Die Reisen des Arztes Cagliostro von Mademoiselle
Durchschnittliche Wertung: 4.5, basierend auf 9 BewertungenKapitel Ein seltsamer Gast
Die Sonne stand bereits hoch am Himmel, als Cassandra, Nichte des Herzogs von Rovinj von ihrer Zofe Anka geweckt wurde. Vom Balkon her drang der Lärm von Kutschen, Marktschreiern, Kindern und des nahe gelegenen Hafens in das Schlafzimmer herein und ließ die jüngste Tochter der Familie Cijal bemerken, dass sie um einige Stunden verschlafen hatte. Normalerweise achtete ihr Onkel strengstens darauf, dass das Mädchen mit dem Sonnenaufgang geweckt wurde, doch dieser schien nun schon einige Stunden vergangen zu sein.
„Gospodjica Cassandra mögen verzeihen, dass ich sie erst jetzt geweckt habe. Ihr Herr Oheim gebot mir jedoch, euch heute morgen nicht zu wecken.“
Cassandra, die erst seit dem Tode ihrer österreichischen Mutter und ihres Vaters, dem jüngeren Bruder des Herzogs von Rovinj in dessen Hause lebte, verstand zu Anfang nie, was ihre Zofe mit dem Begriff „Gospodjica“ meinte. Jedoch wurde ihr der Begriff vertraut, als ihr Onkel sie durch den Pfarrer die kroatische Sprache zu lehren begann, und sie verstand, dass dies in der Sprache ihrer neuen Heimat soviel wie „Fräulein“ bedeutete.
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Kapitel Wein für den König
„Michael, wie oft soll ich es dir noch sagen?“
Grobes Geschrei wie dieses war Michael Blum schon längst von seinem Herrn gewohnt. Beinahe zehn Jahre war es nun her, dass Hess, einer der wohlhabendsten Kaufmänner der „Goldenen Reichsstadt“ Heilbronn, den Jungen dank eines Zufalls zu sich in die Lehre genommen hatte, doch war diese Zeit nur selten von Harmonie gezeichnet. Zwar war Michael ein durchaus lernwilliger Bursche und hatte sich auch zum besten Gesellen des Geschäftes gemausert, allein dies war kein Grund für Hess, den Jungen weniger roh zu behandeln als den Rest seiner Gehilfen.
„Diese Weinfässer sollten längst auf dem Wagen von Monsieur Bernot sein. Der König von Frankreich wünscht für den Empfang seiner Gemahlin nur beste Lese von den hiesigen Weinbergen. Willst du dafür verantwortlich sein, wenn Monsieur Bernot seine Stellung als königlicher Weinlieferant verliert? Willst du dafür verantwortlich sein, wenn Marie-Antoinette, in Paris angekommen, auf der Stelle kehrt macht und die geplante Hochzeit zunichte macht, weil sie merkt, dass die Franzosen außer ihrem dünnen Fusel aus der Champagne nichts zu saufen haben?“
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Kapitel Hinweis einer Unbekannten
Das Gasthaus „Zum Anker“ in Calais war an diesem Abend genau so überfüllt, wie es immer der Fall war, wenn ein volles Passagierschiff aus dem englischen Dover angelegt hatte. Während in den beiden unteren Wirtstuben sowie an den Tischen, die vor dem Haus aufgestellt waren, müde und vergnügungssüchtige Seeleute, Soldaten und andere Reisende zechten und sich den Bauch voll schlugen, studierten die im Hause Übernachtenden ihre Karten oder suchten Ablenkung von der überstandenen Reise in Beschäftigungen, die wir hier nicht weiter beleuchten wollen.
Bernard, der schon im zartesten Kindesalter seinem Vater in dem Familienbetrieb ausgeholfen hatte und somit eine Tradition in der nun mehr vierten Generation fortführte, hatte sich angewöhnt, seinen Gästen keine Fragen mehr zu stellen. Doch nun, da ein für Europa bedeutendes Ereignis in Paris bevorstand, war er genötigt, mit seiner Gewohnheit zu brechen. Um die Anzahl der Zwischenfälle so klein wie möglich zu halten, waren auch die Wirtsleute angehalten, ihnen verdächtige Personen sofort zu melden. Und diesen Nachmittag hatte eine solche Person ein Zimmer bei ihm geordert.
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Kapitel Ein Brief aus Paris
Es war inzwischen schon der siebente Bote, der an diesem Tag an die Pforte von Lady Clarik, die nun schon wie auf glühenden Kohlen saß, klopfte. Seit sie Francis, ihre zuverlässigste Agentin, mit der Aufgabe, das Umfeld für ihren Plan zu erforschen, vor zwei Wochen ausgesandt hatte, lief sie den ganzen Tag nur noch durch ihre Gemächer und faselte wirre Satzfetzen vor sich hin. Als dann an diesem Morgen ein Eilbote aus Calais gemeldet wurde, glaubte sich Lady Clarik in ihren Plänen endlich einen Schritt weiter. Jedoch handelte es sich lediglich um den obligatorischen, monatlichen Brief einer alten Freundin aus Cherbourg.
Schon war sie versucht, diesen Überbringer ihre Treppe hinunterwerfen zu lassen, als ihr Blick den mit Karten und Dokumenten übersäten Schreibtisch streifte, der sie an die vielen Stunden erinnerte, die sie nun schon mit der Vorbereitung für die Ausführung ihrer Pläne aufgewendet hatte. Daraufhin besann sie sich eines Besseren und wies ihre Kammerzofe an, dem Wartenden zu öffnen. Der verneigte sich kurz vor Lady Clarik, überreichte derselben den mit einem roten Siegel versehenen Umschlag und entfernte sich so schnell und stumm wie er eingetreten war. Lady Clarik, die es gewöhnt war, bei ihrer Schönheit von den Männern wenigstens einige Sekunden lang mit offenem Mund angestarrt zu werden, war durch diese abweisende Gestik schon etwas irritiert, übte sie doch für gewöhnlich die gegenteilige Wirkung aus.
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Kapitel Die Flucht
„Aber wenn ich es Euch doch sage! Cagliostro hat den Auftrag, den französischen Dauphin zu ermorden!“
Gleich nach der Abreise des Studienfreundes des Herzogs, stürmte Cassandra hinunter in das Arbeitszimmer ihres Onkels, um ihr von der Entdeckung zu berichten, die nun schon fünf Tage zurück lag. Zuerst schämte sie sich, dass sie unerlaubterweise in das Zimmer eines Gastes eingedrungen war und in dessen privaten Dokumenten herum geschnüffelt hatte, und es drängte sie, jemandem davon zu erzählen. Doch weder wagte sie ihrem Beichtvater von dem Brief zu erzählen, noch hielt sie es für angebracht, Anka einzuweihen. Außerdem fand sie nie Gelegenheit, ihren Onkel während Cagliostros Aufenthalt unter vier Augen zu sprechen, da dessen Zeit durch allerlei gemeinschaftliche Unternehmungen in Anspruch genommen war. Nach dem Verstreichen dreier Tage kamen ihr Zweifel auf, ob sie auch wirklich gelesen hatte, was sie zu lesen gehabt glaubte und das schlechte Gewissen, einen Unschuldigen eines solch schrecklichen Vorhabens zu verdächtigen, plagte sie bis tief in die Nacht hinein.
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Kapitel Die Burg
Seit dem frühen Nachmittag, als immer mehr graue Wolken aufgezogen waren und den 500-Seelen-Ort Steinbrunn in einen dunklen Schatten getaucht hatten, war Peter Lütli immer wieder zum Fenster hingetreten, ein Tuch und einen leeren Bierkrug in der Hand, und hatte versucht, trotz starkem Sturms die düstere Dorfstraße zu erkennen. Währenddessen saßen die üblichen Gäste an ihrem Stammtisch und diskutierten über das schlechte Wetter, das nun schon den ganzen Sommer anhielt und sie wohl aller Voraussagen nach den größten Teil ihrer diesjährigen Ernte kosten würde. Als Bergbauern waren sie einzig und allein von der Ausbeute ihrer Felder abhängig, da die Kaufleute, die die Alpen durchqueren mußten, meist in Orten übernachteten, in denen sie schon einen Teil ihrer Ware verkaufen konnten... und zu denen gehörte Steinbrunn ganz gewiß nicht.
Um so größer war die Überraschung, als plötzlich gegen elf Uhr das erschöpfte Wiehern eines Pferdes vor der Tür zu hören war und man stampfende Schritte auf der aufgeweichten Erde hörte. Instinktiv ging Lütli zurück zu seiner Theke und stützte sich auf eben diese, als die schwere Tür mit einem Schrei aufging und ein großer Mann mit einem großen Umhang, der vom Regen glänzte, hinein trat und seinen Hut abnahm.
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Kapitel Ankunft im Louvre
Als Bernot, der langjährige Weinlieferant seiner Majestät dem König von Frankreich, an diesem Abend endlich auf dem Wirtschaftshof des Louvre ankam, hatte er eigentlich nur noch den Wunsch, sich in sein Bett zu begeben und eben dieses wenigstens für die nächsten zehn Stunden nicht mehr zu verlassen, was kein Wunder war, angesichts der Strapazen, die er in den letzten vier Tagen auf seiner Route aus dem Badischen zurück in die französische Hauptstadt erlitten hatte.
Es ging schon damit los, dass er seine Abfahrt in Heilbronn um eine Stunde verschieben mußte, weil ihm der Geselle des Kaufmannes Hess einen Brief in die Hand drückte, angeblich mit einer enorm wichtigen Nachricht für ihn. Hess, dem dies natürlich nicht entgangen war, schalt seinen Gesellen daraufhin vor den Augen seines Handelspartners aus und hielt ihm vor, er würde sich absichtlich so aufspielen, um seinen Meister als unfähig, sein Personal unter Kontrolle zu halten, zu präsentieren. Bei all dieser Schimpferei hatte man offensichtlich vergessen, dass der königliche Weinhändler immer noch daneben stand und nicht recht zu reagieren wußte.
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Kapitel Nachts
Die Dunkelheit war an diesem Abend schon früh über das Städtchen Mologne hereingebrochen und obwohl es für diese Jahreszeit noch sehr warm war, hatten sich die Einwohner schon längst in ihre Häuser zurückgezogen.
Nur Lorenza, die im zarten Alter von 15 Jahren mit dem Arzt Cagliostro verheiratet worden war und ihn seitdem auf zahlreichen Reisen begleitet hatte, saß vor ihrem Zelt, das ihr tagsüber als Schaubude auf Märkten und nachts als Schlafstätte diente, und sann über ihr Leben nach,
In solche Phasen verfiel sie in letzter Zeit des Öfteren. Sie befand sich an einem Scheideweg. Sollte sie wirklich ihren Plan ausführen und den ihres Angetrauten durchkreuzen? Tief in ihrem Innern liebte sie den eigenartigen Südländer schließlich, auch wenn dieser eine sehr seltsame Art hatte, ihre Gefühle zu erwidern.
So hatte er sie in den zehn Jahren ihrer Ehe oft ohne jede Vorwarnung mitten in der Nacht wecken lassen und zu wochenlangen Reisen durch ganz Europa mitgenommen, deren Gründe sie noch nicht einmal erfuhr. Sie hatte auch nie vergessen, wie Cagliostro sie kurz vor ihrer Vermählung für drei Tage in einem undurchdringlichen Wald ausgesetzt hatte und sie sich in ihrer Verzweiflung schon das Leben nehmen wollte. Kein einziges Mal hatte er sie über Sinn und Zweck dieser und noch vielen ähnlichen Geschehnissen aufgeklärt und zu ihrer eigenen Verwunderung hatte sie auch nie versucht, eine Antwort von ihm zu erpressen. Wohl kannte sie ihn gut genug, sodass sie wusste, dass ihr Ehemann sich nie würde erpressen lassen. Deswegen liebte sie ihn.
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Kapitel Das Hotel d'Orsay
Dass die Gemächer nicht unbedingt dem Geschmack ihrer Herrin entsprechen würden, wurde Kitty, der Kammerzofe von Lady Clarik, schon bewusst, als sie mit den Hutschachteln der Gräfin durch die Ebenholztür in das Foyer des Appartements eintrat. Zwar waren die Räume des Hotel d’Orsay durchaus dem Standard europäischer Grafenhäuser gewachsen, jedoch war die Witwe des ehemaligen Lord Clarik eher Räumlichkeiten gewöhnt, wie sie am Hofe der Königin von Spanien vorkamen.
Ihre Vorahnung bestätigte sich schon wenige Sekunden später, als, angekündigt durch das laute Rascheln ihres seidenen Reifenrockes, die Gräfin durch die hohe Flügeltür hereintrat. Das adlige Lächeln auf ihren Lippen erstarb jedoch sofort, als sie die für ihre Gewohnheiten eher karge Einrichtung des Wohnraumes erblickte.
Der Eingangstür gegenüber befand sich eine doppelschlägige Glastür, die auf einen Balkon hinausführte, von dem aus man einen wunderbaren Blick auf die Seine, bei gutem Wetter sogar bis hinaus zum Jardin du Luxembourg hatte. Der Wohnraum selbst war ausgestattet mit einem Sekretär aus italienischem Rosenholz, drei Diwans, überzogen mit feinstem türkischen Samt, einem Flügel und einer großen Anzahl anderer Möbelstücke, die einzeln zu erwähnen zuviel Zeit in Anspruch nehmen würde. Zur Rechten des Betrachters ging eine eher unscheinbare Türe ab, durch die man in die Kammer der Zofe kam, zur Linken sah man zwei Türen, die in das Schlafgemach und das Badezimmer führten. Auch diese beiden letztgenannten Zimmer standen dem Wohnraum in Sachen Luxus in nichts nach. Der Gräfin jedoch, deren Palais als das schönste in ganz London – mehr noch: in ganz England – galt, konnte diese Einrichtung nicht sehr viel Begeisterung entlocken.
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Kapitel Die Freimaurerloge
Mittlerweile war der Fremde nun schon drei Wochen in Lütlis Gasthof, doch obwohl dieser normalerweise schon nach wenigen Tagen in jeder Hinsicht über seine Gäste informiert war, war der Südländer ihm trotzdem noch ein Rätsel.
Schon früh am Morgen hörte er, wie der seltsame Reisende die Treppe zum Stall hinunterstieg und mit seinem Pferd weg ritt. Und wenn es überhaupt mal dazu kam, dass Lütli noch bemerkte, wie sein seltsamer Gast zurückkam, dann hatte dieser schon längst die letzten Trinker nach Hause geschickt, die Fensterläden geschlossen und seine Bettstatt aufgesucht.
In der ersten Woche ließ ihn das noch einigermaßen kalt, doch als er sogar abends von seinen Stammtischgästen auf den merkwürdigen Fremden angesprochen wurde, fing auch er an zu grübeln.
Da es jedoch nicht möglich war, den Gast tagsüber anzusprechen, um zu erfahren, was er den ganzen Tag über trieb, sah er es als die einzige Möglichkeit, seiner Frau die Wirtschaft am nächsten Tag zu überlassen und den Fremden bei seinen geheimnisvollen Unternehmungen zu beobachten. Natürlich wäre es einfacher gewesen, einen unverbindlichen Blick in das Zimmer des Fremden zu werfen, doch dafür war Lütli zu seinem Leidwesen und dem seiner Frau viel zu ehrlich.
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