Die Klinge von Wolf Mathis

Die Klinge

Missmutig betrachtete Athos die Waffe in seiner Hand. Der Degen war nicht gut ausgewogen, der Korb ein schlichtes Bügelgefäß, die Parierstangen zeigten Zeichen von Abnutzung - wie die Klinge selber. Schartig und stumpf war sie, ohne jeden Glanz, ein Gebrauchsgegenstand für einen Soldaten, nicht mehr.
Athos war weit mehr als ein einfacher Soldat. Er war Musketier in den Diensten des Königs, und als solcher gehörte auch das Repräsentieren seines Standes zu seinen Pflichten. Mit dieser Waffe, die er langsam durch die Luft schneiden ließ, konnte er das nicht.
Sein alter Degen war zerbrochen. Es war natürlich im Kampf geschehen, einer der großen Leidenschaften des verdienten Musketiers, im Kampf gegen zwei Gardisten von Kardinal Richelieu, die ihn provoziert hatten. Das war ihr erster Fehler.
Athos hatte sich dem Weine gewidmet, wie er das oft und gerne tat, und hatte erst einen halben Krug des kräftigen Rotweins genossen, als ein wirklich Betrunkener über eine Magd des Gastwirts herfiel. Der Musketier war über ihm, bevor dieser wusste wie ihm geschah, und versetzte ihm einige kräftige Ohrfeigen. Darauf zog dieser blank, doch Athos stach ihm schnell und wie beiläufig durch den Arm, entwaffnete und ernüchterte ihn dadurch.
Die Gardisten wurden Zeuge des Vorfalls, beschuldigten Athos der Durchführung eines verbotenen Duells und wollten ihn verhaften. Das war ihr zweiter Fehler.
Athos lachte sie aus, ein Duell, so spottete er, sähe doch anders aus, wohl aber nicht bei den Schergen des Kardinals, die den Betrunkenen vielleicht durch ihre Übermacht besiegt hätten - denn nüchtern wäre er wohl für sie ein zu harter Gegner.
Daraufhin rissen die Gardisten in ihren roten Uniformen ihre Waffen hervor und drangen gemeinsam auf Athos ein. Das war ihr dritter Fehler.
Der Musketier parierte ihre Attacken mühelos und drängte sie zurück in die Mitte des Schankraums. So schnell ließ er den Degen tanzen, dass die beiden Gegner Mühe hatten, ihre Verteidigung aufrecht zu erhalten. Mangelndes Fechttalent ersetzten sie durch Heimtücke und warfen ihre Kurzdolche nach Athos. Eine der Klingen schnitt durch den Stoff von seinem Ärmel und ritzte ihm die Haut. Das war ihr letzter Fehler.
Der Musketier wurde jetzt wütend und drang umso heftiger auf die Gardisten ein. Dem einen schlug er den Degen zur Seite, der andere taumelte, von einem Fußtritt getroffen, ächzend zurück. Dann ein schneller Stich, ein gurgelnder Schrei, und der erste Gegner brach blutüberströmt zusammen. Athos' Degenspitze war ihm durch die Kehle gedrungen.
Der andere wollte fliehen.
Athos war nicht in der Stimmung, Milde walten zu lassen. Heimtücke und Feigheit gehörten nicht zu den Tugenden, die er schätzte. Er versperrte dem Gardisten den Weg und drängte ihn zurück, immer weiter zurück, bis der Mann, mit seinem Degen wild durch die Gegend fuchtelnd, mit dem Rücken zur Wand stand. Eine Finte hier, ein Ausfall da, dann rammte der meisterhafte Fechter dem Rotberockten seine Waffe so heftig durch die Brust, dass die Degenspitze neben dem Rückgrat wieder heraus- und in eine Fuge in der Mauer fuhr. Gleichzeitig mit dem Todesröcheln von Richelieus Mann erklang das hell klirrende Geräusch der zerbrechenden Klinge.
Athos hatte getobt. Auch der Sieg über die beiden Gardisten konnte ihn nicht beruhigen. Nicht nur, dass diese Narren ihm den Tag verdorben hatten, nein, auch seine kostbare Waffe war zerstört. Den Verlust würde er, dem es immer an Geld mangelte, aus eigener Tasche ersetzen müssen. Dafür würden die letzten Francs herhalten müssen, auch war ein Kredit von seinen Waffenbrüdern Portos, Aramis und D'Artagnan vonnöten. Denn die Ersatzklinge, die Monsieur de Treville ihm zur Verfügung gestellt hatte, jenes schartige, unelegante Ding, das er jetzt in Händen hielt, war nicht mehr als ein Notbehelf.
Einen Tag später und etwas besserer Laune stand Athos in den Verkaufsräumen von Monsieur de Jalabert, einem Waffenschmied und königlichem Hoflieferanten - dem ein Ruf genialer Handwerkskunst weit über die Grenzen Frankreichs hinaus vorauseilte. Monsieur de Jalabert, ein in Ehren ergrauter, kleiner Mann von über fünfzig Jahren, war nie ein besonders guter Fechter gewesen - aber seine Degen und Rapiere galten als die besten in Frankreich.
Athos sinnierte über die Waffe, die er und seine Freunde meistens im Kampfe führten. Zwar waren sie Musketiere und geübt im Umgang mit den modern gewordenen Handfeuerwaffen, doch im Nahkampf gab es nach wie vor keine bessere Waffe als den Degen. Er dachte an die Herkunft des Degens, der sich aus einem langen Dolch entwickelt hatte. So lautete auch die Bezeichnung der Waffe - Dague - in seiner Heimatsprache. Längst nicht mehr nur zum Hauen und Stechen gebraucht, war der Degen unverzichtbarer Bestandteil für einen Mann von Ehre.
Hier, in diesem Geschäft, war ein Fechter im Paradies. An den Wänden und in gläsernen Vitrinen befanden sich prachtvolle Waffen.
Es war aber auch die Qual der Wahl. Hin- und hergerissen von der Vielfalt der Perfektion griff Athos erst zu dieser, dann zu jener Klinge, um sie ausgiebig zu testen, sie durch die Luft sausen zu lassen, sie durch imaginäre Körper noch lebender Feinde zu stoßen.
Welche sollte es sein?
Vielleicht das Muschelrapier, eine sehr solide, robuste Waffe mit einem einfachen Bügelgefäß mit Muschelstichblatt? Die Ausführung erschien dem Musketier dann aber doch zu schlicht.
Sehr schön war das flämische Rapier mit seiner Klinge aus Federstahl, dem Gefäßreifen aus Stahl, mit Parierstange, Stichblättern, Knauf und Fingerbügeln aus Messing, das glitzernd in Athos' Hand lag und sich anfühlte wie eine Verlängerung des Armes. Der meisterhafte Fechter dachte genüsslich daran, wie er die zweischneidige Klinge durch den Körper des verhassten Rochefort stechen würde.
Monsieur der Jalabert eilte dienstbeflissen herbei und erklärte dem Musketier mit den schönsten Worten die Vorzüge gerade dieser Waffe. Dann ging er mit ihr nach hinten in seine Werkstatt und suchte nach einer passenden Scheide für das Rapier. Auch hier hatte der Waffenmeister eine große Auswahl auf Lager, aus Stahl und Leder, besetzt mit Gold und Brokat.
Athos war es zufrieden - da hörte er den Schrei. Es war eine Frau, die schrie, denn drei Gardisten des Kardinals waren über ihren halbwüchsigen Sohn hergefallen. Der Musketier war empört: diese Kerle waren durch und durch ehrlos. Und ausgerechnet jetzt keine Spur von Monsieur de Jalabert und der neuen Klinge.
Egal: hier gab es genügend Ersatz.
Fast wahllos griff Athos zu und war mit wenigen Schritten hinaus auf der Straße. In seiner Rechten funkelte ein herrliches Spangenrapier mit einer Klinge aus Federstahl, einem vergoldeten Spangengefäß und einer schwarz umdrahteten Hiltze aus Eichenholz. Besonders markant war der fein ziselierte Knauf aus Messing.
Die Gardisten erschraken bis ins Mark, als der Musketier wie ein rächender Engel über sie kam - und es sollte sich zeigen, dass es eine gute Wahl war, ausgerechnet diesen Degen zu greifen.
Er hatte allzu lange in dem halbhellen Laden ein Schattendasein geführt, jetzt, in der Hand eines Meisters, sollte er endlich mit dem Blute übereifriger Narren getauft werden, die dachten, zu dritt seien sie dem treuen Kämpfer für den französischen Thron ebenbürtig.
Lächerlich!