"Die Gräfin de Winter" von Rochefort

"Die Gräfin de Winter"

Paris 1625.
Es war Mai und König Ludwig XIII. gab eines seiner rauschenden Feste in den Tuilerien. Richelieu hatte seinen Stallmeister, Comte Armand de Rochefort, dorthin gesandt um eine chiffrierte Botschaft an einen Kontaktmann weiter zu leiten. Seit der Kardinal 1624 zum Ersten Minister des französischen Königs ernannt worden war, hatten sich Rocheforts Tätigkeiten für den Geheimdienst Seiner Eminenz, zu dessen Leiter er nun im Laufe der Jahre aufgestiegen war, noch einmal gehörig ausgeweitet. Den Grafen störte dies keineswegs – er liebte diese Art von Herausforderungen und setzte seinen ganzen Ehrgeiz daran, jeden Auftrag bestmöglich zu erfüllen.

Der heutige Abend hatte ihn vor keine allzu großen Schwierigkeiten gestellt. Im Gegenteil, schon bald nach seinem Eintreffen hatte sich eine günstige Gelegenheit zum unauffälligen Austausch der Nachricht ergeben, sodass Richelieus Agent nun entspannt den weiteren Verlauf des Festes verfolgen konnte. Zahlreiche hohe und höchste Adelige sowie auch ausländische Gäste waren anwesend. Es lohnte sich also allemal, Augen und Ohren offen zu halten...

Armand war soeben auf die Terrasse am oberen Ende der großen Freitreppe an der Vorderfront des Schlosses getreten um etwas frische Luft zu schöpfen. Noch immer trafen Gäste ein. Viele kamen mit
Absicht etwas später um ihrem Erscheinen mehr Gewicht zu verleihen und die Aufmerksamkeit der bereits Anwesenden auf sich zu ziehen. Der König selbst wurde nicht vor Mitternacht erwartet. Gerade fuhr wieder eine prächtige, wappen-geschmückte und mit vier weißen Pferden bespannte Karosse vor. Die Dame, die ihr entstieg, zog sofort Rocheforts Blicke auf sich. Sie war jung – nicht viel mehr als
zwanzig Jahre alt – und ihm völlig fremd. Eine Zofe und ein Diener begleiteten sie. Wundervolles blondes Haar, zu einer kunstvollen Frisur drapiert, umrahmte ein engelhaft schönes Gesicht mit makellosem Teint und sinnlich geschwungenen Lippen. Ihre Bewegungen waren anmutig und von einer selbstverständlichen Eleganz und die Art und Weise, wie sie dem Kutscher und ihrer Zofe Befehle
erteilte, bewiesen, dass diese junge Schönheit auch Temperament besaß. Sie trug ein prachtvolles meergrünes, reich mit Borten verziertes und mit Perlen besticktes Kleid, dazu erlesenen aber  keineswegs aufdringlichen Schmuck. Nun stieg, nein, schwebte sie die Treppe empor. Da die Zofe währenddessen eine Frage an ihre Herrin richtete, war diese abgelenkt und sah nicht in Armands
Richtung, sodass dieser die Unbekannte weiterhin ungestört betrachten konnte.

Der Stallmeister Seiner Eminenz entsann sich nicht, jemals einer so bezaubernden Frau begegnet zu sein... Sie verschwand im Inneren des Schlosses. Es vergingen einige Sekunden, bevor ihm bewusst wurde, dass er ihr wie ein Idiot mit offenem Mund hinterher starrte – genauso, wie übrigens einige andere Herren auch, die sich mit ihm auf der Terrasse befanden. Von seiner eigenen Reaktion irritiert, schüttelte er leicht den Kopf. Wenn er etwas gelernt hatte, dann sich bei der Ausführung seiner Aufträge niemals von weiblichen Reizen ablenken zu lassen! Doch diese Frau hatte etwas an sich, das er kaum in Worte zu fassen vermochte, eine Art von ... Faszination ... ging von ihr aus, die ihm bisher unbekannt gewesen war...

Sein detektivischer Spürsinn war in jedem Fall geweckt. Er begab sich zurück ins Schloss mit dem Vorsatz, die Schöne möglichst unauffällig im Auge zu behalten und heraus zu finden, wer sie war. Was er in den nächsten Stunden beobachten konnte, bestärkte ihn in seiner Meinung, dass diese Frau mehr als nur außergewöhnlich war – vor allem auch, was ihre Wirkung auf Männer betraf: Ein Augenaufschlag, ein Lächeln, ein paar Worte genügten und selbst Herren, die nicht unbedingt den Ruf genossen, jedem Weiberrock hinterher zu jagen, lasen ihr jeden Wunsch von den Augen ab. Man
forderte sie zum Tanz auf, man bot ihr die besten Bissen des reichhaltigen Buffets an und riss sich darum, mit ihr zu plaudern. Und dabei erweckte sie nicht einmal den Eindruck besondere Aufmerksamkeit erregen zu wollen. Wohl schien sie bestrebt, die eine oder andere Bekanntschaft zu knüpfen, doch drängte sie sich dabei niemals in den Vordergrund und mied sogar sehr bewusst
die unmittelbare Nähe zum König und dessen Gefolge, als dieser eingetroffen war. Sie verhielt sich wie jemand, der zuerst das Terrain sondieren möchte, bevor er sich zu einem Vorstoß in die eine oder andere Richtung entscheidet. Auch schien sie ein sehr feines Gespür dafür zu haben, wenn jemandes Blick auf ihr ruhte. Denn obwohl Rochefort sich größte Mühe gab, sie diskret und vorsichtig zu beschatten, hatte er doch ab und zu den Eindruck, dass sie verstohlen in seine Richtung blinzelte und seine Absicht sehr wohl durchschaute.

Als das Fest sich dem Ende zuneigte, hatte Armand heraus gefunden, dass es sich bei der bemerkenswerten Schönheit um die Gräfin Charlotte de Winter handelte, die nach dem Unfalltod
ihres englischen Gatten trotz ihrer Jugend bereits Witwe war. Sie selbst schien französischer Abkunft zu sein und hatte über einen französischen Verwandten ihres verstorbenen Gemahls eine Einladung zu diesem Fest erhalten. Über einen Diener, der für den Stallmeister seiner Eminenz als Informant arbeitete, fiel es diesem auch nicht schwer in Erfahrung zu bringen, wo in Paris die Gräfin logierte. Rochefort war zufrieden und beschloss, dem Kardinal bei nächster Gelegenheit von dieser Frau zu berichten. Vielleicht konnten seine Beobachtungen ja in irgendeiner Weise von Nutzen sein...

Gespräch im Garten

span style="color: #000000;">Zwei Männer schritten die sorgfältig gepflegten bekiesten Wege im Garten des Palais Cardinal entlang. Auch wenn er im Moment nicht seine Staatsrobe trug, sondern eine etwas schlichtere aber für einen Spaziergang weitaus praktischere Soutane, so war doch an der scharlachroten Farbe des Kleidungsstückes unschwer zu erkennen, wen man vor sich hatte: Kardinal Armand-Jean du Plessis de Richelieu, Erster Minister seiner Majestät König Louis XIII. von Frankreich. Zum Schutz gegen die bereits spürbare abendliche Kühle hatte er um seine Schultern einen ebenfalls roten, mit Zobelpelz verbrämten Umhang gelegt. Eine heftige Erkältung hatte ihm erst vor kurzem arg zugesetzt und immer noch überkamen ihn höchst unangenehme Hustenanfälle – so wie gerade eben wieder.

span style="color: #000000;">Sein Begleiter, der Seiner Eminenz gerade etwas Interessantes zu berichten schien, hielt inne und warf ihm einen besorgten Blick zu. „Monseigneur, wollt Ihr nicht doch lieber ins Haus zurückkehren? Ihr seid noch nicht ganz wieder hergestellt.“ Richelieu machte eine abwehrende Geste. „Nein, das geht schon. Die frische Luft tut mir gut und der Mantel ist warm.“ Er steuerte eine von der Abendsonne beschienene Bank an und ließ sich darauf nieder. Sein Begleiter setzte sich ohne jede Förmlichkeit oder eine Erlaubnis abzuwarten neben ihn. Die ganze Szene hatte etwas sehr Vertrautes. Einen imaginären Beobachter hätte es wohl verwundert, dass es jemand in der Gegenwart des gefürchteten Ersten Ministers von Frankreich wagte, sich so zwanglos zu betragen.

span style="color: #000000;">Der – bis auf den Spitzenkragen und die Manschetten seines Wamses – schwarz gekleidete Edelmann hatte nun offenbar seinen Bericht beendet. „Ihr habt einen guten Blick für Menschen“, meinte der Kardinal nach einigen Augenblicken nachdenklichen Schweigens. „Diese Frau scheint in der Tat eine ganz außergewöhnliche Ausstrahlung zu haben. Ihr habt recht damit, dass es von Nutzen sein könnte, mehr … Robyn!! Hör‘ sofort auf damit!!“ Seine Eminenz versuchte nach etwas zu greifen, das sich anscheinend unter der Bank befand. „Schluss damit! Lass‘ den Unfug!“ rief nun auch der Edelmann, sprang auf und zog ein sich sträubendes, hellgraues Fellbündel mit übergroßen Pfoten und vorwitzig dreinblickenden Augen unter der Bank hervor, das sich bei näherem Hinsehen als ein vielleicht 12 Wochen alter Irish Wolfhound-Welpe entpuppte. Der kleine Racker hatte sich offenbar in der hinter der Bank befindlichen Hecke verborgen, um dort auf Opfer für sein derzeit liebstes Spiel zu lauern, nämlich seine nadelspitzen Milchzähne an Knöcheln und Waden nichtsahnender Zweibeiner zu erproben. Dass es sich dabei in diesem Falle um die Knöchel des hochwürdigen Kardinals Richelieu handelte, schien ihn nicht im Mindesten zu stören! Und noch viel weniger schien er einzusehen, warum er nun auch noch zurechtgewiesen und angeleint wurde. Nach einigen vergeblichen Versuchen, sich zu befreien, ließ er sich schließlich mit einem resignierten Seufzen neben der Bank zu Boden sinken. Die Welt war ungerecht!

span style="color: #000000;">„Diese vierbeinige Plage hat mir gerade noch gefehlt“, knurrte Seine Eminenz missbilligend. „Ihr hättet ihn in England lassen sollen, Rochefort. Die verrückten Pferde, die Ihr immer wieder anschleppt, um sie auszubilden, bleiben wenigstens in den Stallungen, aber dieses Untier bringt meinen ganzen Haushalt durcheinander.“ Das schlechte Gewissen seines Stallmeisters schien sich in Grenzen zu halten, im Gegenteil, Richelieu meinte da sogar ein amüsiertes Funkeln in den Augen des Grafen zu entdecken. Vor einer Woche hatte Rochefort den Welpen mitgebracht und seither erfüllte Robyn wann immer er anwesend war die Gemächer des Palais mit heiterer Lebendigkeit. Und im Grunde, dessen war sich sein Stallmeister sicher, hatte der Kleine längst das Herz des Kardinals erobert…

span style="color: #000000;">„Was ich vorhin sagen wollte – “, fuhr Richelieu nach dieser Unterbrechung fort, „es könnte von Nutzen sein, mehr über diese Gräfin de Winter in Erfahrung zu bringen. Was sind die Gründe für ihren Aufenthalt in Frankreich? Hat sie vor, länger hier zu bleiben? Verfolgt sie bestimmte Ziele? Gibt es Leute, mit denen sie häufig Kontakt pflegt? Und so weiter. Überprüft das.“ Rochefort nickte: „Ich habe bereits damit begonnen und werde auch in England Erkundigungen über sie einziehen.“ Der Graf wirkte nachdenklich. „An diesem Abend in den Tuilerien habe ich mir vorzustellen versucht, was diese Frau erreichen kann, wenn sie sich ihrer Wirkung auf Männer ganz gezielt bedient… und ich bin mir ziemlich sicher, dass sie sich dieser ihrer Macht voll bewusst ist und sie auch einsetzt – trotz dieses Hauches von Unschuld, mit dem sie sich zu umgeben bemüht war. Wenn es uns gelingen würde, sie auf unsere Seite zu ziehen – – Das Heikle an der Sache ist: Sie könnte genauso gut eine englische Spionin sein.“

span style="color: #000000;">Die Miene Seiner Eminenz verdüsterte sich bei diesen Worten. Es stand nämlich ein bedeutsames Ereignis unmittelbar bevor, ein Ereignis, das die Beziehungen zwischen Frankreich und England entscheidend beeinflussen und verändern konnte: die Vermählung der französischen Prinzessin Henriette, einer jüngeren Schwester von König Louis, mit dem englischen König Karl I. Der Kardinal hatte zäh daran gearbeitet, diese Verbindung zustande zu bringen, in erster Linie um zu verhindern, dass bei den Heiratsplänen des englischen Herrschers eine Kandidatin aus dem feindlichen Spanien zum Zuge kam. Doch diesseits wie jenseits des Kanals gab es nicht nur Befürworter dieser Ehe, sondern genügend einflussreiche Personen, die bis zuletzt versucht hatten, die Heirat zu hintertreiben. Hatte jemand von ihnen diese Lady de Winter womöglich damit beauftragt, irgendeine Intrige zu spinnen, die die Hochzeit im letzten Augenblick platzen lassen sollte? In wenigen Tagen würde eine englische Delegation unter der Leitung von George Villiers, Duke of Buckingham, dem Ersten Minister von König Karl, in Paris eintreffen, um die Braut in Empfang zu nehmen und nach England zu geleiten. Unangenehme Überraschungen konnte Richelieu also im Moment ganz und gar nicht gebrauchen.

span style="color: #000000;">Sein Geheimdienstchef schien seine Gedanken zu erraten. „Aber wenn dem so sein sollte, dann wird es ihr nicht gelingen, Schaden anzurichten. Ich kümmere mich darum.“

 

 

Erste Schritte

Charlotte de Winter war zufrieden mit sich selbst. Endlich hatte sie in
Paris Fuß gefasst. Auch wenn sie bemüht gewesen war, hinsichtlich des
„vorzeitigen unglückseligen Dahinscheidens“ ihres englischen Gattens alle
Eventualitäten in Betracht zu ziehen und die Geschehnisse so zu arrangieren,
dass kein Verdacht auf sie fiel, so hatte sie es für ratsam gehalten, England
vorerst einmal auf unbestimmte Zeit zu verlassen. Finanziell war sie
hinreichend abgesichert, denn Lord Winter war äußerst wohlhabend gewesen –
andernfalls wäre es ihr auch gar nicht eingefallen, ihn als ihren Gemahl zu
wählen! – und als seine Witwe bezog sie immer noch die Einkünfte aus seinen
Gütern.

Das Glück war ihr weiterhin hold gewesen, als sie erfahren hatte, dass in
einem der vornehmsten Viertel der Stadt, auf der Place Royal ein elegantes
Stadthaus zum Verkauf stand. Es war ihr nicht schwer gefallen, den Besitzer,
einen betagten Marquis, der beschlossen hatte, seinen Lebensabend auf seinem
Familiensitz auf dem Lande zu verbringen, davon zu überzeugen, sie den anderen Interessenten vorzuziehen… So hatte sie schon nach kurzer Zeit ihr
provisorisches Logis bei den Verwandten ihres verstorbenen Gemahls gegen diese komfortable und standesgemäße Residenz tauschen können. Auch überwältigte sie der Hof mit seinen zahlreichen Festivitäten. Dazu gesellten sich immer mehr Einladungen von vorwiegend adeligen männlichen Bekanntschaften. Zum Schein nahm sie diese nur sehrzögerlich an, war sie doch auf ihren guten Ruf bedacht.

Als großen Erfolg verbuchte sie es auch, dass sie schon zwei Wochen nach ihrer Ankunft in den berühmten „Salon Rambouillet“ eingeladen wurde. Die Schirmherrin des Salons de Rambouillet, war Catherine de Vivonne,
Marquise de Rambouillet, eine der am meisten beachteten Damen der Pariser
Gesellschaft. Ihr Salon gab zu dieser Zeit die Trends in Musik, Dichtkunst,
Mode und gutem Geschmack. Was den Damen des Salons de Rambouillet gefiel, waren vogue!

Eine einzige Tatsache jedoch gab es, die Charlotte etwas beunruhigte: Man beobachtete sie! Sie hatte gelernt, ein feines Gespür für solche Dinge zu entwickeln und sie war sich ganz sicher, dass sie sich nicht
irrte. Die Gräfin war es gewohnt, Aufmerksamkeit zu erregen, alle Blicke auf
sich zu ziehen und in Gesellschaft im Mittelpunkt zu stehen. Doch sie konnte
sehr gut zwischen dieser Art Aufmerksamkeit und einem gezielten Versuch sie
auszuspionieren unterscheiden! Zwar hatte sie bis jetzt nie eine konkrete
Person ausmachen können, auf der ihr diesbezüglicher Verdacht ruhte, doch es
hatte immer wieder Situationen gegeben, in denen sie sich sicher war bespitzelt
zu werden. Der Mann in der Toreinfahrt schräg vis-a-vis, dessen Gesicht im
Halbdunkel nicht zu erkennen war, hatte dort nicht zufällig gestanden, als sie
ihr Haus am Place Royale verließ. Und sie hatte sich auch sicher nicht eingebildet, dass bei manchen Abendgesellschaften dieser oder jene Dienstbote etwas länger in ihrer Nähe verharrte, während sie gerade ein Gespräch führte, als es zum Entzünden der Kerzen oder zum Nachschenken des Weines notwendig gewesen wäre. Sie begann zu überlegen, wann das begonnen hatte. Systematisch ging sie in Gedanken die Tage seit ihrer Ankunft in Paris durch – – ja, doch, sie erinnerte sich! Das Fest in den Tuilerien! Dort hatte sie das erste Mal das Gefühl gehabt, dass jemand sie beobachtete. Leider hatte sie denjenigen nie genauer ins Auge fassen können. Wenn sie jetzt zurückdachte, so gewann sie sogar den Eindruck, dass dieser Edelmann, der immer wieder verstohlen in ihre Richtunggeblickt hatte, bewusst ihre Nähe meiden wollte. Sie erinnerte sich nur, dass er damals ein Gewand von bordeauxroter Farbe getragen hatte, dass er groß, schlank und sein Haar dunkel war. Doch das waren zu wenige Anhaltspunkte, um gezielt nach ihm zu forschen. Und durch Fragen Aufmerksamkeit erregen wollte sie nicht.

 

Sie überlegte, ob sie einen Fehler begangen, irgendetwas
getan hatte, was diese unerwünschten Versuche, ihr nachzustellen ausgelöst
haben könnte. Doch ihr fiel nichts ein. Bis auf die Tatsache, dass sie
Engländerin war. Denn trotz der ausgehandelten Eheverbindung waren lange nicht alle Ressentiments zwischen den beiden Königreichen ausgeräumt und das beide versuchten, durch Spionage möglichst viel über die Pläne des jeweils anderen zu erfahren, war nicht weiter ungewöhnlich. Zudem war nun der Herzog von Buckingham schon seit fast einer Woche in Paris und seine glanzvollen Auftritte waren Tagesgespräch bei Hofe wie auch bei der Pariser Bevölkerung. Und mit seinem exaltierten und selbstherrlichen Gehabe hatte er sich nicht nur Freunde hier gemacht…

Mylady runzelte leicht verstimmt ihre schöne, blasse Stirn,
als ihr diese Gedanken durch den Kopf gingen, während sie im Salon ihres Hauses auf einem mit feinster Seide bespannten Diwan ruhte. Vielleicht wäre es besser gewesen, erst nach Paris zu kommen, nachdem dieses ganze Hochzeits-Tam-Tam vorbei war … andererseits … es war ihr ratsam erschienen, England so bald als möglich hinter sich zu lassen. Hier in Frankreich sollte ihre Zukunft liegen, nicht auf dieser feuchten, nebeligen Insel. Die Heirat mit Lord Winter war eine Notwendigkeit gewesen, um sich eine neue Existenz aufzubauen, doch nun war sie frei und wollte ihr Leben nach ihren Vorstellungen gestalten. Ihre Lippen kräuselten sich leicht in einem verächtlich-spöttischen Lächeln, als sie sich ausmalte, wie leicht es ihr fallen würde, sich auch hier wieder einen der zahllosen wohlhabenden Herren zu angeln, die nur nach ihrem schönen Körper gierten… Aber nein, das war es nicht, was sie wollte. Schließlich konnte sie nicht jeden Ehegemahl nach kurzer Zeit verschwinden lassen. Irgendwann würde trotz aller Vorsicht der Verdacht auf sie fallen. Sie wusste noch nicht genau, wie sie ihr künftiges Leben hier gestalten wollte, aber es würde sich ein Weg auftun, dessen war Charlotte sich sicher. Sie war schon immer gut darin gewesen, Chancen, die sich ihr boten, zu erkennen und zu ergreifen. Was sie dabei allerdings ganz und gar nicht brauchen konnte, war, dass man sie festsetzte, weil man sie für eine englische Spionin hielt.

Was also war zu tun? Sich in ihrem Haus zu verstecken kam
nicht in Frage – damit würde sie sich erst recht verdächtig machen. In allen
Gesprächen hatte sie sorgfältig irgendwelche verfänglichen politischen
Äußerungen vermieden. Sie zeigte sich informiert und interessiert, vor allem an
diversem Hofklatsch, der in Umlauf war, doch sie bezog niemals Stellung. Was
gingen auch eine Lady, die hier war um das Leben zu genießen, irgendwelche
politischen Querelen an? Sie vermied es sorgfältig den Anschein zu erwecken,
dass sie einer bestimmten Partei bei Hofe – der royalistischen, der
kardinalistischen oder auch der von Königin Anna – in irgendeiner Weise den
Vorzug gab. Sie pflegte Kontakte in alle Richtungen und nahm gesellschaftliche
Einladungen von unterschiedlichsten Personen an, egal welcher Fraktion sie angehörten.

Nein, sie war sich keiner Unachtsamkeit bewusst und sie
würde daher auch an ihren momentanen Gewohnheiten nichts ändern. Es würde sich schon noch herausstellen, wer da so auffallendes Interesse an ihr hatte. Vielleicht erspähte sie ja jenen Edelmann aus den Tuilerien irgendwo und dann würde sie herausfinden, wer er war. Sie war sich sicher, dass der Schlüssel zu dem Rätsel bei ihm zu finden war…

 

Die Gärten von Amiens Teil 1

Indessen hatte der Geheimdienstchef Seiner Eminenz keine Zeit sich persönlich um die geheimnisvolle Engländerin zu kümmern. Die Vorgänge rund um die englisch-französische Hochzeit hatten Vorrang vor allem anderen und
Richelieu wünschte, dass er das Netz an Agenten und Informanten, mit denen er die daran beteiligten hohen Herrschaften umgeben hatte, persönlich koordinierte und alles von Belang sofort an ihn weiter leitete.

Prinzessin Henriette hat ihre Reise in Richtung der englischen Heimat ihres königlichen Gemahls bereits angetreten. Begleitet wurde sie dabei von Königin Anna, der Königinmutter Maria de Medici und natürlich der englischen Delegation unter Führung des Herzogs von Buckingham. Die französische Hofgesellschaft wollte ihr bis zur Küste das Geleit geben. Rochefort hatte sich ebenfalls auch den Weg gemacht, jedoch nicht offen im Gefolge der Prinzessin, sondern der Reisegesellschaft in einigem Abstand heimlich folgend. Er war zu bekannt bei Hofe; wenn er spionieren wollte, musste das unbemerkt geschehen. Seine offensichtliche Anwesenheit würde all jene, die er beobachten wollte, warnen und zur Vorsicht mahnen. Der Stellvertreter des Stallmeisters von Maria de Medici, welcher im Solde des Kardinals stand, leitete dem Grafen die Mitteilungen der diversen Spitzel weiter und umgekehrt konnte Rochefort ihnen auf diesem Wege neue Anweisungen zukommen lassen. 

In erster Linie war es der Herzog von Buckingham, der fast täglich für neuen Gesprächsstoff sorgte. Seine schwärmerische, über jedes schickliche Maß bei weitem hinaus gehende Verehrung für Königin Anna erregte zunehmend den Unmut Seiner Majestät und auch Richelieu fand dieses Verhalten des englischen Premierministers schlichtweg inakzeptabel – was diesen aber nicht im Mindesten zu kümmern schien! Und Rochefort selbst hatte spätestens nach jenem Zwischenfall bei Hofe eine ausgeprägte Abneigung gegen den
großsprecherischen Herzog entwickelt.

Es war bei einem der ersten Empfänge gewesen, die der König für die englische Delegation im Louvre gegeben hatte. Der Stallmeister des Kardinals hatte seinen Herrn dorthin begleitet und irgendwie schien Rochefort im Verlauf des Abends den Unmut Buckingshams erregt zu haben. Vielleicht lag es daran, dass er nicht einmal den Versuch machte zu verbergen, dass er sich von dem großartigen Auftreten des Herzogs, der zu erwarten schien, dass ihm alle
Welt in uneingeschränkter Bewunderung zu Füßen lag, nicht im Mindesten
beeindrucken ließ. Wie dem auch sei – jedenfalls schlenderte der Herzog wie
zufällig vorbei, als sich Rochefort gerade in angeregter Konversation mit der
Marquise de Rambouillet und einigen Mitgliedern ihres Salons befand und
gesellte sich zu ihnen. Geschickt brachte er das Gespräch auf das Thema Mode
und deren Stellenwert um dann ganz beiläufig die Bemerkung fallen zu lassen:

„Es ist doch zu schade, dass man einen eleganten Kavalier wie Monsieur le Comte de Rochefort immer nur in traurigem Schwarz sieht.“

(Dazu muss man wissen, dass der Graf, vor allem bei Hofe, schwarze Kleidung bevorzugte. Es war seine Art, sich vom Rest der meist papageienbunt gekleideten Schar der Höflinge abzuheben und zu signalisieren, dass er es absolut nicht für notwendig erachtete, sich irgendwelchen Modediktaten zu unterwerfen.)

„Würdet Ihr in meinen Diensten stehen, so seid versichert, dass Ihr es Euch leisten könntet, jeden Tag nach der neuesten Mode gekleidet zu sein.“

Der Angesprochene hob leicht die Augenbrauen und musterte den Herzog demonstrativ von seinen sündhaft teuren, mit aufwendigen Schnallen
geschmückten Schuhen über die seidenen Strümpfe bis zu seinem
juwelenverzierten, über und über mit Schleifen und Bändern verzierten Wams.

„Monsieur le Duc“, erwiderte er sodann sanft mit einer spöttischen kleinen Verbeugung. „Eure Sorge um mein Wohlergehen rührt mich zutiefst.“ Die Worte des Grafen troffen förmlich vor Ironie. „Mir ist bewusst, dass es Leute gibt, die ihrer Kleidung einen übertriebenen Stellenwert beimessen – wohl um damit von gewissen Unzulänglichkeiten ihres Charakters abzulenken.“ Letzteren Teil des Satzes hatte Rochefort bewusst sehr betont gesprochen und blickte dabei dem Engländer direkt und herausfordernd ins Gesicht, um nach einer winzigen Pause fortzufahren: „Da ich mich selbst aber nicht zu selbigen zähle, so seid versichert, dass ich mit meiner momentanen Situation voll und ganz zufrieden bin.“

Die Umstehenden hielten den Atem an und Buckingham wurde erst blass, dann schoss ihm die Zornesröte ins Gesicht. Man sah ihm überdeutlich an, dass er den Unverschämten am liebsten geohrfeigt hätte, doch das wagte hier vor versammelter Hofgesellschaft nicht einmal er. „Ich werde es mir merken, Monsieur de Rochefort“, gab er dann in vor Wut leicht gepresstem Tonfall zurück. Und sich zu dem Grafen neigend, fügte er gefährlich leise hinzu: „Und ich werde mir Euch merken.“

„Herzogliche Durchlaucht, es ist mir die allergrößte Ehre, einen dauerhaften Platz in Euren Gedächtnis gefunden zu haben.“ Falls dies überhaupt noch möglich war, so hatte sich der Spott in Rocheforts Stimme noch vertieft.

Just in dem Augenblick bat der Zeremonienmeister die anwesenden Gäste zum Tanz, was Buckingham dazu nützte, sich mit einer brüsk-arroganten Bewegung von seinem Kontrahenten abzuwenden. Mit vollendeter Eleganz verbeugte er sich vor einer hübschen jungen Vicomtesse, die ihm schon die ganze Zeit schmachtenden Blick zugeworfen hatte, und geleitete sie auf die Tanzfläche.

Der Stallmeister Seiner Eminenz blickte ihm hinterher und man hatte den Eindruck, dass er Mühe hatte, nicht in ungebührlich schallendes Gelächter auszubrechen. Die Marquise de Rambouillet schlug ihm tadelnd mit dem
Fächer auf den Arm. „Also wirklich, Monsieur le Comte, war das nicht etwas
leichtfertig, sich den Herzog so zum Feind zu machen?“ Der Graf zuckte die
Schultern. „Und wenn schon… das musste einfach sein. … Erweist Ihr mir die Ehre dieses ersten Tanzes?“

Tags darauf stand dann in aller Morgenfrühe ein englischer Edelmann vor dem Stadthaus des Grafen und wünschte Rochefort zu sprechen. Als ihn dieser in den Salon gebeten hatte, entledigte er sich sogleich seines Auftrages: Seine fürstlichen Gnaden, der Herzog, würden ihn heute Abend bei Sonnenuntergang hinter dem Luxembourg erwarten, um einen gewissen Vorfall am vergangenen Abend so zu bereinigen wie es sich für Kavaliere geziemte. Er möge einen Sekundanten seiner Wahl mitbringen. Der Stallmeister seiner Eminenz hatte ihn ruhig angehört, um ihm dann mitzuteilen, dass es ihm unendlich leid tue, der Einladung des Herrn Herzogs nicht Folge leisten zu können, aber es gäbe in Frankreich gewisse königliche Edikte, die ein Stelldichein dieser Art untersagen würden - als treuer Untertan seiner Majestät könne er sich einen derartigen Gesetzesbruch keinesfalls leisten. Die Miene des Engländers sagte alles darüber, was er von dieser Antwort hielt, doch den Grafen schien dies nicht weiter zu kümmern und er entließ seinen frühen Besucher mit kühler Höflichkeit.

Rochefort hatte die eben geschilderten Szenen vor seinem geistigen Auge, als er in seiner Kammer in einem der Gasthöfe von Amiens saß und auf Nachricht von seinen Informanten wartete. Verrückter Engländer! Wenn er so weiter machte, würde er es wirklich noch schaffen, einen handfesten Skandal
und eine diplomatische Krise zwischen England und Frankreich herauf zu
beschwören… Der Graf schritt unruhig im Zimmer auf und ab. Vor dem Abend wurde es vermutlich sowieso keine Neuigkeiten geben und er hasste es, untätig zu sein. Warum also nicht versuchen, ob man nicht doch auch selbst ein paar Dinge in Erfahrung bringen könnte. Das Wetter war sonnig und mild – wie geschaffen für einen Spaziergang. Die Hofgesellschaft würde sich sicher gerade in den weitläufigen Gärten des Schlosses von Amiens tummeln. Da gab es unter Garantie das eine oder andere interessante Gespräch zu belauschen…

Kurz entschlossen verließ er den Gasthof und machte sich auf den Weg durch die Stadt in Richtung seines Zieles. In der schlichten Kleidung eines einfachen Stadtbürgers fiel er im Menschengewühl der durch die Anwesenheit der hohen Gäste hoffnungslos überfüllten Stadt nicht im Geringsten auf. Während des Gehens überlegte er, wie er am besten unbemerkt in die Gärten gelangen könnte, denn natürlich wurden auch diese gut bewacht, um die Sicherheit
der adeligen Herrschaften zu gewährleisten. Sein Blick fiel auf zwei
aufgeweckte Straßenjungen, die lautstark ihre Dienste beim Schuhe Putzen oder
für einen Botengang anboten und ihm kam eine Idee…

Etwa eine halbe Stunde später befand sich der Graf nahe der rückwärtigen Mauer der Gärten. Entlang dieser Mauer führte ein Karrenweg, jenseits des Weges erstreckte sich ein kleines Wäldchen, das dem Agenten Seiner Eminenz Deckung genug bot, um auf seine Gelegenheit zu warten. Die beiden Burschen waren Feuer und Flamme gewesen, als er ihnen weis gemacht hatte, dass er eine Liebste unter den Hofdamen der Königin hätte und nun eine Möglichkeit
finden müsse, unbemerkt in die Gärten des Schlosses zu einem Stelldichein mit
ihr zu gelangen. In erster Linie ausschlaggebend für ihren Eifer waren aber
natürlich die Münzen gewesen, die ihnen Rochefort als Belohnung in Aussicht
gestellt hatte. So viel, wie ihnen dieser Fremde versprochen hatte, würden sie
sich ansonsten nicht einmal in einer Woche verdienen können! Wohlweislich hatte Armand ihnen jedoch vorerst einmal nur die Hälfte der Summe als „Anzahlung“ gegeben, den Rest würden sie erst bekommen, wenn sie ihre Aufgabe zufriedenstellend ausgeführt hatte.

Die beiden königlichen Musketiere beobachtend, die an der Mauer entlang patrouillierten, harrte Rochefort seiner jungen Helfer – und da bogen sie auch schon um die Ecke, lautstark miteinander streitend! Einer schubste den
anderen und im Nu war eine handfeste Rauferei im Gange. Ärgerlich blickten die Musketiere zu den Störenfrieden. „He, was soll das!“ rief einer von ihnen.
„Macht, dass ihr weiterkommt!“ Doch die Jungen schienen ihn gar nicht zu hören. Schließlich riss sich der Kleinere los und versuchte wegzulaufen, der Ältere hob einen Stein auf und schleuderte ihn dem Verlierer nach. – Doch das
Wurfgeschoss verfehlte den Burschen und erwischte stattdessen den in einiger
Entfernung dahinter stehenden Musketier. „Verdammter Lausebengel!“ schimpfte der Getroffene wütend. „Das reicht jetzt. Du brauchst wohl eine Tracht Prügel!“ Er stürmte los; der zweite Musketier blieb stehen, blickte jedoch in Richtung seines Kameraden, um zu sehen, ob er der Störenfriede habhaft werden konnte.

Diese kleine Ablenkung reichte Rochefort. Mit ein paar schnellen Sprüngen war er bei der Mauer, zog sich hoch und glitt an der anderen Seite im Schutze einiger Büsche wieder herab.

 

Die Gärten von Amiens - Teil 2

span style="color: #000000;">Vorsichtig jede Deckung nutzend, bewegte sich Rochefort tiefer in die Gartenanlage hinein. Sie war prachtvoll gestaltet – kunstvolle Heckenlabyrinthe, verträumte Lauben und Wandelgänge wechselten mit üppigen, in geometrischen Mustern angelegten Blumenbeeten. Dazwischen spendeten plätschernde Springbrunnen angenehme Kühle und marmorne Statuen, die Figuren und Szenen aus der griechischen Mythologie darstellten, verliehen den Gärten einen leicht mystischen Zauber.

span style="color: #000000;">Wie der Graf vermutete, hatte die wärmende Frühlingssonne viele dazu verlockt, diesen herrlichen Mainachmittag im Freien zu verbringen. Auf einer Wiesenfläche ergötze sich eine Gruppe von Hofdamen unter lautem Gelächter mit einem Ballspiel. Mehrere Paare flanierten die Wege entlang, manche auf der Suche nach einem versteckten Plätzchen für ungestörte Zweisamkeit. Eine Gruppe junger Höflinge lagerte im Gras, die Reste eines Picknicks und mehrere Weinflaschen um sich verstreut, und unterhielt sich lebhaft. Aus einigen Wortfetzen, die zu ihm hinüber drangen, konnte Armand entnehmen, dass sie Englisch sprachen. Er entschied, sich dieser Gruppe zu nähern, vielleicht beredeten sie etwas von Interesse. Eine Gruppe üppig blühender Fliedersträucher einige Meter hinter den Männern bot ein geeignetes Versteck. Da der Stallmeister Seiner Eminenz das Englische fließend in Wort und Schrift beherrschte, hatte er keine Mühe, dem Gespräch zu folgen – und war im ersten Moment etwas enttäuscht, denn es ging um vergangene amouröse Abenteuer des Herzogs von Buckingham!

span style="color: #000000;">Nicht dass die Bettgeschichten der hohen Herrschaften in seinem Metier nicht häufig von größter Bedeutung sein konnten … aber Histörchen, die längst passé waren, versprachen nun einmal wenig aktuell brauchbare Informationen. Schon überlegte Rochefort, ob er sich leise zurückziehen und nach anderen „Opfern“ Ausschau halten sollte, als ein Name fiel, der ihn augenblicklich aufhorchen ließ:

span style="color: #000000;">„Also ich bin überzeugt, dass es außer Königin Anna sehr wohl noch eine Frau gibt, die Buckingham dauerhaft zu fesseln vermag – und zwar die Gräfin de Winter.“

span style="color: #000000;">„Ach was, die war doch damals nur wenige Tage bei Hofe und soweit ich weiß, ist es nicht einmal sicher, ob sie tatsächlich was hatte mit dem Herzog“, entgegnete ein anderer aus der Gruppe, ein schlaksiger rotblonder Jüngling.

span style="color: #000000;">„Und ob sie was mit ihm hatte – ich weiß es aus verlässlicher Quelle“, das könnt Ihr mir glauben, Mortimer“, hielt sein Gesprächspartner dagegen, der sich trotz seiner Jugend schon ganz das Gebaren eines erfahrenen Hofmannes angeeignet hatte. „Er hat ihr jeden Wunsch von den Augen abgelesen und er hätte ihr das ganze Königreich zu Füßen gelegt, ganz so, wie er es jetzt für Königin Anna tun würde. Aber nach kaum einer Woche ist die de Winter dann wieder abgereist, wohl wegen der Erkrankung ihres Mannes. Ihr hättet den Herzog sehen sollen, als sie weg war – so habe ich ihn noch nie erlebt. Er hat sich wirklich gebärdet wie ein Liebeskranker!“

span style="color: #000000;">Die drei anderen Männer reagierten mit allen Anzeichen der Verblüffung: „Tatsächlich?“… „Er hat sich sonst nie etwas aus seinen verflossenen Liebschaften gemacht!“ … „Das ist in der Tat erstaunlich – wie hat er denn reagiert?“

span style="color: #000000;">„Zuerst hat er getobt. Dann hat er sich mehrere Tage in seinem Schlafzimmer eingeschlossen und wollte niemanden sehen. Und denkt Euch nur“, der Höfling senkte seine Stimme zu einem verschwörerischen Flüstern, „er hat ihr sogar Briefe geschrieben, in denen er sie angefleht hat, zu ihm zurück zu kommen. Ich weiß es von einem seiner Kämmerer, der einen Blick darauf erhaschen konnte.“

span style="color: #000000;">„Nein!“ … „Was Ihr nicht sagt!“ … „Das ist ja kaum zu glauben.“

span style="color: #000000;">„Doch, genauso war es, das könnt Ihr mir glauben“, fuhr der junge Mann eifrig fort, offenbar erfreut darüber, mit dieser Geschichte so im Mittelpunkt des Interesses seiner Freunde zu stehen. „Diese Lady de Winter hat einfach etwas an sich – ich weiß selbst nicht, wie ich es beschreiben soll“, suchte er nach Worten. „Sie ist eine wahre Schönheit, aber da ist noch mehr – eine unglaubliche Ausstrahlung, etwas, das jeden Mann verrückt macht. Sie hätte alles von Buckingham haben können, wäre sie am Hof geblieben. Aber offenbar hat sie sich anders entschieden. Nach dem Tod ihres Gatten soll sie zurück nach Frankreich gegangen sein. Angeblich ist sie ja Französin von Geburt. Ich hatte mich schon gefragt, ob wir sie vielleicht in Paris zu sehen bekommen würden, doch auf den Empfängen und Festen für den Herzog war sie nicht zugegen. Sie wollte wohl eine Begegnung mit ihm vermeiden, nachdem sie ihn so schnöde sitzen gelassen hat.“ Er grinste.

span style="color: #000000;">Die Höflinge tauschten noch eine Weile ihre Meinungen über die Gräfin de Winter und ihre Gründe Buckingham beziehungsweise England zu verlassen aus, bevor sie sich anderem, für Rochefort unwichtigen, Klatsch zuwandten.

span style="color: #000000;">Der Graf überdachte indessen das Gehörte. Was hier erzählt worden war, vermittelte wirklich nicht unbedingt den Eindruck, dass diese Engländerin eine Spionin war; zumindest keine des Herzogs. Sie schien eine sehr selbstständige und unabhängige Persönlichkeit zu sein – vielleicht ein Grund, warum sie trotz aller Privilegien, die die Position als Mätresse des mächtigsten Mannes von England geboten hätte, dieser Verlockung nicht erlegen war. Denn trotz allem war das Leben einer Mätresse ein Leben in einem goldenen Käfig… Rochefort war gespannt, ob sich der Bericht seiner englischen Informanten mit dem Inhalt dieses Gesprächs decken würde.

span style="color: #000000;">Er hätte sich nun gerne wieder entfernt, aber dies wurde durch ein junges Paar vereitelt, das es sich in einiger Entfernung hinter ihm in einer Laube gemütlich gemacht hatte. Sie mussten ihn unweigerlich bemerken, wenn er sein Versteck verließ. Also richtete er sich auf eine längere Wartezeit ein. Schließlich begann die Sonne langsam zu sinken. Die Engländer waren längst weg und dann endlich bemerkte auch die junge Dame in der Laube zu ihrem Kavalier, dass es beginne empfindlich kühl zu werden und man sich wohl besser zurück ins Schloss begeben sollte. Als die Luft rein war, schlich der Agent seiner Eminenz vorsichtig wieder zur Schlossparkmauer. Ein letztes Mal warf er einen Blick zurück in die Gartenanlage – und hielt inne. Eine Dame schritt in einiger Entfernung dahin, in Richtung des Rosengartens. Sie hatte sich in ein weites Cape gehüllt, dessen Kapuze ihr Haar bedeckte. Doch ihre Haltung, ihr Gang und das überaus kostbare Kleid, das kurz zum Vorschein kam, als der Wind ihren Mantel bauschte, brachten ihn auf den Gedanken: die Königin! Es war höchst ungewöhnlich, dass sie nicht von ihren Hofdamen begleitet wurde. Was ging hier vor?

span style="color: #000000;">Rochefort machte auf der Stelle kehrt, bemüht sie im Auge zu behalten ohne selbst gesehen zu werden. Anna von Österreich betrat den Rosengarten und ließ sich auf einer von hohen Rosenbüschen umrahmten Bank nieder. Vor dem Rosengarten befand sich eine größere freie Wiesenfläche, sodass sich Armand nicht unbemerkt weiter nähern konnte. So verharrte er im Schutze einer Hecke und beobachtete. Wenige Augenblicke später kam aus Richtung des Schlosses mit langen, ungeduldigen Schritten ein Kavalier heran, der unschwer als der Herzog von Buckingham zu erkennen war.

span style="color: #000000;">„Sie trifft sich hier zu einem Stelldichein mit dem Herzog?!“ durchfuhr es den Grafen ungläubig. „Das kann doch nicht ihr Ernst sein? Leichtfertige, pflichtvergessene Spanierin!“

span style="color: #000000;">Kaum hatte Buckingham die Königin erreicht, fiel er mit einer theatralischen Geste vor ihr auf die Knie. Die Entfernung machte es unmöglich genau zu verstehen was gesprochen wurde, doch Tonfall und Gestik des Engländers ließen kaum Zweifel darüber, dass er seine Angebetet mit Komplimenten und Liebesbeteuerungen überhäufte. Von Anna selbst war nicht viel zu erkennen, sie war zum Großteil durch die um die Bank wuchernden Rosen verdeckt. Schließlich sprang der Herzog wieder auf die Füße und beugte sich noch näher zu Ihrer Majestät, offenbar in dem Versuch sie in seine Arme zu ziehen. Dies schien der Königin denn doch zu weit zu gehen; sie ermahnte ihren stürmischen Verehrer mit erhobener Stimme – so, dass selbst Rochefort es hören konnte – dass er sie nicht weiter bedrängen solle. Und als Buckingham nicht gleich reagierte, rief sie mehrmals laut nach einer ihrer Hofdamen. Die Gesuchte, die offenbar unauffällig in einiger Entfernung gewartet hatte, hastete rasch herbei und nun endlich ließ der Herzog sie los und trat schwer atmend einen Schritt zurück.

span style="color: #000000;">Anna hatte sich von der Bank erhoben und griff, sich offenbar im Zustande heftigster Gemütserregung befindend, haltsuchend nach dem Arm ihrer Hofdame. Buckingham redete noch kurz auf sie ein, verbeugte sich schwungvoll und warf ihr eine Kusshand zu. Dann eilte er davon.

Konfrontationen

So schnell er konnte, zog sich der Geheimdienstchef Seiner Eminenz in Richtung Gartenmauer zurück. Was hier geschehen war – davon musste
umgehend der Kardinal unterrichtet werden! Bei Hofe blieb fast nichts lange
geheim, so sehr die Beteiligten sich auch darum bemühen mochten. Und wenn
dieses Treffen zwischen der Königin und Buckingham bekannt wurde, so mochte das unabsehbare Folgen haben. Niemand konnte voraussehen, wie der König reagieren würde, wenn seine Gemahlin in den Verdacht der Untreue geriet. Das Problem, dass Louis und Anna bisher keinen Erben gezeugt hatten und immer noch der leichtfertige und unzuverlässige Bruder des Königs den ersten Rang in der Thronfolge einnahm, war auch so schon brennend genug…

Er erreichte die Stelle, an der er die Mauer überklettert hatte und spähte vorsichtig durch die Zweige des Gebüschs nach draußen. Ein einiger Entfernung sah er auf der rechten Seite zwei Musketiere patrouillieren und links noch einmal zwei. Offenbar hatte man aufgrund der langsam hereinbrechenden Dämmerung die Bewachung des Schlosses und seiner Umgebung verstärkt. Er wartete, bis die Wachtposten einander etwa in der Mitte des Weges gekreuzt hatten und nun in entgegengesetzter Richtung auf das jeweilige Ende der Parkmauer zustrebten, dann überkletterte er die Mauer und sprang hinab auf
den Weg. Dabei löste sich jedoch von der Mauerkrone ein lockerer Stein und fiel
polternd zu Boden. Das Geräusch ließ einen der Musketiere aufhorchen und sich herumdrehen.

Unbemerkt weg zu kommen war jetzt nicht mehr möglich. Rochefort spazierte also mit selbstverständlicher Gelassenheit den Weg entlang, obwohl ihm natürlich bewusst war, dass sich die Männer fragen würden, wo er plötzlich
wie aus dem Nichts hergekommen war. Bald nahten auch schon eilige Schritte und eine kräftige, tiefe, polternde Stimme hinter ihm rief: „Ihr da! Bleibt stehen!“
Der Graf tat wie ihm geheißen, wobei er einen leisen, leicht genervten Seufzer
ausstieß. Langsam drehte er sich zu den beiden Musketieren herum und stellte
fest, dass sie für ihn keine Unbekannten waren. Nun richtete der kleinere von
beiden, ein schlanker junger Mann mit ebenmäßigen, hübschen, ja fast femininen Gesichtszügen und dunkelbraunem Haar, das Wort an ihn. Seine Stimme war im Gegensatz zu der seines Kameraden angenehm melodiös und wohlklingend. „Erklärt Euch. Wo kommt Ihr her und was habt Ihr hier zu schaffen?“

„Ja – was schnüffelt Ihr hier herum?“ fügte der andere, ein Hüne mit breiten Schultern, der, obwohl Rochefort selbst hochgewachsen war, ihn noch um einen halben Kopf überragte, barsch hinzu. Der Graf wusste, dass der Musketier „Porthos“ genannt wurde – was zweifellos nicht sein richtiger Name war – und schon des öfteren in recht handfeste „Argumentationen“ mit Soldaten Seiner Eminenz verwickelt gewesen war. Und diese Auseinandersetzungen waren
meist nicht gerade zum Vorteil der Herren Gardisten ausgegangen…

Um ihren Fragen mehr Nachdruck zu verleihen, hatten beide Männer eine Hand an den Knauf ihrer Degen gelegt.

„Ich wüsste wirklich nicht“, entgegnete der solcherart zur Rede Gestellte gelangweilt, was es die Herren Musketiere angeht, wo ich meinen
Abendspaziergang mache und weshalb ich ihn gerade hier mache.“ Während er
sprach, schob er den breitkrempigen Filzhut, den er trug, aus der Stirn, sodass
sein Gesicht besser zu erkennen war.

„Monsieur le Comte!“ entfuhr es dem Schmächtigeren verblüfft.

„Derselbe. Also was gibt’s?“

„Nun – wir – waren etwas überrascht, als so unvermutet jemand auftauchte…“, erwiderte der Musketier etwas verlegen.

Der Anflug eines spöttischen Lächelns huschte über das Gesicht des Grafen: „Dass man mitunter von meinem unvermuteten Auftauchen überrascht ist, bin ich gewohnt. Sonst noch etwas, Monsieur Aramis?“

Die so betonte Erwähnung seines angenommenen Namens ließ den
Angesprochenen unwillkürlich leicht zusammenzucken. Alarmiert starrte er
Rochefort nun geradewegs in die Augen und dieser erwiderte seinen Blick mit
einer unangenehmen Intensität. „Er weiß es“, schoss es Aramis durch den Kopf,
„er weiß alles.“ Unwillkürlich wanderten die Gedanken des Musketiers zurück zu
jenem Duell in der Rue de La Payenne, das sein Leben so nachhaltig in andere
Bahnen gelenkt hatte. Beunruhigt forschte er im Gesicht seines Gegenübers.
Wollte der Stallmeister des Kardinals diese Affäre wieder aufwärmen, ihn jetzt,
nach über einem Jahr, zur Rechenschaft ziehen für den Tod des Garde-Offiziers? Doch er konnte keine Rachegelüste oder Drohung in dem dunklen,
undurchdringlichen Blick des Grafen lesen, am ehesten lag vielleicht eine leise
Warnung darin…

Porthos räusperte sich neben ihm. Der Hüne schien gereizt, zornig darüber, dass es Rochefort offenbar gelungen war, seinen Kameraden zu überrumpeln und in Verlegenheit zu bringen. „Monsieur“ begann er mit deutlicher Ungeduld in der Stimme und einem Tonfall, der hart an der Grenze dessen lag, was er sich einem Höherrangigen gegenüber erlauben durfte, „unser Auftrag lautet, das Gelände hier zu bewachen. Und genau das tun wir. Ich hoffe doch wohl sehr, dass Ihr dagegen nichts einzuwenden habt.“

Die anderen beiden Musketiere, die sich etwas weiter weg befunden hatten, waren inzwischen auch heran gekommen, blieben jedoch in einigem Abstand stehen, ohne sich in das Gespräch zu mischen.

„Einzuwenden?“ erwiderte Rochefort indessen ein wenig übertrieben gedehnt. „Ganz im Gegenteil. Nichts anderes als die höchst pflichtgetreue Ausführung ihrer Befehle würde ich von den Musketieren Seiner Majestät erwarten. Und nun mögen mich die Herren entschuldigen. Ich wünsche noch einen angenehmen Abend.“

Der Graf nickte den vier Männern zu und eilte raschen Schrittes von dannen. Was er im Park beobachtet hatte, brannte ihm unter den Nägeln; er musste so rasch als möglich einen Bericht nach Paris schicken und hatte keine Zeit, sich länger mit belanglosem Geschwätz aufzuhalten…

Die Musketiere sahen ihm hinterher. „Arroganter Kerl!“ knurrte Porthos. „Ich möchte wetten, dass er da drinnen war.“ Er deutete auf die Parkmauer.

Aramis zuckte die Schultern. „Er kann sich seine Arroganz leisten. Und nachweisen können wir ihm nichts…“

+++++++++++

Rochefort schlängelte sich indes durch die immer noch stark belebten Gassen der Stadt zurück in Richtung seines Quartiers. Kurz bevor der den Gasthof erreicht hatte, zupfte ihn jemand am Ärmel.

„Wart Ihr zufrieden mit uns, Herr?“ fragte eine helle Knabenstimme.

Armand wandte sich um und blickte in die erwartungsvollen Gesichter der beiden Straßenjungen.

„Voll und ganz. Besser hättet Ihr Eure Sache nicht machen können.“ Er zog einen Beutel aus seinem Wams und reichte ihnen ein paar Münzen – die zweite Hälfte der versprochenen Belohnung. Freudestrahlend stürmten die Buben davon.

In seiner Kammer angekommen, griff der Agent des Kardinals augenblicklich zu Feder und Tinte und begann einen chiffrierten Bericht zu schreiben. Doch er hatte erst wenige Zeilen zu Papier gebracht, als es an der Tür klopfte. Verärgert über die Störung blickte er auf. „Ja!?“

Der Wirt streckt den Kopf herein, etwas verunsichert durch den schroffen Tonfall seines Gastes. „Verzeiht – Herr – aber – die Blumenfrau ist da mit dem Flieder, den Ihr bestellt habt.“

Nur ein sehr geübter Beobachter hätte registrieren können, dass Rochefort überrascht war.

„Danke. Sie soll heraufkommen“, erwiderte er mit einem leichten Lächeln, um den Anschein zu erwecken, er freue sich über die Mitteilung.

Der Wirt zog sich wieder zurück und kurz darauf pochte es abermals. Auf das „Herein!“ des Grafen betrat eine zierliche Frau um die Dreißig das Zimmer. Sie trug ein schlichtes braunes Kleid und hatte ein buntes Tuch um Kopf und Schultern geschlungen. In den Händen hielt sie zwei große Körbe, die über und über mit Blumen gefüllt waren, der eine davon fast ausschließlich mit Flieder.

„Madame de Lannoy!“

Armand erhob sich rasch, trat auf sie zu und nahm ihr die Körbe ab, die er auf den Boden neben dem Tisch stellte. „Was ist passiert?“

Die unerwartete Besucherin war eine der Hofdamen Anna von Österreichs und Rocheforts wichtigste Informantin im Umfeld der Königin. Dass sie hier her gekommen war, stellte ein erhebliches Risiko dar. Es musste also triftige Gründe geben und der Graf konnte sich auch schon denken, welche.

„Ich glaube, ich weiß, warum Ihr hier seid. Die Königin hat sich in den Gärten alleine mit Buckingham getroffen.“

Jetzt war es an Madame de Lannoy überrascht zu sein: „Aber woher wisst Ihr…? Ach, was rede ich. Man sagt ja, dass es nichts gibt, was Ihr nicht erfahrt. Manchmal frage ich mich, wozu Ihr Leute wie mich überhaupt braucht.“ Sie setzte dabei zum Schein eine leicht gekränkte Miene auf.

„Das ist nicht ganz korrekt“, entgegnete Rochefort mit leicht scherzhaftem Unterton. Derjenige, der stets alles erfährt, ist Seine Eminenz, nicht ich. Ich stehe da nur an zweiter Stelle.“

Dann wurden beide übergangslos wieder ernst.

„Ich war einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort“ stellte der Graf fest und berichtet kurz von seinem „Ausflug“ in die Gärten.

Seine Besucherin nickte. „Die Königin hielt sich mit uns Hofdamen draußen bei den Springbrunnen auf, als ein Diener kam und ihr eine offenbar vertrauliche Nachricht zuflüsterte. Sie erblasste, wirkte plötzlich auffallend nervös und meinte dann, sie bedürfe ein wenig der Ruhe, wir dürften uns zurückziehen. Nur ihre Vertraute Donna Estefana wollte sie an ihrer Seite haben. Ich tat so, als würde ich mit den anderen Damen ins Schloss zurückgehen, kehrte aber dann um und konnte beobachten, wie Ihre Majestät in Richtung des Rosengartens ging. Und wenig später kam Buckingham daher, alleine, und eilte in dieselbe Richtung. Den Rest habt Ihr ja beobachtet. Aber das ist noch nicht alles – und davon könnt Ihr noch nichts erfahren haben: Buckingham will die Königin heute Nacht, nach dem Maskenfest, in ihren Gemächern aufsuchen.“

Rochefort presste zornig die Lippen aufeinander. „Die Unverfrorenheit dieses Mannes kennt offenbar keine Grenzen… Woher wisst Ihr das?“

„Als die Königin aus den Gärten zurückkam, befand ich mich in einem der Vorräume zu ihren Gemächern. Alleine. Ich hörte draußen am Gang die Stimme Ihrer Majestät wie sie sich höchst erregt mit Donna Estefana unterhielt. Bevor die beiden den Raum betraten, schlüpfte ich hinter den schweren Brokatvorhang beim Fenster. Ich kann gar nicht genau sagen, warum ich es tat, ich handelte einfach intuitiv. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass ich unbedingt wissen musste, was hier beredet wurde. So erfuhr ich davon. Donna Estefana hatte Bedenken, dass Buckingham entdeckt werden könnte, doch die Königin meinte, sie könne ihn nicht abweisen, er habe schon so viel für sie gewagt und seine Leidenschaft berühre ihr Herz.“

„Diese Närrin!“ entfuhr es dem Grafen. „Ist ihr denn nicht bewusst, was auf dem Spiel steht? Sie ist schließlich nicht irgendein Hirtenmädchen, das unbeschwert mit ihrem Liebhaber tändeln kann, sondern die Königin von Frankreich!“

„Was ist zu tun?“ fragte Madame de Lannoy.

„Kehrt so rasch wie möglich ins Schloss zurück und seid vorsichtig, dass niemand Eure Verkleidung durchschaut. Ich hoffe, Eure Abwesenheit bringt Euch nicht in Schwierigkeiten.“

„Ich denke nicht. Die Königin hat sich zurückgezogen und gibt vor, unter schlimmen Kopfschmerzen zu leiden. Sie wird deshalb auch auf dem Fest nicht erscheinen und hat fast allen ihren Damen frei gegeben. Nur ihre beiden vertrautesten spanischen Damen hat sie bei sich behalten. So konnte ich ohne Verdacht zu erwecken das Schloss verlassen.“

„Gut, dann sollte es keine Probleme geben. Sorgt Euch nicht wegen dieses geplanten Rendezvous. Es wird nicht stattfinden. Ich kümmere mich persönlich darum.“ Rocheforts Stimme ließ nicht den leisesten Zweifel an seiner
Entschlossenheit. „Jetzt müsst Ihr mir nur noch sagen, in welchem Flügel des
Schlosses die Räume der Königin liegen“

Als seine Besucherin sich schließlich zum Gehen wandte, sagte der Graf: „Ihr habt klug und richtig reagiert. Ich danke Euch.“ Madame de Lannoy lächelte. „Es ist mir eine Ehre, Seiner Eminenz zu dienen.“

Armand nahm den Flieder aus den Blumenkörben und gab ihr diese dann wieder zurück. Als sie die Kammer verließ, bat er sie noch: „Sagt dem Wirt, er möge mir einen Krug mit Wasser für den Flieder herauf bringen lassen.“

++++++++++++

Mitternacht war schon geraume Zeit vorüber. „Jetzt kann es nicht mehr lange dauern“, dachte Rochefort. Um sicher zu gehen, dass er Buckingham nicht verpasste, war er schon seit zehn Uhr Abends auf seinem Posten. Die kegelförmig geschnittenen Eibenbäume, die hier entlang der Schlossfassade gepflanzt waren, boten eine halbwegs passable Deckung. Die Gemächer Ihrer Majestät befanden sich in dem gartenseitig gelegenen Flügel des Schlosses. Madame de Lannoy hatte ihm glaubwürdig versichert, dass die einzige
Möglichkeit, unbemerkt zu diesen Räumlichkeiten zu gelangen, der Weg über die Dienstbotentreppe an der Rückseite des Gebäudes war. Bei der Vielzahl an
maskierten Ballgästen war es für den Agenten Seiner Eminenz nicht weiter
schwierig gewesen, sich unerkannt darunter zu mischen und sich dann im Schutze der Dunkelheit in Richtung des Gartentraktes davon zu stehlen.

Zum wiederholten Male waren nun wieder Schritte auf dem bekiesten Weg zu hören. Doch diesmal war es nicht eines der Pärchen, die, erhitzt vom Tanz, etwas Abkühlung im nächtlichen Garten suchten, sondern ein einzelner Mann. Er trug ein goldfarbenes venezianisches Kostüm von verschwenderischer Pracht mit dazu passender Maske. Hinter dem Eibenbaum hervor spähend sah Rochefort, wie er kurz innehielt und sich aufmerksam umsah. Dann ging er zielstrebig auf die kleine Pforte des Dienstboteneingangs zu. Der Graf verließ seine Deckung und vertrat ihm den Weg. „Bedaure, Monsieur le Duc, aber
was Ihr hier vorhabt, kann ich unmöglich zulassen.“

Buckingham fuhr zurück, als wäre er auf eine giftige Schlange getreten, doch im nächsten Augenblick hatte er sich wieder gefasst.
„Geht mir aus dem Weg!“ In seiner Stimme lag eine mühsam unterdrückte eiskalte Wut, die erschreckend war. Doch sein Widersacher sah ihn nur an, stumm, reglos.

„Geht mir aus dem Weg, oder ich töte Euch!“ Der Engländer schlug seinen golddurchwirkten Mantel zurück und zog seinen Degen halb aus der Scheide.

„Ihr könnt es versuchen“, entgegnete Rochefort ungerührt.

Eine blitzschnelle Bewegung und die blanke Klinge funkelte in der Hand des Herzogs, doch in einer ebenso raschen Reaktion war ihm der Graf in den Arm gefallen und umfasste sein Handgelenk mit eisernem Griff. „Feiger Hund!“ fauchte Buckingham und versuchte sich loszureißen. „Kämpft gefälligst
wie ein Mann!“

„Wollt Ihr das wirklich? Euch hier duellieren? Einen Skandal provozieren? Es kann jeden Augenblick jemand vorbei kommen, überall patrouillieren Wachen. In wenigen Minuten wüsste die ganze Festgesellschaft, was hier vorgeht. Wollt Ihr das der Königinmutter und Prinzessin Henriette erklären müssen?“ zischte Rochefort zurück.

Hinter der venezianischen Maske blitzten die Augen Buckinghams in maßlosem Zorn. Er war es nicht gewohnt, dass sich jemand seinem Willen widersetzte. „Ich glaube kaum, dass Ihre Königlichen Hoheiten sonderlich betrübt darüber wären, wenn ich ihnen den Kettenhund des Kardinals vom Hals schaffe“, stieß er grimmig zwischen den Zähnen hervor.

Immer noch den rechten Arm seines Gegners festhaltend, atmete Rochefort tief durch. Er durfte sich jetzt nicht provozieren lassen, wenn die Situation nicht vollends eskalieren sollte. Es kostete ihn große Überwindung, seine tiefe Abneigung gegen den Herzog niederzukämpfen und seiner Stimme einen neutralen, ja sogar etwas respektvollen Klang zu verleihen.
„Durchlaucht, bitte. Denkt einen Augenblick darüber nach, was es für Ihre
Majestät bedeuten würde, wenn man Euch in der Nacht bei ihr antrifft. Selbst
wenn ich Euch jetzt den Weg freigebe und zu allem schweige – Ihr könnt nicht
ausschließen, dass – durch welchen Zufall auch immer! – Eurer Besuch bei ihr bemerkt wird und ihr Gemahl davon Kenntnis erlangt. Wollt Ihr, dass der König sie des Ehebruchs bezichtigt, sie verstößt?“

Nun endlich schien es dem Grafen, dass er Buckingham mit seinen Worten erreichte und er riskierte es, seinen Griff um dessen Handgelenk zu lösen. Rasch sprach er weiter: „Ich beschwöre Euch – wenn Ihr auch nur einen
Funken ehrlicher Zuneigung für die Königin empfindet, dann setzt ihr sie nicht
der Gefahr einer solchen Schande aus. Ihr würdet Ihr Leben damit zerstören!“

Einige Sekunden lang, die Rochefort wie eine Ewigkeit vorkamen, stand der Erste Minister von England einfach nur regungslos vor ihm und schien zu überlegen. Dann schob er seinen Degen zurück in die Scheide, wandte
sich ohne ein weiteres Wort um und ging.

Heimkehr

OT: Die letzten Absätze dieses Kapitels hat Armand-Jean du Plessis beigesteuert. Ganz lieben Dank dafür! :-))

In scharfem Tempo ritt Rochefort retour in Richtung Hauptstadt. Nach ihrem nächtlichen Zusammenstoß hatte Buckingham keinen weiteren Versuch unternommen, sich seiner Angebeteten in ungebührlicher Weise zu näheren. Als die Entourage von Prinzessin Henriette und Buckingham endlich in Calais ihre Schiffe bestieg und Königin Anna und Maria de Medici die Heimreise nach Paris antraten, hatte der Graf erleichtert aufgeatmet. Zumindest für diesmal war es gelungen, einen für das Staatswohl in höchstem Maß gefährlichen Skandal abzuwenden. Seine Gedanken wanderten weiter und blieben schließlich bei jener zweiten Person aus England hängen, die ihn nebst dem englischen Premierminister in den letzten Wochen intensiv beschäftigt hatte: Lady de Winter! Inzwischen konnten eigentlich bereits Nachrichten von seinen Informanten eingetroffen sein, die mittlerweile verstrichene Zeit hätte dazu reichen müssen…

Wenn er, von auswärts kommend, ins Palais Cardinal zurück kehrte, galt seine erste Frage stets dem Aufenthalt und Befinden Seiner Eminenz. Der Kardinal wäre zur Zeit im Louvre und bei Staatsgeschäften unabkömmlich, teilte ihm ein Gardist mit. Nun gut – dann hatte er inzwischen Zeit nachzusehen, was während seiner Abwesenheit an Neuigkeiten eingelangt war. Zielstrebig, eine Erfrischung und das Ablegen seiner verstaubten Reisekleidung auf später verschiebend, eilte der Graf durch die Gänge des Palais und betrat einen bis unter die Decke mit Büchern, Akten, Schriftrollen und sonstigen Dokumenten vollgestopften Raum, in dem jedoch, trotz der Fülle des angesammelten Materials, peinlichste Ordnung herrschte. Die Buchrücken reihten sich in makelloser Symmetrie aneinander, Akten waren sorgfältig beschriftet, Briefe sauber gebündelt. Auch auf dem großen, in der Mitte des Raumes stehenden Schreibtisch waren sämtliche Gegenstände mit akribischer Genauigkeit aufgereiht, fast so, als dienten sie bloß der Zierde und nicht dem ständigen Gebrauch.

Der Herr über dieses tadellose Muster eines Arbeitszimmers erhob sich, als Rochefort eintrat, mit einem freudigen „Ah, Monsieur le Comte, gut dass Ihr wieder da seid!" von seinem Stuhl hinter dem Schreibtisch. Ein Mann um die Vierzig von mittelgroßer, eher schmächtiger Statur, hellbraunem Haar, der blassen Haut eines Menschen, der wenig an die frische Luft kommt und ganz und gar alltäglichen, unauffälligen Gesichtszügen. Das Paradebeispiel eines farblosen, biederen Beamten hätte man meinen können, wären da nicht diese lebhaften, klaren blauen Augen gewesen, deren Blick nichts aber auch absolut gar nichts zu entgehen schien.

Der Graf unterdrückte ein Schmunzeln. Er konnte sich nicht erinnern, nach längerer Abwesenheit von Hector jemals mit einem anderen als dem vorhin ausgesprochenen Satz begrüßt worden zu sein. Für Hector war seine akribische, schon an Pedanterie grenzende Genauigkeit und Perfektion bei der Arbeit sowohl Segen als auch Fluch. Er war bürgerlicher Herkunft und als einfacher Schreiber in Richelieus Dienste getreten; seine Talente wie auch seine bedingungslose Loyalität hatten ihn jedoch rasch die Karriereleiter nach oben klettern lassen. Rochefort hatte dann begonnen, ihn mit Aufgaben innerhalb seines Informationsnetzwerkes zu beauftragen. Heute war Hector nicht nur der vertrauteste Privatsekretär Seiner Eminenz – unter anderem besaß er die erstaunliche Fähigkeit, die Handschrift des Kardinals täuschend echt zu imitieren! – sondern, und das war mittlerweile eigentlich seine Hauptaufgabe, auch Rocheforts Stellvertreter in der Leitung des Geheimdienstes. Richelieu hatte seine treuen Dienste schon vor geraumer Zeit mit einer Erhebung in den Adelsstand gewürdigt.

Doch als ein Getriebener seines eigenen Perfektionismus, der noch dazu höllischen Respekt vor seinem Dienstherrn, dem Kardinal hatte, lebte er in der steten Furcht, dass er bei seiner Arbeit doch einmal etwas Entscheidendes übersehen und ihm ein folgenschweren Fehler unterlaufen könnte. So war jener Stoßseufzer der Erleichterung zu erklären, wenn sein Vorgesetzter Rochefort nach Paris zurückkehrte, denn dann ruhte nicht mehr die ganze Last der Verantwortung auf seinen, Hectors, Schultern.

Rochefort lächelte dem Mann am Schreibtisch kurz zu: „Die Freude ist ganz auf meiner Seite."

„Was ist mit Buckingham?" erkundigte Hector sich nun.

„Auf dem Weg zurück über den Kanal, Gott sei’s gedankt", knurrte sein Gegenüber. „Apropos England: Sind die Berichte eingetroffen, auf die ich warte?"

„Ja, gestern." Ein rascher Griff in eine der Mappen auf dem Schreibtisch und Rochefort hielt das Gewünschte in Händen. Hector hatte die Texte, die wie üblich verschlüsselt eingetroffen waren, bereits dechiffriert und in seiner ordentlichen Handschrift zu Papier gebracht.

Der Graf zog sich einen Stuhl heran und begann zu lesen. Die Informationen waren ausführlich – offenbar hatte die bewusste Dame am englischen Hof tatsächlich einen bleibenden Eindruck hinterlassen und es wurde noch immer viel über sie geredet – doch im Wesentlichen deckten sie sich mit dem, was der Geheimdienstchef Seiner Eminenz in den Gärten von Amiens per Zufall erlauscht hatte.

„…außergewöhnliche Ausstrahlung … eine ungemeine Faszination, die sie auf Männer ausübt … ein untadeliger Lebenswandel … bezaubernder Charme und große Liebenswürdigkeit… geistreich und voll Esprit…" Solche und ähnliche Formulierungen kamen in den Berichten immer wieder vor. Wären da nicht die Gerüchte nach dem Ableben ihres Gatten gewesen, man hätte meinen können, es tatsächlich mit einem Engel in Menschengestalt zu tun zu haben. Nachdem der Graf das Geschriebene überflogen hatte, blickte er zu seinem Stellvertreter. „Und – was meint Ihr? Ist sie tatsächlich ein solches Unschuldslamm?"

Der Gefragte runzelte die Stirn. „Nein", meinte er knapp, um dann noch hinzuzufügen: „Aber vermutlich eine hervorragende Schauspielerin." Rochefort nickte nachdenklich, als er seine eigene Meinung bestätigt sah. „Aber es deutet in diesen Berichten nichts darauf hin, dass sie eine englische Agentin ist. Was hat Ihre Überwachung durch unsere Leute inzwischen ergeben?"

„Nichts Neues. Sie pflegt weiterhin vielfältige gesellschaftliche Kontakte, aber es gibt keine Hinweise darauf, dass sie Informationen an die Engländer oder sonst wen weiterleitet. Sie scheint tatsächlich aus eigenem Antrieb nach Frankreich gekommen zu sein."

„Gut." Rochefort wirkte zufrieden. „Dann werde ich das dem Kardinal so sagen und ihm noch die Unterlagen zur Durchsicht vorlegen, damit er sich sein eigenes Bild machen kann. Im Endeffekt muss er entscheiden …"

In diesem Moment waren vom Flur her Geräusche, Stimmen, die schweren Stiefelschritte von Gardisten zu hören. „… Seine Eminenz scheint zurück zu sein", unterbrach sich Rochefort. „Er wird mich sicher gleich sehen wollen." Er erhob sich, nahm die Mappe mit den Berichten an sich, nickte Hector zu und verließ raschen Schrittes den Raum. Als er Richelieus Gemächer erreicht hatte, trat gerade ein Kämmerer heraus, den scharlachroten Mantel des Kardinals über dem Arm. Respektvoll grüßte der Mann den Stallmeister. Armand durchquerte mehrere Vorzimmer, in denen es stets von Gardisten, Dienern, Pagen und adeligen Gefolgsleuten des Kardinals wimmelte. „Seine Eminenz befinden sich im Arbeitszimmer", teilte ihm einer der Soldaten an der Tür zu den Privaträumen mit. Der Graf genoss das Privileg, dass er hier zu jeder Tages- und Nachtstunde eintreten durfte, ohne sich vorher anmelden zu müssen.

Richelieu war gerade im Begriffe, Platz zu nehmen, als sein Geheimdienstchef in der Tür erschien. Ein Lächeln erhellte die ernste Miene des Ersten Ministers: „Ah, Rochefort! Ihr seid ja schneller hier, als ich es schaffe, mich hinter meinen Schreibtisch zu setzen – gerade wollte ich nach Euch schicken."

Über Armands Gesicht huschte ein jungenhaftes Grinsen. „Ihr kennt mich doch, Monseigneur …"

Mit ungeduldigem Blick streifte der Kardinal die zahlreichen Schriftstücke auf seinem Arbeitsplatz, die ihm seine Sekretäre zur Unterschrift vorgelegt hatten. „Das muss warten. Zuerst Euer Bericht."

Zwar hatte er bereits schriftliche Informationen über die Vorgänge auf Buckinghams Rückreise erhalten, doch es war ihm wichtig, auch noch die detaillierten Ausführungen seines besten Agenten dazu zu hören und zu diversen Punkten Fragen stellen zu können. Fast zwei Stunden verstrichen, bis alles hinreichend erörtert war.

„Habt Ihr noch Zeit für einen weiteren Bericht?" fragte Rochefort.

Richelieu schielte zögernd auf den Papierstapel vor sich auf dem Tisch. „Was ist es denn?"

„Die Informationen aus England über diese Gräfin de Winter sind eingetroffen."

„Lasst sehen!"

Der Graf reichte ihm die Unterlagen.

„Und? Was meint Ihr?", fragte er, als der Kardinal zu Ende gelesen hatte.

„Ausgezeichnete Informationen, mein lieber Rochefort, aber diesmal nicht ganz vollständig, oder sollte ich sagen, nicht ganz aktuell?" Ein leichtes Lächeln umspielte die Lippen des Kardinals und er nahm eine weitere Mappe aus einer der zahlreichen Laden seines Schreibtisches. Diese war in feines schwarzes Leder gebunden und mit einem großen Kreuz aus Blattgold verziert. Rochefort erkannte sie sofort. Nur Pater Joseph verwendete solche Mappen. Neben ihm selbst war Pater Joseph der engste Vertraute von Kardinal Richelieu und der Kapuziner hatte so seine eigenen Informationsquellen. Sein Netzwerk war das der Diplomatie und des Klerus und er hatte seine Augen und Ohren in ganz Europa und auch darüber hinaus. Wenn er nicht so ein religiöser Eiferer gewesen wäre, so hätte Rochefort ihn gemocht, so zollte er ihm nur einen ehrlichen Respekt.

„Nun, Pater Joseph hat eine interessante Neuigkeit aus London erfahren: Lord Winter, der Bruder des seligen Gatten unserer schönen Mylady, hat soeben am Höchstgericht in London das Testament seines Bruders anfechten lassen. Angeblich geht es um ungeklärte Tatsachen rund um den Tod von Myladys Gatten. Beweise scheinen zu fehlen, aber wie wir wissen, ist das oft eine Nebensache. Lord Winter ist ein hoch angesehener Mann, enorm reich, und hat den Ersten Minister von England, Lord Buckingham, zum Freund. Daher hat das Gericht entschieden, dass bis zur Klärung der Angelegenheit, die Verwaltung der Güter und alle damit verknüpften Einnahmen bei der Familie Winter liegen. Ein möglicher Prozess würde Jahre dauern. Damit lebt unsere gute Mylady Charlotte…"

„…über ihre Verhältnisse, und weiß noch gar nichts davon", ergänzte der Comte der Rochefort den Satz des Kardinals. Jetzt gestatte sich der Graf auch die Anspielung eines Lächelns. „Wie ist weiter vorzugehen, Monseigneur?"

„Nun ich werde diese Frau selbst einmal in Augenschein nehmen", erwiderte Richelieu, „Ihr werdet mich informieren, sobald Mylady de Winter das nächste mal im Salon Rambouillet verweilt. Ich denke, ich sollte dort wieder einmal einen ungezwungen Abend verbringen. Der Salon hat so viele nette kleine Nebenzimmer, in denen man ein ungestörtes Gespräch führen kann. Inzwischen sollen Eure Leute heimlich alle offenen Rechnungen der Dame begleichen beziehungsweise aufkaufen. Eine so angesehene Dame sollte nicht damit belastet werden, dass sie praktisch in Kürze zahlungsunfähig ist. Sie wird es früh genug erfahren!"

„Es wird alles zur Zufriedenheit Eurer Eminenz geschehen." Mit diesen Worten und einer kurzen Verbeugung verließ Rochefort das Arbeitszimmer des Ersten Ministers von Frankreich.

„Nun, es wird sich heraus stellen, ob Mylady außer hinreißend schön auch noch klug genug ist zu erkennen, welche Vorteile es bringt Kardinal Richelieu als Gönner zu haben und wie gefährlich es sein kann ein wohlwollendes Angebot von einem Mann wie Richelieu abzulehnen", dachte er bei sich. Das könnte interessant werden. Er nahm sich vor bei diesem Gespräch anwesend zu sein, oder zumindest diskret zuzuhören. Einerseits war Rochefort ja immer um die Sicherheit des Kardinals besorgt und man konnte nie wissen – anderseits war er doch wirklich neugierig, wie dieser „Engel" reagieren würde, wenn man ihm ein wenig die Flügel stutzte.

Im Salon Rambouillet

Anmerkung des Autors: Teile dieses Kapitels stammen aus der Feder von Armand-Jean-Duplessis. Vielen Dank dafür!

Das Hôtel de Rambouillet befand sich in einem vornehmen Viertel der Stadt in der rue Saint-Thomas du Louvre, zwischen dem Louvre und den Tuilerien. Der Salon der Catherine de Vivonne, Marquise de Rambouillet, galt zu jener Zeit als eine der ersten Adressen der Pariser Gesellschaft. Der Charme, die Intelligenz und vorurteilsfreie Großzügigkeit der hochgebildeten Hausherrin hatten einen Zirkel der besonderen Art entstehen lassen: Hier trafen sich, über alle Standesgrenzen hinweg, geistig interessierte Hochadelige mit kleinadeligen und bürgerlichen Intellektuellen, Männer wie Frauen, und übten sich in der geistreichen Konversation sowie in der Dichtkunst. Das Hôtel de Rambouillet beherbergte eine Vielzahl kleinerer und größerer Räumlichkeiten und Separées für Besucher; jedermann kannte den berühmten Blauen Salon, in dem Catherine de Vivonne mit Vorliebe ihre Empfänge gab. Nahezu alle führenden Persönlichkeiten aus Aristokratie und Literatur konnte die Marquise mittlerweile zu ihren Gästen zählen.

Wie zu erwarten, bevölkerte auch an diesem Abend bereits eine illustre und bunt gemischte Gesellschaft das Palais, als der Erste Minister von Frankreich mit seiner Entourage eintraf. Nachdem die Hausherrin ihren hohen Gast respektvoll begrüßt hatte, fiel ihr Blick auf dessen schlanken, schwarz gekleideten Begleiter, der sich etwas im Hintergrund hielt.

„Monsieur le Comte, welch‘ seltene Freude! Ihr habt Euch wieder rar gemacht in den letzten Monaten." In ihren Worten und Gesten lag jene herzliche Offenheit, mit der sie alle Besucher in ihrem Haus willkommen hieß.

Der Angesprochene lächelte leicht. Nur wer ihn gut kannte und in seinen Augen zu lesen vermochte, konnte bemerken, dass dahinter mehr als rein förmliche Freundlichkeit lag. „Madame", erwiderte er mit einem leisen Seufzer, „Ihr wisst, wie sehr ich diesen Umstand bedauere, doch Ihr kennt meine zahlreichen Verpflichtungen…"

Die Marquise hatte sich inzwischen zwanglos bei ihm untergehakt und zog ihn zu einer Fensternische, wo sie kurz plaudern konnten, ohne den anderen Gästen im Wege zu stehen. „Aber ein paar Stunden um auf meinem Gestüt vorbei zu schauen, müsst Ihr Euch in nächster Zeit abzweigen."

Rochefort horchte auf. „Ist denn das Fohlen schon da?"

Madame de Rambouillet strahlte: „Ja, vorgestern war es soweit. Ein Hengstfohlen und kerngesund, wie es aussieht. Ein prächtiger Kerl. Kohlrabenschwarz. Ich denke, der wird einmal ein Pferd, das zu Euch passen würde." Sie zwinkerte ihm zu. „Vielleicht verkaufe ich ihn Euch."

Im Nu waren sie in eine Fachsimpelei über edle Rösser vertieft. Wenn Rochefort zurückdachte, musste er zugeben, dass er ursprünglich die Freundschaft der Marquise aus sehr eigennützigen Gründen gesucht hatte. Ihr Salon war für einen Agenten der ideale Ort in Paris um Informationen aller Art zu sammeln und ihre gemeinsame Begeisterung für Pferde hatte sich als eine gute Basis erwiesen um näher miteinander in Kontakt zu kommen. Im Laufe der Zeit hatte sich jedoch ehrliche Sympathie zwischen ihnen entwickelt und der Stallmeister Seiner Eminenz war nicht nur gern gesehener Gast im Salon, sondern auch auf dem Gestüt der Marquise, die immer wieder seinen fachmännischen Rat in Anspruch nahm, wenn es um ihre Pferdezucht ging. Umgekehrt hatte sie dem Grafen schon zahllose wertvolle Hinweise ihre Gäste betreffend gegeben, die diesem bei seiner Arbeit stets nützlich waren.

„Sucht Ihr jemand bestimmten?" fragte Catherine nun, der nicht entgangen war, dass Rochefort während ihrer Unterhaltung seinen Blick immer wieder über die Anwesenden schweifen ließ. „Ja, die Gräfin de Winter. Meines Wissens sollte sie heute hier sein."

Die Marquise nickte. „Ja, sie ist bereits eingetroffen. Ich glaube, sie hat sich in eines der Separées begeben, wo man sich gerade über die gestrige Opern-Premiere unterhält. Die Dame ist sehr umtriebig. Es gibt kaum einen gesellschaftlichen oder kulturellen Anlass in der Stadt, bei dem sie fehlt. Interessiert sie Euch?"

„Seine Eminenz interessiert sich für sie und mithin auch ich", erwiderte der Graf, um dann hinzufügen: „Aber ich bitte um Diskretion darüber."

Madame Catherine lächelte. „Aber natürlich – Ihr wisst, ich kann schweigen wie ein Grab. Ah – da ist sie schon!"

Charlotte de Winter trat just in dem Moment aus der Tür des Separées. Ihr traumhaftes Kleid aus schimmerndem blauen Atlas, mit Gold- und Perlenstickerei verziert, harmonierte wunderbar sowohl mit ihrem goldblonden Haar als auch mit der Ausstattung des Blauen Salons, so, als wäre es eigens für den Besuch im Haus der Marquise kreiert worden. Die Ausstrahlung und Präsenz dieser Frau waren wirklich beeindruckend.

Als Mylady aus einigen geflüsterten Bemerkungen der Umstehenden entnommen hatte, dass Kardinal Richelieu soeben eingetroffen war, hatte sie nur nach einem Vorwand gesucht, um die Unterhaltung, die sie bereits zu langweilen begann, abzubrechen und sich zurück in den Blauen Salon zu begeben. Wohl hatte sie den mächtigen und gefürchteten Ersten Minister Frankreichs bei ein, zwei Gelegenheiten schon aus der Distanz gesehen, doch sie war noch nie in seiner unmittelbaren Nähe gewesen und sie war neugierig, den Mann, über den so viel geredet wurde, einmal genauer in Augenschein zu nehmen. Als sie das Separée verließ, fiel ihr Blick jedoch zuerst auf einen Kavalier, der schräg vis-a-vis in einer Fensternische mit der Gastgeberin sprach. Für einen Moment lang erstarrte sie mitten im Schritt: Der Edelmann von dem Fest in den Tuilierien, jener, der damals diskret versucht hatte, sie zu beobachten! Rasch wandte sie sich an einen Herrn zu ihrer Rechten, Louis de Marillac, angesehener Offizier und Bruder des königlichen Siegelbewahrers Michel de Marillac. „Verzeiht, Monsieur, könnt Ihr mir sagen, wer jener schwarzgekleidete Herr dort drüben neben der Marquise de Rambouillet ist? Ich sehe ihn heute zum ersten Mal hier im Salon."

Der Angesprochene verzog ein wenig das Gesicht, während er antwortete: „Comte Armand de Rochefort, Stallmeister von Kardinal Richelieu … und sein oberster Spion", fügte er nach kurzer Pause etwas verächtlich hinzu. Von dem Mann hält man sich am besten fern."

Ein Agent Seiner Eminenz also! Dann war ihre Befürchtung, dass man sie der Spionage für England verdächtigte, offenbar doch richtig. Vielleicht war es gar nicht so klug gewesen, heute hierher zu kommen und damit zu riskieren, die direkte Aufmerksamkeit Richelieus auf sich zu ziehen. Einige Augenblicke haderte sie mit sich und überlegte, ob sie den Salon Rambouillet unauffällig wieder verlassen sollte. Doch andererseits … sie hatte sich nichts zuschulden kommen lassen und –sie war noch nie der Mensch gewesen, der sich von Gefahren abschrecken ließ oder vor einer Herausforderung kapitulierte. Nun denn – es würde sich ja zeigen, was der heutige Abend noch für sie bereithielt! Aus den Augenwinkeln registrierte sie, dass gerade jetzt der Kardinal zu seinem Stallmeister und der Marquise trat und leise ein paar Worte mit ihnen wechselte. Und – Zufall oder auch nicht – sie dabei mit einem kurzen Blick streifte…

Kurze Zeit später schien sich Kardinal Richelieu zurück zu ziehen. Ein Diener öffnete ihm die Tür zu einem kleinen Salon, und ohne sich von den anderen Gästen zu verabschieden betrat er den Raum. Dieser war cremefarben eingerichtet und wirkte im Vergleich zu den anderen Räumlichkeiten des Hôtel de Rambouillet eher bieder. Zwei bequeme Fauteuils, ein rundes Tischchen mit Elfenbeineinlegearbeiten, ein Canapé mit zwei Seidenpölstern und ein Beistelltischchen mit einer geschlossenen Kristalkaraffe nebst vier Gläsern und ein silberner kleiner Kerzenleuchter, das war die ganze Einrichtung. Auf ein Zeichen des Kardinals löste Rochefort die Kordeln, welche die schweren Samtvorhänge seitlich an den Fenstern hielten. Der Raum wurde dadurch fast des ganzen Lichtes beraubt. Auf dem Weg zu dem der Tür zugewandten Fauteuil nahm Richelieu die beiden Pölster vom Canapé und legt einen sanft auf den Sitz und den anderen an die Rückenlehne. Dann nahm er Platz.

Phönix aus der Asche

Anmerkung des Autors: Für dieses letzte Kapitel möchte ich meinen Co-Autoren Armand-Jean-du-Plessis und Charlotte de Winter danken, die es fast zur Gänze verfasst haben!

„Ich denke, wir können Mylady de Winter jetzt zu uns bitten", wandte sich der Kardinal an seinen Stallmeister. „Wie Eure Eminenz wünschen", war die knappe Erwiderung des Comte de Rochefort und schnellen Schrittes verließ er den kleinen Salon. „Wir werden sehen, ob die junge Dame sich einschüchtern lässt oder ob sie den Mut besitzt, der notwendig ist um nützlich zu sein", dachte der Erste Minister von Frankreich bei sich und legte ein paar vorbereitet Papiere auf das Beistelltischchen.

Rochefort war inzwischen wieder im Blauen Salon angelangt und trat auf Mylady zu: „Seine Eminenz würde sich freuen die Bekanntschaft von Mylady zu machen." Charlotte de Winter war eines sofort klar. Trotz des freundlichen und ausgesprochen höflichen Tones der Einladung war dies ein Ersuchen, welches keinerlei Widerspruch duldete. Sie fasste sich ein Herz und legt ihren ganzen Charme in ihre Stimme: „Monsieur, es ist mir eine überaus große Ehre Seine Eminenz kennen lernen zu dürfen. Dies hätte ich gar nicht zu träumen gewagt." Der Charme ihrer Worte schien an dem ganz in schwarz gekleideten Comte abzuperlen wie der Morgentau an einem Blatt. Fast fröstelte es Mylady, als er trocken meinte. „ Nun, dann folgt mir doch bitte."

Sie musste die Augen zusammenkneifen, als sie das Separée betrat. Diese düstere Stimmung hatte sie nicht erwartet. Wären die hellen Möbel nicht gewesen und eine einzelne brennende Kerze, so wäre der Raum wohl als extrem finster zu bezeichnen gewesen. Hinter ihr erklang die Stimme des Comte de Rochefort, der ihr die Türe aufgehalten hatte und sie jetzt auch wieder schloss: „Eure Eminenz, darf ich vorstellen: Lady Charlotte de Winter." Mylady näherte sich anmutig dem Kardinal, ging vor ihm auf die Knie und küsste den Kardinalsring, wie die Etiquette es verlangte. „Bitte setzt Euch doch, meine Liebe, es freut mich Euch kennen zu lernen, ich habe schon einiges von Euch gehört.", meinte Richelieu. Lady de Winter wurde aus den Worten nicht ganz schlau. „Meine Liebe" war eine sehr vertrauliche Formulierung, aber der Tonfall passte nicht dazu, und die Anspielung, dass er schon viel von ihr gehört hätte, war bei einem Mann wie Richelieu fast schon eine Drohung. Ihr wurde langsam doch etwas mulmig. Sie unterdrückte das flaue Gefühl im Magen und elegant ließ sie sich auf dem zweiten Fauteuil nieder. Sie sank sehr tief in die weiche Polsterung ein und der Kardinal überragte sie um mehr als eine Kopfeslänge.

Der Graf von Rochefort war anscheinend an der Tür stehen geblieben, vielleicht um unliebsame Personen, die zufällig den Salon hätten betreten können, abfangen zu können. Mylady konnte aber seinen forschenden Blick in ihrem Rücken spüren und ganz leicht begannen sich ihre Nackenhaare aufzustellen. „Nur ruhig, du hast dir hier in Frankreich nichts zu Schulden kommen lassen, wovon der Kardinal wissen könnte", dachte sie bei sich und versuchte sich ein wenig zu entspannen. Trotzdem, es wollte ihr nicht recht gelingen - also setzte sie die Maske der Unschuld auf – ein Gesichtsausdruck und Pose die sie einerseits lange geübt hatte und anderseits sich fast natürlich in ihr Verhalten schlich, wenn Gefahr drohte.

Richelieus Gesichtsausdruck hingen war nicht zu lesen, er wirkte freundlich, würdevoll, aber auch undurchschaubar. „ Ah, sie macht auf blonder Unschuldsengel, hervorragend, fast jeder Mann würde bei diesem Anblick wohl ins Schmachten kommen.", dachte er bei sich, fast ein wenig amüsiert. „Ich hoffe, Euer Aufenthalt in Paris war bis jetzt von angenehmer Art", eröffnete er die Konversation und betonte das „bis jetzt" doch mit einer gewissen Deutlichkeit.

Charlotte wusste nicht, wie sie diese Anspielungen zu deuten hätte, also setzte sie in ihrer altbewährten Art und Manier mit einem gewissen Anflug von Charme das Gespräch mit dem Kardinal fort, jedoch immer darauf bedacht keinen Fehler zu begehen.
"Eure Eminenz, welche Person wäre nicht von Paris beeindruckt, eingedenk dessen, was diese Stadt zu bieten hat. Natürlich verbrachte ich lange Zeit in England, aber Frankreich und Paris sind unvergleichlich – wer könnte diese Stadt nicht lieben, wo der Tag zur Nacht wird und umgekehrt. Die Kühle Englands mag für uns Damen bezüglich des Teints ihre Vorteile haben, doch Kunst und Kultur sind eindeutig hier beheimatet.Wie ich vernahm, scheint Eurer Eminenz ebenfalls eine gewisse Kunstbeflissenheit zu Eigen zu sein. Die Salons entsprechen meinen Geschmack und ich werde zuvorkommend behandelt, an Einladungen mangelt es mir ebenfalls nicht."
Mit dem gewissen Augenaufschlag gab sie unmissverständlich zu verstehen, dass es ihr vor allem an männlicher Begleitung nicht mangelte.

Rochefort und dem Kardinal dürfte diese Koketterie nicht entgangen sein.

Etwas ungeduldig nahm Mylady einen kleinen Schluck des köstlichen Weines, den man ihr anbot, um ihre Nervosität etwas zu überspielen.

"Das schöne, aber kleine exquisite Palais mit dem Garten, das ich derzeit bewohne, bietet mir darüber hinaus die Rückzugsmöglichkeit, die ich brauche. Mit einem Wort – ich bin rundum zufrieden und vermisse nicht im Geringsten das kühle England. Die Besitzungen dort werde ich, wenn alles geregelt ist, demnächst zum Verkauf anbieten. Zu schwer hängt die Erinnerung an meinen verstorbenen Mann noch daran."


Dabei wurden Myladys schöne Augen leicht wässrig. Sie tupfte sie ganz sacht mit dem Taschentuch ab und für einen Moment glaubte man, sie bedürfe des Trostes um sich auszuweinen. Madonnenhaft geneigt, in Gedanken versunken, versuchte sie die Rolle der Trauernden überzeugend zu spielen. Ein kurzes Zucken ihrer Schulter um ein Schluchzen zu unterdrücken...

Rochefort suchte kurz den Blickkontakt zum Kardinal...ein Gedanke ging beiden durch den Kopf: Raffinesse gepaart mit Schauspielkunst ... welcher Mann würde nach dieser Darbietung nicht der Witwe seine starke Schulter als Stütze anbieten wollen!

Beim letzten Satz bemerkte Mylady kurzzeitig eine Veränderung im Gesicht des Kardinals ... verdammt, hatte sie etwas Falsches gesagt oder geantwortet? Natürlich wollte sie diese leidige Episode ihrer kurzen Ehe in England beiseite schieben und den Besitz aus der Erbschaft so rasch als möglich loswerden. Nichts könnte sie in England halten. Frankreich war ihr Lebenselexier, hier könnte sie sich eine neue Zukunft aufbauen und ein Leben nach ihrer Art führen. Hier würde sie wie ein Phönix aus der Asche steigen und ihre Träume verwirklichen. „Nun", dachte sie, „jetzt wird es sich weisen, was das Schicksal für mich bereithält." Denn nur wegen ihres zarten Augenaufschlags würde der Kardinal sie nicht herbeibestellt haben. Ein mulmiges Gefühl beschlich sie. Einen Herzschlag bereute sie, nicht ihren Instinkt folgend den Salon schon früher verlassen zu haben.
Kühl und gerade sitzend richtete sie gespannt ihre Augen auf den Kardinal. Schon oft hatte sie unliebsame Überraschungen hinnehmen und sich den sogenannten Platz an der Sonne hart erkämpfen müssen...

„Ich bin erfreut zu hören, dass Mylady Frankreich so gut gefällt", erwiderte Richelieu. „Und eine Lady de Winter könnte ein leuchtender Edelstein im Diadem sein, welches die Stadt Paris bisweilen ist." Trotz der schmeichelnden Worte war die Stimme des Kardinals eher nüchtern und sachlich. „Aber der schönste Edelstein kommt nicht zur Geltung, wenn die Fassung nicht hält, was sie verspricht! Und das wäre doch ausgesprochen schade, nicht wahr, meine Liebe? Darum ist es auch bedauerlich, dass der Bruder Eures verstorbenen Gatten einen gewissen Groll gegen Mylady zu hegen scheint. Wie sonst ist es zu erklären, dass er vor kurzem am Höchstgericht in London ein Urteil hat erwirken lassen, dass er allein alle Einkünfte aus den Ländereien Eures verblichenen Gatten verwalten darf und Mylady verbietet, die Besitzungen zu verkaufen, ja selbst zu verpachten? Solch widrige Umstände machen es selbst einer ehrbaren Lady fast unmöglich, den Lebensstil aufrecht zu erhalten, der ihr am Pariser Hof zusteht. Aber – vielleicht besteht ja dennoch die Chance, das Schicksal gnädig zu stimmen…"

Richelieu machte eine deutlich erkennbare Pause in seiner Rede.

Charlotte fühlte sich in diesem Moment, als hätte sie einen Guss Eiswasser abbekommen und sie konnte ein Zittern in ihrer Stimme nicht ganz verbergen: "Wie darf ich dies verstehen? Ein Gerichtsbeschluss, ein Urteil zugunsten meines Schwagers?.... Ich bin ruiniert...", hauchte sie tonlos, die Hand auf den Hals gelegt, bebend. Sie kam sich bloßgestellt vor. Natürlich wusste sie, dass sie nicht die mindeste Chance hatte, gegen dieses Urteil zu berufen. Zu einflussreich war ihr werter Schwager. Und selbst wenn, es würde bei einem solchen Verfahren Jahre dauern bis sie zu ihren Vermögen kam.

„Nun sieht sie tatsächlich aus wie ein Engel, dem man die Flügel gestutzt hat", dachte Rochefort. Man könnte fast so etwas wie Mitleid mit ihr empfinden, wäre da nicht der Verdacht, dass diese Frau so hilflos und unschuldig nicht war, wie sie sich gab. Von wegen Engel... „Diese Frau hat eine erstaunliche Natur", registrierte der Graf im Stillen, „einerseits bebend und Mitleid erregend, doch im nächsten Augenblick schon wieder gefasst und beherrscht.

„Mein Schwager, dieser verfluchte Bastard!", dachte Mylady indessen. Zorn keimte in ihr auf, trotz der scheinbar aussichtslosen Lage. Aber hatte Richelieu nicht von einer Chance gesprochen, das Schicksal gnädig zu stimmen? Nun schien sich alles in ihrem Inneren aufzubäumen. Nein, sie würde nicht aufgeben, niemals! Sie würde kämpfen, vielleicht konnte der Kardinal doch noch eine einstweilige Verfügung bewirken um ihr Vermögen zu sichern. Sein Einfluss war sehr groß, selbst der König, so hatte sie vernommen, würde sich seinen Rat beugen. Atemlos vor Spannung wartete sie, ob Seine Eminenz ihr einen Vorschlag unterbreiten würde.

Kardinal Richelieu musterte einen Augenblick schweigend die vor ihm sitzende blonde Schönheit. Dann lehnte er sich in seinem Fauteuil zurück und verschränkte die Finger in einander. Die Kissen unter und hinter ihm bewirkten, dass es so schien als überrage er Mylady bei weitem und dies verlieh seiner Haltung eine herrschaftliche Note. „Nun, bleiben wir einen Augenblick bei meinem Vergleich mit dem Edelstein. Mir liegt nichts daran, dass die Fassung bricht und der wertvolle Stein auf den schmutzigen Boden fällt. Im Gegenteil, er käme erst richtig zur Geltung, wenn er eine neue, stabilere Fassung erhielte. Aus diesem Grund habe ich alle Eure Verbindlichkeiten bezahlt, auch Euer Personal ist auf Monate hinaus versorgt und Ihr habt in allen wichtigen Geschäften von Paris einen hohen Kreditrahmen. Selbstverständlich geschah dies über verschiedenste Mittelsmänner. Es wäre sogar möglich, dass ich in der Angelegenheit Eures Schwagers meinen Einfluss geltend mache, auch wenn dies einige Zeit in Anspruch nehmen wird. Solch eine neue, stabile Fassung für ein Juwel, wie Madame es sind, hat aber auch ihren Preis. Gefälligkeiten müssen erwidert werden."

Wieder legte der Kardinal eine rhetorische Pause ein. „Jetzt entscheidet es sich", dachte er im Stillen, „wenn sie sich als billige Mätresse anbietet, werde ich sie als solche fallen lassen. Wenn sie aber trotz meiner Andeutungen Vorsicht und Klugheit walten lässt, dann könnte dies der Beginn einer interessanten Zusammenarbeit sein."

Aufrecht sitzend, in äußerster Anspannung, wippte Mylady unter ihrem Kleid unruhig mit der Fußspitze und sie fühlte den durchdringenden Blick Richelieus auf sich gerichtet. Blässe überzog sie, als sie seine Worte vernahm. Hatte sie richtig verstanden, Kardinal Richelieu kam für ihre sämtlichen Schulden auf? Er hatte ihr Personal vorausbezahlt sowie einen entsprechenden Kreditrahmen für sie einrichten lassen? Eine Ehre, die sie unter anderen Umständen erfreut hätte... Sie musste sich Klarheit darüber verschaffen, worauf dies hinauslaufen sollte!

Mylady schien sich wieder gefasst zu haben, ihr scharfer Verstand und ihr eiserner Überlebenswille ließen sie auch diesmal nicht im Stich.
"Eure Eminenz erscheint mir äußerst großzügig, ich stehe in Eurer Schuld", begann Mylady mit etwas belegter Stimme und senkte den Blick. Dabei betonte sie das letzte Wort "Schuld" ganz bewusst, den darin bestand die Abhängigkeit...
"Ich habe nicht die Wahl, Eurer großzügiges Ansinnen abzulehnen", seufzte Mylady nachdenklich. Sie sprach ruhig, wahrheitsgemäß und überzeugend: "Mein bisheriges Auskommen besteht nicht mehr, ein Damokles Schwert schwebt über mir. Ich bin dem Abgrunde nahe. Mit einem Wort.. ich bin ruiniert! Asche auf mein Haupt. Doch ich würde gerne erfahren, Eure verehrte Eminenz, wie der sogenannte Edelstein in allen Ehren" – Mylady betonte dabei jede Silbe – „zu einer neuen Fassung kommt, damit er wieder in all seinem Glanz erstrahlen möge."
Dann, nun plötzlich wieder mit tränenerstickter Stimme, fügte sie hinzu: "Aber ist er denn nicht bereits zersplittert und erweist sich eigentlich als unbrauchbar"?

Warum hatte sie auch so voreilig England verlassen, schoss es ihr in diesem schicksalhaften Augenblick durch den Kopf. Es war durchaus ihre Schuld, dass sie sich jetzt in dieser Misere befand. „Gefälligkeiten müssen erwidert werden" vernahm sie noch die Worte des Kardinals.
Dies Prinzip war ihr von jeher bekannt. Der Geist mag frei sein, aber davon kann man nicht leben. Mylady graute vor dem Tage, an dem ihr ein gewisser Luxus nicht mehr zur Verfügung stehen würde. Schon als Kind wollte sie hoch hinaus, von Ehrgeiz beseelt, mit berechnender Planung und eiserner Disziplin hatte sie Dank ihrer gewissen Stärken und ihres Aussehens ihre Ziele erreicht. Ein Leitsatz begleitete ihr ganzes bisheriges Dasein: "Wenn mir der Himmel nicht zu Willen ist, dann bewege ich die Hölle."

Komme, was da wolle, sie würde sich dieser Prüfung durch Seine Eminenz unterziehen, wie auch immer die Sache ausgehen würde.

Kardinal Richelieu studierte intensiv jeden Blick, jede Geste und jedes Wort von Lady de Winter. Welch eine prächtige Schauspielkunst, aber auch eine gewisse Ehrlichkeit. Sie hatte ihre Lage sofort richtig erkannt und schien bereit, daran etwas zu ändern, ohne sich vulgär anzubiedern.

„Mit einem zersplitterten, unbrauchbaren Juwel würde ich mich nicht abgeben", war seine trockene Erwiderung. „Aber ein Juwel in besagter neuer Fassung könnte heller erstrahlen als je zuvor, selbst wenn das Licht nur indirekt sein sollte... Um deutlicher zu werden: Ihr habt einen gewissen Eindruck am Pariser Hof hinterlassen. Auch in den Salons und anderen gesellschaftlichen Etablissements verkehrt Ihr bereits mit einer bewundernswerten Selbstverständlichkeit. Ein Mann wie ich kann nicht so viel Zeit darauf verwenden, dort ständig präsent zu sein. Zu viele andere, politische Aufgaben nehmen einen Großteil meiner Zeit in Anspruch. Jedoch benötige ich Augen und Ohren in der Hofgesellschaft, da sich viele neue Entwicklungen hier zuerst zeigen. Mylady wird zurzeit noch nicht mit mir in Verbindung gebracht und so soll es vorerst bleiben. Wir werden sehen, was die Zukunft bringt, vieles ist möglich. Überlegt Euch mein Angebot gut, es wird kein zweites Mal unterbreitet werden. Damit Ihr Euch freier entscheiden könnt, so versichere ich Euch, dass Eure aktuellen Schulden beglichen bleiben, egal wie Ihr Euch entscheidet. Nehmt Euch Zeit für Eure Entscheidung, aber nicht zu viel, denn meine Zeit ist, wie gesagt, sehr kostbar. Falls Ihr mein Angebot annehmt, wird der Comte de Rochefort mit Euch die Details besprechen."

Bei den letzten Worten blickte Richelieu zu seinem ganz in Schwarz gekleideten Begleiter, der immer noch wachsam sowohl die Türe zum Salon als auch Charlotte de Winter im Blickfeld hatte. Dieser nickte beinahe unmerklich.

Mylady, nachdenklich, den Blick leicht gesenkt, erwiderte leise und bedächtig, ihre innere Erregung verbergend: "Ein Angebot, das mir viele Türen öffnet...".
Sie würde eine Agentin am Hofe im Dienste des Kardinals sein, eine repräsentative Stellung einnehmen und in gewissem Sinne finanziell unabhängig sein. Nicht im Traum hätte sie diese Schicksalswendung erwartet. Sie kam sich vor als würde sie, eben noch durch zähen, tiefen Morast watend, plötzlich über das herrliche Grün einer Almwiese spazieren. Doch bei all den Vorteilen, die sich aus dieser Verbindung ergaben, durfte man natürlich nie die Risiken außer Acht lassen. Am Hofe, wo es einsamer und auch gefährlicher war als an fast jedem anderen Ort, wo ein Heer von gelenkten Marionetten sein grausames Spiel spielte, wo man nie wusste, ob einem Freund oder Feind gegenüberstand, dort würde ihr Revier sein. Sie würde sich behaupten, davon war sie überzeugt.

Ihr Blick wanderte einen kurzen Moment zu Comte de Rochefort. Er würde ihr wahrscheinlich diese sogenannten Details, die sie als Agentin wissen musste, erläutern. Sie wurde aus seiner Mimik nicht klug, zu verschlossen und mysteriös gab sich der oberste Spion und Stallmeister Seiner Eminenz.

Mylady sprach nun mit fester, klarer Stimme, als sie dem Kardinal ihre Antwort gab: "Eure Eminenz, es bedarf keinerlei weiterer Überlegungen, meine Entscheidung ist gefallen: Es ist mir eine Ehre, Euer Angebot anzunehmen und Euch zu Diensten zu sein"

„Dann ist es beschlossen. Ich hoffe, dass das neue Juwel am königlichen Hof lange erstrahlt und nicht trübe wird." Kardinal Richelieu streckte seinen Arm Mylady entgegen. Diese wusste natürlich, was das zu bedeuten hatte. Sie erhob sich elegant, nur um sofort darauf auf die Knie zu sinken und den Ring des Kardinals zu küssen. Es war ein großer Goldring mit einem funkelten Rubin in der Mitte. Trotz der Größe wirkte der Ring nicht protzig. Das Gold war so geschmiedet, dass es teilweise wie geflochten wirkte und eine sehr stabile Fassung ergab, die den großen Edelstein in der Mitte hielt. Rund um den Rubin war ein Kranz von kleinen, aber leuchtenden Diamanten eingesetzt. Auch sie hielten perfekt durch die Goldverflechtungen, waren sie doch eng mit dem Stein in der Mitte verbunden. Einen winzigen Augenblick zögerte Charlotte de Winter bei diesem Anblick, doch dann küsste sie den Ring graziös. Mehr als die zwei Worte „Eure Eminenz" brachte sie aber nicht heraus.

Der Comte de Rochefort hatte sich in der Zwischenzeit vergewissert, dass sich niemand in der Nähe der Türe zu diesem kleinen Salon befand. „Ich werde wohl das Vergnügen haben, Mylady jetzt öfters zu sehen. Ihr werdet von mir hören." Mit diesen Worten öffnete er die Türe und Charlotte de Winter verließ den Raum. Sie war jetzt wieder ganz in ihrem Element. Wie ein blonder Engel schien sie zurück in die öffentlicheren Räume des Hôtel de Rambouillet zu schweben, nicht ohne dem Comte ein bezauberndes Lächeln zu schenken.