Aus dem Nähkästchen geplaudert von Percy
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D’Artagnan saß hochkonzentriert am Fenster seiner soeben gemieteten Wohnung in der Rue de Fossoyeurs und …. nähte!
Kritisch hielt er den Stoff seiner vor ihm auf dem Tisch liegenden Hose hoch, hielt das Werkstück ins Licht, um besser sehen zu können und arbeitete sorgfältig weiter, Stich um Stich. Die bunte Zierborte sah wirklich ausnehmend hübsch auf dem verwaschenen Stoff des Kleidungsstückes aus und ließ es sogleich ein wenig edler wirken.
Um so besser, dachte der junge Mann, dann wissen morgen die feinen Herrn Musketiere bei Monsieur de Tréville, dem er sich vorzustellen gedachte, mit wem sie es zu tun haben!
Er saß bereits einige Stunden an dieser Arbeit, die jeder andere ermüdend gefunden hätte, doch d’Artagnan war beseelt von der Aussicht, nun endlich sein Leben in Paris zu beginnen und dazu gehörte natürlich ein angemessenes Logis – welches er heute morgen gefunden und spornstreichs gemietet hatte – sowie ein zum Anlass passendes Auftreten!
Er saß nur mit seinem Hemd bekleidet auf dem Stuhl, da er zuerst die Hose ausgezogen hatte, um die breiten, glänzenden Posamente an die äußeren Hosenbeinnähte zu nähen. Außerdem verzierte er gleich den Umschlag am Knie. Demnächst würde er noch einige feine Spitzen kaufen, die dann keck aus seinem Stiefel lugen konnten, doch in nächster Zeit mussten eben gut geputzte Stiefelschäfte reichen. Während er an der Hose arbeitete, war es doch ein wenig kalt im Zimmer geworden, die Nachmittagssonne verlor ihre Kraft und die Kälte kroch an Füßen und Beinen hoch.
Rasch angelte er nach seinen Stiefeln, zog sie wieder an und nähte weiter.
Endlich war die Hose fertig und aufseufzend zog er auch sie wieder an.
Sehnsüchtig dachte er an die sonnendurchfluteten Nachmittage in seinem Elternhaus, Chateau Castelmore in Lupiac, und seine Gedanken schweiften ab, während er sich das Wams, das besonders ordentlich genäht werden sollte, zurechtlegte ….
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„Es ist meins, gib’s her!“ Der kleine Emile mit dem strubbeligen Haarschopf versuchte, den hölzernen Stecken, den d’Artagnan in der Hand hielt, zu packen.
„Ist es nicht, es ist meins! Du hast deins weggeworfen!“ schrie d’Artagnan erbost und hielt den Stecken hinter seinen Rücken, damit sein Freund ihn nicht haschen konnte.
„Stimmt nicht!“ Emile standen die Tränen in den Augen. „Du hast es zerbrochen und jetzt will ich auch mal mit dem da fechten!“ Er versuchte, um seinen Kumpan herumzurennen, doch d’Artagnan war schneller, drehte sich mit.
„Nein, ich hab dich besiegt und dein Schwert ist im Kampf zerbrochen, das ist was anderes.“ Die beiden Jungen waren gleichgroß und maßen einander mit wütenden Blicken. Der eine verzweifelt und ein wenig furchtsam, der andere hochfahrend und seines Sieges gewiß.
„Du bist so…. so….blöd!“ schluchzte Emile und schubste d’Artagnan vor die Brust, was diesen aufreizend lässig zurückspringen ließ, während er Emile nachäffte: „Ich will auch maaaal! Ich will aaauuuuuch! – Du Baby!!!“
Er umkreiste Emile, holte jetzt den Stock hinter seinem Rücken hervor und hielt ihn wie ein Schwert, so wie er es die erwachsenen Männer hatte tun sehen. „Na los, hol dir einen neuen Stock, hier sind überall Bäume! Mach schon, vielleicht findest du ja was, was als Schwert taugt!“ D’Artagnan schnaubte, als er beobachtete, wie Emile sich fahrig umschaute, ohne Zweifel in der Hoffnung, dass in der Nähe ein genau passender Stock liegen musste und er ihn nur aufheben brauchte.
„Hier…. hier liegt aber nichts…..!“ Emile war fassungslos. „Gib mir doch deins, dann teilen wir!“
D’Artagnan warf die schwarzen Haare zurück, stemmte eine Hand in die Hüfte und hob stolz das Kinn, wie er es oft bei seinem Vater sah. „Mein lieber Freund…“ Das klang jetzt ein wenig gravitätisch, fand d’Artagnan, während bei Emile pure Herablassung ankam und dieser puterrot anlief – „Mein lieber Emile, du weißt doch: „Dein Weib, dein Pferd, dein Wehr – Die Drei leih niemals her!“
„Was soll das denn heißen, du …. du…. Blödmann!!! Du hast doch gar kein Weib! Mädchen sind eh doof! Und ein Pferd hast du auch nicht, die gehören nämlich alle deinem Papa!“ Emile streckte ihm die Zunge raus, was wiederum d’Artagnan auf die Palme brachte. Was erlaubte der sich? Und woher wollte der wissen, ob er nicht doch ein Weib hatte? So ein kleines, feines, das er vielleicht im Kellerverließ eingesperrt hielt und nur herausließ, wenn es keiner, und vor allem nicht Emile, sah? Und womöglich hatte er, d’Artagnan, ja Mädchen gefunden, die NICHT doof waren, ja, mit denen man sogar prächtig zusammen spielen konnte? Und die Sache mit den Pferden – nun ja, wenn sie seinem Vater gehörten, waren es doch auch seine, oder etwa nicht? Zumindest in seiner Phantasie besaß er den stolzesten, schönsten Hengst aus seines Vaters Stallungen, auch wenn er ihn bislang nur ganz selten reiten durfte und schon etliche Male heruntergefallen war. Da war das brave, aber fürchterlich dickfellige Mérens, das der heimliche Herdenchef war, ein besserer und zugleich unerbittlicher Lehrmeister.
„Wie gesagt,“ fuhr d’Artagnan mit Bestimmtheit fort, „ich verleihe mein kostbares Schwert nicht!“
„Boah, du bist so…..“ Emile fehlten die Worte, „du bist so……“
„Ja? Was?“ fragte d’Artagnan herausfordernd. Das machte richtig Spaß, fand er.
„Du bist so…… irre…… GEMEIN!!!!!!“
Emile stürzte sich auf ihn und ineinander verkrallt wälzten sich die Jungen über den staubigen Boden, während sie einander mit Füßen und Fäusten bearbeiteten.
Schließlich blutete d’Artagnans Nase und Emile hatte ein blaues Auge und weinte.
Emile raffte sich auf, brachte Sicherheitsabstand zwischen sich und d’Artagnan und schrie diesen voller Wut an: „Dann spiel doch, mit wem du willst! Ich spiel nicht mehr mit dir! Nie, nie wieder!!!“ Und er drehte sich um und rannte den Hügel hinab zum Dorf und zweifellos nach Hause.
D’Artagnan blieb alleine zurück, bereit, sich im Lichte seines Triumphes zu sonnen, doch seltsamerweise verebbte dieses Gefühl rasch, während er seinem Freund nachsah, wie er immer kleiner wurde und die ersten Häuser am Dorfrand erreichte. Als Emile um eine Häuserecke rannte und verschwand, ohne sich noch einmal umzudrehen, setzte sich d’Artagnan auf einen Stein. Plötzlich fühlte er sich allein und ihm war langweilig. Zu seinen Füßen lag das umkämpfte Schwert, das jetzt tatsächlich nur ein armseliger Stock war und ihm wurde bewußt, dass er gerade seinen Freund Emile wegen etwas, das noch nicht mal als Brennholz taugte, beleidigt und womöglich verloren hatte. Was, wenn er wirklich nie mehr mit ihm spielen würde?
D’Artagnan schniefte, Blut tropfte aus seiner Nase und befleckte sein Hemd und die Hose, doch er störte sich nicht daran.
Irgendwie hatte er sich seinen Sieg und diesen Nachmittag anders vorgestellt. Er raffte sich auf und trottete zurück zum Schloß, warf unterwegs angewidert den nun wertlosen Stock ins Gebüsch, nicht ohne vorher dem entsprechenden Busch eine ordentliche Tracht Prügel verpasst zu haben und kam schließlich seufzend und energielos zu Hause an. Am Tor begegnete ihm sein Vater und es gelang ihm, sich zumindest gerade aufzurichten und Haltung anzunehmen.
„Na, mein Sohn, warst du heute nachmittag schön auf Abenteuer aus?“ Der Vater trat zu ihm und legte ihm wohlwollend die Hand auf die Schulter.
Wie gerne hätte d’Artagnan sich jetzt in seine Arme geworfen und hätte sich ausgeweint, war ihm doch zwischenzeitlich ganz erbärmlich und einsam ums Herz geworden, doch der Vater hielt sich dienstlich, wartete wohlwollend auf die Schilderung des gar männlichen Tagewerkes seines Erst- und Einziggeborenen.
„Äh, ja. Emile und ich haben… fechten geübt. Schwertkampf…..“ gab d’Artagnan mit erzwungener Munterkeit von sich.
„Oho! Sehr gut, mein Sohn! Da will ich doch hoffen, dass ihr beide ausgiebig gekämpft habt, nicht wahr?“ Er musterte die staubige, blutbefleckte, blutkrustennasige Erscheinung seines Sprößlings wohlwollend.
D’Artagnan schrumpfte förmlich in sich zusammen. Es war seinem Vater offensichtlich egal, ob das hier sein Blut war. Wahrscheinlich hoffte er noch, es wäre von Emile! „Ja, war in Ordnung….“ Erwiderte er lahm, woraufhin ihn sein Vater noch herzhafter um die Schultern packte, ihn kurz an sich drückte und gleich wieder los ließ. „Fein gemacht, mein Sohn! Schön den Ernstfall proben, dann kann dich nichts schrecken! Ich hoffe mal, Emile hat mehr abgekriegt?“ Er beäugte den Jungen kritisch, der sich zusammenriss und tapfer lächelte. „Äh, ja. Ein….blaues Auge……“
„Na siehst du, das ist doch ganz ausgezeichnet! Da hat er ein paar Tage dran zu knabbern! DAS ist mein Sohn!“ Sprach’s und marschierte mit stolzgeschwellter Brust von dannen, während sein Sprößling kurz mit den Tränen kämpfte, als er daran dachte, dass Emile etliche Tage verunstaltet herumlaufen musste.
Als sein Vater außer Sichtweite war, rannte d’Artagnan schnurstracks über den Hof ins Haus, durch die große, kühle Küche mit dem riesigen Herd und dem Kamin und den abgetretenen Steinplatten auf dem Boden, auf denen er als Baby und Kleinkind so oft herumgerutscht war. Da war seine Welt noch in Ordnung gewesen, aber jetzt…. Nein, nie mehr würde er mit Emile spielen können! Es war zu schrecklich und er riß die Tür zum Salon auf, in dem, wie er wußte, seine Mutter zur Nachmittagsstunde weilte, während ihm Tränen über die Wangen liefen.
Madame d’Artagnan sah von ihrer Näharbeit auf und ihr Kind völlig aufgelöst in der Türe stehen. Im nächsten Augenblick war er bei ihr und vergrub sein Gesicht schluchzend in ihren Rockschößen.
Minutenlang ließ sie ihn sich ausweinen, strich ihm sanft über den Rücken und fragte sich besorgt, was passiert sein könnte, was die Welt ihres kleinen Jungen so dermaßen erschüttern konnte.
Als d’Artagnan wieder einigermaßen zu Atem gekommen war, hob er den Kopf, wischte sich mit den Händen über die Augen und wisperte: „Emile wird nie, nie wieder mit mir spielen!“
Als dies gesagt war, wollte er ob der Tragweite dieser Feststellung erneut in Tränen ausbrechen, doch seine Mutter hob ihn sacht hoch, zog einen Stuhl heran und ließ ihn dicht neben sich am Tisch sitzen. „Ach, ach, nun, das ist wirklich schlimm! Aber weißt du was, mein Junge?“
Er hob den verweinten Blick zu ihr: „Nein. Was?“
„Nun, oft braucht es ein wenig Zeit und dann wird alles wieder gut!“
„Wirklich?“ zweifelte d’Artagnan und schniefte.
Seine Mutter nahm ihr Taschentuch, spuckte darauf und rieb ihm resolut die Blutkrusten von Nasenlöchern, Mundpartie und Kinn.
Er wand sich, musste kichern: „Iiiih, maman, nein, lass das….uaaaa!“
Sie schmunzelte: „Wieso? Es gibt nichts besseres, als Spucke und ein Taschentuch, um kleine Draufgänger zu säubern.“
„Aber….aber….das macht ihr bei Vater auch nicht!“ D’Artagnan wischte sicherheitshalber noch mal mit dem Hemdsärmel über sein Gesicht.
„Nein, natürlich nicht!“ konstatierte sie. „Der läuft immer zu schnell weg!“
Gemeinsam lachten sie, bis d’Artagnans Tränen wirklich versiegt waren.
Er schmiegte sich mit der Schulter an seine Mutter und befühlte den Stoff, der vor ihnen auf dem Tisch ausgebreitet lag. Jetzt fühlte er sich besser und eine dumpfe, aber wärmende Erschöpfung, wie man sie nach einem Tränenausbruch oft fühlt, durchflutete ihn. Geschickt spielten seine kleinen Hände mit den Stoffrändern und fuhren über die gerade fertiggestellten Nähte. „Was wird das? Das fühlt sich schön an!“
„Das wird ein neues Wams für dich, aber erstmal nur für Sonntags!“
„Oh!“ Seine Augen wurden groß und rund. „So fein? Da muss ich mich ja benehmen!“
„Eben drum!“ erwiderte seine Mutter trocken. „Aber hier habe ich noch ein Werkstück aus gröberem Leinen. Das wird ein Hemd für dich für alle Tage!“
Und sie nahm es auf und hielt es vor d‘Artagnan, als ob sie Maß nehmen wollte. Es war noch etwas groß, aber der Junge strahlte: „Wie praktisch! Schau nur, maman, da kann ich noch reinwachsen!“
Er ergriff eine Nähnadel, die auf dem Tisch lag und piekte sie in den Leinenstoff. „Da fehlen ja noch Nähte! Kann ich dir helfen, liebe maman?“
Sie zögerte. Wollte er wirklich nähen lernen oder war das nur ein Zeitvertreib gegen die Langeweile, der er ausgesetzt war, nachdem Emile und er sich geprügelt hatten – denn das war ja offensichtlich anhand seines Aussehens und brauchte nicht weiter hinterfragt zu werden. „Wenn du denn unbedingt möchtest?“
„Ja, möchte ich!“ beharrte er. „Ich will nicht nur Sachen kaputt machen, ich will auch mal was bauen!“
Sie lächelte. „Nun gut, dann bauen wir jetzt dein Hemd, mein Sohn! Aber sag deinem Vater besser nichts davon, was wir hier machen.“ In Gedanken ergänzte sie: Das könnte sein Weltbild erschüttern. Tatsächlich fühlte sie Stolz auf ihren Sohn, der so freimütig und neugierig eine neue handwerkliche Tätigkeit ausprobieren wollte. Nun, da sie ja nie eine Tochter bekommen hatte, würde sie diese Fertigkeit jetzt ihrem Sohn beibringen. Kenntnisse schadeten nie, da war Madame d’Artagnan pragmatisch.
Und so kam es, dass sich Mutter und Sohn regelmäßig im Salon trafen, wenn der Vater auswärts zu tun hatte und gemeinsam nähten. Selbst als d’Artagnan zum Mann heranwuchs, bestand er darauf, auch weiterhin mit seiner Mutter diese kleinen, stillen Auszeiten nehmen zu können. Es war ihr kleines Geheimnis und der Vater erfuhr nie etwas davon.
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Die Nachmittagssonne stand schon tief und d’Artagnan wußte, er musste sich beeilen, wenn er das Wams noch fertig verzieren wollte. Rasch entzündete er eine Kerze und schob sie näher. Das sollte passen. Geschickt steckte er die Zierborten für sein abgewetztes Wams fest und staunte, was sie bewirkten. Das Kleidungsstück machte jetzt wirklich etwas her. Eifrig begann er schöne, ordentliche Nähte zu setzen. Seine Mutter wäre stolz auf sein Werk, dessen war er gewiss.
Er ließ die edle, fein ziselierte Borte bewundernd durch die Finger gleiten und entsann sich des Abschieds von seiner Mutter. Nachdem sie ihm das Rezept für die Heilsalbe vermacht und ihn immer wieder unter Tränen umarmt hatte, steckte sie ihm verstohlen einen kleinen, feinen Samtbeutel zu. Leise wisperte sie: „Hier mein lieber Junge. Das sind Zierborten. Wenn du in Paris angekommen bist, verschönere damit dein Wams und deine Hose, dann kannst du Monsieur de Tréville als Mann von Welt begegnen.“
Er nahm das Beutelchen ehrfürchtig entgegen, wiegte den feinen Samt in der Hand. So etwas gab es in ihrem bescheidenen Haushalt normalerweise nicht. „Aber maman, woher hast du das? Das ist doch bestimmt sündhaft teuer gew….“ „Schschsch, Unsinn!“ unterbrach sie ihn. „Ich denke, dein Vater wird sie wohl kaum vermissen, so selten, wie er seinen Sonntagsstaat trägt! Ich habe die Borten einfach davon abgetrennt!“ Und sie zwinkerte ihm verschwörerisch zu, was ihn sehr stolz auf seine einfallsreiche Frau Mama machte und er hoffte, dass er etwas von ihrem Einfallsreichtum mitbekommen hatte, denn das könnte er in Paris wohl brauchen, so schien ihm.