Juliherausforderung 2004 von Silvia 

  Durchschnittliche Wertung: 3.5, basierend auf 6 Bewertungen

Kapitel Das Turnier von Anonymous

Anmerkung

:
Es gibt sicherlich viel zu dieser Herausforderung vorneweg zu sagen, aber das verschiebe ich besser auf unten. Hier will ich nur drei Dinge erwähnen, die ich für diese Geschichte fürchte:
1. Die Kritiken der (zahlenmäßig überlegenen) Athos-Fans,
2. Dass es nötig sein könnte, eine OOC-Warnung hinzuzufügen,
3. Dass die Geschichte mit ihrem diversen Unwahrscheinlich- aber dennoch Möglichkeiten nicht gefallen könnte.
Die Leser mögen beurteilen, wir sehen uns dann am Ende.
;)

Das Turnier

Abenddämmerung tauchte die Wiesenlandschaft in verräterisches Zwielicht. Schatten krochen aus ihren Verstecken und reckten ihre Finger gierig bis an den Saum des zurückweichenden Lichtes - Wie sehr es sich auch bemühte, die Dunkelheit war stets zuerst da. Bald schon verblasste der letzte schwache Sonnenstrahl am Horizont und die Ebene wurde gefangen im Dunkel. Mit der Nacht kamen Stille und Einsamkeit und harrten vertraut aneinandergeschmiegt dem nächsten Morgen.

Am Mittag noch hatte alles ganz anders gewirkt. Die abgeernteten Äcker und Felder um Paris herum waren voller Leben gewesen, voller Menschen, die sich hier zahlreich versammelt hatten, um ein großes Fest zu begehen, sich zu amüsieren und Abends in ihre Häuser zurückzukehren. Trubel und Heiterkeit hatten regiert, hatten die Festspiele bestimmt, hatten keine schlechte Stimmung in der bunten Menge zugelassen. Man hatte sich an Schaustellern und ihren Spielen belustigt, war flaniert, hatte kandierte Äpfel gekauft, in guter Stimmung sogar dem Bettler eine Münze zugesteckt und dann die "Ritter" beim Turnier angefeuert.

Jetzt waren die Wiesen verlassen, die Stände und Buden fest verschlossen, die Wege nicht länger befahren sondern bar jeder Menschenseele. In der Mitte des Festplatzes, wo der Boden durch viele Pferdehufe besonders aufgewühlt war, wo ein armer Bauer im nächsten Jahr nichts würde anpflanzen können und wo Sand jetzt die fruchtbare Erde ersetzte, hob sich groß, fast bedrohlich eine Tribüne vor den Nachtschatten ab.

Im fahlen Mondlicht schmolzen die vielen, bei Tage farbenfrohen Muster an ihren Wänden, am Zierrat, an den Vorhängen zu einem einheitlichen Grau zusammen und wirkten nicht länger herrlich, sondern abweisend. Vor der Tribüne befand sich die Reitbahn. Von der Küste hertransportierter Sand lag hell ausgebreitet über der Erde und markierte den Platz, wo der Höhepunkt des heutigen Tages stattgefunden hatte: Das Ritterturnier.

Das Lanzenstechen, in dem sich ein gewisser Monsieur *** besonders hervorgetan hatte, machte nur die eine Hälfte der Spiele aus. Zuvor hatte man eine Schlacht nachgestellt, Männer in Kostümen waren gegeneinander angetreten, hatten Waffen über ihren Köpfen geschwungen, Kampfgebrüll ausgestoßen, waren gegeneinander angetreten, bis eine Partei schließlich den Sieg davongetragen hatte. Die Verlierer halfen ihren geschlagenen Kameraden den Turnierplatz zu verlassen, manch einer war gar bewusstlos oder verwundet zu Boden gegangen und musste fortgetragen werden.

Weil es eine - von echten Soldaten - nachgestellte Schlacht war bedeutete dies nicht, sie wäre ungefährlich gewesen. Man hatte keine Rüstungen getragen, welche die ärgsten Stöße vielleicht abgefangen hätten, nein, man hatte Pagenkostüme bevorzugt und der einzige Schutz war ein gehärtetes Lederwams gewesen. Damit war man beweglicher, der Kampf für die Zuschauer interessanter. Die Waffen ihrerseits entsprachen ebenso wenig den Regeln als dem, was gefiel. Äxte, Kriegshämmer, Breitschwerter und auch Degen waren darunter gewesen. Rote Armbinden waren gegen blaue angetreten und hatten sich nicht das Geringste geschenkt, bis die Sieger feststanden.

Letzen Endes hatten sie alle verloren, doch das wussten die Zuschauer nicht, nicht die Bürger, nicht der Adel, bestimmt nicht die Majestäten, die von der Tribüne aus alles verfolgt und sich köstlich amüsiert hatten. Das wusste in diesem Moment mit unverrückbarer Sicherheit nur eine Person, eine junger Mann, der sich jetzt noch als einziger zu dieser späten Stunde auf der Reitbahn befand und mit leerem Blick die Tribüne betrachtete, von der aus man heute Nachmittag erheitert dem Kampf zugesehen und auch dann noch vergnügt gelacht hatte, als das Unglück bereits geschehen war... Ein Soldat hatte das Turnier heute nicht überlebt und er war der tapferste Kämpfer, der aufrichtigste Edelmann von allen gewesen. Doch die Spiele gingen weiter und scherten sich nicht um solche Werte.

Es war im Duell passiert, Einer gegen Einen. Ein tödliches Duell. Vielleicht ein Unfall - aber ein Mord in den Augen des Überlebenden selbst. Jetzt war er noch einmal zurückgekehrt, um zu begreifen. Wie betäubt stand der junge Mann vor der Tribüne und streifte sich langsam eine rote Armbinde ab. Er versuchte, sich an den Augenblick zurückzuerinnern, wo alle das Spiel verloren hatten. Wenn er sich nur selbst ebenfalls sagen könnte, dass es ein Unfall gewesen war...

Er war in Schwierigkeiten, das konnte man sagen. Seine Reputation war schwer angeschlagen, seine Glaubwürdigkeit beschädigt, das Vertrauen in seine Person erschüttert. Schlimmeres konnte ihm, einem loyalen Diener der Krone, der ungezählte Male sein Leben für die Ehre von König und Königin eingesetzt hatte, kaum wiederfahren. Das Übelste an der Situation aber war, dass er absolut nicht verstand, was mit ihm geschah. Irgendjemand hatte mit teuflischem Geschick seinen Ruf beschädigt, ja nahezu zerstört, und er wusste nicht, wie das hatte geschehen können. Sogar seine Vertrauten und eingeschworenen Freunde begannen, sich von ihm zurückzuziehen.
Er war ein Musketier - doch jetzt hatte Monsieur de Tréville ihn suspendiert.
("Der Doppelgänger" von Wolf Mathis)

Eine sehr milde Strafe im Anbetracht der Umstände. Eigentlich war die Suspendierung gar keine Strafe in dem Sinne, sondern ein Mittel, um ihm Zeit zu verschaffen. Zeit, einen Mord zu verstehen. Einen, den er selbst begangen hatte... an einem Freund...

*~*~*~*

Einige Stunden früher...

Rochefort wartete seit über einer Stunde schon vor dem Arbeitszimmer seiner Eminenz darauf, vorgelassen zu werden. Jetzt unterdrückte er nur mühsam ein Gähnen und ging einige Schritte, um die bleierne Müdigkeit aus seinen Knochen - zumindest ein wenig - zu vertreiben. Gestern war ein anstrengender Tag auf den Feldern vor der Stadt gewesen und erst spät war der Stallmeister nach Hause gekommen, nur um heute Morgen schon wieder viel zu früh von einem nervös auf Eile drängendem Boten geweckt zu werden mit der Order, keine Minute zu zögern und sofort zum Kardinalspalais aufzubrechen.

Nun, zumindest durfte sich Rochefort noch ankleiden, bevor er dann tatsächlich losmarschiert war um den Befehlen seines Dienstherrn mehr oder weniger prompt nachzukommen. Doch seit er sich bei Richelieu hatte melden lassen war nichts weiter geschehen: Er war nicht hereingerufen worden, er hatte sonst keinen Befehl erhalten und es war auch nichts vorgefallen, was darauf hingewiesen hätte, dass das Arbeitszimmer verweist und Seine Eminenz überhaupt nicht anwesend war. Der Graf hätte genauso gut eine Stunde länger im Bett bleiben können...

Rochefort passierte - zum, hm, vielleicht zehnten oder elften Mal? - den roten Samtvorhang, der das Fenster auf der rechten Seite schmückte und machte auf dem Absatz kehrt, der Säule auf der linken Seite erneut seine Aufwartung zu machen, als ihm unvermittelt ein Diener von hinten ansprach. "Monsieur mögen eintreten", sagte der Lakai mit einer tiefen Verbeugung und deutete auf das Arbeitszimmer. "Endlich...", konnte sich Rochefort nicht enthalten zu erwidern, als er mit festen Schritten, eine Hand lässig auf dem Degengriff, das Kabinett an dem Diener vorbei betrat.

Der Kardinal saß im Sessel hinter seinem wuchtigen Schreibtisch und studierte gerade einige Unterlagen. Er blickte auch dann nicht auf, als sein Stallmeister unmittelbar vor dem Tisch stehen blieb und nur leicht den Kopf zum Gruß neigte. Rochefort setzte eine steinerne Miene auf, von der er hoffte, man würde ihm weder seine Müdigkeit noch seinen Missmut ansehen können und wartete - mal wieder - während hinter ihm die Tür geschlossen wurde.

Nach einigen weiteren Minuten schien Richelieu endlich Notiz von seinem Untergebenen zu nehmen, legte das Papier, das er zuvor noch gründlich und mit einem leichten Stirnrunzeln gelesen hatte, beiseite und musterte stattdessen nun seinen Stallmeister, der dies mit gewohnter Geduld über sich ergehen ließ. Schließlich lehnte sich seine Eminenz im Sessel zurück und bedeutete seinem Gegenüber mit einer knappen Geste, zu sprechen.

Rochefort hob kurz die Schultern. Der Kardinal erwartete seinen Bericht des gestrigen Tages, als der Graf sich auf den umliegenden Feldern von Paris umgesehen hatte und erst so spät wieder in die Hauptstadt zurückgekehrt war, dass er sich auch jetzt beherrschen musste, nicht verräterisch müde zu blinzeln. Eine Meldung also, darum war er gerufen worden... Mit dem Ergebnis beginnen, dann den Hergang beschreiben.

Der Stallmeister straffte ein wenig seine Gestalt. "Es scheint sich nichts ungewöhnliches auf dem Festplatz zu tun. Die Schausteller wurden kontrolliert, es sind allesamt Scharlatane, Diebe und Gauner, aber keiner von ihnen ein Verschwörer, Spion oder Unruhestifter. Jegliche Sicherheit ihrerseits ist gewährleistet.
Nachdem ich den Auftrag erhalten hatte, Informationen über die Menschen und das Fest einzuholen, verließ ich gegen sechs Uhr morgens Paris. Es ist nur ein kurzer Ritt von etwa einer Stunde bis zum Turnierplatz, derselbst sehr überschaubar aufgebaut ist. Die Reitbahn ist unmittelbar vor der Tribüne, die Zelte für die Teilnehmer stehen dahinter. Wachen lassen sich leicht postieren und die Schausteller selbst versichern, dass es noch nie zu ernsten Zwischenfällen gekommen sei. Gegen Mitternacht kehrte ich nach Paris zurück", schloß der Graf seinen Bericht von der Festwiese und hoffte, damit entlassen zu sein. Leider erfüllten sich seine Hoffnungen nicht.

"Was ist mit den Teilnehmern selbst? Ich muss Euch nicht darauf hinweisen, Rochefort, dass diese prestigeträchtigen Ritterspiele mit echten Waffen ausgefochten werden - und dass uns bisher nicht alle Namen der Teilnehmer bekannt sind." Es gelang Richelieu ausgezeichnet, den Bindestrich in seinen Worten zu betonen und damit seinen Stallmeister ein wenig in Erklärungsnot zu bringen, der nun meinte: "Nun, wir wissen, dass etwa zwanzig Soldaten aus unterschiedlichen Einheiten an der Schlacht teilnehmen sollen. Angemeldet sind Männer aus der Garde des Königs, aus dem Regimentern von *** und ***, auch ein oder zwei Musketiere aus Trévilles Kompanie."

"Dann wissen wir nicht viel, nicht wahr?" meinte der Kardinal langsam und griff wieder nach dem Papier, das er zuletzt gelesen hatte. Rochefort erkannte, dass es sich um eine Liste handelte, eine Namensliste aller Soldaten in Richelieus eigener Garde. "Jussac und Cahussac werden ebenfalls teilnehmen", bestimmte Seine Eminenz nun. "Jemand sollte darüber informiert sein, was während der Schlacht selbst geschieht. Es sind bereits einige Männer damit beauftragt, auch die Namen der übrigen Soldaten zusammenzutragen. Denn obwohl wir so vieles nicht wissen, eines haben wir schon herausgefunden: Irgendwo unter den Teilnehmern befindet sich ein Verräter."

Rochefort erwiderte nichts. Es stimmte, schon vor Wochen hatten die Agenten seiner Eminenz herausgefunden, dass es während der nachgestellten Schlacht auf dem Turnier zu einem... Unfall kommen sollte. Ein bedauerlicher Zwischenfall, vielleicht löste sich plötzlich eine stachelbewehrte Eisenkugel von ihrer Stange und flog unaufhaltsam in die Zuschauermenge oder zur Tribüne. Vielleicht rutschte jemandem seine Axt aus der Hand? Ein Unfall, der nicht gegen eine bestimmte Person gerichtet war, aber der eine Panik auslösen konnte, durcheinanderlaufende Menschenmengen, unkontrollierbar...

"Allerdings zeichnet sich schon jetzt ab, dass eine Kompanie sich weigert, Auskunft zu erteilen...", fuhr Seine Eminenz fort und unterbrach die Gedanken seines Stallmeisters. Rochefort musste nicht nachfragen, um zu wissen, dass die Musketiere des Königs gemeint waren. Der Kardinal hatte es selbst gesagt, es handelte sich um "prestigeträchtige Ritterspiele". Der Ruhm der Gewinner fiel auch auf ihre Kommandanten zurück, wenn der König nach dem Turnier die Sieger beglückwünschte. Niemand wollte die Teilnehmer zu früh benennen, um... Zwischenfällen vorzubeugen. Anscheinend gelang es Tréville besser als den Übrigen, die Namen geheim zu halten. Der Stallmeister nickte.

"Es mag einige Zeit dauern, bis meine Spione sich soweit zutritt ins Hôtel de Tréville verschafft haben, dass sie unauffällig beobachten können, was sich im Innersten der Kompanie abspielt. Von außen erreichen mich immer die gleichen Berichte. Mein Vorschlag wäre es, eine Person zu verwenden, die zum einen beinahe uneingeschränkten Zutritt auch ins Arbeitszimmer des Hauptmanns hat, zum anderen keinerlei Verdacht erregen kann, da sie bereits Teil der Kompanie ist."
"Ich verstehe, worauf Ihr hinauswollt. Ihr sprecht vom Leutnant der Musketiere?"
"Ja, Eminenz. Ihr habt dieses Patent einem jungen Mann ausgestellt, den Ihr genauso gut in die Bastille oder aufs Schafott hättet schicken können. Jetzt wäre der richtige Augenblick, um den Preis für Eure Gnade einzufordern."
("Quo Vadis?" von Marenvs)

Der Kardinal zog erneut die Stirn in Falten, als er diesen Gedanken näher betrachtete. Dann jedoch schüttelte er den Kopf. "Nein, Rochefort, es gibt noch eine bessere Möglichkeit. Einen Spion, der doch nichts verraten wird, den Ihr sicherlich nicht dazu zwingen könnt etwas über seine Kompanie auszuplaudern, nützt uns nichts. Aber ein weiterer Teilnehmer auf unserer Seite... Jemand, der seine Kameraden kennt und sie darum in Schach halten kann." Ein dünnes Lächeln stahl sich in die Miene des ersten Ministers. "Ihr werdet einen Weg finden, Monsieur d'Artagnan davon zu überzeugen, dass es nicht zu seinem Schaden ist an dem Turnier teilzunehmen!"

'Er muss nicht unbedingt wissen, warum er kämpft. Das meintet Ihr wohl, Monseigneur', erwiderte Rochefort spöttisch in Gedanken und verneigte sich zum Zeichen, dass er verstanden hatte. Anscheinend würde er nicht sobald den verdienten Schlaf nachholen dürfen...

Als Rochefort das Arbeitszimmer verließ und die Tür hinter sich zuzog, wäre er beinahe mit Jussac zusammengestoßen, der aufgeregt den Gang hinuntergestürmt kam. Der Leutnant der Gardisten schien reichlich atemlos. Er murmelte ein hastiges "Verzeiht" in Richtung des Stallmeisters und wollte dann das Kabinett Seiner Eminenz betreten, doch der Diener von zuvor hinderte Jussac an seinem Vorhaben. "Monsieur, Ihr könnt nicht einfach-"

"Ich kann und ich werde!" herrschte Jussac den erschrocken zusammenfahrenden Diener an. "Zwei meiner Männer wurden soeben auf der Straße gefunden, der eine verletzt, der andere tot - und ich kenne den Täter, also lasst mich vor, um Meldung zu erstatten und mir einen Haftbefehl zu holen!"

Jussac schob den Diener einfach beiseite und trat in das Arbeitszimmer ein, ohne Rochefort auch nur noch einen flüchtigen Blick zu schenken. Nachdenklich geworden brach der Stallmeister auf.

*~*~*~*

Schon zwanzig Minuten nachdem die Unterredung zwischen dem ersten Minister und seinem Stallmeister stattgefunden hatte, klopfte Rochefort an eine Tür in der Rue des Fossoyeurs. Auch wenn die Spione nicht immer Erfolg hatten mehr über die inneren Angelegenheiten der Musketierkompanie herauszufinden, so konnten sich doch wenigstens genau sagen, wer sich gerade wann und wo befand - und der Leutnant der Einheit war gerade zu Hause.

D'Artagnan öffnete selbst, sein Diener schien wohl nicht anwesend zu sein. Merkliche Überraschung stahl sich in die Miene des Leutnants, als er seinen Besucher erkannte, doch er zögerte nicht, den Stallmeister hereinzubitten, welcher der Einladung auch sogleich folgte.

Der Leutnant schien keinen Besuch erwartet zu haben, zumindest erweckte seine Mansardenwohnung nicht den Eindruck, besonders herausgeputzt zu sein. Eher im Gegenteil, das Zimmer, welches Rochefort nun betrat wirkte eher unordentlich. Auf einem Tisch lagen Papiere wahllos verstreut, wenige schienen gerade erst geschrieben worden zu sein, anderen warteten schon länger darauf, dass man sie las, auf einigen war Geschirr von den letzten zwei oder drei hastig hinuntergeschlungenen Mahlzeiten abgestellt. Zwei Stühle waren nicht an den Tisch herangerückt, sondern standen schräg dazu und überhaupt erreichte man die Tür zum nächsten Zimmer nur, wenn man zuvor über einige andere, kleinere Gegenstände hinwegstieg.

Rochefort schmunzelte belustigt, als sich d'Artagnan verlegen räusperte, auf dem Tisch ein paar Teller beiseite schob und dem Stallmeister anschließend einen Platz anbot. Der Graf setzte sich auf einen freien Stuhl und wartete, bis der Leutnant aus der Küche zwei Becher und eine Flasche Wein geholt hatte, aus der er nun einschenkte. Anscheinend kam er nicht auf den Gedanken, dass Alkohol im Dienst vielleicht nicht erlaubt sein könnte und Rochefort für seinen Teil war es im Augenblick nicht unrecht nach seiner allzu zeitigen Audienz beim Kardinal wenigstens etwas in den Magen zu bekommen - auch wenn es sich dabei nur um ein rotfarbenes Getränk handeln mochte.

Bisher war noch kein Wort gefallen, erst, als sich d'Artagnan gesetzt hatte und mit dem Stallmeister kurz anstieß, nur um dann seinen Becher unangetastet zur Seite zu stellen, meinte der Leutnant nach einem kritischen Blick zu seinem Gast hin: "Ihr seht nicht sehr erholt aus, Graf."

Rochefort entging nicht, dass d'Artagnan damit der Frage nach dem unerwartetem Hiersein des Stallmeisters aus dem Weg gegangen war. Er macht eine wegwerfende Handbewegung und trank einen kräftigen Schluck von seinem Wein, bevor er erwiderte: "Der Dienst für Seine Eminenz ist bisweilen sehr ermüdend, müsst Ihr wissen."

D'Artagnan seufzte leicht und drehte den Becher in seinen Händen, ohne sich zum Trinken entschließen zu können. "Ich weiß, warum Ihr hier seid", meinte der Leutnant schließlich und hob den Blick vom Wein zu seinem Gegenüber. "Aber es waren die Gardisten des Kardinals, die den Streit begonnen haben."

Rochefort ließ sich seine Überraschung nicht anmerken. Sollte d'Artagnan hier auf etwas anspielen, dass auch Jussac zuvor nur zusammenhangslos berichtet hatte? Der Stallmeister beschloss, es auf einen Versuch ankommen zu lassen. "Dieser Zwischenfall war in der Tat nicht sehr erfreulich. Einer der Männer ist sogar tot, der andere verwundet. Was denkt Ihr, wie Seine Eminenz auf diese Nachricht reagiert hat?"

"Athos ist unschuldig!" D'Artagnan war von seinem Stuhl aufgesprungen und ballte eine Hand zur Faust. Mit kaum verhohlener Wut fuhr er fort: "Es waren die beiden Gardisten, die sich auf ihn stürzten. Er stand allein und hat sich lediglich verteidigt, sonst wäre er jetzt der Mann, den wir betrauern müssten."

Rochefort gratulierte sich in Gedanken, der richtigen Spur gefolgt zu sein. Er lehnte sich etwas auf dem Stuhl zurück und wartete, bis sich auch der Leutnant wieder einigermaßen beruhigt und gesetzt hatte. "Dies wäre kaum weniger unglücklich gewesen, in der Tat. Möglicherweise befand sich Athos in diesem Fall tatsächlich im Recht, es gab Augenzeugen", sagte der Stallmeister dann betont ruhig. "Einige meinten, der Musketier wäre absichtlich provoziert worden. Könnt Ihr Euch vorstellen, warum?"

Eine Weile erwiderte d'Artagnan nichts, er schien sich sehr beherrschen zu müssen, Rochefort nicht für das "Möglicherweise" in seiner Rede anzufahren. Dann jedoch hob der Leutnant kurz die Schultern. "Vielleicht richtet Ihr diese Frage besser an Euren geschätzten Dienstherren, Monsieur. Er wird unter Umständen wissen, weshalb seine Gardisten den besten Fechter unter den Musketieren am Morgen des Ritterturniers provoziert haben", grollte der Leutnant.

Rochefort war sehr zufrieden. Hier hatte er also schon einen Vertreter unter den Musketieren bei den Spielen gefunden. Der Stallmeister stellte seinen geleerten Becher auf dem Tisch ab. "Nun, dann solltet Ihr Euren werten Dienstherren wiederum fragen, Monsieur, warum der beste Fechter der Kompanie, der darüber hinaus für seine sprichwörtliche Gelassenheit bekannt ist, sich so bereitwillig von zwei Gardisten zu einem Händel anstacheln ließ. Sollte Athos am Ende etwas gewusst haben, das uns unbekannt ist?"

"Sprecht nicht in Rätseln!" forderte d'Artagnan aufgebracht und der Stallmeister tat ihm den Gefallen. "Diese beiden sollten am Turnier teilnehmen und sie waren beileibe nicht die unerfahrensten Soldaten. Sie hätten gewinnen können. Ich glaube, hier sind wir auf eine gegenseitige Provokation gestoßen, Monsieur le lieutenant. Allerdings ist es Monsieur Athos, der unversehrt geblieben ist und heute seinen Platz einnehmen wird. Nein, seine Eminenz war nicht sehr erfreut, als er davon hörte..."

"Droht Ihr nun mit einer Verhaftung, Monsieur le comte?" fragte d'Artagnan herausfordernd, aber Rochefort schüttelte nur leicht den Kopf. "Das wird sicher nicht nötig sein..."

"Wenn was geschieht?" hakte der Leutnant nach und musterte ein weiteres Mal seinen Gegenüber mit einem prüfendem Blick. Rochefort hatte heute Morgen bereits eine für die meisten Männer weitaus einschüchternde Musterung überstanden, so neigte er nur leicht den Kopf und lächelte dünn. "Diese Rauferei heute Morgen war ein bedauerlicher Zwischenfall und man sollte die Beteiligten zur Verantwortung ziehen. Allerdings ist Seine Eminenz bereit, über diesen Vorfall hinwegzusehen, nicht zuletzt, weil er von der Freundschaft weiß, die uns beide verbindet, d'Artagnan, und weil Ihr wiederum Athos' Freund seid."

"Was also kann ich in dieser Angelegenheit tun, damit Monseigneur gänzlich von einem Inhaftierungsgedanken abrückt?" gab der Leutnant leise zurück und sowohl ihm, als auch Rochefort war die Antwort bereits bewusst.

"Nur eine rote Armbinde tragen", antwortete der Stallmeister und d'Artagnan nickte langsam.

*~*~*~*

Das große Zelt, in denen die zehn Soldaten des blauen Armbandes untergebracht waren zeugte von reger Betriebsamkeit. Jeder der Teilnehmer war damit beschäftigt, sein Kostüm überzuziehen und einen letzten kontrollierenden Blick auf seine bevorzugte Waffen - ob nun Breitschwert, Kriegshammer oder auch Axt - bei den Ritterspielen zu werfen. Man klopfte sich gegenseitig auf die Schulter und wünschte sich viel Glück, man rief sich ermutigende Worte zu und war alles in allem davon überzeugt, gegen die Roten nicht verlieren zu können.

Schon jetzt prahlte man mit Heldentaten und überlegte, wo es sich nach der Schlacht am besten feiern ließ. Stühle wurden hin- und hergerückt, dienten mal als Podest, dann wieder als Kleiderständer, selten als Sitzgelegenheit. Das alles ging mit einem ungeheurem Lärm vonstatten, der in einer Schenke tatsächlich nicht hätte lauter sein können. Nur mit dem Unterschied, dass es jetzt noch nicht Abend, sondern erst früher Nachmittag war, man sich in einem Zelt hinter der Ehrentribüne befand, vor der sich gleich zur Einstimmung fürs Lanzenstechen eine improvisierte Schlacht ereignen sollte.

Die Stimmung war geradezu feucht-fröhlich, mal lachte, man wettete auf Sieg und scherzte über die schon jetzt gewissen Verlierer. Nur in einer Ecke des Zeltes war es sehr still, was bei dem allgemeinem Krach nicht weiter auffiel. Allein ein Soldat, der vor seinem Stuhl stand, über den er Mantel und Wams gelegt hatte, um sie gegen ein gehärtetes Leder zu tauschen, ließ sich von dem siegessicheren Posen und Worten seiner Kameraden für diese Schlacht nicht mitreißen.

Missmutig betrachtete Athos die Waffe in seiner Hand. Der Degen war nicht gut ausgewogen, der Korb ein schlichtes Bügelgefäß, die Parierstangen zeigten Zeichen von Abnutzung - wie die Klinge selber. Schartig und stumpf war sie, ohne jeden Glanz, ein Gebrauchsgegenstand für einen Soldaten, nicht mehr.
Athos war weit mehr als ein einfacher Soldat. Er war Musketier in den Diensten des Königs, und als solcher gehörte auch das Repräsentieren seines Standes zu seinen Pflichten. Mit dieser Waffe, die er langsam durch die Luft schneiden ließ, konnte er das nicht.
Sein alter Degen war zerbrochen. Es war natürlich im Kampf geschehen, einer der großen Leidenschaften des verdienten Musketiers, im Kampf gegen zwei Gardisten von Kardinal Richelieu, die ihn provoziert hatten. Das war ihr erster Fehler.
("Die Klinge" von Wolf Mathis)

Ihr Zweiter war es gewesen, sich tatsächlich auf ein Duell einzulassen. Auch gegen beide Gegner, die ihn feige zugleich angriffen, focht Athos wie ein wahrer Meister und war in jedem Moment überlegen. Den Schlag des ersten parierend und ihm einen Tritt versetzend, der den Gardisten zurücktaumeln ließ, hatte der Musketier für wenigen Augenblicke nur noch mit einem Angreifer zu rechnen. Die wenige Zeit, die er gewonnen hatte, nutzte der Graf bestens um die schlecht gesetzten Hiebe des zweiten Gardisten mit eigenen, wohlgeführten Angriffen zu erwidern. Es genügten zwei Stöße, dann lag sein Gegner am Boden und blutete aus einer üblen Schulterwunde.

Bis dahin war der Erste wieder aufgesprungen und führte aus Wut einen so wilden und unbedachten Schlag gegen Athos, dass der Musketier die Attacke zwar leicht abwehren konnte, doch seine Klinge dabei entzweibrach. Der eigene Schwung des Gardisten ließ ihn stolpern - genau in den Stumpf von Athos' Degen.

Ihr dritter Fehler war es gewesen, diesen Kampf heute Morgen anzuzetteln, doch dafür konnte der Graf den Gardisten keine Manieren mehr beibringen, sie waren bereits besiegt. Dieses Händel hatte nur wenigen Augenblicke in Anspruch genommen. Er hatte der Garde des Kardinals einen verwundeten und einen toten Soldaten eingebracht, Athos selbst diese Klinge hier, die ihm der Zeugmeister aus dem Bestand der Musketierkompanie gegeben hatte.

Nein, mit diesem stumpfen Gegenstand, mehr als eine Keule zu gebrauchen, denn als ein Schwert, konnte Athos nicht das Zelt verlassen um ein Turnier zu bestreiten! Er ließ die Klinge ein weiteres Mal durch die Luft schneiden und vermisste dabei den sirrenden Ton, den sein alter Degen bei dieser Bewegung gemacht hatte. Stirnrunzelnd ließ Athos die Waffe sinken und schnippte mit dem Zeigefinger gegen das glanzlose Metall. Ein helles Klingen, wie von einer Stimmgabel hätte zu hören sein müssen, doch das Geräusch, das auf den Test des Grafen folgte, klang nicht melodisch sondern erstickt dumpf. Dieser Degen sang nicht, er ritzte nicht einmal in die Haut des Musketiers, als Athos mit dem Daumen über die Schneide fuhr. Wahrscheinlich hätte selbst ein Schleifstein hier nichts mehr retten können, die Klinge blieb schartig. Nein, so konnte er keinesfalls an dem Wettkampf teilnehmen!

Es sollte sich bei dieser Waffe zwar um einen Degen handeln, aber Athos glaubte mehr und mehr einen nutzlosen Stock zu führen. Genauso gut konnte er mit bloßen Händen die Reitbahn betreten. Weniger gelassen als üblich, ließ Athos einen verärgerten Blick durch den Zeltraum schweifen. Die übrigen Teilnehmer schienen alle äußerst zufrieden mit ihren Waffen und begannen, allmählich aufzubrechen.

Doch auch Monsieur de Cambert neben ihm griff gerade eher trübselig nach einem Spieß, der an die Zeltwand gelehnt war. Cambert war ein Soldat aus Athos' Kompanie, mit dem der Graf bislang nur wenige persönliche Worte gewechselt hatte. Man unterhielt sich vielleicht beim gemeinsamen Wachdienst, ansonsten hatte der Graf nicht viel mit dem anderen Musketier zu schaffen, von dem Athos nur wusste, dass er ein junger Mann von etwa 25 Jahren war, der mit einem Empfehlungsschreiben seines Vaters, sowie des Generals ***, der den Soldaten aufs höchste gelobt hatte, in die Kompanie eingetreten war.

Sonst hatte sich dieser Musketier noch nicht sonderlich hervorgetan, war eher unauffällig, hielt sich im Hintergrund. Auch sein äußeres Erscheinungsbild zeigte keine besonderen Merkmale: Er hatte braune Haare und Augen von der gleichen Farbe, ein schmales, nicht sehr markantes Gesicht, war kaum sechs Fuß groß und stand immer ein wenig gebeugt. Ob diese Körperhaltung besondere Lässigkeit zum Ausdruck bringen sollte war schwer zu sagen, zumal Cambert sonst nicht den Eindruck erweckte, irgendeine persönliche Haltung zu haben. Es war schon erstaunlich genug, dass dieser junge Mann heute der zweite Vertreter für die Musketiere Seiner Majestät war.

Jetzt allerdings sah Cambert von dem Spieß, den er auswiegend in der Hand hielt, auf und musterte mit einem kurzen Seitenblick Athos' Degen. Er runzelte die Stirn, eine Reaktion, die ihm der Graf nicht verübeln konnte.

"Ihr seht ganz Recht, es ist eine furchtbare Klinge", meinte Athos, was Cambert zu einem kurzen - oder doch eher erschrockenem? - Schulterzucken veranlasste. Sein Blick hob sich von der stumpfen Waffe zu Athos' Gesicht, doch schien der jüngere Musketier seinem Gegenüber nicht in die Augen, sondern ein wenig links davon aufs Ohr zu sehen, als er erwiderte: "Ganz Recht, sie hat wohl furchtbare Schlachten geschlagen und wird in Eurer Hand sicher das ruhmreichste Schwert heute sein."

Athos hob leicht eine Augenbraue, dann lächelte er nachsichtig. "Das wage ich zu bezweifeln, Monsieur. Diese Klinge ist nicht die meine und hat mit Sicherheit niemandem je gute Dienste geleistet."

Cambert erwiderte das Lächeln zurückhaltend. "Warum, wenn die Frage erlaubt ist, führt Ihr diese Waffe dann?"

Athos seufzte leicht und lehnte den Degen gegen seinen Stuhl. "Meine ist im Kampf zerbrochen und ich konnte so schnell keinen Ersatz finden. Man hat mir diese Klinge angeboten." Der Graf sprach nicht weiter, Cambert hatte selbst schon richtig erkannt, was es mit dieser Waffe auf sich hatte.

Tatsächlich nickte der andere Musketier nun verstehend und richtete seinen Spieß auf, der fast ein wenig zu groß wirkte für die schmalen Hände des jungen Mannes. Es war nicht leicht zu sagen, ob er seine Waffe festhielt oder sich eher darauf stützte. Mit einer fast unglücklichen Geste strich Cambert leicht über die Stange. "Nun, Monsieur, zumindest habt Ihr einen Degen wählen können. Mir riet man zu diesem... Stück Holz. Ich werde sicher nicht lange an der Schlacht teilnehmen - aber es ist zur Belustigung des Volkes, das der König zufrieden wissen will."

Das Zelt leerte sich, bald schon würde das Turnier beginnen und wie es schien, sollten die Musketiere heute nicht als strahlende Sieger, eher als 'Mitgewinner' den Platz verlassen. Athos hielt einige aufmunternde Worte für angebracht. "Aber bedenkt doch, Cambert, was für einen Vorteil Euch diese Waffe verschaffen kann. Ihr könnt Eure Gegner auf Distanz halten und sie angreifen, während sie Euch ihrerseits nicht erreichen können."

Der junge Mann sah erst verwundert zu seinem Gegenüber, dann musterte er mit neuem Interesse seinen Spieß. "Ihr habt Recht... Ja, möglicherweise ist dies doch nicht die falsche Wahl gewesen. Ich danke Euch, Monsieur Athos, Ihr gebt mit den Mut zurück. Aber Ihr selbst..." Cambert deutete auf den Degen, der noch immer am Stuhl lehnte. "Es muss eine Beleidigung für einen so großartigen Fechter wie Euch sein, nur solch einen schlechten Ersatz zu haben."

Athos lachte leicht auf und hob beschwichtigend eine Hand. "Seid unbesorgt darum. Ich werde die Klinge drehen und den Griff als Knüppel verwenden, wenn ich meinen Gegner nicht anders Respekt abgewinnen kann", scherzte er, obwohl ihm ganz und gar nicht danach zumute war.

"Nein", Cambert schüttelte bestimmt den Kopf und fixierte wieder irgendeinen Punkt hinter dem Ohr seines Gegenübers. Sie waren mittlerweile allein im Zelt zurückgeblieben und Athos vermutete, dass auch die beiden Musketiere nicht mehr lange plaudern konnten. Der junge Musketier fuhr jedoch munter fort: "Ihr solltet eine bessere Klinge verwenden, eine, die Eurer würdig ist." Ein kleines, fast schelmisches Grinsen stahl sich in die Camberts Miene. "Wie wir alle anständige Edelleute sind, ist heute niemand unbewaffnet auf dem Turnier erschienen. Er wird sich hier im Zelt wohl ein Degen finden lassen, den Ihr verwenden könnt, Monsieur."

"Ich soll eine fremde Klinge... stehlen?", schnappte Athos fast nach Luft und musterte mit einem eisigen Blick seinen Gegenüber, der für einen Moment ein wenig blasser zu werden schien, dann jedoch entschuldigend den Kopf neigte. "Natürlich nicht, verzeiht, ich habe mich falsch ausgedrückt. Eine Waffe leihen. Ich wäre geehrt, wenn ich Euch meinen Degen anbieten dürfte."

"Das würdet Ihr tun?" Ein weiteres Mal war Athos überrascht. Er selbst hätte seinen Degen nicht so freimütig hergegeben, zumal nicht dann, wenn es in eine solche Schlacht gehen sollte, wo mehr Hieb- als Stichwaffen gebraucht wurden und eine leichte Klinge allzu schnell zu Bruch gehen konnte. Dennoch nickte Cambert nun eifrig, ging zu seinem eigenen Stuhl und zog unter seinem Mantel, der über der Lehne hing einen Degen hervor, der, auch noch in seiner Scheide steckend, überaus gut gearbeitet und sehr kostbar anmutete.

Der junge Musketier reichte die Waffe weiter an den Grafen, der einen Moment zögerte, sie anzunehmen. Cambert jedoch schien darauf zu bestehen und so zog Athos die Klinge aus ihrer Hülle. Sie vibrierte leicht und ihr Sirren, als der Graf mit der Waffe durch die Luft schnitt, erinnerte an eine eigentümliche, aber wohlklingende Melodie. Die Schneide war scharf und funkelte, der Korb war mit kleinen Verzierungen gearbeitet und ein blaues Band umspielte den Griff, um in einer lockeren Kordel zu Enden. Der Degen war perfekt ausbalanciert, wie Athos schnell bemerkte. Wenn er sich nach diesem Turnier eine neue Klinge kaufte, dann sollte sie wie jene sein, die der Graf nun in der Hand hielt.

"Sie gehört Euch, wenn Ihr es wünscht", unterbrach Cambert die Gedanken seines Kameraden, der einen kurzen Blick auf seinen eigenen, schartigen Degen warf und anschließend noch einmal die Waffe in seiner Hand schwang, die dabei einen überaus reinen Klang ertönen ließ. Doch dann schüttelte Athos den Kopf und reichte die Klinge zurück. "Das kann ich nicht annehmen, Monsieur. Es ist Euer Degen, er könnte im Kampf zerbrechen."

Der junge Musketier lächelte auf eine recht eigentümliche Weise. "Es ist nur eine Waffe. Es mag geschehen, dass sie zerbricht, aber anders als einen Menschen kann man sie wieder flicken. Es wäre mir eine große Ehre, den Degen Euch für diese Schlacht überlassen zu können."

Athos musterte einen Moment länger seinen Gegenüber, der seine Worte tatsächlich Ernst zu meinen schien. Schließlich nickte er, zum einen stolz, diese Waffe führen zu können, die mit Sicherheit einzigartig unter ihresgleichen war, zum anderen besorgt, was sie und ihn nun auf dem Schlachtfeld erwarten mochte...

*~*~*~*

D'Artagnan hatte es mit seinen Waffen vielleicht besser getroffen - allerdings nicht mit seinen Kameraden. Die meisten Soldaten hier im Zelt schienen Kardinalisten zu sein und der Leutnant zwang sich, Augen und Ohren gegenüber so manchem Spottwort zu verschließen. Er durfte sich jetzt nicht zu einer unbedachten Handlung hinreißen lassen, hier ging es schließlich nicht um ihn... Auch wenn Jussac und Cahussac es nicht lassen konnten, so manche spitzfindige Bemerkung zu machen!

Wie auch im Zelt ihrer heutigen Widersacher, war die Stimmung bei den Soldaten mit den roten Armbändern ausgelassen. Genau wie Athos, ließ sich d'Artagnan von den Späßen, den Posen und den Worten seiner... "Kameraden" allerdings nicht mitreißen, sondern legte sich eiligst sein gehärtetes Lederwams an, schnürte sich das rote Band um den Arm, griff nach seinem Degen und verließ dann das Zelt ohne einen Blick zurückzuwerfen.

Der Leutnant hatte vor, sich auf geradem Weg zum Turnierplatz zu begeben und dort zu warten, bis diese verfluchte Schlacht beginnen würde. Nach den Spielen würde er schon noch einiges zu hören bekommen von seinen Freunden, von den anderen Musketieren, bestimmt von Tréville, wie er auf der Seite des Kardinals hatte kämpfen können...

Nun, er musste ja nicht sonderlich gut kämpfen und seinen Feinden zum Sieg verhelfen. Solange er sich auch nicht zu auffällig schlecht anstellte, sodass man ihm nicht nachsagen konnte, er hätte mit Absicht verloren. Hauptsache, Athos blieb auf freiem Fuß... hoffentlich würde d'Artagnan nicht ausgerechnet seinem Freund im Duell gegenüberstehen!

In diese wenig erfreulichen Gedanken vertieft merkte der Leutnant erst spät, dass er, statt auf den Turnierplatz, er geradewegs daran vorbeigegangen war. Jetzt befand er sich inmitten der Menschenmassen, die über die Festwiese schlenderten, sich an den Schaustellern und deren Darbietungen erfreuten und dabei viel Geld auf dem Platz ließen. Reichlich unzufrieden mit sich selbst wollte d'Artagnan schon auf dem Absatz kehrt machen, als sich ihm unvermittelt eine Hand auf die Schulter legte.

Der Leutnant fuhr herum, eine Hand schon am Griff seines Degens, als er erkannte, wer da um seine Aufmerksamkeit bemüht gewesen war. "Rochefort, was..." D'Artagnan hatte die Frage noch nicht zuende formuliert, als der Stallmeister sie auch schon mit einer kurzen Geste beiseite winkte und dem Leutnant bedeutete, ihm zu folgen.

Mit einem enerviertem Seufzen kam der Musketier dieser Aufforderung nach. Was wollte Rochefort nun schon wieder? Hatte seine Eminenz spezielle Wünsche, wie "seine" Soldaten sich auf dem Platz benehmen sollten?

Der Stallmeister führte d'Artagnan geradewegs in die ruhigere Gasse zwischen zwei Buden. Dort sah sich Rochefort nach allen Seiten um, ob sie niemand gesehen hatte und dem Leutnant der Musketiere fielen, wie auch schon heute Morgen, die dunklen Ringe unter den Augen des Stallmeisters auf. Die Müdigkeit schien allerdings nicht der Grund für die offensichtliche Beunruhigung des Grafen zu sein, der nach einigen weiteren Blicken erst zufrieden mit der Umgebung schien und nun fragte: "Ihr kommt gerade aus dem Zelt, nicht wahr?"

D'Artagnan bejahte verwundert und fragte sich, worauf der Stallmeister hinauswollte. Doch bevor er selbst eine Frage stellen konnte, sprach Rochefort schon weiter: "Ist Euch irgendetwas... aufgefallen?"

Der Leutnant runzelte leicht die Stirn. "Was meint Ihr, Graf? Sprecht Ihr von der außerordentlich guten Stimmung unter den Teilnehmern oder darüber, dass sich ein Jeder in ein lächerliches Kostüm zwängen muss, um das Volk zu erheitern?"

Rochefort ging nicht auf diesen Sarkasmus ein. "Ja, die Kostüme. Zu ihnen gehören auch die Waffen. Habt Ihr darunter eine besondere Klinge bemerkt?"

Ohne länger zu überlegen schüttelte d'Artagnan den Kopf. Er hatte einige Soldaten mit Breitschwertern gesehen, aber diese Waffen wirkten eher plump als besonders und konnte nicht gemeint sein. Er selbst war der Einzige in seiner "Truppe", der heute mit seinem Degen antreten wollte. "Was bedeutet "eine besonderes Klinge"? Ungefähr drei Männer führen heute Schwerter, aber sie wirkten nicht sehr einzigartig. Warum wollt Ihr das wissen?"

Allmählich verlor der Leutnant die Geduld mit der Geheimniskrämerei seines Gegenübers und auch Rochefort schien das nun klar zu werden. Hastig erklärte er nun: "Hört zu, d'Artagnan: Ihr müsst während der Schlacht nach einem Soldaten Ausschau halten, der einen Degen führt, einen sehr edel anmutenden. Eine auffällige und sicher einzigartige Klinge. Ich weiß nicht genau, wie sie aussieht, aber ich bitte Euch um eins: Ihr müsst um jeden Preis verhindern, dass dieser Soldat zu nahe an die Tribüne gelangt und dort seine Waffe zu rücksichtslos führt."

Der Musketier nickte aus einer ersten Regung heraus verwirrt, dann jedoch hob er abwehrend eine Hand. "Was redet Ihr da, Rochefort? Was hat es mit diesem Soldaten auf sich?"

"Es ist nicht der Mann, es ist die Waffe. Aus einer zuverlässigen Quelle habe ich erfahren, dass sie das Werkzeug für ein Verbrechen sein soll." Erneut sah der Stallmeister prüfend die Gasse in beiden Richtungen hinunter, bevor er sich wieder mit eindringlicher Stimme an seinen Gegenüber wand. "Schon seit einigen Wochen ist uns bekannt, dass es auf dem Turnier zu einem Unfall kommen soll, doch wir wussten weder wann, noch wo oder wie. Jetzt haben meine Agenten einen Mann gestellt, der geredet hat. Es soll während der Schlacht geschehen, in der Nähe der Tribüne und diese Waffe ist das Werkzeug. Jeder könnte sie führen, bewusst oder unbewusst. Ihr werdet den Degen erkennen und ich bitte Euch nur um diesen Gefallen. Es geht hier nicht um Seine Majestät oder den Kardinal allein. Dieses Mal müssen wir zusammenarbeiten."

"Warum bittet Ihr nicht Jussac und Cahussac um Hilfe?" gab d'Artagnan mit ebenso leiser Stimme zurück.

Rochefort machte eine ungeduldige Handbewegung. "Die Zeit reicht nicht mehr, die Aufstellung für die Schlacht beginnt bereits. Ich habe Euch hier zufällig getroffen. Werdet Ihr auf die Waffe achten, sie dem Soldaten entwenden und in Sicherheit außerhalb des Turnierplatzes bringen, damit sie keinen Schaden anrichtet?"

Wieder nickte der Leutnant und diese Mal war es ihm Ernst. "Ihr habt mein Wort."

"Gut." Rochefort schien sehr erleichtert. "Dann geht jetzt, der Schaukampf soll gleich beginnen."

*~*~*~*

Nach und nach hatten alle Soldaten, die Träger der roten und blauen Armbinden, ihre Plätze in einer Reihe nebeneinander vor der Tribüne eingenommen. Eine gespannte Stille lag über dem Turnierplatz, die Zuschauermenge schien den Atem anzuhalten. Endlich sollte das große Ereignis beginnen.

Auf der Tribüne selbst erhob sich nun seine Majestät und alle Teilnehmer verneigten sich ehrfurchtsvoll, während sie einer kurzen Ansprache des Königs lauschten - oder mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt waren. D'Artagnan war gerade noch rechtzeitig auf der Reitbahn erschienen um sich am äußeren Ende der Kette neben einem seiner "Kameraden" einzureihen.

Während sich nun die Soldaten verbeugten, spähte der Leutnant dabei unauffällig zur Seite, um vielleicht schon einen Blick auf einen "besonderen Degen" zu werfen. Er erkannte unterschiedlichste Waffen, jeder Teilnehmer hatte nach seinem Geschmack ausgewählt. Aber einen zweiten Degen, wie er selbst einen trug, hatte er noch nicht ausfindig gemacht. Andererseits konnte er auch nicht bis an das Ende der Reihe sehen, er hatte bisher nicht einmal Athos ausfindig gemacht, der irgendwo unter den Blauen stehen musste.

Schließlich beendete der König seine Rede und die Kämpfer begaben sich in Schlachtordnung. Nichts war abgesprochen worden, nichts schien irgendwie geplant - Für ein nachgestelltes Gefecht würde es hier gleich sehr rau zugehen. Die beiden Parteien nahmen gegenüber Aufstellung in einer Entfernung von vielleicht 100 Schritten. Wenn sie mit gleicher Geschwindigkeit losliefen, sobald das Signal zum Angriff gefallen war, würden sie genau vor der Tribüne wieder zusammentreffen und die Schlacht konnte beginnen.

D'Artagnan musste dann möglichst schnell diesen einen Degen ausfindig gemacht haben und seinen Träger in ein Duell verwickeln, ihn irgendwie entwaffnen. Um diese Entwaffnung machte sich der Leutnant weniger Sorgen, er vertraute völlig auf seine Fechtkünste. Ihn beunruhigte nun mehr, schneller als einer der anderen Soldaten diesen Mann zu erreichen und ihn zum Kampf zu stellen. Rochefort hatte nicht einmal sagen können, ob es sich um einen Blauen oder um einen Roten handeln würde!

Nun, zumindest in seiner Partei schien bis auf d'Artagnan kein Soldat einen Degen zu gebrauchen. Das schloss also schon zehn Männer aus, während zehn weitere übrig blieben. Jetzt befanden sich die Betreffenden allerdings am gegenüberliegendem Ende des Platzes und es ließen sich nur schwer Einzelheiten ausmachen. Allenfalls ein Spieß ragte aus der Menge der Waffen besonders auffällig hervor.

Dann erfolgte das Signal. Ein lauter Fanfarenstoß ließ die Parteien mit lautem Kampfgebrüll aufeinander zulaufen. Viele der Männer schwangen dabei ihre Waffen über den Köpfen und es war ihnen anzusehen, dass sie sich auf die zünftige Rauferei, die nun folgen sollte, geradezu freuten. Die Zuschauer riefen ebenfalls alle durcheinander und feuerte die Soldaten an. Auf der Tribüne neigte sich der König zu seinem ersten Minister und sagte irgendetwas zu ihm.

D'Artagnan ließ sich einige Schritte zurückfallen und suchte gehetzt mit den Augen das Schlachtfeld ab. Die vorderen Kämpfer der beiden Gruppen waren bereits aufeinandergetroffen, Waffen klirrten, ein wilder Tanz begann. Die nachrückenden Soldaten suchten sich jeder einen Weg nach vorne, bis sie einen Gegner gefunden hatten. Der Kampf wogte vor und zurück, in den ersten Augenblicken gewann noch niemand einen Vorteil.

Der heftige Aufprall der Parteien verlief ungebremst weiter und auch der Leutnant der Musketiere erreichte jetzt den äußeren Rand der Schlachtlinie. Noch immer hatte er nicht die gesuchte Waffe erblicken können, überhaupt schien er der einzige zu sein, der mit dem Degen in der Hand angetreten war.

Aus den Augenwinkeln bemerkte d'Artagnan eine Bewegung und sprang hastig einen Schritt zur Seite, während er gleichzeitig seine Klinge hochriss. Augenblicke später erzitterte seine Klinge unter dem heftigem Hieb eines anderen Schwertes. Der Leutnant hatte nicht bemerkt, dass einer der blaugeschmückten Kämpfer seitlich auf ihn zugelaufen gekommen war und ihn nun attackierte.

Mit einem Fluch auf den Lippen stieß d'Artagnan die andere Klinge zurück und duckte sich unter dem nächsten Schlag, Er hatte verdammt noch mal keine Zeit, sich mit diesem Mann zu balgen! Hastig sah sich der Leutnant um. In seiner Nähe standen Jussac und Cahussac, der eine mit einer Axt bewaffnet, der andere mit einem Morgenstern und kämpften gegen zwei andere Gegner.

Die nächste Attacke gegen d'Artagnan folgte und dieses Mal machte der Leutnant gar nicht erst den Versuch, sie mit seinem Degen aufzufangen. Der Schlag des viel schwereren Schwertes hätte seine Klinge ohnehin unweigerlich beiseite gedrängt. Stattdessen trat er eilig zwei weitere Schritte beiseite und rückte dadurch mehr in die Nähe der beiden Gardisten des Kardinals. Jussac trieb seinen Gegner schon vor sich her, bald würde er sich ihm entledigt haben, Cahussac hielt sich auch noch standhaft gegen seinen Angreifer.

D'Artagnan hätte seinen Degen in diesem Moment gerne eingetauscht gegen eine stabilere Waffe, doch auch diese Klinge hatte ihre Vorteile gegenüber einem Schwert: Er konnte den viel leichteren Degen schneller zum Einsatz bringen. Bevor der Blaue zu einem weiteren, schwungvollem Schlag ausholen konnte, hatte der Leutnant schon einen Ausfall angedeutet, was seinen Gegner überhastet reagieren ließ, indem er stolpernd zurückwich.

Doch statt nachzusetzen, warf der Leutnant nur einen kurzen Blick zur Seite. Jussac triumphierte gerade über seinen Kontrahenten und schickte ihn mit einem Stoß des Axtstiels in dessen Magen derart zu Boden, dass sein Angreifer keuchend liegen blieb. Das war der richtige Moment! Ohne zu zögern trat d'Artagnan so vor Jussac, dass der Gardist zwischen ihm und dem Gegner des Leutnants stand. Unvermittelt war der Musketier so frei von dem Blauen, während Jussac einen neuen Gegner gefunden hatte.

D'Artagnan überließ es dem Gardisten und dem Blauen, diesen Kampf allein auszutragen, er selbst wirbelte auf dem Absatz herum und überquerte den Turnierplatz wieder auf der Suche nach einer bestimmten Klinge. Die Schlacht hatte sich noch um keinen Deut verlagert, mal wichen die Roten, dann wieder die Blauen zurück. Noch standen, bis auf Jussacs ersten Gegner, alle Soldaten und fochten ihre Duelle aus.

Die Schlacht zeichnete sich durch ein Zentrum und die Ränder ab und der Leutnant lief nun weiter ins Getümmel in der Mitte. Er hatte etwas aufblitzen sehen, eine Klinge, die feiner war, als die übrigen Schwerter, und sie schien noch nach einem würdigem Gegner zu suchen, denn sie rang nicht mit einer anderen Waffe. Dieser Degen lag ruhig in der Hand seines Besitzers, der gelassen den Turnierplatz absuchte nach einem Kontrahenten, der ebenfalls wie er selbst, nicht in ein Duell verwickelt war.

D'Artagnan war heran und der Mann, der eine blaue Armbinde trug - von gleicher Farbe wie die Kordel, die am Griff seines Degens baumelte - wandte sich zu ihm um, als der Leutnant angriff.

*~*~*~*

Mehr als überrascht fing Athos die Attacke auf, die so ungestüm gegen ihn geführt wurde und erkannte in seinem Angreifer nur Augenblicke später d'Artagnan wieder. Bevor der Graf jedoch seiner Verwunderung irgendwie Ausdruck verleihen konnte, musste er schon den nächsten Hieb seines Freundes gegen ihn parieren und mehr aus einer lange einstudierten Bewegung, als wirklich gewollt konterte Athos nun selbst mit einem Stoß.

D'Artagnan wich dem Schlag aus und setzte zu einem weiteren Angriff an, den Athos mühelos abwehrte und mit einer schnellen Folge aus Hieben und Stichen erwiderte. Anscheinend sollte hier ein vor langer Zeit ausgemachtes Duell am Karmeliterinnen Kloster noch einmal ausgefochten werden und der Graf stellte zufrieden fest, dass er keinen besseren Gegner in diesem Turnier hätte finden können. Seine Angriffe wurden pariert und d'Artagnan gab sich nicht eine Blöße, wie es schon viele andere Gegner unter den Angriffen des Grafen getan hätten.

Zwar wunderte es Athos nicht wenig, warum d'Artagnan nun ebenfalls an dieser Schlacht teilnahm, da er zuvor nicht sehr begeistert von dem Gedanken an Ritterspiele im allgemeinen gewesen war, aber der Graf musste auch anerkennen, dass dieses Duell hier nicht so leicht entschieden sein würde. Jetzt wurde die Schlacht interessant.

Er schwang ein weiteres Mal Camberts herrliche Klinge und sie sirrte in der Luft, bevor sie mit einem hellen Klang auf d'Artagnans Degen traf. Für einen Moment gelang es Athos, die Waffe des Leutnants zu binden, der recht beeindruckt von dem anderen Degen zu sein schien und ihn sekundenlang musterte. Dann jedoch befreite er umso entschlossener seine Klinge und setzte wieder Athos zu.

Der Graf ließ seinen Freund angreifen und parierte die Schläge nur. Er kannte d'Artagnans Fechtstil gut, sehr gut sogar, doch heute schien es der Leutnant auf eine andere Weise zu versuchen zu wollen, seinen Gegner zu besiegen. Mit jedem Hieb studierte Athos seinen Kontrahenten und schließlich meinte er, eine Taktik zu erkennen. Mehrmals hätte d'Artagnan die Möglichkeit gehabt, direkte Angriffe zu führen, vielleicht sogar Athos' Deckung zu durchbrechen. Doch er beschränkte sich lediglich darauf, die andere Klinge nur kurz zu berühren, beinahe nur zu streifen und mit seiner eigenen Waffe einen Schlag anzubringen, der dem Grafen vielleicht den Degen aus der Hand gerissen hätte.

Athos schüttelte innerlich den Kopf. Sein Freund würde auf diese Weise nicht gegen ihn gewinnen können, dazu hielt der Graf seine Waffe zu sicher in der Hand. Das Spielchen könnte ewig so weitergehen, aber Athos beschloss nun, d'Artagnan zu mehr Leistung zu reizen. Es sollte sich doch zeigen können, wer mit mehr Geschick und Können am Ende gewann und der Graf wusste, dass sein Freund zu sehr viel mehr fähig war.

Athos gab seine rein defensive Haltung auf und machte nun seinerseits einen Ausfall nach dem anderen. Er zwang d'Artagnan dazu, sich mehr auf die eigene Verteidigung zu konzentrieren und forderte ihn heraus, jede Möglichkeit zu nutzen, selbst anzugreifen, sonst würde der Leutnant schon bald verloren haben.

Doch Athos musste nach einigen Attacken feststellen, dass d'Artagnan die Schlänge zwar parierte, aber es vermied, allzu heftig einen Gegenangriff zu führen. Jetzt begann der Leutnant sogar langsam zurückzuweichen, obwohl es nicht nötig gewesen wäre.

Der Graf erhaschte einen raschen Blick zu den Seiten. Sein Freund und er befanden sich im Zentrum der Schlacht, es gab bald nicht mehr viele Möglichkeiten für d'Artagnan, irgendwohin auszuweichen ohne in das Duell zweier anderer Männer zu stolpern.

Athos war so sehr in diesen Gedanken versunken, daß er für einen Augenblick unachtsam wurde. Dies entging d'Artagnan natürlich nicht, und er wußte diesen Vorteil auszunutzen. Zuerst setzte er eine Finte ein, auf die Athos in seiner Unachtsamkeit einging und holte dann zu einem direkten Angriff auf Athos' Brust aus. Dieser war durch die Finte dazu verleitet worden, nach links zu parieren, während d'Artagnan geradewegs in die Mitte zielte.
Athos erkannte seinen Fehler, als er d'Artagnans Degen nach vorne schnellen sah.
("Das Duell" von Louise)

Gerade rechtzeitig riss der Graf seine Klinge hoch und konnte den Hieb abwehren, nicht zuletzt deshalb, weil d'Artagnan - anscheinend selbst überrascht davon, Athos' sonst immer brillante Deckung aufgerissen zu haben - seine eigene Waffe noch in der Bewegung zur Seite lenkte und dabei fallen ließ. Der Stoß verfehlte knapp Athos' Brust und beide Duellanten hielten für einen Augenblick den Atem an, noch nicht völlig begreifend, wie haarscharf sie hier einem traurigem Ende entgangen waren.

Athos und d'Artagnan hatten ihren Kampf unterbrochen und standen sich nun ein wenig atemlos gegenüber. Langsam ließ der Graf seinen Degen sinken und d'Artagnan machte keine Bewegung, seine eigene Klinge aufzuheben. Leise, sodass seine Stimme vom allgemeinen Kampflärm um sie herum beinahe verschluckt wurde, meinte der Leutnant stattdessen: "Verzeiht, aber ich musste versuchen, Euch zu entwaffnen und habe Euch darum angegriffen..." Selbst in seinen eigenen Ohren klangen die Worte zusammenhangslos und darum setzte d'Artagnan nun umso nachdrücklicher hinzu: "Bitte, gib mir den Degen, Athos."

Die Eindringlichkeit mit der sein Freund sprach, ließ Athos zwar verwundert die Stirn runzeln, aber er zögerte keinen Augenblick, Camberts Klinge an d'Artagnan zu übergeben, der sie vorsichtig, fast behutsam entgegennahm. "Was ist mit der Waffe?" fragte Athos ebenso angespannt, wie der Leutnant eben noch gesprochen hatte.

D'Artagnan sah auf und schüttelte den Kopf. Athos verstand, der junge Mann wusste es selbst nicht recht oder wollte es ihm erst später sagen. Um sie herum tobte noch immer die Schlacht, mittlerweile schienen die Blauen die Oberhand zu gewinnen und die Roten zurückzudrängen. Es kümmerte die beiden Freunde nicht weiter, wie dieser Kampf wohl ausgehen mochte, für sie war er ausgestanden. Sie nickten sich zu.

Ohne ein weiteres Wort zu verschwenden liefen die beiden Musketiere los und entfernten sich vom Zentrum der Schlacht vor der Tribüne hin zum Ende des Platzes, wo nur wenige Zuschauer standen. D'Artagnan trug den Degen, Athos rannte voraus und wich dabei mehr als einmal in Duelle verwickelten Gegnern aus. Beinahe wäre er gestürzt, als ein Soldat mit blauer Binde von einem Hieb getroffen zurücktaumelte und dabei gegen den Grafen prallte. Doch Athos taumelte nur kurz und wurde gleich darauf von d'Artagnan am Arm gepackt, der seinen Freund im Laufen einfach mit sich zog und ihn erst losließ, als Athos wieder sicher auf den Beinen stand. Ohne Waffen konnten sie nicht länger hier bleiben und ohne jegliche Verteidigung war es in dieser unerbittlich geführtem Schlacht ratsamer, sich zurückzuziehen.

Für die nächsten paar Schritte blieben die beiden Musketiere auch unbehelligt von weiteren Attacken oder Zusammenstößen und näherten sich immer weiter dem Rande des Kampfplatzes. Doch dann schien ihr Glück sie zu verlassen.

Für die allmählich weiter vorrückenden und siegessicheren Soldaten auf der Seite der Blauen musste es so aussehen, als würde einer der ihren, Athos, von einem Mann mit roter Armbinde verfolgt werden. Feige verfolgt, denn ihr Kamerad trug augenscheinlich keine Waffe mehr und befand sich auf dem Weg zum Rande, sich in Sicherheit zu bringen. Die Zuschauer schienen das ähnlich zu sehen und es erhob sich ein unzufriedener Lärm in ihren Reihen, der die Aufmerksamkeit auch eines Blauen in der Nähe erregte, der sich gerade seines Feindes entledigt hatte, in dem er ihn mit einem Schlag seines Schwertgriffs ins Gesicht ins Reich der Träume geschickt hatte.

Durch die Zurufe der Menschen wurde dieser Soldat auf die beiden Flüchtenden aufmerksam und wie viele andere meinte auch er, eine unehrenhafte Verfolgungsjagd zu erkennen. Ohne zu zögern setzte er sich selbst in Bewegung und schwang dabei sein Breitschwert über den Kopf.

Athos hatte in der Zwischenzeit endlich die Grenze des Reitplatzes erreicht und wandte sich an der wimpelgeschmückten Absperrung, einem Zaun, zu d'Artagnan um, der einige Schritte zurückgefallen war, weil der Leutnant einem, zu dessen Gegner springendem Soldaten ausweichen musste, der d'Artagnan kurz zum Halten und zu einer leichten Richtungsänderung gezwungen hatte.

Dies verschaffte allerdings dem heranstürmendem Soldaten aus den Reihen der Blauen die Zeit, den Musketierleutnant einzuholen, der seinerseits noch nicht bemerkt zu haben schien, dass ihn jemand attackieren wollte und darum zu spät reagierte, als ein mit der stumpfen Breitseite geführter Hieb auf ihn niederging.

D'Artagnan gelang es noch, den Arm hochzureißen um sein Gesicht zu schützen, bevor ihn die Wucht des Aufpralls zu Boden riss und ihm der Degen aus der Hand geschleudert wurde. Heißer Schmerz flammte in seinem Arm auf und für einen Moment wurde dem Leutnant schwarz vor Augen. Über ihm holte sein Angreifer bereits zu einem neuen, nicht tödlichen, aber trotzdem wirkungsvollem Schlag aus.

Doch als die Klinge niedersauste, verfehlte sie ihr Ziel. Athos hatte d'Artagnan und seinen Gegner erreicht, im Lauf noch Camberts Degen aufgehoben und damit die Attacke aufgehalten, bevor sie den Leutnant treffen konnte. Reichlich verdutzt blickte der Angreifer nun seinen vermeintlichen Kameraden, dem er doch eigentlich hatte helfen wollen, an und ließ sein Schwert sinken. D'Artagnan setzte sich auf und wandte sich zu seinem Freund um. Sofort erkannte er den Grund, weshalb der Blaue die Freunde nicht weiter bedrängte.

Ein weiterer Kampf kam einfach nicht in Frage. Camberts Degen war bei der Parade zerbrochen, doch die Klinge hatte sich nicht sauber an einer Bruchstelle abgetrennt - das Metall musste schon vorher brüchig gewesen sein, doch die Waffe was so gut gearbeitet gewesen, dass es Athos im Zelt nicht aufgefallen war und die Hiebe eines anderen Degens, d'Artagnans Waffe, hatten die Klinge nicht brechen können. Dazu war mindestens ein Breitschwert nötig gewesen.

Nun war der Degen regelrecht zersplittert. Einige der scharfkantigen Bruchstücke waren weit geflogen, man sah es an vereinzelten Zuschauern, die erschrocken von den Metallstücken zurückwichen, die in ihrer Nähe gelandet waren. Nicht auszudenken, was geschehen wäre, hätte sich dieses Ereignis inmitten der Schlacht, unmittelbar vor der Tribüne ereignet!

Doch zum Glück hatte der Aufprall, der die Klinge wie Glas auseinander platzen ließ, die meisten der spitzen Geschosse mit Wucht in den Sandboden des Turnierplatzes getrieben. Kein Splitter schien einen Menschen getroffen zu haben, keinen Zuschauern, keinen Soldaten - Bis auf das größte Bruchstück, der Klingenspitze, die sich tief in die Seite des Grafen gebohrt hatte.

Einen Moment sah Athos verdutzt auf das Stück Metall, das ihm aus den Rippen ragte und ganz harmlos wirkte, dann jedoch taumelte der Musketier langsam zurück. Seine Beine gaben unter ihm nach und er brach zusammen. Mit einem erschrockenem Aufschrei sprang d'Artagnan auf die Füße und achtete nicht mehr auf das, was hinter ihm geschah.

Die Schlacht war beendet und wie es abzusehen gewesen war, hatten die Männer mit den blauen Armbinden gewonnen. Die Roten verließen soeben den Platz, während sich der König erhoben hatte und lobende Worte für die Sieger fand. Niemand kümmerte sich um das, was am Rande des Turnierfeldes geschah. Die Zuschauer erholten sich von ihrem Schrecken und wandten sich den Feierlichkeiten vorne bei der Tribüne zu. Der Soldat mit dem blauen Stück Stoff wirbelte herum und lief nach vorne, wahrscheinlich, um Hilfe zu holen.

Einzig ein junger Mann mit roter Armbinde blieb zurück und erkannte, was sich wirklich zugetragen hatte - dass alle verloren hatten.

D'Artagnan näherte sich dem verwundeten Athos langsam und betrachtete ihn nachdenklich. Der Musketier war noch jung: bestimmt keinen Tag älter als dreißig Jahre. Überdies war er von außergewöhnlicher Schönheit. Er war sehr schlank und nicht sonderlich groß - das war vermutlich auch der Grund, warum er dem tödlichen Stoß [von vorhin] so geschickt hatte entgehen können - doch von sehr ebenmäßiger, gut gebauter Statur. Lockiges, blondes Haar fiel ihm auf die geraden Schultern hinab. - D'Artagnan schrak zusammen, als der verletzte Musketier leise stöhnte. Er kniete neben ihm nieder und nahm die Wunde in Augenschein. Die Klinge war tief eingedrungen, d'Artagnan befürchtete, daß sie bis in die Brust vorgestoßen war. Ohne Versorgung hing das Leben dieses Musketiers an einem seidenen Faden, der jeden Moment zu zerreißen drohte.
("Die Rue Férou" von Silvia)

Der Leutnant konnte nicht fassen, was er sah. Der sonst in jedem Duell überlegene Graf, der stolze, aufrechte Athos, der edelmütigste Mann, der je gelebt hatte - war gefallen. Vorsichtig schob d'Artagnan eine Hand unter den Kopf seines Freundes und hob ihn leicht an. "Verzeiht, verzeiht mir...", brachte er mit erstickter Stimme hervor und machte sich nicht die Mühe, seine Tränen wegzuwischen, die ihm langsam über die Wangen liefen.

Athos war nicht bewusstlos, schwach öffnete er die Augenlieder und fand die Kraft für ein verzerrtes Lächeln. "Mein... Sohn...", sagte er leise, fast tonlos, bevor seine Stimme erstarb. Die Lippen des Grafen bewegten sich stumm, doch d'Artagnan konnte nichts verstehen.

Der Leutnant griff nach der Hand des Grafen und mit einer letzten, verzweifelten Hoffnung bemerkte d'Artagnan, wie sein leichter Druck erwidert wurde. "Du darfst nicht sprechen, Athos. Spare deine Kraft, Hilfe wird schon bald hier eintreffen. Und Morgen werden wir den Sieg feiern...", flüsterte der Gascogner seinem Freund zu.

Athos blinzelte langsam und für einen furchtbaren Moment glaubte d'Artagnan, der Graf würde die Augen nicht wieder öffnen. Doch dann sah Athos seinen Freund wieder an und schien seine letzte Kraft zu sammeln. "Ja...", gab er mit einem leisen Lächeln zurück. Dann ließ der Druck seiner Hand nach und seine Augen erloschen...

*~*~*~*

Einige Stunden später...

Es war seine Schuld! Seine verfluchte Schuld, dass Athos Tod war! Er hätte diesen verdammten Degen gleich wegwerfen sollen, er hätte als erster Laufen sollen, er hätte den Angreifer früher bemerken müssen, er hätte die Armbinde abreißen sollen, er hätte an diesem Turnier niemals teilnehmen dürfen! Er hatte seinen Freund durch seine Dummheit... ermordet.

D'Artagnan barg das Gesicht in den Händen. Es war ein Unfall gewesen, doch warum fühlte es sich an, wie Mord? Für alle hatte es so ausgesehen, als hätte ein Soldat mit roter Armbinde einen Gegner mit blauem Band, der unbewaffnet und wehrlos war, bis an den Rande des Platzes verfolgt. Bis dem Blauen ein Kamerad zur Hilfe eilte, doch da war es bereits geschehen gewesen.

Natürlich glaubten Aramis und Porthos nicht, dass d'Artagnan ihren Freund absichtlich getötet hatte. Aber warum hatte der Leutnant auf der Seite des Kardinals diese Schlacht bestritten und sich gezielt Athos als Gegner ausgesucht? Warum hatte er ihm den Degen abgenommen, die einzige Verteidigung des Grafen?

D'Artagnan hatte nicht die Worte gefunden, seinen Freunden zu erzählen, wie es so gekommen war. Er hatte selbst noch nicht recht begriffen, was überhaupt geschehen war. Er erinnerte sich nur noch dunkel daran, dass irgendwann, während er Athos noch in den Armen hielt und das Blut des Grafen langsam den Sand um ihn herum dunkel färbte, Hilfe gekommen war - zu spät. Man hatte Athos auf einer Bahre weggetragen für einen winzigen Moment hoffte d'Artagnan, alles sei nur ein Irrtum, sein Freund würde jeden Moment aufwachen.

Irgendwann war er aufgestanden - oder hatte man ihn hochgezogen? - und war zurück zum Zelt hinter der Tribüne geführt worden. Eine Menge Fragen hatte man ihm gestellt, er hatte keine beantworten können. Irgendwann sprach Monsieur de Tréville ein Machtwort. Eine Suspendierung. Sie verschaffte d'Artagnan Zeit, die er nicht bei den Fragestellern verbringen musste.

Die Festspiele waren weitergegangen, als sei nichts geschehen. Im Grunde war auch nichts geschehen, durch Athos' Opfer war schlimmeres verhindert worden. Was für eine Ironie! D'Artagnan konnte sich nichts schlimmeres vorstellen, als für den Tod seines Freundes verantwortlich zu sein.

Langsam ließ der Leutnant die Hände sinken und schüttelte den Kopf. Was sollte nun werden? Darüber konnte er jetzt nicht nachdenken. Aber ein letztes konnte er mit seiner geschenkten Zeit noch tun: Seinem Freund die letzte Ehre erweisen und Wache an seinem Totenbett halten...

D'Artagnan wandte sich von der Tribüne ab und überließ den Schatten den Turnierplatz.

*~*~*~*

Wenige Minuten, nachdem d'Artagnan den Ort des Unglücks verlassen hatte, rüttelte eine Hand unsanft an der Schulter des Grafen de Rochefort. Der Stallmeister hatte sich in einem der Zelte, die nun verwaist auf der Rückseite der Tribüne lagen endlich zur Ruhe gelegt und ließ sich auch jetzt nur ungern wecken. Der Schlaf war zumindest eine Ausflucht gewesen, für einige süße Stunden nicht mehr an die letzten Ereignisse denken zu müssen.

Doch anscheinend wollte irgendjemand Rochefort diese Ruhe nicht gönnen und wiederholte sein Rütteln umso nachdrücklicher. "Wacht auf, Graf!" befahl nun auch noch eine herrische Stimme, die der Stallmeister schneller wiedererkannte, als es ihm lieb war. Ohne sich aufzusetzen oder auch nur die Augen zu öffnen, sagte er: "Kommt Morgen wieder, Monsieur. Ich will, ich muss schlafen!"

"Wenn Ihr auch morgen noch so friedlich schlafen wollt, dann solltet Ihr jetzt für wenigstens eine Stunde oder zwei wach sein", erwiderte die Stimme gereizt und Rochefort hielt diese Drohung nicht bloß für übertrieben. Manchmal sollte man sich nicht mit einem überaus zornig klingendem Hauptmann der Musketiere anlegen...

"Also gut." Der Stallmeister schlug nun doch die Augen auf und schwang die Füße von der Bahre, die ihm bisher als Nachtlager gedient hatte. "Wie kann ich Euch helfen, Monsieur de Tréville?"

Der Hauptmann lächelte humorlos und trat einen Schritt zurück. "Gehen wir spazieren." Ohne eine Antwort abzuwarten, wandte sich Tréville um und verließ das Zelt. Einen Augenblick lang war Rochefort versucht, sich einfach wieder hinzulegen, entschied sich dann jedoch dagegen. Dieser Gascogner würde nicht locker lassen, ehe er seinen Willen bekommen hatte. Also stand der Stallmeister auf, streckte sich ausgiebig und trat dann hinaus in die kühle Nacht. Vor dem Eingang wartete Tréville und nickte Rochefort nun zu, vorauszugehen.

"Wohin?" fragte der Stallmeister leicht verschlafen und fand dies alles äußerst lästig. Gut, der Hauptmann hatte heute einen seiner Männer verloren und wie es schien, durch einen Unfall, an dem sein Leutnant beteiligt war. Vielleicht war Rochefort nicht ganz unschuldig daran, also beschloss der Graf, sich heute eine etwas ruppigere Behandlung gefallen zu lassen, wenn er dann nur irgendeine Nacht wieder ruhig schlafen konnte.

"Wäre der Turnierplatz für den Anfang ein lohnendes Ziel?" gab Tréville spitz zurück.

Rochefort zuckte gleichgültig mit den Achseln und marschierte los. Der Hauptmann schloss zu ihm auf und ging neben dem Grafen her. Schweigend überquerten sie die Absperrung vor dem Platz und dem Stallmeister war klar, wohin der Weg führen würde. Nicht in ein unnützes Duell, sondern geradewegs zum Rande des Platzes, wo mit ein wenig Erde ein blutroter Fleck verscharrt worden war.

Tatsächlich erreichten die beiden Männer bald den Ort, den wahrscheinlich keiner von ihnen gern aufsuchte. Sie blieben stehen und nach einer weiteren Minute des Schweigens, in der jeder seinen eigenen, trüben Gedanken nachhing, meinte Tréville schließlich. "Hier ist heute ein guter, ein edler Mensch gefallen."

"Ja", gab Rochefort leise zurück und schämte sich nicht, dass seine Stimme nicht so fest klang, wie sonst üblich. Auch dem Hauptmann schien dies nicht zu entgehen und wesentlich freundlicher als noch zuvor, auch selbst noch von den Ereignissen erschüttert, fragte er nun: "Wollt Ihr mir berichten, wie es dazu gekommen ist? Ihr müsst etwas wissen, Ihr wart es, der meinen Leutnant davon überzeugt hat, an diesem Turnier teilzunehmen."

Der Stallmeister nickte langsam. Und dann erzählte er, was er wusste. Angefangen bei seiner Audienz mit dem Kardinal, was er von Jussac hörte, wie er d'Artagnan überzeugt hatte, am Turnier teilzunehmen. Wie er zum Kardinalspalais zurückgekehrt war, um den Haftbefehl zu verhindern und einen anderen Vorschlag zu machen. Wie er von dem Degen erfahren hatte und was er den Leutnant der Musketiere bat, zu tun. "Für einen Moment, als Athos auf dem Turnierplatz erschien mit dem gesuchten Degen in der Hand, da dachte ich tatsächlich, er wäre der Mann, den ich dingfest machen sollte..." Schließlich beendete Rochefort seinen Bericht und war froh um die Dunkelheit der Nacht, die sein Gesicht vor Tréville verbarg.

"Ich danke Euch", meinte der Hauptmann nach einigen Momenten schließlich und schweigend gingen die Männer zurück zu dem Zelt, in dem Rochefort eben noch geschlafen hatte und es auch jetzt gern wieder getan hätte, wenn er nicht gewusst hätte, dass er nun kein Auge mehr zumachen würde. Vor dem Eingang blieb er stehen und sah in den Nachthimmel hinauf. Dunkle Wolken verdeckten Mond und Sterne. Morgen würde es sicher Regen geben und die Spuren, welche die Festlichkeiten auf den Äckern hinterlassen hatten, fortspülen.

"Was davon war nun Zufall, was Schicksal und was tatsächlich geplant?" Sinnierte der Graf laut. "Wir werden es vielleicht nie erfahren, allein eine höhere Macht weiß die Antworten... Wer schuldig war, und wer nicht", gähnte er hinter vorgehaltener Hand, hauptsächlich, um das Zittern seiner Stimme zu überspielen.

"Ventredieu! Kommt mir nicht mit der Philosophie, Rochefort, darauf versteht Ihr Euch ohnehin nur bedingt… Außerdem wolltet Ihr schlafen." - "Nun… vielleicht." gestand Rochefort, der spürte, daß seine Augen wieder zufallen wollten. "Aber denkt daran, daß wir in Saint-Rémy eine Messe für Monsieur de la Fère lesen lassen… So viel hat er trotz allem verdient." - "Das hat er", bestätigte Tréville mit einem betrübten Nicken, "und ich muß gestehen, daß mir davor graut, auf dem Rückweg nach Paris in La Fère die Nachricht von seinem Ableben überbringen zu müssen… [...]" - "Was geschehen ist, war weder Eure noch meine Schuld", erwiderte Rochefort fest, "folglich werden wir uns nicht schämen müssen, seinen Angehörigen mitzuteilen, was vorgefallen ist… Angenehm wird es dennoch nicht werden, aber wir werden es schon durchstehen… Schlimmer als die letzten Wochen kann es keinesfalls werden…" - "Das wohl nicht", sagte Tréville mit einem freudlosen Lachen, "aber schlimm genug."
("Das Geheimnis von Les Baux" von Maike)

Eine ganze Weile sagte der Hauptmann nichts mehr. Doch schließlich räusperte er sich und schien aus seinen eigenen Gedanken ins Hier und Jetzt zurückzukehren. "Vieles von dem was Ihr sagt, erscheint mir merkwürdig. Die beiden Gardisten haben an diesem Morgen... Athos provoziert. Mit Absicht, nehme ich an. Doch sie konnten nicht wissen, dass dieser Musketier an den Ritterspielen teilnehmen würde. Und doch scheint es, als hätten sie sehr bewusst Athos ausgewählt, um ihn zu einem Duell herauszufordern."

Rochefort runzelte leicht die Stirn. "Was, wenn sie es doch wussten?"

"Was hätte ihnen das für einen Vorteil gebracht? Zwar sagt Ihr, Ihr hättet vor d'Artagnan behauptet, diese beiden Gardisten sollten am Turnier teilnehmen, doch das war offensichtlich nicht der Fall - und sie hatten auch keinerlei Auftrag, Widersacher zu schwächen. Oder irre ich mich da?"

"Nein, ich glaube nicht, dass es darum ging... Aber was..." Rochefort schüttelte kurz den Kopf und versuchte sich an dem Schleier aus Müdigkeit und Schuldbewusstsein vorbei zu konzentrieren. "Was, wenn sie es wussten - und ihre einzige Absicht darin bestand, Athos' Degen zu brechen?"

"Athos' Degen zu brechen, damit er sich beim Zeugmeister eine schlechtere Klinge holte... Nun, dadurch wäre vielleicht ein Vorteil für alle anderen Teilnehmer gewonnen gewesen", überlegte Tréville.

"Das sicherlich", fuhr Rochefort, sehr viel wacher als zuvor fort. "Aber Athos hat nicht mit dieser schlechten Klinge gefochten, sondern mit einer... außergewöhnlichen Waffe. Sie war sehr auffällig - und sie war ein Werkzeug, wie ich noch rechtzeitig erfuhr, um d'Artagnan davon in Kenntnis zu setzen. Aber woher hatte Athos diese Waffe? Er war sicherlich nicht der Verbrecher, den ich gesucht habe. Nein... er hat sich die Klinge geliehen. Und jetzt ist auch offensichtlich, weshalb sein eigener Degen zuvor zerbrechen musste!"

"Damit ihm der Mann, den Ihr auf diesem Turnier tatsächlich gesucht habt, einen Degen leihen konnte, der wie Glas unter dem Hieb eines Schwertes splitterte und die Bruchstücke unkontrolliert in alle Richtungen flogen", vollende Tréville. "Wir hätten nur darauf achten müssen, welcher Teilnehmer das Zelt nach dem Turnier ohne seinen Degen verließ. Jetzt ist es zu spät..."

Wie schon d'Artagnan zuvor wurde nun auch dem Stallmeister und dem Hauptmann die Ironie der Ereignisse bewusst. "Vielleicht nicht ganz zu spät", meinte Rochefort dann jedoch langsam. "Irgendwer muss etwas gesehen haben. Wir werden den wahren Mörder finden!" schloss der Stallmeister. Er fühlte sich nicht besser durch diese Worte und auch Tréville wusste, dass eine späte Verhaftung Athos nicht wieder lebendig machen würde.

Aber so bekam der Tod des Grafen vielleicht mehr Sinn - und vielleicht fanden durch die Suche nach einem Mörder die Musketiere ihre Entschlossenheit und ihren Mut wieder, die sie seit heute Nachmittag verloren zu haben schienen. Besonders Cambert war, neben Aramis, Porthos und d'Artagnan, erschüttert gewesen. Er hatte mit seinen Kameraden und für Athos auf der Seite der blauen Armbinden gewonnen und sich mit seinem Spieß mehr als tapfer, sogar sehr geschickt geschlagen. Cambert hatte die Gegner auf Distanz gehalten und sie angegriffen, ohne dass sie ihrerseits ihn erreichen konnten...

ENDE

Anmerkung 2

:
Hallo, da bin ich nochmal. Und ich trau mich's kaum zu fragen, aber: Wie war's?
An dieser Stelle möchte ich allen "Spendern" für ihre Leseproben danken, die ich hier verwenden durfte. Es hat richtig Spaß gemacht, die Stücke aus den Geschichten in einen neuen Kontext einzuarbeiten.
Danken möchte ich auch meinen Meerschweinchen, sie haben sich alle Ideen geduldig angehört und sich durch noch so große Verrücktheiten nicht die Laune verderben lassen. *g*
Gleichzeitig möchte ich mich bei den Athos-Fans entschuldigen, was ich ihrem Liebling angetan habe und hoffe, man wird mir verzeihen. Leider sind Athos' letzte drei Worte nicht sonderlich bedeutungsvoll, aber bis auf "aua, autsch, ohweh!" ist mir auch keine passende Alternative eingefallen.
Ebenso ein großes Sorry an die Rochefort-Fans für den etwas übermüdeten Stallmeister.
Entschuldigen möchte ich mich auch für diverse Formulierungen, die vielleicht unpassend, weil etwas flapsig, gewirkt haben könnten. Entschuldigung auch an Doro und Ath, deren Kapitel hierfür zwei Tage bei mir liegen bleiben mussten...
Der Satz, den ich aus der Leseprobe "Das Geheimnis von Les Baux" von Maike herausnehmen musste, lautet: "Ich werde seinem Sohn nicht in die Augen sehen können" - Ich wusste beim besten Willen nicht, wie ich DAS erklären sollte. *g*
Ich weiß nicht, ob es ein Metall gib, das man als Klinge verwenden kann und dass bei einem schweren Schlag in tausend Teile zerspringt. Ich weiß auch nicht, wie solche Ritterturniere genau ablaufen. Noch dazu weiß ich nicht immer etwas mit Rechtschreibung und Grammatik anzufangen. Im Grunde habe ich von nichts eine Ahnung gehabt und einfach alle Löcher mit viel "Narrativum" ausgestopft. Manches ging auch nicht anders, sonst hätte es mit den Leseproben nicht mehr gepasst.
Ich hoffe sehr, die Geschichte war trotzdem in sich stimmig und ich habe die Herausforderung zu Silvias Zufriedenheit erfüllen können. ;)

Viele Grüße,
Maren