketier sehr darunter litt, was diesen maßlos verärgerte aber nicht zu ändern war. In seinem Zorn entschlüpfte dem frischgebackenen Leutnant gegenüber dem Hauptmann der korrekte Name von Fähnrich de Ravanagh, was bedeutete dass Gabriel de Ravanagh im Dezember 1628 die Kompanie verlassen musste, nicht ohne eine sehr zornige und harte Rede des Hauptmannes mit auf den Weg zu nehmen. Er verschwand aus Paris und selbst Nachforschungen die Athos und Anne einige Jahre später anstellten verliefen im Sande.