Bloody Hay von RoostersCromedCDF

Strafarbeit

Strafarbeit – Was für Art und Weise den Tag zu verbringen...

Aramis schmunzelte kopfschüttelnd während er seinen Blick zu dem blauen Himmel außerhalb des Stalles schweifen ließ und mit einer eleganten Bewegung den nächsten Pferdeapfel aufgabelte.

Es war unendlich friedlich im Stall. Kein Mensch war zu sehen und alle Pferde waren zum Grasen auf den kleinen Paddocks, die sich im hinteren Teil der Garnison befanden. Das Stroh raschelte, wann immer er mit der Gabel hindurch fuhr und der typische, scharfe Geruch frischen Pferdemists stieg ihm in die Nase. Auch wenn die Arbeit hart war, so störte Aramis sich nicht daran, war sie doch zutiefst befriedigend. Er wünschte sich, dass sein Brüder hier sein könnten. Nicht, um zu helfen, sondern einfach nur um den Tag miteinander zu verbringen. Doch leider hatten sie anderweitig zu tun. Irgendwann schlug die sommerliche Nachmittagshitze voll zu, denn trotz aufgekrempelter Ärmel stand Schweiß auf seiner Stirn und lief seinen Rücken hinunter.

Aramis liebte diese Form der Strafarbeit und er wusste, dass auch Treville wusste, wie gerne er sich in den Ställen aufhielt. Wie sooft zuvor hatte Treville ihm die Möglichkeit gegeben, für ein paar Stunden von der Bildfläche zu verschwinden, ohne sein Gesicht zu verlieren. Zugegeben, ich hätte mich niemals von dem Roten Gardisten so reizen lassen dürfen, dass ich handgreiflich geworden bin. Wären meine Brüder hier gewesen, dann wäre es sicher anders gekommen…

Aramis seufzte, als er wieder aus der Stalltür starrte. Aber dann hätte ich die Gelegenheit für gute, ehrliche Handarbeit verpasst. Er spürte, wie der stete Rhythmus der Arbeit seinen Ärger besänftigt und seine Emotionen ins Gleichgewicht gebracht hatte. Dennoch, Porthos, Athos und d’Artagnen würden die ganze Situation sicher noch unterhaltsamer machen.

Als der letzte Strohballen aufgeschüttelt und verteilt war, schnappte Aramis sich ein Halfter samt Führstrick und ging voller Vorfreude hinaus zu den Paddocks.

„Severo!“

Der Kopf des braunen Berber-Hengstes schoss augenblicklich hoch und große Augen blickten ihn aufmerksam an.

„Na komm, mein Kleiner!“

Das Pferd setzte sich in Bewegung und kam langsam auf Aramis zu. Seine feuchte Nase legte sich zur Begrüßung in die Senke zwischen Aramis‘ Schlüsselbein und Hals und schnüffelte herum. Seit er den Hengst das erste Mal gesehen hatte, war dies die Art und Weise, wie sie einander begrüßten. Als Antwort nahm der Scharfschütze beide Ganaschen in seine Hände und fuhr sanft den Konturen des massiven Kopfes bis zu den weichen Nüstern nach. Und wie immer musste Aramis versonnen in sich hinein lächeln, als er die suchenden Lippen des Tiers spürte.

„Hey, lass das!“

Bevor der Hengst zwicken konnte, löste Aramis sich aus der vertraulichen Umarmung und stellte sich neben ihn. Er legte seine rechte Hand behutsam zwischen die Ohren des Tieres und übte eine leichten Druck aus. Sofort senkte das Pferd seinen Kopf und fuhr willig in das Halfter.

„Guter Junge!“ Aramis war ein klein wenig stolz darauf, wie gut er den gedungenen Hengst erzogen hatte und strich ihm lobend über den schwarzen Mähnenkamm.

Am durchhängenden Strick gingen die beiden zurück zum Stall. Die Hitze des Tages reflektierte an den Ziegelwänden der Garnison und ihre Schritte ließen den Staub des trockenen Weges aufwirbeln. Es hatte seit Wochen nicht mehr geregnet und selbst das Gras an der Hausmauer hatte sich dem eintönigen Wüstenbraun ergeben.

„Na? Strafdienst oder Mission?“ grinste ihm Serge, bewaffnet mit einem großen Korb voller Zwiebel, im Vorbeigehen zu.

Aramis blieb mit Severo stehen und schwieg.

Auch Serge war stehen geblieben und stellte mit einem Seufzer den schweren Korb ab. Bedächtig nahm er sein Taschentuch heraus und wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Strafdienst also! Was hast du jetzt schon wieder angestellt?“

Aramis schüttelte lediglich den Kopf und grinste. „Ah, du weißt, man muss die Feste feiern, wie sie fallen. Severo benötigt ohnehin eine kleine Auffrischung bei seinen Kampfmanövern, also werden wir uns in aller Ruhe in die Reitarena begeben und ein wenig Trockentraining machen.“

„Wie kommst du voran mit ihm?“

„Gut! Naja - besser. Du weißt, wie schwierig er sein kann, aber die ganze Arbeit macht sich mittlerweile bezahlt. Er hat ordentliche Fortschritte gemacht und steht wirklich gut an den Hilfen.Mittlerweile reagiert er auch sehr gut auf die anderen Pferde. Ich glaube, er vermisst sie sogar, wenn sie nicht da sind. Allerdings kann er immer noch ein wenig temperamentvoll oder ängstlich sein, wenn etwas Unerwartetes passiert.“ Aramis strich stolz über den glänzenden, kräftigen Hals. „Aber es kann nur besser werden.“

„Ich wusste, dass du ihn hin bekommst, Junge. Weiter so! Heute gibt es Eintopf mit frischem Speck, da hast du also etwas, auf das du dich samt deinen drei Kumpels nach dem Training freuen kannst. Aber wage es ja nicht, dich in diesem Aufzug an den Tisch zu setzen!“

„Was?“ Aramis hob mit gespieltem Entsetzen seine Hände und Augenbraue. „Ich schaue immer gut aus!“

Serge lachte , hob ächzend den schweren Korb auf und machte sich wieder auf den Weg Richtung Küchentrakt. Aramis war keine zwei Schritte weit gekommen, als ihn die Stimme von Serge erneut zurück hielt.

„Und wenn du den Jungen siehst – sag ihm ich warte schon seit einer halben Stunde auf meine Eier. Wenn er morgen frisches Brioche haben will, dann soll er sich gefälligst beeilen.“

„D‘Artagnan? Wo soll er sein?“

„Im Hühnerstall! Was weiß ich, was er schon wieder so lange treibt, ständig muss man sich mit dem jungen Gemüse herumärgern. Wenn du willst, dass etwas erledigt wird, dann mach es selber.“ Serge verzog missbilligend die Nase, ehe er sich wieder umdrehte und kopfschüttelnd auf den Weg machte.

Aramis kehrte in den Stall zurück. Die dicken Mauern und kleinen Fenster machten das Innere des Stalls zu einer erfrischenden Oase und Aramis ließ den Frieden des Ortes auf sich wirken. Zwei Schwalben machten sich in der Ecke der ersten Box an ihrem Nest zu schaffen und vier hungrige Mäuler streckten sich ihnen erwartungsvoll entgegen. Bald würden sie wieder in den Süden aufbrechen und das Ende des Sommers einläuten und jede von ihnen würde auf ihre eigene Reise gehen. Vier kleine Vögel, die ihren Weg gehen müssen. "Möget ihr immer zueinander zurückfinden", flüsterte Aramis ihnen mit einem Augenzwinkern zu.

Severos Hufe hallten in der leeren, sauber gekehrten Stallgasse wieder. Zwei Stallburschen waren gerade dabei, mit einer großen vollgeladenen Schubkarre Heu zu verteilen und wie selbstverständlich schnappte Severo sich im Vorbeigehen ein paar Büscheln des willkommenen Mahls. Genüsslich kaute er zu Ende, während Aramis den Hengst in der Mitte der Stallgasse stellte und ihn von beiden Seiten her mit Halteseilen anband. Auch wenn der Hengst für ein stattliches Musketierpferd eine Spur zu klein war, so glich seine Kraft und Eleganz diesen winzigen Makel vollständig aus. Gerade als Aramis noch einmal den herben Pferdeduft in seine Nase zog, hörte er von hinten aufgeregtes Gekreische und Geschreie. Severo zuckte zusammen, aber Aramis gelang es, ihn schnell zu beruhigen.

Aramis ließ das Pferd stehen, wissend, dass er ihn kurz allein lassen konnte, und eilte hinaus. Noch ehe er einen Schritt aus dem Stall getreten war, sauste ein Huhn zwischen seine Beine und brachte ihn beinahe zum Stolpern.

„Hey! Was ist...?“

„Schau nicht so blöd, fang es wieder ein! Los!“ D‘Artagnan, keinen Meter hinter dem Huhn, krachte in Aramis hinein und stieß ihn gegen die angelehnte Tür. „Entschuldige!“, rief er Aramis zu und hastete dem Huhn hinterher.

„Aua!“ Aramis hielt sich seine Hüfte, die als erste mit der Holztür auf Tuchfühlung gegangen war, aber als er D‘Artagnan mit wehendem Haar im Zickzack hinter dem aufgeregt flatternden Huhn in einer Staubwolke nachlaufen sah, konnte er dem Jungen einfach nicht böse sein, sondern begann schallend zu lachen.

Hektische Stallarbeiter und außer Dienst befindliche Musketiere hatten sich dem Tumult angeschlossen und als Aramis sich umsah, bemerkte er, dass scheinbar alle Insassen der Geflügelvoliere über den Vorplatz des Stalls und dem Innenhof der Garnison verstreut waren. Selbst der Hofhund hatte sich dem munteren Treiben angeschlossen und stob aufgeregt bellend immer wieder in das Chaos aus Federn, Flügeln und Gegacker hinein. Augenblicklich war Aramis klar, warum Serge immer noch auf seine Eier wartete und er wusste mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, wer den nächsten Strafdienst ausfassen würde.

„Verdammt, Aramis, hilf mir doch endlich!“, fauchte d‘Artagnan Aramis atemlos an, während er bereits wenig erfolgreich dem nächsten Huhn hinterher rannte.

„Tut mir leid, mein Freund! Ich habe Severo in der Stallgasse hängen, aber ich schicke dir gleich Hilfe. Diesen Kampf wirst du sicher gewinnen!“, neckte Aramis seinen jungen Freud spöttisch. Noch immer vor sich hin grinsend ging er zurück in den Stall und deutete den beiden Stallburschen, die gerade dabei waren, die leere Schubkarre in einen offenen Verschlag neben dem Severo stand, zu schieben.

„Hey, ihr Zwei! Lasst das jetzt, ich kümmere mich später um die Abendfütterung, helft um Himmels Willen d‘Artagnan dabei die Hühner einzusammeln!“

Die Angesprochenen sahen Aramis mit großen Augen an. Doch als in diesem Moment das erste Huhn in die Stallgasse geflogen kam, legte sich augenblicklich ein riesiges Grinsen über ihre Gesichter. Sie sahen sich kurz an und ohne ein weiteres Wort zu verlieren ließen sie die Schubkarre stehen, die Heugabeln an Ort und Stelle fallen und stürzten sich auf das Huhn. Doch das dumme Ding flatterte zwischen Severos Beine, der augenblicklich zu tänzeln anfing.

Aramis fasste ins Halfter.

„Woah!“, brummte er in jenem tiefen Ton, der immer schon eine beruhigende Wirkung auf das Tier gehabt hatte. Das Huhn hatte gottlob beschlossen, wohl angespornt durch das laute „Putt – Putt – Putt!“ der Stallburschen wieder ins Freie zu flüchten.

Severo schnaubte erregt, ließ sich aber soweit beruhigen, dass er zu tänzeln aufhörte.

Der Lärm vor der Stalltür wurde wieder lauter, es krachte und schepperte und aufgeregte Stimmen wurden in die Stallgasse geweht. Severo legte die Ohren an und versteifte sich wieder, aber Armis ignorierte die Anspannung, die durch den Pferdekörper lief und fing demonstrativ ruhig an, die Mähne zu verlesen. Gerade als der Hengst den Kopf erneut entspannt senkte, flog ein weiteres Huhn kreischend in die Stallgasse und landete ausgerechnet auf der Krupp des Pferdes. Severo zuckte zusammen und begann erneut zu tänzeln.

„Weg da!“ Aramis wurde nun doch ein wenig hektischer als er versuchte, das Huhn mit einer fahrigen Handbewegung zu verscheuchen. Das Huhn blieb stur sitzen und krallte sich, wohl um Halt zu finden, in die Hinterhand des Pferdes. Der Hengst keilte aus.

„Woah!“, konzentrierte Aramis sich nun weniger auf das Huhn als vielmehr auf Severo. Den Hufen des aufgeregten Tiers ausweichend legte Aramis seine Hand auf den versteiften Hals des Tiers. Gottlob funktionierte es, auch wenn der Hengst weiterhin scharf durch die Nüstern blies.

In diesem Moment raste ein weiteres Huhn in die Stallgasse, dicht gefolgt von einem laut kläffendem Hofhund. Das Huhn auf Severos Krupp begann erneut zu gackern und mit den Flügeln zu schlagen und angelockt von der Bewegung flatterte das zweite Huhn auf die scheinbar rettende Erhöhung. Als Antwort warf Severo sich im Halfter nach hinten und zerrte an den Stricken, die ihn festhielten.

„Verdammt!“ Aramis versuchte verzweifelt, den Haken des Halteseils zu lösen, ehe Severo sich losreißen oder sich mit dem Halfter strangulieren würde. Er griff gerade beherzt zum Karabiner, als der Hund plötzlich gegen die bebenden Hinterbeine des Hengstes schlitterte und unter ihm zum Liegen kam. Severo schoss mit einem Satz nach vorne und riss Aramis, dessen Hand im Halfter festhing, mit sich. Die Haltestricke gaben nicht nach und der Sprung wurde jäh beendet. Ein scharfer Schmerz fuhr durch Aramis Finger, aber er ließ nicht los, sondern versuchte weiterhin krampfhaft, das Halfter zu lösen.

Die Hühner flatterten nun um Severos‘ Kopf und der Hund kam laut bellend unter dem Hengst zum Vorschein. Das Pferd verlor nun endgültig die Nerven. Severo stieg und riss erneut nach hinten. Eine halbe Tonne Lebendgewicht warf sich gegen die Haltestricke und endlich gelang es Aramis, seine Hand aus dem Halfter zu ziehen. Plötzlich rissen die Stricke aus ihren Halterungen und Severo wurde durch das abrupte Nachgeben auf die Hinterhand geworfen. Um nicht vollends das Gleichgewicht zu verlieren, arbeitete der Hengst mit ausschlagenden Vorderbeinen bis es ihm gelang, sich wieder aufzurichten, wobei er gnadenlos auf Aramis zudriftete.

„Nein!“ Aramis hob beide Hände und spürte das volle Gewicht des Pferdes.

Verzweifelt versuchte er, sich gegen das Pferd zu stemmen, wusste aber im Bruchteil einer Sekunde, dass es ein völlig sinnloses Unterfangen war. Wie in Zeitlupe krachte Aramis durch die Wucht des Pferdekörpers rücklings nach hinten in den Heuverschlag.

Aramis schlug hart am Boden auf, sein Aufprall lediglich ein wenig gedämpft durch das am Boden liegende Heu. Ein durchdringender Schmerz schoss siedendheiß durch seinen Körper. Er wollte atmen, aber er bekam keine Luft in seine Lungen. Sein Herz schlug krampfhaft in seiner Brust zu schlagen und kalter Schweiß ausbrach. Seine Sinne schärften sich für einen Augenblick und wie in Zeitlupe sah Aramis die Schwalben über sich kreisen, roch die Würze des Heus, hörte eine aufgeregte Stimmen nach Severo rufen und schmeckte das Kupfer seines Blutes in seinem Mund. Etwas wirklich Furchtbares war geschehen, doch Aramis konnte es nicht greifen. Sein Geist tastete nach einer Erklärung, aber alles was er wusste war, dass er sich wünschte, nicht allein zu sein.

Dann stand seine Welt still und Dunkelheit umfing ihn.

 

Chaos

Kapitel 2

 

Das erste, das Athos zu Gesicht bekam, als er müde und hungrig gemeinsam mit Porthos durch das Tor in die Garnison ritt, war ein flatterndes Huhn. Nein, korrigierte er sich, das ist definitiv mehr als ein Huhn.

Beim Anblick des wilden Durcheinanders stockte Porthos der Atem. „Was zur Hölle ist hier los?“

Aufgeregtes Federvieh und nicht minder aufgeregte Musketiere liefen, rannten und flogen wild durcheinander. Lautes Gekreische und Geschrei, durchzogen von Gelächter und Hundegebell, scheppernde Kübel, umstürzende Sessel, ausgestreckte Arme, stampfende Füße und dazwischen Federn, Flügel und Hühnerkrallen, doch über allem lag auch ein gewisser Hauch von Komik.

Porthos schlug seine Handfläche ungläubig gegen die Stirn. „Ich möchte nicht wissen, welches arme Schwein das zu verantworten hat! Treville wird ihn niedermachen, nein vernichten oder noch besser: ausnehmen wie ein totes Huhn!“

Selbst Athos musste lachen. Er konnte sich nicht erinnern, jemals so ein überwältigendes Durcheinander in der Garnison gesehen zu haben und auch er bedauerte den armen Mann, der mit Sicherheit mehr als sein Fett abbekommen würde.

Von seinem Pferd absteigend richtete Athos seinen fragenden Blick auf den Stallburschen, der ihnen gerade die Pferde abnehmen wollte. „Was ist hier passiert?“

„D‘Artagnan hätte für Serge Eier aus der Voliere holen sollen, aber er war wohl etwas abgelenkt.“

„Das ist nicht dein Ernst! D‘Artagnan hat das alles zu verantworten?“ Porthos, der mittlerweile ebenfalls abgestiegen war, schüttelte seinen Kopf. „Mein Gott, der arme Welpe! Nun, du wirst in den nächsten Wochen jede Menge Unterstützung im Stall haben.“

Der Bursche kratzte sich am Kopf. „Ja, Monsieur! Das scheint im Moment wohl die Regel zu werden. Aramis hat bereits am Nachmittag alle Boxen ausgemistet.“

Athos‘ Lächeln wich einer hochgezogenen Augenbraue. „Aramis? Was hat er nun schon wieder angestellt? Kann man hier nicht einmal einen Tag weg sein, ohne dass alle dem Wahnsinn verfallen?“

Posthos pfiff durch seine Zähne. „Athos, es ist ein gefährliches Unterfangen aus deiner Tür hinauszugehen.“

Athos zweite Augenbraue ging in die Höhe. „Und was, lieber Porthos, willst du mir damit sagen?“

Porthos jedoch grinste lediglich mit einem schelmischen Glitzern in den Augen und drehte sich zum Stallburschen um. „Also Bursche, was war nun mit Aramis?“

„Keine Ahnung, irgendetwas mit einem Roten Gardisten. Aramis hat sich sehr bedeckt gehalten.“

„Und wo ist er jetzt? Sag nicht, einem Huhn hinterher?“ Porthos schien sich wegen Aramis‘ Strafdienst keine großen Gedanken zu machen. Athos hatte vielmehr den Eindruck, dass Porthos es sogar allen Ernstes bedauerte, die königliche Depesche ausgeliefert und dabei das Spektakel hier versäumt zu haben.

Der Stallbursche zuckte mit den Schultern. „Nein, er richtet Severo her, ich glaube, er will in die Reitarena.“

Athos fuhr sich mit seinem Handschuh über das Gesicht, und zu spät fiel ihm ein, dass der Staub sich vermutlich mit seinem Schweiß vermischte und dunkle Schlieren hinterlassen hatte. Zum Stallburschen gewandt deutete er auf ein vorbeilaufendes Huhn. „Lass nur, wir machen das selbst, ich möchte sowieso gerne mit Aramis sprechen. Sieh zu, dass du d‘Artagnan hilfst, wenn die Mistviecher nicht bald wieder dort sind, wo sie hingehören, dann bekommt Treville wirklich einen Herzanfall.“

„Ja, Monsieur, mache ich!“, antwortete der Bursche und verschwand im Getümmel derer, die noch immer versuchten, das Chaos im Hof einzudämmen.

Porthos verzog missbilligend den Mund. „Wirklich, Athos? Nach sieben Stunden im Stall sollen wir die Pferde selbst versorgen? Ich habe mir meinen Feierabend sicher anders vorgestellt…“

„Ja, wir machen es selbst, hör auf zu jammern.“ Athos’ Gedanken waren bereits wieder bei Aramis. Er war neugierig geworden, denn er wusste, dass Treville einen triftigen Grund gehabt haben musste, wenn er Aramis zu einer Auszeit in den Ställen verdonnert hatte.

„Hey!“

Severo donnerte auf einmal aus der Stallgasse heraus und der Schreck fuhr Athos in alle Glieder. Es war nur der blitzschnellen Reaktion des Hengstes zu verdanken, dass er nicht zwischen zwei Pferdeleiber zermalmt wurde, denn das Tier stoppte abrupt und stieg kerzengerade in die Höhe. Sein eigenes Pferd jedoch riss heftig erschrocken an den Zügeln und machte einen Satz zur Seite, wobei es Athos mitriss. Dies war jedoch sein Glück, denn das Pferd von Porthos hatte seinerseits vor Schreck einen Satz nach vorne gemacht und landete genau auf der Stelle, an der Athos noch eine Sekunde zuvor gestanden hatte.

„Ruhig, Junge, ruhig!“ Athos ließ die Zügel nicht los und einen Moment später stand sein Wallach mit erhobenen Kopf und zitternden Nüstern wie eine Statue neben ihm, dem davon galoppierenden Severo nachblickend. Der Stallbursche rief Severo noch laut nach, aber dieser hörte naturgemäß nichts, sondern preschte den Weg zu den Paddocks entlang, um sich bei seinen Kameraden einzubremsen. Neben ihm hatte mittlerweile auch Porthos sein Reittier wieder unter Kontrolle gebracht.

„Was war das jetzt?“ Der fröhliche Gesichtsausdruck aus Porthos‘ Gesicht war wie weggewischt. „Wo ist Aramis? Er hätte sein Pferd nicht so einfach rennen lassen, oder?"

Athos warf Porthos die Zügel zu und ging sofort um die Ecke in die Stallgasse hinein. „Hier ist er nicht!“

D‘Artagnan tauchte plötzlich wie aus dem Nichts mit hochrotem Kopf neben ihnen auf. „Vielleicht hat Severo sich wegen dem Tumult losgerissen und Aramis ist hinten hinaus, um ihn abzufangen?“

Porthos schlug dem jungen Mann auf die Schulter. „Du bist gut! Wem haben wir das Chaos hier wohl zu verdanken, hm? Glaub’ bloß nicht, dass du hier ungeschoren davon kommst, Welpe.“ Porthos milderte jedoch seine harschen Worte mit einem Augenzwinkern ab.

D’Artagnan fuhr sich über den Nacken und seine Augen wanderten zwischen ihm, Porthos und dem Krawall im Hintergrund hin und her. „Aber wo ist Aramis wirklich?“

Der Junge hatte Recht. Aramis hätte schon längst aus der hinteren Tür bei den Paddocks sein sollen. Athos wusste, dass sein Freund die Arbeit mit dem Pferd sehr ernst nahm und selbst wenn Severo sich unbeabsichtigt losgerissen hätte, dann wäre Aramis bestimmt längst draußen um ihn wieder einzufangen.

Ungeduld stieg in Athos auf. „Ich weiß es nicht! Komm jetzt, Porthos, wir versorgen die Pferde und dann suchen wir ihn, irgendwo muss er ja sein. Und d‘Artagnan bitte, fang endlich die verdammten Hühner ein!“

Das Klappern der Hufe hallte durch den leeren Stall und Athos machte sich nicht die Mühe, seinen Wallach bis zum Putzplatz zu führen. Er wollte so schnell wie möglich fertig sein, also verzichtete er darauf, den Wallach zu striegeln. Schnell hängte er den Sattel auf die kleine Halterung, die dafür vorgesehen war, und nahm ihm das Zaumzeug ab.

„Hast du Heu in der Box?“, rief Porthos zu ihm herüber.

„Nein! Warte, ich hole die Schubkarre und bringe dir auch gleich eines mit.“ Athos schloss die Boxentür hinter sich und ging zum Heuverschlag.

Merde! Verdammt, Porthos, schnell!“

Athos fühlte, wie alles Blut aus seinem Gesicht wich und einen Wimpernschlag lang sein Herz stockte. Sein Verstand weigerte sich zu glauben, was seine Augen sahen. Seine Kehle zog sich zusammen. Seine Lunge hatte Schwierigkeiten, Luft einzuatmen. Aramis lag völlig still im Heu vor ihm. Viel zu still. Athos konnte nicht sehen, ob er noch atmete, aber es würde ihn wundern, wenn es so wäre, denn da war viel zu viel Blut.

Porthos stürmte an ihm vorbei stürmte und fiel neben Aramis auf die Knie. Er suchte fieberhaft an Aramis‘ Hals nach einem Puls. Es kam Athos wie eine Ewigkeit vor, bis die Worte von Porthos zu ihm durchdrangen. „Er lebt! Verdammt, Athos, beweg dich. Er lebt!“ Die Stimme seines Freundes zitterte beinahe mehr als dessen Hände, die Aramis rechte Seite abtasteten und ihn zu sich her zu drehten.

Blitzschnell erwachte Athos aus seiner Schockstarre und legte seine Hand auf Porthos Schulter. „Stopp! Rühr ihn nicht an! Beweg’ weder ihn noch unter keinen Umständen die Heugabel!“

Porthos fuhr erschrocken zurück und sah mit vor Schreck weit geöffneten Augen hoch. „ Aber wir müssen das Ding aus ihm heraus ziehen, er verblutet sonst noch!“

Athos konnte sich nicht vorstellen, wie ein Mensch einen so großen Blutverlust überhaupt überleben konnte, hatte doch die klebrige Flüssigkeit bereits eine Lache unter Aramis gebildet, ganz zu schweigen von dem Blut, das bereits vom Heu aufgesogen worden war. „Nein… doch… später! Wir wissen nicht, welche inneren Schäden die Zinken angerichtet haben. Wenn wir die Gabel entfernen ohne Bandagen für einen festen Verband hier zu haben, dann könnte er augenblicklich verbluten. Im Moment stoppen die Zinken die Blutung.“

"Nein", murmelte Portho und schüttelte den Kopf während seine Hände wieder zurück zur Heugabel wanderten. "Wir müssen sie herausziehen…"

„Stopp, das ist ein Befehl!“

Athos versuchte sich verzweifelt daran zu erinnern, was er über Pfählungswunden wusste, aber sie konnten nicht viel anders zu behandeln sein als Messer- oder Schwertwunden. Und hier lautete das oberste Gebot: Drinnen lassen, bis ein Arzt kommt. Das war das Stichwort. „Porthos, hol auf der Stelle Dr. Boucher und schick d‘Artagnan oder wen auch immer du da draußen erwischt in die Krankenstation. Wir brauchen Bandagen, viele Bandagen, Nadeln und Faden, heißes Wasser, Alkohol!“

Seine ungewohnt laute Stimme alarmierte Porthos, denn er stand sofort auf und tat, wie ihm geheißen.

Mit Aramis alleine zurück bleibend sank Athos sank neben seinem Freund auf die Knie. Als er sanft seine Wange berührte, bemerkte er, wie kalt sie sich anfühlte. Vorsichtig tastete Athos weitere Stellen ab, aber auch sie waren trotz der Tageshitze eiskalt und schweißbedeckt.

Decken! Ich muss dich warm halten!

Er stand schnell auf, zu schnell, denn er taumelte gegen die halbhohe Seitenwand des Heuverschlages und Athos musste schwer schluckend einen kurzen Moment inne halten. Schließlich stieß er sich von der Wand ab, um in die Sattelkammer zu eilen. Dort raffte er drei Pferdedecken und eine Schabracke zusammen und kehrte zu Aramis zurück.

„Hier, mein Freund, gleich wird dir wärmer werden.“ Sanft breitete Athos die Decken über Aramis aus, sorgfältig darauf achtend, dass er die zwei Heugabelzinken, die in Aramis’ Seite steckten, aussparte. Behutsam bettete er den Kopf seines Freundes auf die Schabracke.

„Aramis, komm! Komm, wach auf!“

Immer wieder klopfte Athos leicht an die Wange seines Freundes und rüttelte ihn so sanft er konnte. Tatsächlich begann Aramis sich zu regen, sein Gesicht schmerzerfüllt verzogen und ein leises Stöhnen auf seinen Lippen.

Wo bleiben verdammt noch einmal Porthos und d‘Artagnan?

Athos zog Aramis die Pferdedecke bis zu seinem Kinn und wischte sanft mit der Ecke der Decke kalten Schweiß von der Stirn seines Bruders. Endlich rührte Aramis sich und Athos fühlte die Erleichterung, die ihn durchströmte bis in jede Faser seines Seins.

„Ja, so ist gut, hier bin ich.“ Leise und eindringlich sprach Athos weiter auf Aramis ein und er hoffte von ganzem Herzen, dass seine Stimme Aramis den Weg ins Bewusstsein zurück weisen würde.

Aramis bewegte sich leicht und seine Augenlider flatterten. Einen Moment später sah Athos in schmerzerfüllte, dunkle Augen.

„Da bist du ja!“ Athos zwang sich in der Hoffnung, Aramis einen Anker zu geben, zu einem Lächeln. Die Furcht um seinen Freund ließ einen kalten Schauer über seinen Rücken laufen und als er erneut sanft über Aramis Wange strich, zitterte seine Hand wie an einem Morgen nach zu viel Alkohol.

„’thos...was?“ Aramis Stimme war rau und leise, kaum mehr als ein Flüstern. „Verdammt, es tut so weh!“

„Alles gut, Aramis, ich bin da. Versuche, dich nicht zu bewegen, Hilfe ist unterwegs.“ Athos schaute über seine Schulter zur Stalltür. Merde, wo sind sie nur? Es dauert schon zu lange!

Als er wieder zu Aramis sah, bemerkte er voller Entsetzen, dass Blut über die Lippen seines Freundes rannen. Umständlich holte er sein Taschentuch hervor und begann, die blutigen Mundwinkel abzutupfen. „Du hast dir wohl auf Zunge gebissen, keine Sorge, das haben wir gleich.“

Eine Mischung aus Verwirrung und Schmerz schimmerte in Aramis’ Augen und er schien etwas sagen zu wollen. Athos beugte sich zu ihm hinab und hielt das Ohr an seinen Mund. „Du bist hier?“

Athos strich ihm eine Strähne seines verschwitzten Haars aus der Stirn. „Natürlich sind wir hier!“

Aramis verzog ein klein wenig den Mund, ganz so, als wollte er lächeln, doch stattdessen begann er zu husten. Mehr Blut quoll aus seinem Mund hervor, diesmal dunkler und dickflüssiger. Verdammt, das ist nicht gut!

Das Husten ging in ein tiefes Stöhnen über und Aramis wurde blasser als er ohnehin schon war. Athos legte ohne den Blick von ihm abzuwenden beide Hände auf die Schultern seines Freundes und drückte ihn zu Boden, um dessen zitternden Körper zu stabilisieren. Aramis' Bewegungen wurden ruhiger, aber sein Atem stockte und es schien ihm immer schwerer zu fallen, den Augenkontakt mit Athos zu halten. Schließlich driftete der Kopf seines Freundes zur Seite, seine Augen schlossen sich, und die eisige Angst in Athos wich einer brennenden Panik. Athos’ Magen verwandelte sich in einen Eisklumpen und die Welt stand einen Augenblick lang still.

In Athos erwachte das klamme Gefühl, dass er die letzte Barriere zwischen Leben und Tod seines Freundes war. „Nein, nein, nein, Aramis, bleib bei mir! Komm schon, wage es ja nicht… Verdammt!“

 

Bloody Hay

Severo, hau ab!

Aramis verstand nicht, warum der Hengst nicht aufhörte, ihn mit seinen groben Pferdelippen abzutasten. Langsam aber sicher wurden ihm die Annäherungen des Pferdes unangenehm und er wollte seine Hand heben, um das lästige Tier wegzuschieben. Aber es war, als würde eine zentnerschwere Last ihn niederdrücken.

Wo kommen auf einmal all die Vögel her? Das laute Zwitschern der Schwalben verursachte ihm Kopfweh und der starke Geruch des Heus reizte seine Lunge. Aramis hatte Mühe einen Atemzug nach dem anderen in seine Lungen zu ziehen und während die Pferdelippen immer insistierender wurden, wurde er immer ärgerlicherer. Als der Hengst ihn in die Seite biss, fuhr Aramis hoch und augenblicklich erfasste ihn eine Schmerzwelle, die durch seinen ganzen Körper lief. Aramis stöhnte laut und seine Hand fuhr unwillkürlich zur Quelle seines Schmerzes.

„Aramis, beruhige dich! Halt still, wir helfen dir gleich!“

Seit wann können Schwalben reden? Der Gedanke machte keinen Sinn, die Schmerzen machten keinen Sinn, nichts machte einen Sinn. Aramis kämpfte sich durch seine Qual und zwang sich, die Augen zu öffnen, erstaunt darüber, die besorgten Gesichter seiner Freunde über sich zu sehen. Liege ich etwa?

Athos kniete neben ihm am Boden und legte sachte seine Hand auf seine Brust: „Alles gut, mein Freund, wir sind hier. Atme einfach ein und aus – ja, genau so. Dr. Boucher bereitet alles vor, wir holen gleich die Heugabel aus dir heraus, dann wird es besser werden. Aber du musst jetzt still halten, verstehst du?“

Athos’ Stimme zitterte, seine Augenbraue waren eine Spur enger zusammengezogen als sonst und nur wer ihn wirklich gut kannte, wusste um die Zeichen im ansonsten ausdruckslosen Gesicht. Aramis konnte sich nicht erinnern, wann Athos das letzte Mal so entsetzt gewirkt hatte und beklemmende Angst stieg in ihm hoch. Ein Blick in die Gesichter von Porthos und d‘Artagnan, die ebenfalls beide neben ihm knieten, bestätigten, dass es wohl wirklich übel aussehen musste. Wenn ich nur wüsste, was…?

Die Erinnerung traf Aramis wie ein Blitz: Flügel, Federn, Hund, wuchtiger Pferdekörper, allumfassender Schmerz und tiefe Dunkelheit.

„Merde!“ stöhnte Aramis auf. An sich herab schielend sah er, wie zwei Zinken einer Heugabel in seiner rechten Seite steckten und sein Arm in einer Blutlache lagen. Aramis wurde augenblicklich übel, aber da Erbrechen das Letzte war, was er wollte, setzte er mit zusammengekniffenen Augen und Mund alles daran, die Übelkeit zurück zu drängen. Die kalten Schauer, die unablässig über seinen Rücken waren ein geringer Preis für den Sieg über seinen drängenden Magen.

„Verschwindet alle! Los, raus!“ Trevilles Stimme hallte wie Fanfarenklänge durch den Stall. „Der Arzt braucht Ruhe und Platz zum Arbeiten. Und fangt endlich diese dummen Hühner ein – das ist ein Befehl!“

Das Gesicht seines Hauptmanns erschien kurz über dem Rand der Heubox und blickte zu Athos, Porthos und d'Artagnan und die tiefe Sorgenfalten, die sich auf seiner Stirn gebildet hatte, sprachen Bände. „Da ihr ohnehin nichts als Ärger macht, dürft ihr bei Aramis bleiben.“ Er lächelte Aramis an. „Halte durch, mein Sohn.“

Trevilles Kiefer knirschte und Aramis hatte das unbestimmte Gefühl, dass der Hauptmann mehr sagen wollte, aber er schwieg. Ihm noch einmal aufmunternd zunickend, wandte sich sich ab und folgte seinen Musketieren aus dem Stall ging.

Aramis Blick wanderte weiter zu Porthos, der nun ebenfalls seine Hand auf seine Schulter gelegt hatte und ihm nichts als Halt und Trost versprach. Konstanter Schmerz pulsierte im Rhythmus seines Herzschlags durch den Körper und Aramis biss sich verzweifelt auf die Unterlippe und versuchte, den deutlichen Blutgeschmack zu ignorieren.

Ein ihm unbekannter Mann ließ sich neben Athos auf die Knie. Er öffnete eine schwarze Arzttasche und zog Bandagen sowie mehrere größere und kleinere dunkelbraune Fläschchen heraus. „Aramis, ich bin Dr. Boucher, wir werden nun die Heugabel aus Euch heraus holen.“

Boucher, Metzger, das klingt nicht vielversprechend...

Der Arzt hielt weiterhin den Blickkontakt mit ihm. „Porthos wird Euch zu sich ziehen, Athos und d‘Artagnan werden helfen, Euch über Schultern und Füße herumzudrehen und ich werde die Heugabel herausziehen. Habt Ihr mich verstanden?“

Aramis kniff die Lippen zusammen und nickte, auf das Beste hoffend. Unablässig lief ein Zittern durch seinen Körper und ihm wurde immer kälter. Doch durch all den Schmerz hindurch war Aramis unendlich dankbar, nicht alleine zu sein. Solange seine Brüder bei ihm waren, würde er alles überstehen können, im Augenblick noch nicht Im Angesicht des Unausweichlichen würde ihre Stärke seine Schwäche ausgleichen, und überwinden.

Als Antwort auf seine unausgesprochenen Gedanken fasste Porthos sanft von der Seite her seine beiden Schultern und beugte sich zu ihm herab. Aramis roch den Schweiß seines Freundes, den typischen Geruch von Waffenöl und einen Hauch gebratenen Speck. Bilder von Trainingsübungen und fröhliche Abende, die sie alle zusammen in Pariser Tavernen genossen hatten, zogen an ihm vorbei und Aramis hoffte, noch einmal diese Zeiten mit seinen Brüdern gemeinsam erleben zu können.

Athos legte beide Hände an seinen Rippenbogen und sein Blick gab ihm das Versprechen, ihn nicht zu verlassen, sondern diese Hölle mit ihm gemeinsam zu durchschreiten. „Mach dich bereit! Wir sind hier, wir schaffen das!“

Aramis nickte, krallte seine Finger in Porthos‘ Hemd und drückte sein Gesicht gegen die Brust seines Bruders. Die Bewegung kam blitzschnell. Aramis wurde von Porthos’ starken Armen nach vorne gezogen und ein scharfes Reißen signalisierte ihm, dass Boucher die Heugabel mit einem Ruck heraus zog.

Das war nicht einmal so schlimm!

Erleichterung durchflutete Aramis, sie hatten es geschafft und er lebte noch. Doch nichts hätte ihn auf das Brennen, das sich wie Säure durch seine Seite fraß, vorbereiten können. Er konnte nicht anders, er brüllte wie ein verwundeter Stier, dem mit der espada der Todesstoß versetzt wurde, in Porthos’ Hemd hinein, während explodierende Sterne vor seinen Augen tanzten.

Dr. Bouchers hartnäckige Stimme drang zu seinen schmerzverhangenen Verstand. „Halten Sie ihn fest, ich muss den Alkohol in beide Seiten der Wunden bringen!“

Aramis hätte sich nicht von selbst halten können, doch die starken Hände seiner Freunde übernahmen es für ihn. Er spürte einen massiven Druck auf beiden Seiten seiner Wunde und irgendjemand wickelte einen festen Verband um ihn. Aber alles was für Aramis im Augenblick zählte war die tragende Umarmung seines Bruders und der Wille zu leben. Nur unter heftigem Stöhnen und unendlich langsam schaffte es Aramis, sich wieder zu sammeln, während er voller Wehmut daran dachte, dass er sich vor Kurzem noch gewünscht hatte, dass seine Freunde hier wären. Wie sehr er doch die Umstände ihrer Gemeinsamkeit nun bedauerte...

Als seine Freunde Aramis schließlich wieder auf den Rücken rollten, zitterte er wie Espenlaub, aber der Blick in die Gesichter seiner Brüder versicherte ihm, dass es vorbei war.

Dr. Boucher, der trotz der blutigen Hände ganz und gar nicht mehr wie ein Metzger aussah, lächelte freundlich. „Ich konnte die Blutung soweit stillen, der Druckverband wirkt, aber später werde ich die Wunden noch nähen müssen. Ihr hattet unwahrscheinliches Glück, die Heugabel hat keine inneren Organe verletzte. Möglicherweise hat sie ein wenig die Lunge erwischt, aber da Ihr halbwegs gut atmen könnt, dürfte es nicht so schlimm sein. Ich gebe Euch jetzt auf alle Fälle ein starkes Schmerzmittel und dann werden wir Euch wieder in den Krankentrakt bringen.“

„Aber er hat so viel Blut verloren! Wie kann ein Mensch so etwas überleben?“ D‘Artagnans Stimme klang hohl und er war bleich wie die getünchte Stallwand.

Ein Hauch von Schuldgefühl keimte in Aramis. Wenn ich nur besser aufgepasst hätte...

Dr. Boucher stand auf und wischte sich die Hände einfach in seiner Hose ab. „Ja, das stimmt, er hat viel Blut verloren, aber auf dem Steinboden wirkt es mehr als es in Wirklichkeit war. Er muss in der nächsten Zeit viel Wasser trinken, um den Blutverlust auszugleichen. Es kann auch sein, dass er immer wieder Blut spucken wird, aber auch das ist normal. Macht Euch darüber keine Sorgen, Lungenverletzungen dieser Art heilen schnell. Was mir wirklich Sorgen bereitet ist eine mögliche Infektion der Wunde. Ich werde Euch auf jeden Fall eine Tinktur dalassen, mit der die Wunde drei Mal täglich gespült werden soll – und dann hoffen wir das Beste.“

Aramis hörte, wie der Arzt sich an den Fläschchen zu schaffen machte, während die Schwalben unablässig zwitscherten und geschäftig über ihre Köpfe kreisten. Für sie war die Welt in Ordnung, solange es in der Sommerhitze genug Fliegen für ihren Nachwuchs gab. Und Aramis wusste, dass seine Welt in Ordnung sein würde, solange es wieder laue Sommerabende geben würde, an denen er und seine Brüder sich um nichts anderes zu kümmern brauchten als um die Schärfe ihres Essens und die Trinkbarkeit ihres Weins. Tage wie diese sollten nie enden, nicht wegen ihrer Leichtigkeit, sondern wegen ihrer gelebten Brüderlichkeit. An Tagen wie diesen fühlte Aramis sich nie alleine.

Auch wenn heute die Leichtigkeit des Seins außer Reichweite gerückt war, so hatten seine Freunde dennoch den Weg an seine Seite gefunden. Worte waren entbehrlich und Aramis genoss den Trost ihres beredten Schweigens. Porthos und d'Artagnan lächelten und auch Athos' Augenbrauen waren wieder an ihrem üblichen Platz. Wieder breitete Athos die schweren Pferdedecken über Aramis aus und richtete die Schabracke unter seinem Kopf, bevor er sich neben ihnen auf dem Boden niederließ. Aber es war die Wärme ihrer Freundschaft, die sich über die Kälte seines Schmerzes legte.

„Danke“, krächzte Aramis und schluckte den metallischen Geschmack.

Als Antwort strich Athos eine widerspenstige, schweißnasse Locke aus seiner Stirn und sein Mund verzog sich zu einem seiner raren Lächeln. "Du musst uns niemals danken. Du hast unsere Hilfe gebraucht und hier sind wir. Genau so ist es, nicht mehr und nicht weniger."

D‘Artagnan legte eine Hand auf Aramis’ Knie und nun, da wieder Farbe in das Gesicht des Gascogners zurückgekehrt war, strahlte sein Lächeln wie die Nachmittagssonne, deren tiefe Strahlen durch die kleinen Stallfenster fielen. Porthos ergriff Aramis‘ Hand und drückte sie fest.

„Ahhhh… hör auf, bitte!“ stöhnte Aramis laut auf.

Porthos’ Augen weiteten sich vor Schreck. „Entschuldige, das wollte ich nicht!“

Dr. Boucher alle aus dem Weg, um die linke Hand von Aramis genauer inspizieren zu können. „Oh je, hier sind wohl auch Finger gebrochen.“ Vorsichtig tastete er die einzelnen Glieder ab, was Aramis mit derben Flüchen in mindestens zwei Sprachen quittierte. „Ich sehe schon, Mittelfinger und Ringfinger haben am obersten Glied einen sauberen Bruch. Ich werde sie schienen müssen, in drei Wochen sollte auch das verheilt sein. Für Euch gibt es in nächster Zeit definitiv kein Fingerfertigkeits - Training!“

Aramis hob mit einem Stöhnen den Kopf. "Wie lange?"

Boucher beugte sich mit einem mitleidigen Gesichtsausdruck vor. "Schwer zu sagen. Ihr müsst Eurem Körper die Zeit geben, die er braucht, um zu heilen."

Seufzend ließ Aramis seinen Kopf zurück auf den Boden sinken.

Zeit ist nicht das Problem. Aber allein in der Garnison zurückbleiben zu müssen, dazu verdammt, auf die Rückkehr seiner Brüder zu warten, ohne jede Möglichkeit, sie zu unterstützen – das war das Problem.

Athos knuffte Aramis in die Schulter. "Keine Sorge, auch dafür werden wir eine Lösung finden, mein Freund. Da wir scheinbar sowieso nichts als Ärger machen, wird Treville dankbar sein, wenn wir es eine Weile ruhiger angehen lassen. Außerdem sollte die Waffenkammer aufgeräumt werden und die Pferde brauchen vertragen ebenfalls ein Extra-Training."

Aramis lächelte. Treville würde verdammt sein, wenn er die wichtigsten Missionen nicht seinen fähigsten Männern anvertrauen würde, aber Aramis fand Beruhigung in dem Gedanken, dass seine Brüder alles tun würden, um bei ihm zu bleiben.

In der Zwischenzeit hatte Dr. Boucher seine Tinktur gemischt und trat an Aramis heran. „Ich gebe Euch nun Laudanum, ich nehme an, Ihr als Soldat habt Erfahrung mit dem Mittel?“ Ohne das Nicken seines Patienten oder der anderen Musketiere abzuwarten, trat er zu Aramis hin und deutete Athos, dessen Kopf zu stützen, damit Aramis trinken konnte. „Fünf Schluck reichen für den Anfang, ich habe die Erfahrung gemacht, dass kleinere Dosen in einem engeren Zeitraum besser wirken und verträglicher sind, als wenn man zu viel auf einmal verabreicht. Wenn ich die Wunde nähe, gebe ich Euch die nächsten drei Schluck, in Ordnung?“

Aramis nickte und schloss die Augen. Gott weiß, ich habe mehr als genug Erfahrung mit dem Zeug. Aramis spürte, wie der bittere Saft über seine Zuge rollte und sich wie flüssige Hitze in seinem Magen ausbreitete. Er seufzte. Zumindest würden in wenigen Minuten seine Qualen fürs Erste vorbei sein.

Es dauerte nicht lange, da erfasste Aramis eine tiefe Müdigkeit. Erschöpft schloss er die Augen und hörte die Geräusche um ihn herum wie aus weiter Ferne. Dr. Boucher sammelte bereits wieder klappernd alle seine Utensilien ein, um sie zurück in die Tasche zu stopfen und auch seine Brüder waren aufgestanden. Er hörte, wie die Schubkarre aufgestellt und hinaus in die Stallgasse gefahren und die Heugabeln aufgehoben und gegen die Wand gelehnt wurden. Hoffentlich weit weg von mir.

Die Stimme des Doktors war die erste, die Aramis Dämmerzustand unterbrach. „Nun gut, ich bin hier soweit fertig, Porthos, holt bitte eine Trage, vielleicht eine Tür oder ein dickes Tuch oder eine Decke um Aramis transportieren zu können. D‘Artagnan, sucht gerade, fingerdicke Holzstücke oder Äste, damit ich die gebrochenen Finger schienen kann. Wir treffen uns in Kürze in der Krankenstation. Ich muss Euch vorwarnen, ich werde die Wunde noch einmal spülen müssen, bevor ich sie zunähe. Ich hoffe sehr, dass wir so eine Infektion verhindern können.“

Das Bedauern, das in Bouchers Stimme mitschwang, veranlasste Aramis, seine Augen wieder zu öffnen. Porthos und d‘Artagnan warfen Aramis einen letzten aufmunternden Blick zu, ehe auch sie sich dem Arzt anschlossen und aus dem Stall gingen, um ihre Aufträge zu erfüllen und Aramis war unendlich dankbar, endlich aus diesem Stall in ein vernünftiges Bett gebracht zu werden.

Das Laudanum fing an, seine volle Wirkung zu entfalten und Aramis spürte die vertraute Wärme und das unpassende Glücksgefühl, das nun anstelle der Schmerzen durch seine Venen pulsierte. Sein Atem wurde ruhiger und der Stall erschien ihm auf einmal eine Spur heller als üblich.

Athos sank neben Aramis auf den Boden und lehnte sich schwer an die Boxenwand. Sein Freund fuhr sich müde über das Gesicht und als ihre Blicke sich trafen, seufzte Athos unwillkürlich.

Aramis fuhr sich mit der Zunge über seine Lippen und er hätte gerne seine Hand zu Athos ausgestreckt, aber die bleierne Müdigkeit des Opiats legte sich bereits über seine Glieder und seinen Verstand. „Entschuldige, dass ich dich so erschreckt habe.“

„Du hast mich nicht erschreckt.“ Athos Stimme war rau und leise. „Du hast mich zu Tode erschreckt.“

„Ich verspreche, dass ich das nächste Mal andere Mittel und Wege finden werde, euch an meine Seite zu rufen...“

Athos zog seine Augenbraue hoch. „Nein, das wirst du nicht. Du bist und bleibst meine Bußübung.“ Er stockte einen Moment. "Warte... Ging es dir nur darum? Du wolltest uns hier haben?"

"Nun, ja. Ich hatte nicht geplant, zu solch drastischen Mitteln zu greifen. Es war einfach nur ein schöner Tag und ich hätte ihn gerne mit meinen Brüdern verbracht…"

Aus der Ferne drang ein schrilles Wiehern zu ihnen her. Die Pferde wurden langsam unruhig, sie wollten den Insekten und der Hitze des Tages entfliehen und hatten vermutlich auch Hunger. Bald würden die Stallburschen sie wieder zurück in ihre Boxen bringen und erneut würde Stroh rascheln, hie und da ein Hufschlag gegen die hölzerne Boxenwand und zufriedenes Kauen oder Schnauben zu hören sein und der Stall wäre erneut mit Lebendigkeit gefüllt.

Athos sah sich das blutige Desaster um Aramis herum an. "Wenn du das nächste Mal wieder mehr Zeit mit uns verbringen willst, dann versuche doch einfach Abendessen zu machen… Aber bitte, serviere uns nur keinen Bloody Hay als Aperitiv, das ist nicht besonders appetitlich..."