Die Saat des Bösen von AlienorDartagnan
Durchschnittliche Wertung: 5, basierend auf 54 BewertungenKapitel Eine schreckliche Tat
In der Nähe von Armentiéres, Chateau de Breuil, Sommer 1615
"Es ist ein Junge! Meine Gebete wurden erhört! Du hast einen gesunden, kräftigen Bruder bekommen, Anne!"; ruft Vater übers ganze Gesicht strahlend und umarmt mich überschwänglich.
Ich versteife mich in seiner Umarmung, denn ich bin es nicht gewohnt, dass er so nett zu mir ist. Normalerweise beschimpft er mich nur als große Enttäuschung, als Strafe Gottes, und das nur, weil ich als Mädchen zur Welt kam. So fröhlich und liebevoll wie heute habe ich ihn noch nie erlebt.
Meine Amme Miranda hat mir erzählt, dass er nach meiner Geburt vor fast zwölf Jahren so enttäuscht war, dass er mich erst nach einer Woche zum ersten Mal angeschaut hat. Und so sehr ich mich auch bemühe, ich kann mich nicht erinnern, dass er jemals liebevoll mit mir umgegangen ist. Meistens hat er mich ignoriert, manchmal auch beschimpft. Ist das wirklich noch derselbe Mensch, um dessen Liebe ich mich immer vergeblich so verzweifelt bemüht habe?
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Kapitel Annes Rache
OT: Aprikosenkerne enthalten giftige Blausäure und können, wenn man mehrere davon ißt zum Tode führen.
Ich habe für dieses Kapitel in einem Buch über das Klosterleben im Mittelalter gelesen, die Gebetszeiten die in diesem Buch angegeben waren, waren mit Sicherheit auch im 17. Jahrhundert noch gültig.
Seit einem Monat bin ich jetzt in Templemar, und ich hasse es hier zu sein, gefangen hinter diesen hohen Mauern. Ich verabscheue die selbstgefällige, bigotte Äbtissin, die frömmlerischen Nonnen und Novizinnen, die ihr ganzes Leben damit verschwenden ein überirdisches Wesen anzubeten, für dessen Existenz es überhaupt keine Beweise gibt. Wozu soll das denn gut sein?
Das Leben hier ist sehr eintönig, eine endlose Abfolge von Tagen die immer nach dem gleichen Schema ablaufen. Morgens um zwei müssen wir zum ersten Gebet des Tages, der Matutin aufstehen und vom Dormitorium in die Klosterkapelle gehen. Um drei Uhr beginnt die Laudes, bei der das Gotteslob gebetet wird. Um sechs folgt wieder ein Gebet, die Prim, und nach der Terz um neun, bei der Hymnus und Psalmen gesungen werden bekommen wir im Refektorium das Frühstück, einen matschigen Haferbrei, der nach gar nichts schmeckt, weil er weder gewürzt noch mit Honig gesüßt wird. Anschließend geht jede Frau im Kloster der ihr zugeteilten Arbeit nach. Ich wurde von der Äbtissin für die Arbeit im Klostergarten bestimmt, wo ich nun von Soeur Agnes, einer buckligen alten Frau mit traurigen Augen, alles über die Heilkräuter die die Nonnen anbauen, und auch über jene die in den Wäldern der Umgebung wachsen, lerne und ihr bei der Gartenarbeit helfe.
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Kapitel gemeine Lügen und Aprikosen
Die meisten Frauen und Mädchen schlafen bereits, als Claire und ich uns aus dem Dormitorium schleichen und diejenigen die nicht schlafen, sind mit anderen Dingen beschäftigt und beachten uns nicht. Wie angenehm das doch ist, endlich einmal ohne diese grässliche Nonnenhaube heraumlaufen und den Wind in den Haaren spüren zu können. Es ist eine milde Sommernacht, im Garten duftet es nach Lavendel und verschiedenen Kräutern wie Rosmarin und Basilikum. In der Dunkelheit sind die hohen Mauern kaum zu erkennen, so dass man sich vorstellen kann, man wäre irgendwo draußen in Freiheit.
Man sieht Claire ihre Aufregung förmlich an, sie zittert am ganzen Leib.
"Bist du sicher, dass die Kerne meine Krankheit heilen werden?"
"Vertrau mir, Claire, das werden sie. Ich arbeite schon seit meiner Ankunft in Templemar bei Schwester Agnes im Garten und sie hat mir das alles beigebracht. Wenn du die Kerne gegessen hast, wird alles wieder gut."
Irgendwo zirpen Grillen, der Duft von frisch gemähtem Heu steigt mir in die Nase und ich stelle mir vor wie schön es doch wäre, jetzt durch die Wiesen, Weizenfelder und Wälder, die sich rund um das Kloster meilenweit erstrecken, laufen zu können, einfach frei zu sein, weit weg von dieser abscheulichen Frömmlerin.
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Kapitel Eine herbe Enttäuschung
Ein Jahr später, Ende August 1616
Seit einem Jahr bin ich jetzt in Templemar. Ich hätte nie gedacht, dass Vater mich so lange hier schmoren lassen würde. Das Leben ist so verdammt ungerecht! Ausgerechnet Claire durfte das Kloster vor zwei Monaten verlassen, weil ihre ältere Schwester gestorben ist. Diese dumme Gans, bis zuletzt hat sie sich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt, geweint und geklagt, als man sie zur Pforte gebracht hat.
Ich beneide sie, denn sie darf jetzt in Freiheit leben und schöne bunte Kleider anziehen, deren Stoffe sich weich und geschmeidig auf der Haut anfühlen, während ich weiterhin das aus rauem Stoff bestehende schwarze Gewand einer Novizin tragen muss. Claire wird den Comte heiraten, der mit ihrer Schwester verlobt war, prunkvolle Bälle in seinem Schloß feiern und nur die erlesensten Speisen essen. Dabei bin ich es die so ein Leben verdient und nicht diese Frömmlerin! Nun bedaure ich es umso mehr, dass sie nicht in jener Nacht im Garten gestorben ist. Ich wünsche ihr die Pest an den Hals! Hoffentlich stirbt sie bei der Geburt ihres ersten Kindes.
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Kapitel Der liebeskranke Beichtvater
Ein Jahr später, Anfang August 1617
In drei Tagen werde ich vierzehn, und noch immer sitze ich hier im Kloster fest. Die Äbtissin hat mich gestern in ihr Schreibzimmer kommen lassen und mir gesagt, dass ich genau an meinem Geburtstag das Ewige Gelübde ablegen soll. Dass ich das gar nicht möchte ist ihr völlig gleichgültig. Dabei habe ich alles versucht um aus Templemar herauszukommen.
Jeden Freitag haben wir die Gelegenheit beichten zu gehen, und Mére Catherine ist der Meinung, dass ich mich allmählich mit dem Leben hier arrangiert habe, weil ich regelmäßig diese Möglichkeit nutze. Ich gehe aber nur dorthin, weil ich darin meine einzige Chance sehe aus dem Kloster herauszukommen. Es hat nur vier Wochen gedauert bis der junge Priester mir mit Haut und Haaren verfallen war, und mittlerweile gestatte ich ihm sogar mich zu küssen. Ich weiß dass er gerne weiter gehen würde, aber ich werde nicht nachgeben, da ich sonst vielleicht den Reiz für ihn verliere. Und er muss weiterhin ganz verrückt nach mir sein, denn nur so kann ich ihn dazu bringen, mich bei meinen Fluchtplänen zu unterstützen.
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Kapitel Die Flucht
Zwei Tage später
Meine Knie sind butterweich, mein Herz pocht heftig und ich schwitze am ganzen Körper, als ich mich aus dem Dormitorium schleiche. Ich hoffe dass jetzt alles gutgeht und ich nicht wieder von der Äbtissin überrascht werde, so wie damals als ich mit Claire im Garten war. Die Freiheit ist für mich jetzt zum Greifen nah und wenn jetzt nichts mehr dazwischen kommt, werde ich in ein paar Minuten auf der anderen Seite der Klostermauer sein. Georges hat mir gesagt, dass er um Mitternacht eine Strickleiter an der Mauer herunterlassen wird, und zwar auf dem Friedhof, weil dieser hinter der Kapelle liegt und vom angrenzenden Garten aus nicht zu sehen ist.
Ich atme erleichtert auf, als ich bei der Kapelle ankomme. Sie ist nachts verschlossen, doch Georges hat den Schlüssel unter einem Stein versteckt. Erst als ich das sakrale Gebäude betrete, wähne ich mich in Sicherheit, denn ich glaube kaum, dass Mére Catherine mitten in der Nacht zum Beten hierher kommt. Sie lustwandelt sicherlich nur im weitläufigen Garten um ihre üppigen Mahlzeiten zu verdauen und die nächtliche Stille zu genießen. Ich halte mich nicht lange auf, verlasse die Kapelle durch die kleine Seitenpforte, die direkt zum Friedhof führt. Der Vollmond taucht die teilweise verwitterten Grabsteine in ein gespenstisches Licht, das mir eisig kalte Schauder über den Rücken jagt. Auf einigen sind die Namen noch lesbar, auf anderen ist entweder gar nichts mehr, oder nur noch einzelne Zahlen und Buchstaben zu erkennen. Im hastigen Vorbeigehen lese ich, dass Soeur Innocentia 1579 geboren und 1605 gestorben ist, Soeur Cecila vor drei Jahren im gesegneten Alter von zweiundachtzig starb, Soeur Mathilde 1597 mit zwölf Jahren für immer einschlief und Soeur Eleonore Anno Domini 1600 mit vierzig Jahren aus dem Leben schied.
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Kapitel Charles
Zwei Tage später, Armentieres
Seit gestern Morgen sitze ich jetzt in Armentieres im Kerker, in einer fensterlosen Zelle in der es unerträglich nach fauligem Stroh, Schweiß, Urin und Kot stinkt. Weil ich das Gelübde noch nicht abgelegt habe, wurde ich nicht zurück ins Kloster gebracht, sondern genau wie Georges der weltlichen Gerichtsbarkeit überantwortet. So grässlich dieser Kerker auch sein mag, so bin ich dennoch lieber hier als in Templemar, denn ich bin davon überzeugt, dass ich den Sohn des Kerkermeisters, der mir die Mahlzeiten bringt, dazu bewegen kann mir zur Flucht zu verhelfen. Charles ist in meinem Alter und sogar noch naiver als Georges, ein leichtgläubiger Knabe, der nicht besonders intelligent ist. Hier unten verliert man jedes Zeitgefühl weil es immer dunkel ist, mein einziger Orientierungspunkt sind die Mahlzeiten und das Wasser, die Charles mir am Morgen und am Abend bringt. Mein Magen knurrt laut und mir ist ganz schwindelig vor Hunger, da ich heute bis auf eine altbackene Scheibe Brot noch nichts gegessen habe. Außerdem habe ich eine Schale mit einer undefinierbaren grauen breiartigen Masse bekommen, die so abscheulich riecht, dass ich mich nicht dazu überwinden kann, etwas davon zu essen.
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Kapitel Verhängnis
Ich kann nicht sagen wie lange es gedauert hat bis dieser Tölpel endlich zurückkam, denn hier im Kerker in der Dunkelheit verliere ich jedes Zeitgefühl. Jedenfalls erscheint die Zeit bis er endlich wiederkommt mir wie eine Ewigkeit. Während ich warte, mache ich mir darüber Gedanken, wie ich weiter vorgehen soll, falls er den Sumach im Wald nicht findet. Hoffentlich haben meine Beschreibungen ausgereicht.
Als endlich die Tür meiner Zelle aufgesperrt wird, pocht mein Herz heftig vor Aufregung.
"Und, habt Ihr die Blätter?", frage ich ihn, als er hereinkommt, eine Schale von diesem stinkenden breiartigen Zeug in den Händen haltend.
"Ja, ich habe sie gefunden, aber es war nicht einfach, ich musste sehr lange danach suchen. Aber für Euch würde ich wirklich alles tun, Euch sogar den Mond vom Himmel holen wenn Ihr das von mir verlangen würdet."
Dieser Junge ist wirklich so dumm, ihn könnte sogar eine Frau die nicht so gut wie ich aussieht becircen. Ich bin sicher, dass er niemals eine Frau finden wird, und das ist vielleicht auch besser so, denn womöglich würde er sonst sein nicht gerade vorteilhaftes Aussehen und seine grenzenlose Dummheit an seine Kinder weitergeben.
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Kapitel Wie man aus Zitronen Limonade macht
Der Henker bindet mich trotz meiner heftigen Gegenwehr mit einem dicken Strick an einen Baum, nachdem er mir Arme und Beine gefesselt hat. Ich schreie laut um Hilfe, in der Hoffnung, dass einer der beiden Trottel, entweder Georges oder Charles vielleicht irgendwo in der Nähe ist und mich hört. Doch er bindet mir nun auch noch den Mund zu, und mir laufen eisig kalte Schauder über den Rücken als ich den Hass in seinen Augen sehe. Was er jetzt wohl vorhat? Möchte er mich töten? Oder wird er mich vielleicht hier, an den Baum gefesselt, zurücklassen, damit ich langsam verdurste und verhungere? Und mir vorher vielleicht noch ein paar Stichwunden zufügen um die Sache zu beschleunigen?
"Du Teufelsweib, du hinterhältiges Luder, jetzt bekommst du endlich das was du verdienst! Wegen dir wurde mein armer geliebter Bruder zur Brandmarkung verurteilt und dieses Schandmal wird er nie wieder los, ist nun für den Rest seines Lebens ein Ausgestoßener. Die Zukunft als Priester, von der er immer geträumt hat, habt Ihr mit Euren Intrigen zerstört. Warum seid Ihr nicht im Kloster geblieben wo Ihr hingehört? Dort hattet Ihr doch ein gutes Leben, konntet Euch jeden Tag satt essen und hatten einen warmen Schlafplatz, während unzählige andere Menschen in Frankreich hungern und frieren müssen. Ihr hättet dort bleiben sollen anstatt das Leben meines Bruders zu zerstören."
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Kapitel Eine Meisterin der Verstellung
Im Dorf La Fére, Ende August 1617
Ach, wie ich Paris vermisse! Georges und ich waren zwei Tage dort um zu warten bis der Bischof ihm eine Pfarre zuwies. Er hat tatsächlich eine im Berry bekommen, weil erst zwei Wochen zuvor in dem Dorf La Fére der Pfarrer gestorben war. Nun sind wir seit gestern in La Fére und ich bin alles andere als begeistert, denn es ist ein verschlafenes Nest, das nur aus etwa fünfzehn strohgedeckten Bauernhäusern, einem Gasthaus namens "Troubadour", der Kirche und dem neben der Kirche stehenden Pfarrhaus besteht. Dieses Haus könnte man wohl eher als Häuschen bezeichnen denn es hat nur vier Zimmer und einen Dachboden, die Einrichtung ist eher schlicht gehalten. Dabei habe ich immer gedacht, dass alle Pfarrer ein angenehmes Leben in prunkvoll eingerichteten Häusern führen. Auf die Landpfarrer trifft das jedoch wohl leider nicht zu. Dieser Bastard von einem Henkerssohn, warum hat er mir denn nicht gesagt, dass La Fére ein Dorf im absoluten Niemandsland ist? Die nächste Stadt, Bourges, ist fünfundzwanzig Meilen entfernt, zu weit um zum Einkaufen hin und wieder dorthin zu fahren. Nein, hier werde ich auf keinen Fall bleiben. Sobald sich mir die Gelegenheit bietet ein paar Meßgeräte zu stehlen, werde ich La Fére verlassen. Wenn ich die Messgeräte in Bourges verkauft habe, werde ich nach Paris zurückkehren. Ich kann jetzt gar nicht mehr verstehen warum ich ins Berry wollte. Paris ist eine Stadt nach meinem Geschmack..voller Leben, voller Möglichkeiten, voller Genüsse und Abenteuer jeder Art. Langweilig wird es mir dort gewiss niemals werden. Hier dagegen langeweile ich mich jetzt schon.
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Kapitel Mit den Waffen einer Frau
Ich bin richtig aufgeregt, als Georges und ich die Grafenfamilie zu ihrem Schloss begleiten. Die de La Féres besitzen eine große Kutsche auf der auf beiden Seiten ihr Wappen zu sehen ist. Ein kapitaler brauner Hirsch mit einem riesigen Geweih und darüber prangen drei goldgelbe Lilien. Ich kenne mich mit Adelswappen gut aus, daher weiß ich, dass nur Familien, die beim König durch besondere Verdienste in hoher Gunst stehen, dies in ihrem Wappen führen dürfen. Ein Vicomte dessen Familie aus altem Adel stammt und beim König in besonderköniglichen Liliener Gunst steht, das ist beinahe genauso gut wie ein Marquis. Der Innenraum der Kutsche ist so geräumig, dass auf jeder Seite drei bis vier Personen bequem nebeneinander Platz finden können. Der Vicomte erweist sich als äußerst galant, er reicht mir eine Hand um mir beim Einsteigen zu helfen. Während der Fahrt sitze ich ihm gegenüber, und stelle zufrieden fest, dass er mir ein sanftes, verträumt wirkendes Lächeln schenkt. Er ist bereits dabei meinem Zauber zu erliegen, und da ist er nicht der einzige.
Sein etwa vierzehnjähriger Bruder, der eine ihm bis aufs Haar gleichende jüngere Ausgabe von ihm ist, schenkt mir ein zaghaftes Lächeln und sucht während der gesamten Fahrt den Augenkontakt mit mir. Als er sieht, dass Olivier mich anlächelt und mir tief in die Augen schaut, wirft er ihm einen hasserfüllt wirkenden Seitenblick zu. Meine Menschenkenntnis sagt mir, dass nicht ich alleine die Ursache dafür sein kann. Diese beiden Brüder haben kein gutes Verhältnis zueinander, das erkenne ich auf Anhieb. Ich vermute, dass dieser Enguerrand gar nicht an mir interessiert ist und mich nur deswegen mit Interesse beäugt, weil er gemerkt hat dass der Vicomte sich für mich interessiert. Dieser junge Mann gönnt seinem älteren Bruder vermutlich nicht einmal die Butter auf dem Brot. Der andere Bruder, der Blondschopf hat nicht einen Blick für mich übrig und schaut die ganze Zeit stoisch aus dem Fenster. Ich bin ganz froh, dass er mich nicht beachtet, denn sein pickliges, an einen Streuselkuchen erinnerndes Gesicht löst bei mir großen Abscheu aus. Er sieht seinen Brüdern überhaupt nicht ähnlich, und ich frage mich, ob er die beiden wohl um ihre Schönheit beneidet. Selbst ohne die Pickel im Gesicht wäre dieser Raoul kein gutaussehender Mann, und ich bin sicher, dass er es als Zweitgeborener, der kein Erbe zu erwarten hat, schwer haben wird eine Frau zu finden. Keine Frau hält es mit so einer hässlichen Kröte aus, wenn sie dafür nicht mit Geld und Ländereien entschädigt wird.
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Kapitel Bajazet
Nein, eine ernstzunehmende Konkurrentin ist diese Comtesse de Lussaie für mich nicht, das erkenne ich auf den ersten Blick. Sie hat dunkles Haar das sie teilweise hochgesteckt und teilweise zu Korkenzieherlocken gedreht trägt. Sie hat ein Kleid aus bordeauxrotem Samt an, ein Kleid um das ich sie glühend beneide. Ich bin viel schöner als sie und mir würde es viel besser stehen. Während ich überdurchschnittlich gut aussehe, ist diese Dame bestenfalls Durchschnitt. Und im Gegenssatz zu mir verstellt sie sich nicht, sie rauscht hoch erhobenen Hauptes in den Salon der Grafenfamilie als ob sie hier bereits zu Hause wäre, und gebärdet sich, als ob sie die Königin von Frankreich wäre. Sie nickt dem Comte huldvoll zu und meint dann:
"Ich danke Euch für die Einladung zum Diner, Monsieur le Comte, ich fühle mich geehrt. Mein Vater lässt Euch durch mich ausrichten, dass Ihr und Eure Söhne am nächsten Sonntag zu uns zum Essen eingeladen seid."
Dann wendet sie sich mit ihrem charmantesten Lächeln an den Vicomte.
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Kapitel Eduard
Am selben Abend, im Pfarrhaus von La Fére
Nach dem Nachmittag auf dem prunkvollen Schloss erscheint mir das kleine Pfarrhaus noch trostloser als zuvor. Olivier hat mir nach den stinkenden Stallungen den Garten gezeigt und mich erst am frühen Abend, kurz vor Sonnenuntergang zurückgefahren. Ich habe gleich gemerkt, dass er mich am liebsten geküsst hätte, doch es vermutlich für ungalant hält, das beim ersten Zusammentreffen mit einer Frau die ihm gefällt zu tun. Was für ein Langweiler! Wenn er nicht so reich wäre, könnte er mir gestohlen bleiben. Wenigstens hat er mich eingeladen, übermorgen mit ihm auf die Jagd zu gehen, und zwar mit jenem Falken, der angeblich krank ist. Obwohl ich mir etwas Schöneres vorstellen kann, als stundenlang durch den Wald zu reiten um Wild aufzuspüren, habe ich die Einladung angenommen. Je mehr Zeit ich mit ihm verbringe, desto besser, denn ich will so schnell wie möglich aus diesem grässlichen Pfarrhaus herauskommen. Es ist so klein, so ärmlich, keine Heimstatt für eine Frau wie mich. Ich empfinde es als entwürdigend und demütigend hier wohnen und Tag für Tag diesen Versager Georges ertragen zu müssen.
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Kapitel Das Feuer
Zwei Wochen später, in einem Waldstück in der Nähe des Dorfes Vitray, Anfang September 1617
In den letzten zwei Wochen habe ich mich fast jeden Tag mit dem Vicomte getroffen. Wir waren gemeinsam auf Falkenjagd, sind zusammen ausgeritten und haben schon mehrmals im Wald auf einer kleinen Lichtung ein Picknick gemacht. Es ist für mich kein Vergnügen, mit diesem gefühlsduseligen Narren meine Zeit zu verbringen und mir sein rührseliges Gewäsch anhören zu müssen. Allmählich beginne ich, eine regelrechte Abneigung gegen ihn zu empfinden. Wenn ich etwas nicht leiden kann, dann sind es Menschen mit einem stark ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und Ehrgefühl, denn sie haben einfach nicht den Mut dazu, auch einmal die Regeln zu brechen und das zu tun was sie gerne tun möchten. Zu meinem Verdruss wurden ich und Georges nicht noch einmal zum Diner auf das Schloß eingeladen, und gestern hat Olivier mir erzählt, dass sein Vater ihm verboten habe, sich mit mir zu treffen, da er der Meinung sei, dass ich nicht an ihm, sondern an seinem Vermögen interessiert sei. Ich frage mich, wie es möglich ist, dass der Alte mich so leicht durchschaut hat, obwohl ich mich doch so exzellent verstellt habe. Er scheint genau wie ich eine ausgeprägte Menschenkenntnis zu besitzen, sonst hätte er niemals erkennen können, dass ich seinem Sohn nur etwas vormache. Wenn er für mich zum Hindernis wird, werde ich mir etwas ausdenken müssen, um ihn aus dem Weg zu räumen. Ich bin dem Vermögen der de La Féres jetzt schon so nahe, und ich werde nicht zulassen, dass der alte Comte mir das zerstört. Außerdem wäre es sowieso besser, wenn Olivier bald Comte wird, da er so über das gesamte Vermögen frei verfügen könnte. Ich hatte ja gehofft, dass er mir schon bald Schmuck und Kleider schenken würde, doch bisher hat er das nicht getan. Und weil Georges mir keine prachtvollen Kleider kaufen will, muss ich immer in diesen trostlos aussehenden schwarzen Samtkleidern, von denen er gleich drei Stück besorgt hat, herumlaufen. Aber zumindest hält das den Vicomte nicht davon ab, mir den Hof zu machen, denn dank meiner Schönheit wirke ich selbst in diesen altjüngferlichen Kleidern anziehend auf ihn.
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Kapitel Annes Entdeckung
Chateau de La Fére, zwei Tage später
"Aber Olivier, merkst du denn nicht, dass es dieser Frau gar nicht um dich geht, sondern um unser Vermögen und unsere Ländereien? Hat ihre Schönheit dich dermaßen geblendet?"
Ich habe mich im riesigen Kamin des Salons versteckt um dieses Gespräch heimlich zu belauschen, denn der Gedanke, dass der Comte nun von seinem Sohn ordentlich zurechtgestutzt werden wird, bereitet mir eine große Genugtuung. Es hat lange gedauert, bis ich ihn so weit hatte, dass er seinem Vater sagt, dass er mich liebt und vorhat mich zu heiraten.
"Vater, wie könnt Ihr nur so etwas behaupten? Was habt Ihr denn gegen Anne? Wieso glaubt Ihr, dass sie mich nicht liebt?"
"Ich habe sie an jenem Sonntag vor zwei Wochen während der Messe beobachtet. Sie hat uns vier so eingehend betrachtet, als ob sie abwägen würde, wer von uns für sie als Heiratskandidat in Frage käme. Sie hat versucht die andächtig betende fromme Schwester des Pfarrers zu mimen, aber ich habe sie gleich durchschaut und gemerkt, dass das nur eine Fassade ist. Ich konnte in ihren Augen lesen wie in einem offenen Buch. Wie sie uns in der Kirche angeschaut hat, das hat mir gar nicht gefallen, ihr Blick hatte eindeutig etwas Berechnendes. Frauen wie sie suchen sich immer reiche Männer von Adel, und wählen sich denjenigen aus, der ihnen am meisten bieten kann. Diese Anne ist so eine Frau, das habe ich direkt erkannt."
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Kapitel Oliviers Antrag
Als Olivier mich am nächsten Morgen bittet mit ihm zum Irrgarten des Schlosses zu kommen, befürchte ich das Schlimmste. Was, wenn er jetzt Nägel mit Köpfen macht und mich fragt ob ich ihn heiraten will? Was für eine bittere Ironie das doch ist..noch vor zwei Tagen, bevor ich das Gespräch zwischen dem Vicomte und seinem Vater belauscht habe, hätte ich alles für einen Heiratsantrag von ihm gegeben. Doch nun, da ich weiß, dass er enterbt wird wenn er mich heiratet, hoffe ich inständig, dass er erst einmal davon absieht mir einen zu machen. Ohne Vermögen und Titel ist er für mich wertlos, da kann die de Lussaie ihn gerne haben. Ich kann ihn erst heiraten wenn sein Vater das Zeitliche gesegnet hat, dann wird er Comte und somit eine sehr gute Partie sein. Als Comtesse de La Fère gehöre ich dem höchsten Adel des Landes an, Oliviers Familie kann ihre Wurzeln bis zu Charlemagne zurückführen. Ich werde ihn überreden mit mir nach Paris zu reisen, werde auf allen Bällen bei Hofe tanzen und die schönsten und teuersten Kleider tragen, so dass alle Hofdamen der Königin gegen mich wie graue Mäuse wirken. Die Gefahr, dass ich dort meinem Vater oder einem anderen Mitglied meiner Familie begegne besteht nicht, da Vater nur selten bei Hofe war, er hielt den Königshof immer für eine gefährliche Schlangengrube, ein Geflecht aus Lügen und Intrigen, in dem nur die Stärksten und Gemeinsten bestehen können. Genau der richtige Ort für mich, denn ich bin eine von denen, die keine Skrupel kennen und bei Hofe rasch in der Gunst des Königs aufsteigen werden. Olivier wird dort immer nur eines der kleinen Lichter sein, einer jener törichten Edelmänner, die nichts gewinnen können weil sie nie etwas wagen. Der Vicomte merkt gar nicht, dass er sich mit seinem ausgeprägten Ehrgefühl selbst im Weg steht. Ehre...wer braucht schon Ehre...dafür kann man sich schließlich nichts kaufen. Man muss sich im Leben durchsetzen können und wissen wie man sich zu seinem Recht verhelfen kann, und wer das nicht tut der wird gnadenlos von den anderen untergebuttert. Wenn ich nicht die Courage gehabt hätte für meine Träume zu kämpfen, würde ich immer noch in Templemar festsitzen und mich von der Äbtissin schickanieren lassen.
In meinen Augen ist Olivier ein Schwächling, der die Realitäten des Lebens nicht sehen will und lieber in seiner romantischen Traumwelt in der nichts so wichtig ist wie die Liebe, leben will.
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Kapitel Annes Unschuld
Ein paar Stunden später, am selben Tag
Ich habe heute schon wieder ein paar Stunden mit Olivier verbracht, und jede Sekunde davon war für mich eine Qual. Je mehr Zeit mich mit diesem Mann verbringen muss, umso mehr verachte ich ihn wegen seiner sentimentalen Art und seines extrem übertriebenen Ehrgefühls. Endlich habe ich eine Weile meine Ruhe, denn ich bin sicher, er wird lange brauchen, um Georges dazu zu überreden, uns miteinander zu verheiraten. Ich hoffe wirklich, dass dieser dämliche Henkerssohn sich nicht verplappern wird. Leider ist er immer noch in mich verliebt und ich befürchte, dass das bald zum Problem werden wird. Ich muss mir da wirklich etwas einfallen lassen um ihn loszuwerden, wahrscheinlich werde ich das noch machen müssen, bevor ich mich um den Comte kümmere. Es muss aber wie ein Unfall aussehen...und ich muss danach ein paar Monate die vor Trauer wie gelähmte Schwester spielen, das wird sehr anstrengend werden, aber was tut man nicht alles für Vermögen und Titel.
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Kapitel Heimtücke
OT: Was das Vergiften von Menschen mit Arsen durch Verstreuen von Arsenikpulver in Büchern betrifft, das war durchaus im Mittelalter eine gängige Methode des Mordes, das habe ich mir nicht ausgedacht, ich dachte mir, dass so eine heimtückischhe Methode für Anne wie gemacht wäre.
Drei Tage später
Seit zwei Tagen liegt Georges in seinem Gemach im Bett, er hat behauptet schwer erkältet zu sein. Ich bin davon überzeugt dass er nur simuliert, weil er mich und Olivier nicht trauen will. Wegen seiner "Krankheit" konnte die heimliche Hochzeit bei Nacht und Nebel nicht stattfinden. Er glaubt ernsthaft, damit eine Eheschließung verhindern zu können. Der Umgang mit ihm wird für mich immer schwieriger, weil er seine Eifersucht nur noch mühsam im Zaum halten kann ich lange brauche um ihn zu beschwichtigen. Nicht einmal mein Versprechen, dass ich in der Hochzeitsnacht zu ihm kommen würde, konnte ihn beruhigen, er betrachtet Olivier als seinen Konkurrenten.
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