Histoires de lettres von kaloubet und Aramis
Durchschnittliche Wertung: 5, basierend auf 11 BewertungenKapitel Certitude
Obgleich es noch nicht sehr spät am Abend war, stand die Sonne schon recht tief über dem Dach des Schlösschens, und die kreisenden Tauben nahmen sich aus wie flatternde Schattenrisse. In Erwartung des Frühlings einander eifrig umgurrend, umschwärmten sie die beiden kleinen Türmchen und in ihre heiseren Rufe mischte sich das fröhliche Pfeifen der Spatzen, die begannen, erste Nester zu bauen. Doch der Mann, der gerade die Lindenallee hinaufging, die zum Schloss führte, hatte kein Auge für die gefiederten Frühlingsboten, seine Stiefel und Kleider waren schlammbedeckt, seine langen Haare nass und zerzaust und auf seinen bleichen Zügen lag Erschöpfung, gemischt mit ein wenig Stolz. Denn zu dem Anwesen gehörte eine Mühle, die Athos erst vor einem Jahr mit Hilfe eines alten Müllers wieder in Stand gesetzt hatte und die nun das Korn seiner Bauern mahlte und sie von den Mühlen seiner Nachbarn unabhängig machte – oder machen sollte, denn irgendetwas hatte sich wohl in der letzten Nacht unter dem Mühlrad verfangen und es blockiert. Der Müller war am frühen Morgen mit diesem Problem zu ihm gekommen und sie hatten sich den ganzen Tag abgemüht, es mit Stangen versucht, einen Jungen ins Wasser geschickt, der aber prustend wieder aufgetaucht war und erklärt hatte, er sehe dort unten nichts, am Mühlrad gedreht, doch nichts hatte gefruchtet. Bis Athos sich schließlich entnervt bis aufs Hemd ausgezogen hatte und unter den staunenden Augen der Dorfbewohner, für die die Anstrengungen der Männer eine spannende Abwechslung waren, selbst ins Wasser gesprungen war. Der Junge hatte Recht gehabt, in dem dämmerdunklen Grün, das dort unten herrschte, war nichts zu sehen. Außerdem war das Wasser jetzt im März noch bitterkalt, so dass er schon nach wenigen Minuten weder Füße noch Hände mehr spürte. Und doch brauchte er die Hände, denn da er nichts sah, musste er ertasten, was sich unter dem großen Rad befand. Er hatte mehrere Versuche benötigt, da war zuerst nichts, nur Schlamm und Modder, dazwischen Zweige und andere Dinge, von denen er nicht unbedingt wissen wollte, was es war, die aber zu klein waren, um das Rad zu blockieren. Da plötzlich, als er fast schon aufgeben wollte, weil er so erfroren war, weil seine Hände schon so zitterten, dass sie fast nicht mehr zu gebrauchen waren, da ertastete er ganz am Rand des Rades, zwischen der Mauer und dem Holz, einen Fuß. Einen kleinen Fuß, den Fuß einer Geiß, die ins Wasser gerutscht war und sich nicht mehr befreien hatte können. Er war wieder aufgetaucht und gemeinsam hatten sie ein Seil an der Geiß befestigt und das tote Tier schließlich mit vereinten Kräften und unter dem Hurra der Zuschauer nach oben gezogen. Die Bauern hatten ihm auf die Schultern geschlagen, hatten ihm Schnaps angeboten, eine wärmende Decke, hatten ihn nach Hause bringen wollen, was er abgelehnt hatte, es war nicht weit und sie hatten ihr Tagwerk zu beenden, doch nun klapperten ihm die Zähne und er freute sich auf ein heißes Bad, eine gute Suppe und ein warmes Bett, wenn möglich in dieser Reihenfolge. Da kam ihm auch schon Grimaud entgegen, mit einem sorgenvollen Ausdruck auf dem Gesicht und einer Decke. Er legte sie ihm mit einem vorwurfsvollen Seufzer um die Schultern, der eine ganze Litanei von besorgten Vorhaltungen enthielt, doch Athos warf seinem Diener nur einen scharfen Blick zu und dieser hob, reichlich unbeeindruckt, die Achseln. Mit einem Augenrollen erkundigte sich der Graf: „Bad?“
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