Das Bad und andere Notwendigkeiten von Percy

Das Bad und andere Notwendigkeiten

Ratlos standen sie unter der alten Eiche am Hoftor.

„Merkwürdig! Der Riß öffnet sich nicht!" Athos betastete den von Efeu bedeckten dicken Stamm des Baumes. „Wir können nicht zurück!"

„Kein Problem! Seid einfach meine Gäste und fühlt Euch wie zu Hause!" Der Freund schien überhaupt nicht beunruhigt. Tatsächlich freute ihn die Aussicht, ein wenig länger die Gesellschaft der Musketiere genießen zu können. Manchmal war das Junggesellendasein eben doch eintönig und er wünschte sich mehr Leben im Haus. Gut, daß er Hund und Ponys hatte, also war er ja gar nicht so einsam. Obwohl deren Fertigkeiten in punkto Gesprächsführung manchmal zu wünschen übrig ließen. (Hatten ihn etwa die Nachbarn oder Spaziergänger vom nahen Feldweg schon mit seinen Tieren Konversationen führen hören? Ach, was sollte es, er war sich bewußt, daß er ein wenig verschroben war.)

„Merci beaucoup, mein Lieber!" Aramis deutete eine galante Verbeugung an. „Unter diesen Umständen sagen wir gerne zu und mißbrauchen Eure Gastfreundschaft ein wenig länger."

Es dämmerte bereits und die Sonne warf lange Schatten durch das Geäst der Zweige.

Ein wenig konnten sie noch den Sommerabend auf der Terrasse genießen. Wein war auch noch genug da......

Der Freund wurde allmählich unruhig. Welche Schlafgelegenheiten konnte, ja sollte er anbieten? Sein Haus war klein, es besaß wenig Zimmer. Die Couch im Wohnzimmer konnte er ausziehen. Nun ja, für zwei Personen war sie nicht allzu breit, aber er hoffte, daß Menschen des 17. Jahrhunderts nicht allzu hohe Ansprüche an die Breite eines Bettes stellen würden.

Ein schmales Gästebett stand in der kleinen Dachkammer, die er Archiv nannte, und wo er sämtliche Buchführungsunterlagen, seine alten Doktorarbeits-Ordner und sonstige Utensilien, die nicht ständig benötigt wurden, aufbewahrte. Hier gab es nur ein kleines Fenster auf dem Niveau des Holzfußbodens. Dieser Raum konnte mit einer Tür geschlossen werden. Ideal für einen Schnarcher, überlegte er.

Dann war da sein eigenes Bett, 1.40 m breit, durchaus geeignet für zwei Personen. Allerdings ebenfalls unter dem Dach, auf einer Empore über dem Wohnraum. In diesen beiden Schlafgelegenheiten war es deutlich wärmer als im Erdgeschoss. Aber auch dies würde seinen Gästen bestimmt wenig ausmachen. Im 17. Jahrhundert war man nicht verwöhnt und Musketiere kannten schließlich die Entbehrungen des Feldlagers.

Im Zwielicht räumten sie die Gläser und Flaschen in die Küche, wobei Porthos bedauerte, keinen Diener zur Hand zu haben und der Freund sich insgeheim beglückwünschte, nicht noch eine Schlafgelegenheit improvisieren zu müssen.

„Nun zur Bettenverteilung!" Der Freund stand mitten im Wohnzimmer wie ein Feldherr, der seine Truppen aufteilt.

„Wer von Euch schnarcht?"

Kurzes Schweigen. Diese Frage war wohl doch sehr uncharmant und allzu direkt gestellt, bedauerte er sofort.

„Ich meine nämlich, daß ich für derartige....Besonderheiten eine wunderbare Lösung habe, die dem....Schnarcher seine Privatsphäre und die übrigen ruhig schlafen lässt....." Er wand sich. Hoffentlich schnarchten nicht alle..... er selbst war überzeugt davon, nicht zu schnarchen. Außer, er war erkältet, oder höchstens ab und zu.......

Athos, Aramis und d'Artagnan sahen zu Porthos. Ihre Blicke hatten eindeutig auffordernden Charakter.

Porthos seufzte und gab zu: „Ich schnarche. Aber nicht viel. Nur etwas. Bin noch nie deswegen wachgeworden....." Seine Stimme wurde immer leiser, während d'Artagnan vergnügt losprustete: „Haha! Seid nicht so bescheiden, mein lieber Porthos! Ihr könntet einer Schar von Holzfällern Konkurrenz machen! Paßt lieber auf die Eiche und den Nußbaum auf, mein Freund, sonst sägt Porthos die in einer Nacht ab!" Der Freund und d'Artagnan wechselten schelmische Blicke und kicherten unisono.

„Also abgemacht: Porthos schläft oben im Archiv!" Aramis atmete hörbar auf: „Gott sei Dank! Das hätten meine empfindlichen Nerven nicht mitgemacht, so ein Konzert bis zum frühen Morgen!"

„Nun bleiben uns zwei Schlafgelegenheiten – für je zwei Personen." Der Freund errötete. Das bedeutete, er würde mit einem anderen Mann im gleichen Bett schlafen. Irgendwie war er da ein wenig genant, stellte er fest. Interessanterweise schien dies seine Gäste überhaupt nicht in Verlegenheit zu bringen. Nun gut, sie waren Franzosen, die hatten ja sowieso eine geringere Hemmschwelle, was Körperlichkeiten betraf.

Er riß sich zusammen: Jetzt war es zu spät für einen Rückzieher! Er hätte vortäuschen können, zu schnarchen und das Gästebett im Archiv nehmen können, aber dann hätte Aramis kein Auge zugetan. Nein, feige wollte er auch nicht sein!

„Dann haben wir einmal die Couch im Erdgeschoss und einmal mein Bett unterm Dach. Beide sind von der Liegefläche gleich, allerdings ist es oben sehr viel wärmer."

„Ha! Ich bin ein Kind des sonnigen Südens! Mir macht Wärme gar nichts aus!" D'Artagnan schlug dem Freund kameradschaftlich auf die Schulter. „Ich schlafe bei Euch in Eurem Bett, wenn es Euch nichts ausmacht!"

„Sehr gut!" Athos klang ausgesprochen zufrieden und blickte Aramis an, der seinerseits behaglich grinste. „Ihr seid sicherlich ein angenehmer Bettgenosse, mon cher Athos!"

Dies ließ den Freund erröten, Athos jedoch nicht.

Rasch waren die Couch ausgezogen, was erneutes Staunen ob des praktischen Aspektes hervorrief, und zusätzliche Kissen und Bettdecken organisiert.

„Jetzt noch schnell Zähne putzen, und dann ab ins Bett!" sinnierte der Freund und steuerte das Badezimmer an. Vier Augenpaare folgten ihm.

„Endlich ein Mann, der es mit der Zahnhygiene ernst nimmt!" sagte Aramis anerkennend. „Ich pflege meine Zähne auch morgens und abends! Habt Ihr genug Zahnhölzer da, mein Lieber?"

Der Freund drehte sich betreten um. Natürlich! Das war ja auch neu! Gut, daß er neulich im Supermarkt den Viererpack Zahnbürsten im Sonderangebot gekauft hatte.

„Wir benutzen keine Zahnhölzer mehr. Kommt mit!"

Er betrat das Bad, holte seine Zahnbürste hervor, gab Zahnpasta darauf und demonstrierte die korrekte Mundhygiene. Sein Zahnarzt wäre stolz auf ihn, das war sicher.

Er gab jedem seiner Gäste eine neue Zahnbürste, die ausgiebig bestaunt wurde, dann putzte sich einer nach dem anderen am Waschbecken die Zähne, denn so viel Platz gab es in dem engen Bad nicht.

Während einer sich der Zahnpflege widmete, besahen die anderen sich den für sie noch unbekannten Raum.

„Was ist das? Ein Badezimmer? Aber hier kann man doch gar nicht baden! Wo ist die Badewanne?" fragte Porthos irritiert.

„Ach, das war ein altes, versifftes Ding von den Vorbesitzern des Hauses. Die hab ich bei der Renovierung rausgeschmissen und durch eine ebenerdige Dusche ersetzt!"

„Und das Wasser holt Ihr draußen vom Brunnen, oder von diesem Waschbecken, oder woher?"

„Nein, es kommt aus dieser Armatur. Also, in den Wänden sind Wasserleitungen verlegt und das hier ist ein Gerät, womit ich Wassertemperatur und Wassermenge einstellen kann. Ich zeige es euch morgen früh gerne."

„Faszinierend, dieses Wasser aus den Armaturen! So bequem!" murmelte Aramis!

„Und was ist das?" fragte d'Artagnan, während er darauf wartete, daß Athos das Waschbecken freigab. „Ein Hocker, auf den Ihr euch setzen könnt, wenn Euch das Zähneputzen allzu sehr ermüdet?" D'Artagnan ließ sich auf das geschlossene WC fallen und verzog das Gesicht. „Kein sehr bequemes Sitzmöbel!"

„Ähem, das, mein Lieber, ist die Toilette!"

„Was? Toilette? Was hat das Ding mit stilsicher Ankleiden und präsentabel Herrichten zu tun?" Aramis war verwirrt. Er war überzeugt davon, sich in diesem Metier bestens auszukennen, und wofür dieses weiße Porzellanoval gut sein sollte, erschloß sich ihm nicht.

Der Freund wand sich. Bis dato hatte sein Besuch und er selbst einfach im weitläufigen, verwilderten Garten die genossenen Flüssigkeiten „weggebracht", wie er es scherzhaft nannte. Insbesondere der Birnbaum, der beim ersten Besuch d'Artagnans nähere Bekanntschaft machen durfte, wurde regelmäßig besucht. Er scherzte schon, daß in diesem Jahr die Birnen besonders davon profitieren müßten. Seinem Besuch aus dem 17. Jahrhundert kam es auch überhaupt nicht seltsam vor, im Garten ihr Wasser zu lassen. Und ehrlich gesagt, hatte er es vermeiden wollen, vier eingefleischte Stehpinkler mit seiner Badkeramik vertraut zu machen. Badputzen gehörte nicht zu seinen Lieblingstätigkeiten, und schon gar nicht für andere Kerle!

„Nun, dies ist ein WC, Wasserklosett, auch Toilette genannt." Verständnislose Blicke.

„Nun gut, bitte erhebt euch, d'Artagnan!"

D'Artagnan stand auf, der Freund klappte den Klodeckel (ohne Klobrille) hoch, alle sahen fasziniert und unschlüssig hinein. Was sie erwarteten, dort zu entdecken, wußte der liebe Himmel!

Der Freund wies darauf und erklärte: „Für Eure Notdurft!" Er hob den Zeigefinger und kam sich etwas oberlehrerhaft vor: „Bitte das kleine Geschäft im Sitzen, s'il vous plaît!"

„WAS? Im SITZEN?" D'Artagnan schaute ihn ungläubig an. „Wieso das denn? Das geht hier doch wunderbar im Stehen!"

„Dann dürft Ihr auch Putzen!" gab der Freund unwirsch zurück. Die beiden funkelten einander an, bis Athos, der sich inzwischen die Sanitärkeramik eingehend angeschaut hatte, einlenkte: „D'Artagnan, mein Lieber, ich denke, unser Freund zieht dies aus physikalischen Erwägungen in Betracht! Schaut nur den Wasserspiegel, wie niedrig er ist! Einfallswinkel gleich Ausfallswinkel lehrt uns die Physik, also wird ein auftreffender Strahl gewiß zu einem Teil zurückgeworfen. Und Fallhöhe beschleunigt, wie Ihr wißt!"

„Natürlich!" log d'Artagnan und kramte verzweifelt in seinem Gedächtnis nach den letzten Fetzen dieser elend langweiligen Physik-Lehrstunden, die ihm sein Vater als Junge aufgebürdet hatte.

„Ich setze mich auch hin.....meistens..." lenkte der Freund ein. „Ich putze nicht gerne. Und wenn ich es nicht täte, würde mein Bad bald stinken wie die Kloake von Paris." Aramis verzog angewidert das Gesicht, Athos nickte verständnisvoll.

Seufzend verließ der Freund das Bad. Er war sich sicher, daß d'Artagnan es trotzdem im Stehen tun würde. Porthos würde die Bitte wahrscheinlich im Eifer des Gefechts vergessen, während Aramis die hygienischen Beweggründe eindeutig verstand und Athos aufgrund der von ihm durchschauten physikalischen Eigenarten von Flüssigkeiten seinem Gastgeber zuwillen sein würde. Nun gut, er hatte hier zumindest eine 50 %-Chance.

Ihm wurde heiß und kalt, als er an die nächste, seiner harrenden Herausforderung dachte: Die Nachtruhe......