Die blonde Frau von xalibur

Von Schwestern und Brüdern

Über die Kindheit von Mylady und die Gründe, die sie zu dem gemacht haben, was sie in den "Drei Musketieren" ist, gibt es hier schon einige Geschichten. Geschichten, mit denen ich mich nie so richtig anfreunden kann, weil ich jemanden wie Mylady in der Realität kenne. Deshalb versuche ich mich mal an einem Gegenentwurf. Das meiste davon ist ebenfalls Spekulation und Phantasie, aber inspiriert von einer realen Person.

Anne wurde als älteste Schwester von jüngeren Brüdern geboren, und das war ihr verhaßtes Schicksal, denn in ihrer Zeit und ihrem Land erbte stets der älteste Sohn. Nur ein Paar ohne männliche Nachkommen hinterließ das Erbe den Töchtern. Anne war zwar die Älteste, aber mit jedem kleinen, schreienden Bündel, das ihre Mutter zur Welt brachte, rückte ihr rechtmäßiges Erbe in weitere Ferne.

Als der erste Bruder auf die Welt kam, war sie vier Jahre alt. Damals schien ihr das Unglück noch nicht so groß. Zwar fühlte sie sich schon damal zurückgesetzt und war eifersüchtig auf die liebende Zuwendung, die ihre Mutter diesem kleinen Etwas schenkte, aber der Vater betrachtete diesen ersten Sohn genau wie sie selbst als unbefriedigend: Sie war ein Mädchen und er hatte ein verkrüppeltes Ohr. Trotzdem war sie nicht glücklich über sein Auftauchen und dachte sich, was so klein ist, kann leicht kaputt gehen, und eines Tages, als sie auf ihn achtgeben sollte, da brachte sie ihn an den Dorfteich und nahm ihn aus seinem Korb. Was sie danach tun wollte, bleibt für immer im Dunkeln, denn es waren Wäscherinnen am Teich, denen das kleine Mädchen auffiel. Die riefen sie an, legten das Kind wieder in sein Körbchen und brachten beide zur Mutter zurück. Danach ließ die Mutter sie nie mehr mit einem Säugling allein.

Und es wurden mehr! Schon das nächste Jahr brachte wieder einen Bruder. Zwei Brüder nimmt das Schicksal nicht so einfach wieder fort. Anne gab den Gedanken auf, ihm dabei nachzuhelfen, und suchte stattdessen nach anderen Möglichkeiten, ihre Wünsche zu befriedigen. Sie suchte die Freundschaft von wohlhabenderen Mädchen und beschwerte sich, das mit jedem Bruder das Stück Fleisch im Teller kleiner wurde. Sie hielt fest an dem beruhigenden Trost, daß Brüder und Männer ganz allgemein die Ursache allen Übels sind, und eine Frau stets kämpfen und dem Mann all das entreißen muß, was ihr eigentlich zusteht.

Anne wollte höher hinaus, wollte etwas aus sich machen. Mit Bewunderung betrachtete sie die Edelfräulein mit ihren manikürten Händen, die sich nicht mit Arbeit schänden mußten. So wollte sie leben, und als sie lansam zur Frau heranreifte, erkannte sie, daß es ihr durchaus gelingen könnte, denn sie fand heraus, daß ihre Schönheit die Männer verwirrte und ihr Macht über sie gab. Sie fand, auch wenn das Schicksal damit nicht wiedergutmachen konnte, was es der Frau an Unrecht tat, so war diese Schwäche der Männer doch eine nützliche Waffe und sie wollte sie nutzen.

Aber erst einmal mußte sie heraus aus dem Haus mit den vielen Kindern, mußte dahin kommen, wo solche Männer verkehrten, wie sie für ihre Träume nützlich wären. Sie dachte, in einer Klosterschule, wo die feinen Fräulein ihre Ausbildung erhielten, würde sie die Freundschaften schließen können, die ihr dazu verhelfen sollten. Also wollte sie in eine Klosterschule gehen. Sie lag ihren Eltern damit in den Ohren, und so fing das Unglück an.

Ihre Eltern machten sich Sorgen über diese spröde Tochter, der es kein ordentlicher Mann rechtmachen konnte. Sie konnten ihr keine große Mitgift geben, denn schließlich mußten sie ja für die Zukunft ihrer Brüder sorgen, und sie hatten ihren Groll gegen die Männer wohl bemerkt. Wovon sie hingegen nichts ahnten, waren Annes Träume, die weit über ihren Stand gingen und von Junkern und Edelmännern erzählten. Sie fürchteten, ihre Anne würde als alte Jungfer enden, und wehe dem Bruder, der sie versorgen müßte.

Als sie nun vom Kloster sprach, da dachten die Eltern bei sich, daß das Kloster vielleicht die Antwort wäre. Einen besseren Ehemann als den Herrn Jesus konnte sie auf Erden nicht finden. Sie würde nicht bei einem Mann liegen müssen, keins dieser ihr so verhaßten kleinen Bündel an ihrem Busen nähren. Sie würde unter Frauen leben, fern von der bürgerlichen Welt, die sie verachtete. Und so schickten sie sie ins Kloster, aber nicht als Schülerin, sondern als Braut Christi, und weil sie nicht von Stand und ihre Mitgift klein war, sollte sie dort den adeligen Chorfrauen dienen, putzen und kochen und bis an ihr Ende all die Dinge tun, die ihr schon zuhause verhaßt waren. Die Mauern, die ihr den Weg in die Welt ebnen sollten, wurden zu einer Sackgasse, einem Gefängnis.